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Mittwoch, 5. Juni 1946

DER START

Nummar 27, Seite 7

600 Jahre Michelsberg-Kapelle

1346 erstmals urkundlich erwähnt — Das Werk Kardinal Schönborns

Bergbauer am Dengelsiock

Foto: Döring

Stell.

Jugend im „Figaro"

Eine Veranstaltung des Heidelberger Jugendrates

Das war ein festlicher Sonntagmor­gen für die Jugend im Heidelberger Stadttheater! Draußen regnete es in Strömen, aber drinnen war der frohe Zauber der Musik des unsterblichen Wolf gang Amadeus Mozart . Der fest­lich-frohe Glanz der Musik und der feierliche und schöne Wohllaut der Stimmen erfreute die Herzen der jun­gen Menschen. Sie nahmen die Freude dieser Stunden hinaus auf die Straßen, unbekümmert um den Regen, und nehmen den beschwingten Frohsinn der Melodien hinein in die Betriebe, in die Kontore und in die Schulen,

Der Jugendrat der Stadt Heidelberg schenkte der Jugend mit dieser ersten Oper einige frohe Stunden und’ das Opernensemble, sowie das Orchester unter Leitung von Musikdirektor Henn taten ihr Bestes, der Jugend eine gute Aufführung zu bieten.

Der Jugendrat wird sich auch in Zukunft bemühen, der Jugend Bil­dung und Wissen, Freude und Froh­sinn zu vermitteln. Die Kunst soll der Jugend gehören. Alle geistigen und künstlerischen Schöpfungen der

menschlichen Kultur gehören der Ju­gend. An ihnen soll sie sich wieder aufrichten und hinfinden zu den ewi­gen Quellen des Lebens. Alles Große und Schöne begeistert und „alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden". (Goethe.)

Mögen der feenhafte Zauber und der traumzarte Klang der Melodien dieser Oper noch lange in den jun­gen Herzen nachschwingen und nach­klingen in manche schwere und not­volle Stunde des Alltags hinein!

b-n.

gibt bekannt

1. Die Kurse laufen weiter.

2. Zu den Volkstanzkursen werden noch Meldungen entgegengenommen:

Helmholtzschule, Mittwochs und Samstags, 16—19 Uhr für Jugendliche, 18—20 Uhr für Erwachsene.

(Vgl. den Aufsatz ,,Die Steinzeit auf dem > Michelsberg" in-unserer letzten Ausgabe.) j

Es ist nicht verwunderlich, daß \ sich seit Menschengedenken in der Nähe der uralten Siedlung auf dem Michelsberg auch ein Heiligtum be­fand. Wenn nach der Christianisie­rung des Landes gerade der Erz­ engel Michael zum Patron der Berg­kirche bestellt wurde, so könnte man vermuten, daß in früherer Zeit ein Dämon oder Drache dort oben angst­volle Verehrung genoß, dessen Über­windung dem drachentötenden En­gel zugeschrieben und jährlich von allem Volk gefeiert wurde. Schon lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung dieser Kapelle im Jahre 1346 ist davon die Rede, daß das „Engelhofgut“ auf dem Berg bei Un­ tergrombach unter Bischof Sigibodo von Speyer (1039—1051) der dor­tigen Domstiftung Übermacht wird. Vielleicht hat auch in der Zwischen­zeit, während römische Legionen den Berg als Vorpostenort benutz­ten, der aus Persien gekommene und in der Armee der späten Kaiser­zeit hochverehrte Lichtgott Mithras dort oben Altar und Heimrecht ge­nossen, wo die Sonne von ihrem Aufgang bis zum Untergang unge­brochen und ungehindert ihre Strah­len auf die Höhe werfen kann.

die Kapelle des Mittelalters

Eigentlich nur durch einen Zufall hört die Nachwelt im Jahre 1346 zum ersten Male in einer schrift­lichen Überlieferung von der Ka­pelle auf dem Michelsberg. Sicher gab es schon lange zuvor ein christ­liches Heiligtum auf dieser uralten Kultstätte, denn allüberall wan­delten die Missionare heidnische Überlieferungen mit klugen und ehr­fürchtigen Händen in Zentren des neuen Glaubens um. Deshalb stimmt die Überschrift über diesen Zeilen im Grunde gar nicht; aber die me­thodische Strenge der Geschichts­wissenschaft gestattet ein sicheres Rechnen mit solchen Gegebenhei­ten erst von der frühesten urkund­lichen Erwähnung an; und so haben wir in diesem Jahre allen Grund, das sechshundertjährige Jubiläum der Kirche auf dem Michelsberg zu begehen und dabei auch der man- . nigfachen, .ynd. wechselvollen Schick- ' säler'.zu gedenken, die in -mehr- als einem halben Jahrtausend über die Kapelle auf dem Berg hinweggegan­gen sind.

Im 15. Jahrh. erlebte das Land am Oberrhein eine hohe wirtschaftliche Blüte. Der tatkräftige Fürstbischof Matthias Rammung von Speyer er­stehe ebenso wie in Waghäusel auch auf dem Michelsberg anstatt der bis­herigen Holzkapelle eine solche aus Stein. Der Baumeister der alten go­tischen Pfarrkirche von Untergrom­ bach

, Hensel Frosch, wurde auch der i Vater der Bergkirche, die etwa 20 m lang, 6 m hoch und ebenso breit war. Die Wirren des 16. Jahrh., der 30 jährige Krieg und die ewigen Grenzkämpfe am Oberrhein in den danach folgenden hundert Jahren brachten in dem allgemeinen Nie­dergang des Landes auch dem Mi­chelsberg nur Schaden und Ver­wüstung.

