Dienstag, 30. September 1952
SÜDKURIEB
überwältigenden Mehrheit des Parteitages, der Ollenhauer und über ihn hinweg dem toten Kurt Schumacher auf dem Riesenbild an der Wand applaudierten. Damit ist die Entscheidung endgültig gefallen: Es bleibt beim Kurs Schumachers, auch dann — wie Ollenhauer ausdrücklich erklärte —, wenn die SPD nach den kommenden Wahlen an der Regierung teilnehmen sollte. In der Außenpolitik würde das bedeuten, daß die SPD bei grundsätzlicher Anerkennung der Geltung der Verträge doch ihre „radikale Revision“ anstreben würde.
Wie freilich die Revision aussehen soll, wenn die SPD grundsätzlich das „Kleinsteuropa“ der sechs westeuropäischen Staaten ablehnt, blieb unklar. Hier zeigte sich eine Wendung zum Doktrinären in der sozialdemokratischen Argumentation gegen die Außenpolitik der Regierung, die in einer Umkehr der SPD später sehr im Wege stehen könnte. Die neue Formel, daß die Verträge dazu dienten, die „Restaura
tion“ in den einzelnen Ländern zu stützen, bricht alle Brücken ab. Sie ist fast nur aus dem Bestreben zu erklären, für den kommenden Wahlkampf eine Verbindung zwischen Außenpolitik und Sozialpolitik herzustellen.
Denn auf sozialpolitischem Gebiet werden auch diesmal in der Hauptsache die sozialdemokratischen Wahlparolen liegen. Das zeigte schon die Rede Erich Ollen- hauers. Wenn er ironisch meinte, der kleine Mann in Deutschland habe „die volle Freiheit, auf Tee und Butter und Fleisch zu verzichten“, bewies ihm der Beifall der Delegierten, daß er den „richtigen“ Ton getroffen hatte. Solche Sätze braucht die SPD für den Wahlkampf, wenn sie das Ziel erreichen will. Wie überhaupt vieles nur für den Wahlkampf gesprochen war. Das zeigte schon die Debatte über das Aktionsprogramm, die darum ging, ob man es nicht im Hinblick auf eine mögliche Regierungsverantwortung revidieren sollte.
Bundeskanzler: Politische Brunnenvergiftung
SPD -Abgeordneter Wehner über französisch-sowjetische Geheimverhandlungen
DORTMUND . Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen, Wehner, hat am Samstag dem Bundeskanzler einen Brief mit einem Auszug aus dem Protokoll des Parteitages in Dortmund geschickt. In diesem Auszug ist der Abschnitt der Rede Wehners enthalten, in dem er von einer französisch-sowjetischen Fühlungnahme wegen eines Status quo für Deutschland sprach. Wehner hatte erklärt, daß die Hintermänner der deutschen Kommunisten und der SED in Fühlung mit den Hintermännern der klein-europäischen Konstruktion stünden, um eine Teilung Deutschlands für einen trügerischen „Status quo“ auszuhandeln.
Der Bundeskanzler hatte nach dieser am Donnerstag gehaltenen Rede Wehner am Freitag brieflich gebeten, ihm seine Unterlagen zur Verfügung zu stellen.
Der Bundeskanzler sprach am Samstag vor der „Unionpresse“, einer Vereinigung von Verlegern, Publizisten und Journalisten. Teilnehmer berichteten, auf der Tagung, die hinter verschlossenen Türen abgehalten worden sei, habe sich der Kanzler mit scharfen Worten gegen die Ausführungen Wehners in Dortmund gewandt. Er habe das Vorgehen Wehners als Brunnenvergiftung, als einen offensichtlichen Versuch bezeichnet, die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland zu stören
und nach Möglichkeit verstärktes Mißtrauen zwischen beiden Ländern zu säen.
Der Bundestagsabgeordnete Herb. Wehner hat dem Bundeskanzler in einem Brief zugesagt, daß er mitteilen werde, wann er wieder in Bonn ist, „so daß Sie einen Termin für ein Gesprädi festsetzen können“.
