SÜDK.URIER

UNABHÄNGIGE HEIMATZEITUNG FÜR OBERBADEN UND DAS BODENSEEGEBIET

Ersehet Dienstag, Mittwoch. Donnerstag, Samstag. Verlag und Redaktion Konstanz , Marktstätte 4 Tel.: 924, 925, 1130, 1510, 1511. Fernschreiber:

7. JAHRGANG

DIENSTAG 2. OKTOBER 1951

NUMMER 153

Bezugspreis monatlich durch Träger 2.50 Mark zu- ztlgl. 30 Pfg. Trägerlohn, durch die Post 2.70 Mark, zuziigl. 36 Pfg. Postzustellgebühr. Einzelpreis 20 Plg.

Echte Hoheit verlangt

BONIN. Die Besprechung zwischen Bundeskanzler Dr. Adenauer und den drei alliierten Hohen Kommissaren auf Schloß Röttgen bei Köln war am Montag nach eiebenstündiger Dauer gegen 1830 Uhr be­endet.

Der Bundeskanzler hat den Hohen Kom­missaren dargelegt, daß die deutschen Wünsche dringend auf eine echte hoheitliche Handlungsfreiheit hinzielen, wobei nicht allein die Beseitigung des Besatzungs­statuts, sondern eine Neuregelung der deutsch -alliierten Verhältnisses erstrebt wird. In der Frage der geäußerten alliier­ten Sonderrechte soll der Bundeskanzler eine genaue Abgrenzung der Zuständig­keitsbereiche gewünscht haben.

Der Bundeskanzler wird heute das Bun­deskabinett und auch den SPD -Vorsitzen- den Dr. Schumacher unterrichten. Die Frage gesamtdeutscher Wahlen und Pro­bleme, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands Zusammenhängen, wurden zwischen dem Bundeskanzler und den Ho­hen Kommissaren während der Mittags­pause erörtert.

Wild-West ln Zürich

ZÜRICH . Auf ein bekanntes Zürcher Lichtspieltheater wurde am Sonntag kurz nach Beginn der letzten Abendvorstellung ein „filmgerechter“ Raubüberfall verübt. Vor dem Theater fuhr ein blauer Kraft­wagen mit drei bewaffneten Männern vor, deren Gesichter durch Masken unkenntlich gemacht waren. Zwei von ihnen stürzten sich auf die Kassiererin und entrissen ihr eine Anzahl Banknoten. Als sich der Di­rektor des Filmtheaters den Räubern in den Weg stellte, kam es zu einem Hand­gemenge und einer wilden Schießerei. Un­ter „Feuerschutz“ gelang es den Räubern unerkannt im Kraftwagen zu entkommen. Auch das Auto, das bei dem Ueberfall be­nutzt wurde, war, wie sich später heraus­stellte, geraubt worden. Die Banditen hatten eine Stunde vorher einen Taxi­fahrer überfallen und geknebelt.

Verkehrs-Kindergarten in Bielefeld

iRTiFiT 1HFBT .T) . Die Verkehrspolizei der Fahrradstadt Bielefeld hat zur Verkehrs­aktion „Radfahrer, Augen auf — Sorge für Sicherheit“ 17 KinderMeinautos mit „Trampelmotor‘ ‘ angeschafft, um auch die jüngsten Verkehrsteilnehmer^ an vor­schriftsmäßiges Verhalten kn Großstadt­verkehr zu gewöhnen. Diese kleinen Autos sollen in „Verkehrskindergärten“ einge­setzt werden, die auf Schulhöfen und Plät­zen der Stadt eingerichtet werden. Der „Verkehrskindergarten“, der von jungen Pohzedbeamten sachverständig geleitet wird, ist mit transportablen Verkebrsschil- dem und leuchtenden Verkehrsampeln ausgeetottet, damit der Straßenverkehr lehrreich und lebensecht dargesteldt werden kann.

