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SUDKURIER
2. JAHRGANG • TAGBLATT FÜR BODENSEE • SCHWARZWALD UND DAS OBERE DONAUGEBIET • NUMMER 128
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Berlinf r Spiegel
Telegramm unseres Berliner A.G. - Korrespondenten
Berlin . Die Situation in der Ostzone wird bestimmt von dem Zusammentritt der im Oktober gewählten Landtage der fünf Länder und Provinzen und dem damit beginnenden parlamentarischen Leben. Am Freitag findet die erste Sitzung des Landtags der Provinz Brandenburg in Potsdam statt. Die ersten Aufgaben aller fünf Landtage ist die Aufstellung der Haushaltspläne uhd die Ausarbeitung einer Verfassung. Vorher ist noch die Gültigkeit der Oktoberwahlen zu klären, wo die CDU und LDP in einer großen Anzahl von Kreisen nicht zugelassen waren. Die CDU will Nachwahlen in diesen Kreisen verlangen, während die LDP eine Ungültigkeitserklärung und eine Gesamtneuwahl fordern will. Die russische Besatzungsmacht sucht einen Kompromiß zu erreichen, indem durch Niederlegung einer bestimmten Zahl von SED -Mandaten für eine entsprechende Anzahl CDU - und LDP-Abgeordneter Sitze freigemacht werden.
Mit als Folge des Beginns des parlamentarischen Lebens in der Ostzone wird die zunehmende Bereitschaft Rußlands *u Vereinbarungen mit den Westmächten über eine Regelung der Reparationen angesehen. Es besteht der allgemeine Ein- dru^', daß die Gespräche über Deutsch land leben dem offiziellen Teil, der Erörterung des Arbeitsplanes für die kommende Friedenskonferenz ,auch einen inoffiziellen, sehr realen Inhalt haben. Das ergibt sich daraus, daß die amerikanische Presse in zunehmendem Maße Kombinationen mit sehr konkreten Zahlenangaben über die bevorstehende Regelung der Reparationsfrage veröffentlicht .wobei offenbar ein Ausgleich zwischen den politischen und wirtschaftlichen Fragen einer deut schen Vereinheitlichung einerseits und den russischen Reparationsansprüchen andererseits gesucht wird. Der russisch -englische Austauschverkehr von Weizen für die britische Besatzungszone gegen Stahl für die Fabriken der Ostzone wird damit' ln Zusammenhang gebracht.
Wieder Vollversammlung der UNO Columbien
, Syrien und Belgien nichtständige Mitglieder des Sicherheitsrates
New York . Die Vollversammlung der UNO war am vergangenen Dienstag erneut zusammengetreten. In seiner Begrüßungsansprache bezeichnete der Präsident Paul Spaak die Aufnahme der neuen Mitglieder Schweden , Afghanistan , Island als einen Meilenstein in der Geschichte der Verein ten Nationen . Nachdem die Delegierten dieser drei Länder ihren Dank für die Aufnahme ausgesprochen hatten, nahmen sie ihre Plätze ein.
Anschließend wurden Columbien, Syrien und Belgien zu nichtständigen Mitgliedern deg Weltsicherheitsrates gewählt. Die Staaten treten an die Stelle von Holland , Aegyp ten und Mexiko , die als nichtständige Mitglieder wieder aus dem Sicherheitsrat au »- scheiden.
Aegypten hatte eine Resolution über die Aechtung religiöser und rassischer Verfolgung und Diskriminierung eingebracht, die von der Vollversammlung anschließend diskutiert wurde. Diese Resolution wurde, da alle Länder zustimmten, einstimmig angenommen.
Die Vollversammlung nahm außerdem einstimmig eine Entschließung an, die dem Sicherheitsrat empfiehlt, die Aufnahmegesuche Albaniens , der Mongolei , Transjordaniens und Portugals in die UNO erneut zu überprüfen. Außerdem wurden eine Reihe von verwaltungstechnischen Tagespunkten einstimmig angenommen.
