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Dienstag, 25. September 1951

SÜDKURIER

Nr. 149 / Seite t

Wirtschafts- und sozialpolitischen Ent­schließungen zeigen Verständnis für die Situation. Daß darüber hinaus in man­chen Fragen Meinungsunterschiede gegen­über den Koalitionspartnern bestehen, wurde deutlich herausgestellt; es wurde aber auch betont, sie seien „der geistige Motor“ für die zu leistende positive Ar­beit. Blücher stellte ausdrücklich fest, daß die Partei nicht daran denke, die echte Eigenständigkeit der gewachsenen Länder anzutasten. Das „schöpferische Eigen­leben“ der Länder müsse allerdings „eine Grenze finden in der Aufgabe für das Ganze“.

Es ist erfreulich, daß der Vizekanzler die Verantwortung für Demokratie und Staat in den Vordergrund seiner Ausführungen gestellt und daß er es abgelehnt hat, dem spürbaren Druck von rechts nachzugeben. Er wird in seiner Haltung bestärkt durch die wirklich demokratischen Kräfte des Südens, die in der Wahrung der alten Tradition der Partei auch heute noch eine Aufgabe sehen. Diese Aufgabe kann zu­nächst nur darin bestehen, den demokra­tischen Gedanken im Volk zu festigen und alles zu vermeiden, was anders gerichteten Bestrebungen einen Auftrieb geben könnte.

Deutschland braucht Vertrauen der Welt

Bundeskanzler sprach in Essen — Vertriebenen-Problem muß gelöst werden

ESSEN . „Wir Deutsche können nicht wieder ein freies Leben in dieser Welt führen, wenn die übrige Welt uns nicht wieder Vertrauen schenkt”, erklärte Bun­deskanzler Dr. Adenauer in einer An­sprache auf der katholischen Sazialtagung in Essen . „Wenn es sich jetzt darum han­delt, daß Deutschland wieder gleichberech­tigt ein treten soll in den Kreis der Na­tionen, dann wird bei vielen die Erinne­rung daran wach, was in der Vergangen­heit geschehen ist. Wir haben demgegen­über nur ein Mittel, die anderen dazu zu bringen, uns zu vertrauen, daß wir bereit sind mitzuarbeiten für den Frieden und zum Besten der gesamten Menschheit”

Es gehe darum, sagte der Bundeskanzler, mit den anderen christlichen Völkern das Christentum in Deutschland und in der Welt vor dem zu retten, was vom Osten her droht. „Wir Deutsche haben nichts, keine Macht, nicht die Freiheit, keine Souveränität. Die übrige Welt aber hat von alledem, was sich in den vergangenen Jahren ereignet hat, Mißtrauen uns gegen­über. Seien wir uns klar darüber: Wir Deutsche wollen vergessen, was von Deut­ schen an Furchtbarem ausgegangen ist, aber die anderen Länder haben das noch nicht vergessen.”

Dr. Adenauer unterstrich die Worte Papst Leos XIII. , daß der Besitzende ver­pflichtet sei, seinen Besitz zum allgemei­

nen Besten zu gebrauchen. Eine der schlimmsten Krankheiten unserer Zeit sei die schrankenlose Ichsucht, eine Folge der materialistischen Weltanschauung.

Er warnte vor der fortschreitenden Ver­massung und dem Klassenkampf, der zum Verderben aller führe. In diesem Zusam­menhang seien die Lösung des Wohnungs­und des Vertriebenenproblems besonders dringend. Vor allem der Eigenheimbau müsse gefördert werden.

Zu welchem Unheil die Mißachtung der Würde der Persönlichkeit führen könne, hätten die Untaten des Nationalsozialis­mus gezeigt, die aber noch von dem Skla­vensystem des Ostens übertroffen würden. Das sowjetische Beispiel beweise, wie not­wendig der Fortbestand des Privateigen­tums für den Bestand der menschlichen Gesellschaft sei.

Der Südweststaat Prozeß

BONN . Der Bundesrat beschloß, zu dem Verfassungsstreit über das Südweststaat­gesetz keine Stellung zu nehmen. Der Bundesverfassiungsgerichtshof hatte den Bundesrat um eine Stellungnahme gebe­ten. Inzwischen ist der Bundestag eben­falls um Darlegung seiner Ansicht gebe­ten worden. iDer Rechtsausschuß des Bun­destages bereitet zur Zeit eine Antwort für das Bundesverfassungsgericht vor.

