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Frühlingsahnen in

Von Uisi

Eine Woche und länger hat der Soldat die un­ermeßlichen Weiten des fremden Landes durch­fahren. Brausend umgab ihn bei Tag und bei Kacht das schwermütige Lied der Räder, der Achsen, der Bremsgestänge. Vorwärts ging es, immer vorwärts-der Heimat entgegen.

Wieder vergeht dem Soldat eine Nacht im Stampfen der Räder, im Stoßen der Wagen, im Fauchen der Maschine. Der frühe Nachmittag aber findet ihn in einer alten fränkischen Stadt, deren Name einen Klang hat in ganz Deutsch­ land . Müde und unschlüssig steht er auf dem Bahnhofplatz. Schon will er sich wenden, will die wenigen Stunden, die er hier Aufenthalt/hat, irgendwo in einem Gaststubenwinkel verdämmern Da fangen seine Füße zu gehen an, schreiten über den Platz, streben auf die Stadt zu. Etwas hat ihn angerührt, seltsam wie eine Vision der Vergangenheit, wie ein Traumbild aus seiner Jugend.

Einen Turm sieht er vor sich. Rund und be­haglich lehnt er sich an ein Stück altersgrauer Mauer Unter dem spitzen hohlziegelgedeckten Turmhelm hervor blinzeln gutmütig zwei schmale Fensterchen zu ihm herüber. Aber das Schönste sind wohl die beiden Scharwachttürmchen. Gleich unter dem Dach wachsen sie hervor: Türmchen wie der große Turm, den feinen spitzen Ziegelhelm wie eine Mütze ins Gesicht gezogen, kleine lustige Kobolde hoch über dem Getriebe der Menschen.

Da kann der Soldat nicht anders, er muß auf dieses Märchen aus verklungener Zeit zugehen Er schreitet an dem tiefen Stadtgraben entlang und schaut hinüber zu der hohen Mantelmauer, die sich noch immer schützend um die Stadt legt. Er sieht die Türme kommen und gehen. Kaum einer gleicht dem andern. Doch traut sind sie alle und heimelig.

Eine Brücke führt jetzt über den Graben. Ein Tor lockt den Soldaten, einzutreten in die Gebor­genheit der alten Stadt Er läßt die Ringstraße mit ihrem geschäftigen Leben hinter sich. Ein Gewimmel von Gassen tut sich vor ihm auf, win­kelig, klein und verträumt. Er läßt sich treiben von Laune und Zufall, wendet sich bald rechts, bald links und steht mit einem Male in einem wunderlichen kleinen Gäßchen. Rothahnengäß- chen heißt es. So plaudert das blaue Schild an der Ecke geschwätzig.

Soheu wie einer, der in eine verbotene Welt ein­dringt verhält der Soldat den Schritt Ein Haus

einer kleinen Gasse

Burkert

ragt vor ihm auf, stolz und hochgiebelig wie eine Burg, aber traulich doch mit seinen schiefgesun­kenen Wänden und seinen dunklen Fensteraugen. Eine Mundorgel blitzt auf. Leise und schüchtern schyeben alsbald die Töne hinab in die Gasse Seltsam greift es dem Soldaten ans Herz, dieses schlichte kleine Lied.

Da öffnet sich drunten die schwarze Tür und aus dem Dämmer des Hausflurs tritt ein kleines Mädchen hervor. Ein paar Herzschläge lang steht es und lauscht Dann nimmt der Zauber auch das Kind gefangen. Es hebt die magemen Aerm- chen und beginnt sich sacht im Zeitmaß der Melodie zu drehen. Ganz hingegeben ist es an den einsamen Tanz. Die grauen Augen beginnen zu glänzen und ein feines Rot fliegt über das bleiche Gesichtchen.

Doch was ist nun? Zwei schwarze Gestalten kommen die Gasse herauf, sonderbar wie aus einem Bilderbuch. Zwei Schlotfeger sind. es, Lehrlinge wohl noch. Sie fassen die kleinen Lei-

Der hartnäckig«

Von Alaxai

Herr Araeiro, ein Detektiv in Lisboa , genoß den Ruf, sehr hartnäckig zu sein. Die Verbrecher fürchteten ihn. Sie behaupteten, wen Herr Ar- neiro einmal verfolge, den stelle er auch. Tat­sächlich brachte er auch einige der waghalsigsten Verbrecher zur Strecke. Seine junge Frau ver­götterte ihn. Sie behauptete, er wäre der beste und angenehmste Mann.

