Donnerstag, 28. August 1959

IODKURIIB

Nr. 138 / Seite 4

Dollarhilfe für Umsiedlung?

Sonne-Plan sah 7 Milliarden vor — Lasten aasgleich als Grundlage für Anleihe

Wiesbaden . (th.-Eigenbericht.) Der Gedanke, die Eingliederung der Heimat­vertriebenen und Flüchtlinge in die deutsche Gemeinschaft mit Hilfe einer amerikanischen Anleihe zu beschleimigen, ist bereits vor zwei Jahren im sogenann­ten „Sonne-Plan“, dem Bericht einer ame­ rikanischen Studienkommission unter dem Vorsitz des amerikanischen Bankiers H. Chr. Sonne, empfohlen worden. Er schei­terte damals aber daran, daß der amerika­ nische Kapitalmarkt unter dem Drude der Korea -Krise nicht gewillt war, eine solche Anleihe in der im Sonneplan empfohlenen Höhe von 7 Milliarden DM zu geben. Die damaligen Schwierigkeiten auf dem ame­ rikanischen Kapitalmarkt dürften jetzt als überwunden anzusehen sein, so daß zur Zeit gewisse Chancen bestehen, aus USA eine derartige Anleihe zu bekommen. Eine Reise Minister Lukascheks nach USA , die u. a. auch zur Prüfung dieser Frage ge­plant ist, könnte also vielleicht zu einem Erfolg führen — eine Meinung, die der Bundeskommissar für Umsiedlung, Dr. Nahm, Wiesbaden , dem Berichterstatter gegenüber vertrat.

Inzwischen sind in Deutschland selbst erhebliche Fortschritte im Umsiedlungs­werk aus eigener Kraft gemacht worden. Der vom Bundestag beschlossene Zeitplan für die einzelnen Etappen der Umsied­lung, bei dem es im Jahre 1951 bekannt­lich erhebliche Rückstände gab, ist jetzt nicht nur innegehalten worden, sondern einzelne Länder, besonders Nordrhein- Westfalen , sind den darin gesetzten Fri­

sten sogar um einige Wochen voraus.

Die finanzielle Grundlage für eine An­leihe ist jetzt mit der Verkündung des Lastenausgleichsgesetzes gegeben. Auf die­ses ist auch im Sonneplan im Hinblick auf die künftige Tilgung einer solchen Anleihe bereits hingewiesen worden. Die Bedeu­tung eines Zusammenwirkens zwischen Lastenausgleich und Anleihe läge darin, daß das Lastenausgleichsgesetz über sehr lange Fristen läuft, daß aber diejenigen, die sich eine neue Existenz aufbauen wol­len, in der Regel rasch eine größere Summe benötigen und das kann nur mit Hilfe einer Vorfinanzierung bewerkstelligt werden. Eine Anleihe würde die Vorfinan­zierung wesentlich voranbringen. Für die Frage ihrer Tilgung ist darauf hinzuwei­

ten, daß nach etwa 10 bis 15 Jahren durch die ständige Verminderung des Kreises der Rentenbezieher im Rahmen des La­ttenausgleichs Mittel frei werden, die zum Tügen der Anleihe verwendet werden könnten.

Postanweisungen nach USA

Frankfurt Vom 1. September 1952 an werden nach einer amtlichen Verlaut­barung nunmehr auch Postanweisungen nach denVereinigten Staaten von Amerika und ihren Besitzungen — mit Einschrän­kung — zugelassen. Die Einschränkung be­steht darin, daß durch Postanweisungen nach den USA und ihren Besitzungen zu­nächst nur Nebenkosten und Dienstleistun­gen des Warenverkehrs abgewickelt wer­den dürfen. Der Höchstbetrag für Post­anweisungen im Verkehr mit den Ver­ einigten Staaten und ihren Besitzungen ist auf 100 US -Dollar festgesetzt.

