Dienstag, 25. September 1951
SÜDKURIER
Nr. 149 / Seite t
Wirtschafts- und sozialpolitischen Entschließungen zeigen Verständnis für die Situation. Daß darüber hinaus in manchen Fragen Meinungsunterschiede gegenüber den Koalitionspartnern bestehen, wurde deutlich herausgestellt; es wurde aber auch betont, sie seien „der geistige Motor“ für die zu leistende positive Arbeit. Blücher stellte ausdrücklich fest, daß die Partei nicht daran denke, die echte Eigenständigkeit der gewachsenen Länder anzutasten. Das „schöpferische Eigenleben“ der Länder müsse allerdings „eine Grenze finden in der Aufgabe für das Ganze“.
Es ist erfreulich, daß der Vizekanzler die Verantwortung für Demokratie und Staat in den Vordergrund seiner Ausführungen gestellt und daß er es abgelehnt hat, dem spürbaren Druck von rechts nachzugeben. Er wird in seiner Haltung bestärkt durch die wirklich demokratischen Kräfte des Südens, die in der Wahrung der alten Tradition der Partei auch heute noch eine Aufgabe sehen. Diese Aufgabe kann zunächst nur darin bestehen, den demokratischen Gedanken im Volk zu festigen und alles zu vermeiden, was anders gerichteten Bestrebungen einen Auftrieb geben könnte.
Deutschland braucht Vertrauen der Welt
Bundeskanzler sprach in Essen — Vertriebenen-Problem muß gelöst werden
ESSEN . „Wir Deutsche können nicht wieder ein freies Leben in dieser Welt führen, wenn die übrige Welt uns nicht wieder Vertrauen schenkt”, erklärte Bundeskanzler Dr. Adenauer in einer Ansprache auf der katholischen Sazialtagung in Essen . „Wenn es sich jetzt darum handelt, daß Deutschland wieder gleichberechtigt ein treten soll in den Kreis der Nationen, dann wird bei vielen die Erinnerung daran wach, was in der Vergangenheit geschehen ist. Wir haben demgegenüber nur ein Mittel, die anderen dazu zu bringen, uns zu vertrauen, daß wir bereit sind mitzuarbeiten für den Frieden und zum Besten der gesamten Menschheit”
Es gehe darum, sagte der Bundeskanzler, mit den anderen christlichen Völkern das Christentum in Deutschland und in der Welt vor dem zu retten, was vom Osten her droht. „Wir Deutsche haben nichts, keine Macht, nicht die Freiheit, keine Souveränität. Die übrige Welt aber hat von alledem, was sich in den vergangenen Jahren ereignet hat, Mißtrauen uns gegenüber. Seien wir uns klar darüber: Wir Deutsche wollen vergessen, was von Deut schen an Furchtbarem ausgegangen ist, aber die anderen Länder haben das noch nicht vergessen.”
Dr. Adenauer unterstrich die Worte Papst Leos XIII. , daß der Besitzende verpflichtet sei, seinen Besitz zum allgemei
nen Besten zu gebrauchen. Eine der schlimmsten Krankheiten unserer Zeit sei die schrankenlose Ichsucht, eine Folge der materialistischen Weltanschauung.
Er warnte vor der fortschreitenden Vermassung und dem Klassenkampf, der zum Verderben aller führe. In diesem Zusammenhang seien die Lösung des Wohnungsund des Vertriebenenproblems besonders dringend. Vor allem der Eigenheimbau müsse gefördert werden.
Zu welchem Unheil die Mißachtung der Würde der Persönlichkeit führen könne, hätten die Untaten des Nationalsozialismus gezeigt, die aber noch von dem Sklavensystem des Ostens übertroffen würden. Das sowjetische Beispiel beweise, wie notwendig der Fortbestand des Privateigentums für den Bestand der menschlichen Gesellschaft sei.
Der Südweststaat Prozeß
BONN . Der Bundesrat beschloß, zu dem Verfassungsstreit über das Südweststaatgesetz keine Stellung zu nehmen. Der Bundesverfassiungsgerichtshof hatte den Bundesrat um eine Stellungnahme gebeten. Inzwischen ist der Bundestag ebenfalls um Darlegung seiner Ansicht gebeten worden. iDer Rechtsausschuß des Bundestages bereitet zur Zeit eine Antwort für das Bundesverfassungsgericht vor.
