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Donnerstag, 2. November 1950

SÜDKURIER

Nr. 135 / Seite 2

Massenmörder Pleil vor Gericht

Prozeß gegen dreiköpfige Räuberbande — Eine grausige Bilanz

Wir meinen:

Karl Barth und Deutschland

Politik für sie meist eine Geheimwissen­schaft sind und man darum kaum erwar­ten darf, daß aus ihnen die Vorschläge EU erwarten sind, die zu einer brauch­baren Reform führen. Selbst von einem an eich ganz tüchtigen Finanzminister wird man das nicht immer erwarten dürfen. Beide, Finanzminister und Parlament, sind den praktischen Bauleuten vergleich­bar, die nach dem vorgezeichneten Plan ihre zugeteilte Werkmannsarbeit leisten. Der Finanzreformer aber ist der kühne Architekt, der aus der Kenntnis aller Be­dingungen und Voraussetzungen heraus den grundsätzlichen Plan mit dem Schwung seiner Ideenkraft ausarbeitet. Finanzreform hat nämlich gar nichts mit einem Geschenk an die Steuerzahler zu tun, sondern zielt auf eine gesunde Ord­nung der staatlichen Finanzwirtschaft im Verhältnis der Ausgaben zu den Einnah­men ab. Ob dabei eine Erleichterung der Steuerlasten herauskommt, ist eine Frage zweiter Ordnung. Sie ist in jedem Fall ein erstrebenswertes Ziel, aber ein Ziel, das nicht an sich erreichbar ist, sondern erst erreicht werden kann, wenn die grundsätzliche Ordnung hergestellt ist. Es kann unter Umständen sogar hinter die dringlichere und staatspolitisch wichtigere Forderung zurücktreten müssen, die Mit-

SONS CHON. Eine smerak aniische Vor­ausabteilung ist entlang der nord-koreani­schen Westküste bis zu einem Punkt 32 km vor der mandschurischen Grenze vorge- stoßen. Die Vorausabteilung befand sich nach den, letzten Berichten nördlich von Somscbon, einem wichtigen Straßenpunikt an der Westküste Koreas , den die Amerikaner besetzt hatten. Außer Sonschon eroberten amerikanische Truppen die Stadt Rusong.

Die amerikanischen Einheiten, die im Gebiet der Westküste in Richtung auf die neue nordkoreandsche Hauptstadt Sinuiju vorrücken, stoßen jetzt auf starken Wider­stand der Nordkoreaner, die heftige Ge­genangriffe ein geleitet haben. Damit ist euch der Vorstoß der amerikanischen Vor­ausabteilung zum Stehen gekommen. Auch die weiter landeinwärts vormarschierenden Divisionen sind auf hartnäckigen Wider­stand gestoßen.

Der immer stärker werdende Wider­stand der Nordkoreaner wird auf das Ein­greifen von Truppen der chinesischen Volksrepublik zurückgeführt. In Söul wurde von militärischer Seite jedoch noch­mals festgestellt, es gebe noch keine Be­weise dafür, daß reguläre Verbände des kommunistischen Chinas die Nordkoreaner unterstützten. Dagegen hat sich die Ver­mutung, daß kleine chinesische Gruppen in nordikoreanaschen Verbänden kämpfen, bestätigt.

In Nordostkorea haben nordkoreanische Truppen im Raum um die wichtige Indu­striestadt Hahmung eine Offensive be­gonnen. Die nordkoreanischen Truppen, unter denen kommunistisch-chinesische Einheiten festgestellt wurden, haben die Verbindungswege der südkoreanischen Einheiten abgesduuttem. Nach Aussagen von Gefangenen, die zu einem chinesischen Piouierregdment gehören, haben die Ham- hung angreifenden Truppen den Auftrag,

WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes

Mit einer Tiefdruckstörung, die von Nord­westfrankreich nordostwärts fortschreitet, wird milde Atlantikluft in unser Gebiet ge­langen. Doch ist dabei nur eine vorüber­gehende Wetterverschlechterung zu erwarten, da vom Atlantik ein Hoch rasch nachfolgt. Aussichten bis Freitagabend: Am Donnerstag vorübergehend stärker bewölkt und beson­ders in Mittelbaden und im Nordschwarzwald strichweise Regen. Am Freitag wieder viel­fach aufheiternd und niederschlagsfrei, aber noch teilweise Nebel in den Niederungen. Temperaturen weiter ansteigend, tagsüber bis 10 Grad, Auf hören der N achtfröste. _

100 DM in Zürich : 31.10. 80/82 sfr.

tel für notwendige Staatsaufgaben bereit­zustellen.

