TAGESZEITUNG DER DEMOKRATISCHEN PARTEI FÜR BADEN

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NB. 17/3. JAHRG.

A 8 DONNERSTAG, DEN 10. FEBRUAR 1949

PREIS 20 PFENNIG

Viermal

:htesBesprechungen über Oesterreich

in London

Sowjetische Haltung Gradmesser für Bereitschaft des Kremls an einer Verständigung / Kein übertriebener Optimismus bei West-Alliierten

Zwölf südbadische Firmen auf dem Kompensationswege von Demontagen ausgenommen — Robert Schuman über Kehl — Verstaatlichung der Treuhhandbetriebe in OstsBerlin — Wiederaufnahme der BesatzungsstatutsBesprechungen

London . Die Vereinigten Staaten , Groß­ britannien , Frankreich und die Sowjetunion nahmen am Mittwoch die Besprechungen über den österreichischen Staatsvertrag wieder auf. Sollten die Besprechungen erfolgreich verlau­fen, so wird der zur Zeit in London weilende österreichische Außenminister Dr. Karl Gru- ber wahrscheinlich zu den Beratungen her­angezogen werden.

Die Konferenz war im Mai 1948 nach 110 Sitzungen, hauptsächlich wegen der Unter­stützung' der jugoslawischen Reparations- und Gebietsforderungen an Oesterreich , durch die 'Sowjetunion , abgebrochen worden. Im ^Dezember 1948 hatte die österreichische Re­gierung die Wiederaufnahme der Bespre­chungen angeregt und die Zustimriiung der ’ beteiligten Mächte gefunden.

Mit einem ungewöhnlich großen Interesse iSehen die Westmächte und auch die Russen- block-Staaten der sowjetischen Haltung in Men kommenden Londoner Beratungen über ^Oesterreich entgegen. Nach englischer An­sicht wird die Haltung der Sowjetunion symp­tomatisch sein für die vom Kreml hinsicht­lich Deutschland geplante Politik. Ein be­sonders interessanter Punkt ist die Zurück­ziehung der Besatzungstruppen aus Oester­ reich im Verlaufe von 90 Tagen im Falle einer Einigung über den Staatsvertrag. Diese Bestimmung findet sich auch in den Friedens- Verträgen mit Italien , Ungarn und Rumänien .

Die Russenblock-Staaten sind besonders an der "Moskauer Haltung gegenüber den jugo­

slawischen Forderungen interessiert. Wenn der Kreml aufhört, die Jugoslawen in Oesterreich zu unterstützen, dann befürchtet man in Polen und der Tschechoslowakei , daß er unter Umständen auch die polnischen bzw. tschechoslowakischen Wünsche bei e nem Friedensvertrag mit Deutschland nicht be­rücksichtigen könnte.

Vor Beginn der Verhandlungen über den österreichischen Friedensvertrag betonte man in diplomatischen Kreisen, daß sie einen

deutlichen Gradmesser dafür geben wer­den, inwieweit Sowjetrußland wirklich bereit ist. mit den Westmächten zu einem Arrange­ment zu gelangen und zur Herstellung eines wirklichen Friedenszustandes in Mitteleuropa beizutragen. Angesichts der russischen De­marchen in Oslo und der gegen den Atlantik - Pakt entfesselten Kampagne der Moskauer Regierung ist man nicht übertrieben opti­mistisch. Man glaubt jedoch, daß eine Klä­rung der Positionen erfolgen wird.

Lebenslänglich Gefängnis für Mindszenty

Die freiheitliche Welt protestiert gegen das Urteil

Budapest . Der Budapester Volksgerichtshof sprach am Dienstag gegen Kardinal Mind- szepty lebenslängl che Gefängn sstrafe aus. Außer der lebenslänglichen Gefängnisstrafe erkannte der Budapester Volksgerichtshof im Urteil gegen Mindszenty auf Einzug des ge­samten Vermögens und den Verlust der bür­gerlichen und politischen Rechte.