Der sowjetische Außenminister Molotow unterbreitete am Mittwoch dem politischen Ausschuß der Vollversammlung der UNO einen Vorschlag für die Zurückziehung alliierter Truppen aus Nichtfeindstaaten. Nach diesem Vorschlag soll die Vollversammlung dem Sicherheitsrat empfehlen, von allen Mitgliedsstaaten innerhalb eines Monats eine Erklärung über die' in Nichtfeindstaaten st*} änderten Truppen zu fordern Die Erklärungen sollen Angaben darüber enthalten, in welchen Nichtfeindstaaten und in welchem Umfange sich Truppen von Mitgliedstaa-
Zur neuen deutschen Verfassung
Verschiedene Auffassungen werden von den Großen Vier diskutiert werden
Paris . In ihrem Leitartikel befaßt sich die konservative Pariser Zeitung „Le Monde “ mit dem von der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands kürzlich veröffentlichten Verfassungsentwurf. Dieses Projekt sehe die Errichtung einer deutschen Republik vor, die nur eine Kammer habe. „Le Monde “ sieht in diesem Entwurf die Wiederaufnahme hitlerischer Tendenzen. Die Länder, wie sie darin vorgesehen seien, entsprächen ziemlich genau den nationalsozialistischen Gauen. Die Durchführung dieser Verfassung würde zwangsläufig nach einer Uebergangspe- riode wieder zur Herrschaft einer Partei und damit zu einem totalitären Regime führen, was zwangsläufig eine Unterdrückung persönlicher und örtlicher Freiheiten mit sich bringen würde. Es sei verständlich, daß dieser Entwurf in den drei westlichen Zonen Deutschlands auf starken Widerstand stoße.
In der französischen Zone hätten die Wahlen zu den verfassungsgebenden Körperschaften eine christlich-demokratische Mehrheit erbracht; die von ihnen auszuarbeitenden Verfassungen würden nicht wesentlich von denen Bayerns , Hessens und Württemberg-Badens ' differieren. Diese Länderverfassungen — auch die von Bayern , das als das partikularistischste Land Deutschlands gelte — sehen die Vereinigung der Länder zu einem bundesstaatlichen demokratischen Deutschland vor. Von der sozialistischen Einheitspartei dagegen werde der entgegengesetzte Weg vorgeschlagen und die Frage, ob Deutsch land eine bundesstaatliche oder eine uni- taristische Verfassung erhalte, solle nach ihrer Auffassung einem Volksentscheid vorgelegt werden.
Der Standpunkt der Anglo-Amerikaner sehe die Errichtung eines aus den Vertretern der Länder bestehenden Nationalrates vor, der eine bundesstaatliche Verfassung ausarbeiten solle, während Frank reich jeden Versuch der Errichtung zentraler Verwaltungsstellen verhindern werde. Diese verschiedenen Auffassungen würden beim nächsten Treffen der Großen Vier zur Sprache kommen, und die zukünftige Verfassung Deutschlands sei einer der Hauptdiskussionsgegenstände zwischen Bevin, Bidault . Byrnes und Molotow.
Attentäter von Stuttgart festgenommen
Frankfurt a. - M. Als mutmaßlicher Anführer der Bande, welche die Bombenanschläge auf die Spruchkammern von Stuttgart und Backnang ausgeübt haben, wurde der 23jährige ehemalige SS-Major Kabne festgenommen. Kabus wurde bei
einer Razzia in der Nähe von Stuttgart von amerikanischer Armeepolizei und deutschen Polizisten festgenommen. Die Bande war gerade dabei, Zünder in Bomben einzusetzen, die für weitere Anschläge verwendet werden sollten. Kabus hat ein Geständnis abgelegt, worin er die Bombenanschläge auf die Stuttgarter Spruchkammern zugibt. Kabus war aus einem französischen Kriegsgefangenen-Lazarett entflohen und hatte sich in Bayern falsche Entlassungspapiere besorgt. Er ließ sich in Eßlingen nieder und organisierte eine kleine, geheime Untergrundbewegung.