Ausstellungen und Messen

Köln . Von einer fahrbaren Badewanne über einen Thermometer-Löffel bis zum elektrischen Fliegenfänger zeigt die dritte Erfinder- und Neuheiten Ausstellung, die zum vergangenen Wochenende in Köln eröffnet wurde, insgesamt über 200 höchst originelle Erfindungen. Die Sitzbadewanne kann nach Gebrauch in ein Möbelstück verwandelt werden. Der Thermometer- löffel, der zur Erleichterung vielbeschäf­tigter Mütter für die Babies gedacht ist, zeigt jederzeit die Temperatur des Essens. Der elektrische Fliegenfänger lockt die Fliegen durch Duftmittel an einen für sie tödlichen Kontakt. Die Ausstellung, die

Schweizer Wirtscbaflsbrief

Textilindustrie hat Krise überwunden -

Z ü r i ch. (Dr. S.-Eigenbericht.) Bei an­haltend guter Beschäftigungslage in Indu­strie und Gewerbe nimmt die schweize­rische Textilindustrie insoweit eine Son­derstellung ein, als ihr Auftragsbestand seit fast Jahresfrist ständig zurückgegan­gen ist. Längere Zeit hindurch war es kaum möglich, die beträchtlichen Lagervorräte abzubauen, da der Absatz im Textileinzel­handel zu wünschen übrig ließ und Ein­fuhrbeschränkungen ausländischer Staaten (Frankreichs und der Länder des Sterling­blocks) sich spürbar auswirkten. Die be­reits vor mehreren Wochen eingetretene Wiederbelebung der amerikanischen Tex­tilmärkte gibt nun Anlaß zu einer optimi­stischen Beurteilung der weiteren Ent­wicklung, zumal auch in der Schweiz An­zeichen dafür vorliegen, daß der Tiefpunkt der Krise überwunden ist. Obwohl die Umsätze bei Baumwollgarnen und -gewe- ben, bei Seiden- und Kunstseidenstoffen, Wirk- und Strickwaren im zweiten Vier­teljahr 1952 noch beträchtlich unter den vorjährigen Vergleichsziffern liegen, ist doch ein leichter Tendenzumschwung fest­zustellen.

Zu den Absatzmärkten, die die beson­dere Aufmerksamkeit der schweizerischen Textilindustrie beanspruchen, gehört auch die westdeutsche Bundesrepublik, die im vergangenen Frühjahr einer Neuregelung des Einfuhrverfahrens zustimmte, wonach die Verwaltung der von Westdeutsch­ land eingeführten Textilkontingente durch schweizerische Stellen erfolgt. Erst nach dieser Vorlizenzierung der beantragten Im­porte werden diese von den deutschen Be­hörden zur Einfuhr freigegeben und mit den benötigten Devisen honoriert. Das Abkommen läuft nun Ende August ab und es wird augenblicklich darüber verhan­delt, ob die Vereinbarung in der vorliegen­den Form verlängert werden kann. Von deutscher Seite wird zwar anerkannt, daß das Verfahren von der Schweiz zufrieden­stellend gehandhabt worden ist. Man äu­ßert jedoch auph Bedenken gegen eine Re­gelung, die die Verwendung deutscher De-

Wird ^bkommen mit Bonn verlängert?

Visenbeträge praktisch in Schweizer Hände lege und den deutschen Einfluß auf die Aufträge im Rahmen des Kontingentes unterbinde. Einige Länder hätten außer­dem die Einführung des gleichen Systems verlangt. Einem solchen Begehren ist die Bundesrepublik jedoch nicht bereit zuzu­stimmen. Andererseits macht die schwei­zerische Textilindustrie auf die günstigen Erfahrungen aus dieser Regelung auf­merksam, durch das die Zersplitterung der Abschlüsse und die Fortsetzung des frü­heren, allzusehr bürokratischen Verfah­rens vermieden werden konnte.

In diesem Zusammenhang ist auch der schweizerisch-deutsche Textilveredlungs­vertrag erwähnenswert, der bereits seit dem 1. Juli d. J. angewendet wird, wenn er auch noch der Zustimmung des Bundes­tages bedarf. Nach diesem Vertrag können Seiden- und Kunstseidengarne nach der Veredlung in der Schweiz bis zu einem Höchstbetrag von 170 v. H. der nach dem Zollwert berechneten Einfuhr im Jahre 1951, bei Gewebe aus Seide, Kunstseide, Zellwolle oder Baumwolle bis zu 140 v. H., bei Tüllen und Gewirken inländischer Er­zeugung aus Kunstseide oder Baumwolle bis zu 300 v. H. frei in das deutsche Zoll­gebiet eingeführt werden. Von deutscher Seite wird das Abkommen damit begrün­det, daß die Aufträge, die in die Schweiz vergeben werden, sich entsprechend dem hohen Stand der schweizerischen Textil­veredlungsindustrie auf technisch beson­ders schwierige und in Deutschland z. Zt. noch nicht durchführbare Veredlungsvor­gänge erstrecken und durch bestimmte Veredlungsarbeiten eine modische Befruch­tung der deutschen Industrie erreicht werde, die auch dem deutschen Export zu­gute komme. Es ist damit zu rechnen, daß das deutsche Zugeständnis für Gewirke aus Kunstseide oder Zellwolle auf Ende Dezember d. J. zurückgezogen wird. Die deutsche Textilindustrie glaubt, hier auf den Veredlungsverkehr mit der Schweiz in absehbarer Zeit verzichten zu können.

unentdeckten Erfindern Gelegenheit geben will, ihre Konstruktionen der Öffentlich­keit vorzustellen, dauert bis nächsten Sonntag.