Unterrichtete Kreise in Paris erklärten, alle Berichte über französisch-sowjetische Geheimverhandlungen seien restlos aus der Luft gegriffen.
Immer noch 1,3 Millionen Vermißte
HAMBURG . Als Auftakt zur Kriegs- gefangenen-Gedenkwoche, die vom 20. bis zum 26. Oktober im Bundesgebiet und in Westberlin stattfindet, appellierte der Landesverband Hamburg des Verbandes der Heimkehrer, Kriegsgefangenen- und Ver- mißten-Angehörigen am Sonntag an die ehemaligen Feindmächte, auch den letzten deutschen Kriegsgefangenen umgehend freizulassen. Die Gefangenen dürften nicht als Schachfiguren im Kalten Krieg benutzt werden. Der Landesverbandsvorsitzende Jarmatz teilte in diesem Zusammenhang mit, daß noch immer 1,3 Millionen Vermißte der ehemaligen deutschen Wehrmacht gesucht werden. 35 000 Kinder hätten ihre Eltern noch nicht wiedergefunden.
Schaffer verspricht Steuer-Erleichterungen
Vereinfachungen bei den unteren Einkommensstufen
BADEN-BADEN (Eigenbericht). Auf der Jahresversammlung des Markenverbandes erklärte Bundesfinanzminister Schäffer: „Ich will alles tun, um die gegenwärtigen Steuerlasten im Rahmen des Möglichen zu senken“. In einem längeren Vortrag über seine Steuerpolitik hatte Schäffer ausgeführt, daß die der deutschen Wirtschaft und den Gehalts- und Lohnempfängern aufgebürdete Steuerlast die Grenze des Erträglichen und des staatspolitisch zu Verantwortenden erreicht, vielfach sogar überschritten habe. Der Bundesfinanzminister erblickt Möglichkeiten für Steuererleichterungen in der Vereinfachung der Vorschriften über die Pausch- und Staffelsätze bei der unteren Einkommensteuer. Ferner trat der Minister für Ergänzung des Kapi- talmarktförderungsgestezes ein. Steuerliche Erleichterungen müßten den Aktien- und sonstigen Kapitalgesellschaften Anreize für
WETTERVORHERSAGE des Badischen Landeswetterdienstes
Nach Abzug des zur Zeit über der Nordsee ostwärts wandernden Tiefs baut sidi über Süd westdeutschland vorübergehend wieder ein Zwischenhoch auf. Aussichten bis Dienstagabend: Wolkig bis heiter, überwiegend trocken, ziemlich kühl, schwache westliche Winde.
die Dividenden- und Gewinnausschüttung bieten. Es gelte, die „Wertpapierscheu“ des breiten Sparerpublikums zu überwinden und die Neigung zu verstärken, wieder Geld in Aktien anzulegen. Die Kapitalertragssteuer sei von 6,8 Millionen im Jahre 1949 auf 87 Millionen im Jahre 1951 gestiegen. (Bericht über Tagung des Mar- kenverbandes lm. Wirtschaft steil.
Besoldungs-Reform Sommer 1953
PASSAU . Bundesfinanzminister Fritz Schäffer kündigte auf einer Beamtenkundgebung in Passau an, daß der Entwurf der großen Besoldungsreform der Oeffentlich- keit im Sommer 1953 vorgelegt wird. Die Bundesregierung halte die Forderungen der Berufsbeamten für berechtigt. Das dem Bundesrat vorliegende dritte Abänderungsgesetz zur geltenden Besoldungsordnung bringe vor allem den kinderreichen Beamten und Beamtenanwärtem finanzielle Hilfe. Schäffer setzte sich für eine einheitliche Besoldungsordnung im ganzen Bundesgebiet ein.