„Wenn du noch einen Fall gut erledigst, wirst du Inspektor,“ sagte sie. „Dann können wir auf Urlaub fahren.“

„Wenn!“ entgegnete Araeiro. Er hatte bisher Glück gehabt und hielt nichts von seinen Fähig­keiten.

Der Polizeipräfekt von Lisboa ließ Herrn Araeiro rufen. „Wir haben ein anonymes Schreiben be­kommen,“ sagte er, nach welchem ein gewisser Trujouce einen Einbruch in die Bank von Cam- polide plant.“

„Es kann sich nur um Manuel Trujouce han­deln,“ entgegnete Herr Araeiro.

„Seine Spezialität sind Bankeinbrüche — leider ist er sehr flink — wenn auch ungefährlich. Er schießt nicht.“

tarn fester und setzen die Füße leicht, fast spie­lerisch auf das Pflaster. Es ist, als fühlten sie, der Hall ihrer Schritte, dürfe das kleine Lied nicht stören. Mit einem Male fangen a wf leise an zu pfeifen im Einklang mit dem jungen Spielmann dort oben.

Der hält einen Augenblick inne, wie um Atem zu schöpfen. Aber dann setzt er das kleine In­strument wieder an die Lippen. Ein Mädchen kommt des Weges daher, schmal und zart Ganz versunken ist sie, ganz erfüllt von dem Lauschen. Sie schrickt ein wenig zusammen, als sie die Lider hebt und sich einem Soldaten gegenüber­sieht, der wie verloren an der Mauer lehnt. Doch sie tut einen Blick in sein stilles Gesicht und sagt dann leise wie aus ihren Gedanken heraus: „Es will Frühling werden. Man kann es schon spüren hier in der kleinen Gasse“.

Der Soldat sieht den warmen sehnsüchtigen Glanz in ihren Augen nicht und spricht: „Ja, Frühling!“ und ein tiefes Freuen durchrieselt ihn. Leise verhallen die Schritte des Mädchens, als er sich von der Hauswand löst und der Stadtmauer zustrebt. Unter dem Tore bleibt er noch einmal stehen, lauscht zurück in die Stille und spricht bei sich: „Wenn meine Zeit in der Heimat um ist, will ich gerne wieder Wache stehen im Osten, damit in euren Gassen der Friede webt“, (g)

5 Herr Arneiro

der Keller

„Umso besser,“ sagte der Polizeipräfekt. „Ge­hen Sie der Sache nach. Wenn Sie Trujouce fassen, will ich an Sie denken.“

Herr Arneiro begann die Bank von Campolide zu überwachen. Am dritten Abend — Trujouce war bekannt, daß er nur am Abend, niemals in der Nacht arbeitete — sah er einen Mann aus der Bank klettern. Er rannte auf ihn zu und befahl ihm stehen zu bleiben. Der Einbrecher flüchtete und verschwand wie ein Schatten in der Dunkel­heit.

Um zehn Uhr am Abend lieferte Herr Araeiro den Einbrecher Trujouce im Polizeigefängnis ab. Er brachte gleichzeitig die der Bank geraubten sechzigtausend Reals mit.

Bei der Verhandlung gegen Trujouce saß auch Frau Arneiro im Zuhörerraum. Trujouce gab den Einbruch zu.

„Ich verschaffte mir die Schlüssel zur Eingangs­tür und öffnete mit einem elektrischen Bohrer die Kasse. Alles ging gut Als ich aus dem Fenster stieg, rief mich Herr Arneiro an. Ich wußte, daß ich die Partie verspielt hatte.“

Jörg kommf auf Urlaub / von irmgard s P

renger

Anne öffnete das Fenster weit, dann trat sie an den Schreibtisch zurück. Kühle Vorfrühlingslüft drang aus der Dämmerung ins Zimmer. Das Mäd- dien beugte sich zu dem Kätzdienstrauch nieder und spürte den zarten Duft, der sich mit dem herben Geruch frisch aufgebrochener Erde mischte.

Ein Windhauch strich durch das Fenster und ließ die hängenden Kätzchen hin und her schwingen; eine Wolke fernen schwefelgelben Staubes löste sich und breitete sich um den Fuß der Vase auf der schwar­zen Schreibtischplatte aus.