Prachtstrasse mit Stalin -Kolofi

WIEN . (Eigenbericht.) Eine der neuesten katholischen Kirchen Budapests , die Kirche „Regnuim Marianum“, wird gegenwärtig niedergerissen, um die Aufstellung der größten Stalin -Statue Europas zu ermög­lichen. Die Stalin -Statue wird sich in der Mitte einer 2 km langen Prachtstraße be­finden, auf der in Zukunft alle größeren Veranstaltungen stattfinden sollen. Die neu anzulegende Straße, deren Bau bereits begannen hat, wird mehr als dreimal so breit sein wie die bisher breiteste Allee der ungarischen Hauptstadt. Zahlreiche Gebäude, die in der Fluchtlinie der neuen Prachtstraße liegen, darunter auch ein Theater, werden niedergeriaeen und abge-

Will Moskau verhandeln?

Sowietzonen-Volkskammer überraschend einberufen - Ostberliner Straßensperren aufgehoben

BERLIN . (G.-Eigenbericht). Mitten in den Beratungen über die Ablehnung des Bonner 14-Punkte-Programms erreichte die ostzonalen Minister der sowjetische Befehl zur schnellen Einberufung einer außerplan­mäßigen Volkskammersitzung. Wie aus unterrichteten Kreisen verlautet, soll die DDR — sowjetischen Weisungen gemäß — auf dieser Sitzung offiziell ihre Bereitwil­ligkeit bekanntgeben, auf der Grundlage des Bundestagwahlvorschlages mit West­ deutschland verhandeln zu wollen. Der so­wjetische Befehl kam für die ostzonalen Regierungsmitglieder ziemlich überra­schend und wird auf die Initiative Bot­schafter Semjonows zurückgeführt, der im Gegensatz zu dem augenblicklich in Mos­ kau weilenden Botschafter Puschkin als ein Verfechter der Verständigungspolitik gilt.

Unterstrichen wird dieser politische Kurswechsel, der sich mit der Einberufung der Volkskammer ankünddgt, durch ver­schiedene Maßnahmen, die die Sowjets in den letzten Stunden angeordnet haben. So ist im Verkehr zwischen Berlin und der Bundesrepublik eine fühlbare Entspannung eingetreten. Erstmalig seit Wochen durften sämtliche Postzüge von und nach Berlin ungehindert die sowjetische Grenzkon­trolle Marienborn passieren. Auch am Au­tobahnkontrollpunkt Marienbom werden von der Vopo keine Geldstrafen mehr für geringfügige Fehler in den Warenbegleit­scheinen erhoben, Stacheldrahtverhaue zwischen Westberlin und der sowjetischen

Zone wurden entfernt. Ebenso wurden auf Karlshorster Befehl bisher 50 Straßensper­ren beseitigt. Alle großen Durchgangsstra­ßen von West- nach Ostberlin sind damit wieder offen.

Der regierende Bürgermeister, Professor Reuter, bezeichnet den Abbau der Straßen­sperren als einen ersten Erfolg der ent­schiedenen Haltung des Westens. Er sprach die Erwartung aus, daß diesem ersten öst­lichen Schritt weitere Maßnahmen im So­wjetsektor und Sowjetzone folgen werden. Wiederherstellung der Pressefreiheit, Si­cherstellung der freien Betätigungsmög­lichkeit für alle Parteien, Freilassung der politischen Gefangenen. Bundesminister Jakob Kaiser sagte, „wenn Pankow ohne Verzögerung handelt, können wir den Tag für freie Wahlen im nächsten Jahr herauf- ziehen sehen.“ Berlin werde, so erklärte Kaiser weiter, nach den gesamtdeutschen Wahlen der Ort der Nationalversammlung und der Sitz der gesamtdeutschen Regie­rung sein.“ Das ist nicht nur deutsches, son­dern das ist ein europäisches Erfordernis.“

