Montag, 29. Dezember 1952
SÜDKURIER
Nr. 213 /
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Nördliche Halbkugel wird wärmer
Wasserknappheit könnte einmal Industrie und Landwirtschaft bedrohen
ST. LOUIS (USA ). Professor Paul Sears von der Yale -Univereität. ein führender amerikanischer Naturwissenschaftler, sagte dieser Tage voraus, daß das Klima auf der nördlichen Erdihalbkugel im Laufe der nächsten Jahrhunderte wahrscheinlich immer wärmer und trockener werde. Dies werde für die Landwirtschaft und die Industrie in dichtbesiedelten Staaten wie z. B. den USA zum Teil beträchtliche Auswirkungen hstoen, die rechtzeitig berücksichtigt werden müßten.
Die Wasserknappheit, die in den Ver einigten Staaten und in Europa in dem vergangenen heißen Sommer schon sehr unangenehm spürbar geworden sei, werde immer akuter werden. Bereits ietzt müßten einzelne Industriebetriebe in den- Sommermonaten wegen örtlichen Wassermangels ihre Produktion einschränken. Eine Verschärfung des Wassermangels
könne unter Umständen die Verlagerung ganzer Industrien notwendig machen.
Professor Sears, der auf einer Konferenz der amerikanischen Vereinigung für die Förderung der Wissenschaft in St. Louis sprach, stützte seine These auf Funde von Blütenstaub aus vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Bei Grabungen habe er die verschiedenen Schichten abgelagerten Blütenstaubs untersucht und darin ein Barometer für die klimatischen Veränderungen der Vergangenheit und gleichzeitig einen Hinweis auf die wahrscheinliche Klimaentwicklung in der nächsten Zukunft gefunden. Ein weiteres Anzeichen für die zunneh- mende Erwärmung der nördlichen Halbkugel sei das Auftauchen mehrerer Fisch- und Vogelarten in weit nördlich gelegenen Zonen, in denen sie noch vor mehreren Generationen nicht zu finden gewesen seien.
„Kolonialdasein“ der Diplomaten —
BONN. (-en-Eigenbericht.) „Bleiben Sie über die Feiertage in Bonn ?“ Das war die Standardfrage, die vor dem Jahreswechsel zwischen den Bonner Neubürgern nach wie vor ausgiebig besprochen wurde. Vorherrschend war der Drang: Zurück in die alte Heimatstadt. Es gibt drei große Richtungen dieser Festtagswege zurück: In die ehemalige Reichshauptstadt, nach Frank furt zum Amtssitz der einstigen Bizone und in die Städte an Rhein und Ruhr.
Die Ministerpräsidenten der Länder hatten den Abschluß der vorweihnachtlichen Bundessaison gemacht. Es war ein sehr hamonischer Abschluß. Der Bundeskanzler ignorierte gemeinsam mit ihnen alle politischen Spannungen. Er zeigte sich im Palais Schaumburg als liebenswürdiger Gastgeber. Empfänge für die Zurückgebliebenen schlossen sich an. Sie glichen einer Bestandsaufnahme dessen, was blieb. Und immer wieder fragten sich die „diensttuenden“ Minister, Abgeordneten, Beamten, Journalisten und Syndici: „Warum bleiben so wenige Freunde und Kollegen in den stillen Wochen hier am Ort?“
Seit 1949 hat Bonn um 25 000 Neubürger zugenommen. Der Zuwachs der Nachbargemeinden von Godesberg bis Beuel ist darin nicht einmal enthalten. 400 bis 500- Personen beträgt die monatliche Zuwanderung noch heute. Die berühmte Invasion der Beamten und Stenotypistinnen, seit vier Jahren das strategische Gesetz der Stadtplanung, hält also unvermindert an. Baumeister und Stadtkämmerer können nur mühsam mit dieser Bewegung Schritt halten. Viele Neubürger haben sich zwar inzwischen in Bonn eine neue Häuslichkeit schaffen können. Aber ebenso viele leben auch heute noch in möblierten Zimmern. Sie kennen während solcher Feiertage meist nur den einen Wunsch: Zurück nach Hause. Allzu einsame Junggesellen finden zwar hin und wieder auch Eingang in den Kreis einer eingesessenen rheinischen Bürgerfamilie.
