Samstag, 7. Juni 1952
SÜDKURIER
Nr. 89 / Ssite 2
der Verfassung genau umschrieben. Niemand in Amerika würde es wagen, die Autorität des Obersten Gerichts anzutasten. Seine unbestechliche Rechtlichkeit ist in der Tradition so gefestigt, daß man die Urteile ohne weiteres als gerecht und richtig hinnimmt.
Man wird auch in der Bundesrepublik gut daran tun, dem Verfassungsgericht von vornherein zu unterstellen, daß es nur nach Recht und Gerechtigkeit urteilt. Auf jeden Fall wird die Karlsruher Entscheidung eine grundsätzliche Klärung wichtiger parlamentarischer Prozedurfragen bringen, die für die Zukunft wichtig sein wird. Bei der heutigen politischen und weltanschaulichen Verwirrung und Zerrissenheit sind gültige rechtliche Grundlagen nötiger denn je. In einer Einführung zu einer Textausgabe des Gesetzes über das Bundesverfassungsgericht sagt Bundesrichter Dr. Willi Geiger , das Gesetz habe im Rahmen des Möglichen versucht, die Gefahr zu bannen, „daß das Bundesverfassungsgericht über seine legitime Aufgabe, Hüter der Verfassung zu sein, hinausgreift und sich einen politischen Führungsanspruch im Staate anmaßt, der ihm nicht zukommt“. Von der Weisheit,
der klugen Zurückhaltung und dem Sinn für das rechts Maß hänge es ab, ob es gelinge, den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in der Verfassungswirklichkeit das erforderliche Gewicht an Autorität und Verbindlichkeit zu geben und so das Gericht „zu einem Hort des Rechts“ zu machen. Das aber muß geschehen, ohne die organische Verfassungsentwicklung und die Funktionsfähigkeit der verfassungsmäßigen Organe des Bundes und der Länder zu lähmen. Im vorliegenden Fall ist auch für den Laien deutlich erkennbar, was es bedeuten würde, wenn das Bundesverfassungsgericht sich von andern als nur rein rechtlichen Gesichtspunkten leiten ließe.
Aber auch im parlamentarischen Leben wird man allmählich zu den Grundsätzen zurückfinden müssen, die eine zielbewußte demokratische Politik ermöglichen. Dazu gehört vor allem die Achtung vor den parlamentarischen Spielregeln. Und dazu gehört auch, daß die parlamentarischen Minderheiten die elementare Rechtswirksamkeit und Rechtswirklichkeit der mit Mehrheit gefaßten Beschlüsse anerkennen. Geschieht das nicht, dann ist die Demokratie wirklich in Gefahr.
Zwang zum Wehrdienst - ja oder nein?
Wehrbeitrags-Klage der SPD kommt Dienstag vor Bundesverfassungsgericht
KARLSRUHE . (G.-Eigenbericht.) Mit. der mündlichen Verhandlung in der Feststellungsklage gegen den deutschen Wehrbeitrag am 10. Juni 1952 hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts einen ’ Fragenkomplex zu behandeln, der das deutsche Volk in seiner Gesamtheit angeht.
Die Kläger , 1*4 Bundestagsabgeordnete der SPD und dTT;Föderalistischen Union, deren Antrag sich auch das Land Hessen angeschlossen hat, stehen auf dem Standpunkt, daß die Regelung des Wehrbeitrags nicht durch ein einfaches Gesetz, sondern nur durch ein mit Zweidrittelmehrheit zu verabschiedendes verfassungsänderndes Gesetz erfolgen könne- Das von der SPD angerufene Bundesverfassungsgericht wird also über die Vereinbarkeit bzw. Unvereinbarkeit eines Wehrgesetzes mit dem Grundgesetz zu entscheiden haben. Die Wehrdebatte im Bundestag hat bereits die Gegensätze aufgezeigt, die in der Wehrbeitragsfrage zwischen Regierung und Opposition bestehen.