Europa -Konferenz für ein geeintes Deutschland

Neutralisierung abgelehnt — Trennende Vergangenheit vergessen

HAMBURG . Die sechste internationale Konferenz der Europäischen Bewegung in Hamburg bekannte sich zu einer auf die Wert? der Demokratie gegründeten euro­ päischen Gemeinschaft, die das ganz© Eu­ ropa und deshalb ein geeintes Deutsch­ land umfassen soll. Die Konferenz stellte in einer Entschließung fest, daß diese euro­päische Gemeinschaft in Freiheit und mit friedlichen Mitteln unverzüglich verwirk­licht werden müsse, um Europa seinen Wohlstand zurückzugeben und die Welt im Gleichgewicht und in Frieden zu halten.

Es sei möglich und unerläßlich, so heißt es in der Entschließung, daß Deutschland und seine westlichen Nachbarn den Blick

WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdlenstea

Unser Wetter wird jetzt wieder durch die vom Atlantik auf des Festland übergreifenden Störun­gen beeinflußt. Einem Zwischenhoch folgt von Westen her eine neue Störung nach.

Aussichten bis Dienstagabend: Veränderliche, zeitweise stärker aufgelockerte Bewölkung. Noch einzelne Niederschläge möglich. Tageshöchsttem­peraturen um 20 Grad,

SUDKURIER

Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nach­richtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr,Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz . Marktstätte 4. Drude: Druckerei und Verlags­anstalt Konstanz GmbH.

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nicht auf die trennende Vergangenheit, son­dern auf die Zukunft richten, die von allen den Willen zum Zusammengehen erfordere. Der Wille aller Deutschen , sich niemals mit der Teilung ihres Landes abzufinden, wurde in der Entschließung ausdrücklich anerkannt.

Deutschland soll völlig gleichberechtigter Partner der europäischen Gemeinschaft sein. Dazu gehöre die Wiederherstellung seiner Souveränität und die unverzügliche Umwandlung des Besatzungsregimes. Zu den gleichen Pflichten aller Partner ein­schließlich Deutschlands gehöre auch die gemeinsame Verteidigung Europas . Eine Neutralisierung Deutschlands , die dieses zum dauernden Spielball internationaler Konflikte machen würde, wird abgelehnt.

Kolumbus hatte es leichter

MIAMI . (Florida .) Das deutsch © Ehepaar Paul, das am Freitag nach einer zwei­jährigen Reise -mit dem Segelboot aus Hamburg in Miami ' eingetroffen war, wurde am Wochenende mit dem Flugzeit nach dem Einwanderer-Internierungslager Ellis Island im Hafen von New York ge­bracht. Die amerikanischen Einwande- runoebehörden hatten ihnen die Einreise­erlaubnis verweigert, da sie kein Visum besitzen. Bruno und Margit Paul hatten bereits zuvor Pech mit Einwanderungs­behörden. Während man sie längst in den Fluten des Karibischen Meeres ertrunken glaubte, hatten sie sich in den Maschen der Bürokratie Kubas verfangen. Sie wer­den wochenlang von den Beamten der dortigen Einwandererdienststeüen verhört.

Kameradschaftliche Selbsthilfe

DORTMUND . Der Vorsitzende des deut­ schen Soldatenbundes, General a. D. Frieß- ner, kündigte in Dortmund eine „kame­radschaftliche Selbsthilfe“ der ehemaligen Soldaten bei der Gründung neuer Exi­stenzmöglichkeiten an. Wo Staat oder Ge­meinden bei der Arbeitsbeschaffung, der sozialen Hilfe oder dem Wohnungsbau für ehemalige Soldaten versagt hätten, strebe der VdS eine Hilfsaktion von sozial ge­sicherten ehemaligen Soldaten in guten Positionen für bedürftige und arbeitslose Kameraden an.

Zusammenschluß DG-BHE

STUTTGART . Die Landesverbände der Deutschen Gemeinschaft-BH-E und des BHE in Württemberg-Baden , Württem- berg-Hohenzollern und Südbaden haben den Aiufbau einheitlicher Organisationen unter dem Namen DG-BIHE beschlossen. Die drei Landesverbände bilden bis zur staatlichen Neuordnung Südwestdeutsch­ lands eine Arbeitsgemeinschaft innerhalb der BHE-Bundesorganisation.