Europa -Konferenz für ein geeintes Deutschland
Neutralisierung abgelehnt — Trennende Vergangenheit vergessen
HAMBURG . Die sechste internationale Konferenz der Europäischen Bewegung in Hamburg bekannte sich zu einer auf die Wert? der Demokratie gegründeten euro päischen Gemeinschaft, die das ganz© Eu ropa und deshalb ein geeintes Deutsch land umfassen soll. Die Konferenz stellte in einer Entschließung fest, daß diese europäische Gemeinschaft in Freiheit und mit friedlichen Mitteln unverzüglich verwirklicht werden müsse, um Europa seinen Wohlstand zurückzugeben und die Welt im Gleichgewicht und in Frieden zu halten.
Es sei möglich und unerläßlich, so heißt es in der Entschließung, daß Deutschland und seine westlichen Nachbarn den Blick
WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdlenstea
Unser Wetter wird jetzt wieder durch die vom Atlantik auf des Festland übergreifenden Störungen beeinflußt. Einem Zwischenhoch folgt von Westen her eine neue Störung nach.
Aussichten bis Dienstagabend: Veränderliche, zeitweise stärker aufgelockerte Bewölkung. Noch einzelne Niederschläge möglich. Tageshöchsttemperaturen um 20 Grad,
SUDKURIER
Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nachrichtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr,Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz . Marktstätte 4. Drude: Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz GmbH.
nicht auf die trennende Vergangenheit, sondern auf die Zukunft richten, die von allen den Willen zum Zusammengehen erfordere. Der Wille aller Deutschen , sich niemals mit der Teilung ihres Landes abzufinden, wurde in der Entschließung ausdrücklich anerkannt.
Deutschland soll völlig gleichberechtigter Partner der europäischen Gemeinschaft sein. Dazu gehöre die Wiederherstellung seiner Souveränität und die unverzügliche Umwandlung des Besatzungsregimes. Zu den gleichen Pflichten aller Partner einschließlich Deutschlands gehöre auch die gemeinsame Verteidigung Europas . Eine Neutralisierung Deutschlands , die dieses zum dauernden Spielball internationaler Konflikte machen würde, wird abgelehnt.
Kolumbus hatte es leichter
MIAMI . (Florida .) Das deutsch © Ehepaar Paul, das am Freitag nach einer zweijährigen Reise -mit dem Segelboot aus Hamburg in Miami ' eingetroffen war, wurde am Wochenende mit dem Flugzeit nach dem Einwanderer-Internierungslager Ellis Island im Hafen von New York gebracht. Die amerikanischen Einwande- runoebehörden hatten ihnen die Einreiseerlaubnis verweigert, da sie kein Visum besitzen. Bruno und Margit Paul hatten bereits zuvor Pech mit Einwanderungsbehörden. Während man sie längst in den Fluten des Karibischen Meeres ertrunken glaubte, hatten sie sich in den Maschen der Bürokratie Kubas verfangen. Sie werden wochenlang von den Beamten der dortigen Einwandererdienststeüen verhört.
Kameradschaftliche Selbsthilfe
DORTMUND . Der Vorsitzende des deut schen Soldatenbundes, General a. D. Frieß- ner, kündigte in Dortmund eine „kameradschaftliche Selbsthilfe“ der ehemaligen Soldaten bei der Gründung neuer Existenzmöglichkeiten an. Wo Staat oder Gemeinden bei der Arbeitsbeschaffung, der sozialen Hilfe oder dem Wohnungsbau für ehemalige Soldaten versagt hätten, strebe der VdS eine Hilfsaktion von sozial gesicherten ehemaligen Soldaten in guten Positionen für bedürftige und arbeitslose Kameraden an.