Gefahr der Ueberrumpelung

BONN . (W.-Eigenbericht.) In Bonn war­tet man gelassen ab, zu welcher Antwort eich die astzonale „Volkskammer “ ent­schließt, in einem Punkte wird aber nach dem Bekanntwerden der ersten Reaktion aus dem östlichen Lager jetzt schon eine sehr entschiedene Haltung eingenommen. Der Osten wird mit seiner These, daß „Deutsche an einen Tisch“ kommen sollen,

Widerstand gegen Europa -Armee in Paris

Bericht unseres Pariser A.R.-Korrespondenten

PARIS . Die Eindrücke, die die französi­ sche Delegation, vor allem Finanzminister Rene Mayer aus Ottawa heimbrachte, waren tief enttäuschend. Die öffentliche Meinung Amerikas verlangt vor dem Ein­gehen neuer Verpflichtungen greifbarere Beweise als die bisher vorliegenden für die Entschlossenheit der europäischen Staaten, ein gemeinsames und wirksames Verteidi­gungssystem aufzubauen. Die amerikani­ sche Regierung kann es bei dem Wider­streben ihrer öffentlichen Meinung kaum wagen, im laufenden Budgetjahr, das bis Juni 1952 reicht, ihrem Parlament mit neuen Kreditanforderungen für die Mili- tärhiife an Europa zu kommen. Die fran­ zösische Regierung ist daher genötigt, im Budget 1952 die Abschnitte für den Hee­resbedarf offen zu lassen. Welche Un­sicherheit damit für die notwendige Pla­nung erwächst, bedarf keines besonderen Hinweises. Das Zögern, das aus einer sol­chen Situation in Frankreich entsteht, lie­fert den amerikanischen Isolationisten ihre kräftigsten Argumente.

Andrerseits werden, die Kosten für die Aufstellung der zehn bis zwölf Divisionen für die Europaarmee mit etwa fünf Mil­liarden Dollar errechnet, die zum großen Teil nur durch amerikanische Kredite flüs­sig gemacht werden können. Durch den Bedarf für die deutschen Divisionen wer­den die Aussichten für französische Kre­dite zwangsläufig eingeengt

Frankreich ist aber außerstande, sein Heer zu verstärken, wie der Atlantikpakt es ihm zur Pflicht macht, wenn es nicht mit einer erheblichen auswärtigen Hilfe rechnen kann. Die Aufrechterhaltung bloß des gegenwärtigen Standards der Staats­führung muß als Folge der bereits einge­tretenen Preis- und Lohnerhöhungen das

Kurz notiert

BundesprSsident Heuß traf am Samstag in der Schweis ein, wo er auf ärztlichen Rat einen etwa zweiwdcfaentlichen Kuraufenthalt nehmen will.

Bundeskanzler Adenauer und der 8PD- Vorsitzende Dr. Schumacher treffen heute zu Ihrer zweiten Ansprache nach der Washing­ toner Außenminister-Konferenz zusammen.

Der „Verband Deutscher Soldaten“ will alle ehemaligen weiblichen Wehrmachtsange- stellten innerhalb des Verbandes susammen- sddießen.

In der Nacht nun Montag worden die hol­den Zonen-Grenzübergänge Neustadt bei Co­ burg und Falkenstein-Probstsella für den Straßenverkehr geschlossen.

Auf einem Schießplatz im Berliner Grune- wald explodierte ein Sprengkörper nnd tötete drei amerikanische Soldaten.

18 ehemalige Feldmarschälle nnd Generale ans Oesterreich ersuchten Präsident Trnman in einer Bittschrift die Freilassung des frühe­ren Generalobersten Rendnlic zu erwirken. Rendulic wurde von einem DS-Gericht wegen Partisanen-Erschießung verurteilt.

Der Fernsprechverkehr zwischen Nord-nnd 8üddentschland wurde am Wochenende durch einen Kabeldiebstahl in Gießen für mehrere Stunden unterbrochen.

