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SUDKURIER

2. JAHRGANG • TAGBLATT FÜR BODENSEE • SCHWARZWALD UND DAS OBERE DONAUGEBIET • NUMMER96

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Fünf Friedensvertragsentwürfe vorgelegt

Meinungsverschiedenheiten über das Abstimmungsverfahren

Paris . Bei der bereits gemeldeten Eröff­nung der Pariser Friedenskonferenz hieß der französische Ministerpräsident Bidault die Delegierten im Namen Frankreichs will­kommen. Bidauit erklärte, daß zum zweiten­mal in 30 Jahren die Vertreter der Regie­rungen der Welt in Frankreich zusammen­gekommen seien, um über den Frieden zu beraten. Zum zweitenmale befindet sich Frankreich in der vordersten Front der Na­tionen dis für die Demokratie kämpfen.

Nach der Eröffnungsansprache ergriff Außenminister Byrnes das Wort und be­tonte, daß die Ursache für das Scheitern von Versailles , darin zu suchen sei, daß zwei Großmächte, nämlich die Vereinigten Staaten und Rußland sich nicht an der Durchführung der Friedensverträge beteiligt hätten. Heute sei das anders. Alle demo­kratischen Nationen nehmen an der De­batte teil.

Nachdem Byrnes noch gefordert hatte, daß die Diskussionen während der Konfe­renz der Weltöffentlichkeit durch die Presse zugänglich gemacht werden, wurde auf Vor­schlag von Byrnes Ministerpräsident Bidault zum vorläufigen Präsidenten der Pariser Konferenz gewählt Zum Generalsekretär der Konferenz wurde Jaques du Parc ge­wählt.

Die Dien6tagsitzung der Pariser Konferenz begann am Spätnachmittag. Der amerikani­ sche Außenminister Byrnes ergriff als erster da« Wort und erklärte: „Wir dürfen Mei­nungsverschiedenheiten niemals als endgül­tig betrachten, sondern wir müssen solange Zusammenarbeiten, bis wir eine befriedi­gende Lösung gefunden haben. Anschlie­ßend sprach der britische Premierminister Attlee und der Leiter der chinesischen Dele­gation Außenminister Wang-chi-chie. Der sowjetische Außenminister Molotow war -bei der 2. Vollsitzung der Friedenskonfe­renz am Dienstag nicht anwesend. An seiner Stelle nahm der stellvertretende Außenmini­ster Wyschinski teil.

Die von der Pariser Außenministerkon­ferenz für die Friedenskonferenz aufge­

stellten Verfahrensregeln waren Gegen­stand der Besprechungen in der Ge­schäftsordnungskommission. Unter dgpi Vorsitz Spaaks schlug der jugoslawische Delegierte Mosa Piyada als Erster vor, die Verfahrensregeln, die bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit vorsehen, einer genauen Prüfung zu unterziehen. Der hol­ländische Außenminister van Boetzelaer und der australische Außenminister Her­ bert Evatt kritisierten ebenfalls die Regel der Zweidrittelmehrheit. Die Rolle, die die mittleren und kleinen Nationen nach der Meinung der Großmächte zu spielen hät­ten, entspräche nicht den Opfern und Be­mühungen dieser Staaten während des Krieges.

Molotow verteidigte den Standpunkt der Außenministerkonferenz und fragte, war­um eine Mehrheit von elf zu zehn mehr vorstellen solle, als eine Mehrheit von 14 gegen 7. Er schloß mit der Auffor­derung, jeden Versuch eines „Abstim­mungsspiels”, das das Prestige der Konfe­renz untergraben könnte, zurückzuweisen. *

Paris . Die am Dienstagabend veröffent­lichten 5 Friedensvertragsentwürfe stellen die grundlegenden Dokumente der Pariser Friedenskonferenz dar. Sie sind das Ergeb­nis einjähriger Arbeit der Außenminister der 4 Großmächte in dem Versuch, durch gemeinsame Uebereinstimmung eine ge­rechte Friedensregelung, für Italien , Rumä­ nien , Bulgarien , Ungarn und Finnland zu erreichen, die an der Seite Hitlerdeutsch­lands kämpften.