Während die Feststellungsklage darauf abhebt, daß Bundesrecht, welches die Beteiligung Deutscher an einer bewaffneten Streitmacht regelt oder sie zu einem Wehrdienst verpflichtet, ohne vorausgegangene Ergänzung und Abänderung des Grundgesetzes weder förmlich noch sachlich mit dem Grundgesetz vereinbar sei, stützt sich die Regierung auf das Grundgesetz, in dem die Grundlagen für eine Wehrverfassung in den Artikeln 4, 26 und 24 gegeben seien. „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“ heißt es. in Artikel 4, Absatz 2 des Grundgesetzes. Unter Anwendung des Umkehrschlusses bedeutet das. so betonen des Kanzlers Juristen, daß der Wehrdienst eine selbstverständliche Voraussetzung sei. Ohne eine allgemeine Dienstpflicht sei das Recht der Kriegsdienstverweigerung sinnlos.
Dieser Artikel 4 des Grundgesetzes, der heute von der einen Seite für die Ver-
WETTERVORHERSAGE des Badischen Landeswetterdienstes
Das mitteleuropäische Hoch ist nach Polen abgewandert. Von Westen her dringen jetzt Randstörungen des atlantischen Tiefdrudesystems in den Kontinent ein. Sie bringen uns eine etwa zweitägige Wetterverschlechterung, danach erneut Übergang zu Hochdruckwetter. Aussichten bis Montagabend: Zunächst noch meist stark bewölkt mit einigen gewittrigen Schauern, massige Südwestwinde und Tagestemperaturen um 20 Grad, später wieder Hochdrudeeinfluß, Bewölkungsabnahme, Aufhören der Schauertätigkeit, Abflauen der Winde tagsüber wieder etwas wärmer.
fassungsmäßigkeit der Wehrpflicht herangezogen wird, sollte seiner Zeit auf Antrag des heutigen Bundespräsidenten Heuss, Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Hoepker-Aschoff, Bundesjustizminister Dehler, Bundesinnenminister Lehr und Bundesverkehrsminister Seebohm gestrichen werden. Die Streichung wurde von der SPD abgelehnt, die für die gleichen Maßnahmen, für die sie damals ein einfaches Gesetz als ausreichend ansah, heute ein verfassungsänderndes Gesetz, das eine Zweidrittel-Mehrheit erfordert, für notwendig erachtet.
Das Bundesverfassungsgericht wird also festzustellen haben, ob ein Wehrgesetz ohne Ergänzung des Gründgesetzes erlassen werden kann.
Die Entscheidung des Gerichts wird erfahrungsgemäß erst einige Wochen nach dem Verhandlungstermin zu erwarten sein.
Bundesrat vor großen Entscheidungen
BONN . (W.-Eigenbericht.) Der Bundesrat muß in den nächsten Wochen, noch vor dem Bundestag, über den Deutechland- Vertrag und den Verteidigungsvertrag beraten. Bundeskanzler Dr. Adenauer hat deshalb begonnen, die Regierungschefs der
einzelnen Länder nacheinander einzuladen, um ihnen den Ernst der Entscheidung mit aller Eindringlichkeit vor Augen zu führen. Die plötzliche Fehde zwischen dem Bundesfinanzminister, der dem Bundesrat Beeinflussung durch die SPD vorwarf, und dem Präsidenten des Bundesrats, der sich dagegen zur Wehr setzte, dürfte ihm daher sehr ungelegen kommen. In einem Interview hatte Schäffer gesagt: Die Frage des Bundesanteils an der Einkommen- und Körperschaftssteuer werde von der SPD unter dem Gesichtspunkt erörtert: „Wie kann man Adenauer , der außen- und innenpolitisch unbestreitbare Erfolge errungen habe, einen Schlag versetzen?“
Südweststaat-Verwaltung
STUTTGART . Das Staatsministerium in Stuttgart hat am Donnerstag den Wortlaut der beiden am Mittwochabend vom Ministerrat verabschiedeten ersten Verordnungen zum Überleitungsgesetz veröffentlicht. Nach der ersten Verordnung übernehmen die vorläufige Regierung und innerhalb ihrer Zuständigkeiten die Ministerien von Baden-Württemberg folgende Geschäfte:
a) Den Verkehr mit der Verfassunggebenden Landesversammlung, b) die Ausarbeitung von Gesetzen und den Erlaß von Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften, c) den Verkehr mit dem Bundesrat sowie mit den obersten Behörden des Bundes und der Länder, d) den Verkehr mit der Vertretung des Landes beim Bund, e) den Verkehr mit den Besatzungsmächten, f) die Aufstellung und Ausführung des Staatshaushaltsplans.
