Freitag, 19. September 1947 Bssasssssssas

HEIMAT

KURIER

B Nr. 73 / Seite 3

ßaöifche

Lanöeechronih

Deutfdi«fchn>eizerifche Ausgrabungen

Kürzlich wurde zum ersten Male ein vorgeschichtliches Fundfeld von deutschen und schweizerischen Prähistorikem gemein­schaftlich bearbeitet Freiburgei und Basler Studenten legten eine Wallanlage auf dem Grenzacher Hörnli, dem gegen das Basier Rheinknie vorstoßenden Vorgebirge des ba­dischen Dinkelberges, frei. Diese einstige Schutzanlage geht auf die Hallstatfzeit (zwi­schen 1000 und 400 v. Chr.) zurück. Ihre weitere Untersuchung ist deshalb so bedeut­sam, weil das steil über dem Rhein auf­ragende Grenzacher Hörnli, das die ganze Landschaft um das Basler Rheinknie be­herrscht, reich an vor- und frühgeschicht­lichen Funden wie sonst kaum eine Land­schaft in Mitteleuropa ist. Dieser wichtige Rheinübergang verband einst wie heute mehrere Kulturlandschaften. Gleichzeitig gräbt der Prähistoriker der Universität Ba­ sel , Prof. Laur-Belait, auf der Pfalz, dem höchsten Punkt des Basler Münster­berges, nach Zeugnissen aus der Kelten-, Römer- und Alemannenzeit

„Kunst und Kunstgewerbe" in Baden-Baden

In der „Weltschau” am Leopolds­platz ist die Ausstellung .Kunst- und Kunstgewerbe” eröffnet worden. In einem graziös anmutenden Arrangement von Holz- und Stoffspielwaren, Kinderbilder- büchem, figürlich-dekorativen Kleinpla- etiken u. a. «soll ein Eindruck von der Moderne des französischen Kunstgewerbes

Seit vier Jahren verheert der Borkenkäfer unsere Fichtenwälder, befällt einen Bestand nach dem anderen und läßt an ihrer Stelle rotnadelige, dürre Gerippe zurück. Dagewe­sen ist er (bzw. sie, denn es sind mehrere Arten) ja schon immer, als vorwiegend se­kundärer Schädling an im Wuchs stockenden Stämmen. Doch dank laufender Ueberwa- chung und Bekämpfung hat er den „eisernen Bestand" nur selten überschritten und höch­stens örtlich Kalamitäten verursacht. Als aber seit etwa 1942 die Zahl der Beamten und Waldarbeiter für die sehr arbeitsinten­sive „Käferhygiene” nicht mehr ausreiehte, begann der Borkenkäfer , eich stärker zu ver­mehren. Mehr oder weniger umfangreiche Windwürfe, die länger als üblich liegen blei­ben mußten, zunehmender Artillerie- und Bombenschaden in den Waldurigen gaben ihm immer neue Nahrung. Hinzu kam in den letzten Jahren eine für den Käfer äußerst günstige Witterung. Heiße, trockene Sommer verringern den Saftdruck und damit die Widerstandskraft der Fichtenstämme; so erhöht sich die Vermehrungsgeschwindigkeit des Insekts. Das heutige, ungeheuer starke Auftreten des Schädlings erstreckt sich über das ganze mitteleuropäische Fichtengebiet vom Schwarzwald bis zu den Karpathen .’

Der Einschlag an Käferholz in Südbaden gibt ein Bild von dieser Entwicklung: 1942 mit 5600 fm noch im gewohnten Rahmen, 1943 auf 10 500, 1944 schon auf 31 000 fm ansteigend, 1945 rapider Anstieg auf 91 000 fm (mit umfangreichen Rückständen!), 1946 auf rund 500 000 fm!, 1947 waren bis 30. 6. 140 000 fm eingeschlagen, der Einschlag von weiteren 100 000 fm ist im Gang. Die Ge­samtmenge an Käferholz beträgt seit 1942 rund 900 000 fm. Das entspricht Kahlflächen von rund 2000 ha!