.„Kätzchen vom Haselstrauch . . sagte Anne leise, — ein Lächeln legte sich um ihren blassen Mund. Jörg hatte ihr welche mitgebracht, vor einem Jahr, am letzten Abend vor seiner Abreise — Jörg würde morgen wieder dasein. Und während ihre Hand halb unbewußt ein zärtliches Jörg“ in den gelben Staub malte, verhärteten sich ihre Züge, Bit­terkeit trat in ihre Augen. Jörg kam, Jörg würde 14 Tage_ Zeit für sie haben — doch für sie würde jede gemeinsame Stunde Lüge bedeuten, würde Verstel­lung von ihr fordern, denn sie durfte ihm nicht zei­gen, wie sehr ihr'Herz ihm gehörte. Jener Brief eines gemeinsamen Freundes, den sie damals kurz nach Jörgs Abfahrt erhielt, hatte das, was sie schon selbst dumpf empfunden und gefürchtet hatte, ganz klar in ihr werden lassen: sie durfte Jörg nicht an sich binden, die Liebe' einer Frau würde ihn seinem Be­ruf entziehen, und Jörg sollte .ganz ausschließlich Arzt und Forscher sein können.

Anne hatte Pausen ein treten lassen zwischen ihren Briefen. Jörg hatte sie zur Ruhe gestellt, sie hatte geantwortet, sie könne ihm nicht mehr „Ann" sein — sondern nur Anne wie für die anderen, sie könne ihm den Grund nicht sagen, er möge nicht in sie dringen deswegen — es wäre besser so — für sie beide. Und Jörg, der Ernste, hatte ihre Bitte erfüllt,

er hatte nicht weiter gefragt — sie liebte ihn nur noch mehr darum.

Sie hatten gute, kameradschaftliche Briefe gewech­selt, und jeder Brief war für Anne eine Prüfung, und manche angedeutete scheue Zärtlichkeit in Jörgs Briefen bedeutete eine Qual für sie.

Annes Blich glitt aus dem Fenster, der letzte ro­sige Schimmer am Horizont war verblichen. Sie seufzte auf . . . würde sie die Kraft haben, auch in diesen 14 Tagen der Versuchung zu widerstehen, ein­mal, wenigstens einmal wieder „Ann“ zu sein? —

Sie hängte sich ihren Mantel um und machte einen Gang durch die stillen, dunklen Vorstadtstraßen. Und Annes junges Herz war erfüllt von Zweifeln.

Finsternis lag in ihrem Zimmer, als sie heimkehrte. Sie schaltete die Lampe ein — das weiche gelbe Licht ergoß sich über den Schreibtisch, über den Kätzchen­strauß — Annes Blick wurde groß. Dort stand unter dem von ihr in den gelben Staub geschriebenen „Jörg“ ein anderes Wort — „Ann" — es war Jörgs Handschrift! Anne erinnerte sich nun, daß man ihr bei ihrer Rückkehr etwas von einem-Besucher gesagt hatte, der inzwischen dagewesen sei. Sie hatte nicht darauf hingehört.

Das Mädchen trat an das offene Fenster — Trä­nen rannen über ihr Gesicht. Jörg war gekommen, unerwartet, früher, als man annehmen konnte. Jörg hatte aus jenem einen Wort auf dem Schreibtisch das erkannt, was sie ihm die ganze Zeit verschwiegen hatte. Jörg wußte um die Schmerzen dieser langen Monate und forderte sie zurück, als seine Ann.

Die Verkrampftheit und die Qual wichen von Anne. Sie wandte sich vom Fenster ab — ein neuer Windstoß hatte, die lockeren Kätzchen berührt, und zarter gelber Hauch hüllte die beiden Namen auf dem Schreibtisch gemeinsam ein.

„Wieso?“ fragte der Vorsitzende.

„Weil Herr Arneiro der hartnäckigste Detektiv ist Wen er einmal verfolgt, der kann ihm nicht entgehen.“

„Das müssen Sie mir erklären,“ sagte der Vor­sitzende „Was taten Sie, als Sie angerufen wur­den?“

„Ich flüchtete,“ entgegnete Trujouce. „Ich habe den Ruf, der flinkste Mann Lisboas zu sein. Ich rannte zuerst zur Station Campolide, wo ich einem ausfahrenden Zug begegnete. Ohne zu zögern, sprang ich auf und kam auf dem Bahnhof do Sodre am Hafen Von dort fuhr ich mit der Straßenbahn nach Ato do Pina, am anderen Ende der Stadt, und fuhr mit einem Taxameter nach Cruz da Pedra. Niemand folgte mir. In einem zweiten Taxameter fuhr ich nach Rego und von dort auf dem schnellsten Wege nach Campolide zu­rück. Man ist am sichersten dort, wo man den Einbruch begangen hat. In Campolide sprang ich auf einen fahrenden Straßenbahnwagen, um zum Zentrum zu gelangen — als mich Herr Arneiro, der auf der Plattform stand, verhaftete. Wie er hinkam, ist mir ein Rätsel.“

Ein Murmeln der Bewunderung stieg auf dem Zuhörerraum.

