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Seite 2 / Nr. 26

SODKUBIB1

Dienstag, 1. April 1947

tet werden, daß die Hoffnung auf Hilfe von außen, sollte diese — wie durchaus vor­stellbar — hinter dem Uebermaß vom Not und Bedrängnis Zurückbleiben, in noch grö­ßere Hoffnungslosigkeit Umschlagen könnte.

Im Sinne dieser weniger vom Gefühl als vom Verstände getragenen und. deshalb wohl fundierten Ueberlegungen blickt auch die Schweiz voll Hoffnung, doch auch voll Sorge auf Moskau .

Neuer Anschlag in Nürnberg Nürnberg

. Auf das Haus der Fürsor­gestelle für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Abteilung für rassisch Verfolgte in Nürnberg , Aeußere Bayreuther Straße Nr. 20, wurde ein Bomtoenattentat ver­übt. Die Täter schleuderten durch das im

Parterre gelegene Fenster eine Bombe in den Büroraum, wo sie explodierte. Perso­nen wurden dabei nicht verletzt. Der an­gerichtete Schaden soll gering sein.

Vor der Verhandlung gegen Schacht

Nürnberg . Die von der Spruchk amm er Stuttgart beim Nürnberger Kriegsverbre- chengericht für die bevorstehende Verhand­lung gegen Hjalmar Schacht angeforderten Zeugen werden nicht nach Stuttgart ge­bracht werden. Falls das Gericht zustimmt, werden diese Zeugen im Nürnberger Justiz­palast verhört werden. Es handelt sich hier­bei um den ehemaligen Reichsarbeitsmini­ster Franz Seldte , den ehemaigen Finanz- minister Schwerin von Krosigk , den ehema­ligen Gestapochef Rudolf Diehls u. a.

Eine Bilanz des Grauens

Warschau . Im Prozeß gegen den ehemaligen Kommandanten des Vernich­tungslagers Auschwitz , Rudolf Hoess , dem die Ermordung von 4 Millionen Menschen zur Last gelegt wird, sagte Dr. Blumen­thal aus, daß in Auschwitz allein 1,5 Mil­lionen Juden vergast worden seien. In Wilno , so erklärte der Zeuge weiter, sei ein vorbildliches Altersheim für Juden eingerichtet worden, um ausländischen Journalisten zu zeigen, unter welch aus­gezeichneten Verhältnissen die Juden dort lebten. Am Tage nach der Abreise eines Journalistenbesuches seien jedoch alle Juden im Heim ermordet worden. Der Zeuge Professor Dawidowski sagte aus, im Jahre 1943 seien die Gaskammern und Krematorien im Lager Auschwitz so weit ausgebaut worden, daß sie innerhalb von 2 Tagen 54 000 Leichen verbrennen und in 8—12 Minuten '4000 Menschen vergasen konnten. Alle nach Auschwitz gesandten Häftlinge hätten, so erklärte der tschecho­slowakische Zeuge Antoni Hzebryk, in ihren Akten den Vermerk „R. U.“ (Rüde­kehr unerwünscht) gehabt. Ferner be­tonte dieser Zeuge, Höss habe von den Mißhandlungen der Häftlinge gewußt.

Die für Rud. Höß beantragte Todesstrafe bedeute, betonte der Hauptanklagevertre­ter in seinem Plaidoyer, nichts im Vergleich zu dem, was in Ausdritz vor sich gegangen ■sei. Allein schon die Ermordung einer hal­ben Million ungarischer Juden im Sommer 1944 zeige, was ein Sieg Hitlers für die Menschheit bedeutet hätte. Das Todesurteil könne, so erklärte der 2. Anklagevertreter, der auch die Todesstrafe beantragte, das Unrecht niemals wieder gutmadien, das die­ser „willfährige Henker eines verbrecheri­schen Systems“ angerichtet habe, der 2 V 2 Millionen Menschen in den Gaskammern ums Leben gebracht habe und für den Tod von 300 000 Häftlingen unmittelbar verant­wortlich sei.