Streiks in Westdeutschland
Köln. Im Zusammenhang mit der kürzlich erfolgten Brotkürzung in der Westzone, brachen in verschiedenen Betrieben Streiks aus. In Düsseldorf waren es die Mannesmann-Röhrenwerke, welche in einem einstündigen Proteststreik den Rücktritt des Emährungsbeauftragten der britischen Zone, Dr. Schlange-Schöningen, forderten. Die Belegschaften der Westwaggon A.-G. und der KIöckner-Humboldt- Deutz A.-G. in Köln sowie eine Anzahl kleinerer Betriebe legten ebenfalls ihre Arbeit nieder. Diese Demonstrationen wurden von den Gewerkschaften unterstützt.
Ein Marschall steht Schlange
Hamburg . Der Oberkommandierende der britischöl Zone, Marschall Sir Sholto Douglas, inspizierte das Zentrum des Hungergebietes Düsseldorf . Dann fuhr er nach Hamburg , um auch dort die tatsächliche Lage der Bevölkerung kennen zu lernen. In Düsseldorf besuchte der Marschall die Bäckerläden, Metzger und Lebensmittelgeschäfte. sprach mit Hausfrauen, die Schlange standöl und hielt dann eine Reihe Besprechungen mit den Leitern deut scher Emahrungs- und Gesundheitsämter ab. Auf besonderen Wunsch wurden dann Schulklassen besucht, die in überfüllten Bombenunterständen abgehalten _ werden und er befragte Lehrer und Schulärzte.
Marschall Sir Sholto Douglas , der selbst Schlange gestanden hatte, um die Qualen der Wartezeit besser kennen zu lernen, sprach dann vor den Beamten der britischen lokalen Militärverwaltung und der deutschen Verwaltungen.
Die Zahl von 16,2 Millionen Menschen ergab die Volkszählung in der Sowjetzone am 1. Dezember 1945. Das sind 0,5 Millionen mehr, als vor dem Krieg in diesem Gebiet gezählt wurden. Die Bevölkerungszunahme ist durch die Umsiedlungsmaßnahmen bedingt.
ten der Vereinten Nationen befinden. Weiterhin soll eine Erklärung darüber abgegeben werden, in welchen ehemaligen Feindstaaten Streitkräfte von Mitgliedern der Vereinten Nationen und anderen Staaten stationiert sind. Die Angaben sollen nach dem Stande vom 1. 11. 1946 gemacht werden.
Außenminister Molotow erklärte weiter, die Sowjetunion und die Vereinigten Staa ten seien bereit, Angaben über die von beiden Staaten in Nichtfeindstaaten stationierten Streitkräfte zu machen.
Sicherheitsrat
New York . Die ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats, die Vertreter der USA , Großbritanniens , der Sowjetunion , Frankreichs und Chinas konnten in Verlauf einer dreistündigen Sondersitzung' über die Frage des Vetorechts zu keiner Einigung gelangen.
Es handelte sich in dieser Diskussion hauptsächlich darum, daß die Großmächte Übereinkommen sollen, das Veto nur in Fällen, die lebenswichtige Interessen betreffen, anzuwenden, sowie um die Notwendigkeit einer klaren Definition des Wortes „Streitfall". Molotow erklärte, niemand habe das Vetorecht im Sicherheitsrat mißbraucht. Die Sowjetunion hätte da« Veto nur bei imumgänglich nötigen Fällen angewandt Die gesamt« Vetofrage sei künstliche Agitation. Aber im Prinzip sei er nicht gegen einleitende Besprechungen zwischen den ständigen Mitgliedern. Byrnes hingegen erklärte, die USA seien über die Häufigkeit
der Anwendung des Vetorechts enttäuscht Der Chinese Wellington Koo hielt es für wichtig, daß der Rat einen klaren Unterschied zwischen Verfahrens- und sachlichen Fragen machen solle.
Die Außenminister
New York . Der Außenministerrat ist am vergangenen Mittwoch in New York erneut zusammengetreten. Sie kamen überein, daß der Gouverneur von Triest das Recht haben sollte, zu bestimmen, daß das freie Territorium von Triest eine Außenpolitik in Uebereinstimmung mit seinem Statut verfolge. Der Gouverneur ist berechtigt, sich jedem Vertrag zu widersetzen, der damit nicht überednstimmt. Bevin und Byrnes hatten gewünscht, daß die Triester Verfassung dem Weltsicherheitsrat zur Billigung vorgelegt werden soll. Die Sowjetunion widersetzte sich jdie- serfl Vorschlag. Schließlich einigte man sich darauf, daß die Verfassung von der Vollversammlung von Triest und nicht vom Sicherheitsrat genehmigt werden soll.
