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SUDKURIER
2. JAHRGANG • TAGBLATT FÜR BODENSEE • SCHWARZWALD UND DAS OBERE DONAUGEBIET • NUMMER96
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Fünf Friedensvertragsentwürfe vorgelegt
Meinungsverschiedenheiten über das Abstimmungsverfahren
Paris . Bei der bereits gemeldeten Eröffnung der Pariser Friedenskonferenz hieß der französische Ministerpräsident Bidault die Delegierten im Namen Frankreichs willkommen. Bidauit erklärte, daß zum zweitenmal in 30 Jahren die Vertreter der Regierungen der Welt in Frankreich zusammengekommen seien, um über den Frieden zu beraten. Zum zweitenmale befindet sich Frankreich in der vordersten Front der Nationen dis für die Demokratie kämpfen.
Nach der Eröffnungsansprache ergriff Außenminister Byrnes das Wort und betonte, daß die Ursache für das Scheitern von Versailles , darin zu suchen sei, daß zwei Großmächte, nämlich die Vereinigten Staaten und Rußland sich nicht an der Durchführung der Friedensverträge beteiligt hätten. Heute sei das anders. Alle demokratischen Nationen nehmen an der Debatte teil.
Nachdem Byrnes noch gefordert hatte, daß die Diskussionen während der Konferenz der Weltöffentlichkeit durch die Presse zugänglich gemacht werden, wurde auf Vorschlag von Byrnes Ministerpräsident Bidault zum vorläufigen Präsidenten der Pariser Konferenz gewählt Zum Generalsekretär der Konferenz wurde Jaques du Parc gewählt.
Die Dien6tagsitzung der Pariser Konferenz begann am Spätnachmittag. Der amerikani sche Außenminister Byrnes ergriff als erster da« Wort und erklärte: „Wir dürfen Meinungsverschiedenheiten niemals als endgültig betrachten, sondern wir müssen solange Zusammenarbeiten, bis wir eine befriedigende Lösung gefunden haben. Anschließend sprach der britische Premierminister Attlee und der Leiter der chinesischen Delegation Außenminister Wang-chi-chie. Der sowjetische Außenminister Molotow war -bei der 2. Vollsitzung der Friedenskonferenz am Dienstag nicht anwesend. An seiner Stelle nahm der stellvertretende Außenminister Wyschinski teil.
Die von der Pariser Außenministerkonferenz für die Friedenskonferenz aufge
stellten Verfahrensregeln waren Gegenstand der Besprechungen in der Geschäftsordnungskommission. Unter dgpi Vorsitz Spaaks schlug der jugoslawische Delegierte Mosa Piyada als Erster vor, die Verfahrensregeln, die bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit vorsehen, einer genauen Prüfung zu unterziehen. Der holländische Außenminister van Boetzelaer und der australische Außenminister Her bert Evatt kritisierten ebenfalls die Regel der Zweidrittelmehrheit. Die Rolle, die die mittleren und kleinen Nationen nach der Meinung der Großmächte zu spielen hätten, entspräche nicht den Opfern und Bemühungen dieser Staaten während des Krieges.
Molotow verteidigte den Standpunkt der Außenministerkonferenz und fragte, warum eine Mehrheit von elf zu zehn mehr vorstellen solle, als eine Mehrheit von 14 gegen 7. Er schloß mit der Aufforderung, jeden Versuch eines „Abstimmungsspiels”, das das Prestige der Konferenz untergraben könnte, zurückzuweisen. *
Paris . Die am Dienstagabend veröffentlichten 5 Friedensvertragsentwürfe stellen die grundlegenden Dokumente der Pariser Friedenskonferenz dar. Sie sind das Ergebnis einjähriger Arbeit der Außenminister der 4 Großmächte in dem Versuch, durch gemeinsame Uebereinstimmung eine gerechte Friedensregelung, für Italien , Rumä nien , Bulgarien , Ungarn und Finnland zu erreichen, die an der Seite Hitlerdeutschlands kämpften.
