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SUDKURIER
Freitag, 18. Juni 1918
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Debatten. Gegen die eine, die CDU , wird die Beschuldigung ausgesprochen, sie begünstige die Privatwirtschaft. Die Sozialisten auf der linken Seite des Parlaments müssen sich gegen die Auffassung wehren, sie strebten, wenn nicht theoretisch, so doch praktisch die Verstaatlichung oder ein neues wirtschaftliches Machtgebilde an, das von den Gewerkschaften beherrscht werde. Allen Debatten ist im übrigen gemeinsam, daß sie die schwierige Frage der Entschädigung nicht berühren. Hinzu kommt, daß die Mehrheit der Bevölkerung diese internen Auseinandersetzungen um den Besitz der Schlüsselindustrien nicht sonderlich beachten. Beobachter, die keiner Partei angehören, beteuern auch, daß der
Bergmann in Wirklichkeit ander« Sorgen habe als die Besitzform der Zeche, in welcher er arbeitet und seine Punkte verdient. Er verlange in erster Linie ein menschenwürdiges Dasein und damit allerdings auch einen menschlichen Arbeitgeber. Bei dieser Forderung übersieht er manchmal in dem Wunsch nach Beseitigung seiner alltäglichen Notstände, daß es bei dem Kampf um die Sozialisierung einmal um ihn selber, zum anderen auch um die wirtschaftliche Macht im Staate geht. Auf welcher Seite hier da« Schwergewicht liegt, das läßt die Bevölkerung am Rhein und Ruhr auch nach einem Jahre im Kampf um die Sozialisierung häufig unentschieden.
Canaris warnte die Norwegische Regierung
Bischof Berggrav entlastet von Weizsäcker
Nürnberg. Im Prozeß gegen die Wilhelmstraße trat der Chef der norwegischen Kirche, Bischof Berggrav , als Entlastungszeuge für den Angeklagten Ernst von Weizsäcker auf. Bischof Berggrav hatte Weizsäcker als deutschen Gesandten in Oslo kennengelernt und bezeichnete ihn als eine nMann, dem man vollkommen Vertrauen schenken kann. Der Bischof kam dann auf eine Zusammenkunft mit Vertretern der englischen Staatskirche in London im Jahre 1940 au sprechen, bei der auch höhere französische Geistliche vertreten waren. Damals wurde ein Dokument fertiggestellt, das Berggrav an die deutschen Stellen heranbringen und das als Grundlage für einen Frieden genommen werden sollte. In dem Dokument hieß es, daß das britische und fran zösische Volk nicht den Wunsch hätten, das deutsche Volk zu vernichten. Die Annahme dieses Dokumentes wurde von den obersten deutschen Kirchenstellen aus Angst vor den Nazis abgelehnt. Berg grav versuchte dann über den damaligen Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes, von Weizsäcker , das Friedensgespräch in Gang zu bringen. Obgleich auch dieser Versuch wieder mißlang, so habe Weiz säcker doch sein Möglichstes getan. Die deutsche Invasion wurde von Admiral Canaris, dem Chef der deutschen Abwehr, der mit Weizsäcker in Verbindung stand, den Norwegern im voraus mitgeteilt. Es sei sehr bedauerlich, daß die zuständigen norwegischen Stellen damals die Mitteilung des Admirals Canaris in den Wind geschlagen hätten.
Als Zeuge in eigener Sache sagte Weizsäcker aus, er habe von den Vernichtungslagern und „ähnlichen schauderhaften Vorgängen” erst durch die Alliierten in Rom erfahren. Die nationalsozialistische Lösung der Judenfrage sei ursprünglich als eine forcierte Auswanderung gedacht gewesen. Später, als niemand die Juden habe nehmen wollen, sei vom Reichssicherheitshauptamt vorgeschlagen worden, „alle Juden umzule gen". 1943 kam Weizsäcker als Botschafter an den Vatikan , und er habe es als seine Hauptaufgabe angesehen, die Kirche vor dem „Dritten Reich ” zu schützen.