Ueberall, wo Fichten 6tehen, ist z. ZL auch der Borkenkäfer festzustellen. Haupt­zentren in Südbaden sind die Gebiete von

vermittelt werden. Die kleine Ausstellung wird von den Kunstinteressenten stark besucht und lebhaft diskutiert.

Denkmal-Sorgen in Rastatt

Um die demokratischen Freiheits­kämpfer zu ehren, die im Jahre 1849 durch standgerichtliche Erschießung in Rastatt den Tod fanden, hat die Stadt die Verlegung des auf dem Alten Friedhof stehenden Denkmals an einen würdigeren Platz beschlossen. Mit den Arbeiten wurde bereits begonnen. Auch eine Guß­platte für Karl Schurz soll an geeigneter Stelle angebracht werden.

Verlagsdirektor Merk 70 Jahre alt

Verlagsdirektor Alfred Merk, Konstanz , der Mitinhaber der Oberbadischen Ver- lagsansta'lt Merk & Co., vollendete am 17. September sein 70. Lebensjahr. Der Ju­bilar ist eine im Bodenseegebiet wur­zelnde und weithin geachtete Verleger­persönlichkeit. Er leitete vom Jahr 1905 bis 1923 die „Konstanzer Nachrichten” und anschließend die „Deutsche Boden­see-Zeitung”. Aus seinem Verlagsunter­nehmen sind eine Reihe gediegener, hei­matverbundener Bücher hervorgegangen. Ferner gehörte Direktor Merk lange Jahre dem Bürgeraus^chuß und dem Stadtrat an.

Neuer Philosophieprofessor in Freiburg

Professor Dr. Wilhelm Szilaßi ist zum Honorarprofessor ernannt und mit der Vertretung eines Lehrstuhls für Phi­losophie an der Universität Freiburg be­auftragt worden. Er stammt aus der Phänomenologischen Schule; seine in der Schweiz veröffentlichten philosophischen Untersuchungen sind für die Entwicklung der Philosophie außerordentlich bedeut­sam.

Radolfzell -Stockach -Me&kirch (bisher etwa rund 350 000 fm), St. Blasien-Lenzkirch-Neu- stadt (300 000 fm). Gengenbach -Peterstal (70 000 fm) und, im Anschluß an ein benach­bartes württembergisches Zentrum, das obere Murgtal (30 000 fm) Befallen werden im Zuge der starken Vermehrung nicht mehr nur kranke, sondern auch gesunde Stämme. Mögen auch Tausende von Käfern zunächst im austretenden Harz ersticken, der Baum wird dadurch so weit geschwächt, daß. er für die nächstkommenden geeignet ist! ’ Bei Fraßmangel greift der Käfer ent­gegen früheren Erfahrungen auch mittelalte Bestände, bis herab zum Stangenholzalter, an und geht sogar auch auf die Kiefer (aber nicht auf die Weißtanne) über Aus Misch­beständen frißt ei die Fichte mit tödlicher Sicherheit heraus.

Eine planmäßige Bekämpfung konnte aus begreiflichen Gründen erst im Jahre 1946 einsetzen. Sie ist auch heute noch durch die unzureichende Zahl verfügbarer Beamter und Holzhauer gehemmt, in den Haupt­schadensgebieten („Käfernotstandsgebieten") mußte daher die Bevölkerung arbeits­verpflichtet werden Bekämpft wird der Borkenkäfer hauptsächlich mittels eines Gürtels von Fangbäumen, der die eierlegenden Weibchen anlockt. Innerhalb dieses Gürtels wird dann die neue Brut ver­nichtet. Die Anwendung von Giften ist möglich, aber weder einfacher noch billiger als diese Methode. Noch ist es nicht über­all gelungen, die weitere Ausbreitung des schädlichen Insekts zu verhindern, der Kampf steht in vielen Gebieten sozusagen noch unentschieden. Gegenüber der Lage vor einem Jahr ist dies immerhin als we­sentlicher Fortschritt anzusehen!