-SK- Gegen den Kommandanten des „Vernichtungslagers" Auschwitz , Hoeß , wurde jetzt in Warschau das Todesurteil beantragt. Stur hat er Befehle ausgeführt, sein Wirken galt der Vernichtung von etwa vier Millionen Menschen, meist Juden, in­nerhalb von vier Jahren, ein regelrechter rationell arbeitender Betrieb, in dem jedoch außer der Vernichtung in Gaskammern und Krematorien noch bestialischer Mord in tau­sendfacher individueller Form von ent­menschten SS-Wächtem unter seiner zynisch grinsenden Aufsicht betrieben wurde. Hätte uns nicht Eugen Kogons Buch „Der SS* Staat “ über diese Dinge bereits in wissen­schaftlich nüchterner, leidenschaftsloser und daher um so erschütternderer Form unterrich­tet, wir wären geneigt, die Prozeßberichte aus Warschau als Ausgeburte der Phantasie Wahnsinniger anzusehen. So aber enthüll­ten sie nichts, was über das in diesem Buch bereits Enthüllte hinausging. Daß Hoeß jedoch ein „typischer Deutscher " ge­wesen sei, wie der Staatsanwalt in War­ schau sagte, können wir trotz oder gerade wegen dieses Buches und der zahlreichen gegen KZ-Wachpersonal geführten Prozesse zurückweisen. Das Himmler-System verstand es, hemmungslos amoralische Naturen auf

derartige Posten zu bringen — und es wa­ren nicht nur Deutsche , Kogon hat auch darüber Abschließendes gesagt. Dem Sy­stem bzw. der Idee, „minderwertige“ Ras­sen und Menschen zu vernichten, fielen nach Angabe Weisenborns 16,5 Millionen zgjp Opfer. Kogon schätzt die Zahl — ohne Hinrichtungen außerhalb der KZ und Ver­nichtungslager — auf 8 Millionen, wovon wohl allein 6 Mill. auf die Glaubensjuden entfalle und etwa 800 000 auf Deutsche nichtjüdischen Glaubens. Die von Saudcel verschleppten Fremdarbeiter mußten etwa 25 000 Opfer stellen, die übrigen etwa 1,2 Mill. nach der Kogonschen SaLätzung vertei­len sich auf Widerstandskämpfer aller Ras­sen und Nationen sowie auf Kriegsgefan­gene, vor allem slawischer Rasse, Zigeu­ ner und die Intelligenzschicht, vor allem / Polens und der Tschechoslowakei .

Bilanz des Grauens — Auschwitz war das größte „Unternehmen" dieser Art.

Nürnberger Film

Berlin . Die Gründe und Methoden des ersten Nürnberger Kriegsverbredierprozes- ses sollen dem deutschen Volk in einem großen „Nürnberg -Film“ nahegebracht wer­den. Die Nachrichtenkantrollabteilung der vier Besetzungsmächte hat für diesen Film über 12 00Q m Filmstreifen unentgeltlich zur Verfügung gestellt, dessen Kosten sich trotzdem noch auf Zehntausende von Dollars belaufen würden. In einer Zeitdauer, die etwa der einees normalen Spielfilms ent­spricht, wird nicht nur eine Zusammenfas­sung des Prozeßablaufes, sondern auch

Bildmaterial über die Führung de« Angriffs­krieges, die rücksichtslose deutsche Besat­zungspolitik und die in deutschen Konzen­trationslagern verübten Unmenschlichkeiten gezeigt werden.

22 finnische Offiziere unter Anklage

Helsinki . Vor einem finnischen Ge­richt begann ein Prozeß gegen 22 ehemalige -finnische Stabsoffiziere, die wegen der Or­ganisierung einer „Geheimen Armee zur Bekämpfung der Sowjetunion" anoeklagt

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sind. Diese Armee sollte in Aktion treten, wenn ein Krieg zwischen der Sowjetunion und den Westmächten ausbrechen würde. Unter den Angeklagten befinden sich die ehern, finnischen Generalstabschefs Aaksel Aire und Einar Makien.

In der Anklageschrift heißt es, daß die Leiter der geheimen Armee Offiziere der Operationsabteilung des Oberkommandos gewesen seien. Die Armee sei im Septem­ber 1941, vier Tage bevor Finnland die Waffenstillstandserklärung Unterzeichnete, gegründet worden. Wie weiter bekanntge­geben wird, sind seit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages insgesamt über 5000 Personen verhaftet worden.

Die Kämpfe in China

Nanking. Die Agentur Central News meldet, daß die Regierungstruppen nach heftigem Widerstand der Kommunisten die Stadt Yenchuan, einen wichtigen Straßen­knotenpunkt 80 km östlich von Yenan be­setzt haben. Yenchang, der Mittelpunkt des Erdölgebietes, 40 km südlich von Yen­chuan. wird von den Regierungstruppen belagert.

Der Fall von Talan in der Provinz Schantung , steht unmittelbar bevor. Talan, das 50 km südlich der Provinzhauptstadt Tsinan liegt, ist der letzte kommunistische Stützpunkt an der Eisenbahnlinie Tientsin- pukau, und sein Fall wird, der Agentur Central News zufolge, die Möglichkeit schaffen, demnächst das Teilstück Tsinan - Hsuchau dieser Linie wieder in Betrieb zu nehmen.