Bei der Uebergabe an die Alliierten sei Rom fast völlig verschont geblieben, da Rom mit Zustimmung von Kesselring zur offenen Stadt erklärt wurde. In dieser Zeit habe er, Weizsäcker, den ehemaligen US -Botschafter in Berlin , Wilson,. und den Chef des amerikanischen Nachrichtendienstes, General Donovan, zwei alte Bekannte, wissen lassen, daß die Casablanca-Formel von der bedingungslosen Uebergabe die Deutschen zu verzweifeltem Widerstand treibe und daher noch manchem alliierten Soldaten das Leben kosten werde. „Ich habe mich damals nioht von Hitler losgesagt, obwohl ich es ohne besonderes Risiko hätte tun können. Ich war kein Drückeberger, ich wollte zur Stelle sein, wenn das lang Erwartete, die Entfernung Hitlers , eintrat”. Im Winter 1944/45 ließ Weizsäcker dem Newyorker Erzbischof und späteren Kardinal Spellmann durch den Prälaten Kaas, den Zentrumsführer vor 1933, ein
Memorandum über einen Frieden mit einem hitlerfreien Deutschland zur Weitergabe an Roosevelt überreichen.
Von Weizsäcker blieb nach dem Zusammenbruch im Schutz des Vatikans. 1946 wurde er als Zeuge für Großadmiral Raeder nach Nürnberg geholt und erhielt die Zusicherung freien Aufenthaltes in der amerikanischen und französischen Zone. Daraufhin siedelte er von Rom an den Bodensee über. Im März 1947 kam er wieder als freiwilliger Zeuge nach Nürnberg , und im Juli 1947 stellten die Amerikaner den Antrag auf seine Verhaftung und Auslieferung. Die französi schen Behörden besfäMgten ihm, daß sie nicht gegen ihn vergehen würden, sondern stellten ihm sogar ein Auto und einen Begleifoffizier für die Fahrt nach Nürnberg zur Verfügung. Dort wurde Weizsäcker dann verhaftet und unter Anklage gestellt.
Stuttgart . Der evangelische Landesbischof von Württemberg , Dr. Theophil Wurm , wandte sich in einer Erklärung gegen eine Stellungnahme des stellvertretenden amerikanischen Haiuptanklägers in Nürnberg , Dr. Robert M W. Kempner. Dieser hatte in der „Neuen Zeitung“ aus- geführt, es könne nicht oft genug wiederholt werden, daß diejenigen, die versuchten, die Nürnberger Prozesse zu diskreditieren, die Feinde des deutschen Volkes seien. Das von, Wurm vorgelegte Beweismaterial über Zeugenmißhandlung beruhe, so hatte Kempner geschrieben, auf Informationen von böswilliger Seite.
Der Landesbischof erklärte dazu in Stuttgart , er sei in den Augen der Nazis ein Landes- und Volksverräter gewesen und die Wiederholung dieses Vorwurfs
von amerikanischer Seite lasse ihn selbstverständlich ebenso kalt, wie damals. Es könne jedoch Amerikaner geben, die der Meinung seien, daß diese Art der Aus- j einandersetzung der Ehre der amerikani schen Nation nicht zuträglich sei. Er äußerte nochmals seine Bedenken gegen die Durchführung einiger der Kriegsverbrecher-Prozesse und erklärte, die Art der Zusammenstellung des Beweismaterials begegne „schwersten Bedenken“. Es sei bekannt, daß im vergangenen Krieg nicht nur Deutsche Kriegsverbrechen begangen hätten. Nur Torheit könne sich vor diesen Fragen einfach verschließen und sie als böswillige neufaschistische Propaganda abtun. Prestigefragen dürfte bei einer solchen Angelegenheit keine Rolle spielen, und es sei auch nicht nur klüger, sondern auch weit demokratischer, hierüber offen zu reden. Wurm erneuerte sodann seine Forderung auf Errichtung einer Berufsinstanz bei Kriegsverbrecher- Prozessen , unter Hinzuziehung neutraler Juristen.
GroBbrand in der Universität Heidelberg
Heidelberg . In der neuen Universität in Heidelberg brach am Mittwochnachmittags ein Brand aus. Während das Volkstheater in der Aula eine Probe zur .^Fledermaus“ veranstaltete, schossen plötzlich grelle Stichflammen im Hintergrund des Saales empor. Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit auf das ganze Gebäude. Rund 25 amerikanischen und deutschen Feuerwen- ren aus Heidelberg , Mannheim , Schwet zingen , Bruchsal ynd Umgebung gelang es, Herr des Brandes zu werden. Bis jetzt konnte ein Toter geborgen werden, während zwei Personen noch vermißt sind. Ueber die Brandursache ist bis jetzt noch nichts bestimmtes bekannt. Das Feuer ist nicht, wie ursprünglich vermutet, durch Entzündung der 4m Saal lagernden Filme entstanden, sondern wahrscheinlich durch eine von den Amerikanern sehr verstärkte Starkstromscheinwerferanlage.