Wer wird Landesbezirkspräsident?
FREIBURG . (Eigenbericht.) Für den Posten des Landesbezirkspräsidenten von Südbaden werden vier Namen genannt und zwar der frühere FSinanzminister Dr. Eckert, der Ministerialrat Dr. Franz Rappenecker, der Freiburger Bürgermeister Schieler (SPD ) und Ministerialrat Leiser. Die Entscheidung wird in einer der nächsten Kabinettsitzungen in Stuttgart fallen.
Der Verbindungsstudent 1952
WEINHEIM . In Weinheim an der Bergstraße wurde der erste gemeinsame Kongreß des Kösener Verbandes'Alter Corpsstudenten und des Kösener Senioren-Kon- ventsverbandes eröffnet. In diesem Verband sind 20 000 Corpsstudenten der deut schen Universitäten zusammengeschlossen. Cand. med. Emst Georg Pantel erklärte, eine Neugestaltung des Korporationswesens und der Hochschule sei'dringend notwendig. überlebtes Brauchtum weiche immer mehr zeitgemäßen Formen des Zusammenlebens.
De Gaulle : Frankreich kapitulierte...
Gemeinsam Soldaten mit dem besiegten Deutschland in „stsaatenlosem Mischmasch“
PARIS . General de Gaulle bezeichnete den Abschluß des Deutschlandvertrages und des Abkommens über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft als „'Kapitulation Frankreichs“. Deutschland erhalte durch die Verträge „die volle Souveränität und Gleichberechtigung ohne Gegenleistung“. Nichts zwinge Deutschland dazu, sich mit seinen gegenwärtigen Grenzen abzufinden. „Ebensowenig ist es verpflichtet, sich an den Status der Saar zu halten, den es übrigens nicht anerkennt. Nichts hindert es, morgen wieder seinen früheren Ansprüchen nachzugehen.“ Frankreich werde im Namen der Gleichberechtigung die „Demütigung“ auferlegt, seine Soldaten, seine Waffen und sein Geld gemeinsam mit dem im Krieg besiegten Deutschland und Italien einem „staatenlosen Mischmasch“ zur Verfügung zu stellen.
Schuman : Frankreich zufeijeden
PARIS . Mit 26 Stimmen gegen acht kommunistische Stimmen nahm der außenpolitische Ausschuß der Nationalversammlung eine Entschließung an, in
der die Schaffung einer mit wirklichen Vollmachten ausgestatteten europäischen politischen Behörde als besonders dringlich bezeichnet wird. Der französische Außenminister Schuman hatte vor dem gleichen Ausschuß erklärt, daß bei den Verhandlungen vor der Unterzeichnung des Vertrages über die Europäische Ver teidigungsgemeinschaft (EVG) alle von Frankreich gestellten Bedingungen erfüllt worden seien. Deutsche Streitkräfte würden unter keinen Umständen ausgehoben werden, bevor der EVG-Vertrag von allen sechs Mitgliedstaaten ratifiziert ist.
Zu der letzten Sowjetnote über Deutsch , land bemerkte Schuman , daß die Tür zu einer Viermächte-Einigung nach wie vor offen sei. Auf die Verhältnisse in Indo china eingehend, meinte Schuman , daß Washington wohl in Zukunft der Tatsache Rechnung tragen würde, daß Frank reich ohne eine engere Verbindung mit den USA im Femen Osten seine Verpflichtungen in Europa schwerlich gleichzeitig erfüllen kann. Acheson habe ferner erkannt, daß Frankreichs ungestörtes Verbleiben in Nordafrika im allgemeinen Interesse liege.