Die Urteile für die weiteren Angeklagten lauten für: Baranyi 15 Jahre Gefängnis und 10 Jahre Ehrverlust, Dr. Z a k a r 6 Jahre Gefängnis und 10 Jahre Ehrverlust, Fürst Esterhazy 15 Jahre Gefängnis und 10 Jahre Ehrverlust, Dr. Nagy 3 Jahre Gefäng­nis und 5 Jahre Ehrverlust, Pater Ispanky lebenslängliches Gefängnis und 10 Jahre Ehr­

Sechspunkteprogramm für ERPsLänder

Hoff mann vor außenpolitischem Ausschuß beider Häuser des Kongresses

Washington . Marshall-Plan-Administrator •Paul G. Hoffman hatte in der gemein- jfeamen Sitzung .der außenpolitischen Aus­schüsse beider Häuser des Kongresses ein Sechspunkteprogramm vorgelegt, in dem die wichtigsten Maßnahmen aufgeführt sind, die von den europäischen Ländern zum Wieder­aufbau ihrer Wirtschaft durchgeführt werden sollten. Hoffman sprach aus Anlaß der Aus­schußberatungen über die Bewilligung wei­terer ERP-Mittel für die 15 Monate bis 80. Juni 1950.

Die europäischen Länder sollten nach Hoff­man:

1. sich energisch um die Stabilisierung ihrer Währungen und die Eindämmung der Inflation bemühen. Zu diesem Zweck seien Wirkungsvollere Steuern und ausgeglichene Haushalte und Investitionsprogramme erfor­derlich,

2. den Export durch erhöhte Schichtleistun­gen, Herabsetzung der Preise und bessere Verkaufsmethoden steigern,

3. sich mehr als bisher um die Erschließung von Bezugsquellen für solche Einfuhren be­mühen, die Europa nicht mit Dollar bezahlen kann,

4. den intereuropäischen Handel energischer fordern,

5. Informationen über die Investitionspläne und den Investitionsbedarf austauschen und

6. alle nichtlebenswichtigen Importe weiter einschränken.

Europa müsse der Gefahr Vorbeugen, nach Ablauf des ERP eine plötzliche und erhebliche Verringerung seiner Importe zu erleiden. Die wichtigste vorgeschlagene Aenderung bezüg­lich der Verteilung der angeforderten Mittel in Höhe von 5,34 Milliarden Dollar betrifft ihre Aufteilung in Anleihen und Zuwendun­gen. Während bisher 20 Prozent der Mittel als Anleihen vergeben werden mußten, möch­te in dem neuen Rechnungsjahr die ERP-Ver­waltung ohne jede Bindung darüber ent­

scheiden können, inwieweit Anleihen oder Zuwendungen gewährt werden.

In seinen weiteren Ausführungen wies Hoff- mann darauf hin, daß das europäische Wie­der aufbauprogramm die freiheitlichen Kräfte in Europa bereits gewaltig gestärkt habe. Da­bei bezog er sich vor allem auf die italieni­ schen Wahlen und den Mißerfolg der Streik­bewegung in Frankreich . Es sei durchaus möglich, daß die wirtschaftliche Zusammen­arbeit auch auf anderen Gebieten zu einem erfolgreichen Zusammengehen führe. Die ge­meinsam ergriffenen Maßnahmen zur Ver­wirklichung des wirtschaftlichen Wiederauf­baues könnten die Grundlage für ein weit grö­ßeres Gebilde abgeben: die ständige enge Vereinigung der freien Nationen Europas . Mit einem Hinweis auf die Kosten, die ein neuer Weltkrieg verursachen würde, fügte Hoff­man hinzu: „Falls dieses Programm uns Frieden und stabile Verhältnisse bringt — und ich glaube zuversichtlich daran, daß dies eintritt —, wird es sich als das größte Ge­schäft erweisen, das das amerikanische Volk jemals gemacht hat.

Verlust, Dr Toth 10 Jahre Gefängnis und 10 Jahre Ehrverlust.

Der Papst wird, wie am Dienstag aus gut unterrichteten Kreisen des Vatikans verlautet, gegen die Verurteilung des Primas von Un­ garn Protest einlegen. Sobald genaue Berichte aus Budapest vorliegen, werde der Heilige Stuhl im. Namen der gesamten katholischen Kirche offiziell Stellung nehmen.

Pater R i q u e t, Prediger von Notre Dame , der während des Krieges in einem deutschen Konzentrationslager inhaftiert gewesen war, erklärte in Paris , das Uiteil müsse das Gewis­sen jedes Menschen, wachrütteln. Es müsse vor allem die Entrüstung derer hervorrufen, . dis Zeugen und Opfer des Naziterrors gewe­sen seien und geschworen hätten, daß Derarti­ges niemals w.eder geschehen sollte.

Nach Ansicht diplomatischer Beobachter in London ist das Urte 1 das zwangsläufige Er­gebnis eines Prozesses, der offensichtßch in erster Linie ein pol.tisches Ziel verfolgt hat: Jede weitere oposit'onelle Tätigkeit in Ungarn auszuschalten und das Land von jeder Berüh­rung mit den Westmächten, außer der rein diplomatischen, abzuschließen.