Wirbelsturm über Konstanz Konstanz
. Kurz vor 20 Uhr wurde gestern Donnerstag die Stadt Konstanz von einem Wirbelsturm hedmgesucht, der verheerende Auswirkungen hatte. Der Turm der Altkatholischen Kirche wurde durch eine Boe heruntergerissen, dutzende von starken Kastanienbäumen und tausende von Ziegeln lagen in den Straßen. Das Wasser stand teilweise einen halben Meter hoeji. Auf dem See kenterten verschiedene Boote. Ein Sportangler wird noch vermißt.
Krach um Mitternacht
Berlin . Nachdem die letzte Sitzung der alliierten Kommandantur in Berlin anfänglich relativ ruhig verlaufen war, wurde die Sitzung unprogrammäßig abgebrochen, als der sowjetische Vertreter Oberst Jelisarow mit seiner Delegation kurz vor Mitternacht den Saal verließ. Nachdem man sich während der Diskussion über die Erhöhung der Lebensmittelration für die Berliner Bevölkerung geeinigt hatte, kam es über ein Protestschreiben der Freien Gewerkschaften gegen die Schließung ihrer Büros im amerikanischen Sektor zu einer erregten Debatte. Die anschließende Diskussion über einen Vorschlag zur Gehaltserhöhung für ganz Ber- . lin steigerte die Nervosität unter den Sitzungsteilnehmern. Gegen 23 Uhr erklärte der amerikanische Vertreter Oberst How- ley, es wäre besser, schlafen zu gehen, falls die Sitzung noch andauem sollte, würde ihn sein Vertrete: ersetzen. Daraufhin erheben sich die sowjetischen Delegierten und verließen geschlossen den Saal. Auf die Frage des Vorsitzenden, General Ganeval, über das Datum der nächsten Sitzung, antwortete Oberst Jelisarow; „Ich komme nicht wieder, bis ich nicht eine Entschuldigung von Oberst Howley habe.”
In französischen und sowjetischen Kreisen sieht man den Abbruch der Sitzung
Neues Verlagsschaffen am See
Zur Konstanzer Tagung der deutschen Buchhändler iu der französischen Zone
Spricht man von den Kulturinstituten einer Stadt, eines Landes oder einer Landschaft, so denkt man in erster Linie an Theater, an Orchester oder Hochschulen, kaum aber an Verlagsanstalten. Und doch darf gesagt werden: ein Buchverlag oder ihrer mehrere sind für das geistige Leben einer Kulturlandschaft mindestens so wesentlich wie ein Bühnenhaus oder Konzertinstitute.
Wir in Konstanz und rings am See dürfen mit Genugtuung feststellen, daß die verlegerische Arbeit hiernach dem Kriege nicht bloß wiederaufgenommen worden ist, sondern dank Verlagerungen infolge der Zerstörungen im Reich sich noch beträchtlich gesteigert hat. Seit langem geschätzte heimische alte Verlage, wie etwa die Oberbadische Verlagsanstalt Merk & Co, Kon stanz , der See-Verlag, Friedrichehafen, und andere haben rüstig ihre Tätigkeit. wieder aufgenommen, und solche, deren Name im Reich längst einen guten Klang hatte, ihr Hauptbüro hierher verlegt oder sind ganz an den See übergesiedelt. Erinnert sei etwa an den besonders durch seine buddhistischen Schriften bekannten Verlag Curt Weller & Co, der jetzt u. a. einen Novellenband von Theodor Plievier („Das gefrorene Herz”) herausbringt, zu seinen Autoren auch Robert Neumann, Colette, Paul Alverdes , Friedrich Munding, Otto Feger zählt und sich auch der badischen Heimatliteratur annimmt. Curt Weller , der seit 1936 am Bodensee arbeitet, bereitet übrigens mit Zustimmung der Witwe Romain Hollands und des Freundeskreises um diesen großen Franzosen die Herausgabe eines Romain-Roll an ds-Jahrbuches vor. Am See sitzt gleichfalls die Leitung des Johannes A s m u s Verlags. Konstanz - Leipzig . Eben legt er das fünfte Heft der „Quelle” vor, dieser repräsentativen, in Baden-Baden redigierten Zwei- monatszeitschrift für Theater, Musik und
