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POLITIK

1900-04 Zur Jahrhundertwende lebte Europa ln •einem höchsten Sicherheitagefühl. Wilhelm XI. hatte verkündet, „ich werde Euch herrlichen Zeiten ent- gegenführen“. Die Welt glaubte an diesem Neujahrs­fest, daß nichts den Frieden stören und nichts den errungenen Wohlstand gefährden könnte. Doch schon der Januar brachte eine erste Ernüchterung. In China brach der Boxeraufstand aus. Europa schickte ver­einigte Streitkräfte und war überzeugt, mit der Niederringung der Aufständischen das Prestige der Kolonialmächte .wieder herzustellen.

Amerika , das sich über 100 Jahre von den Ge­schicken der europäischen Politik femgehalten hatte, gewann den Krieg gegen Spanien und eine wohl- gelemkte Propaganda for­derte das Volk auf, aktiv an der Gestaltung der Welt­geschicke teilzunehmen.

1901 starb die Queen. Sie, die 1837 den englischen Thron bestiegen und die englische Weltmacht zum

Höhepunkt geführt hatte, ahnte noch nicht, daß mit ihrem Tode Englands Höhepunkt überschritten war. Forderte doch kurz nach ihrem Ableben Amerika demonstrativ von England völlige Freiheit im gesam­ten pazifischen Raum. 1902 begann der Burenkrieg. Während man in Deutschland die Buren bedauerte, aber um das Gleichgewicht zu halten, ihren Präsi­denten Ohm Krüger unverrichteter Dinge nach glanz­vollen Empfängen hinauskomplimentierte, brach man an der Börse in London nach dem Siege in einen Freudentaumel aus. Die Börsianer warfen ihre Zylin­der in die Luft, tanzten und sangen: „God save the King*, denn das Goddland Südafrikas war endgültig in englischer Hand.

1904 schloß England mit Frankreich die „Entente- Cordiale “. Eine entscheidende Veränderung der welt­politischen -Konstellation bedeutete es, als der rus­ sisch -japanische Krieg ausbrach und die russische Flotte eusfuhr. Noch glaubte man, daß Rußlands Flotte auf den Weltmeeren etwas bedeute, doch jetzt sah man viele schwere, völlig veraltete Schiffe um Afrika und durch den indischen Ozean dampfen, die bei Tsushima von den Japanern zusammengeschossen wurden. Man sprach von Rußland als dem „Koloß auf tönernen Füßen". Wilhelm II. hielt vor einem seiner Regimenter eine Rede, aus der das ganze Entsetzen über den japanischen Sieg sprach, wenn er sagt«: „Der Sieg der Japaner üiber die Russen darf nicht zu der Meinung führen, daß Buddha unserem Herrn Jesus Christus überlegen sei.“

1905-09 In Portsmouth schloß Rußland mit Japan Frieden. Der Sieg Japans führte zur Erneuerung des englisch -japanischen Bündnisses auf gegenseitige Waffenhilfe im Kriegsfälle.

Der deutsche Kaiser besuchte den Zaren in Bjüifcö und schloß einen Vertrag, den beide auf einem blauen Privat ^Briefbogen Unterzeichneten. In Ar­tikel 1 hieß es: „Falls eines der beiden Kaiserreiche von einer europäischen Macht angegriffen werden sollte, wird sein Verbündeter ihm in Europa mit allen seinen Streitkräften zu Land und zu Wasser Hilfe leisten“. Beide Potentaten waren sehr ent­täuscht, als ähre Regierungen diesen Vertrag nicht anerkannten. Rußland konnte seine Beziehungen, zu Frankreich nicht gefährden, die 1906 zur Ratifizie­rung der „triple entente“ England , Rußland , Frank­ reich führen sollte. In Deutschland bedurfte ein Staatsvertrag die Billigung des Parlamentes. Als Reichskanzler Bülow zurücktreten wollte, schrieb ihm Wilhelm II : „Der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschiedsgesuch es würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen! Denken Sie an meine arme Frau und Kinder“.

In Rußland bereitete sich die Revolution vor. Im Oktober meuterten die Matrosen des Panzerkreuzers „Potemkin“. In Frankreich wurde die Trennung von Kirche und Staat endgültig vollzogen.

Die Dynastien'begannen zu wanken. In Spanien

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wurde ein Attentat auf Kö­nig Alphons XIII. verübt.