Die Außenminister der 4 Großmächte ie- gen die 5 Entwürfe nun der Konferenz der 21 Nationen vor, die diese nach eingehender Erörterung dem Außenministerrat zur endgültigen Unterzeichnung zurückgeben werden. Die Konferenz wird sich mit den Entwürfen in ihrer Gesamtheit befassen. Jeder Delegierte hat jedoch das Recht, Einwände gegen eine bestimmte Klausel vorzubringen oder Abänderungsvorschläge zu machen, gleichgültig ob die „Großen Vier" sich be-
Nürnberg . Am vergangenen Montag ergriff zunächst der französische Hauptankläger Champetier de Ribes das Wort. Er erklärte einleitend, daß die Bedeutung des Prozesses vor allem in der historischen Wahrhaftigkeit liege. Der Geschichtsschreiber der Zukunft werde erfahren, wie das Werk einer zweitausendjährigen Kultur durch eine neue grausamere Form antiker Barbarei beinahe vernichtet worden sei. Unter Verletzung der primitivsten Kriegs- xegeln seien durch das Geiselsystem allein in Frankreich 24 000 Menschen ermordet worden. Die Beweisaufnahme habe ergeben, daß die Angeklagten diese Tatsache nicht leugnen, jedoch versuchen, die Verantwortung auf andere abzuschieben. „Sie hätten vielleicht, wenn sie dem Willen Hitlers nicht folgten, ihr Leben verwirkt, aber sie hätten zum mindesten ihre Ehre bewahrt.
Anschließend trat der stellvertretende französische Hauptankläger Charles Dübost en das Rednerpult Er betonte u. a. einleitend, daß Gemeinheit und Verschlagenheit die Wegbereiter von Intrigen waren, die während gewisser Phasen dieses Prozesses an che kleinen Höfe der italienischen Renaissance erinnerten. Auch dort gab es alles bis zum Mord.
Das Kernstück des französischen Plädoyers bildete die Zusammenfassung der Ergebnisse, die aus der Beweisführung gegen die einzelnen Angeklagten resultieren.
Dubost schloß mit den Worten: An Ihnen, meine Herren Richter, ist es nun, in der Stille Ihrer Beratung den Ruf nach Gerecfa- ' tigkeit für das unschuldig vergossene Blut tu hören.
Der russische Ankläger Rudenko stellte in seiner Anklagerede fest, daß nicht eine einzige der von der Anklage erhobenen Anschuldigungen unbewiesen geblieben sei Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit säßen Nationen über Leuten zu Gericht, die große Teile der bewohnten Erde mit Blut überschwemmt, Millionen unschuldiger Menschen umgebracht und ein ausgeklügeltes Tortursystem erfunden hätten. Der Gerichtshof werde eineT „Bande von Verbrechern” nicht gestatten, straflos die Versklavung ganzer Völker und die Vernichtung ganzer Rassen geplant und durchgeführt zu haben. General Rudenko beantragte zum Schluß die Todesstrafe für alle Angeklagten, die er als Männer ohne Ehre und Gewissen bezeichnete.
Ein neuer Abschnitt
Nürnberg . Seit dem 30. Juli hat im
i. Nürnberger Kriegsverbredierprozeß ein " neuer Abschnitt begonnen: die Verhand- lung übei die als verbrecherisch angeklag- l ten NS-Organisationen. Nach der Charta de« Internationalen Gerichtshofes sind die
SA , die SS mit dem Sicherheitsdienst, das Reichskabinett, das Korps der Politischen Leiter, das OKW mit dem Generalstab und die Gestapo angeklagt, in ihrer Gesamtheit an der Verschwörung der Nazis zur Vorbereitung und Durchführung des Angriffskrieges sowie an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Kriegsrecht teilgenommen zu haben Dies bedeutet jedoch nicht eine Anklage gegen die einzelnen Mitglieder dieser Organisationen. Daher sind auch ihre Mitglieder, die jetzt und in den kommenden Wochen als Zeugen für den typischen Charakter einer jeden Gruppe aussagen sollen, nicht Angeklagte, zum Unterschied von den 21 Hauptkriegsverbrechern, die. obgleich auch sie als Zeugen vernommen wurden, gleichzeitig angeklagt sind. Die fünf Zeugen, die bisher für die als erste genannte Organisation des „Korps der Politischen Leiter" vernommen wurden, waren bemüht, den Einfluß der Politischen Leiter bei der Verhetzung zu bezeichnen und ihre Mitarbeit an der Vorbereitung de6 Angriffskrieges abzustreiten.