Den Diplomaten ergeht es nicht viel anders in den stillen Tagen. Ziemlich lautlos gleiten die schweren CD-Limousinen durch die leeren Straßen zwischen den Botschaften und Gesandtschaften, zu den Parties der Engländer, der Redoute der Franzosen und dem Sportclub der Amerikaner im neuerrichteten „Plittersdorf- Centre“ mit pompöser Turnhalle und Ping- P.ong, Kegelbahnen und luxuriöser Schwimmhalle und jeder Nacht Tanz bis in den frühen Morgen. Aber trotzdem wird das Kolonialdasein der Bonner Diplomatie niemals so fühlbar wie in stillen Feiertagswochen. Die Zeit ist zu kurz für römische oder Londoner Weihnachtsfeiern, für kurze Trips zwischen Stockholm und Madrid .
100 DM in Basel: 27. 12.: 90/93,5 sfr.
Feiertagsidyll ohne Ueberraschungen
Die junge diplomatische Mannschaft mit Initiative und genügend Repräsentationsgeldern steuert deshalb, wenn es irgend geht, in charmanter Gesellschaft ihre schweren Wagen am liebsten in Richtung Köln und Düsseldorf , Frankfurt , Brüssel und Paris .
„Fahren Sie nach Paris ?“ fragte der Chronist dieser Tage einen französischen Kollegen in diplomatischen Diensten. Er erwartete eine frohe Antwort. Aber es kam umgekehrt und recht kläglich: „Wir bleiben hier, meine Schwiergereltem kommen aus Paris “. Es war fast wie ein Sturz aus allen Illusionen.
Finanzminister a. D. Dr. Mattes t
UEBERLINGEN . Der erste Vorsitzende des Zentralverbandes der Fliegergeschädigten, Evakuierten und Währungsgeschädigten, Staatsminister a. D. Dr. Wilhelm Mattes , ist am Samstag unerwartet ln Ueberlingen gestorben.
Dr. Mattes war vor 1933 badischer Finanzminister und nach 1945 der erste hessische Finanzminister. In letzter Zeit war er besonders in der Auseinandersetzung um das Lastenausgleichsgesetz als der Vertreter der Kriegssachbeschädigten und Evakuierten hervorgetreten.
Dr. Mattes stand im sechzigsten Lebensjahr. Seine ursprünglichen Arbeitsgebiete waren Landwirtschafts- und Finanzpolitik. 1921 wurde er Mitglied der Badischen Landwirtschaftskammer und des Badischen Landtages, wo er 1925 den Vorsitz der Landtagsfraktion der liberalen Volkspartei übernahm. 1931 wurde er badischer Finanzminister. Dieses Amt hatte er inne, bis er 1933 gewaltsam aus allen politischen Aemtern entfernt wurde. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft war er Steuerberater in Mannheim . Im Mai 1945 wurde Mattes Leiter der Finanzverwaltung für das Gebiet Pfalz , Saar , linksrheinisches Rheinhessen und im Oktober 1946 Finanzminister in der ersten Nachkriegsregierung des neuen Landes Groß-Hessen . Einige Wochen später übernahm er den Vorsitz des neugeschaffenen Zweizonen- Finanzrates in Frankfurt am Main .
Nach Abschluß seiner Tätigkeit im Finanzrat widmete sich Mattes der Arbeit für die Kriegsgeschädigten. Daneben war Mattes erster Vorsitzender der „Deutschen Gemeinschaft — Block der Heimatvertriebenen Und Entrechteten“ in Baden-Würt temberg .