Ein Sprecher des brit’sehen Außenminister!* ums gab einer New Yorker Rundfunkmeldung zufolge am Dienstag bekannt, daß Großbrita- nien bei der amerikanischen Reg erung hin­sichtlich eines eventuellen gemeinsamen Vor­gehens im Falle Mindszenty vorstellig gewor­den ist.

' Der ungarische Generalkonsul in New York gab am Dienstagabend bekannt, daß er und sein Stäb aus Protest gegen die Aburteilung Kardinal Mindszentys zurückgetreten sind.

Der demokratische Abgeordnete Somers forderte in einer Resolution an den außenpo­litischen Ausschuß des amerikanischen Reprä­sentantenhaus am Dienstag den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Ungarn aus Protest gegen die Ver­urteilung Kardinal Mindszentys.

Kardinal Mindszenty legte nach einer Mel­dung des französischen Rundfunks am Diens­tagabend Berufung ein gegen das Urteil.

Deutschlandfrage muß zuerst gelöst werden

Frankreichs Außenminister über Bedingungen für Viermächte-Besprechungen

Paris . „Die jüngsten Erklärungen Stalins“, sagte der französische Außenminister Schu­ man auf einer Pressekonferenz, „bringen keine Erleichterung“. Die Arbeit des Parla­mentarischen Rates in Bonn , die Vorbereitung einer Verfassung für Westdeutschland , könne nicht als Bedingung für Viermächtebespre­chungen zu einem Zeitpunkt eingestellt wer­den, zu dem die Blockade Berlins noch nicht aufgehoben ist. Der französische Außenmini­ster vertrat die Ansicht, daß, um die gegen­wärtigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Großmächten zu beheben, zunächst die Deutschlandfrage gelöst werden müsse. Dabei

Botschaftertreffen in Washington

Um das nordatlantische Verteidigungsbündnis

Washington . Das amerikanische Außen­ministerium hat am Dienstag zu einer Bot­schafterkonferenz der Staaten eingeladen, die an den Verhandlungen über ein nordatlan- Msohes Verteidigungsbündnis teilnehmen. Der norwegische Außenminister Halvard Lange Weilt zur Zeit zu diesbezüglichen Besprechun­gen in Washington .

Die Botschafterkonferenz fand am Diens­

tagabend statt. Obgleich über den Zweck der Sitzung nichts bekannt wurde, wird den­noch angenommen, daß Außenminister Dean A c h e s o n mit den Botschaftern Fragen be­sprechen könnte, die ihm der norwegische Außenminister Lange gelegentlich seines Be­suches in Washington , vorgelegt hat. Nor­ wegen soll u. a. angefragt haben, ob über­haupt und welchen Schutz es als eventuelles Mitglied des Atlnntikpaktes erwarten könnte.

sei Berlin das heikelste Problem, das aber auch am leichtesten zu lösen sei, da es eine rein technische Frage sei.

Der französische Außenminister befaßte sich weiter mit den Problemen der europäischen Union, Er war der Ansicht, daß die beratende Versammlung bereits im April dieses Jahres konstituiert sein könnte und daß sie mehr als hundert Abgeordnete umfassen würde.

Zur Frage der möglichen Kandidaten für die europäische Union sagte er, „wir stehen vor etwas Unbekanntem“. Gewisse Staaten, die um ihren Status der Neutralität besorgt sind, werden noch zögern. Man müsse sorg­fältig sondieren, um keine Absagen zu erhal­ten. Prinzipiell wende sich die europäische Union an alle europäischen Staaten. D.e Fra­ge einer eventuellen Teilnahme Spaniens und Portugals muß seiner Ansicht nach sorgfältig überlegt werden. Da aber die europäische Union eine demokratische Organisation sei, sei anzunehmen, daß d e daran te'lnehmenden Länder eine demokratische Struktur haben müßten. Auf eine mögliche Beteiligung Deutschlands eingehend, warf Schuman d e Frage auf, ob die westdeutschen Länder ein­zeln vertreten sein sollten. Es wäre logischer, die Bildung einer westdeutschen Bundesregie­rung abzuwarten. ..

Ministerialbürokratie mißachtet Landtagsbeschluß

Von Bürgermeister Stahl, M. d. L., Titisee

Es handelt sich nur um Hühnereier, eine im großen .Weltgeschehen gewiß nicht über­wältigende Angelegenheit. Und doch kann man ob der „Verwaltung“ der südbadischen Hühnereier durch die Ernährungsabteilung des Landwirtschaftsministeriums nicht ein­fach zur Tagesordnung übergehen, denn die Hühnereierpolitik des Ministeriums steht im Gegensatz zu einem 'Landtagsbeschluß vom 21. Juli 1948.