Berufung Wagners abgelehnt
Straßburg . Der Kassations-Gerichtshof hat die vom früheren Gauleiter des El saß , Wagner, von Röhn, Gädecke und Schuppei eingelegte Berufung abgelehnt. Andererseits hat er das Todesurteil gegen den früheren Kreisleiter Grüner, der der Ermordung von drei englischen Fliegern angeklagt war, aufgehoben.
Der ehemalige Kreisleiter Mülhausens , A. P. Murer, ist ins Mülhausener Gefängnis eingeliefert worden. Murer, ein ehemaliger Deputierter und Autonomist, war von den Deutschen 1944 zum Kreisleiter Mülhau sens eingesetzt worden. Kurz vor der Befreiung des Elsaß gelang ihm die Flucht Er konnte jetzt von den Amerikanern festgenommen werden.
Sühne für Neue-Bremme
Baden-Baden . Die 14 am 7. Juni dieses Jahres vom Obersten Französischen Militärgericht in Rastatt zum Tode verurteilten ehemaligen Angehörigen des Lagerpersonals des KZ’s Neue-Bremme wurden am Dienstag um 6 Uhr morgens durch Erschießen hingerichtet, da das Gnadengesuch der Verurteilten abgelehnt worden ist — Den Verurteilten Schmoll, Peter Weiß, Quinten, Drokur, Kunkel, Fries, Baron, Fegulski, Weertz, Hometz, Weyland, Groß, Buchs und Arnold waren Kriegsverbrechen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Totschlag, Körperverletzung, Diebstahl, sowie Beteiligung an Diebstahl und Hehlerei nachgewiesen worden.
reits darüber geeinigt haben, oder ob ihr Inhalt noch strittig ist Naturgemäß richtet sich die Hauptaufmerksamkeit auf jene Klauseln, über die noch keine Uebereinstimmung erzielt wurde. Die wichtigsten dieser offenstehenden Punkte sind:
1. Die Klauseln zur Donaufrage in den Entwürfen für die 3 Balkanstaaten. Die Sowjetunion vertritt hierbei die Auffassung, daß das Donauproblem nicht in den Frie- densverträgen geregelt werden kann, sondern von den Donau -Anliegerstaaten selbst gelöst werden muß. Sie widersetzt sich daher einer Einbeziehung bestimmter Klauseln zur Donaufrage in die Balkanverträge. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien andererseits versuchen gemeinsam, den betreffenden Verträgen Bestimmungen beizufügen, durch die allen Nationen das Schiffahrtsrecht auf der Donau und ihren schiffbaren Nebenflüssen garantiert wird. Großbritan nien schlägt zusätzlich vor, 6 Monate nach Inkrafttreten der Friedensverträge eine Sonderkonferenz der an dem Donauproblem interessierten Mächte einzuberufen.
2. Die wirtschaftlichen Klauseln der Balkanverträge. Die Vereinigten Staa ten bestehen hier auf der Einfügung von Bestimmungen, die den Alliierten Nationen entsprechende Entschädigung für ihre in Rumänien , Bulgarien und Ungarn erlittenen Eigentumsverluste zusichem sollen. Der amerikanische Vorschlag wird von Großbri tannien und Frankreich unterstützt. Die So wjetunion dagegen wünscht, daß die in Frage kommenden Alliierten Staaten nur mit % des tatsächlichen Verlustwertes entschädigt werden sollen.
3. Die Klauseln im italienischen Friedensvertragsentwurf über die Festlegung der neuen Grenzen Italiens . Die Vereinigten Staaten haben neuerdings einen ins einzelne gehenden Plan für die künftige italienisch-jugoslawische Grenzlinie sowie für die Grenze der Triester Zone eingebracht. Eine Diskussion über diese amerika nischen Vorschläge hat noch nicht stattgefunden.
4. Die Klauseln des italienischen Vertragsentwurfes über die Frage des alliier- ten Eigentums in Italien . Auch hier tritt Amerika für die Einfügung entsprechender Entschädigungsbestimmungen ein. Die Sowjetunion widersetzt sich diesem Antrag mit der gleichen Begründung wie im Falle der Balkanstaaten und befürwortet nur eine K-Wiedergutmachung in italienischer Währung.