Der russische Großfürst Sergej wurde ermordet. Auf dem Balkan ereignete sich ein politischer Anschlag nach dem anderen. Die na­tionalistischen Strömun­gen in Serbien verlangten die Befreiung der von Oesterreich annektierten Provinzen Bosnien und Herzegowina .

Die demokratischen Kräfte in Deutschland demon­strierten 1906 in Nürnberg gegen die dilettantische Außenpolitik des Kaiser«. Bülow legte seine Kanz­lerschaft nieder.

Norwegen trennte sich 1906 von Schweden . Ein neuer Staat wurde zum erstenmal ohne kriegerische Ereignisse gegründet. Wilhelm II. mischte sich in die Marokkokrise ein und landete in Tanger . Frank­ reich und England waren empört und verstärkten ihre ablehnende Einstellung Deutschland gegenüber. Noch hielt der Friede.

1910-14 Der endgültige Abschluß der russisch­französischen Militärkonvention zeigte Deutschland , daß im Kriegsfall der Feind im Osten und Westen stehen würde. Und dieser Kriegsfall drohte. Serbien und Bulgarien hatten sich geheim gegen die Türkei , die seit Jahrhunderten den Balkan beherrschte, ver­bündet Rußland versprach Unterstützung, Griechen­ land schloß sich an. Und am 8. 10. 1912 erklärte König Nikolaus von Montenegro dem Sultan den Krieg. Die Türkei wurde völlig geschlagen.

Es blieb aber nicht nur bei den gegenseitigen Rivalitäten der Balkanländer unter sich, die in einem zweiten Krieg ausgetragen wurden, sondern jetzt trat vor allem der Gegensatz zwischen dem russi­ schen Panslavismus und dem österreichischen Natio­nalitätenstaat offen zu tag.

Italien annektierte 1911 im Kampf gegen die Tür­ kei Tripolis und Lytoien.

In Portugal brach 1910 die Revolution aus, besei­tigte das Königshaus und rief die Republik aus.

1913 waren die beiden Balkankriege beendet. Noch­mals toasteten die Großmächte Europas beim Frie­densschluß in Bukarest an der Festtafel einander zu auf einen langen Frieden.

TECHNIK

1900-04 Am 2. Juli 1900 erhob sich in Friedrichs­ hafen am Bodensee das erste lenkbare Luftschiff. Von einem Floß stieg das zerbrechliche Gebilde mit einem Gasinhalt von 11 300 bbm von zwei Daimler- Motoren getrieben, auf, beschrieb vorsichtig mehrere Schleifen und landete nach 17 Minuten wieder auf dem Wasser. Den Erfinder, der mit diesem Aufstieg des ersten Luftschiffes den stolzen und tragischen Weg der Zeppelin-Luftfahrt begann, hielt man da­mals für „verrückt”.

Zu gleicher Zeit wurde in Hamburg das erste Kino eröffnet und 1901 gelang es Marconi , die erste drahtlose Funkverbindung zwischen England und Amerika herzustellen. Am 12. September wurden die drei Punkte, aus denen das „S” des Morsealphabets besteht, in Neufundland hörbar.

Die ersten Automobile, von Daimler-Benz herge­stellt, „rasten” mit einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km in der Stunde über die Straßen und viele Aerzte der damaligen Zeit warnten vor diesem neuen Verkehrsmittel, da eie die Geschwindigkeit im offenen Fahrzeug für den menschlichen Körper für zu gefährlich hielten.

1903 eroberten die Gebrüder Wright die Luft mit ihrem ersten Motorflugzeug. Sie selbst sagten dar­über: „Im Herbst 1903 glaubten wir weit genug zu sein, um den Einbau eines Motors in unsere Flug­maschine zu versuchen. 8 PS hatte er, bei einem Gesamtgewicht von 600 Pfund einschließlich Füh­rer. Am 17. Dezember waren wir startbereit, nur 5 Personen außer uns zugegen. 12 Sekunden dauerte der erste Flug.”

Diese ersten Triumphe, denen der Mensch damals größtenteils völl Staunen und Zweifel gegenüber­stand, brachten dennoch ein Hochgefühl und man wollte der Nachwelt die Entwicklungsgeschichte die­ser technischen Taten hinteriassen. So wunde 1903 das erste technische Museum der Welt das „Deutsche Museum” in München gegründet.

Im selben Jahr wurde die sibirische Eisenbahn voll­endet. Auch in Amerika wuchsen zur selben Zeit die Schienenstränge quer durch den Kontinent dem Pazi­fischen Ozean entgegen. Die Reise um die Erde mit der Eisenbahn war möglich geworden.