Eine Wohnung für zweieinhalb Kilo Brot

Eigenartige Mietverhältnisse in Österreich - Auffallendes Entgegenkommen der Sowjets

Von unserem Wiener

Gut zwei Drittel aller Österreicher woh­nen heute beinahe umsonst. Es ist kaum mehr als ein Trinkgeld, was die meisten Hauptmieter jeden Monatsersten an ihren Hausbesitzer zahlen und reicht bei weitem nicht aus, den Althausbesitz auch nur einigermaßen instand zu halten. 7 Schil­ling = 1,30 DM kostet eine Zimmer-Kü­che-Wohnung im Monat. Um dasselbe Geld Kann man sich 2 1 /i Kilo Roggenbrot oder zwei Viertel Heurigenwein kaufen. Selbst eine Fünfzimmerwohnung hat im allge-

HK. - Korrespondenten.

lein von den Untermieten, die ihnen ihre aus einstigen Glanzzeiten verbliebene Großwohnung abwirft. Der Hausbesitzer dagegen ist nicht selten auf Fürsorge­unterstützung angewiesen, weü unter die­sen Umständen keinerlei Hypotheken auf Häuser zu erhalten sind.

Diese einzigartigen österreichischen Miet­verhältnisse, deren Ursache darin liegt, daß eine Friedenskrone nach dem Mieter­schutztarif mit 20 Groschen (= 3Vs Pfg.) umgerechnet werden muß, sollen in näch-

meinen nur einen Grundzins von 40—60 j ster Zeit einigermaßen normalisiert wer

Schilling monatlich, das sind 8—10 DM. Die glücklichen Hauptmieter solcher vor 1918 erbauten Groß Wohnungen vermieten meist gleich mehrere Räume an Unter­mieter weiter, — das Zimmer durchwegs für 300 Schillinge, — und haben auf diese Weise ein leichtverdientes ansehnliches Einkommen. Viele alte k. u. k. Hofrats­witwen leben herrlich und in Freuden al-

Plant Moskau Viererkonferenz in Berlin ?

Verteidigungsbeitrag soll verhindert werden — Hauspropaganda mit Grotewohl -Rede

BERLIN . (G.-Eigenbericht) Im sowjeti­schen Sektor Berlins waren am Montag die Zeitungen, die sonst bergweise liegen bleiben, schnell vergriffen. In sämtlichen russisch lizenzierten Blättern war, auf höhere Weisung, der volle Wortlaut der Rede abgedruckt, die Bundeskanzler Dr. Adenauer am vorigen Dienstag gehalten hat. Mit der Veröffentlichung der Ade­nauer-Rede in der sowjetisch lizenzierten Presse soll der Westen gezwungen wer­den, auch die Regierungserklärung Grote­wohls und den Appell der Volkskammer an den Bundestag in vollem Wortlaut zu bringen. Gegenwärtig müssen im sowjeti­schen Sektor Berlins und in der sowjeti­schen Zone Mitglieder des Ostmagistrats, Aufklärer der nationalen Front und Haus­obleute jeden einzelnen Haushalt mit einer Broschüre besuchen, die die Grote- wohl-ErkHärung und den Volkskammer - Appell enthält. Jedes Familienmitglied muß den „Aufklärern“ schriftlich bestä­tigen, Rede und Appell zur Kenntnis ge­nommen zu haben und mit dem Inhalt einverstanden zu sein.

Aus alliierten Kreisen Berlins verlautet, daß von kommunistischer Seite bereits ein zweiter Schritt für den Fall vorbereitet wird, daß die Vorschläge der Volkskam­ mer vom Bundestag in einer den Osten nicht befriedigenden Weise beantwortet werden. Für diesen Fall plant man auf östlicher Seite eine Art „gesamtdeutschen Einheitskongreß“ nach Berlin einzuberu­fen, an dem aus Westdeutschland nicht die gewählten Mitglieder des Bundestages,

sondern „verantwortungsbewußte deut­ sche Patrioten“ teilnehmen sollen. Es wird damit gerechnet, daß sich die Teilnehmer eines solchen Kongresses mit einer Ent­schließung an die Sowjetunion wenden würden, in der die Sowjetunion gebeten wird, mit Deutschland einen Friedensver­trag abzuschließen.

