Donnerstag, 12. Mal 1946

SÜDDEUTSCHER

HEIMATKURIER

Nr. 50 / Seite 3

Tante Bertas Sdiweizerreise

Oder: Vlor den Erfolg haben die Götter

Tante Berta, 76 Jahre alt, ledig, unbe­scholten, wohnhaft in St. Sie hat viele Jahre ihres Lebens als Sekretärin treu und brav ihre Pflicht getan. Jetzt lebt sie von ihrer bescheidenen Altersrente in einem kleinen Dachkämmerchen. Ver­gangene Weihnachten brachte ihr die Post einen mit Schweizer Marken fran­kierten Brief, in dem es u. a. hieß: .so

Ciaden wir Dich für vier Wachten zu uns ein. Komme bitte so bald als möglich." Tante Berta ist selig. Eine Schweizer­reise! Der schönste Traum ihres Lebens wind noch in Erfüllung gehen! Sie hatte es ja immer * gewußt, ihre Kusine in Zürich würde sie nicht vergessen!

Der Weg in das auf einer Anhöhe ge­legene Schweizer Konsulat ist keine Kleinigkeit für ihre altersmüden Beine. Aber sie schafft es. Die Vorfreude be­flügelt ihre Schritte. Nach längerem War­ten teilt man ihr mit, sie müsse zunächst die Zustimmung der Züricher Fremden- pclizei beibringen.. 14 Tage später ist es so weit Erneut eilt sie zum Konsulat und legt das Schreiben der Fremdenpolizei vor. Man drückt ihr jetzt eine Menge Fragebogen in die Hand und verlangt eine Bescheinigung des Gesundheitsamtes, daß sie nicht an ansteckenden Krankheiten leidet. Beim Gesundheitsamt wird ein besonderer Termin für die ärztliche Untersuchung festgesetzt. Als „Unter­suchungsgebühr“ sind 3,— DM zu ent­richten. So vergeht der Monat Januar. Bei einer dritten Vorsprache auf dem Konsulat verweist man Tante Berta an das Bürgermeisteramt. Hier wird zu­nächst die Zustimmung der Züricher Fremdenpolizei beanstandet. „Die ist ja nur für fünf Wochen ausgestellt! Wenn Sie nicht mindestens eine Zustimmung für einen Zweimonatsaufenthalt beiibrin- gen, können Sie keinen Paß bekommen.“ Nach weiteren 14 Tagen trifft das ge­wünschte Schreiben aus Zürich ein.

Alls ehemalige Sekretärin hat Tante Berta Erfahrung in Fragebogen. Aber einen Fragebogen von solchem Umfang, wie er beim Bürgermeisteramt auszufül­len ist, hat sie noch nie gesehen. Ueber Eltern und Großeltern werden besonders genaue Angaben verlangt. Nur die „ari­sche Großmutter“ ist nicht nachzuweisen. An ihre Stelle tritt der Spruchkammer­bescheid. Dieser muß von einem Verviel- fältigungsfoüro mehrfach abgeschrieben (Kosten 1,— DM) und danu von der Polizei für 6,—, DM beglaubigt werden, i

die Bürokratie gesetzt

Der lange Fragebogen will zwar nfcht wissen, daß Tante Berta frei von an­steckenden Krankheiten ist, dafür aber, daß sie wegen .ihrer angegriffenen Ge­sundheit eine Kur in der Schweiz drin­gend nötig hat. Sie begibt sich also in die Sprechstunde Ihres Hausarztes und läßt sich ihre „chronische Bronchitis“ be­scheinigen. Das ärztliche Zeugnis ist natürlich nicht umsonst. Dann muß sie erneut zum Gesundheitsamt wandern, um sich wieder etliche Bestätigungen, u. a. auch ein sog. Affidavit geben zu lassen. So vergeht auch der Februar.