„Faule Fische - faule Fische ' 1
Blütenlese aus dem Bundestag
Seufiert (SPD ): „Ich will Ihnen mal was sagen: Ich kenne die Zahlen nicht, aber ich halte sie für falsch.“
König August
Dr. Becker (FDP ) (in einer außenpolitischen Debatte): „Heute morgen ist von Herrn Kollegen Arndt ein Wort des letzten Königs von Sachsen zitiert worden.
Ich gestatte mir, zum Schluß ein anderes Wort des Königs von Sachsen in einer gewissen Abwandlung zu zitieren, und das heißt: „Ihr seid mer scheene Außenpolitiker!“
Frisierte Milch
Leonhard (CDU ): „Es ist der Fluch der bösen Tat — unsere Bauern haben deshalb soviel Sorge mit dem Milchabsatz —, weil unseren Frauen und Kindern die Milch oft sehr frisiert geboten wurde. Halten Sie sich an ein altes Wort: Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Geben Sie uns die Milch mit dem Fett!“
Widerstand gegen die Staatsgewalt
Ewers (DP): „Bei diesen Auseinandersetzungen soll der Abg. Rische dem Beamten Widerstand geleistet haben. Angefaßt hat e$ ihn nicht sondern der Widerstand ist mehr bäuchlings erfolgt.“
Demokratische Freiheit
Dr. Horlaeher (CSU ): „Ich habe einmal im Bayerischen Landtag gesagt, in der Demokratie kann — je nach seiner Befähigung — der einzelne so gescheit oder so dumm daherreden, wie er es fertigbringt.“
Vizepräsident Dr. Schmid: „Das Haus nimmt davon Kenntnis.“
Feuerwehrmänner im Kindergarten
Strauß (CSU ) (zur Wehrdebatte): „Man soll nicht Wohnungen Soldaten gegenüberstellen. Das ist genau so unzweckmäßig, als wenn jemand sagen wollte, daß zehn
Kindergärtnerinnen wichtiger sind als zehn Feuerwehrmänner. Für den Fall eines Brandes, Herr Kollege Ollenhauer, wäre mit zehn Kindergärtnerinnen wenig gedient. Ebensowenig wäre mit zehn Feuerwehrmännern im Kindergarten gedient: auch das gäbg eine Katastrophe.“
Der bedrohte Osten
Strauß (CSU ): „Dr. Schmid hat gestern erklärt, man dürfe mit dem Westen nur in Formen verbunden sein, die der Osten nicht als Bedrohung zu empfinden brauche. Letzten Endes empfindet ja jeder Einbruchsdieb ein Sicherheitsschloß vor der Tür als eine Bedrohung seiner beruflichen Existenz.“
Die Quelle
Niebergall (KPD ) (als Anfragender): „Trifft es- zu, daß in der Dienststelle Blank Pläne für die Errichtung eines sogenannten „Rhein-Walls* auegearbeitet werden?
Trifft es zu, daß Pläne ausgearbeitet worden sind, nach denen im Kriegsfall die gesamte Bevölkerung von Rheinland-Pfalz nach Südfrankreich evakuiert werden soll?“
Schaffer, Bundesminister der Finanzen:
„Es trifft weder das eine noch das andere zu. Jede Aufregung ist überflüssig.“
Niebergall: „Herr Finanzminister, wie enträtseln Sie dann, daß Baufirmen bereits derartige Maßnahmen treffen?“
Schaffer: „Vielleicht haben Sie Moskauer Zeitungen gelesen.“
Elegante Umschreibung
Schaffer, Bundesminister der Finanzen: „Nicht umgesiedelt ist ein einziger, und zwar deswegen, weil er Forderungen stellt, die jenseits der Grenze des Verschämten liegen.“
Die Begrüßung
Vizepräsident Dr. Schmid: „Das Wort hat der Abgeordnete Fisch“ (KPD ).
Zurufe: „Faule Fische, faule Fische!“
Noch vor kurzem glich der Blick vom Portal des Bahnhofs in Reutlingen dem auf das Bauwerk eines Termitenstaates. Ein großes Kaufhaus aus Stahlbeton, in dem seit Weihnachten Neonlichter die bunten Tische beleuchten, wuchs förmlich aus dem Boden.