Allerdings wird auch au© SHD-Kreisen bekannt, daß die Sowjets unter allen Um­ständen gesamtdeutsche Beratungen her- beifiihren wollen. In diesem Zusammen­hang wird auch von einer Bereitschaft der Sowjetunion zu einer neuen Außenmdni- sterkonferenz gesprochen. Alle diese so­wjetischen Pläne verfolgen das eine Ziel: einen deutschen Verteidigungsbeitrag un­bedingt zu verhindern.

In Berlin sind am Wochenende vergeb­lich die Bemühungen fortgesetzt worden, doch noch zu gesamtberliner Wahlen zu kommen. In einer außerordentlichen Sit­zung des Berliner Abgeordnetenhauses stellte der regierende Bürgermeister Pro­fessor Reuter die Forderung nach freien Wahlen in ganz Berlin nunmehr in aller Form. Die 1946 gewählten 10 Stadtver­ordneten der Sozialistischen Einheits­partei, die zur Sondersitzung geladen wa­ren, waren auf Anweisung der Parteilei­tung nicht erschienen.

Wenige Stunden nach der Sitzung des Abgeordnetenhauses lehnte der Leiter des ostberliner Magistrats, Friedrich Ebert , er-- neut gesamtberliner Wahlen vor gesamt­deutschen Beratungen als ,Kräh winke­leien“ ab.

Bundestag antwortet am Donnerstag Grotewohl BONN

. Die Haltung der Parteien zum Grotewohl-Vorschlag für gesamtdeutsche Wahlen klärt sich noch vor der für Donnerstag vorgesehenen Bundestags­debatte über die Bonner Antwort. Daß die Sowjetunion hinter Grotewohls Vorschlag steht, ist die Meinung aller Parteien. Meinungsverschiedenheiten bestehen über die Motive des Vorstoßes und über die zweckmäßigste Taktik des Westens. In der CDU ist eine Gruppe, zu der einige Ber­ liner Abgeordnete und der Bundestags­präsident Ehlers gehören, der Meinung, daß es nicht richtig wäre, die Vorschläge ohne weiteres abzulehnen, ehe man weiß, wie weit der Osten gehen will.

Auch die SPD möchte herausflnden, ob reale Absichten hinter dem Angebot stecken. Die FDP hat auf ihrem Parteitag verlangt, daß zunächst freie Wahlen in der Sowjetzone stattfinden müßten, weil man nur mit frei gewählten Vertretern der Sowjetzone überhaupt verhandeln könne.

Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Dr. Lenz, wies der Presse gegenüber dar­

auf hin, daß die Bundesregierung Zweifel an der Aufrichtigkeit der Angebote aus der Sowjetzone habe. Die SEID-Maßnah- men der letzten Tage bestätigten diese Zweifel: Ablehnung des Vorschlages für freie Wahlen in Berlin , Ndchtteilnahme der SEID-Abgeordneten an der Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses. In der Sowjetzone fehle auch jetzt selbst ein Mindestmaß an politi­scher Freiheit Allein im August seien 37 000 poli­tische Flüchtlinge aus der Sowjetzone im Bundes­gebiet eingetroffen. Die beste Garantie für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands nannte Lenz den euro­ päischen Zusammen­schluß, wie ihn die Bundesregierung durch ihre außenpolitischen Erfolge ermöglicht habe.

den. Nach langem Zögern haben sich auch die Sozialisten bereit erklärt, einem Ge­setzentwurf, der die Verfünffachung des Mietzinses vorsieht, zuzustimmen, weil viele Wiener Häuser drohen, in Bälde zu- sammenzubrechen. 3000 Privathäuser wur­den seit Kriegsende jährlich völlig unbe­wohnbar, da die Besitzer einfach nicht in der Lage waren, sie zu erhalten. Der da­durch entstandene Schaden übertrifft be­reits alle Bomben- und Kriegsschäden an der Donaustadt.

Doch die österreichischen Mieter haben sich schon zu sehr daran gewöhnt, fast kostenlos zu wohnen, als daß sie vernünf­tigen Ueberlegungen zugänglich wären.