Die Außenminister der 4 Großmächte ie- gen die 5 Entwürfe nun der Konferenz der 21 Nationen vor, die diese nach eingehender Erörterung dem Außenministerrat zur end­gültigen Unterzeichnung zurückgeben wer­den. Die Konferenz wird sich mit den Ent­würfen in ihrer Gesamtheit befassen. Jeder Delegierte hat jedoch das Recht, Einwände gegen eine bestimmte Klausel vorzubringen oder Abänderungsvorschläge zu machen, gleichgültig ob die „Großen Vier" sich be-

Die französische Anklage

Verhandlung gegen die NS - Organisationen hat begonnen

Nürnberg . Am vergangenen Montag ergriff zunächst der französische Hauptan­kläger Champetier de Ribes das Wort. Er erklärte einleitend, daß die Bedeutung des Prozesses vor allem in der historischen Wahrhaftigkeit liege. Der Geschichtsschrei­ber der Zukunft werde erfahren, wie das Werk einer zweitausendjährigen Kultur durch eine neue grausamere Form antiker Barbarei beinahe vernichtet worden sei. Unter Verletzung der primitivsten Kriegs- xegeln seien durch das Geiselsystem allein in Frankreich 24 000 Menschen ermordet worden. Die Beweisaufnahme habe ergeben, daß die Angeklagten diese Tatsache nicht leugnen, jedoch versuchen, die Verantwor­tung auf andere abzuschieben. „Sie hät­ten vielleicht, wenn sie dem Willen Hitlers nicht folgten, ihr Leben verwirkt, aber sie hätten zum mindesten ihre Ehre bewahrt.

Anschließend trat der stellvertretende französische Hauptankläger Charles Dübost en das Rednerpult Er betonte u. a. einlei­tend, daß Gemeinheit und Verschlagenheit die Wegbereiter von Intrigen waren, die während gewisser Phasen dieses Prozesses an che kleinen Höfe der italienischen Re­naissance erinnerten. Auch dort gab es al­les bis zum Mord.

Das Kernstück des französischen Plä­doyers bildete die Zusammenfassung der Ergebnisse, die aus der Beweisführung ge­gen die einzelnen Angeklagten resultieren.

Dubost schloß mit den Worten: An Ihnen, meine Herren Richter, ist es nun, in der Stille Ihrer Beratung den Ruf nach Gerecfa- ' tigkeit für das unschuldig vergossene Blut tu hören.

Der russische Ankläger Rudenko stellte in seiner Anklagerede fest, daß nicht eine einzige der von der Anklage erhobenen Anschuldigungen unbewiesen geblieben sei Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit säßen Nationen über Leuten zu Gericht, die große Teile der bewohnten Erde mit Blut überschwemmt, Millionen un­schuldiger Menschen umgebracht und ein ausgeklügeltes Tortursystem erfunden hät­ten. Der Gerichtshof werde eineT „Bande von Verbrechern” nicht gestatten, straflos die Versklavung ganzer Völker und die Vernichtung ganzer Rassen geplant und durchgeführt zu haben. General Rudenko beantragte zum Schluß die Todesstrafe für alle Angeklagten, die er als Männer ohne Ehre und Gewissen bezeichnete.

Ein neuer Abschnitt

Nürnberg . Seit dem 30. Juli hat im

i. Nürnberger Kriegsverbredierprozeß ein " neuer Abschnitt begonnen: die Verhand- lung übei die als verbrecherisch angeklag- l ten NS-Organisationen. Nach der Charta de« Internationalen Gerichtshofes sind die

SA , die SS mit dem Sicherheitsdienst, das Reichskabinett, das Korps der Politischen Leiter, das OKW mit dem Generalstab und die Gestapo angeklagt, in ihrer Gesamtheit an der Verschwörung der Nazis zur Vor­bereitung und Durchführung des Angriffs­krieges sowie an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Kriegsrecht teil­genommen zu haben Dies bedeutet jedoch nicht eine Anklage gegen die einzelnen Mitglieder dieser Organisationen. Daher sind auch ihre Mitglieder, die jetzt und in den kommenden Wochen als Zeugen für den typischen Charakter einer jeden Gruppe aussagen sollen, nicht Angeklagte, zum Unterschied von den 21 Hauptkriegsverbre­chern, die. obgleich auch sie als Zeugen vernommen wurden, gleichzeitig angeklagt sind. Die fünf Zeugen, die bisher für die als erste genannte Organisation des „Korps der Politischen Leiter" vernommen wurden, waren bemüht, den Einfluß der Politischen Leiter bei der Verhetzung zu bezeichnen und ihre Mitarbeit an der Vorbereitung de6 Angriffskrieges abzustreiten.