5. Eine Klausel, die als Grundlage zur
Beilegung irgendwelcher Me inungsver- schiedenheiten dienen könnte, die sich möglicherweise aus der Anwendung oder Auslegung der Bestimmungen des ita lienischen Friedensvertragsentwurfes ergeben könnten.
6. Die Klausel über den Ersatz des Schadens, welcher der rumänischen Oe 1- industrie des Krieges zugefügt wurde. Großbritannien 6chlug hierzu eine Bestimmung vor, die besagt: „Die vollständige Wiederherstellung und der Ersatz beschädigten oder zerstörten Eigentums von Staatsangehörigen einer der Vereinten Nationen , die an der rumänischen Oelindustrie beteiligt sind, sollen vordringlich vor der Wiederherstellung und dem Ersatz anderen Eigentums in der rumänischen Oelindustrie behandelt werden. Falls diese Bestimmung innerhalb eines Jahres nicht durchgeführt werden sollte, verpflichtet «ich die rumänische Regierung, den Schätzungswert dieses Eigentums in umsetzbarer Währung zu zahlen." Die Vereinigten Staaten und die So wjetunion stehen dagegen auf dem Standpunkt, daß diese Frage durch die allgemeinen Klauseln über die Wiederherstellung alliierten Eigentums in Rumänien geregelt sei und sehen keinen Grund, irgendwelche besonderen Bestimmungen über die Oelindu- strie in die Verträge aufzunehmen.
Festvorstellung in der Oper
Paris. 3000 Gäste aus allen Teilen der Welt versammelten sich Mittwoch abend im Pariser Opernhaus, um dem Ballett beizuwohnen, das die französische Regierung für die Delegierten bei der Friedenskonferenz und Mitgliedern des diplomatischen Korps veranstaltete.
Ein fast vorkriegsmäßiger Glanz lag über den Räumen der Oper. Fast alle Herren waren im Frack und viele Damen in Abendkleidern nach der letzten Pariser Mode erschienen. In den Pausen bewirtete der französische Ministerpräsident Georges Bi dault 200 der bedeutendsten Gäste mit einem Büfett hinter der Bühne.
Rom . In der letzten Sitzung des italieni schen Ministerrats verlas Ministerpräsident de Gasperi den Entwurf zum Friedensvertrag mit Italien . Die Minister waren einmütig der Auffassung, daß dieser Vertrag der Mitkriegsführung Italiens und seinem wesentlichen Anteil am Kampf gegen Deutschland nicht Rechnung trage. Der Ministerpräsident erklärte, die italienische Delegation, von ihm geleitet, werde an der Friedenskonferenz besonders auf die Unmöglichkeit der wirtschaftlichen Klauseln hinweisen und aufzeigen, daß sie die wirtschaftliche Stabilität des Landes gefährden.
London . Staatsminister Nöel Baker gab im Unterhaus bekannt, daß die wirtschaftliche Einheit der britischen und ameri kanischen Besetzungszone Deutschlands hergestellt werden wird. — Baker erklärte, die britische Regierung habe sich entschlossen, das amerikanische Angebot zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der amerikani schen und den übrigen Besetzungszonen Deutschlands grundsätzlich anzunehmen. Britische Beamte seien beauftragt worden, sich mit den zuständigen amerikanischen Stellen in Verbindung zu setzen, um die Errichtung einer gemeinsamen Verwaltung für Landwirtschaft, Handel, Industrie und Finanzwesen in beiden Zonen zu diskutieren.
Hynd vor dem Unterhaus
London . Die im März festgesetzte Kapazität der deutschen Industrie innerhalb der britischen Zone wird jetzt heraufgesetzt werden, erklärte der britische Staatsministei Hynd, im englischen Unterhaus.
Der Zusammenschluß der britischen mit der amerikanischen Zone werde nach An sicht des britischen Ministers für beide Partner große Vorteile mit sich bringen. Die britische Zone sei reicher an Kohlen und die amerikanische reicher an Lebensmitteln. Auf diese Weise würden sich beide ergänzen. Minister Hynd erklärte abschließend zu dieser Frage, es müßten mehr Lebensmittel in die britische Zone eingeführt werden, doch könne Großbritannien allein nicht die Verantwortung für die augenblickliche Lage übernehmen. Zu den Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung der britischen Besetzungszone trete das Problem der Unterbringung der großen Anzahl Ansgewiesener aus Polen .