Film, die zwar noch etwas unregelmäßig kommt (das neue Heft Ist schon Mitte März redaktionell abgeschlossen), von der jede Nunimer aber das äußere und innere Gewicht eines 200seitigen Buches hat, mit sehr (substantiellen Artikeln (im jüngsten Heft z. B. Moritz Lederers brillanter Essay über die Brüder Reinhardt , Max und Edmund) und stets mit der deutschen Uebersetzung eines französischen Dramas. Ihre Parallelerscheinung, im selben Verlage, ist „Verger”, Revue des spectacles et des lettres en Allemagne oceupee, die erste und einzige fremdsprachige Zeitschrift in Deutschland . M : .t Spannung sieht man dem Asmus-Buch „Anthologie der deutschen Meinung” entgegen, einer Uebersetzung des „Esprit”-Sonderheftes „Les Allemands parlent de 1’Allemagne”. Und der in München gedruckte Bildband „Birnau ” von Friedrich Schnack und Ham- macher wird den Ruhm eines Bodensee - Juwels weit in die Welt hinaustragen. Uebrigens darf man von Asmus bald auch die Lizenzausgabe der Neubearbeitung des guten alten Duden für die französische Zone erwarten. Vielerlei Kostbarkeiten hat auch der Süd-Verlag Konstanz angekündigt, und wenn er sie nun wohl demnächst uns vorlegt, werden sie gewiß das gleiche Gesicht zeigen wie seine beiden Zeitschriften, die „Erzählung” und die „Vision”: hohe Qualität im Geistigen wie im Bildmäßigen.
Ueberlingen ist der Sitz eines ebenso jungen wie regen und zielstrebigen verlegerischen Unternehmens: des Werner Wulff Verlages. Seine Produktion knüpft an das humane Bildungsgut des Mittelalters an, behält aber stets die Gegenwart im Auge und sucht mit jedem der Verlagszweige, der Belletristik und Lyrik wie der Kunst und Kulturgeschichte, mit der Philosophie wie mit den Büchern de9 Zeitgeschehens die geistigen und wirtschaft-
für nicht mehr als einen persönlichen Zwischenfall an. In Anbetracht der gespannten Lage in Berlin ist es jedoch nicht ausgeschlossen, daß dieser Vorfall evtl, weitere Folgen nach sich ziehen könnte. Die einzelnen Komitees der Kommandantur arbeiten weiter.
Der Kommandanturstreit spiegelte nur im kleinen den Zwiespalt der Besatzungsmächte über das deutsche Schicksal wieder. Zur Erschwerung einer Vereinigung aller Zonen Deutschlands tragen auch die neuen „Maßahmen gegen Unregelmäßigkeiten bei der Ausstellung von Interzonenpässen” bei, die das Blatt der Roten Armee, „Die tägliche Rundschau", heute veröffentlicht. Die Kontrolle hat gezeigt, so schreibt das Blatt, daß ein bedeutender Teil der Pässe in den Westzonen und den westlichen Sektoren von Berlin ohne ausreichende Begründung und in Verletzung der Kon- trollratdirektiven ausgestellt wird. Den großen Umfang derartiger Verletzungen zeigt die Tatsache, daß die Zahl der ungesetzlich verteilten, falsch ausgestellten oder fiktiven Interzonenpässe an den Kontroll- tagen bis zu 40% der gesamten überprüften Interzonenpässe betrug. Aus den Anordnungen selbst ist im Augenbilck noch nicht zu ersehen, wie sich der künftige Interzonenverkehr abwickeln wird.