Nun kommt das polizeiliche Führungs­zeugnis an die Reihe. Tante Berta ist in Ulm geboren. Sie ist zwar seit ihrem zehnten Lebensjahr nicht mehr in der Donaustadt gewesen; aber das spielt keine Rolle. Die Polizei muß zunächst in Ulm anfragen. „Kommen Sie in einigen Ta­gen wieder.“ Tante Berta kommt in einigen Tagen wieder. Natürlich >ist noch ! keine Antwort aus Ulm eingegangen, j Zwei weitere Nachfragen sind ebenfalls erfolglos. Als sie sich erlaubt, darüber I ärgerlich zu werden, sagt man ihr: „Seien Sie froh, daß Sie kein Ostflüchtling sind. Wir müßten sonst nach Berlin schreiben. Das dauert jedes Mal vier bis sechs Wochen“. Zuletzt müssen noch die Fotos beschafft werden. Verlangt sind drei Brustbilder, von vorne aufgenommem, die alle „besonderen Merkmale“ deutlich er­kennen, lassen. .So ist Tante Berta auch im März emsig mit ihren Reisevorberei­tungen beschäftigt.

Kurz vor Ostern stößt sie einen Jubelruf aus: Sie hat ihren Paß mit der Zustim­mung der Militärregierung erhalten. Jetzt noch rasch auf das Konsulat wegen dem Visum und dann „Ostern in Zürich !“

Da bringt der Postbote wieder einen Brief von der S"' weizer Kusine. Tante Berta öffnet und liest: .. Jetzt sind vier Monate seit meiner Einladung an Dich vergangen. Und Du bist nicht gekommen. Erst vor 14 Tagen habe ich eine Ein­ladung an Fräulein van Pomme in Rotter­ dam geschickt. Ich dachte natürlich, auch bei ihr werden Monate vergehen, bis sie die Papiere beieinander hat. Aber stelle Dir vor, sie ist bereits gestern hier ein­getroffen und will den ganzen Scmmer über bei uns bleiben. Wir können ihr diesen Wunsch natürlich nicht abschlagen. Damit ist nun unser einziges Gastzimmer besetzt. Du weißt ja, auch bei uns in

Trümmersilhouette, Frühling und See

Friedrichshafen rüstet zu

Ein Frühlingstag in Friedrichshafen könnte symbolisch sein für die Trümmer- Romantik unserer Tage. Da wuchert fri­sches Grün zwischen den aufigerissenen Fundamenten abgebrannter Häuser, For­sythien und Kirschblüten leuchten neben Mauerresten, und wer ein pi achtvolles Alpenpanorama und den herrlichen Blick über den Bodensee genießen will, ersteige eine der unzähligen Schutthalden hinter rauschenden Birken. Bizarre Trümmer­idylle mit bunten Sonnenschirmen als Kulisse kleiner Cafehäuser locken zum Verweilen.

Kann Friedrichshafen , die einstige Me­tropole des Schwäbischen Meeres, für alle diese Unzulänglichkeiten? Natürlich nicht. Dennoch wäre es an der Zeit, die gröb­sten Unebenheiten zu beseitigen. Wie’s scheint, macht man einen Anfang. Wer mit dem Schiff kommt, bemerkt schon von weitem die eigenartige Silhouette der Pfarrkirche, von der die beiden Mauern des Turmheimes noch stehen, während der eigentliche Dachstuhl seiner Vollen­dung entgegengeht. Innen herrscht kahle, weiße Tünche. Die kalte Atmosphäre, die keine Andacht aufkommen lassen will, könnte stellvertretend stehen für das Fluidum, das Straßen und Anlagen der Stadt ausströmen.

Die Stadtverwaltung Friedrichshafens hat es nicht einfach. Im Grunde genom­men ist das Terrain der Stadt im letzten Jahrzehnt mehr und mehr Landschaft der Industrie geworden und nicht Land­schaft der Maler und Dichter, wie sonst

festlichen Bodensee tagen

kreisen über dem Trockendock, der Hebe­kran keucht, und drüben macht gerade ein Schiff des Eisenbahntrajektes halt, der Waggons, sechs an der Zahl, vom schwei­zerischen Ufer holte.

Im Innern der Stadt fallen Verkehrs­polizisten mit weißen Hauben auf; sie stehen an den Straßenkreuzungen und überwachen den Verkehr. Wirklich mo­dern ist diese Stadt geworden, und die einstige Altstadt, heute ein Trümmerhau­fen, will nicht mehr recht Mittelpunkt sein. Der Akzent hat sich verschoben, von den historischen Bauten und ihrem Nim­bus zu den arbeitenden Fabriken, von den Parks und Anlagen zum geschäftigen Treiben des Hafenviertels, von der alten Pfarrkirche zum unzerstörten modernen Klinkerbau mit dem Kreuz auf dem fla­chen Turm. Aber vielleicht ist das gar nicht einmal so abwegig ... W. S.

der Schweiz herrscht Wohnungsnot. Zu meinem allergrößten Bedauern muß ich daher die Einladung an Dich zurück­nehmen. Hoffentlich kannst Du Dich auch anderwärts...“

Tante Berta läßt den Brief sinken. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen.