In diesen Jahren eroberte der Mensch mit Hiife des Motors die Luft, die Straße; das Sichtbare wur­de im Film und das Hörbare durch die drahtlose Telegraphie allgegenwärtig. Noch tastete man und wußte die Güter der Erde, die in wenigen Jahren zu Brennpunkten der Politik erhoben werden sollten, nicht zu schätzen und verbrannte z. B. das Benzin als Abfallprodukt der Petroleumgewinnung, weil man keine bessere Verwendungsmöglichkeit kannte.

1905-09 1900 wurde der Simplon-Tunnel vollen­det. Die Bahnverbindung durch die Schweiz naSh Italien war damit geschaffen.

1907 stieg Graf Zeppelin mit einem neuen Luft- . schiff auf und die Welt lacht über die „lange Zigar­re“. 1909 überquerte Blöriot mit einem Flugzeug den Aermelkanal. Drei Flieger stritten um diesen Welt­ruhm, als erste den Kanal in der Luft zu überwinden. Der ,Daily Mail“ hatte einen Preis von 25 000 Pfund ausgesetzt. Bleriot ergriff seine Chance, als sich ein schwerer Nordoststurm beim ersten Sonnenstrahl ge­legt hatte. Die Rivalen, durch den Lärm des Motors 2 Su spät geweckt, sahen ihn schon über dem Wasser entschwinden und nach 32 Minuten landete Bleriot hinter den Kreidefelsen von Dover. England war keine Insel mehr. *

1910-14 1910 gelang im Laboratorium die erste Herstellung von synthetischem Kautschuk, der im zweiten Weltkrieg unter dem Namen „Buna“ ein be­stimmender Faktor der Kriegsführung wurde.

Die deutsche Chemie wurde auf dem Gebiet der Anilinfarbstoffe führend. Die Firma Bayer, Lever­ kusen entwickelte im Germanin ein Heilmittel gegen die Schlafkrankheit und machte mit dieser Entdek- ung die Erschließung weiter Gebiete Innerafrikas möglich.

Damals wurde langsam in den Städten die Elek­trizität in jedes Haus gebracht. Ja selbst Elektrcmo- tore, noch wenige Jahre zuvor bestaunte Wunder, tauchten zum Antrieb von Küchenmaschinen auf. Diesel entwickelte seinen Motor, der dann im Kriege dem grenzenlosen Energiebedarf dienstbar gemacht wurde.

In Amerika schritt die Industrialisierung voran und in den großen Schlachthäusern von Chikago war die erste Fließbandarbeit, die heute aus keiner Industrie mehr wegzudenken ist, eingeführt worden.

1914 stieg das erste Metallflugzeug auf. Damit war der Weg zur Entwicklung des Kriegsflugzeugs frei geworden. Die ersten Kriegsflugzeuge, die 1914 in Luftkämpfe verwickelt wurden, waren noch aus Holz und Leinwand. Die Piloten beschossen sich mit der Pistole und bewarfen sich mit Handgranaten. Dem Zeppelin wurde bei Beginn des Krieges eine Rolle zugeteilt, der er nicht gewachsen war. Das Metall­flugzeug übertrumpfte ihn und mit rapider Ge­schwindigkeit entwickelte sich von nun an die Flug­technik.

1915-19 Durch den Krieg wurde die Technik in Riesenschritten vorangetrieben. Unter dem Einsatz größter industrieller Mittel wurde in Deutschland die Stickstoffgewinnung aus der Luft von. Haber und Bosch realisiert. Sie machte es möglich, daß der Krieg über vier Jahre durchgehalten werden konnte.

Die Flugzeuge entwickelten sich weiter; das Wett­rüsten in der Luft nahm seinen Anfang. Das Auto übernahm weitestgehend den Personen- und Güter­transport. In den Munitionfabriken ging man end­gültig zur Fließbandarbeit über. Aber auch das menschliche Privatleben wurde rationalisiert und technisiert. 1917 führte Deutschland das Rationie­rungssystem der Lebensmittel und Gebrauchsgüter ein. Die technische Entwicklung und der Krieg stempelten auch den Menschen zur Maschine.

Dem Engländer Sir Ernest Rutherford gelang 1910 die erste Zertrümmerung von Atomen. Das heißt, es gelang hier zum erstenmal mit künstlichen Mit­tete eine Umwandlung von Elementen, die man bis dahin nur von radioaktiven Staffen her kannte. Die Wtelt ging an dieser Entdeckung, die 26 Jahre später die vernichtendste Waffe der Menschheitsgeschichte auslösen sollte, vorbei, ohne zu ahnen, daß mit der Atem Zertrümmerung ein neues technisches Zeitalter begann.