Weihnachiszuwendung im UVD
BONN . Bund und Länder sind mit der Gewerkschaft für öffentliche Dienste, Transport und Verkehr im (DGB ) und der Angestelltengewerkschaft übereingekommen, für Lohnempfänger und Angestellte
Der oberschwäbische Kunstpreis, der seinem Geldwert nach 10 000 DM beträgt, wurde in diesem Jahr, wie bereits kurz gemeldet, dem Malerehepaar Karl Caspar und Maria Caspar-Filser zugesprochen. Die breitere Oeffentlichkeit erfuhr dadurch wieder, daß der in Brannenburg am Inn lebende Karl Caspar , der als Begründer einer ganzen Schule von Malern der Gegenwart in Bayern gelten darf, und seine Frau, dieses Märchenpaar der modernen Kunstgeschichte, der Abstammung nach dem oberschwäbischen Raum angehören. Karl Caspar ist 1879 in Friedrichs hafen , Maria Caspar-Filser 1878 in Ried- lingen geboren. Beide kommen in ihrer Kunst aus den bürgerlichen Bereichen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, beide schlossen sich früh dem Expressionismus an, der für sie Erneuerung und Erweiterung des Ausdruckswillens in der Kunst, insbesondere bei Karl Caspar in der re- , ligiösen Kunst, bedeutete.
Die Veranstalter der kleinen, aber sehr gediegenen Ausstellung „Oberschwäbische Kunst“ in den sehenswerten, gepflegten Räumen der „Fähre“ in Saulgau , in deren Brennpunkt das Werk des preisgekrönten Künstlerpaares steht, waren sich der geistigen Verantwortung tief bewußt, die mit dieser Preisverleihung verbunden ist. Das ging aus den Ansprachen hervor, welche die Ausstellung eröffneten, insbesondere aus den beherzten, bekennerischen Worten des Landrats Maier, der sich, als Sprecher der drei beteiligten Kreise Saulgau , Wangen und Biberach , mit allem Nachdruck für seine Kunst einsetzte, deren Geist in die Zukunft führe und nicht hilflos in die Vergangenheit flüchte. Seine Worte über die Notwendigkeit einer ehrlichen Verbundenheit verantwortlicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in jedem Bereich mit wegweisenden, maß-
im öffentlichen Dienst des Bundes und der Länder eine Weihnachtszuwendung zu gewähren. Sie soll, für Unverheiratete 30 DM, für Verheiratete 50 DM und für jedes Kind 15 DM betragen. Eine Abmachung für die Beamten konnte nicht erfolgen, da dies keine Angelegenheit der Gewerkschaft ist. Weihnachtszuschläge für Beamte können nur durch einen Verwaltungsakt erfolgen.
Schwerer Sturm über Frankreich
PARIS . Fast pausenlos fegt seit Samstagnacht ein schwerer Weststurm über Frankreich . Besonders die Küstengebiete sind heimgesucht. Durch einstürzende Kamine und Dachbalken wurden zwei Personen getötet, mehrere schwer verletzt. Die Sachschäden sind im Augenblick noch nicht zu übersehen. Sie belaufen sich auf jeden Fall auf mehrere hundert Millionen Francs.
NEW YORK . Auf der Internationalen Konferenz zur Regelung der japanischen Vorkriegsschulden in New York ist jetzt ein Uebereinkommen erzielt worden. Danach hat sich Japan verpflichtet, seine auf den Gegenwert von etwa 450 Millionen Dollar geschätzten Schulden nahezu in voller Höhe zu bezahlen. Wie verlautet, will Japan auch die Zinsen für erhaltene Dollar- und Sterlinganleihen in voller Höhe begleichen. Diese Zinsrückstände belaufen sich allein auf rund 125 Millionen
Die Lust, einmal allein loszufahren
Ausreißer-Romantik bewegte Dieter Arnold — Die Polizei hielt ihn nirgends auf
FREIBURG (A.-Eigenbericht) Nach seiner Rückkehr nach Freiburg wurde der 13jährige Dieter Arnold von der Freiburger Kriminalpolizei vernommen. Der Junge machte auf den Vernehmungsbeamten einen sehr aufgeweckten und intelligenten Eindruck. Er konnte sich an seine zwölftägigen Erlebnisse in allen Einzelheiten erinnern und war sich wegen seines Verschwindens aus dem Elternhaus keiner Schuld bewußt. „Ich weiß nicht, was über mich gekommen war“, sagte er, er habe einfach Lust bekommen zu einer Spazierfahrt. Dazu habe er von Schulhof ein nicht abgeschlossenes Fahrrad mitgenommen und sei ohne Plan und Ziel aus der Stadt hinausgefahren.