Zusammenschluß DG-BHE
STUTTGART . Die Landesverbände der Deutschen Gemeinschaft-BH-E und des BHE in Württemberg-Baden , Württem- berg-Hohenzollern und Südbaden haben den Aiufbau einheitlicher Organisationen unter dem Namen DG-BIHE beschlossen. Die drei Landesverbände bilden bis zur staatlichen Neuordnung Südwestdeutsch lands eine Arbeitsgemeinschaft innerhalb der BHE-Bundesorganisation.
Eine Wohnung für zweieinhalb Kilo Brot
Eigenartige Mietverhältnisse in Österreich - Auffallendes Entgegenkommen der Sowjets
Gut zwei Drittel aller Österreicher wohnen heute beinahe umsonst. Es ist kaum mehr als ein Trinkgeld, was die meisten Hauptmieter jeden Monatsersten an ihren Hausbesitzer zahlen und reicht bei weitem nicht aus, den Althausbesitz auch nur einigermaßen instand zu halten. 7 Schilling = 1,30 DM kostet eine Zimmer-Küche-Wohnung im Monat. Um dasselbe Geld Kann man sich 2 1 /i Kilo Roggenbrot oder zwei Viertel Heurigenwein kaufen. Selbst eine Fünfzimmerwohnung hat im allge-
HK. - Korrespondenten.
lein von den Untermieten, die ihnen ihre aus einstigen Glanzzeiten verbliebene Großwohnung abwirft. Der Hausbesitzer dagegen ist nicht selten auf Fürsorgeunterstützung angewiesen, weü unter diesen Umständen keinerlei Hypotheken auf Häuser zu erhalten sind.
Diese einzigartigen österreichischen Mietverhältnisse, deren Ursache darin liegt, daß eine Friedenskrone nach dem Mieterschutztarif mit 20 Groschen (= 3Vs Pfg.) umgerechnet werden muß, sollen in näch-
meinen nur einen Grundzins von 40—60 j ster Zeit einigermaßen normalisiert wer
Schilling monatlich, das sind 8—10 DM. Die glücklichen Hauptmieter solcher vor 1918 erbauten Groß Wohnungen vermieten meist gleich mehrere Räume an Untermieter weiter, — das Zimmer durchwegs für 300 Schillinge, — und haben auf diese Weise ein leichtverdientes ansehnliches Einkommen. Viele alte k. u. k. Hofratswitwen leben herrlich und in Freuden al-
Plant Moskau Viererkonferenz in Berlin ?
Verteidigungsbeitrag soll verhindert werden — Hauspropaganda mit Grotewohl -Rede
BERLIN . (G.-Eigenbericht) Im sowjetischen Sektor Berlins waren am Montag die Zeitungen, die sonst bergweise liegen bleiben, schnell vergriffen. In sämtlichen russisch lizenzierten Blättern war, auf höhere Weisung, der volle Wortlaut der Rede abgedruckt, die Bundeskanzler Dr. Adenauer am vorigen Dienstag gehalten hat. Mit der Veröffentlichung der Adenauer-Rede in der sowjetisch lizenzierten Presse soll der Westen gezwungen werden, auch die Regierungserklärung Grotewohls und den Appell der Volkskammer an den Bundestag in vollem Wortlaut zu bringen. Gegenwärtig müssen im sowjetischen Sektor Berlins und in der sowjetischen Zone Mitglieder des Ostmagistrats, Aufklärer der nationalen Front und Hausobleute jeden einzelnen Haushalt mit einer Broschüre besuchen, die die Grote- wohl-ErkHärung und den Volkskammer - Appell enthält. Jedes Familienmitglied muß den „Aufklärern“ schriftlich bestätigen, Rede und Appell zur Kenntnis genommen zu haben und mit dem Inhalt einverstanden zu sein.
Aus alliierten Kreisen Berlins verlautet, daß von kommunistischer Seite bereits ein zweiter Schritt für den Fall vorbereitet wird, daß die Vorschläge der Volkskam mer vom Bundestag in einer den Osten nicht befriedigenden Weise beantwortet werden. Für diesen Fall plant man auf östlicher Seite eine Art „gesamtdeutschen Einheitskongreß“ nach Berlin einzuberufen, an dem aus Westdeutschland nicht die gewählten Mitglieder des Bundestages,
sondern „verantwortungsbewußte deut sche Patrioten“ teilnehmen sollen. Es wird damit gerechnet, daß sich die Teilnehmer eines solchen Kongresses mit einer Entschließung an die Sowjetunion wenden würden, in der die Sowjetunion gebeten wird, mit Deutschland einen Friedensvertrag abzuschließen.