Freier Güteraustausch als Ziel
Washington . „Wir hoffen, daß durch die geplante Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen und britischen Besetzungszone ein freier Güteraustausch über die Zonengrenze hinweg möglich wird", erklärte der Staatssekretär für Besatzungsangelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, John Hilklring. Man hoffe, das Transportwesen und Verwaltung beider Zonen als eine Einheit behandelt werden könnten. Gegenwärtig schätze er die amerikanischen
Besatzungskosten in Deutschland auf rund 200 Millionen Dollar jährlich, wovon der größte Teil für Lebensmittelimporte aufgewendet werden müßte.
Der sowjetische Vertreter im Alliierten Kontrollrat, Sokolovsky, erklärte nach Bekanntgabe der britischen Stellungnahme, die Sowjetunion betrachte den anglo-amerika - nischen Plan zur Herstellung einer deut schen Wirtschaftseinheit als eine unkluge Maßnahme, durch die Deutschland geteilt, statt geeint würde. Er schlug vor, daß eine aus Vertretern der 4 Mächte bestehende Untersuchungskommission die ganze Frage prüfen und dabei besonderen Nachdruck auf die Schaffung von Erleichterungen für den interzonalen Handel, Transport und Reisen legen soll.
. Große Flur- und Gebäudeschäden richtete ein in verschiedenen bayrischen Gebieten auftretender orkanartiger Wirbelsturm an. Freising wurde von einem wolkenbruchartigen Regen heimgesucht. Die unteren Stadtteile wurden dabei völlig unter Wasser gesetzt. Außerdem wurden Dächer abgedeckt, Bäume umgerissen. Telegraphen- und Oberleitungsmaste zerbrochen.
Es wird damit gerechnet, daß die gesamte Getreideernte im Freisinger Gebiet und in niederbayrischen Gegenden vernichtet ist.
Zwischen Fürstenfeldbruck und Lands berg am Lech vernichtete ein Unwetter bis zu 70 Prozent der Getreideernte und große Teile der Rüben und Grünfutterbestände. Durch den starken Sturm wurden zahlreiche Obstbäume entwurzelt und umfangreiche Schäden in den Wäldern verursacht.
Naturkatastrophe in der Türkei
Ankara . In den Landwirtschaftsgebieten von Amasia und Samsun in Nord- Anatolien verursachten schwere Wolkenbrüche eine große Ueberschwemmungskata- strophe. 300 Personen wurden getötet, 500 verletzt. Beträchtliche Teile der Ernte sind durch diese Naturkatasrophe vernichtet worden.
Vorort der Demokratie
Von Dr. Carl Weichardt
Wenn über das seidige Blau des Sees eines Tages vom anderen Ufer viel rotweiße Fahnen herüberwinkten, wie oft sind wir an solchem 1. August während der letzten Kriegsjahre auf der Rheinbrücke stehengeblieben und haben versunken hingeschaut! Wir wissen sogar von dem oder jenem, der dann in Konstanz eigens die Kreuzlinger Straße hinunter bis zur Zoll- und Grenzschranke gegangen ist, nur um zu sehen, wie drüben die lange Hauptstraße von einem einzigen Gebausch aus Rot und Weiß leuchtend erfüllt war. Vielleicht hat er da still den Hut gezogen... Solche stumme Huldigung vor dem im roten Felde schwebenden weißen Kreuz der Flagge der Schweiz konnte sogar im Dritten Reich nicht verboten werden.
Viel harte Worte sind zwischen hüben und drüben in den sechs Schreckensjahren gewechselt worden. Die Eidgenossen haben uns, in ihrer mittleren Presse wohl noch kräftiger als in der großen, mit aller urchigen Derbheit die Wahrheit gesagt. Ihnen wenigstens soweit, als es der Druck auf unsere Presse noch zuließ, in aller Freundschaft mit Ruhe zu antworten, wurde denen, die die Schweiz kannten und liebten, bald unmöglich gemacht, weil die repräsentativen Zeitungen der Eidgenossenschaft, außer zu ein paar deutschen Grenzblättern, fast nur noch in die Finger weniger abgestempelter Nazi-Redakteure gelangten, auf deren blindes Drauflosschimpfen der Meister im Lügen sich verlassen konnte. So führten Blödiane und Frechlinge das Hauptwort gegen die Schweiz , die ihnen zu allermeist ein böhmisches Dorf war.