Arneiro empfing im Gerichtsgebäude vom Prä­ fekten die Botschaft, daß er zum Inspektor beför­dert wäre. Er ging mit seiner jungen Frau nach Hause. „Du bist ein Zauberer,“ sagte Frau Ar­neiro bewundernd. „Wie konntest du dem Ein­brecher so rasch folgen?“

„Ich habe in Campolide, als ich Trujouce an­rief, das Päckchen mit den Seidenstrümpfen, die ich dir bringen wollte, verloren,“ entgegnete Herr Arneiro. „Ehe ich es fand, verging mehr als eine Stunde. Dann bestieg ich einen Straßenbahn­wagen, um nach Hause zu fahren, als Trujouce einstieg. Wo er unterdessen war, weiß ich nicht“ (g.)

An einen Grei«

von Marie Maier

Weit ist der Weg, den du gegangen,

Und viele sind der Schritte; die dein Fuß gemacht* Und ob das Leben dir auch weinte, ob’s gelacht* Mit starken Armen hast du es umfangen.

Du hast den Acker, den dir Gott gegeben, Gepflügt und durftest ernten, als es Zeit Nun ist es still, doch dich umschweben Die trauten Freunde der Vergangenheit.

Sie laden dich zu frohen Wanderfahrten Wie einst, hin über Berg und Tal,

Zur Rast in einem stillen Garten,

Drin klingt das Lied: Es war einmal.

Du siehst das Haus von ferne glänzen,

Das du in hohem Streben dir erbaut

Und waren weit auch deines Zieles Grenzen,

Beglückt hast die Erfüllung du geschaut

Nun steht der Abendstern ob deinem Leben,

Und still vollendet sich der Tage Kreis.

Was Gott dir gab,magst du getrost ihm wieder geben. Und Ewigkeit zu ahnen, sei dein Preis.

Vermiscbfe Nachridifen

Helles Nordlicht in Stockholm

Die ungewöhnlichen Werterverhältnisse, die schon seit vielen Wochen in ganz Schweden herrschen und ihren Ausdruck vor allem in äußerst heftigen Stür­men und hoher Temperatur fanden, gipfelten in einer der letzten Nächte in einer außerordentlich hellen Nordlichterscheinung, wie man sie in Stock­ holm seit langer Zeit nicht mehr beobachten könnt«. Im Laufe der ersten Nachthälfte verbreitete sich das weiße Licht vom nördlichen Horizont bis zum Zenith hin und tauchte die Landschaft in ein selt­sames gespenstisches Licht. In wissenschaftlichen Kreisen bringt man das Nordlicht in Zusammenhang mit einer besonders starken Anhäufung von Sonnen­flecken.

Mutterliebe einer Katze

Von der Mutterlebe einer Katze erzählt man sldh in Hangelar eine hübsche Geschichte. Ein Land­wirt hatte ein Katzenpärchen 14 Tage nach der Ge­burt von der Mutter getrennt und die Tierchen an einen Bekannten im Nachbarort verschenkt. Von der Stunde an lief die Katzenmutter, ununterbrochen Klagelaute ausstoßend, durch das ganze Haus und die Stallungen. Plötzlich war sie verschwunden. Nach einigen Tagen tauchte sie wieder auf und mit ihr di« beiden Kinder. Die Katze hatte wohl das Pärchen im Nachbarort ausfindig gemacht und dann heimge­führt.

fileföet für Den Beruf geändert

tLür viele Frauen, die bisher nie ton Berufsleben standen Uunb nun für irgendeine Aufgabe herangezogen worden sind, ist es wichtig, daß sie iich einen kleinen „Stamm" prad> lischer Berufskleider zulegen. Daß dabei nur von Boe- iandenem ausgegangen werden kann, ist heute natürlich unvermeidlich. Aber «it cheschicklichkeii und Über­legung und auch etwas Be­fühl für stilgerechte Zu­sammenstellung muß e» eigentlich immer gelingen. Bi» man sich au» vorhan­denen alten Bachen s« eine steine „Hu»» {teuer" geschaffen hat, trügt «an zweck- müßigerweise etwa» mbglichft Einfaches ein sportlich gehalte­ne» -leid oder einen schlichten Rock mit neu­tralem Blürchen »der einem Pullover.