Da der Käfer nur im Splint (Bast) frißt und das Holz selbst nicht angreift, ist der Schaden durch direkte Holzentwertung an Sich gering. Käferholz ist hinsichtlich des

Gebrauchswerts anderem Holz durchaus gleichwertig. Verzögert sich allerdings der Einschlag, so tritt infolge der natürlichen I Zersetzung bald Entwertung ein; diese be­trägt nach einem halben Jahr bereits etwa 20 %. Mit beginnender Rotstreifigkeit (nach etwa einem Jahr) wird das Holz als Papier­holz untauglich. Die Anerkennung der Ver­wendbarkeit des Käferholzes für Export­hiebe durch die Militärregierung hat beträchtliche Wertverluste vermeiden hel­fen. — Ein weit größerer Schaden besteht darin, daß die befallenen Bestände ohne Rücksicht auf Betriebsplan und Bestockungs­aufbau eingeschlagen werden müssen.

Eine Erhöhung der Holzpredse ist infolge­dessen vorauszusehen Fichtenholz wird überhaupt auf Jahrzehnte hinaus Mangel­ware werden. Jedenfalls stehen wir Im ganzen vor einer Katastrophe, die mit zur größten Gefährdung führt, welcher der deutsche Wald seit Bestehen einer Forst­wirtschaft ausgesetzt war!

Forstmeister E. Henseler

Weinernte unter dem Durchschnitt Meertburg. Den Weinbergen im Boden­seegebiet hat die Trockenheit stark zu­gesetzt. Der Hektarertrag wird weit unter dem Durchschnitt der früheren Jahre lie­gen, doch gleicht die Qualität die Quan­tität in etwa aus.

»Kulturbund Hochschwarzwald” gegründet Neustadt. Hier wurde der „Kulturbund Hochschwarzwald” gegründet, eine Ver­einigung, die auf breiter Grundlage dem kulturellen Leben der Heimat neuen Auf­trieb und neue Bedeutung geben soll. Zum Vorsitzenden wurde Amtsgerichtsrat Kern gewählt.

Verlegung des Südwesöfunks Freiburg . Von den Straßengeräuschen in seinem Betrieb gestört, will der im früheren Cafe „Zum Friedrichsbau” un­tergebrachte Südwestfunk sein Domizil nach einem Freiburger Vorort verlegen. Es ist bereits ein provisorischer Vertrag mit der Stadt zustande gekommen, dem­zufolge dem Südwestfunk die Jahnhalle in Freiburg -Zähringen zur Verfügung gestellt wird. Die Pachtdauer soll zu­nächst 25 Jahre laufen.

Spinale Kinderlähmung im Kreis Lahr Lahr . Im Kreisgebiet sind bis jetzt neun Fälle von spinaler Kinderlähmung, die sich auf einzelne Orte des Kreises ver­teilen, aufgetreten. Drei Fälle verliefen davon tödlich. Die Schulen der betroffenen Orte wurden bis auf weiteres geschlossen, Veranstaltungen, auch sportlicher Art, sind untersagt

Immer mehr Verkehrsunfälle Baden-Baden . Die Unfallstatistik zeigt von Monat zu Monat mehr Verkehrsun­fälle mit zum Teil schwerwiegenden Fol­gen. Im Monat August wurden 19 Ver­kehrsunfälle mit 20 Verletzten und ei­nem Sachschaden von über 10 000.- RM festgestellt. Dabei sind diejenigen Fälle nicht einbegriffen, die durch die franzö­ sische Gendarmerie bearbeitet werden.

Baden bezahlt seine Schulden Karlsruhe . Die Badische Staatsschulden­verwaltung in Karlsruhe hat den Zins- und Tilgungsdienst für alle vor dem 1. April 1945 aufgenommenen Inlandsschul­den des Landes Baden mit Rüdewirkung in vollem Umfange wieder aufgenommen. — Führende Schulmänner schlossen sich zu einer Arbeitsgemeinschaft für neue Jugendbildung zusammen und riefen Wis­senschaftler, Künstler und die Eltern zur Mitarbeit auf. — Die Grenzpolizei brachte im Monat August im Landkreis Karls­ ruhe 70 Personen wegen unerlaubter Güterein- und -ausfuhr zwischen den Besatzungszonen zui Anzeige, wegen Tausch- und Schwarzhandels mit Rohta­bakwaren 246 Personen.

