SUDKURIER
UNABHÄNGIGE HEIMATZEITUNG FÜR OBERBADEN UND DAS BODENSEEGEBIET
Erscheint Dienstag, Mittwoch. Donnerstag, Samstag TeX.: 824, 92S. 1130, 1510, 1511 Fernschreiber: 07828 Verlag und Redaktion Konstanz . Marktstätte 4
8. JAHRGANG
Dienstag 17. JUNI 1952
NUMMER 94
Bezugspreis monatlich durch Träger 2.50 Mark zu- zügl. 30 Ptg. Trägerlohn, durch die Post 2.70 Mark, zuzttgl. 36 Pfg. PostzusteUgebühr. Einzelpreis 20 Pfg.
WÜRZBURG . Das amerikanische Gericht in Würzburg lehnte einen Repatriierungsantrag der 1RO ab, wonach die jetzt in Karlstadt lebenden Flüchtlimgs- kinder Herbert und Rudolf Skop zu ihrem Vater nach Breslau zurückgeführt werden sollten. Das amerikanische Gericht erklärte, daß die Entscheidung der polnischen Regierung über Schlesien nicht anerkannt werde. Decher erkenne da® Gericht auch nicht die polnische Staatsangehörigkeit an, die den dort lebenden Deutschen verliehen wurde oder sogar Kindern zuerkannt werden soll, die jetzt im Bundesgebiet leben. Die Kinder waren 1946 mit ihrer Mutter von Breslau nach Unterfran ken ausgewdesen worden. Der Vater konnte als Spezialist dort bleiben. Da die Mutter der Kinder inzwischen gestorben war, heiratete er erneut. Auf Drängen der polnischen Behörden beantragte er die Rückführung seiner' Kinder. Dabei behaupteten die polnischen amtlichen Stellen, daß die Kinder polnische Staatsangehörige seien und den Status heimatloser Ausländer besäßen.
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SK. Dem Urteil des amerikanischen Gerichts kommt grundsätzliche Bedeutung zu. Es wird endlich einmal wiederholt, was die Alliierten bei Beendigung der Kriegshandlungen in Potsdam festlegten: Die ostdeutschen Gebiete stehen jetzt lediglich unter polnischer Verwaltung. Was für Breslau gilt, gilt für jeden anderen Ort der deutschen Provinzen hinter der Oder-Neiße-Linie.
Ostzonen-Urteii bestätigt
KARLSRUHE . (Gr.-Eigenbericht). Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts wies am 13. Juni die Verfassungsbeschwerde des aus der Sowietzone geflüchteten Gerhard Biszovsky zurück. Bis- zovsky war vom Schöffengericht Reichen bach im Vogtland wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. .
Der Beschwerdeführer bezeichnete das in seiner Abwesenheit gefällte Strafurteil als „unmenschlich hart und grausam" und machte geltend, daß er bei der Verhängung einer angemessenen Strafe von höchstens einem halben Jahr Gefängnis, wie sie in der Bundesrepublik zu erwarten gewesen sei, unter die Amnestie gefallen ■wäre. Der Erste Senat konnte sich dieser Auffassung nicht anschließen. Er betonte, daß die sowjetisch besetzte Zone nach wie vor ein Teil Deutschlands sei und nicht als Ausland angesehen werden könne.
Textilarbeiter-Marsch nach Bern
BERN . 23 000 Männer und Frauen aus allen Teilen der Schweiz beteiligten sich am Sonntag an dem Textilarbeitermarsch nach Bern , mit dem sie für ihre sozialen Forderungen demonstrierten. Ein Teil der Kundgebungsteilnehmer wurde mit 19 Extrazügen der Schweizer Bundesbahnen in die Landeshauptstadt befördert. Die im Demonstrationszug mitgeführten Spruchbänder wiesen auf Sinn und Ziel dieses in der Schweiz erstmaligen Protestmarsches hin: Sicherung des Arbeitsplatzes, Erhöhung der Reallöhne der Textilarbeiter und -arbeiterinnen, gegen übermäßige Profite des Zwischenhandels, ln einer von den Demonstranten angenommenen Entschließung wurden von den eidgenössischen Behörden eine bessere Interessenvertretung der schweizerischen Textilindustrie und direkte Besprechungen einer Parlamentskommission mit Vertretern des Textil- und Fabrikarbeiterverbandes gefordert. Die Kundgebung nahm einen ruhigen Verlauf.