„Zwei Verhaftungen in Ueberlingen”

Zu der Meldung des Südkurier in Nr. 25 unter der obigen Ueberschrift schreibt uns Herr Dr. Bruno Leiner, daß Dr. Böse kei­neswegs die „Festrede gehalten habe”, son­dern nur einen der insgesamt 24 Vorträge. Er sprach über „Der Auftraggeber in der Kunst". Die Begrüßungsansprache wurde von Herrn Dr. Leiner gehalten.

Die Verteilung des Bodens

Maßnahmen und Pläne zur Bodenreform in Deutschland

Andauernde Ernährungskrise

SK. Der außerordentlich kalte Winter so-wie die durch die Schneeschmßlze hervorgerufenen Ueberschwemmmngskatastrophe lassen in diesem Frühjahr den Engpaß der Nahrungsmittelversor- gung Europas besonders stark erscheinen. In Deutschland zeigt sich die Zuspitzung der Lage in Streiks und Hungerdemonstrationen besonders in den Industriegebieten. Der Ernäbrungsniimster für Nordrhein-Westfalen erklärte, daß die seit Monaten anwachsende Hungerkrise nunmehr ei­nen bisher noch nicht gekannten Höhepunkt er­reicht habe. Brot, Nährmittel, Kartoffeln, Ge­müse und Magermilch fehlen, die Fleisch- und Fettrationen konnten nur teilweise ausgegeben werden. Der bayerische Landwiirtschaftsminister Dr. Baumgartner führte aus, daß die nächsten vier bis fünf Monate für Bayern die schwersten deT letzten 100 Jahre sein werden. Nur das Ein­treffen der sehnlichst erwarteten Zufuhren aus Uebersee könne eine Zuteilung von Mindestmen­gen Brot gewährleisten Auch aus, Hannover kommt die Meldung, daß die einheimischen Ge- treidevprräte verbraucht seien und als Notpro- gramm täglich 2000 t Mais nach Niedersachsen geliefert werden. In Hamburg erhalten die Bäcke­reien seit einigen Wochen nur noch Maismehl.

In verschiedenen anderen Ländern Europas ist die Emäbrungslage ebenfalls bedrohlich gewor­den. Die durch Schneefälfe und Ueberschwem- mungen in England angerichteten Schäden wer­den auf 20 Mill. Pfund Sterling geschätzt. 1,04 Mill. Schafe kamen durch die Kälte um, 40 000 ha Winterweizen wurden durch Uebersdiwemmung verwüstet, 100 000 t Kartoffeln wurden vernich­tet und 30 000 Stück Rindvieh ertranken odeT mußten wegen Futtermangel notgeschlachtet wer­den. Diese Verluste, die bisher ohne Parallele in deT englischen Geschichte sind, können die Le- bensmittelvotsorgung dort ernstlich gefährden. —

Polen fordert dringend die Einfuhr von 400 000 t , Getreide, da es sonst im Sommer' einer Hungers­not gegenüberstehen wind. In der letzten Zeit wurden 200 000 t Getreide durch eine Mäuseplage vernichtet und die Kartoffelvorräte des Landes durch den strengen Winter reduziert. Auch aus Jugoslawien kommt die Nachricht, daß bei Aus­bleiben amerikanischer Weizeoldeferungen die Kalorienzuteilungen von 1240 auf 640 gekürzt werden müßten. Frankreich bemüht sich, die durch die starke Kälte zum Teil vernichtete Wei­zensaat durch verstärkte Frühjahrsaussaat etwas auszugleichen. Die französische Regierung zahlt 2 500 Franken für jeden Hektar Land, der nachts umgepflügt wird.

Mit diesen Berichten, die nur die Schwierig­keiten einiger Länder Europas aufzeigen, kommt die Mitteilung aus London , daß der Entwurf ei­nes Weltweizenabkommens von Argentinien nicht gebilligt wird Mit Ausnahme der Sowjetunion , die an der Konferenz nicht tedfcahm, haben 39 anwesende Nationen den Vorschlag angenommen. Er soll die von den einzelnen Ländern aus- und einzuführenden Weizenmengen festsetzen und so eine stabile Versorgung gewährleisten. Durch Ab­lehnung seitens desgrößtenWeizenerzeugers u. bis­herige Uneinigkeit über Einführung von Festprei­sen, würde aber ein Weltweizenabkommen prak­tisch wirkungslos werden.

Größere Fischgründe für Deutschland

Nach einer Meldung der Hauptsteüe für Fischwirtschaft in Hamburg ist die 50-Meilen- Grenze vor der norwegischen Küste für deutsche Fischereifahrzeuge aufgehoben. Es können jetzt alle Gebiete nördlich des 61. Breitengrades bis zur nordnorwegischen Küste befischt werden. Auch die Lofotenbank ist für den deutschen Fischfang wieder offen.