Die Erörterungen über Deutschland , die am vergangenen Mittwoch beginnen sollten, werden zunächst verschoben.
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New York . Die Delegierten Jugosla wiens hatten am vergangenen Mittwoch eine längere Ausprache mit dem Vertreter Italiens und haben die italienische Initiative zur Aufnahme direkter Verhandlungen über Probleme des Friedensvertrages zwischen beiden Ländern günstig aufgenommen.
An die badischen Bauern!
Di£ Unterzeichneten Parteien fordern die badischen Bauern auf, ihrer Pflicht der Abgabe der geforderten Umlegemengen an Kartoffeln bis an che äußerste Grenze des Möglichen nachzukommen. Von der Landesverwaltung sind mit Zustimmung der Militärregierung für besonders gute Ablieferung Prämien in Geld und Waren, wie Arbeitsschuhe und Fahrradbereifungen, vorgesehen.
Sollte unser Aufruf, entgegen unserem festen Glauben an da« Verantwortungsbe- wußtsedn unserer Bauern, nicht zum Ziel führen, dann verlangen wir von der Landesverwaltung, um eine Hungerkatastrophe, die jeden Wiederaufstieg unmöglich machen würde, zu vermeiden, mit den strengsten Mitteln der staatlichen Autorität gegen alle vorzugehen, die aus frevelhaftem Eigennutz ihren Pflichten gegen die hungernde Bevölkerung nicht nachkommen.
Die politischen Parteien:
Wohieb, Martzloff, Wäldin, Eckert.
Deutsche Kinder fahren nach der Schweiz
Berlin . Mehrere Tausend unterernährte deutsche Kinder im Alter von 4 — 10 Jahren werden auf Grund eines Abkommens der amerikanischen Militärregierung und dem Schweizer Roten Kreuz auf drei Monate zur Erholung nach der Schweiz reisen. Die Kinder werden in Schweizer Familien Unterkunft finden.
Der erste Transport von 450 Kindern wird Mitte Januar aus Mannheim abgehen. Die Schweiz hat bereits bedürftige Kinder aus anderen Besatzungszonen Deutschlands und aus verschiedenen Ländern Europas aufgenommen.
. . . und nach Irland
Hcmburg. Der vierte Kindertransport nach Irland mit 850 Kindern aus dem nord- rheinischen Gebiet hat heute Düsseldorf verlassen. Die Kinder wurden mit einem britischen Lazarettzug nach Calais gebracht" von wo sie über London an die britische
Westküste gebracht werden. Von dort werden sie per Schiff nac%_ Irland Weiterreisen.
Paris . Thorez machte in einem Interview von einem Plan zur Vereinigung der Sozialistöl und Kommunisten zu einer neuen französischen Arbeiterpartei Mitteilung. Tho rez erklärte ferner, die französischen Kommunisten ständen nicht unter der Leitung Moskaus . Das Programm der neuen Regierung werde nicht kommunistisch, sondern ein Programm aller Parteien sein.
Da die kommunistische Partei aus den Wahlen als stärkste Partei hervorgegangen sei, bestehe sie darauf, den Posten des Ministerpräsidenten zu stellen und die volle Verantwortung zu übernehmen. Falls die Kommunisten den Ministerpräsidentenposten erhalten, könne die kommunistische Partei als solche verschwinden, wenn die Sozialisten die Vereinigung beider Parteien annehmen würden.
Rumänische Parlamentswahlen
Bukarest . Von den rumänischen Parlamentswahlen sind bis jetzt lediglich Teilresultate bekanntgeworden. Immerhin zeigen diese Teilergebnisse, daß der demokratische Regierungsblock, wie zu erwarten war, führt. Die vereinigten Oppositionsparteien vermochtöl zusammen nur einen Bruchteil jener Stimmen auf sich zu vereinigen, die auf den Regierungsblock entfielen. Von den Parteien der Opposition erhielt die nationale Bauernpartei Manius am meisten Stimmen.