Der ßorhenhäferfchaöen in Süöbaöen

„Juroel in BaOene ßürgerkrone"

Die Bedeutung des Mannheimer Hafens

Die Aussicht, die niederländischen Rhein- I häfen für die Landung amerikanischer Im­portwaren nutzbar zu machöh, hat für die Mannheimer die Aussicht erhöht, daß ihr Hafen bald wieder noch mehr „zum Zuge kommt“. Es handelt sich dabei nicht nur für die Stadt Mannheim , sondern auch für ganz Süddeutschland , vielleicht sogar für ganz Mitteleuropa um eine wichtige Ent­scheidung, wie der Mannheimer Oberbür­germeister Braun bei einer Besichtigung des Hafens durch den Verkehrs- und Wirt­schaftsausschuß des Landtages feststellte. An dieser Besichtigung nahmen der stell­vertretende Ministerpräsident Dr. Köhler sowie der Verkehrs-, Wirtschafts- und Arbeitsminister teil. Dr. Köhler nannte dabei den Mannheimer Hafen ein „Juwel in Badens Bürgerkrone“, das Fenster, das für Württemberg wie für Baden nach der Welt geöffnet sei. Der Mannheimer Hafen kommt mit 14 km Uferlänge demjenigen Lon dons gleich und ist nach Duisburg -Ruhr- ort der zweitgrößte Binnenhafen Europas . Gegenüber von früher 200 000 t sind heute

immerhin schon wieder 125 000 t Ueber- seeweizen in Mannheim zu lagern. Des­halb muß der Wiederaufbau so schnell wie möglich vorangetrieben werden. Zwar spürt man schon allenthalben etwas da­von, doch muß noch viel mehr geschehen. Schon steigt der Schiffsverkehr in er­freulichem Maß, wenn es sich bei der von so vielen Schiffen gehißten blau-weiß­roten Flagge auch seltener um Mann­ heims Stadtflagge als um die holländischen oder französischen Farben handelt. Zur­zeit ist die erste Stufe des in drei Phasen geplanten Wiederaufbaus im Gang, eine Art Notprogramm, das nur als Ankurbe­lung gelten kann und von der amerikani­schen Militärregierung nicht als ausrei­chend angesehen wird, obschon zu den bisher bereitgestellten 5 Millionen weitere 15 vom Landtag angefordert werden. Die bedeutsame Besichtigung hatte einhellige Zustimmung zu der Forderung des Mann­ heimer Oberbürgermeister zur Folge, daß man künftig nicht mehr kleinlich denken und handeln dürfe. -th.-

Wann hehren öie füöbaötfchen Glocken zurück?

Vor wenigen Tagen kehrten 95 Glocken aus nordbadischen Gemeinden und zwar je zu einem Drittel von katholischen (32) und evangelischen Kirchen und öffent­lichen Gebäuden aus dem großen Glocken­lager bei Hamburg zurück. Sie wurden auf dem Schiffeweg nach Mannheim ge­bracht und dort von den einzelnen Ge­meinden abgeholt. Eine entsprechende Zahl von Glocken aus nordwürttember- gischen Gemeinden wurde nach Heilbronn verschifft. In diesem Zusammenhang er­fahren wir von dem Glockenreferenten des Erzbischöflichen Ordinariats und des Oberstiftungisrats in Freiburg , daß auch die Rückführung der Glocken für die französische Zone bald erwartet werden kann. Sie ist hier nur verknüpft mit der Rückgabe kirchlicher Schätze und Mu­seumsgegenstände, die gegen Ende des Krieges vor der vorrückenden Front nach anderen Zonen gebracht wurden.