KUNST UND WISSENSCHAFT

1900-04 Am 26. August 1900 starb Friedrich Nietzsche . „Der Mensch ist etwas, das überwunden weiden muß”, rief er der Weit zu und brachte den Beginn eines neuen Denkens. Dieses wurde in der Wissenschaft eingeleitet durch Max Plancks „Quan­ tentheorie ”, welche zu einer Grundlage der Atom­forschung sich entwickelte. 1901 erhielt Röntgen den Nobelpreis für sein „Zauberlicht” der Röntgenröhre, das Heilkunde und Technik, ja sogar die Krimina­listik in neuen Bahnen lenkte.

Die Medizin schritt in gewaltigen Schritten vor­wärts. Behring erhielt für die Entdeckung des Diphtherie -Serums den Nobelpreis. Freud begründete seine Psychoanalyse und Adler seine Individual­psychologie. Beide waren bestrebt, das Unbewußte im Menschen aufzudecken und erschlossen die engen Zusammenhänge von Körper und Seele. 1903 er­schien Weiningens „Geschlecht und Charakter”.

Das Bürgertum, noch in der Sicherheit des im 19. Jahrhundert errungenen Besitzes, spürte die ersten Erschütterungen der neuen Welt. 1901 erschienen die „Buddentorocks” von Thomas Mann , die den Ver­fall einer bürgerlichen Familie schilderten. Er gab der Jahrhundertwende mit« diesem Buch das Stich­wort, das sie charakterisierte: „Dekadence ”. Ibsen , dessen gesamtes Schaffen ein Kampf gegen Lüge und Heuchelei war, begeisterte die Jugend mit sei­nen gesellschaftskritischen Stücken und Paul Schlenther schrieb über ihn anläßlich einer Auffüh­rung „es ist wieder eine Lust zu leben, denn mit uns lebt ein Dichter, der den Inhalt unserer Zeit in die Hände nimmt”. Frank Wedekind prangerte das Bürgertum und seine heuchlerische Moral an. Gerhart Hauptmanns soziale Dramen beherrschten die Bühnen.

Die bildende Kunst war, während Rodin den Höhe­punkt seine» Schaffens erreichte, im Umbruch be­griffen. Unter der Devise „los von der Natur“ grün­deten 1903 in Dresden die Maler Kirchner, Heckei, Schmidt-Rottluff und Nolde, die Künstlervereinigung „Die Brücke “ und riefen die umwälzende Bewegung des Expressionismus ins Leben. Die impressionisti­sche Malerei wurde überwunden, die Kunst stellte nicht mehr in genauer Schilderung Gegenstände oder zufällige Eindrücke dar, die das Auge registriert, sondern eie gab Erlebnissen und Empfindungen Aus­druck, die das menschliche Innere spiegeln. Wissen­schaft und Kunst begannen mit der Umformung un­seres Weltbildes, doch die Zeitgenossen standen den Dingen verständnislos gegenüber.

19054)9 1906 veröffentlichte. der junge Physiker Einstein in dem Fachblatt „Annalen der Physik “ einen kurzen Beitrag „Zur Elektrodynamik bewegter Körper “. Dieser Aufsatz enthielt Grundgedanken, die das bisherige physikalische Weltbild außer Kraft setzten. Die Relativitätstheorie dm Verein mit der Quantentheorie war der Beginn der modernen Atom­forschung. ,

Robert Koch , der Entdecker des Tuberkulose-Bazil­lus, des Cholera-Bazillus und des Milzbrand -Erregers erhielt 1905 den Nobelpreis. 1908 entdeckte Ernst Haber ein Verfahren, den Stickstoff aus der Luft zu gewinnen. Diese Entdeckung sollte im Weltkrieg eine bedeutende Rolle spielen.

Am 6. April 1909 erreichte der Amerikaner Peary den Nordpol und bewies, daß im Gegensatz zum Süd­ pol dort kein Festland ist.

1905 starb als 90jähriger Menzel. Mit ihm ging ein Wegbereiter des Impressionismus. Während in der bildenden Kunst der Expressionismus im Vordringen war und 1909 der Italiener Marinetti sein „futuristi­sches Manifest” veröffent­lichte, erreichte in der Li­teratur der Impress'onis- ) ■ 1 muB seinen Höhepunkt in

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de von der Bühne ver­drängt. Hugo von Hof­ mannsthal und Ernst Hardt schrieben neuromantische Theaterstücke. Rihard Strauß fand in Hofmanns­ thal den genialen Libretti­sten und brachte 1939 in

Dresden seine „Elektra ” heraus.