Lehen Mächte der Gegenwart uns dienstbar zu machen, schlägt Brücken nach dem Auslande und ruft die junge Generation zur Selbstbefreiung auf, zur Gestaltung eines weltweiten europäischen Lebensgefühls. Sehr glücklich ist die Kunstproduktion des Verlages mit Lauterwassers schon bis ins Ausland berühmt gewordenen „Madonnen am Bodensee ” und mit desselben Lichtbildners „Rathaussaal zu Ueberlingen” vom Heimatbezirk des Bodensees ausgegangen, und man darf sagen: insbesondere diesen Rathaussaal kennen wir erst jetzt ganz, seit die hervorragenden Aufnahmen uns d : e herrliche Lebensnähe der alten Plastiken enthüllt haben. Auch vom Heiligen Grab zu Konstanz wird der Verlag uns in Lauterwassers Aufnahmen die erste umfassende moderne Bilddarstellung geben. Eine große Monographie der Reichenau ist ebenfalls in Vorbereitung Nur ein paar Autorennamen mögen die schon erschienene oder in Vorbereitung befindliche Belletristik kennzeichnen: Erich Ebermayer („Befreite Hände”!), Paui Gurk, Maria Gleit (von ihr auch die schon in vielen Sprachen verbreiteten Jugendbücher), Jean Berstei, Alfons Woelfle. Die dreibändige Wedekind - Biographie von Arthur Kutscher wird in Neuauflage erscheinen, Plievier („Stalingrad ”) und Friedrich Wolf in Lizenzausgaben für die französische Zone, dann Homers Odyssee in der Uebersetzung von Albrecht Schaef- fer, von dem auch eine fünfbändige „Schöpfungsgeschichte des Menschen” geplant ist. Die „Kleine Reihe” bringt Autoren aus der ganzen Welt, besonders junge.
Schließen wir diese sehr skizzenhaften Andeutungen mit einem Worte Tolstois an Romain Rolland , das der Werner Wulff Verlag sich zur Richtschnur seiner Arbeit gewählt hat und das heute über jedem neuen verlegerischen Schaffen stehen sollte: „Alles, was die Menschen eint, ist das Gute und Schöne, — alles, was sie trennt, das Böse und Häßliche”.
DIE MEINUNG DER PARTEIEN
Plan „A“
Als Demösduland die Gestaltung seiner Geschichte einem „Führer" übertrug, ftabe das adrwedisdie Volk seine Regierung den Sozialdemokratie übertragen, sagte Axel Granat, der Vertreter der schwedischen Sozialdemokratie auf dem Parteitag der SPD in Nürnberg am letzten Sonntag, der dem Plan „A" dem Aufbauiplan der SPD gewidmet war. Der Plan sieht den Aufbau von 100 000 Wohnungen in Bayern innerhalb von drei Jahren vor. Zur Finanzierung dieses Planes «ollen diejenigen, welche eine Wohnung haben, sich an der Bezahlung der Neubauten beteiligen, der atte Hajusbesitz soM mit einer gesetzlichen Vermögensabgabe belastet werden. Zur Durchführung des Planes förderte der ehemalige baye rische Wirtsebaitsmini'ster Zorn ein Enttrümme- nmgsgesetz, ein Gesetz zur Schaffung von Baugelände und ein Gesetz für düe Verwendung der vorhandenen Maschinen und Geräte .nach creme ra- nützig&n Gesichtspunkten
Aufbau-probleme, wenn auch mehr moralischer Art behandelte auch der Tag der „Falken“ in Herne , auf dem der Generalsekretär der Union sozialistischer Jugendverbände die Worte sprach: „Die Hoffnung, die wir bei Kriegsbeendigung hatten, ist zerbrochen. WiT hatten geglaubt, daß die Zusammenarbeit der Siegermächte sich auch in Friedenszeiten durchsetzen könne. Wir haben aber gesehen, daß die Zusammenarbeit nicht er folgreich war“ und er spielte dabei darauf an. daß die Aufnahme Deufüschllands sozialistischer Jugend in die Union 1946 an dem Einspruch der osteuropäischen Staaten 6 <heiterte Nun aber hat sich diese Situation insofern geändert, als die osteuropäischen Länder sich aus der Union zurückgezogen haben. Es gibt, wie der „Falkenkurier" schreibt, aber doch etwas, was sich bitter in unsere Freude mischt, daß niun im Mai auf der Sitzung der internationalen JugendvertTeter in Nürnberg beschlossen wurde, Deutschland auf- zUnehmen: die Tatsache, daß unsere Aufnahme zusammenfällt mit dem Verlust der Freiheit für große ost-europäische Verbände, deren Leite» heute zium Teil unter utns als Emigranten leben müssen.
Die nun zu Tatsache gewordene Spaltung der europäischen Sozialisten aber zeigte sich, am schärfsten in der gleichzeitigen Abhaltung je eines „Soziailisten-Kongresses" in Wien und War schau , die zweite Spaltung, nachdem sich nach dem ersten Weltkrieg die erste Spaltung, die zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten vollzogen hatte.