In Reutlingen wird in der Tat mit schwäbischer Gründlichkeit und Initiative ein neues Haus für alle gezimmert. Baumeister ist Oskar Kalbfell . Der Oberbürgermeister bittet seinen Besuch zwischen zwei Sitzungen vor den überladenen Arbeitstisch im Rathaus unweit des Tübinger Turms, einem der erhaltenen Wahrzeichen der Stadt. Scharf blicken die von Wachsamkeit funkelnden Augen aus dem prägnanten Gesicht hinter den Brillengläsern. Dieser Mann gerät in Kreuzfahrerstimmung, wenn der Gast nach dem fragt, was den „OB“ im Moment am meisten bewegt. Nein, es ist nichts, was um die eigenen Dinge geht.
Den Oberbürgermeister erfüllt vielmehr die Sorge um das neu zu zimmernde „Haus“ namens Reutlingen . Für runde dreißig Millionen DM, die 1952 für 1154 Wohnungen verbaut wurden, bürgt Kalbfell. Freilich eine schwere Bürgschaft, aber die Reutlinger werdens’s ihm lohnen, all die, die jetzt draußen in der schönen Siedlung an der Rommelsbacher Straße wohnen. Der Oberbürgermeister ladet seinen Gast mit freudiger und stolzer Geste cf&zu ein, diese neue Siedlung am Stadtrand zu besuchen: Sie ist sein liebstes Kind.
Das herrliche Panorama der Alb bietet sich droben dem Besucher der neuen Siedlung. Wie hübsch ist hier alles geworden! Selbst ein Tageskinderheim für die Kinder tagsüber arbeitender Siedler ist hier erstanden. Eine ganze Stadt für sich ist das. Und drüben stehen die Bergspitzen der Alb, die Wahrzeichen Reutlingens, vor allem die Achaim. Ihre Kuppe mit der Ruine, so versichert der Oberbürgermeister, ist im Besitz der Stadt und steht unter Denkmalschutz. Damals, als der in Altshausen lebende Herzog von Württem- j berg. diesen schönen stolzen Berg ver- I
kaufte, stand zur Debatte, ob er — zwecks „Erschließung“ seines Gesteins — abgetragen werden solle. Der Streit darum hat sich gelegt. Die Achaim, einst Sitz der ersten „Stadtoberhäupter“, der Grafen vom Achaim, bleibt stehen, sie gehört heute mit dem dazugehörigen Gut einem Schäfer. Tatsächlich würde etwas cm Bild Reutlin gens fehlen. Dies spürt man instinktiv bei einem Rundblick auf die Stadt, wie er sich etwa vom obersten Stockwerk des Spendhauses aus bietet. Im Schatten der Achaim duckt sich das so quicklebendige Städtchen. Rund um den Weibermarktplatz und die Marienkirche, mitten in der Wilhelmstraße: Hier pulst das Leben, und man merkt, daß geschafft wird wie einst zur Zeit der Färber und Gerber, so heute in den zahlreichen Fabriken, die eine vielfältig spezialisierte Industrie darstellen: Textil, Maschinen- und Werkzeugbau, Papierherstellung und -Veredelung, Papierhülsen und -spulen. Die beiden letztgenannten Branchen erzeugen rund 60 Prozent der deut schen Gesamtproduktion. Das staatliche Textiltechnikum ist in seiner Art führend in der Bundesrepublik.
Vor hundert Jahren, als Reutlingens größter Sohn, der National - Oekonom Friedrich List — dessen Archiv in der Nähe des Spendhauses ist — seinem Leben ein Ende machte, hatte die Achalmstadt erst 12 000 Einwohner. Heute sind es 50 000.