Seine erste Tagesetappe habe ihn nach Tiergarten im Renchtal zu seinen Verwandten geführt, die ihm anderntags für die Rückfahrt nach Freiburg Verpflegung und etwas Geld mitgegeben hätten. Damit habe er insgesamt 4.60 DM in seiner Tasche gehabt. In Appenweier habe er sich dann gedacht, jetzt könne er eigentlich auch noch nach Karlsruhe fahren, dort habe er Lust bekommen, den Rhein zu sehen und auf diese Weise sei er, immer ohne festes Fahrtziel, durch das Rhein land , über Köln und Düsseldorf nach Os nabrück gekommen. Von dort habe Ihn
lauien sicn allein aui runu izo immunen i __ 1 _„_. „„„„„
Dollar. Die Konferenz begann am 21. Juli ein Fernlast ^ ug nach Hamburg genom-
dieses Jahres und gestaltete sich wegen der Dollarwertklausel verschiedener britischer Schuldverschreibungen recht schwierig.
men, von wo aus Dieter seine letzte Etappe nach Schleswig-Holstein unternahm.
Nirgendwo ist Dieter Arnold von der Polizei angehalten worden. Geschlafen hat
Vor neuen deutsch -französischen Verhandlungen
BONN . (W.-Eigenbericht). In der ersten Oktoberhälfte soll bei neuen Besprechungen zwischen Bundeskanzler Dr. Adenauer und den Vertretern der drei nicht zugelassenen deutschen Parteien im Saargebiet eine einheitliche Linie der deutschen Saarpolitik festgelegt werden. Zu diesem Zweck arbeiten die Führungen der deutschen
lichkeit mit ihnen, denn Propaganda und fremde Bajonette können niemals die Autorisation durch den freien Entschluß des Volkes ersetzen.“
Gehirnscbäden infolge Hungers
HAMBURG . Langanhaltender, schwerer Hunger, vor allem chronischer Eiweißman-
Saar-Parteien in dieser Woche eine Stel- I gel, kann unter Umständen das mensch
gebenden Kräften des geistigen und künstlerischen Lebens ihrer Zeit hatten das Gewicht ernster Ueberzeugung und verdienten es, in ein kleines Lehrbuch für Ausstellungseröffnungen, das es längst geben sollte, einzugehen.
Als Redner über das Künstlerpaar Cas par hatte man den Münchner Kunsthistoriker und Schriftsteller Dr. Eckstein nach Saulgau geladen. Er gab einen wirksamen Ueberblick über das gesegnete Schaffen der beiden Künstler, zeigte ihren Standort in der Kunst unserer Zeit, wies auf ihre repräsentative Bedeutung für die expressionistische Epoche hin und begründete eingehend ihre Zugehörigkeit zu jenem geistigen Raum, der mit der Bezeichnung Oberschwaben nur geographisch gekennzeichnet ist. Was es mit diesem Raum auf sich hat, das erwies dann der Rundgang durch die Ausstellung, die ein Jahrtausend der Kunst Oberschwabens , vom Reichen- auer Evangelienbuch aus dem Jahr 900 bis zum jüngsten Werk aus dem Caspar-Atelier in eindrucksvollen Beispielen umfaßt.
Hatte der Vortragende Recht, wenn er glaubte, die Frage bejahen zu dürfen, ob diese Werke jüngster Gegenwart das Gewicht des Vergleichs oder auch nur des Bezogenwerdens auf ehrwürdigste Werke der Vergangenheit aushielten? Es wird sich jeder Besucher die Antwort selbst geben müssen, wenn er von dem Reichenauer j Evangeliar und den Prozessionskreuzen j aus Taldorf und Reichenau den Blick um- | schaltet auf Büder wie Karl Caspars j Nächtliche Zwiesprache oder Erweckung , der Tochter Jairi und Maria Caspar-Fil- sers Holzfuhrwerk auf der Gebirgsstraße oder ihr Weihnachtskinderbild. Bei allem : Gewicht des Vergangenen: die schöpfen- j sehen Kräfte gerade in dieser extremen
lungnahme zu den bisherigen Gesprächen aus. Unterrichtete Kreise erwarten, daß im Mittelpunkt der gemeinsamen Forderungen die Zulassung der deutschen Parteien im Saargebiet und die Verschiebung der Landtagswahlen bis zur Wiederherstellung der demokratischen Freiheiten an der Saar stehen werden.