Der Amtsschimmel aber wiehert Denkt er vielleicht an die 60.— DM, die Tante Berta nutzlos für Gebühren und Auslagen bezahlt hat? O nein! Im Gegenteil! Er hat gehört, daß die Vorschläge wegen der Reiseerleichterungen in die Nachbarländer einer Unterkommission „zur weiteren Nachprüfung“ übergeben wurden. Sie sind also für lange Zeit begraben. Und das beruhigt ihn. kW.

Wo sind die Stalingrad -Kämpfer?

Im Entlassungslager Ubn sind seit dem 2 , /ijährigen Bestehen dieses Heimkehrer­lagers bisher 360 Transporte eingetroffen, die insgesamt 103 615 Heimkehrer um­fassen. Von den entlassenen Kriegs­gefangenen kamen 52 038 aus Rußland , darunter befanden sich 280 Frauen. Dabei ist besonders auffallend, daß seit Be­stehen des Heimkehrerlagers Ulm dort nur etwa 50 Stalingrad-Kämpfer einge­troffen sind; das bedeutet, daß ein Ueber- lebender von Stalingrad auf 1000 Ruß­landheimkehrer kommt. Das Rote Kreuz in Ulm eihielt bei der Heimkehrerbefra­gung über das Schicksal von Kameraden in den letzten Kriegstagen oder in der Kriegsgefangenschaft insgesamt 26 339 Todesmeldungen. Das bedeutet bei rund 52 000 Rußlandheimkehrem, daß jeder zweite Rußlandheimkehrer eine Todes­nachricht mitbrachte. 8 230 Rückkehrer dagegen brachten Nachricht über bisher von ihren Angehörigen als vermißt an­gesehene Kriegsgefangene.

Eier in luftiger' Höhe

In Karlsruhe-West, unweit dem großen grünen Garten einer Klinik, hat sich in luftiger Höhe auf einem Balkon Am dritten Stock ein Höhenhühnerhof aufgetan, der einem Großstadtbauem auch im Zeichen der endlich wiedergeschenkten Eierfrei­heit eine bemerkenswerte Dividende auf seinem Emährungssektor in die Pfanne haut. Dieser Mann ASt ein Praktikus, der das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden weiß: Er spart den Wecker, denn sein Hahn kräht frühzeitig vorm Schlafzimmer. Er selbst atmet Landluft und erfreut sich seines Dorfidylls vor der Türe. Andererseits lebt sein Geflügel un­ter günstigen klimatischen Bedingungen: Es wird nicht lungenkrank dank der Warmluftzufuhr aus dem Schlafzimmer. Die Höhenluft wirkt sich günstig aus, auch auf die Legetätigkeit.

Bayern sperrt die Grenze

Die bayerischen Grenzpolizei-Posten an der österreichischen Grenze wurden ver­stärkt, um eine Masseneinwanderung von Volksdeutschen Flüchtlingen und ver­schleppten Ausländem aus Oesterreich zu verhindern. An einem einzigen Tage woll­ten 1400 Volksdeutsche Flüchtlinge die Grenze überschreiten, um aus Oesterreich in die französische Zone Deutschlands aus­zuwandern. Die bayerische Flüchtlings- Verwaltung befürchtet trotz der verschärf­ten Grenzkontrolle einen täglichen Zustrom von 1200 illegalen Grenzgängern aus Oesterreich . Unter den verschleppten Aus­ländern und den Volksdeutschen ist in Oesterreich eine Panikstimmung entstan­den, weil die Wiener Regierung die Fi­nanzierung der Flüchtlingslager seit dem 1. Mai gestoppt und ihre weitere Betreu­ung der amerikanischen Flüchtlingsorga­nisation IRO übertragen hat.

BLICK ÜBER DIE GRENZEN

Sdbatfbauseii. Zugunsten des Kantons Schaff­ hausen und der Naturforschenden Gesellschaft ist das Romser Moos im Grundbuch aüs Naturschutz« gebiet eingetragen worden. Es umfaßt etwa 7,5 Hektar; der sumpfige Boden enthält über 40 zum Teil sehr seltene Pflanzenarten.