Berufung Wagners abgelehnt

Straßburg . Der Kassations-Gerichts­hof hat die vom früheren Gauleiter des El­ saß , Wagner, von Röhn, Gädecke und Schuppei eingelegte Berufung abgelehnt. Andererseits hat er das Todesurteil gegen den früheren Kreisleiter Grüner, der der Ermordung von drei englischen Fliegern an­geklagt war, aufgehoben.

Der ehemalige Kreisleiter Mülhausens , A. P. Murer, ist ins Mülhausener Gefängnis eingeliefert worden. Murer, ein ehemaliger Deputierter und Autonomist, war von den Deutschen 1944 zum Kreisleiter Mülhau­ sens eingesetzt worden. Kurz vor der Be­freiung des Elsaß gelang ihm die Flucht Er konnte jetzt von den Amerikanern fest­genommen werden.

Sühne für Neue-Bremme

Baden-Baden . Die 14 am 7. Juni dieses Jahres vom Obersten Französischen Militärgericht in Rastatt zum Tode verur­teilten ehemaligen Angehörigen des La­gerpersonals des KZ’s Neue-Bremme wur­den am Dienstag um 6 Uhr morgens durch Erschießen hingerichtet, da das Gnaden­gesuch der Verurteilten abgelehnt worden ist — Den Verurteilten Schmoll, Peter Weiß, Quinten, Drokur, Kunkel, Fries, Baron, Fegulski, Weertz, Hometz, Wey­land, Groß, Buchs und Arnold waren Kriegsverbrechen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Totschlag, Körper­verletzung, Diebstahl, sowie Beteiligung an Diebstahl und Hehlerei nachgewiesen worden.

reits darüber geeinigt haben, oder ob ihr Inhalt noch strittig ist Naturgemäß richtet sich die Hauptaufmerksamkeit auf jene Klauseln, über die noch keine Ueberein­stimmung erzielt wurde. Die wichtigsten dieser offenstehenden Punkte sind:

1. Die Klauseln zur Donaufrage in den Entwürfen für die 3 Balkanstaaten. Die Sowjetunion vertritt hierbei die Auffassung, daß das Donauproblem nicht in den Frie- densverträgen geregelt werden kann, son­dern von den Donau -Anliegerstaaten selbst gelöst werden muß. Sie widersetzt sich da­her einer Einbeziehung bestimmter Klauseln zur Donaufrage in die Balkanverträge. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien an­dererseits versuchen gemeinsam, den betref­fenden Verträgen Bestimmungen beizufügen, durch die allen Nationen das Schiffahrts­recht auf der Donau und ihren schiffbaren Nebenflüssen garantiert wird. Großbritan­ nien schlägt zusätzlich vor, 6 Monate nach Inkrafttreten der Friedensverträge eine Son­derkonferenz der an dem Donauproblem in­teressierten Mächte einzuberufen.

2. Die wirtschaftlichen Klauseln der Balkanverträge. Die Vereinigten Staa­ ten bestehen hier auf der Einfügung von Be­stimmungen, die den Alliierten Nationen entsprechende Entschädigung für ihre in Rumänien , Bulgarien und Ungarn erlittenen Eigentumsverluste zusichem sollen. Der amerikanische Vorschlag wird von Großbri­ tannien und Frankreich unterstützt. Die So­ wjetunion dagegen wünscht, daß die in Frage kommenden Alliierten Staaten nur mit % des tatsächlichen Verlustwertes ent­schädigt werden sollen.

3. Die Klauseln im italienischen Friedens­vertragsentwurf über die Festlegung der neuen Grenzen Italiens . Die Ver­einigten Staaten haben neuerdings einen ins einzelne gehenden Plan für die künftige italienisch-jugoslawische Grenzlinie sowie für die Grenze der Triester Zone einge­bracht. Eine Diskussion über diese amerika­ nischen Vorschläge hat noch nicht stattge­funden.

4. Die Klauseln des italienischen Ver­tragsentwurfes über die Frage des alliier- ten Eigentums in Italien . Auch hier tritt Amerika für die Einfügung ent­sprechender Entschädigungsbestimmungen ein. Die Sowjetunion widersetzt sich diesem Antrag mit der gleichen Begründung wie im Falle der Balkanstaaten und befürwortet nur eine K-Wiedergutmachung in italieni­scher Währung.