Innsbruck . Auf der 20. Innsbrucker Export- und Mustermesse, die bis Ende des Monats geöffnet ist, nehmen bei einer Gesamtausstellerzahl von 1050 unter den 546 nichtösterreichischen 280 deutsche Fir­men teil. Besonders bemerkenswert ist das große technische Angebot der Messe, das von Maschinen für den Bergbau über Fahrzeuge bis zu Haushaltmaschinen reicht. Das Messekontingent der Bundes­republik beträgt 806 400 DM.

Saarbrücken . Zum Wochenende wurde in Saarbrücken die 2. Saarländische Handwerksmesse in Verbindung mit einer Erflnderschau eröffnet. An dieser Ausstel­lung beteiligen sich 52 saarländische Hand­werksberufe, die Handwerkskammern von Kaiserslautern und Trier , die Meister­schule Kaiserslautern und die Bäckerfach­schule Weinheim .

Stockholm . Die St.-Eriks-Messe in Stockholm , die zum Wochenende eröffnet wurde und bis 17. September dauert, hat in diesem Jahr mit 2000 Ausstellern eine Rekordbeteiligung aufzuweisen. Firmen aus 24 Ländern zeigen einen Querschnitt ihrer Produktion. Größter Aussteller ist die Deutsche Bundesrepublik , die 1680 qm Ausstellungsfläche belegt hat. Auch die so­wjetische Besatzungszone Deutschlands ist mit einer Kollektivausstellung vertreten.

Izmir . Auch auf der diesjährigen In­ternationalen Messe in Izmir (Türkei ) ist die deutsche Beteiligung wieder beachtlich: rund 200 Aussteller auf einer Fläche von 4000 qm.

Ravensburg -Tettnanger Obstmarki

Ravensburg . Versteigerung am 27. August: Kirchwerder A 15—20, Biesterfeider Reinnette 15—18, Grafensteiner A 19—21, B 11—12, Kar­dinal A 9,50—12, B 7 , Oberland A 14—16, B 7 bis 9, Jubiläumsapfel A 10, B 7; Gurken 7—8: Birnen: Williams Christ A 20—25, Kongreßbirne A 17—18 , B 12, Clapps Liebling 22—25, Lokale Sorten A 10—15, B 7—11.

Vieh- und Schweinemärkte

Tettnang . Auf dem Viehmarkt vom 26. Au­gust wurden angeführt: 25 Ferkel. Davon wurden 18 Stüde verkauft, Stückpreis 40—55 DM.

Donaueschingen . Zum Vieh- und Sdiweinemarkt am 27. August waren 1172 Milch­schweine und 29 Läufer sowie 107 Stüde Groß­vieh und 57 Rinder aufgetrieben. 60 Prozent der Schweine wurden abgesetzt. Die Preise für Ferkel 50—70 DM pro Paar, für Läufer 100 bis 120 DM je 80 Pfund: für Großvieh 80—90 DM je Zentner. Bei Großvieh betrug der Absatz nur 30 Prozent.

F r e 1 b u r g. Am 25. 8. wurden aufgetrieben 146 Rinder, 183 Kälber, 389 Schweine, 57 Schafe. Die Preise in DM betrugen je 50 kg Lebend­gewicht für Ochsen 68—103, Bullen 82—101, Kühe 48—93, Färsen 75—107, Kälber 100—145, Schweine 120—140, Schafe 80—85.