Allerdings wird auch au© SHD-Kreisen bekannt, daß die Sowjets unter allen Umständen gesamtdeutsche Beratungen her- beifiihren wollen. In diesem Zusammenhang wird auch von einer Bereitschaft der Sowjetunion zu einer neuen Außenmdni- sterkonferenz gesprochen. Alle diese sowjetischen Pläne verfolgen das eine Ziel: einen deutschen Verteidigungsbeitrag unbedingt zu verhindern.
In Berlin sind am Wochenende vergeblich die Bemühungen fortgesetzt worden, doch noch zu gesamtberliner Wahlen zu kommen. In einer außerordentlichen Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses stellte der regierende Bürgermeister Professor Reuter die Forderung nach freien Wahlen in ganz Berlin nunmehr in aller Form. Die 1946 gewählten 10 Stadtverordneten der Sozialistischen Einheitspartei, die zur Sondersitzung geladen waren, waren auf Anweisung der Parteileitung nicht erschienen.
Wenige Stunden nach der Sitzung des Abgeordnetenhauses lehnte der Leiter des ostberliner Magistrats, Friedrich Ebert , er-- neut gesamtberliner Wahlen vor gesamtdeutschen Beratungen als ,Kräh winkeleien“ ab.
. Die Haltung der Parteien zum Grotewohl-Vorschlag für gesamtdeutsche Wahlen klärt sich noch vor der für Donnerstag vorgesehenen Bundestagsdebatte über die Bonner Antwort. Daß die Sowjetunion hinter Grotewohls Vorschlag steht, ist die Meinung aller Parteien. Meinungsverschiedenheiten bestehen über die Motive des Vorstoßes und über die zweckmäßigste Taktik des Westens. In der CDU ist eine Gruppe, zu der einige Ber liner Abgeordnete und der Bundestagspräsident Ehlers gehören, der Meinung, daß es nicht richtig wäre, die Vorschläge ohne weiteres abzulehnen, ehe man weiß, wie weit der Osten gehen will.
Auch die SPD möchte herausflnden, ob reale Absichten hinter dem Angebot stecken. Die FDP hat auf ihrem Parteitag verlangt, daß zunächst freie Wahlen in der Sowjetzone stattfinden müßten, weil man nur mit frei gewählten Vertretern der Sowjetzone überhaupt verhandeln könne.
Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Dr. Lenz, wies der Presse gegenüber dar
auf hin, daß die Bundesregierung Zweifel an der Aufrichtigkeit der Angebote aus der Sowjetzone habe. Die SEID-Maßnah- men der letzten Tage bestätigten diese Zweifel: Ablehnung des Vorschlages für freie Wahlen in Berlin , Ndchtteilnahme der SEID-Abgeordneten an der Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses. In der Sowjetzone fehle auch jetzt selbst ein Mindestmaß an politischer Freiheit Allein im August seien 37 000 politische Flüchtlinge aus der Sowjetzone im Bundesgebiet eingetroffen. Die beste Garantie für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands nannte Lenz den euro päischen Zusammenschluß, wie ihn die Bundesregierung durch ihre außenpolitischen Erfolge ermöglicht habe.
den. Nach langem Zögern haben sich auch die Sozialisten bereit erklärt, einem Gesetzentwurf, der die Verfünffachung des Mietzinses vorsieht, zuzustimmen, weil viele Wiener Häuser drohen, in Bälde zu- sammenzubrechen. 3000 Privathäuser wurden seit Kriegsende jährlich völlig unbewohnbar, da die Besitzer einfach nicht in der Lage waren, sie zu erhalten. Der dadurch entstandene Schaden übertrifft bereits alle Bomben- und Kriegsschäden an der Donaustadt.