Von den. etwa 3000 Glocken, die Ende 1941 und während des Jahres 1942 von den katholischen Kirchen ganz Badens und Hohenzollerns abgeliefert werden mußten, wurden 2300 sicher eingeschmoi- zen. Von 313 Glocken kann mit einiger

Sicherheit erwartet werden, daß sie zu­rückgebracht werden können. Allerdings verdanken wir die Erhaltung der Glocken im Hamburger Werftgelände nur dem Umstand, daß Fliegerbomben die Zugänge zum Glockenlager völlig verschütteten, so daß sie nicht mehr zur Gießhütte ge­fahren werden konnten.

Die Pfarrgemeinden landauf, landab be­mühen sich inzwischen auch wieder, Be­stellungen auf neue Geläute, meist aus Klangguß oder aus Guöstahl, zum Teil auch aus Weißbronze oder anderen Legierungen bei den Gießhütten Südwest-, Mittel- und Westdeutschlands unterzu­bringen und finden dort auch volles Ent­gegenkommen. Soweit es sich um Glocken aus Eisen- und Stahllegierungen handelt, müssen aber dabei die baulichen Verhält­nisse bei den Glockentürmen berücksich­tigt werden, wenn sie auf die Stimmung der alten Kupferbronzeglocken gebracht werden sollen. Nur drei Gemeinden in Südbaden haben bisher vermocht, Kupfer- I bronze zu beschaffen und haben ihr neues

1 Geläute bereits erhalten. 50 Gemeinden in ganz Baden haben bis jetzt neue Geläute erhalten. F. A.

Süöroeftöeutfche Umfchau

Stuttgart . Nach Mitteilung der Eisenhaimdire k- tion Stuttgart fallen vom September an der D 33^34 Stuttgart—München und zurück sowie mehrere Personenzüge der Strecke Stuttgart — Uto, Stuttgart — Tübingen und Stuttgart —Weil- derstadt aus. Diese Einsdrränlcuragsimaßnakmen wurden von der Bisenibaihnddrektion Stuttgart auf Grund einer Anordnung der Hauptverwaltung für Eisenbahn voigenonmnen, da infolge des un­gewöhnlichen Wassermangels 10 Prozent der Zug­leistungen auf elektrischen Strecken eingespart werden müssen.

Neustadt/Handt, Als eine publizistische Neu­heit erscheint in. Neustadt die erste Ausgabe der „Weltpresse". Die Zeitung, die zweimal im Mo­nat erscheint und eine Auflage von 100 000 Exem­plaren hat, bringt reich bebildert die Pressestdm- men der Welt und die deutsche Meinung.

Worms . Der Kriminalpolizei gelang es, einer großen Einbrecher- und Diebesbande auf die Spur zu kommen, die seit Dezember 1946 bis in die Monate Juni und Juli 47 schwere Ein­brüche in Wonuser Mühlen und Lagerhäusern ausführte. Bisher wurden 25 Personen festgenom­men. Bei den bis jetot nachgewiesemen Einbrüchen waren etwa 100 Sack Mehl im Gesamtgewicht von 40000 kg entwendet worden.

Koblenz . Im Zusammenhang mit der Senkung der Besatzungskosten hat die Militärregierung zwei Maßnahmen getroffen, die dien Etat des Landes Rheinland-Pfalz und der Gemeinden wei­ter entlasten Die erste Anordnung verfügt eine Herabsetzung der Besatzungskosten für das Land

im Jahre 1947/46 um 42 Prozent, die zweite Ver­ordnung läßt alle Geldstrafen, die wegen Miß­achtung der wirtschaftlichen Vorschriften von den französischen Behörden verhängt wenden, dem Lande zerfließen. Auch die beschlagnahmten Gü­ter werden der heimischen Wirtschaft wieder m- geführt.

Wiesbaden . Am 20. September wird in Wies­ baden die erste Neubörger -Ausstellung eröffnet. Sie ist auf einem Freigelände von 2000 qm und in zwei großen Zelten untergeibiracbt und zeigt in einer Leistungsschau Produkte der Neuibüigex- Indiustrie und des Handwerks.