Sporidienst des Südkurier

Heinz Müller von einem Blumenmeer umgeben

Der Empfang des Berufs-Straßenfahrer- Weltmeisters in Schwenningen ein Triumph

(H. D.-Eigenberidit). Schwenningen , die Sport- m-etropole am Neckarquell, die allein in den ver­gangenen acht Monaten des Jahres 1952 last ein Dutzend württembergische und zwei deutsche Meister hervorbrachte, feierte, wie schon kurz berichtet, am Dienstagabend mit dem Empfang des neuen Straßen-Weltmeisters Heinz Müller den stolzesten Tag in seiner Sportgeschichte. Die Freude der Schwenninger war noch herzlicher als vor einigen Wochen beim Empfang des deutschen Amateur-Fußballmeisters VfR , den man in seiner Art schon für unübertrefflich halten mußte.

Am Bahnhof bildeten Radsportler Spalier, durch welches Heinz Müller im neuen Weltmeister- Trikot auf den Schultern sportbegeisteter Schwen­ninger vor das Bahnhofsgebäude getragen wurde, wo ihm tosender Beifall entgegenschlug. Die Fahrt zum Marktplatz, wo der offizielle Empfang stattfand, wurde durch ein weit ü'beT 10 OOOköpfi- ges Menschenspalier zu einer Triumphfahrt ohne­gleichen. Im roten Porsche der „Bauers-Werke, in welchem er zusammen mit seinem Stallkame­raden Karl. Weimer (Stuttgart ) Platz genommen hatte, wurde er mit Blumen und Jubel über­schüttet Auf dem Marktplatz begrüßte in Ver­tretung des Oberbürgermeisters der erste Beige­ordnete des Gemeinderats, Stadtrat Erhard Schremk, den Weltmeister und nannte diesep Erfolg die Krönung des für Schwenningen schön jetzt so erfolgreichen Sportjahres 1952, das mit goldenen Lettern in die Geschichte geschrieben werden müßte.

Im Beethoven-Saal, der festlich geschmückt war und nur einen kleinen Teil der Sportfreunde fassen konnte, wurden Heinz Müller herzliche Ehrungen zuteil. Neben den vielen Abordnungen der Schwenninger Vereine, des Stadtverbandes für Leibesübungen, der elf Sportvereine mit über 4000 Mitgliedern umfaßt, waren auch der Vater der Deutschlandfahrt, Hermann Sduwartz (Sdrweln- furt), der Juniorchef der „Bauer"-Werke, Kleinau­heim, Mitglieder des GemeindeTats, deT Vor­sitzende des Radsportverbandes Südwürttemberg- Hohenzollem, Karl Bögle (Schwenningen ), sowie Karl Weimer (Stuttgart ) und Karl Altenburger (Jestetten ), deT besondere Freund und Förderer

Heinz Müllers, zugegen. Ein bunter Kranz von Ansprachen würdigte Heinz Müller als Welt­meister und als Mensch und alle gipfelten sie in dem Wlunsch, daß Heinz Müller weiterhin den deutschen Radsport würdig vertreten möge. Blu­men über Blumen wurden überreicht und viele Geschenke als Anerkennung übergeben.

Der erste Vorsitzende des Stadtverbandes für Leibesübungen, Werner Lraber, richtete an Her­mann Schwartz, den Organisator der Deutschland - Rundfahrten, die Bitte, Schwenningen im näch­sten Jahr, wenn auch nicht zum Etappenziel der Deutschland -Fahrt, so doch wenigstens zum Durchfahrtsort zu machen) Schwartz gab sofort sfeine Zustimmung.

Heinz Müller, sichtlich gerührt von der über­wältigenden Ehrung, dankte für den Empfang und versprach, auch künftighin den deutschen Rad­sport im In- und Ausland nach besten Kräften zu vertreten.

Lohmann im Weltnueisterschafts-Endlauf Titelkämpf© au! der Bahn in Paris

Di© Bahnwettbewerbe der Radweltmeister­schaften 1952 begannen auf der Pariser Prinzen­parkbahn mit den Vorläufen des Amateur-Ver­folgungsfahrens über 4000 Meter. Deutschlands Vertreter, der Berliner Hans Schliebener, gewann seinen Lauf in 5:33,2 Minuten gegen den Luxem­burger Fernand Dichter. In den Achtelfinalläufen setzte sich der Berliner Hans Schliebener gegen den Südafrikaner D. Kayser durch.

An Stelle der ursprünglich vorgesehenen drei Stehervorläufe wurden nur zwei ausgefahren. Im ersten Vollauf startete der deutsche Meister Wal­ ter Lohmann gegen acht Konkurrenten. Er be­hauptete diese Position gegen wiederholte An­griffe und wies den Titelverteidiger Jan de Pronk (Holland ) mehrere Male ab. Der zunächst gut im Rennen liegende zweite deutsche Teilnehmer, Gustav Kilian (Dortmund ), wurde gegen Schluß des Rennens von den dauernden Positionskämp­fen zermürbt und kam nur auf den siebenten Platz. Die drei Ersten qualifizierten sich bereits füT den Endlauf am Sonntag.