5. Eine Klausel, die als Grundlage zur

Beilegung irgendwelcher Me inungsver- schiedenheiten dienen könnte, die sich möglicherweise aus der Anwendung oder Auslegung der Bestimmungen des ita­ lienischen Friedensvertragsentwurfes erge­ben könnten.

6. Die Klausel über den Ersatz des Scha­dens, welcher der rumänischen Oe 1- industrie des Krieges zugefügt wurde. Großbritannien 6chlug hierzu eine Bestim­mung vor, die besagt: „Die vollständige Wiederherstellung und der Ersatz beschädig­ten oder zerstörten Eigentums von Staats­angehörigen einer der Vereinten Nationen , die an der rumänischen Oelindustrie betei­ligt sind, sollen vordringlich vor der Wie­derherstellung und dem Ersatz anderen Ei­gentums in der rumänischen Oelindustrie behandelt werden. Falls diese Bestimmung innerhalb eines Jahres nicht durchgeführt werden sollte, verpflichtet «ich die rumäni­sche Regierung, den Schätzungswert dieses Eigentums in umsetzbarer Währung zu zah­len." Die Vereinigten Staaten und die So­ wjetunion stehen dagegen auf dem Stand­punkt, daß diese Frage durch die allgemei­nen Klauseln über die Wiederherstellung al­liierten Eigentums in Rumänien geregelt sei und sehen keinen Grund, irgendwelche be­sonderen Bestimmungen über die Oelindu- strie in die Verträge aufzunehmen.

Festvorstellung in der Oper

Paris. 3000 Gäste aus allen Teilen der Welt versammelten sich Mittwoch abend im Pariser Opernhaus, um dem Ballett bei­zuwohnen, das die französische Regierung für die Delegierten bei der Friedenskonfe­renz und Mitgliedern des diplomatischen Korps veranstaltete.

Ein fast vorkriegsmäßiger Glanz lag über den Räumen der Oper. Fast alle Herren waren im Frack und viele Damen in Abend­kleidern nach der letzten Pariser Mode er­schienen. In den Pausen bewirtete der französische Ministerpräsident Georges Bi­ dault 200 der bedeutendsten Gäste mit einem Büfett hinter der Bühne.

Rom zum Friedensvertrag

Rom . In der letzten Sitzung des italieni­ schen Ministerrats verlas Ministerpräsident de Gasperi den Entwurf zum Friedensver­trag mit Italien . Die Minister waren ein­mütig der Auffassung, daß dieser Vertrag der Mitkriegsführung Italiens und seinem wesentlichen Anteil am Kampf gegen Deutschland nicht Rechnung trage. Der Ministerpräsident erklärte, die italienische Delegation, von ihm geleitet, werde an der Friedenskonferenz besonders auf die Un­möglichkeit der wirtschaftlichen Klauseln hinweisen und aufzeigen, daß sie die wirt­schaftliche Stabilität des Landes gefährden.

Wirtschaftseinheit zweier Zonen

Großbritannien nimmt das amerikanische Angebot an

London . Staatsminister Nöel Baker gab im Unterhaus bekannt, daß die wirt­schaftliche Einheit der britischen und ameri­ kanischen Besetzungszone Deutschlands her­gestellt werden wird. — Baker erklärte, die britische Regierung habe sich entschlossen, das amerikanische Angebot zur wirtschaft­lichen Zusammenarbeit mit der amerikani­ schen und den übrigen Besetzungszonen Deutschlands grundsätzlich anzunehmen. Britische Beamte seien beauftragt worden, sich mit den zuständigen amerikanischen Stellen in Verbindung zu setzen, um die Er­richtung einer gemeinsamen Verwaltung für Landwirtschaft, Handel, Industrie und Fi­nanzwesen in beiden Zonen zu diskutieren.

Hynd vor dem Unterhaus

London . Die im März festgesetzte Ka­pazität der deutschen Industrie innerhalb der britischen Zone wird jetzt heraufge­setzt werden, erklärte der britische Staats­ministei Hynd, im englischen Unterhaus.

Der Zusammenschluß der britischen mit der amerikanischen Zone werde nach An sicht des britischen Ministers für beide Part­ner große Vorteile mit sich bringen. Die bri­tische Zone sei reicher an Kohlen und die amerikanische reicher an Lebensmitteln. Auf diese Weise würden sich beide ergänzen. Minister Hynd erklärte abschließend zu dieser Frage, es müßten mehr Lebensmittel in die britische Zone eingeführt werden, doch könne Großbritannien allein nicht die Verantwortung für die augenblickliche Lage übernehmen. Zu den Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung der britischen Be­setzungszone trete das Problem der Unter­bringung der großen Anzahl Ansgewiesener aus Polen .