Den alten Kleidern, die man stch umzuar- ieiten gedenkt, gibt man ebenfalls eine recht sport­liche Note. Die ttägerrock- artige Form de» Kleide» K 9488 ist immer sehr vor­teilhaft, und selbst ein ge­zogener Rock »ertrügt stch* Zdebnung: Ultra-Schnitt (Döring) wie man an der anderen Abbildung steht, recht gut mit den strengen Revers eine» spenzerartigen Oberteil». Für Passe und Ärmel wurde hier abstechende» Material verwendet.

Mw» Modell

Lttra-Modell

K 9488

K 9489

Lee Vogl oon Uppentnooe

Roman von Willy Harms / Copyright by Prometheus Verlag Dr. Eidudcer. Gröbenzell bei München

22. Fortsetzung

„Antwort* lauter, damit alle es hören!"

„Nein.“

„Weißt du, daß du gelogen hast?“

Rohloff blickte sich scheu um, als suche er Hilfe bei anderen.

„Ob du weißt, daß du gelogen hast?“

„Ja, Vogt“

„Ein freches Spiel hast du mit meinem Amt getrieben. Mitkommen!“

Als Georg Rohloff sich nicht rührte, sondern eine störrische Miene aufselzte, verlor der Vog> kein Wort mehr. Er griff ihn in den Nacken und schob ihn vor sich her über den Platz. Alle hiel­ten den Atem an. Was mochte werden?“

Vor dem Schandpfahl ließ der Vogt den Ge- ängsligten los.

„Hoch den Kopf! Sieh dir den Pranger an und laß dich warnen! Du bist kein Kerl danach, der imstande wäre, mein Werk zu gefährden. Mit dir werde ich noch fertig. Und nun geh an deine Arbeit!“

„Ich werde ihn im Auge behalten müssen“, sagte der Vogt abends zu seiner Frau, als er mit ihr über Aecker und Felder ging. Das war sein liebster Gang, sehen, wie die Aehren sich zur Erde neigten, wie der Wind in Wclien über sie dabinlief.

Am Haferfeld stand Achim Suhrbier und prüfte die Rispen.

„Alles in allem können wir wohl zufrieden sein“, mein e Dietmar fragend.

„Die Felder haben keine Forke voll Dung ge­kriegt. Wenn man das bedenkt, haben wir keine

Ursache, um über den Ertrag zu beklagen. Jeden­falls können wir ohne Sorge in den Winter hinein­gehen.“

„Und wie kriegen wir Brot?“, fragte Hedwig. „Habt ihr schon daran gedacht, daß wir keine Mühle haben?“

Ihr Mann antwortete: „Frag* Achim Suhrbier, ob wir daran gedacht haben. Wir haben sogar erwogen, aus Rittershagen die Mühlsteine der ab­gebrannten Mühle zu holen.“

„Und warum tut ihr’s nicht?“

„Wir kämen mit den Steinen nur schwer über den Damm, könnten bei dem langwierigen Trans­port überrascht werden. Mindestens müßte alles, was Bohnsack und Rodendank in mühseliger Ar­beit zu unserer Sicherheit aufgebaut haben, nieder­gerissen werden. Aber das wäre zu ersetzen und ist darum nicht entscheidend —“

Eine Frage blieb hängen, als der Vogt schwieg und im Weitergehen die Kornähren durch die Fin­ger gleiten ließ. Suhrbier, der erste Viertelsmann, griff die Frage auf.

„Hier in Uppenmoor eine Windmühle aufzustel­len, würden wir schon fertig kriegen. Steffen Pape ist ein Allerweltskerl und scheut vor der schwierigsten Arbeit nicht zurück. Aber jetzt hül­len uns Kiefern und Birken von allen Seiten ein: das Land ist zu flach, als daß jemand aus der Ferne- etwas von uns und unserer Arbeit sehen könnte. Doch das wäre anders, wenn Windmüh­lenflügel über die Bäume ragen."

Dietmar zog den Schlußstrich.