Schwedisches Flugzeug abgestürzt - Ein zweites von Sowjets abgeschossen - Deutsche retteten Ueberlebende
STOCKHOLM . Ein schwedisches Bergungs-Flugboot vom Typ „Cathalina“ wurde Montagfrüh von sowjetischen Düsen-Jagd- maschinen über der Ostsee beschossen. Das Flugzeug stürzte ab. Die gesamte Besatzung — sieben Mann — wurde von einem deutschen Handelsschiff geborgen. Zwei Mann der Flugzeugbesatzung sind leicht verletzt. Die Besatzung berichtete, daß ihre Maschine von dem verfolgenden russischen MIG-15 -Düsenjäger siebenmal angegriffen wurde.
Das unbewaffnete Cathalina-Flugboot suchte nach einer seit Freitag über der Ostsee verschwundenen schwedischen Maschine vom Typ DC 3 . Das Wrack dieses Flugzeuges wurde am Montagvormittag nördlich von Gotland von schwedischen Tauchern gefunden.
Der schwedische Ministerpräsident Erlander berief das schwedische Kabinett zu einer Sondersitzung ein. Die Stockholmer Regierung hat nach dieser Sitzung einen scharfen Protest gegen den „Gewaltakt der von den sowjetischen Luftstreitkräften über internationalem Fahrwasser gegen ein schwedisches Militärflugzeug begangen wurde“, in Moskau erhoben. Die schwedische Regierung stelle der Sowjetregierung anheim, sofort eine Untersuchung des Zwischenfalls einzuleiten. Sie fordert, die für den Uebergriff Verantwortlichen zu bestrafen. Ferner behielt sich die schwedische Regierung Schadenersatzforderung an die Sowjetunion vor.
Nach Mitteilung der schwedischen Luftstreitkräfte berichtete die Besatzung der Cathalina, daß sie von zwei Jagdflugzeugen des Typs MIG 15 am Montagfrüh 04.10 Uhr beschossen wurde. Sie befand sich um diese Zeit 30 Seemeilen nordwestlich von Dagö , also auf internationalem Gebiet.
Nach der Beschießung des schwedischen Bergungsflugzeuges durch sowjetische Jäger besteht in zuständigen schwedischen Kreisen kaum noch Zweifel, daß auch der Verlust des Transportflugzeuges am Freitag auf die gleiche Ursache zurückgeführt werden müsse. In Stockholm wird darauf hingewiesen, daß in beiden Fällen keine Verletzung der sowjetischen Hoheitsgren- zen vorliege. Die schwedischen Flugzeuge hätten sich in weitem Abstand von der sowjetischen Küste gehalten.
Als besonders schwerwiegend wird der Angriff am Montag angesehen, weil es sich bei der schwedischen Maschine um ein unbewaffnete Bergungsflugzeug handelte. Bei früheren Erklärungsversuchen war auf die Möglichkeit hingewiesen worden, daß der Zwischenfall vom Freitag vielleicht auf einer Verwechslung beruhen könne, da die Maschine amerikanischer Herkunft war. Jetzt aber, so erklärt man in Stock holm , könne nicht mehr bezweifelt werden, daß es sich um unmittelbar gegen Schweden gerichtete gewaltsame Demonstrationen handele.
Die schwedisch -sowjetischen Beziehungen hatten sich in der letzten Zeit einiger-
BONN . (W.-Eigenbericht.) Das Bundesverfassungsgericht hat die Bundesregierung und die SPD gefragt, ob sie damit einverstanden sind, daß das Verfahren über die von 144 Abgeordneten der SPD und FU eingereichte Feststellungsklage zur Frage des Wefufoeitrages solange ausgesetzt wird, bis das vom Bun despräsidenten angeforderte Rechtsgutachten über die Vereinbarkeit des EVG- Vertrages mit dem Grundgesetz erstattet ist. Die Antragsteller und die Bundesregierung sollen dem Bundesverfassungsgericht ihre Entscheidung bis zum 25. Juni mitteilen.
In vier bis sechs Wochen erwartet man in Bonn die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über das Gutachten, das Bundespräsident Prof. Heuss erbeten hat. Auf die Anfrage des Gerichts bei der Bundesregierung und der SPD werden aller Voraussicht nach gegensätzliche Antworten erteilt werden. Die Bundesregierung wird die Aussetzung des Verfahrens befürworten, die SPD auf der weiteren Verfolgung beharren.