Daneben scheint sich für die weitere Politik immer deutlicher eine Unterscheidung zwischen einer vorläufigen und einer endgültigen Lösung des Saarproblems herauszubilden. Die endgültige Regelung soll dem Friedensvertrag Vorbehalten bleiben, und für diesen späteren Zeitpunkt will man die Forderung der Rückkehr des Saargebietes zu Deutschland grundsätzlich aufrechterhalten, vor allem auch mit Rücksicht auf die parallele Lage der deutschen Ostgebiete. Als vorläufige Regelung strebt die Bundesregierung aber nach wie vor die „Europäisierung“ des Saargebietes an. Ueber dieses Problem, das in vielen Beziehungen noch ungeklärt ist, sollen etwa ab Mitte Oktober neue deutsch -französische Verhandlungen stattfinden. Inzwischen hat die sozialdemokratische Bundestagsfraktion auf eine Bitte Dr. Adenauers hin, auf die für diese Woche angesetzte Saardebatte im Bundestag verzichtet.
Keine Verhandlungen mit Pankow
BERLIN . Zu dem Besuch der Sowjetzonen-Volkskammer in Bonn erklärte der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser , in einer Rundfunkansprache an die Bevölkerung der Sowjetzone: „Mit den Herren in Pankow kann niemand im Deutschen Volk etwas zu tun haben. Es gibt keine Verhandlungsmög-
Entfernung haben zweifellos eine starke, innere Entsprechung. 1
Zwischen ihnen liegt die große Zeit der romanischen und gotischen Holzbildhauer, von denen so großartige Dokumente wie der Christus mit dem schlafenden Johannes von Heiligenkreuztal, die Pieta von Gutenzell , die Madonnen aus Ueberlin- gendorf, Ittenhausen und Tiefenbach zu sehen sind. Dazu Werke des Meisters von Eriskirch , von Melchior Binder, von Jörg Zürn , von Hans Multscher . In den Räumen, die diese Werke beherbergen, weht ein Hauch der Seelenhaftigkeit den Betrachter an, den er spüren muß bis in die letzte Faser seines Wesens. Hier sprechen Kräfte, die Jahrhunderte auserwählt und bewahrt haben; der Geist der Landschaft selbst atmet ln den Madonnen- und Heiligengesichtern, deren Zügen man auf Schritt und Tritt heute noch in den Dörfern und Städten begegnet, aus denen die Meister einst hervorgegangen sind oder für die sie ihre frommen Balder schufen.
Da erlebt selbst die Kunst eines Feuchtmayer, der mit drei eindrucksvollsten Werken einen eigenen kleinen Raum füllt, einen „Gerichtstag mit sich selber“. Sie besteht ihn gewiß kraft ihrer religiösen Ergriffenheit und Ekstase. Aber schon die wenigen Beispiele aus dem 19. Jahrhundert, denen gleichfalls ein Sonderraum zugewiesen ist, Tierbilder von A. Braith und Schildereien von J. B. Pflug, liebenswürdige Zeugnisse eines idyllischen Künstlertums provinzialer Herkunft, sind in dieser Ausstellung einer zu starken Nachbarschaft ausgesetzt.