Wenn die Finanzämter anfangen, Mehreinnahmen für den Staatshaushalt durch neue Steuern zu beschaffen, die nach der Richtung des geringsten Wider­stands ausgesucht werden, dann ist dies allemal ein Alarmsignal dafür, daß die Finanzwirtschaft nicht in Ordnung ist und daß schleunigst Ordnung durch eine große Finanzreform geschaffen werden muß. Wissen Regierung und Parlament sich nicht zu helfen, dann ist es allerdings die Aufgabe der Männer der Wissenschaft und der praktischen Wirtschaft, auf das Alarmsignal hin in die Bresche zu sprin­gen und der Reform den Weg zu bahnen und Gestalt zu geben. In England , in Frankreich , in den Vereinigten Staaten gibt es zahlreiche Vorbilder (nicht nur auf finanzpolitischem Gebiet) dafür, daß die unerläßlichen großen Reformen aus der Wissenschaft und der Wirtschaft an die Regierungen und Parlamente herangetra­gen worden sind und diese sich nicht so erhaben gedünkt haben, daß sie es abge­lehnt hätten, Reformpläne Gesetz werden zu lassen, bloß weil sie von außen her an sie herangebracht wurden. Dort ist es selbstverständlich und bei uns muß es nicht weniger selbstverständlich werden.

die Stadt Handlung zu erobern. Weiter konnte die amerikanische Aufklärung eine chinesische Artilleriedivisian, von deren Existenz bisher keine Kenntnis vorlag, feststeillen.

Die aus dem nordkoreanischen Hochge­birge auf Handlung vormarschierenden kommunistischen Truppen sind für den Winterkrieg ausgerüstet Sie tragen Wim- ter-Tamklei'dung und verfügen über Ge­birgsartillerie und Granatwerfer.

Militärische Beobachter in Tokio sehen in der nordkoreanischen Offensive auf Haim/hung keine ernsthafte Gefahr, da sich ausreichende amerikanische und sükoreani- sche Kräfte in der Umgebung der angegrif­fenen Stadt befinden.

Rotchina verbittet sich ...

PEKING . Die Regierung der Volksrepu­ blik China hat der indischen Regierung mitgeteilt, daß sie jede ausländische Ein­mischung oder Untersuchung über das chinesische Vorgehen in Tibet als „gänz­lich ungerechtfertigt“ ansieht Die indische Regierung hatte in einer Note an die Volksrepublik China „Überraschung und Bedauern“ über den Einmarsch chinesi­scher Truppen in Tibet geäußert Peking soll in der Antwortnote erneut den Stand­punkt vertreten haben, daß Tibet ein fester Bestandteil des chinesischen Staatsgebiets ist und daß der Einmarsch chinesischer Truppen deshalb eine innerpolitische An­gelegenheit darstellt.

Die chinesische Regierung erklärt Sich ln der Note bereit, die gegenwärtig in In­ dien weilende tibetanische Delegation zu empfangen, die über eine friedliche Re­gelung des Tibet -Problems verhandeln soll. In der Note wird betont, die Ent­sendung chinesischer Truppen nach Tibet sei durch die „nachteilige Betätigung“ be­stimmter auswärtiger Mächte notwendig geworden.

Aufstand auf Portorlco

SAN JUAN . Ein nationalistischer Auf­stand auf der Insel Portorico hat bisher 51 Todesopfer gefordert. Ueber 70 Per­sonen wurden verletzt. Die Regierung hat die Nationalgarde eingesetzt, die mit Pan­zern und Jagdfliegerunterstützung gegen die Aufständischen in verschiedenen Städ­ten des Landes vorgeht. Portorico gehört seit 1898 zu den USA , nachdem es vorher eine spanische Besitzung gewesen war. Die Staatsgewalt liegt ln den Händen eines unmittelbar vom Volke gewählten Präsi­denten.

BRAiUNSCHWEIG. Vor dem Braun­ schweiger Schwurgericht begann der größte deutsche Mordprozeß der Nachkriegszeit. Angeklagt sind der 26jährige Rudolf Pleil au<s Anspring in, Sachsen , der 36jährige Karl Haffmann aus Hausdorf bei Chemnitz und der 22oährige Konrad Schüßler aus Lauterdorf bei Glauchau . Pleil werden 10, Hoffmann fünf und Schüßler zwei Morde zur Last gelegt.