Doch die österreichischen Mieter haben sich schon zu sehr daran gewöhnt, fast kostenlos zu wohnen, als daß sie vernünftigen Ueberlegungen zugänglich wären.
Die österreichische Regierung befürchtet, daß neue Unruhen drohen, wenngleich man mehr mit lokalen Störversuchen als mit Massendemonstrationen rechnet, weil die KP sich einer neuen großen Schlappe nicht aussetzen will. Auffallend ist dagegen, wir korrekt, ja entgegenkommend sich in den letzten vier Monaten das sowjetische Besatzungselement verhalten hat Es werden laufend von den Sowjets beschlagnahmt gewesene Wohnungen an Oesterreicher zurückgegeben, man schont bei den militärischen Uebungen im Gegensatz zu den früheren Jahren alles bebaute Land und hat den in Rußland verhafteten Oesterreichem den Briefverkehr mit ihren Angehörigen freigestellt. Ob die Russen mit ihrer neuen Taktik den Widerstand der Bevölkerung einschläfem und beruhigen oder nur zeitweise der KP ihre geplanten Aktionen erleichtern wollen, ist schwer zu sagen, jedenfalls sehen die Verantwortlichen Oesterreichs die ungewohnte friedfertige Aera in der sowjetischen Besatzungspolitik noch mit weit mehr Besorgnis als Freude an. Das Mietgesetz, das jetzt beraten wird und vor seinem Inkrafttreten auch den Alliierten vorgelegt werden muß, wird eine erste Probe sein, wie weit die Sowjets sich an ihre Taktik halten und welches trojanische Pferd dahinter steckt. _
Erste Besprechung in Kaesong
TOKIO. Das kommunistische Oberkom- kando in Korea nahm den Vorschlag des UN -Oberkommandierenden General Rid- gway an,amMontagwieder über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Bei der ersten Beratung haben die UN -Unterhändler den Kommunisten mitgeteilt, daß die Stadt Kaesong picht der geeignete Ort für eine Fortsetzung der Gespräche sei.
Ein TSnzchen In Ehren . . .1
„Wir leihen unsere Bücher auf Ehrenwort aus, ohne Gebühren. Und — wir bekommen sie stets zurück. Obwohl es sich ausnahmslos um begehrteste, nicht gerade billige Neuerscheinungen handelt. Und obwohl die Menschen sie mit hinter den Eisernen Vorhang nehmen, wo wir sie niemals wieder aufspüren könnten“, erzählt die Bibliothekarin in dieser auf der Welt einzigartigen Bücherei, die sich am Westberliner Kurfürstendamm für die Sowjet- zonen-Bevölkerung aufgetan hat.
Schon in den frühen Vormittagsstunden beginnt der Zustrom zu dem Büro im vierten Stock, wo auf einem unscheinbaren Firmenschild „Vereinigung für Kulturelle Hilfe“ steht. Es kommen Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters. Typisch an ihnen ist nur die farblose Kleidung des Ostens. Sie haben die Adresse von Bekannten erfahren oder heimlich über den Westberliner Sender gehört.
Da sind alte Frauen und zittrige Greise, die schüchtern an die Tür der „Päckchen- hiife Ost“ klopfen. Oder verzweifelte Mütter, deren Männer in irgendein KZ eingeliefert wurden und die nun nicht wissen, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollen. Die meisten kommen aus Sachsen und Thüringen , aus den Industriegebieten. Weniger aus dem landwirtschaftlichen Meck lenburg . Mit zitternden Fingern holen sie ihre Personalausweise vor und wissen nicht genug Dankesworte für das Pfund Zucker, den Liter Tafelöl, die geräucherte Schinkenwurst, die Margarine, die Kondensmilch, das Puddingpulver. 1000 Pakete verteilt die Päckchenhilfe-Ost monatlich aus etwa 1K Tonnen Lebensmittelspenden an Alte, Rentner, Sozialunterstützte aus dem Osten. Kranken besorgt sie, wenn sie die Krankheitsberichte vorlegen, wertvolle, in der Sowjetzone nicht erhältliche Medikamente.