Deutsehlandriege turnt am Samstag in lieberlingen

Wenn am kommenden Samstagabend in Uber­lingen die besten Kunsttumer Deutschlands sich zu einem in unserer Gegend einmaligen Schau­turnen stellen, wissen wir, daß sie damit eine besondere Verpflichtung auf sich genommen haben. Sie wollen ihren Ruf, daß Deutschland immer noch zu den besten Tumnationen der Weit gehört, unter Beweis stellen, finden sie doch noch immer ein weltweites Echo. Bekanntlich wurden sie zu Schauturnen nach Südamerika ein- geladen. In Rio de Janeiro , Sao Paulo , Porto Alegre , Buenos Aires , Santiago de Chile und Val­ paraiso soll geturnt werden.

Tag der Amateure in Iffezheim

„Cezanne “ gewinnt den Oos-Ausgieich bei der

(R. V.-Elgenbericht). Der zweite Renntag der Großen Baden-Badener Rennwoche hatte bei prächtigem Sommerwetter einen guten Besuch aufzuweisen. Im Hauptereignis des Tages, im Oos-Ausgleich, fehlten die ausländischen Ställe ebenso wie bei den anderen Rennen, denn sie haben ihre Trümpfe für die beiden letzten Renn­tage aufgehoben. Gestüt Rolandsburgs „Cezanne " mit Stacosta im Sattel gewann überlegen dieses wertvollste Rennen des zweiten Tages vor dem Erlenhofer „Imperator", auf dem Otto Schmidt im Sattel saß. Deutschlands MeisteTjockey, der nach einer 40jährigen Reitertätigkeit in Iffezheim zum letzten Male auf deutschen Bahnen reitet und dann in das Lager der Trainer Übertritt, ent­schädigte 6eine Anhänger im Sachsen-Weimar - Rennen mit einem prachtvollen Sieg auf Erlen- hofs „Oranien“.

Zwei Rennen für Amateure gaben diesem zweiten Renntag einen besonderen Reiz. Den Preis von Gaggenau gewann Frau Krügers „Teu- felchen" unter W. Kästner sehr leicht vor„Pfälzer- wald" und „Altmeister" und brachte seinen An­hängern die schöne Einlaufwette von 3580 DM für 10 DM. Das Freiherr von Berchem-Erinns- rungsrennen war als internationales Amateur- Jagdrennen ebenfalls unseren Herrenreitern Vor­behalten. M. Schwertfeger gewann auf „Bonna Organda sehr sicher vor „Dandy".

Segel-Weltmeisterschaft der Starboote

31 Boote starteten am Dienstagmittag bei strah­lendem Sonnenschein und leichter See in Cascais, dem nördlichsten Punkt der Tejo-Mündung, zur ersten Wettfahrt der Segel-Weltmeisterschaft der Starbootklasse. Deutschland waT dabei durch Paka V (Fischer/Wunderlich-Hamburg ) und Pan-

dar III (Luetjenburg/Schlenzka-Kiel) vertreten. Olympiasieger Straulino (Italien ) steuerte seine Merope dabei zu einem knappen Siege vor dem USA -Boot Comanche und Dingo von den Bahamas . Paka V passierte als elfte die Ziellinie, während Pandax III an 23. Stelle endete.

Segelflieger in der Rhön

Unter dem Motto „Auf der Wassenkuppe wird wieder geflogen" wurde das traditionelle FliegeT- treffen in der Rhön eine Demonstration für die endgültige Aufhebung des Flugverbots auf dem Segelfliegerberg, um das sich der Aero-Club seit langem Jiemüht. Unter Teilnahme tausender ehe­maliger aktiver Segelflieger weihte die Gesell­schaft zur Förderung des Segelfluges auf der Wasserkuppe ihre erste freigegebene Flugzeug­halle ein.

Richard Fuchs führt im Jugendschach

Auch aus der neunten Runde der deutschen Sdiach-JugendmeisiteTschaft, die in Sigmaringen ausgetragen wurde, ist Richard Fuchs (Sowjet­zone) unbesiegt hervongegangen. Er führt das Feld jetzt vor Wolfganq Uhlmann (Sowjetzone), der sich wieder auf den zweiten Platz vorschob, mit l 1 /* Punkten Vorsprung an.