„Drehende Windmühlenflügel ziehen das Raub­zeug der Straße an wie das Licht die Motten. Keinen Tag wären wir. mehr sicher. Wir sind darum übereingekommen, auf die Mühle zu ver­zichten. Auch eine Wassermühle läßt sich nir­gendwo anbringen. Es muß eben so gehen.“

„Wir werden es trotzdem schaffen", meinte Hedwig. Schließlich kann man die Roggenkörner

auch kochen, und ein Kornbrei muß das Brot er­setzen.“

„Das wird nicht nötig sein,“ erwiderte ihr Mann, und ein Zug unbändiger Willenskraft - lag um seinen Mund. „Auf irgendeine Weise werden wir die Körner zerkleinern, zerquetschen, zersto­ßen, zerreißen. Und dann werden wir auch Brot backen können. Freilich wird es sehr grob sein, doch das stärkt die Zähne.“

Sie schleuderten weiter durch den langsam ver­sinkenden Abend. Frau Hedwig horchte auf das Zirpen der Grillen, auf das Quaken der Frösche In der Hand trug sie einen Strauß Heckenrosen. „Wißt ihr auch, daß heute ein kleiner Festtag ist?“, fragte sie.

Die Männer wußten nicht, worauf sie anspielte.

„Vor einem Vierteljahr sind wir nach Uppen­moor gekommen. Daher der Heckenrosenstrauß“

Dieter antwortete nicht. Für das Feetefeiern fehlte ihm das Organ.

Suhrbier ging auf Frau Hedwigs Worte ein und legte dem Vogt die Hand auf die Schulter. „Du hast dein Wort geaalten. Es hat niemand gehungert, obwohl wir mit knappen Vorräten nach Uppenmoor gekommen sind. Und vom Krieg haben wir auch nichts gesehen und gehört.“

„Wer hat die Wache?“

Das war die Antwort des Vogtes auf die Aner­kennung des ersten Viertelsmannes.

„Rodendank.“

„Dann können wir ruhig «chlafen heute nacht.“

An einem Tümpel kamen sie vorbei. Suhrbier blieb stehen und stocherte mit dem Eichenstock im Boden herum.

„Was hast du, Suhrbier? Willst du einen Schatz suchen?“, fragte Dietmar scherzend.

„Mir scheint«, als hätte ich eben wirklich einen Schatz gefunden. Guter Lehmboden ist hier. Ton wäre noch besser, aber Lehm genügt"

„Wozu?“

„Nun können wir Backöfen bauen Wir formen Kluten und lassen sie trocknen. Neben Brot be­reiten wir uns nun Dörrobst“

Der Vogt bückte sich, nahm Lehm in die Hand und zerquetschte ihn.

„Eine gute Entdeckung hast du gemacht, Suhr­bier. Ich bin froh. Nun können wir auch die herausgefallenen Tafeln in den Wänden der Ställe und Scheunen wieder ersetzen. Von einem Fest­tag hast du eben gesagt, Hedwig. Der Lehmfund macht den heutigen Tag zu einem wirklichen Fest.“

Mit räumigen Schritten ging der Vogt weiter, daß Suhrbier und Hedwig ihm kaum zu folgen vermochten. Ein zuversichtliches Leuchten-war in seinem Blick. Die dumme Sache mit Rohloff hatte er vergessen.

Aber er wurde daran erinnert Vierzehn Tage später war niemand in Uppenmoor, der Rohloffs wegen nicht mit flackernden Gedanken zur Arbeit gegangen wäre.

Es war in der Roggenernte Bohnsack war auf Wache, und der Vogt hatte bestimmt, daß Jochen Abel und Fieken Jalaß und Rohloff ein Roggen­stück von Bohnsack bearbeiten sollten.

Fieken Jalaß mußte das gemähte Korn zu Gar­ben binden. Das konnte sie trotz ihrem Kopf­schaden. Die Handgriffe hatte ihr das Unglück mit den Kaiserlichen nicht nehmen können.

Joohem Abel, der mit seinem weißen Haar aus­sah wie ein Siebziger und der zeitlebens auch mehr den Schusterhammer als die Sense gehand- habt hatte, war der Meinung gewesen, daß der jüngere Rohloff das Mähen übernehmen sollte. Doch dieser hatte erklärt, daß er die Garben Zu­sammentragen und aufhocken wolle; das ewige Bücken beim Mähen könne er im Rücken nicht aushalten. Da hatte Jochen nachgegeben und nach der Sense gegriffen. (Fortsetzung folgt)