Von der expressionistischen Strömung spalteten sich die ersten absoluten Künstler. Archipenko schuf die ersten „absoluten” plastischen Werke. Alle Künste tasteten sich in Neuland vor.

1920-24 Kanadische Forscher fanden 1921 da« Hormon der Bauchspeicheldrüse, das Insulin. Zuk-

1910-14 Paul Ehrlich schuf 1906 nach langen, endlosen Versuchsreihen das erste Mittel gegen die Menechen6euche der Syphilis. Das Salvarsan, das 1909 in den Handel kam, wurde sehr schnell in der ganzen Welt ein äußerst bewährtes Heilmittel. Ehrlich erhielt den Nobelpreis für Medizin . 1912 begann der Amerikaner Cusching die moderne Gehirnchirurgie zu entwickeln. Während des Weltkrieges gelangen ihm dann erfolgreiche Eingriffe und die Entfernung von Geschwülsten des Kopfes. Ein neuer Zweig der Chirurgie war geschaffen.

Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen den Südpol und hißte die norwegische Flagge in der weißen Wüste. Gleichzeitig war der Engländer Scott unterwegs. Er erreichte einen Monat später den Pol. Von Enttäuschung gelähmt, begann er den Rück­marsch. Orkane, Frost, Hungerqual und Geistesstö­ rung rafften ihn und seine Gefährten dahin.

1910 starb Tolstoi . Er, der einst geschrieben hatte, „bei keiner menschlichen Handlung tritt die Macht der Suggestion mit solcher Klarheit zutage, wie beim Krieg”, dessen Leben ein Kampf gegen alles Falsche war, ahnte den Zusammenbruch der damaligen Welt.

Die Tänzerin Isadora Dunean kämpfte um die Er­neuerung der Tanzkunst. In pausenloser Hetzjagd, von ihrer Idee besessen, reiste diese Frau um die* Welt, warb für ihre mimische Ausdruckskunst und gründete Hunderte von Schulen. Der größte Schau­spieler seiner Zeit, Josef Kainz , starb 1910 und wurde mit dem Pomp eines Königs zu Grabe getragen.

1912 erschien in München das Bekenntnisbuch „Der blaue Reiter”. Franz Marc und Kandinski , kämpf­ten für den Expressionismus. Picasso malte in Paris seine ersten kubistischen Bilder. Stravinskys Ballett­musik, interpretiert von den phantastischen Ballett- Schöpfungen des Russen Daghileff in Paris , leitete eine neue Form des Theaters ein.

Walter Rathenau schrieb 1912 sein Buch „Zur Kri­tik der Zeit” und Carl Sternheim verspottete von der Bühne herab in seinem „Bürger Schippel” die Welt des selbstgefälligen Bürgertums.

PANOPTIKUM

1900-04 Damals trug man Pleureusen, Schleier, Schleppen, Sonmensdiirmchen, und das Korsett be­tonte die Strenge der moralischen Anschauungen. Der Herr trug sich kariert, mit freiem Hals und engen Schuhen. Sein Haar war gebrannt und sein Schnurr­bart gezwirbelt. Man war „romantisch” und ging mit der Schnurbartbinde schlafen. Die Welt drehte eich um die Eroberung der Frau. Die Zeit war voller Gegensätze; auf der einen Seite strenge, enge Welt­anschauungen, auf der anderen Seite die vornehme Demimonde als Mittelpunkt der Gesellschaft.

1910-14 1912 fuhr das größte Passagierschiff seiner Zeit, der 46 000 - brt.- Dampfer „Titanic“ über den Ozean. Schon schien ihr das „Blaue Band“, das noch dem „Norddeutschen Lloyd “ gehörte, gesichert, als sie am 14. April auf einen Eisberg lief. Man hatte das Schiff, das mit allen technischen Errungenschaf­ten ausgerüstet war, praktisch für unsinkbar gehal­ten. Eine Panik brach aus, als die Passagiere di«

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Das erste Kabarett wurde gegründet und Ernst von Wolzogen versuchte mit seinem Ueberbrettl im „Sim- plizissimus” in München dem Konventionalismus die falsche Maske abzureißen.