Aarau . Mit Rücksicht auf eine Scharlach-Epi­demie ist der Schulbeginn für sämtliche städti­schen Schulen in Aarau um 14 Tage, d. h- bis zum 16. Mai hinausgeschoben worden.

Chlasso. Nach statistischen Angäben hat der Schmuggel an der Südgrenze der Schweiz im er­sten Jahresviertel 1949 wahre Rekordaiffern er­reicht. Die Südgrenze ist in ,,Zonen” eingeteilt, in denen nur bestimmte Waren geliefert werden. Die verschiedenen Grenzabschnitte 6ind aus­schließlich für die einheimische Bevölkerung „re­serviert", die von Schmugglern aus anderen Ge­bieten keine Transaktionen auf „ihrem" Terri­torium duldet. Im Bezirk Ghiasso werden aus­schließlich Rauchwaren und Lebensmittel ge­schmuggelt, im Grenzgebiet von Brissago blüht der Schokoladenschmuggel, während bei Do-mo- dossola der weniger harmlose Rauschgiftschmug­gel, verbunden «mit Rauchwaren, betrieben wird. Das Simplongebiet ist bevorzugte« Terrain für den Autoschmuggel: Schweizer kaufen in der Schweiz amerikanische Wagen, passieren die Grenze und überlas&en die Auto« dann dem italienischen Auf­trag- oder Geldgeber. Im Zeitabschnitt Von dre: Monaten sind so 411 amerikanische Autos nach Italien geschmuggelt worden, während an der Gren«ze von Ventimigüa, dem Stoff- und Parfüm.* Zentrum des Schmuggels, für rund 10 Mill- Lire Parfümwaren nach Italien gebracht wurden. Der RaucfowaTenschmuggel bei Chiasso erreichte che Höhe von 12 Zentnern Zigaretten; am Lago Mag­ giore passierten 130 Ztr. Schokolade „schwarz" die Grenze.

Innsbruck . Die Tiroler Fremdenverkehrsverwal­tung hat bei der Oesterreichischen Bundesregie­rung und bei den französischen BesatzungsbehOr­

den Vorstöße unternommen, um Paßerleichterun­gen für die „Rucksacktouristen " aus Deutschland au erreichen, deren weiteres Ausbleiben den Zu­sammenbruch der Tiroler tBeherbergungsbetriebe herbeiführen müßte.

Salzburg . Nicht nur manche Menschen, auch die Hunde 6iad 1 a letzter Zeit hier bissiger ge­worden. Zahlreiche Fälle ereigneten sich in den vergangenen Wochen, wo Zusteller, Gasableser, Eimkaseierer uew. bei ihren Geschäftsgängen von Hunden angefallen und gelbissen worden «inJ. Besonders war es der Gaskassierer, der „zum Hand­kuß" kata; auch Steuereinnehmer waren ein be­liebtes Beißobjekt, während Geldbriefträger mei s t ungeschoren, d. h. tragebissen blieben. Abgese­hen davon, daß in solchen Fällen die Hundebe­sitzer für jeden Schaden haftbar sind, zeugt es von wenig Menschenfreundlichkeit, wenn einer unter ihnen einfach erklärte: „Es wbt eh nur der Gaskassier

Wien . Für 124 österreichische Mitglieder der Bauspargenosaenschaft „Wüstenrot” gab es heuer frohe Ostern, denn es wurde ihnen bei der letz­ten Zuteilung ein Gesamtbaugeld von rund 3 848 000 Schilling zugewiesen- Zur Zuteilung ka­men alle Anwärter mit 30prozerrtiger Einzahlung und mindestens einem Wartejahr. Es werden demnach bald 124 neue 'Eigenheime von Wüsten­rot in Oesterreich erbaut werden. (Oie deutschen Bausparer haben es leider nicht 60 gut!).

Wien . Hier ist die Jugendkriminalität während der letzten Monate stärker als m irgendeiner anderen europäischen Großstadt gesunken. Bis zum Spätherbst v. J. befanden sich im Jugend­gericht durchschnittlich 80—100 Jugendliche als Untersudlungshäftlinge, gegenwärtig kaum 40. Besonders stark zurückgegangen ist die Zahl der von Jugendlichen verübten schweren Verbrechen. Auch die in den ersten Nachkriegsjahren an der Tagesordnung gewesenen B^ndenverbredien sind äußerst selten geworden

Südwestdeutsche Umschau

Lindau. Im Hinblick auf die erwartete starke Lockerung der Zwangswirtschaft hat der Kreis­ausschuß in Lindau dem gesamten Personal des Kreisernährung*- und Wirtschaftsamtes vorsorg­lich gekündigt.