Wie das rumänische Innenministerium bekanntgab, waren am Wahltage mehrere Zwischenfälle zu verzeichnen. Die Schuld an diesen Zwischenfällen wird den Oppositionsparteien zugeschrieben. In den Reihen der Armee seien 6 Tote zu verzeichnen, auch in der Zivilbevölkerung sind Opfer zu beklagen, so heißt es in diesem Kommunique.
Rom . Am ersten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Oberbefehlshaber der 4 . Armee , Generaloberst Eberhard von Macken sen , und den ehemaligen Stadtkommandanten von Rom , Generalleutnant Kurt Meitzer, denen die Erschießung von 335 italienischen Geiseln im März 1944 zur Last gelegt wird, erklärten sich die beiden Angeklagten für nicht schuldig.
Der britische Anklagevertreter Oberst R. C. Halse führte aus, daß am 23. März 1944 32 Angehörige der deutschen Feldgendarmerie in der Via Rosselia in Rom von einer Bombe getötet wurden, die aus einem Fenster geworfen wurde. Wenige Stunden später gab Mackensen den Befehl, Meitzer solle für jeden getöteten Deutschen 10 Italiener hinrichten lassen. Darauf wurden während 6% Stunden italienische Geiseln zu je 5 Mann vom deutschen Sicherheitsdienst in einem Keller niedergeschossen. Der Keller wurde danach gesprengt. Der Ankläger räumte ein, daß die Deutschen das Recht gehabt hatten, Vergeltungsmaßnahmen zu er
greifen. Diese seien jedoch übertrieben gewesen.
Am zweiten Verhandlungstag wurde der ehemalige SD-Führer Roms, Kappler, ver-, nommen. Er versuchte den Eindruck eines zerknirschten Ehrenmanns zu machen. Dieser Mann hatte die Leitung der Hinrichtung übernommen Der al s weiterer Zeuge vernommene Untersturmführer Amonn erlitt einen Ohnmachtsanfall.
Der ehemalige Generalfeldmarschall Kes- selring ist nun auch in Rom eingetroffen und wird demnächst al s Zeuge vernommen.
Washington . Das Staatsdepartement gab bekannt, daß die amerikanische Mission in Albanien dieses Land verlassen habe, da die albanische Regierung abgelehnt hat, die Bestimmungen des vor dem Kriege mit den Vereinigten Staaten abgeschlossenen Vertrags zu respektieren.
Plan oder Chaos?
Von Rudi Goguei
Ein Unglück kommt selten allein. Auf die Bekanntgabe der Brotkürzung, die uns nach den früheren verheißungsvollen Ankündigungen wie , ein Blitz aus heiterem Himmel traf, folgte am Dienstag eine neue Verfügung über einschneidende Stromeinschränkungen. Mancher Klein- und Mittelbetrieb, der sich durch die Stürme der Nachkriegskrise tapfer über Wasser gehalten hatte, wird nun den Kampf aufgeben und seine Tätigkeit einstellen müssen. Naturgemäß haben diese drakonischen Wirtschaftsmaßnahmen in der Bevölkerung erregte Diskussionen darüber ausgelöst, wo die Schuld für eine derart bedrohliche Entwicklung zu suchen ist.
Die Vermutung, daß es sich um lokal begrenzte Ereignisse handelt, hat sich allerdings als unzutreffend erwiesen. Der „Südkurier" hatte bereits in seiner Ausgabe vom 5. November von Stromdrosselungen in Berlin berichtet, die praktisch einem fast vollständigen Erliegen der Berliner Industrie gleichkommen, und als wesentliche Ursache hierfür die Demontagen durch die Russen angeführt. Inzwischen treffen alarmierende Meldungen aus den Westzonen, — insbesondere aus dem Ruhrgebiet — ein, die von ähnlichen drastischen Maßnahmen berichten. -
Das plötzliche Auftreten dieser Katastrophe ist typisch für die gesamten heutigen Wirtschaftsverhältnisse in Deutschland . Der aufmerksame Beobachter wird gewisse Parallelen zur Finanz- und Ernährungskrise und — so erstaunlich das in diesem Zusammenhang klingen mag — zur Säuberungskrise feststellen. Die „Neue Zürcher Zeitung " faßt ihre Analyse der Lage in einem Artikel vom 5. November in folgenden abschließenden Sätzen zusammen: „Die Berliner Krise in der Elektrizitätsversorgung kennzeichnet die Art, wie Deutschland gegenwärtig regiert wird. Die Russen haben Kraftwerke abgebaut, offenbar ohne Rücksicht zu nehmen auf den Energiebedarf der deutschen Wirtschaft, aus der jetzt entgegen den ursprünglichen Plänen das Letztmögliche an Reparationsleistungen herausgeholt wird. Die Briten andererseits bleiben mit den zugesicherten Kohlenlieferungen im Rückstand".