In politischen Kreisen Bonns besteht heute Einigkeit darüber, daß das Schicksal der Verträge allein an der Entscheidung des Gerichts hängt. Entscheidet das Gericht, daß die Verträge eine Verfassungsänderung voraussetzen, so würde das automatisch das Scheitern der Verträge bedeuten, da die Regierung- die für eine Verfassungsänderung notwendige Zwei- Drittel-cMehrheit im Parlament unmöglich erreichen kann.
Dabei ist es nicht zu übersehen, daß das Bundesverfassungsgericht eich in einer sehr unangenehmen Lage befindet. Wenn die SPD — wie man annimmt — auf ihrer Klage besteht, kann theoretisch durchaus der Fall eintreten, daß das Gutachten des
Verfassungsgerichts an den Bundespräsidenten der Entscheidung bei der Klage der SPD widerspricht. Denn einmal entscheidet das ganze Gericht, das andere Mal nur der Erste Senat, und dieser zweite Spruch wäre auf jeden Fall der einzig verbindliche. Wenn man auch öffentlich ungeme davon spricht, so läßt sich doch nicht leugnen, daß bei dieser Sachlage einige Unruhe über die Umstände besteht, die schon landläufig gewordenen Bezeichnungen des Ersten Senats als des „Roten “ Senats zugrunde liegt.
Kein Vertrauensbrudi
BONN . Bundeskanzler Dr. Adenauer hat in einem Brief an den SPD -Abgeord- neten Prof. Carlo Schmid den in einer Bundestagssitzung am 8. Februar erhobenen Vorwurf des Vertrauensbruches zurückgenommen. Schmid hatte nach Meinung Dr. Adenauers in einer Rede zum Verteidigungsbeitrag Mitteilungen gemacht, die, wie es in einer Antwortrede des Bundeskanzlers hieß, „ich ihm als absolut vertraulich zusammen mit einigen anderen Herren der sozialdemokratischen Fraktion gegeben habe“. Dr. Adenauer teilte Schmid jetzt mit, daß dieser von ihm gemachte Vorwurf nicht begründet sei.
maßen verschärft. In Schweden verzeieh- nete man eine „mißtrauische“ sowjetische Reaktion auf die Washington -Reise des Ministerpräsidenten Erlander. Die Besprechungen Erlanders mit Trum an und Ache- son wurden in manchen Kreisen als Beweis angesehen, daß sich Schweden der Atlantikpaktorganisation nähern wolle.
Die Stockholmer Abendblätter äußern sich zu diesem Zwischenfall mit großer Schärfe. Das der Regierung nahestehende Blatt „Aftontidningen“ spricht von einem verabscheuungswürdigen Verbrechen. Es liege die nackte Tatsache vor, daß die Sowjets ein schwedisches Flugzeug beschossen, obwohl ihnen die Suchaktion zwischen Baltikum und Gotland bekannt war.
Ulbricht: Jeden Widerstand brechen
BERLIN . (G.-Eigenbericht.) Mitte dieser Woche wird die sowjetzonale Regierung weitere Belastungen für die Bevölkerung ankündigen. Sie wird auf einer Volkskammer den längst fälligen Staatshaushaltsplan für 1952 vorlegen. Wie von unterrichteter Seite verlautet, ist mit starken Einschränkungen der Etats für kulturelle und soziale Aufgaben zu rechnen. Die dadurch freigewordenen Beträge sollen „im Interesse der nationalen Verteidigung“ auf das Militärbuc dget übertragen werden, das offiziell in Form eines „Etats für besondere Investitionen“ im Staatshaushalt der Sowjetzone in Erscheinung treten soll. Es wird erwartet, daß der für die Veröffentlichung bestimmte Staatshaushaltsplan 1952 entgegen jeder parlamentarischen Gepflogenheit keine absoluten Zahlen enthält, sondern nur Prozentziffern wie die Pläne der vorangegangenen Jahre.
Es ist zu erwarten, daß der undurchsichtige Haushaltsplan die Empörung in der ostzonalen Bevölkerung weiter steigert. Schon in den Vorjahren war manche Kritik an dieser Art von Rechenschaftsbericht laut geworden. In diesem Jahr jedoch herrscht sowieso eine Explosiv-Stimmung. Der offene Widerstand der Bevölkerung gegen die Maßnahmen des Staatssicherheitsdienstes insbesondere in den Grenzgebieten wächst von Tag zu Tag. Aus zahlreichen Landkreisen Thüringens und Mecklenburgs werden schwere Zusammenstöße zwischen der Bevölkerung und Einheiten der Volkspolizei gemeldet, bei denen es Verletzte auf beiden Seiten gab. Während die Bauern, die evakuiert werden sollen, häufig mit Beilen und Hacken gegen die Volkspolizisten vorgehen, sind in den thüringischen Betrieben hunderte von Arbeiter in Proteststreik getreten.