Pleil ist Epileptiker, wurde aber für voll zurechnungsfähig erklärt und nannte sich in einem schriftlichen Geständnis selbst den „besten Totmacher Deutschlands “. Er gilt als geborener Triebverbrecher, der wie ein Raubtier mordet und sich dabei ge­schlechtlich befriedigt. Hoffmann hattte es nach den Aussagen Pleil« besonders auf die Wertsachen der ermordeten Frauen ab­gesehen. Schüßler war nach den Mordtaten in die französische Fremdenlegion gegan­gen, ist dann aber aus Indochina deser­tiert. In der Verhandlung, bei der die Oef- fentkchkeit wiederholt ausgeschlossen wurde, schilderte Pleil unbewegt und oft lächelnd die Mordtaten, die er teils allein, teils mit seinen Komplizen begangen hat. Er hat auch mehrere Morde eingestanden, die ihm m disem Verfahren nicht zur Last gelegt wurden, weil keine Beweise vorhan­den sind. Für den ersten Mord am 3. März 1946, dem die 37jährige Eva Miehe aus Blankenburg zum Opfer fiel, habe ihm Hoffmann das Beil besorgt, mit dem er die Frau von hinten tötete. Den zweiten Mord an einem unbekannten jungen Mäd­chen in der Nähe der Zonengrenze bei Walkenried dm Juli 1946 habe er allein begangen. Den Mord am 20. September 1946 an einer etwa 20jährigen Frau in Hof in Bayern habe Hoffmann mit einem Mes­ser verübt. Am 3. September habe er die 22jährige Irene Hartmann mit einem Stein erschlagen. Einen anderen Mord Anfang September in. Trappstedt (Unterfranken ) habe Hoffmann allein verübt, indem er

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diesem Mädchen den Kopf abgeschnitten habe. Gemeinsam mit dem Angeklagten Schüßler unternahm Pleil am 12. Septem­ber 1946 den Mordversuch an der 45jähri- gen Lydia Schmidt aus Schönberg in Hol­stein. Am Tage darauf ermordeten beide die 37jährige Witwe Emmy Leppin aus Wernigerode und sechs Tage später die 44jährige Witwe Gertrud Glf'ede aus Vie­ nenburg . Pleil und Hoffmann erschlugen als „Grenzführer“ im Februar 1947 eine unbekannte Frau bei Abbenrode im Harz , wenige Tage später Helene Schrickel aus Cottus bei Walkenried .

Pleil schildert bei der Vernehmung, wie er vor seinem Mittäter Angst bekam, als dieser im März 1947 einem von ihnen er­mordeten 25jährigen bekannten Mädchen am Staufenberg dm Harz den Kopf ab- schnitt und damit hinter ihm hergelaufen sei. Dieses Bild verfolge ihn jetzt noch nachts. Auf die Frage des Vorsitzenden nach den Motiven, dieser Mordtaten sagte Pleil: „Ich mußte es tun, weil ich nicht anders konnte. Meine Gefühle waren stärker als mein Wille“.

Pleil schlug dem Gerichtspräsidenten vor, ihn mit seinem hartnäckig leugnen­den Komplizen Karl Hoffmann eine Nacht lang in einer Gefängniszelle allein zu las­sen. Dann würde Hoffmann schon ein Ge­ständnis ablegen. Dieser Vorschlag wurde jedoch mit dem Bemerken abgelehnt, man wolle vermeiden, sich mit einer neuen An­klage gegen Pleil beschäftigen zu müssen. Der dritte Angeklagte, Konrad Schüßler, bestätigte genau wie Pleil seine in der Voruntersuchung gemachten Angaben. Schüßler erklärte, daß ihn sein Gewissen aus der französischen Fremdenlegion wie­der nach Deutschland getrieben habe. Die furchtbaren Erlebnisse in der Legion seien in seinem Gedächtnis verblaßt gegenüber der Tatsache, zwei wehrlose Frauen er­mordet zu haben .