• Freiburg . Nachdem der Wetterdienst in Süd­ baden. der bisher in der Hand der Militärregie­rung lag, von deutschen Stellen übernommen wurde, ist der Dozent für Meteorologie und Lei­ter des Meteorologischbioklimatischen Instituts an der Universität Freiiburg , Regierungsrat Dr. Heinz Loßnitzer, mit der Leitung des als Abteilung des badischen Finanzministeriums neu errichteten ba- didven Landeswetterdienstes beauftragt worden.

Offenburg . Das durch Kriegseinwirkung erheb­lich zerstörte städtische Gaswerk konnte nun­mehr mit einem Gesamtkostenaufiwand von 530 000 DM einen Gasbehälter für 10 000 obm so­wie zwei Vertikal'kammeröfen erstellen und in Betrieb nehmen. Für die Stadt und die Gas-Fern- versorguncr nach Mittelbaden bedeutet dieser Wiederaufbau eine wichtige Verbesserung. Die bisherigen Sperrstunden sind aufgehoben wor­den.

Karlsruhe . Der erste' Vorsitzende der Karls­ ruher Gewerkschaften hat sich in einem Schreiben an das Arbeitsministerium in Stuttgart gewandt, in welchem beantragt wird, der Stadt Karlsruhe Mittel zu bewilligen zur sofortigen Durchführung von Notstandsarbeiten, da heute in Karlsruhe über 10 000 Arbeitslose gemeldet sind.

Mosbach . Eine neuartige Bauweise von Wohn­häusern wird hier unter Verwendung von Mono­lith-Leichtbauplatten versucht. Monolitfaplatten sind zementgebundene, imprägnierte und minera- lisierte Holzwolleplatten, die die Länge eines ganzen Stockwerkes besitzen und einschließlich des Verputzes eine Hauswanddicke von nur 12 cm ermöglichen, die qualitätsmäßig einer Backslein­dicke von 70 cm entspricht. Dadurch wird die Bauzeit wesentlich verkürzt und der Hausbau be­deutend verbilligt.

Ladenburg . Das alte Römerstädtchen Ladenburg bei Heidelberg feiert in der Zeit vom 29. (Mai bis 12. Juni 1949 sein 1850jä'hriges Stadtjubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Mainz . In einem Wohnblock der Mainzer Neu­stadt brach eine Panik aus, als die dreistöckige Fassade eines zerbombten Hauses über einem Ruinenfeld einstürzte, das von der Jugend der umliegenden Straßen als Spielplatz benutzt

Das tickende Herz im Kirchturm

200|ährige Schwarzwälder Werke künden noch heute in Baden die Zeit

„Die vom fahlen Licht des Mondes be­schienenen Zeiger der Kirchturmuhr rük- ken auf die mitternächtliche Stunde. In dem alten Gemäuer sanken rasselnd die steinernen Gewichte in die Tiefe, und der eiserne Klöppel holte zum ersten der zwölf dumpfen Schläge auf den Glocken­rand aus!“ So der ähnlich mögen in alten Märchen die Kapitel beginnen, in denen es wie von in Bettlaken gehüllten Ge­spenstern und klappernden Knochenmän- am See. Um so erstaunlicher der Wille i ne rn nur so wimmelt. In der Neuzeit

der Stadtverwaltung, nach dem Beispiel des nahen Ravensburg und gemäß einer alten, durch Kriegsgeschehnisse allerdings überrundeten Tradition, „Festliche Boden- seetage” zu veranstalten. Ein Heknattag, ein Seehasentag, ein Tag der Schweizer Nachbarn, vor allem das große Heimat­spiel „Frau Wendelgard” von Max Eg­gert (200 Mitwirkende: Schauspieler und Laien), Sonderschiffe, Sanderzüge, Fest­plakate und was des Festlichen mehr not­wendig sein -wird, um den Fremdenver­kehr zu beleben. Sein Gedanke‘war in ruhigeren Tagen zweifellos volkstümlich. Aber nachdem der Krieg das Städtchen in ein Rüstungszentrum verwandelte und die Flak einen Festungsgürtel um die ehr­würdigen Mauern errichtete, verblaßte der Gedanke „festlicher Tage”, wie auch immer er realisiert werden mag.