Wie war es? Am 13. April 1948 stellte die demokratische Landtagsfraktion einen Antrag, der lautete:

„Die Regierung wird ersucht, im Inter­esse der Verbesserung der Ernährungs­lage, wieder, wie früher üblich, pro Kopf des hühnerbaltenden Haushaltes die Haltung eines Huhnes ohne Eierabliefe­rungspflicht zu gestatten.“

Der Antrag wurde im Landtag ein­stimmig angenommen. Nach demokrati­schen Regeln hätte dieser angenommene An­trag die Grundlage für die Eierversorgung für das Jahr 1949 werden müssen. Doch was be­stimmt die dem Landtagsbeschluß mißachten­de Anordnung des Herrn Landwirtschaits- ministers Kirchgäßner vom 16. Dezember 1948, die am 4. Februar 1949 endlich den Ge­meinden des Kreises Neustadt zugestellt wurde: „Das Ablieferungssoll darf für die Selbstversorger 60 Eier pro Huhn, für die Teilselbstversorger 45 Eier pro Huhn, für die Normalverbraucher 20 Eier pro Huhn nicht überschreiten.“ Also genau die gleiche Regelung wie 1948,' mit der kleinen Aus­nahme, daß hühnerhaltende Normalverbrau­cher pro Huhn ganze 35 Eier weniger ablie­fern müssen. Noch haben wir damit im Lande Südbaden für 1 9 4 9 eine schlechtere Rege­lung für die Hühnerhalter wie sie bereits 1948 Nordbaden hatte (herrlicher Erfolg der Klein­staaterei!). Dort hatte der hühnerhaltende Normalverbraucher pro Huhn bereits 1948 nur 10 Eier abzuiiefern und vom beibstver- sorger verlangte man nur 50 Eier.

Dem Faß wird aber der Boden ausgeschla­gen, wenn man in aer Kunavertügung Nr. 7 der unteren Ausiührungsorgane lesen muß, wie die Lmiagenune errechnet wird. Da ver- steigc sich die Eriassungsburokrawe zu einer Kuunheit, wie sie dreister ment meur eirun­den' werden kann. Um ein reent hones Eiersoil zu erreichen» dessen Nichterfüllung alsdann den Hof­kontrollen Tür und Tor öffnet, schlagt die Bürokratie zum üe- fiugeizähiungsbestand vom 3.De­zember 1948 einfach 55 Prozent dazu und verlangt von dibser ge­dachten Hühnerzahl die Abliefe­rung. Die Beurteilung eines solchen Ver­fahrens .überlasse icn der Oeifentiichkeit. Die Bauern und Hünnerhalter mögen sich trösten, daß dies die letzten Zuckungen einer nervös gewordenen Zwangsbe wirtschai tung sind.

Was aber wird nun das Ergebnis dieses sturen Festhaltens an der mehr wie lOOpro- zentigen Zwangsbewirtschaftung der süd­badischen Eier und Hennen sein? Wenn alles gut geht und die verärgerten Bauern den Hennen nicht die Köpfe abschlagen, dann werden den Normalverbrauchern etwa zwei Dutzend Eier für ein Jahr, also zwei Eier pro Monat zugeteüt werdm können, als Folge (nicht des schlechten Ablieferungs­willens der Hühnerhalter) des durch diese Zwangsbewirtschaftung immer kleiner wer­denden Hühnerbestandes auf den Bauern­höfen und — was nicht übersehen werden darf — bei den auf Rassegeflügelzucht ein­gestellten Züchtern und Geflügelfarmen. Mit einer Zuteilung von 24 zwangsbewirtschafte­ten Eiern pro Normalverbraucher läßt sich auf die Dauer der Zeit aber auch keine Zwangsbewirtschaftung mehr verteidigen. Das sollten sich auch einmal die Hausfrauen überlegen. Wollen diese mit einer solch kleinen Zahl von Eiern, die ihnen die Zwangsbewirtschaftung nur garantieren kann, ewig zufrieden zu sein? Es ist schon so, wenn Bewirtschaftung das zu bewirtschaftende Gut immer mehr verk'einert, dann hat die Bewirtschaftung ihren Zweck verfehlt.

Das Problem bleibt die Hühner zu ver­mehren und nicht durch Zwangsmaßnahmen