Umso nachdenklicher darf es stimmen, wenn im Saal der Caspare jene Stille wieder Raum gewinnt, die da herrschte, wo innerlich bewegte, religiös beseelte Kunst, sei sie aus welcher Zeit Immer, Ihr Gesetz des Dienstes an überzeitlichen Aufgaben erfüllt. Es geht dann nicht darum, ob das einzelne Werk mehr oder weniger „gefällt“ —das ist ja ein sehr unsichteres Kriterium allen künstlerischen Schaffens! —
liehe Gehirn in dauernde Mitleidenschaft ziehen. Mit dieser Erkenntnis revidierte die Medizin auf dem Hamburger Kongreß vor über 500 Neurologen, Himchirurgen und Physiologen aus dem In- und Ausland ihre frühere Ansicht, daß der Hunger mit seinen Folgen vor dem höchst ausgebildeten Organ Halt macht. Sorgfältige Untersuchungen an Tausenden von Spätheim- kehrem haben in den letzten zwei Jahren, wie der Bielefelder Nervenarzt Professor Schulte ausführte, den Beweis erbracht. Viele Spätheimkehrer verharrten nach den gnadenlosen Hungerjahren in der Kriegsgefangenschaft auch nach ihrer Rückkehr in seelischer Apathie, die auch bei bester Ernährung nicht weichen will.
er meistens ln Strohmieten auf den Feldern. Zweimal habe er auch in Wohnhäusern um Quartier gefragt. Ueberall sei er mit der Ausrede, er sei „auf Fahrt“ durchgekommen. Er habe wohl gewußt, daß seine Eltern sich Sorgen machten, aber das Verlangen, einmal allein loszufahren, sei eben zu groß gewesen.
Die ausgedehnte Vernehmung des kleinen Dieter konnte die Motive für das Verschwinden des Jungen nicht auf decken. Auch der Vater, der sich auf der Fahrt von Schleswig-Holstein nach Freiburg schon mit Dieter eingehend unterhalten hatte, weiß nicht, weshalb sein Sohn ausgerissen ist. Fahndungstechnisch ist dieser Fall des Dieter Arnold für die Polizei von größtem Interesse. Trotz der angeordneten Großfahndung wurde Dieter auf seiner langen Fahrt durch die Bundesrepublik niemals angehalten. Die Freiburger Kriminalpolizei ist bereits aufgefordert worden, einen eingehenden Bericht über das Verhalten der Fahndungsstellen und der Polizei im Falle des Dieter Arnold einzureichen.
Dieter Ist bis jetzt noch nicht wieder in seine Schule gegangen. Er hält sich im Eltemhause auf Der Vater soll die Absicht haben, seinen Sohn einem Nervenarzt vorzustellen.
Junge versank in Erdspalte SAARBRÜCKEN . In Friedrichsthal (Saar) versank der 14jährige Schüler Edgar Klein vor den Augen seiner Spielkameraden ln einer Erdspalte, die sich aus einer Grubensenkung gebildet hatte. Da die Spalte von einem Grubenbrand erfaßt war, erlitt der Junge ln seiner hilflosen Lage schwere Verbrennungen, denen er am selben Tag erlag.
Wieder 1000 Flüchtlinge
BERLIN . Annähernd 1000 Flüchtlinge aus dem sowjetischen Besatzungsgebiet, die zum größten Teil übers Wochenende nach Berlin gekommen sind, meldeten sich am Montag bei der Flüchtlingsstelle des Berliner Senats.
MELBOURNE. Alle Anzeichen deuteten am Montag darauf hin, daß der erste bri tische Atomwaffenversuch auf den Monte Bello -Inseln vor der Westküste Austra liens innerhalb der nächsten 48 Stunden stattflnden wird. Ein Raum von 60 000 Quadratkilometern ln dem mit kleinen Inseln übersäten Ozeangebiet westlich Au straliens ist bereits vor Wochen von der britischen Admiralität zur Gefahrenzone für die Schiffahrt und den Luftverkehr erklärt worden. Man nimmt an, daß lediglich eine Atombombenexplosion auf den Monte Bello-Inseln stattfindet und daß ein zweiter Versuch an anderer Stelle ln dem Sperrgebiet unternommen wird.