Bayrische Landtagswahl

LINDAU . Der Termin für die Landtags­wahl in Bayern wurde auf Sonntag, 26. November, feetgelegt. Für die Beteiligung des französisch besetzten bayerischen Kreises Lindau an der Wahl wurde die Zustimmung der Hohen Alliierten Kom­mission noch nicht ausgesprochen, sie ist aber in den allernächsten Tagen zu er­warten.

Der Schweizer Theologe Professor Karl Barth sprach sich in einem Brief an den I sogenannten „Unterwegs“-Kreis zwar für eine westeuropäische Verteidigungsarmee, aber gegen die Einbeziehung deutscher Kontingente in dieser Armee aus. Er schreibt, er könne dem deutschen Volk, dessen Jugend in zwei Kriegen geblutet habe, dieses Opfer ein drittesmal nicht zu­muten, um so weniger, als ein neuer Krieg für Deutschland notwendigerweise den Charakter eines Bruderkrieges haben würde. Außerdem könne es moralisch nicht gerechtfertigt werden, ein Volk, dem man die Verwerflichkeit seines militäri­schen Wesens auszutreiben versucht habe, nun mit besonderen christlichen und poli­tischen Argumenten belehren zu wollen, sein Heil in der Vorbereitung eines Krie­ges zu sehen. Darüber hinaus sei eine Rü­stung in Westdeutschland eine Herausfor­derung der Sowjetunion . Schließlich müsse man befürchten, daß eine deutsche Armee sich doch nur als Nachhut opfern müsse.

Warum verurteilt Karl Barth nur die europäische Aufrüstung und nicht auch diejenige der Sowjetunion , die sich doch in der Schaffung der Volkspolizei in der So­wjetzone deutlich genug demonstriert? Warum sagte er nichts gegen den sowje­tischen Militarismus, der auf dem Balkan und in Asien nicht nur droht, sondern of­fen zum Angriff schreitet? Wenn die westliche Welt sich nun zu Verteidigungs­maßnahmen gezwungen sieht, dann tut sie es aus dem nicht unbegründeten Gefühl heraus, daß ihre Kultur und ihre demo­kratische Freiheit vom Osten her bedroht ist. Ueber den deutschen Beitrag zur Ver­teidigung des Westens wird noch gestrit­ten. Wir sind selbst der Ansicht, daß die­ser Beitrag nicht in der Schaffung einer neuen deutschen Wehrmacht bestehen kann. Aber selbst wenn der deutsche Bei­trag in der Aufstellung deutscher Ver­bände in einer europäischen Armee beste­hen sollte, dann wäre das wohl noch lange nicht die „Vorbereitung eines Krieges“ und eine „Herausforderung der Sowjet­ union “, sondern eben eine Sicherheitsmaß­nahme, die angesichts der sehr eindeuti­gen sowjetischen Welteroberungspläne ge­boten zu sein scheint. Die Unterstellung, daß deutsche Verbände sich doch nur als „Nachhut“ opfern müßten, setzt einen russischen Vormarsch durch Deutschland voraus. Das wäre dann aber wohl das Ende Europas , das verloren wäre, wenn es nicht mehr die Kraft aufbrächte, sich ge­gen den bolschewistischen Materialismus und den Moskauer Imperialismus zu ver­teidigen.

Nach Gruben Rückkehr aus Washington

WAUS AUSTRIA j

»»Erst wollten* nur den Michel außi schmeißen, dann habns das ganze Haue bsetzt und jetzt kön­nen« «ich über die Abreisn net einig werdn."

Südkuri er-Ze idmung: ERES

SÜDKURIER

Verantwortlich für Politik; Konrad Gunst. Nadi- r ich tendiertet; Graf Ludwig Douglas . Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz , Marktstätte 4. Druck: Druckerei Konstanz

Chinesische Einheiten in Korea festgestellt

Starke Gegenangriffe der Nordkoreaner — Vor einem Winterkrieg?

Besatzungsaufwand viel zu hoch!

Unterhalt für 100 000 alliierte Soldaten und 250 000 Angehörige

BONN . Für zwei alliierte Soldaten oder Beamte, die im Bundesgebiet tätig sind, werden neun deutsche Angestellte auf Besatzungskosten beschäftigt. Dies geht aus Unterlagen des statistischen Bundes­amtes hervor, die zum erstenmal einen genauen Überblick über die Arbeitsleistung der Arbeiter und Angestellten im Besat­zungsdienst geben.