Friedrichshafen hatte schon große Tage. Als Herbert Maisch , der bekannte e ! n- armige Filmregisseur, noch die Heimat­spiele leitete, als Zeppeline die Werft von Friedrichshafen in alle Welt verließen, als ein internationales Publikum Strandpro­menade, Stadtgarten, Hafen und die Um­gebung des Schlosses belebte, war ein Aufenthalt im Frühling, wenn das leuch­tende Rot, Gelb und Weiß der Blüten iim Wasser spiegelte, gewiß ein Vergnü­gen besonderer Art.

Zuweilen verläßt ein kleiner Schlepper die Schiffswerft, in der gerade ein Damp­fer der Bodenseeschiffahrt überholt wird. Niethämmer rattern, zwei! Flugzeuge

pflegen die Verfasser von Kriminalro­manen damit jene Situationen einzulei­ten, die dann den Lesern eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken hinunter jagen. Bei Tageslicht besehen ist die Uhr im Kirchturm mit ihrem präzis ineinan- dergreifenden Räderwerk, den bis zu 4 Meter großen Zifferblättern und den armstarken Zeigern eine höchst unro­mantische, technische Angelegenheit.

Seit über 300 Jahren ist den Bewoh­nern von Städten und Dörfern der An­blick der Kirchturmsuhr — man könnte sie als die erste Jedermannsuhr bezeich­nen — so gewohnt, daß man über sie

nur spricht oder schimpft wenn die Zei- i ,“die“vor 200 Jahren herge-

ger „ “**?*?" r* ! stellt wurden.’

eine Spezialausbildung in einer badischen Turmuhrenfabrik, damit begann sein Beruf, der einer der geltesten ist. Vor dem Krieg gab es innerhalb der deut­ schen Grenzen 24 Turmuhrmacher, heute kann man ihre Zahl an den Fingern ab- zählen.

Die Turmuhrenfabrik B. Schneider & Sohn in Schonach -Triber'g zahlt zu den ältesten deutschen Firmen auf diesem Spezialgebiet. Aus ihren Werkstätten stammen die meisten Uhren, die in Süd­ westdeutschland in den Kirchtürmen ein­gebaut sind. Die Werke erfordern trotz ihrer Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse ein stete Wartung. In Süd­ baden besorgt dies die Fabrik selbst, für die nördlichen Gebiete ist der aus der Firma hervorgegangene, in Karlsruhe an­sässige Spezialist zuständig. Er führt gleichzeitig den Einbau neuer Anlagen oder die Modernisierung alter Werke durch. Sein Tagewerk führt ihn, den Ruck­sack mit dem nicht gerade leichtem Werk­zeug auf dem Rücken, bis in die entfern­testen Dörfer am Oberrhein, wo mitunter, wie z. B. in Kronau bei Bruchsal , noch

stehen bleiben. Dann wird nach dem Turmuhrmacher gerufen — von ihm und einer Fabrik im Schwarzwald , die als führend im Turmuhrenbau gilt, soll hier die Rede sein.

In einem der modernen Häuser am Rande der Stadt Karlsruhe wohnt der Mann, der für den genauen Gang der Kirchturmuhren in Nordbaden, teilweise auch der in Hessen und in der Pfalz ver­antwortlich ist. Nein, mit der Figur des Glöckners von Notre Dames hat er, wie vielleicht dieser oder jener meinen könn­te, nichts gemein. Er hat die Gesichtszüge eines Geistesarbeiters und die Hände ei­nes geschickten Handwerkers. Baupläne, Zahlentabellen und Terminaufstellungen bedecken seinen Schreibtisch. 8 Jahre Lehrzeit, Besuch von Fachschulen und

Die Jahre des Krieges haben an den Uhren in den Kirchtürmen mehr oder weniger umfangreiche Schäden hinterlas­sen. In Baden sind schätzungsweise noch 70 •/« aller Lauf- oder Schlagwerke repa­raturbedürftig. Zahlreichen Kirchen feh­len die Glocken. Nur wenige hatten das Glück wie die St. Bemharduskirche in Karlsruhe , in deren Turm heute nicht nur die 7 alten Glocken hängen, sondern sogar eine achte dazu, die für den ech­ten Westminster-Klang notwendig war. Die Kirche verdankt die Erhaltung ihrer Glocken, so wird berichtet, der Schwer­hörigkeit eines Malergesellen, der bei der befohlenen Ablieferung der Glocken auf die, welche hängen bleiben durfte, schrei­ben sollte: „Nicht verschrotten!“ Er

brachte aber auf alle Glocken die be­deutungsvollen Worte an. Tatsächlich wanderte von dem Hamburger Sammel­platz keine St. Bemhardusglocke in den Schmelzofen .