SK. Bei der Behandlung der Bodenreform muß man zwischen dem politischen, dem soziologischen und dem wirtschaftlichen Problem unterscheiden. Wie die bisherige Entwicklung zeigte, stimmen die von diesen drei Gesichtspunkten aus gestell­ten Forderungen nicht immer überein und man ist daher in den einzelnen Zonen bei der Durch­führung der Refonnmaßnahmen recht verschiedene Wege gegangen.

In der Ostzone, dem eigentlichen Schwerpunkt des Großgrundbesitzes, hat man radikal allen Be­sitz über 100 ha entschädigungslos enteignet, während in der amerikanischen Zone Entschädi­gung vorgesehen ist. 2,76 Mill. ha wurden in 420 000 Bauemstellen in Größe von rri. 7,4 ha aufgefeilt. Das Gesetz deT amerikanischen Zone sieht als Freigrenze ebenfalls 100 ha vor, jedoch unterliegt die darüber hinausgehende Fläche ei­ner gestaffelten Abgabe. Auch staatlicher und bäuerlicher Besitz unter 100 ha „kann" herange­zogen weiden. Man rechnet, daß 326 000 ha zur Verteilung frei werden. In der tonischen Zone, deren Bodenreformgesetz noch in London beraten wird, scheint man diie Enteignungsgrenze auf 150 ha ansetzen zu wollen. Man hofft, durch diese Maßnahme 300 000 ha, durch Urbarmachung der Lüneburger Heide und einzelner Moorkulturen weitere 350 000 ha gewinnen zu können. Daneben sieht ein Entwurf für Schleswig-Holstein eine gleitende Abgabe von 2 bis 34 Prozent für weni­ger als 150 ha betragenden Besitz vor. Man glaubt, durch alle diese Maßnahmen, auf längere Zeit gesehen, 800 000 Menschen unterbringen zu können.

In der französischen Zone ist man bisher mit Plänen und Maßnahmen zu einer Bodenreform sehr zurückhaltend gewesen. Wie der französi­ sche Außenminister auch auf der Moskauer Kon­ferenz bei der Diskussion dieses Themas an führ­te, ist dies auf die besondere landwirtschaftliche Struktur Südwestdeutschlands 7,11 rri ckzirführen; denn hier ist ja der Großgrundbesitz in Form und Konzentration der deutschen Ostgebiete un­bekannt. Trotzdem übersieht man hier nicht et­wa die Notwendigkeit einer Bodenreform, will aber scheinbar mit offiziellen Vorschlägen bis zur Bildung der Landtage im Mai ds. Js. warten, um so den Volksvertretungen eine Mätbestim- mungsmöglidikeiif bei dem Entwurf des Gesetzes zu geben. Nur 112 Betriebe Südbadens sind über 100 ha groß, von denen nur 16 Privatbesitz sein sollen, während das übrige Gelände staatliches, kommunales oder kirchliches Eigentum ist, das so zum Teil schon gemeinnützlich verwendet ■wird.

Außer verschiedenen bisher kaum zur Kennt­nis der Oeffentiichkeit. gelangten Entwürfen wur­den in Südbaden jetzt „Vorschläge zur Agrar­reform" vom badisch - landwirtschaftlichen Haupt­verband veröffentlicht. In diesen wind vor allem Feldbereindgung, gesetzliche Beschränkung der freien Teilbarkeit landwirtschaftlicher Grund­stücke, Melioration, genossenschaftliche Organisa­tion sowie die Abstimmung der Preise landwirt­schaftlicher Erzeugnisse und Produktionsmittel ge­fordert. Die Freigrenze bei der Enteignung, die sich auf land- und forstwirtschaftlich genutztes

Land erstreckt, soll nach diesem Vorschlag bei Hofgütem, die sich mindestens seit 1. 1. 1936 in, Selbstbewirtschaftung des Eigentümers befinden, in Höhenlagen unter 700 m bis Zu 50 ha und in Höhenlagen über 700 m bis zu 70 ha betragen. Eine Waldfläche gleicher Größe darf, ebenfalls im Besitz des bisherigen Eigentümers bleiben. Von dem über diese Flächen hinausgehenden land­wirtschaftlich genutzten Boden verbleibt die Hälf­te im Eigentum des jetzigen Besitzers bis zu ei­ner Gesamthödrstfläche an landwirtschaftlich ge­nutztem Boden von 100 ha bei einer Höhenlage unter 700 m bzw. 120 ha in Höhenlagen über 700 m. Ueber Waddfflächen, die die angegebene Hödistfläche überschreiten, organisch mit dem Hofgut aber verbunden sind, soll das Lan­de samt verfügen. Waldungen, die eine Fläche von 100 ha übersteigen, sollen, ganz gleich, ob Eigentum natürlicher oder juristischer Personen und Körperschaften, in das Eigentum benachbar­ter Gemeinden überführt werden. ParzeHenpadit- land, • welches nicht vom Eigentümer bewirt­schaftet werden kann, soll den jetzigen Bewirt­schaftern zugeführt oder dem Bodenfond zur Verfügung gestellt werden.