In der Schilußieso-liution der Wiener Tagung wurde die Wiedereinbeziehung Deutschlands in däe europäische Völkergemjeinscbaift unid die europäische Produktion als eine der wesentlichsten Bedingungen für den Wiederaufbau unseres Kontinents und die Wiederherstellung des Gleichgewichtes • der Kräfte in Europa bezeichnet. Sie sei Bedingung für die Hebung des europäischen Lebensstandards und für die Möglichkeit, daß Eu ropa in der Weilttwürtsdnaft einen Platz einnehmen könne, der Europas Kräften unfd Fähigkeiten entspräche. Die Teilung Deutschilands in eine Unzahl kleiner politischer Einheiten wäre mit der Vereinigung Europas nicht zu vereinbaren. - „Die internationale Sozialistemkonferenz sieht in einem vereinten demokratischen Deutschland auf der Basis eines bundesstaatlichen Systems, das vom deutschen Volke in Freier Wahl gebildet wird, und in dem Preußen nicht mehr eine Vormachtstellung einnimmit, den entscheidenden Faktor für dtte Verwirklichung des Friedens“. heg
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Bankrott der Zwangswirtschaft
Das ist heute Allgemeingut geworden: Wenn von Zwangswirtschaft gesprochen wiiti, laufen die Leute rot an. Sie haben sie kennen gelernt, ‘diese Zwangswirtschaft, die Erzeuger, die Verteiler und die Verbraucher. Und das Ergebnis ist der Wunsch: Zum ‘Teufel mit aller Zwangswirtschaft! Es gab im Lauf der Jahre immer mehr Gesetze und ganze Armeen von Beamten zur ; Bewirtschaftung. Mit dem Erfolg, daß immer 1 weniger erzeugt, daß „der Schwund“ bei der ! Verteilung immer größer und der Verbraucher i immer armseliger wurde. WiT sind jetzt eo ziem- | lieh auf dem Tiefstand amgelangit unid man gibt ganz offen zu: Die Zwangswirtschaft hat Bank- I rott gemacht.
Nicht allein aus materieller Notwendigkeit. Wb keine Backsteine sind, kann weder die sozialistische Zwangswirtschaft, noch privates Unternehmertum Häuser bauen. Aber, müssen wir doch fragen, sind wir nicht auf ein Göleise gekommen, auf dem private Interessen zum vorne- herein ausgeschaltet werden? Als ob diese Korruption bedeuteten, die man doch Tag für Tag als notwendige Nebenerscheinung der Zwangswirtschaft vor Augen hat. Also umgekehrt wird ein Schuh daraus: Je mehr Einengung privater Interessen, also je mehr Zwangswirtschaft, desto mehr Korruption, Umgehung der Gesetze und desto geringer der Nutzeffekt, das heißt die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen. Je weniger Reglementierung, desto wirksamere Entfaltung aller Leistungen, desto mehl Freude an der Tat und am Leben desto mehr Bereitwilligkeit, das Unerläßliche freiwillig zu tun, was durch Gesetze und Polizei widerwillig oder gar nicht getan wird. Wir müssen um davon frei machen von der Organisierungskrankheit, denn sie entfaltet nicht, sie erstickt, mach den Staat und die ganze Demokratie als Zwangsan- stal't verhaßt, läßt einen Staat kn Staate heranwuch- sQn, der leben will und 1 nur durch immer neue Reglementierungen leben kann. Die lebendige Zelle der Werte schaffende Bürger stirbt dabei ab oder will mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Der unorganisierte, nicht greifbare Staat wächst neben dem offiziellen ins Ungemessene und wird mächtiger a*ls dieser: Au» Protest gegen den Paragraphenomsinn, dem man mit keiner Polizei und Uebeipolizei Geltung verschaffen kann. Und aus Notwehr. Denn wir wären ja alle miteinander schon gestorben, wenn wir nach den Verordnungen und Zuteilungen gelebt hätten. Man kann eben den Mienschen mit seinen privaten Interessen nicht wegdisputieren, also entfalte man seine Kräfte, fördere sie, laß 6 ie vor allem gewähren, solange es geht, lasse der verdoppelten Mühe ihren Lohn —* solang mehr erzeugt und die lebensnotwendigen Interessen der Gemeinschaft nicht geschädigt werden. Dann allerdings muß deT Staat mit drakonischen Mitteln eingreifen. Aber eben nur dann. Und 1 dieses insgesamt ist der liberale und