s der Sowjetzone
Eine Tür weiter ist die Hilfe, die geleistet wird, mehr geistiger Natur. Zur „Beratungsstelle für freiheitliche Erzieher“ kommen die Lehrer in ihrer Gewissensnot und wollen Antwort auf die Frage: „Wieweit darf ich diesem System entgegenkommend ohne mich schuldig zu machen?“ Sie suchen einen Kompromiß zwischen dem „Ich kann Stalin nicht den Schülern als Heilsbringer erscheinen lassen“ uud dem „Ich darf ihn nicht als Diktator schildern.“ Die Beratungsstelle zeigt ihnen einen Mittelweg. Sie gibt ihnen Tips, wie sie ein Gedicht auslegen können, ohne in stali - nistischem Sinne unterrichten zu müssen, aber auch ohne Gefahr zu laufen, als „Volksfeind und Saboteur“ angesehen zu werden. Im Durchschnitt suchen täglich 10 Pädagogen aus dem Osten die Beratungsstelle auf.
Der größte Andrang besteht zur „Bücherei Ost“, die heute 4500 Bände besitzt, zum größten Teil Neuerscheinungen aus den Jahren 1950/5^, die von rund 500 westdeutschen, schweizerischen, österreichischen und amerikanischen Verlagen gespendet wurden. Die Menschen, die in diese Bücherei kommen, tragen meist ein kleines in ostzonales Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen bei sich. Aus der sowjetamtlichen „Täglichen Rundschau“ schälen sie dann Clays „Entscheidungen in Deutschsland“. Die Besucher kommen von weither: Görlitz , Dresden , Weimar , Rostock . Es sind Schüler, Kaufleute, Akademiker unter ihnen. Aber auch viele Handwerker, die sich ganz systematisch weiterbilden, was man sonst in einer Leihbücherei selten findet. Sie verlangen vor allem politische Werke und Bücher, die die jüngste Vergangenheit in Form dokumentarischer Berichte schildern. Nach guten Uebersetzungen der modernen Ameri
kaner, Engländer und Franzosen wird viel gefragt. „Die Menschen suchen nach Büchern, die ihren Lebenswillen stärken. Aber diese Bücher sind selten.
„Zuerst stürzen sich die Leser auf Sar tre “, erzählt die Bibliothekarin. „Aber seine Romane waren eine große Enttäuschung. .Wenn wir Sartres Philosophie zu eigen machen, müßten wir 1 jeden Widerstand aufgeben“, sagen die Menschen aus dem Osten. ,Und das wollen wir nicht“ “.
Am begehrtesten bei den fast 7000 Lesern, die im letzten halben Jahr die Bücherei besuchten, war George Orwells utopischer Roman „1984“ (der in vorzüglicher deutscher Uebersetzung von Kurt Wagen seil jetzt im Diana-Verlag, Rastatt -Stutt gart , erschienen ist. Sein Thema, die Schilderung des Lebens in einem autoritär unterjochten und mit den Mitteln modernster Technik überwachten europäischen
Drei Städte
Die Stadt Frankfurt gab vor einiger Zeit bekannt, daß sie den Goethepreis in diesem Jahr nicht vergeben werde; eie wolle auch künftig zur Verteilung im Abstand von zwei Jahren statt wie bisher jährlich, übergehen. Sie begründete dieses Vorhaben mit der Befürchtung, es könne sich sonst eine „Inflation der literarischen Preise“ ergeben. Der Goethepreis ist mit einer Geldsumme von 10 000 DM verbunden. Daß durch diese Summe, vielmehr durch ihre Ausgabe für etwas so Unnützes wie einen Literaturpreis, eine Inflation der Währung gefördert werden könnte, war ja gottlob nicht zu befürchten.