HAIFA , (r-Eigenbericht.) Auf dem Flugplatz Lydda in Israel stieg in diesen Tagen eine alte, unscheinbare Frau aus dem Flugzeug, deren Ankunft eine Sensation hervorrief. Sie trug schäbige Arbeitskleider. Nur Schufte und Strümpfe waren neu. Sie besaß nur wenig Gepäck und nur einen Wertgegenstand: ihren Trauring. Er war das einzige, was sie aus der So wjetunion hatte mitnehmen dürfen, erzählte Frau Sarah Hecht ihren beiden Söhnen, die sie vom Flugplatz abholten. Sie kam aus Bobruisk in Weißrußland .
Die ungewöhnliche Geschichte dieser Familie begann 1920. Damals entschloß sich das Ehepaar Hecht angesichts der schlechten wirtschaftlichen Aussichten in der So wjetunion , seine beiden Söhne Simon und Yehyel nach Palästina zu schicken. Dieser Gedanke war ihnen noch gerade rechtzeitig genug gekommen, denn in den folgenden Jahren wurde eine Auswanderungaus des Sowjetunion immer schwieriger. Die beiden Brüder machten Karriere und wurden die Gründer einer großen Siedlungsorganisation im Jordan-Tal.
Ihren Eltern erging es in Rußland weniger gut. Sie wurden 1941, als die Deut schen vor Bobruisk standen, nach Sibirien evakuiert. Nur die Lebensmittelpakete aus Palästina retteten sie vor dem Verhungern. Kurz vor Kriegsende starb der Vater. Die Mutter kehrte nach Bobruisk zurück. Ihre Verwandten und Bekannten waren in alle
Winde verweht. Alt und einsam geworden, faßte sie den Entschluß, zu ihren Söhnen nach Palästina zu gehen. Aber das war nicht so einfach. Inzwischen war der Eiserne Vorhang heruntergelassen worden. Und kein Sowjetbürger durfte auswan- dem.
Sarah Hecht schrieb an Stalin persönlich. Sie wies darauf hin, daß sie 76 Jahre alt ist und daß sie ihre Söhne poch einmal sehen möchte. Sie bekam keine Antwort. Sie lief von Behörde zu Behörde, füllte unzählige Formulare aus, während ihre Söhne ein Gesuch nach dem anderen nach Moskau sandten. Schließlich erhielt sie die Genehmigung, von Wien aus nach Lydda zu fliegen.
Seit der Gründung des Staates Israel 1948 ist sie der zweite Sowjetbürger, der eine Auswanderungserlaubnis nach Israel erhalten hat. Sie verdankt diese Gunst weniger dem Mitleid der Sowjetbehörden als einer politischen Erwägung, wie die Regierung von Israel sehr bald feststellte. Moskau hofft, daß diese Auswanderungserlaubnis das Ansehen der. kommunistischen Bewegung in Israel stärkt, deren Führer Anfang des Jahres verhaftet wurde. Die sowjetische Hoffnung wird sich jedoch kaum erfüllen. Denn nur wenige Bürger des Staates Israel haben vergessen, daß in der Sowjetunion über zwei Millionen Juden leben, denen Stalin die Auswanderungserlaubnis verweigert.
Verständigungs versuch beim Lastenausgleidi
Länder rufen Vermittlungsausschuß an — Es geht um eine Milliarde
Bonn . (W.-Eigenbericht.) Nur zwei Länder (Schleswig-Holstein und Rhein land-Pfalz ) haben dem Lastenausgleich zugestimmt, als der Gesetzentwurf gestern im Bundesrat behandelt wurde. Die übrigen sieben, darunter also auch das neue Baden-Württemberg , beschlossen, den Vermittlungsausschuß der gesetzgebenden Körperschaften anzurufen. Über den Appell des Bundesvertriebenenministers Dr. Lukaschek, die Verkündung des Gesetzes nicht durch neue Änderungswünsche aufzuhalten, ging der Bundesrat schweigend hinweg.
Aus der Tatsache, daß kein einziges Land den Antrag stellte, das Gesetz überhaupt abzulehnen, kan'n man wohl entnehmen, daß es allen nur darauf ankommt, im Vermittlungsausschuß einen Kompromiß zu suchen. Dies soll in den nächsten Wochen geschehen. Es ist- aber nicht völlig sicher, ob es gelingt, noch vor den Ferien des Bundestags zu einer Erledigung zu kommen.