Der stellvertretende Ministerpräsident und SED -Generalsekretär Ulbricht hat daraufhin den Staatssicherheitsdienst angewiesen, den Widerstand der Bevölkerung „mit allen Mitteln“ zu brechen. Im Notfall sollen Massenverhaftungen durchgeführt werden.
Kurz notiert
(56 deutsche Kriegsgefangene und Zivil- Internierte ans der Sowjetunion , die am 28. Mai in Bischofswerda in der Sowjetsone eingetroffen sind, werden dort noch immer su rückgehalten.
Bundespräsident Heuss hat das Statut des »Verdienstordens der Bundesrepublik Deutsch lands “ dahingehend ergänst, daß das Große Verdienstkrens mit Stern auch ohne Schulterband verliehen und an einem Ordensband um den Hals getragen werden kann.
Eine Grnppe von sieben deutschen Lnft- fahrtspezialisten traf in den USA ein, um die amerikanische Fleuzengindnstrie kennen- sulernen.
Ans der Strafanstalt Werl (britische Zone) wurden drei deutsche Häftlinge, darunter zwei Frauen, wegen guter Führung vorzeitig entlassen.
Vom 1. Juli an können deutsche Staatsangehörige auf einem mit Sammelvisum ausgestatteten Sammelpaß Gesellschaftsreisen von längstens vier Wochen Daner nach Frankreich unternehmen.
Das Großfeuer in der Gemeinde Groß rinderfeld (bei Tauberbischofsheim ), bei dem ein ganzer Ortsteil vernichtet wurde, ist wahrscheinlich durch Explosion von Düngemitteln entstanden.
Für die Manöverfibnngen der britischen Rheinarmee im Kreise Celle sollen fünf Dörfer von allen Bewohnern geräumt werden.
Auf dem Lagerplatz einer Aitmetallhand- ™ng in Heide (Holstein) wurden zwei Ar
beiter beim Schrottverladen durch einen explodierenden Sprengkörper getötet.
Nach dem Genuß von Brennspiritus starben in Lippstadt zwei ambulante Korbmacher eines qualvollen Todes.
Eine Bauersfrau in Mönchberg im Spessart verwechselte, als sie ihren Durst stillen wollte, eine Saizsänreflascfae mit einer Flasche Apfelsaft. Sie erlitt so schwere innere Verletzungen, daß sie nach wenigen Stunden starb.
Die Sowjetunion hat die diplomatischen Beziehungen zu Veneznela abgebrochen, weil ein sowjetisches Ehepaar mit Diplomatenpässen Anfang dieses Monats in der Hanpt- stadt Caracas verhaftet wurde.
In Tunis kam es am Wochenende zu einer Reihe schwerer Zusammenstöße zwischen Moslems und Juden.
Der tschechoslowakische Staatsgerichtshof in Brünn hat in einem Prozeß wegen „Spionage .für den Vatikan “ zwei Angeklagte zum Tode' und sieben andere zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.
Bei dem Versuch, von der Bergstation Jungfraujoch den Jungfraugipfel in den Ber ner Alpen zu besteigen, sind zwei Züricher Bergtonristen von einer Lawine erfaßt und ans über 1008 Meter Höhe in das Rottai hinabgeschleudert worden.
Bei der vorzeitigen Explosion einer Sprengladung in einem Bergwerk bei Conakry (Westafrika ) worden sechs Bergleute getötet.
Sieben Geisteskranke verbrannten, als ein Großfeuer eine japanische Irrenanstalt in der Näh« von Yokohama einäscherte.
Die Gegensätze in der Schulfrage
Badische und württembergische Landeskirchen für Gemeinschaftsschulen
STUTTGART (Tfz. - Eigenbericht). Die Frage, welche Schulform das Land Baden- Württemberg in seine Verfassung aulnehmen will, gerät immer mehr in den Vordergrund der politischen Diskussionen. Die badischen und württembergischen evangelischen Landeskirchen haben sich in einem gemeinsamen Memorandum für die Verankerung der christlichen Gemeinschaftsschule in der Verfassung ausgesprochen und wünschen die Aufnahme folgenden Artikels in die Verfassung: „Die öffentlichen Volksschulen sind christliche Gemeinschaftsschulen. Soweit in einem Landesteil hiervon abweichende Schulgesetze gelten, bleiben diese bis zu einer gesetzlichen Neuordnung des Schulwesens in Geltung.“ Das Memorandum erklärt, wenn die Bekenntnisschule vom kirchlichen Standpunkt aus auch zu bevorzugen sei, so empfehle sich doch die christliche Gemeinschaftsschule als leistungsfähigere Schulform, besonders da in fast allen Gebieten des Landes Protestanten und Katholiken zusammenwohnten.