Der erste Anspruch auf Eigentum landwirt­schaftlich genutzten Grund und Bodens wird in diesem Entwurf denjenigen Personen zugespre­chen, durch welche eine zweckmäßige und ertrag­reiche Ausnutzung des ihnen ülrerlassenen Lan­des, sei es als Landwirt im Hauptberuf, Klein- landwirt odg r SiedleT am besten gewährleistet wird. Entschädigungslose Enteignung wird in dem Entwurf abgefeimt. Es ist unbekannt, ob und wieweit sich die eventl. Vorschläge der ba­dischen Regierung mit diesem hier skizzierten Entwurf decken werden.

Flüchtlingen, Neusiedlern und Kleinstbauem muß eine bäuerliche Existenzmöglichkeit gegeben werden. Dies ist eine zwingende soziologische Notwendigkeit. Eine Ueberspannung politischer Gesichtspunkte kann aber bei diesen Maßnah­men mehr Schaden als Nutzen amrichten. Ein Bei- spiel hierfür ist eine Meldung der Südena, nach deT in der Ostzone eine Massenabwanderung von Neusiedlern zu erwarten sein soll, da die Bauern durchweg angesiedelt wurden, ahne daß man ih­nen die notwendigen Mittel zur Bearbeitung des Landes zur Verfügung stellen konnte. Von Hufnägeln bis zu den Pferden fehlte es an allem. Der Kreis Neubrandenburg z. B. hat von 2000 Pferden vor dem Kriege 1300 allein verloren.

In einer Zeit andauernder EmähTungskrisein. muß oberster Leitsatz für eine Bodenreform die Wirtschaftlichkeit, das heißt die Sicherung der besten aus unserem Boden möglichen Ernährung sein. Politisch begründete Experimente und vor­schnelle® Handeln in einem soziologischen Um- schichtungsprozeß, deT Jahrzehnte bis zu seiner Vollendung brauchen wird, werden letzten Endes nur denjenigen schweren Schaden zufügen, denen sie eigentlich nutzen sollten, nämlich deT breiten Masse des Volkes, Außerdem könnte aber der Gedanke einer Bodenreform selbst durch Fehl­schläge stark belastet werden, die aber über "die zugrunde liegende Idee nichts aossagen, sondern nur gegen die Art der Durchf ührung sprechen.

Aufteilung deutscher Fabriken

Weitere 24 deutsche Fabriken im Werte von 18 Mill. Mark sollen nach Genehmigung der in­teralliierten Reparaflonskomimdssion auf geteilt werden. Holland wird Anlagen der früheren Zep­pelinwerft in Friedrichshafen erhalten, während Albanien , Australien , Belgien , Dänemark , Frank­ reich , England , Griechenland , Jugoslawien , Luxemburg und die Tschechoslowakei Einrich­tungen von drei chemischen Fabriken und 11 Rü- stungs- und Flugzeugwerken zugeteilt werden.

Zur Frage der deutschen Warenzeichen Aus Kreisen der Patentanwaltschaft wird zur Vermeidung von Mißverständnissen darauf hin­gewiesen, daß die deutschen Warenzeichen in­nerhalb Deutschlands nach wie vor gültig sind und beachtet werden müssen. Bezüglich deut­ scher Warenzeichen im Ausland gilt zur Zeit folgendes: Das Londoner Abkommen über deut­ sche Auslandspatente bezieht sich nicht auf Warenzeichen. Eine Beschlagnahme von Wa­renzeichen deutscher Inhaber im Ausland ist bisher nur in Dänemark ausgesprochen worden.

Sozialisierung auch in ruhiger Entwicklung

Der tschechoslowakische Ministerpräsident er­klärte als Voraussetzungen jeder Verstaat­lichungsmaßnahme Frieden und Zusammenarbeit in der Welt. In der Tschechoslowakei würde sich auch die Privatindustrie derselben Erleich­terungen und Rechte erfreuen wie die verstaat­lichten Industrien, zwischen denen ein gesun­der Wettbewerb nicht verhindert werden solle. Der Weg zum Sozialismus sei nicht nur über eine Diktatur des Proletariats, sondern auch durch eine ruhige Entwicklung möglich.