Die Änderungswünsche, die der Bundesrat seinen Mitgliedern für die Beratungen im Vermittlungsausschuß mit auf den Weg gab, wiegen sämtlich außerordentlich schwer. Es wurde eine Rechnung aufgestellt, nach der, von dem Jahresaufkommen des Lastenausgleichs von rund 2,1 Milliarden D-Mark, jeweils rund 1 Milliarde von den öffentlichen Haushalten der
Länder beigesteuert werde. Grundsätzlich streben die Länder an, daß ein möglichst großer Teil der Belastungen ihrer Haushalte aus dem Gesetz herausgestrichen wird.
Der Bundesrat gab seinem Standpunkt Ausdrude in einer Empfehlung, die öffentlichen Mittel des Bundes und der Länder sollten nur dann in Anspruch ge- i nommen werden, „wenn sich das Aufkommen als unzureichend erweise“.
— Die Belastung sollte
dabei auf Grund eines neuen Geset - zes „nach Maßgabe der Steuerkraft“ verteilt werden. Wahrscheinlich mit Rücksicht auf diese Bestimmung, die für das steider- kräftige Baden-Württemberg besonders ungünstig wäre, sprach sich Minister Dr. Renner gegen diese Empfehlung aus.
Das beschlagnahmte Schwimmbad
BONN . Das Hauptquartier der briti schen Rheinarmee bezeichnete Berichte über eine überraschende Beschlagnahme des Eis- und Schwimmstadions in Köln- Riehl für die belgischen Truppen als irreführend. Tatsache sei vielmehr, daß die städtischen Behörden in Köln selbst dieses Stadion im Austausch gegen ein von den belgischen Truppen freizugebendes Schwimmbecken im Kölner Stadion ange- boten hätten.
Wie der zuständige Dezernent in der Stadtverwaltung mitteilte, treffen die Angaben über einen Austausch im Einvernehmen mit den städtischen Behörden nicht zu. Die Beschlagnahme sei vielmehr völlig überraschend erfolgt. Das Eis- und Schwimmstadion sei nur vor einiger Zeit einmal bei Verhandlungen mit den Belgiern erwähnt worden. Wie aus heiterem Himmel sei der Beschlagnahmebefehl gekommen. Die Stadt will jetzt versuchen, Landesmittel zu erhalten, um den Belgiern ein eigenes Schwimmbad bauen zu können.
.Was heißt hier Generalvertrag — General bin ich selber...’
Der große Kenner
Zum 8 5. Geburtstag
Der berühmte Kunsthistoriker und frühere Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin ist am 5. Juni 85 Jahre alt geworden. 1933 mußte der Gelehrte, auf dessen Urteil die ganze künstlerische Welt hörte, Deutschland verlassen. Er lebt seitdem in Holland .
Es mutet seltsam an, heute noch einem Manne aus der Generation der großen Museumsleiter vor 1914 zu begegnen. Die meisten seiner Weggenossen sind tot und Max J. Friedländer ist einer der letzten aus jenen Jahren des Aufbaus der deut schen Kunst - Sammlungen, aus einer Zeit, die wirtschaftlich aus dem Vollen schöpfte und unter den noch nicht völlig rar gewordenen Kunstschätzen der Welt fjir Deutschland noch eine Ernte einbrin- gen konnte. Dem Eroberertyp Wilhelm von Bodes standen der Erzieher Lichtwarck und der Grandseigneur Tschudi gegenüber und der gründliche Sachkenner Friedländer zur Seite.
Sein äußerer Weg verlief ohne jene öffentlichen Kämpfe um Person und Wirksamkeit, wie sie namentlich Bodes und Tschudis aggressivere Naturen hervorrie- fen. Der junge Kunsthistoriker trat 1896
Man hinterbrachte Haydn , daß Beetho ven ihn eine alte Perücke genannt habe. Haydn geriet darüber in Zom.