Frankfurt . Nach Genehmigung durch die Stadt­verwaltung werden in Frankfurt zur Unterbrin­gung der Arbeiter des bizonalen Bauprogramms zehn Schulgebäude freigemacht. — Die Frank­ furter Stadtverordneten lehnten eine Herabset­zung des einziehbaren Beitrages für die Schulkin- derspeasung von 1.50 auf 1.00 RM mit der Be­gründung ab, daß bei dieser Ermäßigung ein un­gedeckter wöchentlicher Kostenaufwand von 20 000 Mark entstehen würde. Bisher wunden von den an der Speisung teilnehmenden Kindern wöchentlich 1,50 Mark erhoben, sodaß die Spei­sung sich selbst finanzierte.

Würzburg . Zahlreiche Plakate, die die Bevöl­kerung zur Te i l nahm e an den Trauerteierlichkei- ten anläßlich des Tages der Opfer des Faschis­mus aufrief, wurden von den Plakatsäulen abge­rissen. Neu angebrachte Plakate wunden von den bisher unbekannten Tätern nach wenigen Stun­den wiederum entfernt.

Zehn Minuten nach zwölf...

Bruchsal ersteht aus seinen Ruinen

Ueber 50 000 Besucher freuten sich frü­her Jahr für Jahr an der Rokoko-Pracht des Bruchsaler Schlosses. Noch in ihrer Zerstörung hat die Residenz der fürst­bischöflichen Grandseigneurs Hutten, Schönborn und Stirum die Lebensfreude ihres Jahrhunderts beibehalten. Man muß sich dem Schloß allerdings vom Park her nähern. Hier scheint es das altvertraute Bild: Vogelgezwitscher in den hohen Ka- istanienbäumen, lesende Einsiedler und verliebte Paare auf den steinernen Bänken der schattigen Allee, und auf dem Schloß­giebel leuchten in gleißendem Gold Kreuz und Krummstab wie einst an der Mittags­sonne. Nur eine der allegorischen Plasti­ken hat der Luftdruck der Bomben vom hohen Sockel gestürzt, in tausend Stücke zerschlagen. Ausgerechnet die Gestalt des steinernen — Kriegers . . .

Bald aber auch wird man gewahr, daß all dies nur trügerische Fassade ist, hin­ter der eich Bruchsals große Not verbirgt. Hinter den leeren Fensterhöhlen wächst Gras über dem Schutt der vernichteten Asam-Fresken. Stockwerke hoch liegen die Trümmer. Auf der Vorderseite gar offen­bart sich die Vernichtung ganz in scho­nungsloser Offenheit. Weit aufgerissen Hegt der Hauptbau da, Lücken klaffen an allen Ecken und Enden, schuttbedeckt ist Balthasar Neumanns schwungvolles Trep­penhaus, verschwunden . und ausgelöscht die farbenfrohe Rokokopracht des Innern. Nur die kostbaren Gobelins, einige Ge­mälde und die wichtigsten Prunkstücke des Mobiliars wurden durch den Eifer des Schloßverwalters rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Der ausgebrannte, weiß-rote Campanile der nahen Schloßkirche ragt über ein trostloses Trümmerfeld. Seine goldenen Uhrzeiger stehen auf die Sekunde gß-n-u — zehn Minuten nach Zwölf.

Es war nicht nur für Bruchsal , es war für das ganze Land zehn Minuten nach

Zwölf, als am/1. März 1945 die Uhren un­ter dem Phosphorregen still standen und das Leben der einstigen Bischofestadt für lange Zeit nahezu erlosch. Von allen 50 Gebäuden der ausgedehnten Schloßanlage ist nur eines unversehrt geblieben: das Damianstor. Durch seinen hohen Bogen flutet der Verkehr, nähern sich die Men­schen und Wagen dem Schloßhof. Denn trotz aller Zerstörung blieb das Schloß­gelände wie zu Damian-Hugos Zeiten Sitz und Mittelpunkt der Verwaltung: Land­rats-, Emährungs- und Wirtschaftsamt haben im Ehrenhof zwischen den Trüm­mern einfache Holzbaracken bezogen. Die Landespolizei bewohnt einige notdürftig geflickte Räume im rechten SeitenflügeL Bauarbeiter mauern am Kavaliersbau, um auch den bald wieder für «äie Behörden benutzbar zu machen.