Kurze Meldungen

Ein neugegründeter Verband württembergisch- hohenzollerischer Elektrizitätswerke hat alle Elektrizitätsversorgungsunternehmungen zusammengeschlossen. Der Verband erstrebt zuverlässigere und vorteilhaftere Versorgung der Allgemeinheit.

Der Elsenbahnfährbetrieb zwischen Trefllebörg und Warnemünde soll in nächster Zelt wieder aufgenoraraen werden.

Vom Rechtsaussdnuß des Thüringer Lamdnates wurde die Rückgabe aller in Jena befindlichen Betriebe der Zeiß-Werke an die Carl Zeiß - Stiftung beschlossen.

Zwischen Polen und der russischen Be­setzungszone Deutschlands wurde ein Handelsvertrag abgeschlossen, der einen Waren­austausch von 28 Mill. Dollar vorsieht. Polen liefert Kohle und erhält dafür Kunstgummi, künstliches Benzin. Chemikalien und Maschinen­teile.

England denkt nach Wiederaufnahme der Ostseeschiffahrt umfangreiche Holzlieferungen aus Schweden , Finnland und nach Möglichkeit auch aus der Sowjetunion zu erhalten. In Deutschland will man so viel Holz wie möglich kaufen.

Australien hat das Wareneinfuhrverbot für deutsche Waren aufgehoben.

Das amerikanische Repräsentanten­haus nahm eine Gesetzesvorlage über eine 20prozentige Kürzung der Einkommensteuer an.

Die nächste Ausgabe des Südkurier er­scheint der Feiertage wegen bereits am Donnerstag, den 3. ApriL

Französische Moralisten

Es gibt ein paar Bücher, die jeder gern auf seinem Nachttisch hat, um die verwir­rende Mannigfaltigkeit des Tages am Abend nach Sinn und Gesetz zu ordnen; es sind die Breviere der denkenden Menschen, die nicht an Zeit und Umstände und noch viel weniger an Nationalität gebunden sind. Epiktet, Marc Aurel , Seneca findet man unter ihnen, dann Goethe und Schopen­ hauer , vor gllem aber auch die „französi­schen Moralisten” Montaigne , Voltaire , La Rochefoucauld , Pascal, La Bruyere , Mon­ tesquieu , Vauvenargues , Chamfort u. a. Man nennt sie die Moralisten; aber sie ha­ben mit säuerlichem Moralisieren nichts zu tun. Im Gegenteil: In ihren Gedanken und Betrachtungen spiegelt sich eine Freiheit, an der gemessen unsre Gegenwart sich wie dunkles Mittelalter ausnimmt.

Es ist erstaunlich, wie lebendig diese Schriftsteller des 47. und 18. Jahrhunderts geblieben sind. Man findet da nichts, was nicht auch gestern oder heute hätte ge­schrieben werden können. Sie lebten in der Zeit des konsolidierten Feudalismus ; Versailles , der Hof des französischen Kö­nigs, war der Mittelpunkt der zivilisierten Welt, und französisch war gleichbedeutend mit gebildet und kultiviert Das galt nicht nur für ganz Frankreich , es galt ebenso sehr für Potsdam , Stockholm und Peters­ burg . Das höfische Parkett war nicht nur die hohe Schule feiner Manieren, es war ebensosehr die Schule feiner Geistigkeit. Der geistige Mensch war in Geltung wie kaum zu einer anderen Zeit; er saß mit den regierenden Fürsten an der Tafel und galt für ihresgleichen, wie es Friedrich d. G. im Falle Voltaires gegenüber stupiden Hof­schranzen mit aller Deutlichkeit zum Aus­druck brachte. Sich geistreich und kulti­viert auszudrücken, sei es gesprochen, sei es geschrieben, war das unermüdliche Be­ttreben des Weltmannes. Der Aphorismus entstand damals, dieser geistreiche, poin­

tierte, auf die größte Kürze gebrachte Aus­druck eines Gedankens. Er war mehr als nur feinpolierte Form. Er hätte sich als geistreiche Spielerei nicht bis auf den heu­tigen Tag jugendfrisch erhalten. Der Kern war eine leidenschaftlich genaue, an Ari­ stoteles erinnernde Betrachtung der Reali­tät, das tiefe Einswerden mit dem Objekt, und gleichzeitig das Suchen nach Sinn und Gesetz. So wenig jene Moralisten an die Revolution gedacht haben, so sehr wurden sie ihre Vorläufer. Denn sie stipulierten jene Menschenrechte und die Menschen­würde, die für die Entscheidungen von 1789 und für die Befreiung des Individu­ums unabdingbare Forderungen wurden. Geist ist an sich immer revolutionär, weü er sich gegen stupide Gewalt wehrt, in welcher Form diese sich auch immer mani­festiere.