„Was?! Das wagt er von mir zu sagen, von mir, seinem Lehrer? Und wer ist er denn, daß er sich unterstehen kann, ein Urteil über mich abzugeben? Was hat er schon fertiggebracht? Puh! Eine oder die andere Sonate, aber nichts Außergewöhnliches. Leidliche Quartette; ja, ja, die Quartette sind wirklich gut. Und dann gibt es noch die Symphonien. Ja, das ist was anderes. Das bringt überhaupt keiner fertig. — Die Symphonien sind göttlich, •infach göttlich!“
Max J. Friedländers
als Assistent bei Bode ein, wurde 1904 zur Eröffnung des Kaiser-Friedrich - Museums dessen 2. Direktor und später der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts. Unter seine Zeit fallen große Erwerbungen, denn besonders die Londoner Auktionen waren damals noch ergiebig, und eine gewisse Romantik überspielt sein Wirken mit der Ueberführung des Verkündigungsaltars des Hugo van der Goes aus dem spanischen Kloster Montforte. Die Preußische Regierung hatte das Bildwerk 1911 für 950 000 Mark erworben, — was für Kunstetats gab es damals! Ein Regierungs stürz und innere Opposition in Spanien machten die Ausfuhr unmöglich. Diplomatische Verhandlungen setzten ein. Endlich, im Dezember 1913, wurde die Wegbringung des Bildes akut. Da begehrten die frommen Einwohner des Ortes gegen die Entführung ihres Heiligtums auf und bedrohten Friedländer persönlich, der mit der Abholung beauftragt war. Das Bild mußte insgeheim nachts auf einem Ochsenkarren weggeführt werden und gelangte nach dem Hafen Vigo , von wo es seine Schiffsreise nach Hamburg an trat. Während des ganzen Transportes wich Friedländer nicht von seiner Seite. Noch in Berlin lief er neben dem Fuhrwerk her. Dann besorgte er die Aufstellung und bei der ersten gemeinsamen Betrachtung des Meisterwerkes streichelte der streitbare Bode still den Arm seines treuen Mitarbeiters, wie uns Karl Scheff- ler berichtet.
Die Kunstwelt schätzt in Friedländer heute nach dem Urteil Sir Kenneth Clark’s , des ehemaligen Direktors der Londoner National-Gallery, „den größten lebenden Kenner nordeuropäischer Malerei“. Seine 14teilige Veröffentlichung über die Alten Niederländer ist sein Standardwerk, nobel und gemessen sein Dürer-Buch. Ein reiches Geschenk wurde den Kunstfreunden in den
Essay-Bänden von „Kunst und Kenner- I schaft“ und „Uber die Landschaftsmalerei“ zuteil. Friedländer ist, wie als Experte von unbedingter Autorität, als Schriftsteller von letzter Knappheit, Bestimmtheit und. Exaktheit. Als vornehmste Aufgabe des Kunsthistorikers betrachtete er die präzise Bestimmung und Bezeichnung des
Paris hat diesen Winter die deutschen Klassiker wiederentdeckt: Schiller und vor allem Kleist. Erst vor wenigen Tagen sandte der Pariser Fernsehfunk Kleists „Zerbrochenen Krug ” in einer ausgezeichneten Aufführung, und das Publikum war verblüfft. Fast gleichzeitig — nur wenige Monate nach der überraschend erfolgreichen Aufführung von ■ Schillers „Maria Stuart ” auf einer kleinen Avantgardebühne des Montmartre — brachte das „Theatre National Populaire ”, die staatliche Volksbühne, Kleists „Prinz von Homburg ”, und das Publikum ist begeistert. Hier folgen Auszüge aus einer eingehenden und ausführlichen Kritik des Dramatikerphiloeophen Gabriel Marcel in den „Nouvellfis Litteraires”. Gabriel Mar- oel, ein hervorragender Kenner der deut schen Literatur und Philosophie, war vor kurzem in Deutschland , wo er in mehreren Städten über Theater und Philosophie sprach.
„Ich schätze mich glücklich, im „Theätre des Champs Elysees ” den „Prinz von Öomburg” gesehen zu haben, den Jean Vilar jetzt in Paris gibt nach dem durchschlagenden Erfolg im vergangenen Sommer bei den Festspielen in Avignon . Ich habe das Stück in deutscher Sprache gelesen und war tief beeindruckt. Aber nachdem ich es gesehen habe, bin ich sicher, j es ist eines der Meisterwerke des Thea- I ters der Welt...