Nein, haben wir am 1. August der vergangenen Jahre und auch heuer wieder zu den Fahnen jenseits des Sees und der Grenze mit einiger Sehnsucht hinübergeschaut, so war es nicht — oder seien wir ehrlich: nur zum kleineren Teile — die Sehnsucht nach dem „irdischen Paradies", als welches schon vor drei Jahrhunderten, in jenem ersten Dreißigjährigen Krieg, ein Deutscher die Schweiz geschildert hat; was uns das Herz höher schlagen ließ, war und ist die bei vielen Deutschen nie ins Wanken geratene Hochachtung vor diesem Lande, diesem Vorort und Hort der echten Demokratie, es war und ist die Hoffnung, ja Gewißheit, wenn wi> bei der Schweiz in die Schule gingen, könnten auch wir endlich ein glückliches Volk werden. Die Erinnerung an die erste schriftliche Aufzeichnung des Bündnisses der Waldstätte, der Ur- kantone, vom I. August 1291 begeht die Eidgenossenschaft (seit 1891) alljährlich in ihrer würdig-schlichten Bundesfeier. Man hat das Land daraufhin die älteste Demokratie genannt, und mit Recht, sofern man von den ganz anders unterbauten demokratischen Stadtstaaten und Republiken der Antike absieht. Die in die Alpen ein-' gewanderten Alemannen hatten einen unbändigen Freiheits- und Selbständigkeitsdrang über den Rhein mitgebracht und schufen alsbald echte Bauernrepubliken mit Landsgemeinden und Landammännern. Nur möge der oberflächliche Kenner der eidgenössischen Geschichte nicht meinen, die Schweiz habe seit nunmehr 655 Jahren in eitel demokratischem Glück dahingelebt. Auch sie mußte — und das mag uns Lehre und Trost sein — ein reichliches halbes Jahrtausend um ihre wahre Freiheit nach innen und außen kämpfen, mußte vor allem sich selber überwinden und beherrschen lernen (was wir Deutschen bis heute oder gestern noch nie vermocht haben). Die äußeren Kämpfe und Kriege der Eidgenossen galten übrigens, man weiß es, ganz vorwiegend dem habsburgischen Oesterreich, selten oder eigentlich nie dem Deutschen Reich, wenn ihre Folge auch 1499 die tatsächliche und 1648 die formale Loslösung vom Reich gewesen ist. Der „Erbfeind" war für die junge Schweiz durch zwei Jahrhunderte stets Oesterreich ; daran darf immerhin erinnert werden, zumal Oesterreich noch wiederholt in der Geschichte eine Rolle gespielt hat, die es hinterher gern anderen zugeschoben hätte. Selbst die drohende Reichssteuer und der Schwäbische Bund bedeuteten den Schweizern vorwiegend eine neue Gefahr und Verpflichtung, unter österreichische Herrschaft zurückkehren zu müssen; darum kämpften 6ie ja so sieghaft im Schwäbischen Krieg und hätten beinahe auch — Konstanz „annektiert".
O ja, auch die Eidgenossen haben, gewaltige Dreinschläger, die sie waren, ihren Siegesrausch, ihre Machtperiode gehabt, sie wurden, als sie die Hand auf Oberitalien legten, sogar eine Großmacht, aber nach der ehrenvollen Niederlage bei Marignano 1515 kam diese wunderbare Selbstbesinnung über sie, daß sie darauf verzichteten, weiter in Welthändel sich zu mischen; die Idee der Neutralität stieg vor ihrem geistigen Auge aut — denn sie hatten Geist, Zwingli bewies es bald —, und schon ward das Land ein Asyl für fremde Flüchtlinge. Freilich, im Innern gab es noch Kämpfe genug, um die Religion und -r- um die Demokratie. Auch hier erwuchs eine Ari- , »tokratie, erhoben erbliche Geschlechter*