Die österreichische Regierung befürchtet, daß neue Unruhen drohen, wenngleich man mehr mit lokalen Störversuchen als mit Massendemonstrationen rechnet, weil die KP sich einer neuen großen Schlappe nicht aussetzen will. Auffallend ist da­gegen, wir korrekt, ja entgegenkommend sich in den letzten vier Monaten das so­wjetische Besatzungselement verhalten hat Es werden laufend von den Sowjets beschlagnahmt gewesene Wohnungen an Oesterreicher zurückgegeben, man schont bei den militärischen Uebungen im Gegen­satz zu den früheren Jahren alles bebaute Land und hat den in Rußland verhafteten Oesterreichem den Briefverkehr mit ihren Angehörigen freigestellt. Ob die Russen mit ihrer neuen Taktik den Widerstand der Bevölkerung einschläfem und be­ruhigen oder nur zeitweise der KP ihre geplanten Aktionen erleichtern wollen, ist schwer zu sagen, jedenfalls sehen die Ver­antwortlichen Oesterreichs die ungewohn­te friedfertige Aera in der sowjetischen Besatzungspolitik noch mit weit mehr Be­sorgnis als Freude an. Das Mietgesetz, das jetzt beraten wird und vor seinem Inkrafttreten auch den Alliierten vorgelegt werden muß, wird eine erste Probe sein, wie weit die Sowjets sich an ihre Taktik halten und welches trojanische Pferd da­hinter steckt. _

Erste Besprechung in Kaesong

TOKIO. Das kommunistische Oberkom- kando in Korea nahm den Vorschlag des UN -Oberkommandierenden General Rid- gway an,amMontagwieder über einen Waf­fenstillstand zu verhandeln. Bei der ersten Beratung haben die UN -Unterhändler den Kommunisten mitgeteilt, daß die Stadt Kaesong picht der geeignete Ort für eine Fortsetzung der Gespräche sei.

Ein TSnzchen In Ehren . . .1

In Berlin Bücher auf Ehrenwoit

Eine Bibliothek für Leser au

„Wir leihen unsere Bücher auf Ehren­wort aus, ohne Gebühren. Und — wir be­kommen sie stets zurück. Obwohl es sich ausnahmslos um begehrteste, nicht gerade billige Neuerscheinungen handelt. Und ob­wohl die Menschen sie mit hinter den Eisernen Vorhang nehmen, wo wir sie nie­mals wieder aufspüren könnten“, erzählt die Bibliothekarin in dieser auf der Welt einzigartigen Bücherei, die sich am West­berliner Kurfürstendamm für die Sowjet- zonen-Bevölkerung aufgetan hat.

Schon in den frühen Vormittagsstunden beginnt der Zustrom zu dem Büro im vierten Stock, wo auf einem unscheinbaren Firmenschild „Vereinigung für Kulturelle Hilfe“ steht. Es kommen Menschen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters. Typisch an ihnen ist nur die farblose Klei­dung des Ostens. Sie haben die Adresse von Bekannten erfahren oder heimlich über den Westberliner Sender gehört.

Da sind alte Frauen und zittrige Greise, die schüchtern an die Tür der „Päckchen- hiife Ost“ klopfen. Oder verzweifelte Müt­ter, deren Männer in irgendein KZ einge­liefert wurden und die nun nicht wissen, wie sie ihre Kinder satt bekommen sol­len. Die meisten kommen aus Sachsen und Thüringen , aus den Industriegebieten. We­niger aus dem landwirtschaftlichen Meck­ lenburg . Mit zitternden Fingern holen sie ihre Personalausweise vor und wissen nicht genug Dankesworte für das Pfund Zucker, den Liter Tafelöl, die geräucherte Schinkenwurst, die Margarine, die Kon­densmilch, das Puddingpulver. 1000 Pakete verteilt die Päckchenhilfe-Ost monatlich aus etwa 1K Tonnen Lebensmittelspenden an Alte, Rentner, Sozialunterstützte aus dem Osten. Kranken besorgt sie, wenn sie die Krankheitsberichte vorlegen, wertvolle, in der Sowjetzone nicht erhältliche Medi­kamente.