Daß die gegenwärtige Katastrophe im Ausland, beispielsweise in England , bereits rechtzeitig erkannt wurde, spiegelt ein Bericht des Sonderkorrespondenten von „M a n- chester Guardian” aus Düsseldorf wider, den dieser bereits am 30. September veröffentlicht hat. Wir entnehmen diesem Dokument einige besonders bezeichnende Sätze: „ . . Die im Laufe der letzten zwei
bi s drei Monate in Westdeutschland sich allmählich entwickelnde Krise in der Elektrizitätswirtschaft hat auf einmal die Ausmaße einer nationalen Katastrophe angenommen. Die plötzliche Einschränkung der Stromzuteilung an die Industrie, die von der Militärverwaltung angeordnet ' wurde, hat jetzt zu einer Desorganisation in der Industrie geführt, die weit über alles hinaus geht, Weis seit Sommer 1945 zu beobachten
war ...” .Die Notabschaltungen
sollen durch eine Art von organisiertem Plan ersetzt werden, und britische Beamte sind jetzt mit deutschen Wirtschaftsfachleuten und den betroffenen Industriellen bemüht, einen derartigen Plan auszuarbeiten. Dieser kann aber nicht durchgeführt werden, ohne eine hochgradige Lahmlegung der Industrie. Viele große Werke haben Befehl erhalten, überhaupt zu schließen, und andere müssen ihre Produktion ein Drittel, die Hälfte oder sogar zwei Drittel herabsetzen ..." „ ... Ein Grund für. die Not
wendigkeit, große Verwaltungsstäbe zu unterhalten, liegt in der Politik, die Deutschen in wirtschaftlichen Fragen 60 zu behandeln, als ob sie ein zurückgebliebener Stamm von Zulus wären. Unsere Politik müßte dahingehen, den Deutschen zu erlauben, ihre Industrie selbst zu führen, mit einem Minimum an Kontrolle unsererseits. Viel zu oft aber ist das Gecrenteii der Fal!..."
Der englische Bericht legt die Vermutung nahe, daß also nicht die russischen Demontagen die primären Krisenerzeuger sind (im Ruhrgebietrimd in Baden sind keine Russen), sondern daß die Energiekatastronhe letzten Endes auf den Kohlenmangel zurückzuführen ist. Den gleichen Standpunkt vertreten die 4 Berliner Parteien und die Gewerkschaften, die die bisherigen Lieferungsrückstände an Ruhrkohle in Höhe von 160000 Tonnen für das Versagen der Berliner Energiewirtschaft verantwortlich machen. Für die französische Zone gilt das gleiche: Die Ruhrkohlenlieferungen an Frankreich sanken im Oktober um die Hälfte auf weniger als 100 000 Tonnen. Die Folge waren Abschaltungen in größerem Umfange (seit einigen Tagen wird auch in Frankreich den Privatverbrauchem an zwei Tagen in der Woche der Strom gesperrt), so daß Frankreich nunmehr auf erhöhten Stromimport aus unserer Zone angewiesen ist, was wiederum die Einschränkungen des Zivilsektors nach sich zieht.
Im Mittelpunkt der Betrachtung steht heute das Ruhrgebiet Der Rückgang der Kohlenförderung betrug allein in der Zeit von August 1946 (5.33 Mill. Tonnen) auf September 1946 (4.31 Mill. Tonnen) über