Deutscher Schach an neunter Stelle

Nach den Spielen am Dienstag ergab sich in der Weltmeisterschaft im Mannschaftsschach, die zur Zeit in Helsinki ausgetragen wird, in der GruppeA folgender Stand: Jugoslawien 14Punkte, USA 13 1 /«, Ungarn 13, UdSSR 11, Tschechoslowa­ kei 10, Schweden 9, Argentinien 8 1 /*, Finnland (zwei ausstehende Partien) und Deutschland je 7 1 /* Punkte. Die USA gewannen ihre Partie ge­gen Deutschland 3:1.

In wenigen Zeilen

Gaston Reiff (Belgien ) lief in Paris über zwei englische Meilen (3218 m) mit 8:40,4 Min. einen neuen Weltrekord. Die alte Bestleistung hielt der Schwede Gunder Ha egg mit 8:42,8 Min.

Bei der Internationalen Kärntner Berge- und Seenfahrt, die über 448 km führt, kam der Inns­ brucker Ingenieur Helmut Retter auf einem Mer­ cedes 220 zum Sieg in der Gesamtwertung.

Der VfR Frankenthal muß wegen versuchter Bestechung in die nächste untere Spielklasse ab- steigen.

Die Deutsche Meisterin im Tennis, Frau Erika Vollmer (Hamburg ) rangiert in der Europa -Rang­liste an fünfter Stelle.

7 ck Uotc dick, SüzafotU

25) Roman von Vicki Baum

Herr Profet telefoniert Indessen mit sei­nem Freund Kramsch in Schaffenburg .

. . Tjawohl, kannst du rechnen damit, ich übernehme die übrigen Hypotheken, 38 000 Mark zuzüglich der fälligen Zinsen seit Mai, riskiere ich, jawohl, ich riskiere es. Der Weinberg war 200 Jahre in der Fa­milie Raitzold? Schön, dann wird er die nächsten 200 Jahre meiner Familie gehören, Fräulein, Fräulein, die Verbin­dung ist heute ganz schlecht.“

Ein napoleonischer Zug. Davor hat Herr von Raitzold Angst gehabt, mehr als vier Jahre lang. Dazu hat Herrn Profet der Mut gefehlt — bis heute. Plötzlich ist er in Schuß geraten und hat den Mut. Es ist wie bei einem Bergrutsch, Erst zittern nur, kaum merklich, die Baumwipfel, dann er­faßt es die Wurzeln, dann gleitet der ganze Boden rasend davon. Lohwinckel glitt; Lohwinckel war in Bewegung ge­raten.

Wo ist Müller mit dem Auto? Müller ist da, das Auto nicht. Das Auto ist nicht ih Ordnung, tut Müller verbissen kund, etwas mit der Kardanwelle, langwierig* Ge­schichte, man muß auf Ersatzteüe warten.

Die Fabrik war in einem ähnlichen Zu­stand wie das Auto: sie funktionierte nicht. Die Arbeiter waren da — mehr als zwei Drittel zumindest waren da, und es sah auch so aus, als ob sie arbeiteten, aber es war nur Scheinarbeit. Im Formationsraum ging die elektrische Leitung nicht, und Schuppen drei ebenso wie der Kistenlager­raum waren stockfinster. Ein Kurzschluß, dessen Ursache man achselzuckend für zu­nächst unauffindbar erklärte. Herr Profet, der den muhten Hohn und die Widersetz­lichkeit spürte, trat den Rückzug an. „Ich mache Sie verantwortlich dafür, daß bis morgen alles wieder in der Reihe ist —“, sagte er, es war eine sinnlose Phrase, und er richtete sie auch nicht an den scharfen Vorsitzenden des Betriebsrates, Birkner, sondern an den alten, unschuldigen und

verwirrten Werkmeister Hockling, der sich bestürzt den Hosenboden kratzte.

Es ist ein verrücktes Wetter an diesem Mittwoch, heiß wie im Sommer, Mitte Ok­tober, dünnste blauweiße aufgefaltete Wolken über dem Himmel, die Luft damp­fig, die letzten blauen Zichorienblüten am Straßenrand sehen zäh und ermüdet aus. Zwölf Uhr auf dem Kirchturm, der Mitt­wochsmarkt löst sich auf. Aus dem Haus der Kreißsparkasse kommt der erhitzte Herr Profet, kreuzt den mittagswarmen Platz und verschwindet im Tor des Rat­hauses, er muß den Herrn Bürgermeister Doktor Ohmann sprechen, sofort, es ist von äußerster Dringlichkeit.