Die 'Neuanschaffung einer Kirchturm­uhr ist eine recht kostspielige Angelegen­heit. Der Preis der Uhr mit Schlagwerk aber ohne Glocken beträgt je nach Größe und Bauart 3 000 bis 14 000 DM. Trotz­dem liegen aus Baden und Hessen bei der Schwarzwälder Fabrik zahlreiche Neube­stellungen vor. Nur aus der Pfalz er­folgte noch keine, die dortigen Kirchenge­meinden scheinen zu den ärmsten zu zählen.

Eine Kunstuhr zu bauen, ist der in der heutigen Zeit nur ganz selten in Erfül­lung gehende Wunschtraum des Turm­uhrmachers. In Neckarelz setzte der Karlsruher Spezialist vor einiger Zeit die vor 5 Jahren stehen gebliebene Uhr mit den beiden sich bewegenden Geißböcken wieder in Gang. Die bekannten Glocken­spiele im Frankfurter Römer oder in Heilbronn sind noch immer verstummt, genau wie das Werk auf dem Straßbur­ ger Münster . Um diese Uhr mit den sich zeigenden Aposteln und dem krähenden Hahn hat sich im Laufe der Jahrzehnte ein Legendenkranz gebildet. Der deut­sche Uhrmacher Steinbach erbaute um 1700 das Werk. Man sagt, er sei wegen eines Vergehens zur Blendung verurteilt worden, wäre kurz vor seiner Ausweisung noch einmal in den Münsterturm gestie­gen und habe unauffällig einige kleine, aber wichtige Teile der Mechanik zer­stört. Seit dieser Zeit habe kein Uhrma­cher vermocht, das kunstvolle Werk wie­der in Gang zu setzen. Fachleute meinen allerdings, in Straßburg habe man nie großen Wert auf eine Reparatur gelegt, die durchaus möglich wäre. So ist es nun einmal: eine von Romantik und Geheim­nissen umwitterte Uhr übt größere An­ziehungskraft aus als ein noch so präzise laufendes Werk.

wurde. Zwei Knaben im Alter von sieben und acht Jahren werden vermißt und liegen aller Wahrscheinlichkeit nadi unter den Trümmern be­graben. Die zeitweise unter Lebensgefahr arbei­tenden Rettungsmannschaften haben bisher keine Spur der Kinder gefunden

Wiesbaden . Im Gebiet Dieburg-Babenhausen mußte die Forstbehörde Großalarm geben, da hier die Maikäfer in solchen Massen erschienen waren, daß hier eine Waldkatastrophe drohte. Mit neuen Spezial-Zerstäubungsapparaten wur­den auch die höchsten Bäume mit chemischen Präparaten bestäubt. Der Erfolg blieb nicht aus. Unter einzelnen Eichen fand man bis ziu 50 000 tote Maikäfer.

Stuttgart . Die Landesdelegiertenkonferenz der WN Württembergs-Badens wählte den bisheri­gen Landesvorstand mit Prof. Sultan Dr. Her­mann Göckeritz und Helmut Fielbauer wieder.

Backnang . In Unterrot gelang einem Bildhauer der Bau einer Handharmonika für Amputierte. Die Konstruktion ermöglicht die Betätigung der Bässe mit den Füßen, eine regelmäßige Balgbe- wegiung und dadurch auch ein vollwertiges Spiel.

Freudenstadt . Anläßlich der Festwoche vom 27. August bis 4. September, mit der die Kin­zigtalstadt Alpirsbach die 850-Jahrfeier ihres Klosters begeht, wird im Klosterhof unter der Regie von Intendant Speidel ein eigens für das Jubiläum verfaßtes Spiel des Stuttgarter Schrift­stellers Paul Wanner uraufgeführt werden Ge­plant ist im Rahmen der Festwoche auch eine große Leistungsschau der Industrie und des Handwerks aus dem Kreis Freudenstadl. Ange­laufen ist eine Werbung für Alpirsbach mit buntbedruckten Kopftüchern nach dem Vorbild Isnys. Wegen der Herausgabe von Sonderbrief­marken laufen noch Verhandlungen.