Das Fachwerk des Spendhauses dokumentiert nach außen die Tradition der Stadt. Im vorzüglich renovierten Inneren findet heute die Kunst ihr Heim. Wechselnde Ausstellungen sprechen vom Kunstsinn der Stadtväter. Gerade in diesen Wochen machen hier wieder ganz ausgezeichnete Arbeiten heimischer Künstler von sich reden, so Aquarelle von Irene Widmann , reiche impressionistische Farbskizzen von Kurt Winkler und vor allem das in dunklen Erdtönen gehaltene Erntebild von Anton Geiselhart. Dieses Reutlingen ist auf dem Weg, eine moderne Großstadt zu werden. Dies mitzuepleben, gehört zu den Aü - j genblicken, die das Wachsen einer neuen I Welt zum Bewußtsein bringen.
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Vor kurzer Zeit flog irgendwo ein Huhn in ein Finanzbüro und legte in die Briefablage ein frisches Ei, worauf ich frage: welch Leddmotiv bewog das Huhn, hier den Behördengang zu tun? Erfüllte es wohl achtungsvoll auf diese Art sein Steuersoll?
Ich kam auf die Idee dabei, es geht um das Columbus-Ei, den langersehnten Neujahrstreffer für Herrn Finanzminister Schaffer, der, wenn er dieses Ei verschlingt, das Zauberkunststück fertig bringt, gleichzeitig nicht im Stich zu lassen den Bürger wie des Staates Kassen.
Das fremde Mädchen Julia
Beryll Termeulen aß mit großem Appetit. Um sie herum saßen Marktleute, Viehhändler, Fischer, müde Bauernfrauen, ihre kleinen schlafenden Kinder auf dem Schoß.
Die Männer saßen unter eich, sie tranken ihren Wein; breit über den Tisch gelehnt, sprachen sie von Geschäften.
Beryll zerschnitt zuletzt einen Apfel auf dem Teller, am Gelenk blitzten die goldenen Zeiger ihrer kleinen Armbanduhr.
„Die Rechnung, liebes Kind, ich muß zum Zug!“
Saskia kritzelte mit lahmen Fingern Zahlen auf den Block, das Herz pochte ihr im Halse. Sie dachte ratlos: jetzt geht sie gleich zum Zug.
Beryll bezahlte, sie hatte lässige Bewegungen dabei, der Wadtländer war gut gewesen, ein bißchen schwer für diese Mittagsstunde... sie schob Saskia fünf Franken Trinkgeld hin: „Uebrigens: Sie erinnern mich an jemand, ich glaube fast, an ein kleines Mädchen... “
Saskia stütze sich mit beiden Händen auf den Tischrand. Sie sah Beryll mit einem fremden, kleinen, sehr sonderbaren Lächeln ins Gesicht.
„Tante Beryll — ich bin das kleine Mädchen!“
Die vielen Stimmen summten plötzlich fern, wie hinter einer Wand. Der Raum begann sehr sanft und leicht zu schwingen. Von sehr weit hörte Saskia ihren Namen: ,.Saskia Raet?“
Es klang ganz fassungslos. Saskia nickte, einmal, zweimal. „Ja wirklich! Ich habe dich gleich erkannt, obwohl es schon so ! lange her ist! Du "kannst mir glauben, daß ich Saskia bin, du weißt doch, Onkel Baptist ... Du warst ein paarmal mit mir Schokolade trinken ... einmal hast du mir «in blaues Kleid geschenkt, blau mit sand- |
färbenen Tupfen. Aber Tante Konstanze erlaubte nicht, daß ich es anzog, nicht wahr, du weißt das doch?“
„Bei Gott , ich weiß es“, sagte Beryll Termeulen. „Es ist toll. Wie kommst du denn hierher?“
Saskia stützte sich fester auf den Tisch: „Ach, Tante Beryll — das war ein weiter Weg!“
„Das scheint mir auch, meine Kleine! Hör zu, Saskia, ich muß in zehn Minuten fahren, verstehst du mich, ich muß, man erwartet mich. Aber ich komme wieder, morgen, übermorgen, oder du kommst zu mir, oder wir machen irgendetwas... {nein Gott, das ist ja, um ein Rad zu schlagen! Bist du allein hier? Oder hast du jemand? Bist du verheiratet? Nein, sicher nicht, du bist ja noch ein Kind! Wieso, zum Teufel, bist du nicht in Gent ?“
„Ich bin davongelaufen“.