Nach bekanntgewordenen Unterlagen werden von den rund 100 000 alliierten Soldaten und Verwaltungsbeamten auf deutschem Boden allein 39 000 Hausgehil­finnen und 39 000 Kellner und sonstiges Gaststättenpersonal beschäftigt. Zusammen mit 11000 Bäckern und Metzgern errei­chen allein diese deutschen Kräfte, die nur für das körperliche Wohlbefinden der Alli­ierten tätig seien, zahlenmäßig die Stärke der alliierten bewaffneten Streitkräfte. Hinzu kämen aber noch 98 000 deutsche Verwaltungsangestellte, 144 000 technische Arbeitskräfte, 66 000 Kraftfahrer und 48 000 sonstiges Personal. Diese deutschen Arbeitskräfte, die etwa einer Stärke von 22 kriegsstarken Divisionen entsprechen, kosteten den deutschen Steuerzahlern an Gehältern und Sozialversicherungsbeiträ­gen jährlich 1,33 Milliarden Mark.

In Bonner Kreisen wird zusätzlich be­kannt, daß die 100 000 alliierten Soldaten

und Beamten nach alliierten Aussagen 250 000 Angehörige bei sich haben, für die zumindest Unterkunft und Bedienung auf Besatzungskosten gehen. Hierzu verlautet, daß Beamte und Soldaten im französischen Besatzungsgebiet für jedes Kind, das sie mit nach Deutschland bringen, monatlich aus den Besatzungskosten 200 Mark erhal­ten. Angesichts der Tatsache, daß die Besatzungsstreitkräfte in eine Schutz­truppe umgewandelt werden sollen, glaubt man in Bonn , auf eine nachdrückliche Sen­kung des Besatzungsaufwandes für die jetzt in Deutschland lebenden Alliierten nicht verzichten zu können. Es sei grotesk, wenn jeweils für 10 alliierte Beamte und Soldaten allein vier Dienstmädchen, vier Kellner und ein Bäcker tätig seien.

Dibelius beruft Kirchenkonferenz

BERLIN . Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland , Bischof D. Dr. Otto Dibelius , hat die Kir­chenkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland für den 17. November zu einer allgemeinen Besprechung der kirchlichen Lage nach Berlin einberufen. Wie verlau­tet, werden daibei auch die politischen Er­klärungen von Kirchenpräsddent Niemöl­ler zur Debatte stehen.

John Steinbeck : „Der Mond ging unter"

Gastspiel des Baden-Badener Theaters in Singen

„Um 10.45 Uhr war alles vorüber. Die Stadt war besetzt, die Verteidiger besiegt und der Krieg zu Ende. Der Angreifer hatte diesen kleinen Feldzug ebenso sorg­fältig vorbereitet, wie er die großen Feld­züge vorzubereiten pflegte.“

So begann, wie sich wohl noch viele un­serer Leser erinnern können, vor fünf Jahren der erste Roman, den der damals neugegründete „Südkurier“ veröffent­lichte. John Steinbeck , der bekannte ame­ rikanische Schriftsteller, hatte den Roman 1942 geschrieben, der zu einem großen literarischen Erfolg, nicht nur in Amerika , wurde. „Der Mond ging unter“, so ist der Titel des Romans und nun auch des von Steinbeck nach ihm geschriebenen Schau­spiels. Seine Szenen erzählen die Ge­schichte eines von feindlichen Truppen besetzten Landes, dessen Volk die Ein­dringlinge mit allen Mitteln des passiven und aktiven Widerstandes bekämpft Daß der Roman damals von der Besatzungs­macht nicht verboten wurde, wen: ein Be­weis für den Mut zu großzügiger Auffas­sung, mit der hier, trotz aller notwendigen Beschränkung des öffentlichen Lebens, von Anfang an der Begriff der Presse­freiheit angewandt wurde. (Der Roman wurde übrigens später, als er in Buch­form erschien, in der amerikanischen Zone verboten.) Denn aus diesem Roman konnte man, wenn man es wollte, sehr leicht eine Gebrauchsanweisung für Sabotage und Widerstand herauslesen.