Das Münchner Oktoberfest erlebte am Wochenende einen Höhepnnkt mit dem Re­kordbesuch von Je 380 0M bis 4M 0M Gästen am Samstag nnd Sonntag.

Prinzessin Elizabeth von England and der Herzog von Edinburgh werden während ihrer Kanada -Reise am 31. Oktober nach Washing­ ton fliegen, um Präsident Truman einen Besuch abzustatten.

Der schwedische Ministerpräsident Erlander bildete die bisherige sozialistische Minder­heitsregierung zn einem Koalitionskabinett um, dem vier Angehörige des Bauernver­bandes nnd zwei parteilose Fachminister an­gehören.

Ein Pariser Militärgericht verurteilte sieben frühere Mitglieder von Gestapo -Dienststellen zu Freiheitsstrafen bis zu lebenslänglichem Zuchthaus. Die Angeklagten waren schon einmal zum Tode verurteilt worden. Diese Urteile wurden wegen juristischer Formfeh­ler aufgehoben.

Sechs britische Bergleute wurden imWeets- lade-Bergwerk durch Ansbruch von Gruben­gas getötet.

Die verheerenden Waidbrände zwischen Rio Grande de Sul und Santa Catarina in Bra­ silien sind durch starke Regenfälle zum Er­löschen gebracht worden. In einem 250 000 Hektar großen Waldgebiet sind 80 Prozent des wertvollen Baumbestandes vernichtet.

In einem Pariser Vorort stießen gleich­zeitig zwei Autobusse, ein schwerer Last­wagen nnd zwei Personen-Kraftwagen zu­sammen. 15 Personen wurden verletzt.

In Neapel stürzte bei einem heftigen Sturm ein dreistöckiges Wohngebäude zusammen, wobei fünf Personen ums Loben kamen.

Budget für 1952 von 2700 Milliarden auf 3500 Milliarden erhöhen. Die augenblick­liche kräftige Aufwärtsbewegung aller Preise ist aber noch nicht annähernd abge­schlossen. Der Versuch, durch eine Sen­kung des Lebensniveaus den Ausgleich zu finden, müßte zu einer sozialen Beunruhi­gung führen, die nur dem Kommunismus zugute kommen würde. Die Aufbringung der Mittel für die Ausweitung der Rüstung liegt also heute völlig in der Luft.

Unter diesen Umständen wächst in allen politischen Lagern, wenn auch aus ver­schiedenen Gründen, der Widerstand gegen die Europaarmee.

keinen Erfolg haben. Man besteht in Bonn darauf, daß die Verhandlungen über die Wahlbedingungen zwischen den vier Alli­ierten geführt werden und nicht zwischen Vertretern der Bundesrepublik und der ostzonalen „Volkskammer “.

Dahinter steckt nicht nur die Weigerung, mit den Vertretern eines Regimes zusam­menzukommen, das viele politische Gegner festgesetzt und gefoltert hat. Der Grund der Weigerung, an den im Osten viel ge­nannten „runden Tisch“ zu kommen, liegt viel tiefer. Wenn man den Appell der Volkskammer aufmerksam liest, wird es augenscheinlich, daß für den Osten gar nicht der Wunsch, gesamtdeutsche Wahlen abzuhalten, im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Einberufung einer „gesamt­deutschen Beratung“ West- und Ost­ deutschlands , die sich unter anderem auch mit der Vorbereitung von Wahlen befassen soll. Kenner der östlichen Verhältnisse haben neuerdings darauf hingewiesen, daß sich dahinter sehr wohl eine Falle für Westdeutschland verstecken könne. Nach dem Text des Volkskammerappells soll die gesamtdeutsche Beratung offenbar soll als eine Art „vorläufiger Regierung““ aufge­faßt werden.