Das edle Beispiel aus der Goethestadt weckte di© Stadtverwaltung von Braun schweig aus ihren Grübeleien, an wen sie in diesem Jahr den von ihr gestifteten Wil- helm-Raabe-Preis verleihen und woher sie das Geld dafür nehmen sollte. Was für das. reiche Frankfurt recht ist, das sei für uns billig, sagten sich die Braunschweiger
Sklavenstaat im Jahre 1984, ist für die Menschen in der Sowjetzone von unheimlicher Beziehung). Köstlere „Sonnenfinsternis“ und Kasacke „Stadt hinter dem Strom“ werden ebenso verlangt. Jeden Tag fragt mindestens einer nach einem dieser Bücher. Diesmal ist es eine Frau aus einem Ort in der Nähe von Aue. Sie bringt Krawtschenkos „Ich wählte die Freiheit“ zurück, legt es scheu auf den Schreibtisch. Es sieht arg zerfleddert aus. „Das ganze Dorf hat es gelesen...“, meint die Frau entschuldigend. Die Bibliothekarin kennt das. Sie weiß, unter welchen Umständen diese Bücher in der Zone heimlich von Hand zu Hand gehen. Schweigend stellt sie das zerfledderte Buch aufs Regal zurück. Es hat vielleicht zehn, vielleicht Menschen den Blick in eine andere Welt ermöglicht. Und das ist sein Sinn. L. M.
- drei Preise
und beschlossen, gleichfalls die Gefahr einer Inflation literarischer Preise zu bekämpfen. Auch sie wollen ihr Geld in diesem Jahre also sparen und künftig nur in jedem zweiten Jahr damit herausrücken.
Die Stadtväter von Düsseldorf aber hatten in diesem Jahr allzuviel Aufmerksamkeit auf die Lösung ihrer Theaterprobleme und die Beilegung des „Falles Gründgens“ wenden müssen. Sie hatten keine Zeit, an den von ihnen ausgeschriebenen Immer- mann-Preis zu denken, der 5000 DM beträgt. Als es dann so weit war, schauten sie mit betrübtem Sinnen auf die vorgeprellten Städte Frankfurt und Braun schweig hin. Jetzt auch noch kommen und als dritte im Bunde gegen die doch schon so erfolgreich bekämpfte Gefahr einer Inflation literarischer Preise anzugehen — nein, das sahen die honorigen Herren vom Niederrhein wohl ein, das war nicht mehr zu machen. Doch was tun? Das Theater mit Neubau und Gründgenskrise hatte
allerhand gekostet. Vorher nun noch das Geld für einen so unvorsichtig ausgeschriebenen Literaturpreis nehmen? Die Stadtväter von Düsseldorf beschlossen, da sie nun doch weder Braunschweig noch gar Frankfurt nachahmen wollten, einen ganz sicheren Weg zu gehen. Sie sagten einfach, die Wahrheit. Schlicht: aus Geldmangel werde der Immermann-Preis nicht verliehen. Uebrigens, wer war schon Immer mann ? Schrieb er nicht einen Roman über den Lügenbaron, den Münchhausen?
Soweit brav und gut. Es ließ sich indes nicht verheimlichen, daß für Karl May - Festspiele von eben dieser plötzlich so sparsam gewordenen Stadtverwaltung ein Zuschuß von 10 000 DftJ bewilligt wurde; das Doppelte dessen also, was für den Immermann-Preis zur Verfügung hätte stehen sollen.
O Tempora, o mores . . . Wo ist der Zopf, an dem eine ganze Stadt sich aus dem Abgrund ihrer Verlegenheit ziehen könnte? Her damit, her damit!
Aumeister
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Die Mainzer Akademie wird, wie wir erfahren, den von ihr ausgeschriebenen Literaturpreis in Höhe von 10 000 D-Mark im Jahr 1961 ebenfalls nicht verteilen. Im Evangelium des Lucas 23, 31 heißt es: „Denn so man das tut am grünen Holze, was soll am dürren werden?“
Ernst Schnabel , der bekannte Schriftsteller und Rundfunkautor, ist vom Generaldirektor des nordwestdeutschen Rundfunks, Dr. Adoif Grimme, zum Intendanten des NWDR Hamburg , berufen worden. Schnabel ist der Nachfolger von Intendant Willy Tröster, der Ende Juli auf eigenem Wunsch aus dem NWDR ausgeschieden ist.
Der älteste deutsche Astronom, Prof. Dr. Richard Scharr, ist in Bad Gastein im Alter von 84 Jahren gestorben. Prof. Schorr war von 1899 bis 1941 Direktor der Hamburger Sternwarte .