I Kunstwerks. Seine Gutachten genießen internationales Ansehen. Und doch stand hinter allem, was er schrieb, eine verhaltene Liebe. Er gehört „zu den stillen Er- gründem“ (Scheffler) und was er ‘sagte, „hatte Endgültigkeit, soweit dieses von Menschenwerk gesagt werden darf.“
Herbert Schönfeld
Aber man muß auch feststellen, daß die Aufführung bewundernswert ist. G6rard Philipe hat im Prinzen seine stärkste Rolle gefunden. Kein Lob ist zu hoch. Man kann diese Rolle nur mit den allergrößten des Theaters vergleichen, mit Hamlet , mit Lorenzaccio. Gerard Philipe gibt alle Aspekte wieder: Jugend, Leidenschaft, lyrischen Schauer, entsetzte Verzweiflung in der unvergeßlichen Szene des 3. Aktes, das herrliche Sich wiederfinden im 4. Das Werk ist von einem Traum umrahmt, der Wirklichkeit wird und eine Wirklichkeit, die die Farbe des Traumes hat. Und gerade dieser Aufbau gibt dieser Tragödie einen Charakter ohnegleichen. Gerne würde ich wissen, ob Kleist Calderons ,Leben ein Traum” gekannt hat, was wohl sehr wahrscheinlich ist. Von einer unerhörten Kühnheit ist die Szene vor der Kurfürstin, wenn der Prinz ihre Vermittlung erfleht... Der 4. Akt ist ein wirklicher Gipfelpunkt des Theaters aller Zeiten, wenn Nathalie den Kurfürsten. beschwört, von seinem abstrakten und unmenschlichen Entscheid abzulassen ... Ein völlig unerwarteter, ungewöhnlicher Umschwung: der Kurfürst stellt in absolutem Großmut dem Prinzen anheim, selbst über sein Geschick zu' bestimmen. Aber in diesem Moment, ^ls an sein Gewiesen und seine Freiheit appelliert wird, ist Homburg nicht mehr das arme Wesen aus Fleisch und Blut, das eben noch in Verzweiflung auf schrie; er wird wieder
das denkende Wesen, das sich ewigen Werten gegenübergegestellt sieht. Und er gibt'seine Unterschrift unter das eigene Todesurteil, gegen das er eben noch aufbegehrte ... ,
Man könnte' die Kommentare ins Endlose fortsetzen. Nebenbei bemerkt, ist es eine der wenigen Tragödien mit glücklichem Ausgang (vielleicht neben „Cinna”), an der nichts künstlich erscheint. Hier ist eine wunderbare Synthese der Romantik von Tragödie und Drama, die sich in Mozartscher Umarmung vereinen.
KULTUR NACHRICHTEN
Die Hölderlin-Gesellschaft hält in diesen Tagen ihre Jahresversammlung 1952 in Tübingen ab. Sie wird am Samstag mit einem Vortrag von Prof. Dr. W. Schadewaldt, Tübingen , über „Das Gesetz der exzentrischen Bahn bei Hölderlin“ eröffnet Ferner wird Dr. Karl Michael Komma , Wallerstein , über „Höl derlin in der deutschen Musik“ "sprechen. Ein Konzert bringt Vertonungen Hölderlinscher Gedichte.
Carl G. F. Langenscheidt , der Senior des Verlages Langenscheidt ln Berlin , ist im Alter von 82 Jahren gestorben.
Henry Goverts , der bekannte Verleger, vollendete in diesen Tagen sein 60. Lebensjahr. Der Govertsverlag, in Hamburg 1934 gegründet, wurde bald einer der führenden literarischen Verlage. Im Jahre 1950 trennte sich H. Goverts von seinem Hamburger Teilhaber Eugen Claas- sen und gründete mit dem Schweizet Verleger Scherz zusammen den Scherz & Goverts-Verlag, Stuttgart -Hamburg , in dem vor allem viele ausländische Autoren verlegt werden wie Winston Churchill mit seinem Werk über den zweiten Weltkrieg, ferner William Faulkner , der Träger des Literatur-Nobelpreises 1949, Louis Brom- fleld, Daphne du Maurier , Warwick Dee- ping und Duff Cooper .
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