Der Kulturreferent der SPD -Fraktion der Verfassungsversammlung, Willi Lausen , (MdB), erklärte am Wochenende, der Verfassungsentwurf der Regierungsparteien sehe die Einführung der christlichen Gemeinschaftsschule für das ganze Bundesland, Schulgeld- und Lernmittelfreiheit für alle öffentlichen Schulen einschließlich der Oberschulen und die Verankerung der Sicherung der Eltembeiräte und der Schülermitverwaltung in der Verfassung vor. Wie die evangelischen Oberkirchenräte, so fordert auch der Verfassungsentwurf der Regierungsparteien die Verabschiedung eine! Gesetzes, durch das die christliche Gemeinschaftsschule auf das ganze Land, also auch auf Württemberg-Hohenzollem, ausgedehnt werden soll. Die Schulgeldfreiheit soll innerhalb von fünf Jahren durchgefüthrt und Staat und Gemeinden sollen zue Bereitstel
lung ausreichender Studienbeihilfen verpflichtet werden.
Dagegen setzt sich der Vorsitzende der nordwürttembergischen CDU , Simpfendör- fer, für die Aufrechterhaltung des jetzt bestehenden Zustandes in der Schulfrage ein. Er betonte, die CDU halte an den Grundsätzen der Karlsruher Beschlüsse fest. Diese sähen vor, daß die christliche Gemeinschaftsschule in denjenigen Gebieten zu erhalten sei, in denen sie bereits bestehe, daß aber für den Landesbezirk Südwürttemberg auf dem Gebiet der Volksschulen sich die Gestaltung der Schulform nach den Grundsätzen zu vollziehen habe, die beim Zusammenschluß der Länder bestanden hätten.
Die Auffassung der Landessynode
KARLSRUHE , Die Landessynode der badischen evangelischen Landeskirche hat auf ihrer Frühjahrstagung auch die Denkschrift der Kirchenleitungen der badischen und der württembergischen Landeskirche zur künftigen Verfassung des neuen Bundeslandes Baden und Württemberg zur Kenntnis genommen und den darin enthaltenen Gedanken zugestimmt. Es wurde dabei festgestellt, daß die badische Landeskirche auch nach der territorialen Neugestaltung im Südwestraum ihren Namen behalten soll und kann. Die neue Grenzziehung innerhalb dieses Raums berührt nicht die Grenzen der badischen evangelischen Landeskirche. In der Schulfrage bekennt sich die Synode zur Christlichen Gemeinschaftsschule und zur konfessionellen Lehrerausbildung. Landesbischof D. Bender erklärte vor der Synode zu dieser Frage, man könne nicht anders, als an der Christlichen Gemeinschaftsschule festhal- ten, aber an der christlichen Gemeinschaftsschule. Man solle nicht vom Ideal reden, sondern von dem, was erstrebt werden kann und muß, sonst gehe das Christliche m der Gemeinschaftsschule verloren.
Streiflichter:
Schöpferische Pause
KG. Die Pause, die zwischen der Unter. Zeichnung der deutsch -alliierten Verträge und ihrer Ratifizierung durch die Parlamente entstanden ist, wird von allen Seiten zur Erörterung der weltpolitischen Fragen benützt, wobei deutlich das Bestreben zu erkennen ist, die Fäden nach der Sowjetunion nicht abreißen zu lassen.
Auch in Deutschland spricht man von Verständigung. Unter der Voraussetzung natürlich, daß die Sowjetunion geneigt ist dazu. Bundeskanzler Br. Adenauer befürwortete am Wochendle vor dem CDU - Hauptausschuß eine Viermächte-Konfe- renz über die deutsche Wiedervereinigung, sobald ersichtlich sei, daß „zum mindesten mit dem guten Willen der Sowjet union gerechnet werden kann.“ Er wandte sich mit allem Nachdruck gegen die These, daß mit der Ratifizierung der deutsch - alliierten Verträge der Eiserne Vorhang endgültig dicht gemacht werde. „Oberstes Ziel meiner Politik ist die deutsche Wiedervereinigung“, erklärte der Kanzler.