Das soeben im Greif-Verlag in Wiesba­ den erschienene Buch „Der Mensch im Spiegel ” von Hagemann, das zahlreiche Aphorismen französischer Moralisten in deutscher Sprache bringt, ist in turbulenten Zeitläuften, wie den heutigen, besonders eindringlich zu empfehlen.

Fr. Munding

Menschlichkeit ist die höchste Tugend.

(Vauvenargues )

Die meisten Menschen leben so unüberlegt, daß sie die Welt, die sie immer vor Augen haben, überhaupt nicht kennen. Es geht ihnen wie den Maikäfern, die auch nichts von Natur­geschichte verstehen. (Chamfort)

Nicht Sieg sollte der Zweck der Diskussion sein, sondern Gewinn. (Joubert)

Man muß viel studiert haben, um zu erkennen, wie wenig man weiß. (Montesquieu )

Man muß einzig danach trachten, richtig zu denken und richtig zu sprechen und sich damit begnügen. Andere für unsere Ansichten und un­seren Geschmack gewinnen zu wollen, geht fast über unsere Kraft. (La Bruyere )

Schriftsteller ist ein Mensch, der sich das Schreiben schwer macht. (Joubert)

Vorzügliche Schriftsteller schreiben nur wenig, weil sie viel Zeit brauchen, um ihren Reichtum

und ihren Ueberfluß zu ordnen, zu verdichten, und als geschlossene Kunstwerke hinausgehen zu lassen. (Joubert)

Die Mittelmäßigkeit pflegt alles zu verurtei­len, was ihren Horizont übersteigt.

(La Rochefoucauld )

Wir halten uns niemals an die Gegenwart, sondern nehmen ständig die Zukunft voraus und Tufen die Vergangenheit zurück. Wir sind so unklug, in Zeiten henrmzuirren, die uns nichts angehen und nicht an die einzige Zeit zu den­ken, die uns wirklich gehört. Wir sind so eitel, uns an die Zeiten zu klammem, die für unser Leben noch nichts oder nichts mehr bedeuten, und der einzigen, dte wirklich da ist, zu ent­fliehen. (Pascal)

Luxus und allzu große Verfeinerung der Sit­ten sind für Volk rmd Staat ein sicheres Kenn­zeichen drohenden Untergang®. Wenn Einzelne zu eigenen Gunsten das allgemeine Wohl aus den Augen verlieren, ist es um die Allgemein­heit geschehen. (La Rochefoucauld )

Das Glück schlechter Führer ist ein Unglück der Völker. (Vauvenargues )

Alle Eroberer sind einander irgendwie ähn­lich: im Charakter und in der Art ihres Han­delns. (Joubert)

Es gibt für den Menschen nur ein wahres UngJjüdc: sich etwas vorzuwerfen haben.

(La Bruyere )

Es muß auch Krähen geben. Glücklicherweise sind sie nicht in der Lage, die Nachtigallen am Singen zu hindern. (Voltaire)

Es ist ungewiß, wo uns der Tod treffen wird. Wir sollten ihn deshalb jederzeit und jedenorts erwarten Das Leben hat für den keinerlei Schrecken mehr, der einsteht. daß das Sterben kein Uebel ist. (Montaigne)

KULTUR NACHRICHTEN

Buchausstellung: und Buchhändler-Tagung in Konstanz

Die Stadt Schaffhausen bat eine Anzahl schwei­zerischer und anderer Bücher zusammengestellt, die sie der Universität Mainz zu Geschenk ma­chen will. Zuvor sollen diese Bücher im Rahmen einer Ausstellung in mehreren Städten der fran­zösischen Zone gezeigt werden, und zwar zuerst in Konstanz . Es kann damit gerechnet werden, daß die Aussteühmg in etwa sechs Wochen im Rosgarten-Museum eröffnet wird. Ende Mai, An­fang Juni werden sich außerdem die .Buchhänd­ler der französischen Zone in Konstanz zu einer Tagung treffen.

Ein Jubilar. Am 26. März beging der im Ruhestand lebende Chefredakteur Albert Her­ zog in Baden-Baden seinen 80. Geburtstag, zu dem wir ihm unsere herzlichen Glückwünsche schicken. Albert Herzog ist geborener Rfeeinilän- 1 der, war aber Jahrzehnte hindurch in Baden an der „Badischen Presse" in Karlsruhe tätig. 1945 trat er an die Spitze des „Badener Tagblatt" in Baden-Baden , wurde aber infolge eines Unfalls gezwungen, seine Arbeit vorzeitig aufzugeben. Noch heute ist er aber gelegentlich journalistisch • tätig.