demokratische Staat, in dem nicht kunstvolle Organisationen mit einem riesigen Apparat, nicht Sekretäre und Aufpasser das Wesentliche 6 ind, sondern die Bürger, die leben und arbeiten wollen und dazu das Recht haben. Sie werden arbeiten, sogar mit größter Freude, wenn man sie. nur arbeiten läßt und die Arbeit wieder einen Sinn hat. Los von der Organisiererei, dieser erstickenden Zeitkranikheit! Dazu braucht man nicht einmidi eine neue Organisation, denn alle stimmen begeistert bei, Arbeiter und Unternehmer, Hand- und Kopfarbeiter. Nur die Nichtstuer nicht. Darauf k-amn man es also ankommen lassen. Mdg
Auch der Volksrat hat Bedenken
Berlin . In einer von den drei Vorsitzenden Pieck, Nuschke und Kästner Unterzeichneten Erklärung wendet sich das Präsidium des Deutschen Volksrates gegen die Empfehlungen der Londoner Sechs mächtekonferenz zur deutschen Frage. Das für alle Besatzungsmächte bindende Potsdamer Abkommen, das seinem völkerrechtlichen Charakter nach einen R^chtsspruch des deutschen Volkes darstelle, stehe zu diesen Empfehlungen in allen Punkten in Widerspruch, da an Stelle eines Ueber- gangsregimes zur Errichtung einer ungeteilten deutschen Republik die Absicht einer endgültigen Zerreißung der deut schen Einheit trete. Es wird betont, daß an der Londoner Erklärung deutsche Stellen nicht beteiligt seien.
Das Ergebnis des Volksbegehrens
B e r i i n. 13,1 Millionen Stimmberechtigte haben sich für das Volksbegehren zur Einheit Deutschlands eingetragen, meldet die sowjetisch lizenzierte Nachrichtenagentur ADN. Damit sei die zur Be-
Meisterkonzert Prof. Wilhelm Kempff Wilhelm Kempff
spielte. Anderes hat die Kritik nicht zu vermerken angesichts dieses Spiels von höchster klanglicher Konzentration, von geistbeseeltester, unerhörtester Ausdruckskraft, eines Spiels, in dem musikalisch alle Brunnen der Tiefe aufbrechen und 3.1 einer Flamme 8 m- porlodem, die ein stilistisch bis ins kleinste Atemteilchen schöpferisch gestaltetes, mit letzter GoKdschmiedekunst ausziseliertes herrliches Ktanggebilde über den verzückten Zuhörern ver- schweben läßt. Alle Virtuosität, ist hier Stil, und Stil ist Geist geworden. Die Idealität der Phrasierung gewinnt durch eine Skala aller erdenklichen Anschlags-Schattierungen jene leuchtende Durchsichtigkeit, die letzte musikalische Geheimnisse entschleiert. Hände 1s „Chaconne" erstand in majestätischer Großartigkeit die Badi schen ChoralvoTSpiele waren in ihrer schlichten Innigkeit „de profumdis" gestaltet, und Beetho vens Es-dur-Sonate op. 31 trug ln ihrer packenden Durchformung den Charakter unmittelbarer Seelen-auesprache. Selbst Liszis hohles und leeres Petrarca -Sonett wußte unter diesen Händen 6 eine spärlichen Blüten zu entfalten, gewaltig und atemraubend aber war das riesengroße, immer gigantischer werdende Schreiten des „hl. Franziskus" über die Wogen. Des Pianisten eigene, viersätzige g-moil-Sonate op. 47 (19451 bewies in ihrem geschickten Eklektizismus, der alte Formbereiche von Bach bis zu Liszt , Busoni und Debussy streifte, nur die Wahrheit des alten Satzes, daß ein großer Interpret — wir denken dabei auch an Furtwängler und seine Symphonien — nicht ein großer Komponist zu sein braucht. Den immer wieder begeistert hervorbrechenden Beifall der sehr zahlreichen Zuhörer des St. Johann-Saales quittierte der Künstler durch drei Dreingaben von Chopin , Mozart und Brahms . Dr. G. Lenzinger
KULTUR UND LEBEN
Mittelalterliche Kunst wird auf eines Ausstellung vom 3. Juli bis zum 15. August im Augustinermuseum in Freiburg gezeigt / Die Französische Kulturwoche in Nürnberg wurde verschoben. / Die Münchener Staatsoper wurde in Lissabon mit großer Herzlichkeit begrüßt. Sie spielte Wagner / In Kopenhagen gab es bei der Gründung der deutschen Sektion des Pen- Klubs hefiige Debatten. Die Deutschen fanden die Unterstützung eines Juden aus Palästina und eines Hindu und wunden schließlich zugeiessen.