„ AH ß J of ~~ "6er fanden t'r r* if tünefamehf q* ...ff ¥ |
sondern nur um die Kraft einer Aussage, die einen Auftrag von innen erfüllt. Es ist kein Zufall, daß Karl Caspars Mutterbild, das in Saulgau noch zu sehen ist, das Titelblatt des Bandes „Die schwäbische Kunst im 19. und 20. Jahrhundert“ wurde, den die Deutsche Verlagsanstalt in Stutt gart kürzlich herausbrachte. Die Farben, die Gesichter, das Raumgefühl gerade in diesem starken, leuchtenden Bild erfüllen den Betrachter mit der Gewißheit eines echten künstlerischen Erlebnisses, wie es so zwingend nur ein Werk vermag, das aus einem überzeitlichen, allgemeinverbindlichen Willen, aus dem Willen einer ganzen Landschaft, entsprungen ist und ihn repräsentiert L. E. Reindl
KULTUR NACHRICHTEN
Der Pianist Geza Anda wird im 1. Symphoniekonzert des Städtischen i Orchesters Konstanz, mit dem am Mittwoch, dem 1. Oktober, die Veranstaltungen des „Konzertwinters 1952 auf 53“ eröffnet werden, das Klavierkonzert Nr. 2 in B-dur (op. 83) von Johannes Brahms spielen. Das von Dr. Richard Treiber geleitete Konzert wird außerdem die zweite Leonorenouvertüre von Beethoven und Tschaikowskis 5. Symphonie (e-moll, op. 64) bringen.
Ein „Buch des Monats“ wurde von der Lesergemeinschaft „Freunde der Weltliteratur“ und der deutsch -schweizerischen literarischen Zeitschrift „Neue literarische Welt“ zur internationalen Frankfurter Buchmesse verkündet. Die Wahl fiel für den Monat Oktober auf Werner Ber- gengruens Roman „Der Großtyrann und das Gericht“.
Gegen Schmutz- und Schund gesetz “ hat der Gesamtrat für das Buch-, Musikalien- und Zeitschriftenwesen beim Bundesrat telegraphisch protestiert. Der Gesamtrat sei in seiner Hauptversammlung zu der Ueberzeugung gelangt, heißt es in dem Telegramm, daß
das vom Bundestag verabschiedete Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften über seine Zweckbestimmung weit hinausgehe. Es sei für Schrifttum und Presse untragbar. Das Gesetz öffne einer willkürlichen Beschränkung des Rechtes der freien Meinungsäußerung Tür und Tor, denn es fehle die Definition des Tatbestandes, insbesondere der Begriffe „jugendgefährdende“ und „unsittliche“ und der nach Ansicht des Gesetzes diesen gleichzusetzenden Schriften.
George Santayana , der spanische Philosoph und Dichter, ist in einem römischen Kloster im Alter von 88 Jahren an Magenkrebs gestorben. Santayana , der am 16. Dezember 1863 als Sohn einer spanischen Adelsfamilie in Madrid geboren ist, studierte in Boston , Berlin und Cambridge. Er lehrte später an der philosophischen Fakultät der Harvard-Univer sität in Boston , an der Pariser Sorbonne und in Oxford, danach lebte er als freier Schriftsteller in den Vereinigten Staaten . Seit dem Kriege wohnte er als Gast bei dem Nonnenorden der „Blauen Schwestern in Rom .
Das Biberacher Wielandsmuseum, das bedeutende Erinnerungen an das Leben und Wirken Christoph Mar tin Wielands enthält, ist um 128 Wielandbriefe bereichert worden. Ueber 1500 wertvolle Buchbände, darunter die 42bän- • dige Göschen-Erstausgabe, gehören mit vielen Urkunden zum Bestand des Museums.
E ine „Deut sch e Multi ple-Skl e- rose-Gesellschaft (Gemeinnützige Laienvereinigung)“ wurde in Königstein (Taunus) gegründet. Die Organisation soll Kranke betreuen, für Verbesserung der Behandlungsmethoden eintreten und die Forschung bei der Entdeckung der bisher unbekannten Ursachen dieser Krankheit unterstützen. Die Zahl der in Deutschland an multipler Sklerose Erkrankten wild auf 70 000 geschätzt.