„Als wenn die ganze Stadt auf dem Kopf stünde — ich lasse bitten —sagte Doktor Ohmann zu seinem Faktotum Haberlandt Vor dem Papier- und Buchladen der Witwe Seelig drängt man sich, dort hängen An­sichtskarten von Leore Lania aus, süß, dun­kelblickend und zauberfremd. Die Herren Beamten, auf dem Heimweg zum Mittag­essen, verwehen nachdenklich davor, merk­würdig angebdhrt von dem Gefühl, daß diese Frau, diese Diva, diese Person sich in faßbarer Nähe befindet. Persentheins Rehle schiebt über die Straße, mit einem Korb voll Suppenknochen, in ihrem blauen Overallchen — verrückt.

„Haben Sie gehört, daß der Doktor die Lania operiert hat? Dreitausend Mark soll sie ihm geboten haben, wenn nichts zu­rückbleibt —“

Im „Weißen Schwanen* wird ein Bett frisch bezogen und ein Zimmer gebohnert für Herrn Karbon, er hat es telefonisch für zwei Uhr mittag bestellt, die Schwa- nenwirtin ist in rasender Aufregung, sie legt weiße Strickdeck eben hin, wo immer sie Platz findet

Vier Minuten nach eins: aus dem Gym­nasium schießen die Buben, die geheime Versammlung beim Ententümpel kenn be­ginnen. Melancholisch lächelnd reich* das Madönnchen am verstopften Stadtbrunnen ihrem Kindchen einen steinernen Apfel. Das zweite Postauto kommt durchs Tor, das Angermannshaus bebt, Herr Lungaus

leidet an Kopfschmerzen, und im Schlaf­zimmer steht Peter Karbon und packt seinen zerbeulten Autokoffer, um das Haus zu verlassen.

*

Peter Karbon war an diesem Mittwoch mit einem freien Kopf erwacht, ein gesun­der Mann. Die Schulter schmerzte noch leicht, es war jene Sorte von Schmerzen, die Karbon gern hatte, Reste überstande­ner Anstrengungen oder Abenteuer. Es gab wenig Zeitläufte in seinem Leben, in denen er ganz ohne solche Rückstände lebte — wie Buben immerfort zerschlagene Knie haben — und er fand solche Lebensstrecken immer langweilig. „Jetzt kann’s losgehen“, sagte er sich demnach schon beim Zähne­putzen.

Der Entschluß aus dem Angermannshaue auszuziehen, hing vage schon in der Luft. Eisenfest aber wurde er kurz nach neun Uhr morgens, als Peter am Verschlag vorbei­kam und fand, daß Frau Persenthein seine Stiefel putzte.

Sie kauerte da auf dem Boden, mit Strei­fen halbenLichts überihrem Gesicht, das ein wenig abgeblaßt aussah, und hatte seinen breiten linken Schuh über die linke Hand gezogen, strich Schuhkrem darauf und rieb ihn, mit gesammelter und ernsthafter Miene blank.

„Was fällt Ihnen ein?“ sagte er, un­freundlich vor Beschämung, nahm ihr den Schuh weg und machte sich selber über die terpentinduftende Arbeit. Übrigens nutzte das nicht viel, denn sie griff sofort nach dem nächsten Exemplar der Stiefelkolonne, die vor dem Verschlag aufgereiht stand, und kratzte den Straßenschmutz von Kola Persentheins strapazierten Absätzen. Sie wurde ein wenig rot dabei.

„Weü das Mädchen seit zwei Tagen nicht kommt — sie ist aus Obanger, und da hat man sla aufgehetzt — und Lungaus ist nicht wachzukriegen — daa Rehle hilft ja auch —sagte «de voll Verlegenheit und Her­zensnot.

„Ich“ bin gewöhnt, mir meine Stiefel selber zu putzen; das ist englisch . Kein Lord in ganz England würde erlauben, daß

ihm jemand anderer die Stiefel putzt“, be­hauptete Peter mit einiger Kühnheit, machte seinen Braunen summarisch fer­tig und nahm sogleich die schwarzen Da­menschuhe in Arbeit, die außer der Reihe standen. Elisabeth wurde so plötzlich über­mütig, daß sie sich selber nicht begriff. Sie hatte einen ihrer Blitze.