Noch verharrte der Mensch im Hergebrachten und die Uniform bedeutete ihm alles. Doch ihre bestim­mende Rolle wurde fraglich, als der Schuster und Zuchthäusler, Wilhelm Voigt , eine Hauptmannsuni­form aus der Pfandleihe anzog und ein halb Dutzend marschierender Grenadiere andonnerte: .Abteilung hört auf mein Kommando” und dann mit den bra­ven Militärs die Rathauskasse von Köpenick ent-, wendete. Die Welt lachte und begriff nicht den Ernst der Köpenickiade.

Auch der Kaiser war „romantisch” und glaubte, daß, wie in vergangenen Jahrhunderten, durch die Verschwägerung mit anderen Herrscherhäusern Poli­tik gemacht werden könne. Als der russisch -japa­nische Krieg ausbrach, malte er ein Bild, das die Japaner als Affen darstellte und schrieb darunter: „Völker Europas wahret eure heiligsten Güter”.

Welt und Gesellschaft bewegten sich auf einem allzu glatten Parkett. Ein Beispiel soll die Dissonanz ■ der Zeit zeigen: um seinen Herrn und Kaiser zu er­götzen, hatte sich der Chef des Militärkabinetts, Graf Hülsen-Haeseler ausgedacht, nach einem Diner als Balletteuse verkleidet vor seinem Kaiser zu tanzen. Doch kaum hatte er begonnen, brach er nach wenigen Takten tot zusammen. Der Kaiser stand an der Leiche seines Chef» des Militärkabinetts — diese Leiche trug ein Ballettkostüm. Der Pfarrer, der gerufen wurde, und den Kaiser vor der Ballettleiche stehen sah, brach ohnmächtig zusammen. Die Dissonanz hatte ihn umgeworfen.

Am Neujahrsfest 1900 hatte der berühmteste Cou - pletnSänger seiner Zeit, Otto Reuter , eigens ein Cou­plet geschrieben, mit den Worten: „War auch das alte Jahrhundert sehr fein, wird doch das neue noch besser sein”. Niemand ahnte, was wirklich geschehen würde.

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1905-09 Am 18. April 1906 bebte die Erde in Kali­ fornien und San Franzisoo wurde vernichtet. 46 Stun­den wütete das Feuer. In Süditalien wurden 1903 durch Erdbeben in Sizilien und Calabrien 83 000 Men­schenleben vernichtet.

Diese gewaltigen Naturkatastrophen erschütterten die Menschen, während zu gleicher Zeit die Operette ihren Siegeszug durch die Welt nahm. Giampetro in Kürassieruniform mit Monokel war das Idol der Zeit. Das Publikum raste, wenn er sang:

„Donnerwetter, Donnerwetter wir sind Kerle, bei Kritik sagt Majestät: famos, famos!

Jeder einzelne von Euch ist eine Perle, Donnerwetter, Donnerwetter, tadellos!“

Lehars „Lustige Witwe “ eroberte die Welt und die Herren sangen: „Heut geh ich in» Maxim”. Der erste Star der Flimmerkiste, Asta Nielsen , bezauberte mit ihrer mimischen Ausdruckskraft und der Dichter Apollinaire schrieb über sie: „Sie ist alles, die Vision der Trinker und der Traum der Einsamen“. Waren bis jetzt Witwen und geschiedene Frauen traurig oder gar verfemt, die Operette erhob s : e damals zu begehrenswerten Objekten.

Das Auto begann gesellschaftsfähig zu werden. Man sang den Schlager:

„Schatzerl, kauf mir ein Automobil von Hamburg bis Kiel , das kostet nicht viel“.

Der Gassenhauer entwickelte sich zum Schlager, der von nun am in »einen Texten das Bild der Ge­sellschaft spiegeln sollte.

Me Mode blieb starr. Auch der beginnende Sport konnte sie noch nicht ändern. Weltschmerz war die neueste Parole. Wie brüchig die Zeit war, zeigen auch die großen Skandalprozesse im Jahre 1906, in die der intimste Freund des Kaisers, Fürst Philipp Eulenburg verwickelt wurde. Die scharfen - Angriffe Maximilian Haidens in der „Zukunft“ rückten sie in den Mittelpunkt der sozialistischen Auseinanderset­zung. Auch der reichste Mann seiner Zeit, Alfred Krupp , wurde in eine homosexuelle Affäre hineinge­zogen und nahm sich da» Leben.

Alles das, die Operette, die Flimmerkiste, die Skandale, waren aber nichts anderes, als der „To­tengesang“ einer sterbenden Zeit und Ausdruck einer inneren Unsicherheit der Menschen, die dumpf das Kommende ahnten.

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