Heinrich Mann kehrt zurück. Nach Meldungen der russisch lizenzierten Berliner Presse wird der Schriftsteller Heinrich Mann , der Bruder Thomas Manns , in Kürze nach Deutschland : u- riidckehren.

Lucie Mannheim spielt in Deuts<h- 1 a n d. Das englische Schauspieler-Ehepaar Lucie Mannheim -Marius Gorung wird demnächst mit Louis Vemeuils, auch bei uns bekannter Komö­die „Monsieur Lambertter" von Hamburg aus eine Gastspielreise durch die britische Zone un­ternehmen. Lucie Mannheim war über 1933 hin­aus eine der reizvollsten Schau Spielerinnen des Berliner Theaters, der sogar Gering trotz ihrer „verbotenen" Rasse noch Beifall geklatscht hat. In Gemeinschaft mit ihrem Main , der während des Krieges rmter dem Namen Charles Richard- son poetischer Kommentator beim Europadienst der britischen RundfunkgeseUschaft (BBC ) war, hatte sie nach Kriegsende in zahlreichen Auffüh­rungen des BBC -Deutschlandidienstes große Er­folge. „Monsieur Lamtoertier" soll zunächst in Hamburg , Hannover und Berlin und anschließend in allen größeren Städten der britischen Zone je drei Tage in englischer und drei Tage in deut­scher Sprache gebracht werden.

Eine Heimkehrerin. Käthe Gold , frü­her am Berliner Staafetheater, die sich nach der Schweiz verheiratete und in Basel und am Zür­cher Schauspielhaus auftrat, hat es offenbar wie­der nach ihrer Heimat Oesterreich gezogen. Sie wurde ans Wiener Burgtheater verpflichtet und wird dort als erste RoÜe Gretchen im „Faust " spielen.

Der „beste Farbfilm". Der bei den in­ternationalen Filmfestspielen in Cannes als be­ster Farbfilm ausgezeichnete sowjetische Film „Die steinerne Blume" wird am 1. April gleich­zeitig in allen Berliner Sektoren ersteufgeführt werden.

Wiederkehr von Dirigenten. Der frühere musikalische Leiter der Wiener -, der Münchener - und, nach Beseitigung Furtwängfers, der Berliner Staatsoper, Clemens Krauß , und der Nachfolger Büschs in Dresden , Dr. Karl Böhm , dürfen in Oesterreich wieder auftreten.

Wagner in Paris . Nicht nur in Amerika , auch in Paris hat man Gelegenheit, eine Reihe der berühmtesten Werke Richard Wagners in neuen, sorgfältigsten Inszenierungen zu sehen. In Paris war die Aufführung des „Fliegenden Hofländer" allen Berichten nach eine glänzend gelungene Unternehmung. Nun hat die Große Oper auch „Lohengrin “, „Tannhäuser " und „Tristan und Isolde " in den Spielplan aufge- nommen.

Der Standpunkt der Partisanen. Ehemalige italienische Partisanen haben die Ab­setzung des Musikdramas „Tristan und Isolde “ vom Spielplan der Mailänder Scala gefordert. Der Polizeipräsident hat hierzu erklärt, man könne das Deutschland Richard Wagners nicht mehr mit dem Hitlers gleichsetzen. Die Aufführung fand unter Victor de Sabata in deutscher Sprache statt.

Neues von Sartre . Im Verlag Incidences in Paris ist ein neues Buch von Jean Paul Sartre unter dem Titel „Intime Schriften" erschienen.

Dr. Karl Stenzei f. Der frühere Direktor des Badischen Generaäfandesarchivs hat sich als Forscher und Historiker in der wissenschaftlichem Weit einen bedeutenden Namen gemacht durch seine Veröffentlichungen zur Kultur- und Wirt­schaftsgeschichte des Oberrheins. In Stuttgart hat er da® dortige Stadtarchiv auf gebaut.

WEITERGEHN!

Was bleibt, als tapfer weitergehn, so sehr dein Herz getroffen schreit? Die Sterne, die hoch oben stehn, die Nebel, die am Flusse wehn, sie helfen nicht!

Hilft denn das Schreiten immerzu, da« Tragen, der verschwiegne Mund? Kommt davon deiner Seele Ruh?

Wenn nicht, vielleicht - wer bi6t denn du« ein andrer wird daran gesund, der sonst zerbricht.

K. Sophie Miehl

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