Die genannten Fachleute weisen an die­ser Stelle auf die Beispiele der Überrumpe­lung der nicht-kommunistischen Parteien in Ländern wie Polen , der Tschecho­ slowakei und Ungarn hin. Auch dort ist nach dem Kriege jeweils eine „vorläufige Regierung der nationalen Einheit“ gebildet worden, in der die Kommunisten dann bald die Gewalt an sich rissen.

Gerüchte um Stalin -Konferenz

PARIS . Frankreich ist von der Wieder­aufnahme eines V iererg esprächs mit der Sowjetunion überzeugt, erklärte am Mon­tag der stellvertretende Außenminister Maurice Schuman. Die von den drei Außenministern bei der Washingtoner Konferenz erneut an die sowjetische Adresse gerichtete Aulforderung zur Durchführung einer Viererkonferenz sei durchaus ernst zu nehmen. Man unter­schätze vielfach den Umfang und die Be­deutung des gegenseitigen Warenaustau­sches. Er müsse darauf hinweisen, da es in Frankreich ebenso wie in Großbritan­ nien zum Abschluß neuer bzw. Erneuerung alter Handelsverträge mit der Sowjetunion gekommen sei.

Weder Maginotlinie noch Westwall

Allieerte Manöver beendet — General Guillaume: Der Rhein nur ein Panzergraben

NEUSTADT a. d. W. (S.-Eigenbericht). Der französische Armeegeneral Guillaume, der Leiter der großen, jetzt beendeten, alliierten Herbstmanöver, sprach im Ma­növergebiet über Fragen der Strategie und über das deutsch -französische Ver­hältnis. Guillaume äußerte über die mo­derne Kriegsführung, er lehne das „Den­ken in Linien“ ab. Befestigte Linien seien heute zwecklos. Eine Verteidigungsstrategie im Sinne der Maginot-Linie und des Westwalls am Rhein oder vor den Pyre­näen durchführen zu wollen, lehnte der General , der sich dabei auf die Lehren von Guderians Panzereinsatz berief, als unsinnig ab. Die moderne Strategie kenne nur eine bewegliche Kriegsführung mit Angriff und Gegenangriff.

Zum deutsch -französischen Verhältnis sagte Guillaume, es sei am besten zu lösen, indem man Zöllner und Grenz­schutz nach Hause schicke. Dann würden sich die beiden Völker am schnellsten einigen. Die deutsche und französische Ju­gend müßten sich zusammenfinden, um das deutsch -französische Einvernehmen zu erzwingen.

Auch seine jungen Soldaten hätten es an gutem Willen nicht fehlen lassen und ein gutes Verhältnis zur Zivilbevölkerung der französischen Besatzungszone gefun­den. Die als Kraftfahrer und sonstige Hilfskräfte der französischen Armee wäh­rend der Manöver beobachteten Deut­ schen , beurteilte der General als Männer, die den Mut hätten, mit den Franzosen für Europa zusammenzuarbeiten. In die­sem Zusammenhang sprach er sich nach­drücklich für die Mitwirkung deutscher Soldaten bei der Verteidigung West­ europas aus. Militärattaches von zwanzig Ländern beobachteten die Manöver, in deren Verlauf mehrere Rheinübergänge geschlagen wurden. Unter den Beobachtern waren Vertreter Spaniens , Südkoreas und ein Jugoslawe, an dessen Mütze ein roter Sowjetstern auffiel.

Bei einem Rheinübergang stürzte ein französischer Panzer von einer Schlauch­bootfähre, auf die er zu weit nach vom gefahren war. Die Besatzung von drei Mann ertrank.

Gleichzeitig fanden über Westeuropa vom RuhrgÄiet bis Paris große alliierte Luftmanöver statt.

Die seltsame Militärrevolte in Argentinien

Perons Ziel erreicht: Opposition wird zum Schweigen gebracht

BUENOS AIRES . Der Militäraufstand in Argentinien war die sonderbarste Revolu­tion, die ein südamerikanisches Land je erlebt hat. Es fehlte das ganze Drum und Dran, ohne das eine Revolution in diesem Lande undenkbar ist Buenos Aires hat von dem ganzen Aufstand überhaupt nichts gemerkt und erst davon erfahren durch die offizielle Mitteilung der Regie­rung, daß ein Putsch erfolgt sei.