s der Sowjetzone

Eine Tür weiter ist die Hilfe, die ge­leistet wird, mehr geistiger Natur. Zur „Beratungsstelle für freiheitliche Erzieher“ kommen die Lehrer in ihrer Gewissensnot und wollen Antwort auf die Frage: „Wie­weit darf ich diesem System entgegenkom­mend ohne mich schuldig zu machen?“ Sie suchen einen Kompromiß zwischen dem „Ich kann Stalin nicht den Schülern als Heilsbringer erscheinen lassen“ uud dem „Ich darf ihn nicht als Diktator schildern.“ Die Beratungsstelle zeigt ihnen einen Mittelweg. Sie gibt ihnen Tips, wie sie ein Gedicht auslegen können, ohne in stali - nistischem Sinne unterrichten zu müssen, aber auch ohne Gefahr zu laufen, als „Volksfeind und Saboteur“ angesehen zu werden. Im Durchschnitt suchen täglich 10 Pädagogen aus dem Osten die Beratungs­stelle auf.

Der größte Andrang besteht zur „Bü­cherei Ost“, die heute 4500 Bände besitzt, zum größten Teil Neuerscheinungen aus den Jahren 1950/5^, die von rund 500 west­deutschen, schweizerischen, österreichi­schen und amerikanischen Verlagen ge­spendet wurden. Die Menschen, die in diese Bücherei kommen, tragen meist ein kleines in ostzonales Zeitungspapier ein­gewickeltes Päckchen bei sich. Aus der sowjetamtlichen „Täglichen Rundschau“ schälen sie dann Clays „Entscheidungen in Deutschsland“. Die Besucher kommen von weither: Görlitz , Dresden , Weimar , Rostock . Es sind Schüler, Kaufleute, Aka­demiker unter ihnen. Aber auch viele Handwerker, die sich ganz systematisch weiterbilden, was man sonst in einer Leih­bücherei selten findet. Sie verlangen vor allem politische Werke und Bücher, die die jüngste Vergangenheit in Form doku­mentarischer Berichte schildern. Nach gu­ten Uebersetzungen der modernen Ameri­

kaner, Engländer und Franzosen wird viel gefragt. „Die Menschen suchen nach Bü­chern, die ihren Lebenswillen stärken. Aber diese Bücher sind selten.

„Zuerst stürzen sich die Leser auf Sar­ tre “, erzählt die Bibliothekarin. „Aber seine Romane waren eine große Enttäu­schung. .Wenn wir Sartres Philosophie zu eigen machen, müßten wir 1 jeden Wider­stand aufgeben“, sagen die Menschen aus dem Osten. ,Und das wollen wir nicht“ “.

Am begehrtesten bei den fast 7000 Le­sern, die im letzten halben Jahr die Bü­cherei besuchten, war George Orwells uto­pischer Roman „1984“ (der in vorzüglicher deutscher Uebersetzung von Kurt Wagen­ seil jetzt im Diana-Verlag, Rastatt -Stutt­ gart , erschienen ist. Sein Thema, die Schil­derung des Lebens in einem autoritär un­terjochten und mit den Mitteln modern­ster Technik überwachten europäischen

Drei Städte

Die Stadt Frankfurt gab vor einiger Zeit bekannt, daß sie den Goethepreis in die­sem Jahr nicht vergeben werde; eie wolle auch künftig zur Verteilung im Abstand von zwei Jahren statt wie bisher jährlich, übergehen. Sie begründete dieses Vor­haben mit der Befürchtung, es könne sich sonst eine „Inflation der literarischen Preise“ ergeben. Der Goethepreis ist mit einer Geldsumme von 10 000 DM verbun­den. Daß durch diese Summe, vielmehr durch ihre Ausgabe für etwas so Unnützes wie einen Literaturpreis, eine Inflation der Währung gefördert werden könnte, war ja gottlob nicht zu befürchten.