„Das mit den Lords ist ja allgemein be­kannt“, sagte sie, „ich wußte nur nicht, daß die Lords auch den Ladies, auf deren Schlössern sie eingeladen sind, die Stiefel putzen.“

Peter pfiff. Er kroch mit der Hand ganz tief in den Schuh hinein, mit einem über­triebenen und tiefzärtlichen Gefühl. Der Schuh war lang, er hatte die auffallende Schmalheit von Elisabeths Fuß angenom­men. Er hatte einen flachen Absatz und war vorne durchgerissen und mit gewachstem Schusterzwirn wieder gestopft. Peter lieb­koste den Schaden ein wenig, mit einem hurtigen Blick zu Elisabeth. Sie sah es, — sollte es auch sehen — und wurde tiefernst. Es lag ein halber Meter Luft zwischen ihrer Schulter und seiner, aber diese Luft war voll einer ziehenden, zerrenden, gefähr­lichen Spannung. Im Verschlag dahinter hockte Rehle und schabte pflichteifrig den Schmutz von ihren eigenen kleinen, immer nassen Stiefelchen.

„Ich habe von Ihnen geträumt“, sagte Karbon.

Pause, das nächste Paar Stiefel.

„Jawohl“, setzte er hinzu, als ob sie ihn etwas gefragt hätte. „Etwas Wunder­bares“. —

„Sagten Lady etwas?“ fragte er nachher.

Elisabeth nahm ihren Blick hoch und schaute ihm senkrecht in die Augen. So geht das nicht weiter, dachte sie. „Sie brin­gen mich ganz durcheinander“, sagte sie mutig.

„Ja? Tue ich das?“ Fragte Karbon und nahm ihren Blick auf. Langsam wurde auch er ernsthaft. „Tue ich das?“ fragte er lang­sam noch einmal. Er wünschte heftig, ihre Hand zu nehmen und wieder auf sein Herz zu legen, aber sie hatten beide Stiefel auf den Händen. .Mutter hat geheult“, äußerte

das Rehle im Hintergrund. Jetzt legte Kar­bon doch die Bürste fort und strich zart über Elisabeths Knie, dreimal. „Das darf Mutter nie mehr tun“, sagte er leise. Gleich darauf schien er in größter Eile zu sein. „Ich muß sofort telefonieren“, verlangte er und war schon unterwegs. „Was denn — warum denn? fragte Elisabeth verwirrt. „Weil ich gesund bin. Wissen Sie nicht, daß jeder ge­sunde Berliner morgens erst mal eine Stunde telefonieren muß?“

Sie stand jetzt auch auf und schüttelte ihre Schürze, es war nicht die verzauberte von gestern, sondern die mit den Marien- käferchen. „Der Apparat ist im Sprechzim­mer. Wird es Sie stören, wenn ich — ich muß nämlich jetzt dort aufräumen —*

„Merken Sie es denn nicht?“ fragte er, schon hinter ihr in das Zimmer voll seiner Hinterlassenschaft von Persentheinschem Zigarrenrauch, gefüllten Aschentellem, ge­leerten Kaffeetassen und verstreuten Schriftstücken eintretend.

„Was denn, Herr Karbon?“

„Daß ich hinter Ihnen herlaufen möchte, wie ein kleiner Hund, Frau Doktor Persen­thein. Daß ich —“

Er brach ab und machte sich über das Telefon her. Das Rehle half ihm bei der Bedienung der altmodischen Kurbel und brachte das Telefonbuch herbei, Mainz und Umgebung, 'Lohwinckel, siehe unter Düß- wald-Lohwinekel. „Kannst du es jetzt allein, ich muß nämlich arbeiten“, sagte Rehle nicht ohne Würde. Rehle hatte Mis­sionen in diesem Zimmer zu erfüllen. Zum Beispiel mußte sie den Papierkorb aus- leeren. Rosa, grüne und blaue Glasschäl­chen (Benützen Sie als moderner Arzt nur Kliemanns. farbige Blockgläschen) — in Reih und Glied stellen. Die Post herein­bringen. Die durcheinandergeworfenen Zeitschriften nach Nummern ordnen, denn Nummern konnte man schon tadelfrei lesen. Elisabeth ging ab und zu, zu den ge­öffneten Fenstern atmete der warme Mor­gen herein, die Kirchenglocke läutete schon wieder, diesmal galt #s der verstorbenen alten Dame, Prieler Straße 34.

(Fortsetzung folgt)