Die Meinungen über diese Revolte, die Peron in einer theatralischen Rede die „ernsteste Revolution Südamerikas “ ge­nannt hat, sind geteilt Eins ist sicher, daß der Staatspräsident und seine Frau Evita nunmehr die Mittel in der Hand haben, die Opposition noch vor den Wahlen am 11. November lahmzulegen. Peron hat sich nach einer stürmischen Sitzung in der Ab­geordnetenkammer durch beide Häuser des Kongresses die Ermächtigung geben las­sen, alle politischen Versammlungen zu verbieten und rücksichtslos gegen die Op­positionsparteien vorzugehen. Die „Säube­

rung” läßt nicht auf sich warten. Die Füh­rer der Opposition, die Sozialisten und die Radikalen, wurden bereits verhaftet. 44 Offiziere flohen nach Uruguay .

Es war seit dem Beginn seiner Präsi­dentschaft Perons Taktik, die Armee in eine Lage hineinzumanövrieren, aus der heraus sie nicht handeln konnte ohne zu den Wünschen der Massen in Widerspruch zu geraten. Einmal hatte sich die Armee stärker gezeigt, als sie sich gegen die Wahl Evitas zur Vizepräsidenten stellte. Das wurde den Militärs nicht verziehen.

Nach Mitteilung des argentinischen Ra­dios waren Palomar und Campo de Mayo die Hauptzentren des Aufstandes. Dort schlossen sich der rebellierenden Kavalle­rie allerdings nur drei von ursprünglich 30 vorgesehenen Panzern an. Palomar soll nach schwerem Artilleriebeschuß einge­nommen worden sein. In Mendoza. einem weiteren Aufstands-Zentrum, wurde die Revolte durch einen regierungstreuen Leutnant, der das Feuer eröffnete. nieder­geschlagen.

Streiflichter:

Wird die SED geopfert?

KG. Die schwierige Lage, in der sich die Kommunisten nach der Stellungnahme von Bundesregierung und Bundestag zum so­wjetzonalen Angebot auf die Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen befinden, trat deutlich in der Rede des Kommunisten Reimann im Bundestag in Erscheinung. Er wandte sich dagegen, daß man Bedingun­gen stelle, bevor man ein gesamtdeutsches Gespräch beginne. Nun hat der Bundes­kanzler die Gründe, warum man sowjeti­schen Versicherungen nicht unbedingt Glau­ben schenken kann, sehr eingehend und präzis dargelegt. „Wenn Kommunisten ver­handeln wollen“, so sagte er, „dann mei­nen sie Diktat oder Verzögerung!“

Inzwischen scheint man sich nun auch in der Sowjetzone und in Moskau der Trag­weite der westdeutschen Vorschläge und der kommenden Entscheidungen bewußt geworden zu sein. Man spricht davon, daß die sowjetzonale Volkskammer den Wahlvorschlag des Bundestages zur Grund­lage von Beratungen der Vertreter beider Seiten in Berlin machen wolle. Allerdings will man keine grundsätzliche Billigung aller 14 Punkte aussprechen. Die sowjet­zonalen Vertreter wenden sich nach wie vor gegen die Forderung einer internatio­nalen Kontrolle der Wahlen und der völli­gen Aufhebung aller Beschränkungen im Personenverkehr zwischen Ost- und West­ deutschland , wenn anscheinend hier auch gewisse Zugeständnisse gemacht werden, wie sie in der Beseitigung der Straßen­sperren zwischen Ost- und Westberlin zum Ausdruck kommen. Das in den nächsten Tagen zu erwartende neue Verhandlungs- angebot der sowjetzonalen Volkskammer soll auf direkte Anweisung der sowjeti­schen Kontrollkommission zurückgehen. Ulbricht befindet sich seit mehreren Wo­chen in Moskau , wohin ihm jetzt auch der offizielle Vertreter der Sowjetunion in Ostberlin , Botschafter Puschkin, gefolgt ist.