Das edle Beispiel aus der Goethestadt weckte di© Stadtverwaltung von Braun­ schweig aus ihren Grübeleien, an wen sie in diesem Jahr den von ihr gestifteten Wil- helm-Raabe-Preis verleihen und woher sie das Geld dafür nehmen sollte. Was für das. reiche Frankfurt recht ist, das sei für uns billig, sagten sich die Braunschweiger

Sklavenstaat im Jahre 1984, ist für die Menschen in der Sowjetzone von unheim­licher Beziehung). Köstlere „Sonnenfinster­nis“ und Kasacke „Stadt hinter dem Strom“ werden ebenso verlangt. Jeden Tag fragt mindestens einer nach einem dieser Bücher. Diesmal ist es eine Frau aus ei­nem Ort in der Nähe von Aue. Sie bringt Krawtschenkos „Ich wählte die Freiheit“ zurück, legt es scheu auf den Schreibtisch. Es sieht arg zerfleddert aus. „Das ganze Dorf hat es gelesen...“, meint die Frau entschuldigend. Die Bibliotheka­rin kennt das. Sie weiß, unter welchen Umständen diese Bücher in der Zone heimlich von Hand zu Hand gehen. Schweigend stellt sie das zerfledderte Buch aufs Regal zurück. Es hat vielleicht zehn, vielleicht Menschen den Blick in eine an­dere Welt ermöglicht. Und das ist sein Sinn. L. M.

- drei Preise

und beschlossen, gleichfalls die Gefahr einer Inflation literarischer Preise zu be­kämpfen. Auch sie wollen ihr Geld in die­sem Jahre also sparen und künftig nur in jedem zweiten Jahr damit herausrücken.

Die Stadtväter von Düsseldorf aber hat­ten in diesem Jahr allzuviel Aufmerksam­keit auf die Lösung ihrer Theaterprobleme und die Beilegung des „Falles Gründgens“ wenden müssen. Sie hatten keine Zeit, an den von ihnen ausgeschriebenen Immer- mann-Preis zu denken, der 5000 DM be­trägt. Als es dann so weit war, schauten sie mit betrübtem Sinnen auf die vorge­prellten Städte Frankfurt und Braun­ schweig hin. Jetzt auch noch kommen und als dritte im Bunde gegen die doch schon so erfolgreich bekämpfte Gefahr einer In­flation literarischer Preise anzugehen — nein, das sahen die honorigen Herren vom Niederrhein wohl ein, das war nicht mehr zu machen. Doch was tun? Das Theater mit Neubau und Gründgenskrise hatte

allerhand gekostet. Vorher nun noch das Geld für einen so unvorsichtig ausgeschrie­benen Literaturpreis nehmen? Die Stadt­väter von Düsseldorf beschlossen, da sie nun doch weder Braunschweig noch gar Frankfurt nachahmen wollten, einen ganz sicheren Weg zu gehen. Sie sagten einfach, die Wahrheit. Schlicht: aus Geldmangel werde der Immermann-Preis nicht ver­liehen. Uebrigens, wer war schon Immer­ mann ? Schrieb er nicht einen Roman über den Lügenbaron, den Münchhausen?

Soweit brav und gut. Es ließ sich indes nicht verheimlichen, daß für Karl May - Festspiele von eben dieser plötzlich so sparsam gewordenen Stadtverwaltung ein Zuschuß von 10 000 DftJ bewilligt wurde; das Doppelte dessen also, was für den Immermann-Preis zur Verfügung hätte stehen sollen.

O Tempora, o mores . . . Wo ist der Zopf, an dem eine ganze Stadt sich aus dem Abgrund ihrer Verlegenheit ziehen könnte? Her damit, her damit!

Aumeister

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Die Mainzer Akademie wird, wie wir erfahren, den von ihr ausgeschrie­benen Literaturpreis in Höhe von 10 000 D-Mark im Jahr 1961 ebenfalls nicht ver­teilen. Im Evangelium des Lucas 23, 31 heißt es: „Denn so man das tut am grü­nen Holze, was soll am dürren werden?“

Ernst Schnabel , der bekannte Schriftsteller und Rundfunkautor, ist vom Generaldirektor des nordwestdeutschen Rundfunks, Dr. Adoif Grimme, zum In­tendanten des NWDR Hamburg , berufen worden. Schnabel ist der Nachfolger von Intendant Willy Tröster, der Ende Juli auf eigenem Wunsch aus dem NWDR ausge­schieden ist.

Der älteste deutsche Astro­nom, Prof. Dr. Richard Scharr, ist in Bad Gastein im Alter von 84 Jahren ge­storben. Prof. Schorr war von 1899 bis 1941 Direktor der Hamburger Sternwarte .