Tübingen . In einer Landesversammlung der Berufsgewerkschaft der Beamten Und Angestell­ten des öffentlichen Dienstes in Württemberg- HohenzoHern wurde in scharfer Form gegen den sechsprozentigen Gehaltsabzug auf Grund der Brünmgschen Notverordnung Stellung ge­nommen. In Entschließungen forderten die Ta­gungsteilnehmer eine generelle Rückgängig­machung dieser Verordnung, weiterhin eine rasche Wiedergutmachung des Unrechtes an den Opfern des Nazismus und schließlich eine Re­vision des Standpunktes, der die Beamten zu Bürgern 2. Klasse mache, indem man ihnen das passive Wahlrecht beschneide.

Tübingen . In einem Abort der Augenklinik wohin sie ihren erblindeten Vater gebracht hatte, gebar eine Hochschwangere aus der Reutlinger Kreisgemeinde Eningen vorzeitig ein Kind, nachdem sie auf der Reise aus ihrem Heimatort unterwegs zu Fall gekommen war.

In der Aufregung erstach sie das Neugeborene mit einem Messer. In die Frauenklinik über* geführt, wird die Täterin, die bereits Mutter von drei Kindern ist, gegenwärtig auf ihren Geisteszustand hin untersucht.

Bad Mergentheim . Zum erstenmal nach dem Krieg hat die Kursaison im fränkischen Heilbad für Stoffwechselerkrankungen Bad 1 Mergentheim an der Tauber wieder ihren Anfang genommen. Mit den vorhandenen 1000 Betten kann der Kurbetrieb wenigstens zu 50% neu begonnen werden.

München . Ein neues Großkraftwerk mit einer Jahresleistung von 75 Millionen Kilowattstunden wird von den Amperwerken im Gebiet des Wen­ delstein (Bayerische Alpen) errichtet. Der Bau eines 290 Meter langen und 70 Meter hohen StaudauHnes und eines tunnelartigen Stoßens wurde dem Schöpfer der Oder-Talsperre, Prof.

Dr. Coäforio , übertragen.

München . Um die Münchener Nachtlokale vor dem finanziellen Zusammenbrach zu bewahren, werden von nun an vom Verband des Bayeri­schen Hotel- und Gaststättengewerbes „Gesell- schaftsfährten durch das Münchener Nachtleben" zum Pauschalpreis von 20 CM veranstaltet In diesem Betrag ist der Besuch des Spielkasinos, mehrerer Nachtlokale und eines Kabaretts mit Essen, Getränke und Trinkgeldern inbegriffen.

München . Wie virtuos manche gewerbsmäßigen Bettler das „Geschäft mit dem Mitleid" zu hand­haben verstehen, bewies ein Beinamputierter in München , der seinen Almosenplatz am Fürsten­hof hatte. Auf Grund eingehender Beobachtun­gen wurde festgestelit. daß er in zwei Stunden rd. 90 DM einnafam. Ein „Zitterer", der täglich mit dem D-Zug von Bamberg nach München zum Betteln kam, erreichte Tageseinnahmen von 150 bis 200 Mark. Als die Polizei sich einen anderen Bettler genauer ansah, der seine Armstümpfe in Futterale eingenäht hatte, entdeckte sie, daß er zwei gesunde Arme besaß, mit denen er sehr gut eine nützlichere Arbeit hätte verrichten können. 4 Garmisch-Partenkirchen . Nachdem es mehrfach heftig geknallt hatte, schrie der im Nachtschal­terraum allein beschäftigte Beamte des Haupt­postamtes in Garmisch um Hilfe. Die Kriminal­polizei, die sich sofort mit dem Raubüberfall auf das Hauptpostamt beschäftigte, stellte fest, daß die nächtliche Knallerei von Knallfröschen her­rührte, die der Schallerbeamte selbst in einem Garmischer Geschäft gekauft hatte.-Durch die fin­gierte Räuberromantik wollte der Postbeamte seine Unterschlagungen im Postamt „vernebeln".