Ebenfalls im Herzen der Stadt regt sich an allen Ecken und Enden neues Leben. Der vor der Vollendung stehende General­bebauungsplan sieht die Wiederherstellung der mittelalterlichen Innenstadt vor, wäh­rend der Durchgangsverkehr durch neue Straßen nach außen verlagert wird. So können die alten Straßenzüge von ihren seitherigen Anliegern bebaut und große Teile der „unterirdischen Stadt”, der Ka­nalisation usw., wieder verwendet werden. Schon sind einzelne Geschäftsleute an ihren Neubauten. Ein paar Monate noch, dann werden die ersten Läden in der völ­lig zerstörten Innenstadt wieder geöffnet sein. Dann hofft man, mit der Wiederin­standsetzung der teilbeschädigten Woh­nungen soweit fertig zu sein, daß wenig­stens eine Anzahl der vielen, in feuchten Kellern hausenden Familien in gesündere Räumlichkeiten übersiedeln kann. Noch harren in dem wieder 14 500 Einwohner zählenden Bruchsal über 1600 Familien der Unterbringung in neuen Wohnungen. Noch müssen 400 000 Kubikmeter Schutt beseitigt werden.

Das kulturelle Leben hat eich in die Randgebiete der Stadt verlagert. Zum

Glück haben die Steinquadern des wuch­tigen Paulus-Heimes der Pallottiner den Unglückstag heil überstanden. So ist der Saal dieses Herkommer-Baues zur Stätte der meisten Veranstaltungen geworden, wie in seinen Räumen auch das Gymna­sium eine Notunterkunft gefunden hat. In der Nähe des Bahnhofes geht, früher als die notwendigen Wohnräume, das statt­liche Palast-Kino seiner Vollendung zu.

Zum Neuaufbau des Schlosses allerdings reichen die Kräfte und Mittel Bruchsals nicht. Er müßte ein Anliegen des ganzen Landes werden. Die Stadt muß sich dar­auf beschränken, den Dienerbau als Be­hördenflügel wieder bewohnbar zu machen und die Orangerie ihrer alten Verwen­dung, als Sitz des Forstamtes, wieder zu­zuführen. Ihre Sorge ist es, den gerette­ten Teilen der Innenausstattung eine Not­unterkunft zu schaffen und die Ruinen im gesamten Schloßbereich vor weiterem Zer­fall 2 x 1 bewahren. S.

Der Bodensee wörtlich

Ein Beispiel neuer deutscher Lyrik

Wer liest denn heute noch Gedichte? Heute, wo geflüsterte Preise und kleine weiße Papierröllcben knisternd alles Inter­esse zu verschlucken scheinen? Gleichwohl, die Gedichtleser gibt es noch und gibt es wieder, Gott sei Dank. Sie gab es eigentlich immer, auch im Kriege die «stillen Ge­sichter in der Bahn, irgendwo in einem Warteraum, im Luftschutzbunker, ver­stohlen einen Band mit Versen in Händen, gute Gesichter zumeist. Menschen- gesichter, junge und alte die sich ein Stück Besinnung bewahrt hatten, einen winzigen eigenen Garten, aus dem sie nie­mand vertreiben konnte, kein Befehl, kei­ne Not, keine Katastrophe. Sie sind wie­der da, sind geblieben, was eie waren. Zahlreicher als gedacht müssen sie sein, denn wo immer ein neuer Gedichtband er­scheint, saugen eie die Auflage auf wie der Schwamm ein paar Wassertropfen-

Dabei ist der Name des Autors nicht ein­mal das Wesentlichste. Freilich, die Ken­ner sind nach wie vor auf der Jagd nach bestimmten Namen und Ausgaben. Sie wissen wohl die Spreu vom Weizen zu scheiden. Aber die anderen? Vielleicht sind sie für den folgenden Hinweis dankbar.