antragung eines Volksentscheides notwendige Zahl um fast das dreifache überschritten, wenn die Zahl von 45 Millionen Stimmberechtigten in Deutschland zu Grunde gelegt wird. In Berlin haben sich 756 000 Menschen in die Listen eingetragen, was 25% der Berliner Gesamtbevölkerung entspricht. Während in der amerikanischen und französischen Besatzungszone bekanntlich das Volksbegehren nicht zugelassen war, wurden im Ruhr gebiet über 750 000 Stimmen gesammelt.
Volksentscheid über Südweststaat?
Karlsruhe . Der Landesparteitag der CDU Nordbadens forderte in einer Entschließung die Durchführung eines Volksentscheids über die Bildung eines südwestdeutschen Staates, der Nordwürttemberg , Nordbaden, Südbaden , Südwürttemberg und Hohenzoliem umfassen soll. In einer Entschließung billigte der Parteitag die bisherige entschlossene Haltung der Landtagsfraktion in dieser Angelegenheit.
/ Im vergangenen Jahr sind in Paris 13 Millionen Kinokarten weniger verkauft worden. / In Venedig wurden von einer internationalen Jury 3000 Kunstpreise an Künstler von 15 Ländern verteilt. Ein Deutscher ist nicht darunter.
Der S ü d w e s t d e u t s ehe Kulturring, der in Baden-Baden seinen Sitz hat, hält vom 18. bis zum 20. Juni in Ueberlingen seine Mitgliederversammlung ab. Am 18. unid 19. linden in Ueberlingen Arbeitstagungen und Neuwahlen statt. Am 20. Juni werden «ich die Mitglieder an den Veranstaltungen des Börsenvetein® in Konstanz beteiligen.
Der geheimnisvolle Mitarbeiter. Den französischen Dichter Vercors , der z. Zt. in Deutschland weilt, verschiedene Veranstaltungen autäl in Konstanz zu sprechen, sah während des Krieges nur eine einzige Person, diese Person war Herr Desvignes, der Verbindungsmann zwischen Vercors und den „Editions de Minudt“. Vercors erschien nie zu den geheimen Zusammenkünften der Autoren der „Edition« de Minuit". Er saß irgendwo auf dem Lande. Wo, wußte nur ein Herr Desvignes. Herr Desvignes, der einer der eifrigsten Mitarbeiter der „Editions de Minuit“ war, holte die Manuskripte bei Vercors ab und brachte ihm auch die Korrekturabzüge. Dieser Vercors sei ein schwer au behandelnder Herr, sagte er, Desvignes hieß in Wirklichkeit nicht Desvignes. ln 'Wirklichkeit hieß er — Jean Brullei, genau wie Vercor.s. Erst nach der Befreiung erfuhr man, daß Desvignes und Verctxns identisch waren.
Die völker-verbindende Kunst. General Clay eröffnecte in München eine Ausstellung der 54 Gemälde alter Meister, die aus den USA zurückgekehrt sind. Werke von Dürer , Holbein, Raffael, Rembranldt, Verroccio und Botticelli
Bassermann spielt den Striese. Bassennann will am Wiener Volkstheater den Striese im „Raub der Sabinerinnen'' spielen. Er spielte ihn schon vor Jahren einmal und selzte die Welt in Erstaunen, wie er diesen alten SdnmerendtTektOT mit eo viel menschlichen Zügen ausstatteite, daß man erschüttert war. Es trat dabei deutlich zu Tage, was durch große Schauspielkunst aus einer Figur zu machen vermag, die im allgemeinen nur mit oft recht billiger Komik dargestellt wird. Natürlich gehört es zum Siil Bassermauns hierbei eiles Sensationelle zu vermeiden und die Wirkung im Menschlichen zu suchen.