Wenn man es wollte. Dann aber wäre Steinbecks Roman — und würde nun auch sein gleichnamiges Schauspiel — mißver­standen. Obwohl aus der Schilderung der Zustände in dem besiegten Land die Ge­schichte der Besetzung Norwegens leicht herauszulesen ist, so vermeidet Steinbeck selbst jede genaue Bezeichnung, ja es wird nicht einmal von deutschen Soldaten ge- |

sprochen. Es geht hier gar nicht so sehr um den besonderen Fall, es handelt sich um das allgemeine Problem des Verhält­nisses zwischen der Besatzung und der besetzten Bevölkerung. Das Schicksal, von feindlichen Armeen besetzt zu werden, haben in dem vergangenen halben Jahr­hundert fast alle Völker Europas ein oder gar mehrere Male erlebt. Dabei ergab sich immer wieder als leidvollste Frage, in­wieweit sich Notwendigkeiten der mili­tärischen Sicherung auf menschliche Weise regeln ließen. Der Befehl, von der ober­sten Heeresführung gegeben, diese oder jene Maßnahme unter allen Umständen und mit allen Mitteln durchzuführen, wurde im Einzelfall oft zum Wahnsinn, für den Befehlsempfänger zum tragischen Konflikt. Steinbeck , in allen seinen Ro­manen ein Menschenschilderer von gro­ßem Format, bewies auch in diesem Buch seine menschliche Weite und geistige Un­abhängigkeit. Er zeichnet nicht in verein­fachender Schwarz-Weiß-Manier, er ver­gröbert die naturgegebene Gegensätzlich­keit der Parteien — Offiziere des Besat­zungsheeres und Bürger einer besetzt«! kleinen Stadt — nicht zur verzerrenden Unwahrheit und erhebt nicht pamphle- tische Anklage. Die Offiziere sind Men­schen, die unter dem Gewissenszwang des Befehls stehen. Mit großem, menschlich gerechtem Verstehen ist vor allem die Figur des Oberst gesehen, der im Wider­streit zur eigenen Einsicht den sinnlosen Befehl von Geiselerschießungen durchfüh­ren muß. Er weiß, daß Recht nie durch Gewalt geschaffen wird, er ist aber — das blinde Gehorchen gewöhnt — nicht stark genug, sich trotz aller schreckenden Er­innerung an frühere Fälle solcher Art dem Befehl zu widersetzen.

I Das Baden-Badener Theater hat vor I kurzem Steinbecks Schauspiel „Der Mond

ging unter“ als deutsche Erstaufführung gebracht Es zeugt für die lebendige Auf­geschlossenheit des Singener Kulturaus- schusses und der Singener Theater­gemeinde, daß die neue Spielzeit mit dem Gastspiel der Baden-Badener gerade in diesem problemreichen Stück begann.

So stark aber in der episch-breiten Schilderung des Romans die Ereignisse sind, so bannend dort oft die Atmosphäre ist geladen mit der Unerbittlichkeit der Folge von Ursache und Wirkung, daß man glaubt, diese Szenen müßten in der Ver­dichtung auf der Bühne noch unheimlicher und schicksalshafter wirken, 60 wenig ist es Steinbeck bei der Bühnenbearbeitung gelungen, gerade die aus der Situation wie aus den Menschen heraus entstehen­den Gegensätze zu einer echten Dramatik zu formen. Im Grunde hat es sich Stein­beck zu einfach gemacht: er übernimmt die Dialoge des Romans wörtlich in das Schauspiel. Was aber im Roman Zuspit­zung der beschreibenden Erzählung ist wird ohne diese vorbereitende Schilde­rung zur bloßen Konversation. Auf solche Weise kommt keine Geschlossenheit eines dramatischen Aufbaus zustande, das Stück zerfällt in Bilder, die, lose aneinander­gereiht, nur Stationen eines Geschehens sind. Es geschieht, im äußeren Handlungs­ablauf, nicht viel. An einem Morgen wird eine Stadt besetzt ohne daß die Bevölke­rung überhaupt irgendetwas vom Krieg weiß. Der Feind kam, ohne Kriegserklä­rung, über Nacht Die anfängliche Verwir­rung der Bevölkerung wird bald zu pas­sivem Widerstand, besonders von seiten der Arbeiter in einem Kohlenbergwerk. Der Bürgermeister, nicht beamtete Auto­rität sondern die Verkörperung aller guten Eigenschaften eines freien Volkes, warnt die Besatzung vor Unüberlegthei­ten und Ge waltmaß nahmen. Die Soldaten, edngespannt in die Maschinerie des Mili­tarismus, sind — in einem Land, in dem es um drei Uhr nachmittags dunkel und erst um neun Uhr wieder bell wird —

schließlich nur noch von Ablehnung und Haß umgeben, nur auf sich allein ange­wiesen. Der Bürgermeister, seinem Volk und der Freiheit treu, wird als Geisel verhaftet und erschossen.