Denn da sind unlängst zwei bescheidene graue Pappbändchen bei Hans Dulk in Hamburg erschienen, „Die Silberdistel­klause” und „Das Weinberghaus” von Friedrich Georg Jünger (dem Bruder Emst Jüngers) dem wir schon einige wesent­liche Lyrik-Veröffentlichungen verdanken. Und es tut wohl, wieder einmal Gedichte zu lesen, die diesen Namen verdienen, ohne einem großen Vorbild sklavisch ver­pflichtet zu sein. Auf eine heiter glück­liche, glücklich machende Weise sind sie einfach da, bescheiden und unabsichtlich, natürlich gewachsen, pflanzenhafte Wort­geschöpfe in ihrem nur scheinbar regellos anmutenden Wuchs. Man wird ihrer un­versehens froh, auch ohne zu wissen, daß sie den Rhythmen des achtsilbigen Tro- chaeus gehorchen. (Eben das tun sie ganz unauffällig.)

Es geht hier um die alten Themen der Dichter, um Welt und Natur, um Vogelruf und Liebesspiel, um des Dichters Sendung, nicht ohne Selbstironie, feind jedem Pathos.

Wie Jünger eingangs bemerkt, spiegelt sich in ihnen die Landschaft des Boden­sees. .Alles Eigentümliche dieser Land­schaft, vor allem ihre atmosphärische Be­sonderheit, ist eine Mitgift des Wassers. Wer am Wasser lebt, kann sich dem Was­ser nicht entziehen: es übt seine Macht auf ihn, eine in allem Wechsel unveränder­liche Gewalt. Mir scheint, daß die Stimme des Wassers das Ohr übt wie keine andere, denn ich kann mich ihr nicht entziehen, und fern und nahe, leise und laut, hell und dumpf rinnt und rieselt sie in das Wachen und den Traum ein. Es ist die Wiederkehr in ihr, die das Ohr so melo­disch beschäftigt, und sie fordert den Vers heraus, der dem Gesetz einer rhythmischen

Wiederkehr folgt. Ich wünschte wohl, daß dieser Zusammenhang auch dem Leser deutlich werde, daß es mir gelungen ist, etwas von diesem Wassergefete in den Gang und Ton dieser Gedichte zu bringen.”

Ja, es ist ihm wirklich gelungen. Ein Beispiel:

Wie so leise ist der Abend,

Der sich auf die Wasser breitet.

Leise ist das Schilf am Abend,

Durch das still der Taucher gleitet.

Leise ist das rote Wölkchen,

Das so glänzend steht dort oben. x Leise tanzt der Mückenreigen,

Der im Röhricht sich erhoben.

Gleich der blauen Brust der Tauben Atmen leise nun die Wogen.

Sinkt die Sonne, kommt ein Schimmel Wie von Rosenholz geflogen. ,

Was die Worte nicht vermögen,

Das vermag wohl dieses Schweigen.

Ist es doch der Ursprung, zu dem Wortlos leise wir uns neigen.

Was nicht alles hast in Tages Lärm und Staub du unternommen? Wann denn wirst du, tmruhvolles Herz, einmal zur Ruhe kommen?

Wie da im sechsfach wiederholten Wört­chen „leise” (ein Wagnis übrigens), im doppelt wiederholten „Abend”, in der Vo­kalfolge der Anfangsverse die stete Wie­derkehr des Wellenschlags tönt, wie in den ersten «drei Strophen ein stilles Bild nach dem anderen sich entrollt, der Taucher im Schilf unter dem roten Wölkchen, dann der Mückenreigen über den Wogen (un­vergeßlich der Vergleich mit der „blauen Brust der Tauben”), schließlich der Roaen- holzschimmer der sinkenden Sonne — das ist mit beglückender Sicherheit sozusagen aquarelliert. Bildersatt, nicht gedanken­blaß, ist es so, als habe dem Dichter der von Ihm berufene „Wassergeist” selbst die Hand geführt, als spräche hier der Boden­ see wörtlich. Dr. Hannes Schmidt