Freier Güteraustausch als Ziel

Washington . „Wir hoffen, daß durch die geplante Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen und britischen Besetzungs­zone ein freier Güteraustausch über die Zo­nengrenze hinweg möglich wird", erklärte der Staatssekretär für Besatzungsangelegen­heiten im amerikanischen Außenministerium, John Hilklring. Man hoffe, das Transport­wesen und Verwaltung beider Zonen als eine Einheit behandelt werden könnten. Gegenwärtig schätze er die amerikanischen

Besatzungskosten in Deutschland auf rund 200 Millionen Dollar jährlich, wovon der größte Teil für Lebensmittelimporte aufge­wendet werden müßte.

Der sowjetische Vertreter im Alliierten Kontrollrat, Sokolovsky, erklärte nach Be­kanntgabe der britischen Stellungnahme, die Sowjetunion betrachte den anglo-amerika - nischen Plan zur Herstellung einer deut­ schen Wirtschaftseinheit als eine unkluge Maßnahme, durch die Deutschland geteilt, statt geeint würde. Er schlug vor, daß eine aus Vertretern der 4 Mächte bestehende Un­tersuchungskommission die ganze Frage prüfen und dabei besonderen Nachdruck auf die Schaffung von Erleichterungen für den interzonalen Handel, Transport und Reisen legen soll.

Unwetter in Bayern München

. Große Flur- und Gebäude­schäden richtete ein in verschiedenen bay­rischen Gebieten auftretender orkanarti­ger Wirbelsturm an. Freising wurde von einem wolkenbruchartigen Regen heimge­sucht. Die unteren Stadtteile wurden da­bei völlig unter Wasser gesetzt. Außerdem wurden Dächer abgedeckt, Bäume umge­rissen. Telegraphen- und Oberleitungs­maste zerbrochen.

Es wird damit gerechnet, daß die ge­samte Getreideernte im Freisinger Gebiet und in niederbayrischen Gegenden ver­nichtet ist.

Zwischen Fürstenfeldbruck und Lands­ berg am Lech vernichtete ein Unwetter bis zu 70 Prozent der Getreideernte und große Teile der Rüben und Grünfutterbe­stände. Durch den starken Sturm wurden zahlreiche Obstbäume entwurzelt und umfangreiche Schäden in den Wäldern verursacht.

Naturkatastrophe in der Türkei

Ankara . In den Landwirtschaftsgebie­ten von Amasia und Samsun in Nord- Anatolien verursachten schwere Wolken­brüche eine große Ueberschwemmungskata- strophe. 300 Personen wurden getötet, 500 verletzt. Beträchtliche Teile der Ernte sind durch diese Naturkatasrophe vernichtet worden.

Vorort der Demokratie

Von Dr. Carl Weichardt

Wenn über das seidige Blau des Sees eines Tages vom anderen Ufer viel rot­weiße Fahnen herüberwinkten, wie oft sind wir an solchem 1. August während der letz­ten Kriegsjahre auf der Rheinbrücke stehen­geblieben und haben versunken hinge­schaut! Wir wissen sogar von dem oder jenem, der dann in Konstanz eigens die Kreuzlinger Straße hinunter bis zur Zoll- und Grenzschranke gegangen ist, nur um zu sehen, wie drüben die lange Haupt­straße von einem einzigen Gebausch aus Rot und Weiß leuchtend erfüllt war. Viel­leicht hat er da still den Hut gezogen... Solche stumme Huldigung vor dem im ro­ten Felde schwebenden weißen Kreuz der Flagge der Schweiz konnte sogar im Dritten Reich nicht verboten werden.