Beryll stand auf. Sie war kleiner als Saskia, eine reife, blühende Frajj. die ihre warme Hand unter Saskias Kinn schob: „Du also auch, das muß besprochen werden, hörst du? Ich laß dich nicht mehr los! Ich muß sehr vieles wissen! Nur heute nicht, mein Süßes, heute nicht... Vielleicht am nächsten Montag,... am Montag komme ich ganz schnell mal rüber, wir treffen uns, oder ich hol dich ab... Wann hast du frei? Du kannst doch freibekommen?“
„Zwischen sechs und acht immer, Tante Beryll“.
„Großartig, einzig, dabei bleibt es. Also am Montag, Kleine! Sie ist davongelaufen, herrlich! Du könntest meine Tochter sein. Um Himmelswillen, ich krieg den Zug nicht mehr. Leb wohl, auf Wiedersehen!“
War das ein Kuß gewesen? Eine Umarmung? Der Duft von Chypre, ein Hauch sehr weicher Lippen auf der Stirn, die Nähe einer warmen, wundervollen Haut? Das war Beryll — wirklich Beryll Termeulen!
Hinter dem Büfett rief die Chefin gereizt zum drittenmal:
„Juliette, das Essen für Tisch vier und acht! Mein Gott, so kommen Sie!“
„Ich komme“, sagte. Saskia, sie räumte ab, ohne es zu wissen. Auf dem Tisch lag Geld, fünf Franken waren für sie... und eine kleine schwarze Puderdose, die Beryll vergessen hatte...
In der Nacht zum Montag regnete es. Am Morgen war der Himmel wieder klar, aber die Luft blieb abgekühlt und schwach durchwindet. Eine dünne Feuchtigkeit ließ die Gebirge um den See verwölkt und fern erscheinen.
Es kam Saskia kaum faßlich vor, daß Beryll Termeulen gekommen war, daß sie wirklich Wort gehalten hatte. Sie sah sie immer wieder von der Seite an und fand Zug um Zug des einmal jäh verschwundenen Gesichts.
Beryll trug über einem weißen Kleid einen zitronengelben Automantel, unter dem durchsichtigen Kopftuch leuchtete ihr Haar. Sie hatte auch heute „nur eine halbe Stunde Zeit“, sie wollte nach Montreux weiter, der Baron von Kloth fuhr sie hinüber, ein kleiner baltischer Baron, der ihr den Hof machtet Wahrscheinlich machten ihr viele den Hof, sie sah sehr hübsch und sehr gepflegt aus. Die Jahre waren ihr unterlegen.
„Ich mache keinen Gebrauch von meinem Alter“, lachte sie, „aber du mußt erzählen, Saskia, du mußt mir viel erzählen! Darum kam ich doch her, nicht wahr? Ich will doch wissen, was bei euch... was mit dir los ist. Ich finde dich ja toll — einfach davonzulaufen!“
Sie legte den Arm leicht um Saskias Schulter. Sie gingen einen schmalen Uferweg zum See hinunter, Gras überwucherte seine Ränder, sehr alte Ulmen beschatteten ihn mit breiten Aeerten
„Wie geht es dir denn. Mädchen, was machst du eigentlich? Du bist Saaltochter? Das ist doch kein Beruf für dich, gehörst
du da hinein? Spielst du Romane, Saskia? Ich bin gewiß nicht neugierig, aber wie kommst du denn in diese Brasserie?“ Saskia antwortete leise: „So viele Fra- den, Tante Beryll! Man kann auf alle nicht gleich antworten. Verzeih, aber ich kann das wirklich nicht! Ich bin schon Saaltochter, es stimmt, aber ich bin es eigentlich gar nicht — verstehst du, es ist alles wie hinter Glas, wie hinter einer Wand, ich seh‘ mir selber zu und weiß noch nicht, wie lange ... und was dann kommt.“
Sie blieb plötzlich stehen, wandte das Gesicht zu Beryll , ein blasses, von innen her durchfiebertes Gesicht, in dem die Augen brannten: „Du wirst mich nicht verraten, Tante Beryll! Nein, du nicht! Sag“ mir, das du mich nie verraten wirst!“ Beryll ließ den Arm von ihrer Schulter sinken, sie sah ein wenig ratlos aus, ein kleines Befremden war in ihrer Stimme:
„Natürlich nicht! Aber warum denn? Ich begreife überhaupt noch nichts, mir ging es einmal ähnlich, auch ich lief davon, ich weiß nicht, was man dir erzählt hat, du warst ja damals selber noch ein%Cind, ein kleines, jammervoll mageres und verstörtes Mädchen. Du hast mir immer furchtbar leid getan“.