In diesem Zusammenhang wird der Er­klärung des Mitglieds des Politbüros, Fred Oelßner , vor dem Berliner Parteiaktiv der SED , daß „ernsthafte Zugeständnisse von beiden Seiten“ notwendig seien, große Be­deutung beigemessen. Auch rechnet man mit einer Lockerung der Bestimmungen für den Interzonen-Verkehr. Daß Fred Oelß­ ner die Forderung von Zugeständnissen auf beiden Seiten mit sehr scharfen For­mulierungen gegen den Westen ausgestat­tet hat, diente sehr wahrscheinlich dazu, die grundsätzliche Konzessionsbereitschaft den Parteimitgliedern der Sowjetzone schmackhaft zu machen. Man wird also ab- warten müssen, wie weit diese Konzes­sionsbereitschaft praktisch gehen und ob man in Moskau auch bereit sein wird, die SED zu opfern, wovon da und dort ge- munkelt wird.

20 Milliarden DM Sozialausgaben

w. In diesem Jahr erreichen die Auf­wendungen für soziale Zwecke dim Bundes­gebiet die 20-Milliarden-Grenze. Angesichts eines Sozialprodukts von riund 100 MüLter- den D-Mark ist das eine recht beachtliche Summe. Allein im Haushalt des Bundes sind ohne die Soforthilfe bisher rund 9 l /i Milliarden D-Mark Sozialausgaben aufge­führt, weitere Milliarden-Beträge bringen, die Länder auf, und schließlich fließen rund acht Milliarden durch die Kassen der Sozialversicherungen. AH dies muß von der arbeitend«! Bevölkerung aufgebracht wer­den, um die nicht mehr arbeitsähigen Be­völkerungsteile zu unterstützen. Die Zahl der Empfänger von Renten und sonstigen Sozialleistungen beträgt viele Millionen. Sie wird zur Zeit in Bonn genauer fest- gestellt, indem eine „Sozialkartei“ des deutschen Volkes angelegt wird.

Innerhalb der Sozialleistungen liegt die Hauptlast beim Bund. Von ungefähr 4 Milliarden im ersten Haushaltsjahr des Bundes sind sie bis jetzt auf 9V4 Milliarden angestiegen, und für das kommende Jahr ist schon jetzt ein weiterer Anstieg auf etwa 11 bis 12 Milliarden abzusehen. Im Sozialetat des Bundes nimmt die Kriegs- opferversorgung mit 3,2 Milliarden den größten Raum ein. Weitere Milliarden ver­schlingt die Kriegsfolgenhüfe, die sich in viele Einzelgruppen gliedert, so die Für- eargeunterstützung für Vertriebene und die Umeiedlungskosten. 700 Millionen werden für die Niedrighaltung der Lebensmittel- preise verwandt, 400 Millionen für den sozialen Wohnungsbau. Die Länder brin­gen weitere 400 Millionen für den Woh­nungsbau und tragen außerdem die Mil­lionenlasten der öffentlichen Fürsorge, der Jugendfürsorge und bestimmter Kriegs­folgehilfen.

Die Soforthilfe, die demnächst vom end­gültigen Lastenauegledch abgelöst werden soll, hat bisher jährlich etwa 1,7 Milliarden D-Mark erbracht, die als Sozialleistungen vom Soforthilfeamt sofort wieder in Um­lauf gesetzt worden sind. Entgegen ande­ren Schätzungen wird sich diese Zahl im Lastenausgleich wahrscheinlich nicht oder nur wenig erhöhen. Dagegen erwartet man für die kommenden Jahre ein weiteres An-