Aus manchen Szenen spricht ein starker Stimmungisgehalt. Aber die Schärfe einer aus der inneren Spannung kommenden Auseinandersetzung fehlt. Das Schauspiel bleibt dem epischen Charakter des Ro­mans verhaftet. Die Aufführung des Baden-Badener Ensembles, geführt von dem Regisseur Hans Bauer, betonte noch die erzählerisch verhaltenen Mo­mente des Stücks und dehnte auf solche Weise die reinen Gefühlsschwingungen zu sehr. Stärkere dramatische Akzente gäben der Inszenierung die notwendige Härte einer tragischen Situation. Auch der Dar­steller des Oberst (Johannes Send- ler) hätte nicht so weich sein dürfen. Sein Konflikt, aus dem Widerstreit zwi­schen Erkenntnis und Gehorsam entstan­den, wäre dadurch überzeugender zum Ausdruck gekommen. Dann machte- er auch die innere Not dieses Offiziers deut­licher, den eine unglückliche Situation zum Gegenspieler des Bürgermeisters, des innerlich freien Menschen, zwingt. Wal­ ther Kottenkamp zeichnete den Bür­germeister mit den sympathischen Zügen eines in seiner geistigen Ueberlegenheit sicheren Mannes und gab die stärkste schauspielerische Leistung des Abends.

Das die Kunsthalle bis auf den letzten Platz füllende Publikum bezeugte am Schluß der Aufführung mit lebhaftem Beifall seinen Dank. Dr. W. Manggold

Magier am herbstlichen Himmel

Riesige Kranichzüge, wie sie seit Jahren nicht beobachtet wurden, zogen in diesen Tagen von Norddeutschland nach Süden und Südwesten. Bis an tausend Tiere schätzte man in einzelnen Flugkeilen und ihre trompetenähnlichen Rufe erfüllten die graue Einsamkeit später Nachmittage.

Mit einem schnellen, harten Einfall des Wintens sei zu rechnen, hört man die Beob­achter sagen. Aber die Wissenschaft teilt diese alte Volksmeinung nicht. Nach ihrer Auffassung, für die sie zahlreiche Unter­lagen und Versuche an gefangenen Zug­vögeln zur Hand hat, folgt der Vogeizug Gesetzen, die mit dem Wetter eigentlich nichts zu tun haben. Nicht die bevorste-» hende Kälte, sondern die .Schwellung der Keimdrüsen, die Abnahme des Tageslich­tes und andere Faktoren, denen der Tier­körper instinktiv gehorcht, bestimmen Zeitpunkt und Umfang des Vogelzuges.

Die omithologischen Stationen in Deutschland haben nur wenig Gelegenheit, dem Geheimnis des Kranichzuges direkt nachzuspüren. Diese Großvögel sind bei uns außerordentlich selten geworden. Die Zahl der Kranichhorste in den stillen ent­legenen Mooren Nordwestdeutschlands dürften einige dreißig kaum übersteigen.

Die riesigen Kranichzüge, die über un­sere Breiten ziehen, kommen aus dem skandinavischen Norden. Allerdings haben sie auch auf dem deutschen Festlande alte, bestimmte Sammelplätze, auf denen sie sich zu Tausenden vor dem Weiterflug nach Süden vereinigen. In Ostpreußen, Pom­mern und an den unzugänglichen Stellen der mecklenburgischen Seenplatte kennt man solche Orte. Wie auf ein geheimnis­volles Zeichen erheben sich die Vögel plötz­lich in einer Nacht und ziehen davon.

Bengt Berg ist einmal den Kranichen nachgezogen. Die Fahrt endete am Nil. Er brachte Kunde von unübersehbaren Scha­ren aller Art Kraniche in den weiten Pa­pyrussümpfen. Sein Buch darüber wurde weltberühmt, aber das letzte Wissen um die Geheimnisse des Zuges und des Lebens der Kraniche blieb es schuldig. Die Einge­borenen begegnen ihnen und reden von ihnen mit magischer Scheu. In der Tat, Magiern vergleichbar ist ein Kranichpaar, wenn es die aufgehende Sonne begrüßt mit seltsamen Schreittänaen, die es mit weitgeöffneten Schwingen ausführt. R. K.