Saskia fragte mit kleiner spröder Stimme: „Hast du meine Eltern gekannt, Tante Beryll?“
„Ja, natürlich, ich habe deinen Vater spielen sehen, ein oder zwei Male vielleicht, ich war ein Badefisch damals, aber ich fand, er spielte wundervoll! Später stand ich am Bühneneingang und wollte ein Autogramm, oh, ich war nicht die einzige, die da stand, die Frauen liefen alle hinter ihm drein, er hätte sehr viel haben können! Ein paar Jahre nachher nahm er dann deine Mutter —, ich habe sie heimlich besucht, die beiden, stell* dir vor, so ein Schaf war ich damals, daß ich noch alles heimlich tat“.
Sie ging mit Saskia Arm in Arm. Der Wind trug ihnen einen kräftigen Duft von
Schilf und Wasser entgegen. Man hörte den See hinter den Binsenfeldern.
„Wie lebten meine Eltern miteinander?“ fragte Saskia, „ich habe niemals jemand darnach fragen können. Sie waren ja für mich zehnfach gestorben!“
Beryll stieß mit der Schuhspitze einen Kiesel vom Weg. Sie drückte Saskias Arm ein wenig stärker: „Ich weiß, sie sind schon eine Bande, die Raets, sie sind Amphibien, weißt du. Kaltblüter, Gott will es, daß eie keine Kinder kriegen. En hat sie, glaube ich, nicht aus Lehm gemacht, sondern aus Gips! Deine Mutter war übrigens eine süße Frau, du bist sehr ähnlich. Schade, daß du nicht ihr Haar behalten hast. Sie liebten sich abgöttisch, ich sah so etwas nie nachher, ihr Glück war heimtückisch, weil es zu groß war!“
„Weil es zu groß war“, wiederholte Saskia. Ihr Lächeln streichelte eine Frau, die tot war; wie gut, daß sie im Glück starb, ja, wie gut...
Der Schnee schäumte kleine gäschtzak- kige Wellen hoch, er spielte aus einem stumpfen Gelb in ein kristallenes Grün hinüber, der Wind bewegte die Schdlfhalme am Ufer mit kurzen, flachen Stößen. „Warum bist du davongelaufen, Saskia?“ Beryll fragte es noch einmal. Ihr Mantel blähte sich wie eine goldehe Frucht. Sie standen dicht am Ufer, verirrter Wellenschaum überspülte die Spitzen ihrer Schuhe.
„Ich bin davon.gelaufen v weil ich deinen j Mann heiraten soll!“
Saskia waren ihre eigenen Worte pein- j lieh. Sie dachte: .geschiedenen Mann“ hätte ich sagen sollen.
Beryll wandte ihr das Gesicht zu. Ein kurzes Flimmern durchlief ihre Augen, die j einen Augenblick fast dunkel wurden. Ihr ! Mund verzog sich schwach: „Ach so!“ Sie i knöpfte mechanisch ihren Mantel zn, an ihren Fingern blitzte das Spiel der Ringe.
I (Fortsetzung folgt)