Zur gleichen Zeit forderten Vorstand und Parteiausschuß der SPD in Bonn aufs neue „eine Viermächtekonferenz über die Durchführung freier gesamtdeutscher Wahlen unter internationaler Kontrolle.“ Eis müsse alles getan werden, um das Zustandekommen einer solchen Konferenz zu fördern. Die SPD wandte sich entschieden gegen die „durch nichts gerechtfertigte Hast“, mit der die Bundesregierung die Zustimmung des Bundestages und des Bundesrats zu den von ihr Unterzeichneten Verträgen herbeiführen wolle.
Auch diese Erklärungen bestätigen wiederum die Ansicht, daß sich die Auffassungen des Kanzlers und der Opposition im Grunde nur in der Form des Vorgehens und im Tempo unterscheiden. Beide, Dr. Adenauer und Dr. Schumacher, sind für Viererbesprechungen. Der Bundeskanzler will für die künftigen Verhandlungen lediglich eine feste Basis, die durch den Deutschland -Vertrag und den EVG- Vertrag sicher gegeben wäre. Das wollen auch die Westmächte. Aber auch in Lon don und Paris neigt man grundsätzlich dazu, in neue Vierer-Besprechungen einzutreten, während die Vereinigten Staa ten ein Gespräch mit der Sowjetunion zur Zeit nicht für opportun halten. Acheson vertritt den Standpunkt, daß keine Besprechungen abgehalten werden sollten, bis die geplante unparteiische Kommission die Voraussetzungen für die Abhaltung freier Wahlen in Gesamtdeutschland geprüft habe. Einen einheitlichen Standpunkt hierüber hofft man auf der Ende Juni zusammentretenden Konferenz der drei westlichen Außenminister zu finden.
Die Klage der SPD vor dem Bundesverfassungsgericht und die Anforderung eines Rechtsgutachtens über die parlamentarische Behandlung der deutsch -alliierten Verträge beeinflussen die Haltung der Westmächte nicht imwesentlich. Sollte die Entscheidung so ausfallen, daß die Verträge nicht ratifiziert werden könnten, so müßte mit fast automatischer'Sicherheit eine Viermächtekonferenz folgen. Aus diesem Grunde ist man in weiten Kreisen Großbritanniens der Ansicht, daß es besser wäre, schon jetzt eine Vierer- Konferenz in die Wege zu leiten, die sich auf die Behandlung der Frage gesamtdeutscher Wahlen und der Vollmachten einer aus diesen Wahlen hervorgehenden deutschen Gesamtregierung beschränken müßte. So oder so: man wird die Pause nützen. Eis sollte aber eine wirklich schöpferische Pause sein.
Vier Botschafter
gk. „Unser Kind fängt jetzt an, selbst zu laufen“, sagte ein westlicher Staatsmann zu dem Sowjetbotschafter Gromyko , als nach Kriegsende die Vereinten Nationen , ihre erste Tagung abhielten. Die UN war ja eine gemeinsame Schöpfung der Westalliierten und der Sowjets, hervorgegangen aus der Zusammenarbeit während des Krieges. „Ganz schön — aber wann wird das Kind Zähne bekommen?“ fragte Gromyko zurück.
Inzwischen haben die UN Zähne bekommen, die Abwehr des kommunistischen Ueberfalls auf Korea bewies es — aber sie gebrauchen die Zähne anders, als die Sowjets einmal vermuteten. Soll es jetzt Gromykos Aufgabe sein, der UN und überhaupt der westlichen Gemeinschaft, die Zähne wieder auszubrechen, wenn er als Botschafter des Kreml nach London entsandt worden ist?
Das ist die eine Theorie, mit der man Gromykos Entsendung zum Botschafter zu erklären 6ucht: Daß nämlich er, einer der besten Männer der sowjetischen Diplomatie, es fertigbringen soll, England von der westlichen Gemeinschaft abzudrängen. Die andere Theorie kommt in der Ueber- legung zum Ausdruck, die ein englisches Blatt in dem Satz zusammenfaßt: „Lon don ist die Hauptstadt, in der die Sowjets am ehesten Verhandlungen mit der westlichen Welt beginnen könnten.“ Diese zweite Auslegung der Ernennung nimmt an, daß Gromyko diesmal anders, als wäb-