Viel harte Worte sind zwischen hüben und drüben in den sechs Schreckensjahren gewechselt worden. Die Eidgenossen haben uns, in ihrer mittleren Presse wohl noch kräftiger als in der großen, mit aller urchigen Derbheit die Wahrheit gesagt. Ihnen wenigstens soweit, als es der Druck auf unsere Presse noch zuließ, in aller Freundschaft mit Ruhe zu antworten, wurde denen, die die Schweiz kannten und liebten, bald unmöglich gemacht, weil die repräsentativen Zeitungen der Eidgenossen­schaft, außer zu ein paar deutschen Grenz­blättern, fast nur noch in die Finger weni­ger abgestempelter Nazi-Redakteure ge­langten, auf deren blindes Drauflosschimp­fen der Meister im Lügen sich verlassen konnte. So führten Blödiane und Frech­linge das Hauptwort gegen die Schweiz , die ihnen zu allermeist ein böhmisches Dorf war.

Nein, haben wir am 1. August der ver­gangenen Jahre und auch heuer wieder zu den Fahnen jenseits des Sees und der Grenze mit einiger Sehnsucht hinüber­geschaut, so war es nicht — oder seien wir ehrlich: nur zum kleineren Teile — die Sehnsucht nach dem „irdischen Paradies", als welches schon vor drei Jahrhunderten, in jenem ersten Dreißigjährigen Krieg, ein Deutscher die Schweiz geschildert hat; was uns das Herz höher schlagen ließ, war und ist die bei vielen Deutschen nie ins Wan­ken geratene Hochachtung vor diesem Lande, diesem Vorort und Hort der echten Demokratie, es war und ist die Hoffnung, ja Gewißheit, wenn wi> bei der Schweiz in die Schule gingen, könnten auch wir endlich ein glückliches Volk werden. Die Erinne­rung an die erste schriftliche Aufzeichnung des Bündnisses der Waldstätte, der Ur- kantone, vom I. August 1291 begeht die Eidgenossenschaft (seit 1891) alljährlich in ihrer würdig-schlichten Bundesfeier. Man hat das Land daraufhin die älteste Demo­kratie genannt, und mit Recht, sofern man von den ganz anders unterbauten demo­kratischen Stadtstaaten und Republiken der Antike absieht. Die in die Alpen ein-' gewanderten Alemannen hatten einen un­bändigen Freiheits- und Selbständigkeits­drang über den Rhein mitgebracht und schufen alsbald echte Bauernrepubliken mit Landsgemeinden und Landammännern. Nur möge der oberflächliche Kenner der eid­genössischen Geschichte nicht meinen, die Schweiz habe seit nunmehr 655 Jahren in eitel demokratischem Glück dahingelebt. Auch sie mußte — und das mag uns Lehre und Trost sein — ein reichliches halbes Jahrtausend um ihre wahre Freiheit nach innen und außen kämpfen, mußte vor al­lem sich selber überwinden und beherr­schen lernen (was wir Deutschen bis heute oder gestern noch nie vermocht haben). Die äußeren Kämpfe und Kriege der Eidgenos­sen galten übrigens, man weiß es, ganz vor­wiegend dem habsburgischen Oesterreich, selten oder eigentlich nie dem Deutschen Reich, wenn ihre Folge auch 1499 die tat­sächliche und 1648 die formale Loslösung vom Reich gewesen ist. Der „Erbfeind" war für die junge Schweiz durch zwei Jahr­hunderte stets Oesterreich ; daran darf im­merhin erinnert werden, zumal Oesterreich noch wiederholt in der Geschichte eine Rolle gespielt hat, die es hinterher gern anderen zugeschoben hätte. Selbst die drohende Reichssteuer und der Schwäbische Bund bedeuteten den Schweizern vorwie­gend eine neue Gefahr und Verpflichtung, unter österreichische Herrschaft zurückkeh­ren zu müssen; darum kämpften 6ie ja so sieghaft im Schwäbischen Krieg und hätten beinahe auch — Konstanz „annektiert".

O ja, auch die Eidgenossen haben, ge­waltige Dreinschläger, die sie waren, ihren Siegesrausch, ihre Machtperiode gehabt, sie wurden, als sie die Hand auf Oberitalien legten, sogar eine Großmacht, aber nach der ehrenvollen Niederlage bei Marignano 1515 kam diese wunderbare Selbstbesin­nung über sie, daß sie darauf verzichteten, weiter in Welthändel sich zu mischen; die Idee der Neutralität stieg vor ihrem gei­stigen Auge aut — denn sie hatten Geist, Zwingli bewies es bald —, und schon ward das Land ein Asyl für fremde Flüchtlinge. Freilich, im Innern gab es noch Kämpfe genug, um die Religion und -r- um die Demokratie. Auch hier erwuchs eine Ari- , »tokratie, erhoben erbliche Geschlechter*