Das Hochstift Speyer , zu dem Kraichgau und Bruhrain reehtsrhei-

*!

Die Kapelle auf dem Michelsberg

nisch gehörten, wurde in diesen trü­ben und unruhigen Zeiten meist von Mainz oder Trier aus mitverwaltet, da die dortigen Kurfürsten das Speyrer Bistum als Zugabe ihrer Herrschaft betrachteten. Die Statt­halter in Speyer , häufig mehr auf den eigenen Vorteil als auf den ohnedies schwierigen Wiederaufbau des Landes bedacht, konnten sich gegen die tausend Widerstände auch gar nicht durchsetzen.

Kardinal Schönbon»

So bedurfte es einer Persönlich­keit von außergewöhnlicher Tatkraft und großer wirtschaftlicher Bega­bung, um das Geschick zu wenden. Dieses Glück wurde unserer Heimat 1 1719 durch die Thronbesteigung des Kardinals Schönborn zuteil. Mit einem schon für die Zeitgenossen verblüffenden Schwung riß er das Steuer der dem völligen Chaos zu­strebenden Entwicklung herum und versetzte in seiner kaum ein Viertel­jahrhundert währenden Regierungs­zeit das Land in einen Zustand hoher Blüte auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Das Bruch- saler Schloß, die Eremitage in Wag­ häusel

, Kislau und viele andere Bauten zeugen für den Kunstsinn und die Finanztüchtigkeit des Bau­herrn. Dabei ging dies alles nicht etwa auf Kosten der Untertanen vor sich, etwa durch Fronleistungen oder erhöhte Steuern, sondern durch plan­mäßige Exportpolitik mit den Gü­tern des Landes; Wein und Korn, und durch systematische Ertragsstei­gerung auf den staatlichen Gütern, die Graf Sehönbron rationell be­wirtschaften ließ.

Charakteristisch für seine unmit­telbare Art, die Dinge anzupacken, sind die Vorgänge auf dem Michels­berg: Der 66jährige fuhr eines Ta­ges kurzerhand auf den Berg, um sich von der traurigen Lage zu über­zeugen. Ein paar Tage später gingen die ersten Anordnungen für den Wiederaufbau ins Land. Er selbst stiftete aus eigener Kasse 400 Gul­den (etwa 8000 Mark) und ließ durch seinen Hofmaler Ulrich Brandmeier drei Altarbilder malen.

Verfall und Wiederherstellung

So kam die hübsche, große Kirche bald unter Dach, betreut von zwei Kapuzinern ’ aus dem Bruchsaler Kloster. Erst die Säkularisation im Jahre 1803 änderte diesen Zustand. Der Staat veräußerte Kapelle und Wohnhaus an zwei Bürger, die in der Kirche eine Bäckerei und eine Schmiede einrichteten und dadurch die wertvolle barocke Inneneinrich­tung vernichteten. 1857 kaufte der damalige Untergrombacher Pfarrer Kling das Gebäude zurück und ließ es notdürftig wieder herstellen. Erst 1907 wurde eine durchgreifende Re­stauration möglich.

Noch einmal, im Jahre 1924, schien dem Michelsberg eine besondere Blüte bevorzustehen. Die Beuroner Benediktiner faßten den Plan, hier eine Niederlassung zu gründen. Die­ses Unternehmen wurde auch am 29. Sept. 1924 unter großer Feierlichkeit ins Werk gesetzt. Als sich jedoch die Schwierigkeiten für den großzügigen Ausbau häuften und sich die Ge­legenheit bot, das Stift Neuburg bei Heidelberg zu erwerben, ergriff der Orden die neue Möglichkeit, und der Michelsberg wurde wieder einsam.

Vielerlei Wechselfälle des Ge­schicks hat der Berg als treuer Wä r­ter des Landes und Freund seiner Bewohner miterlebt. Zu allen Zeiten sind Menschen zu seiner Höhe gepil­gert, um Schutz und Trost zu suchen in äußerer und innerer . Not. Dem Ausziehenden leuchtet noch immer das zierliche Kirchlein nach, wenn die Fahrt in die Fremde geht. Und den Heimkehrer grüßt der Schatten­riß der baumbestandenen Höhe un­ter dem abendblauen Himmel. So ist der Michelsberg ein Wahrzeichen un­serer Heimat geworden. obr.

Griechische Plastik / im Kulturbund

Dem Gedenken Hebels und Scheffels

Karlsruher Mannerchöre ehren das Andenken der badischen Dichfer

Im vollbesetzten Munzsaal sprach Dr. Gerhard Nestler , Karls­ ruhe , über „Griechische Plastik“. Der Vortragende verstand es in ausgezeichneter Weise, seiner inter­essierten Hörerschaft das Wesen und die Entwicklung der griechischen Kunst der Plastik von den Anfän­gen bis zur höchsten Vollendung nahe zu bringen. Darüber hinaus gab der Redner an dem Beispiel Grie­ chenlands eine Einführung in die Merkmale einer Kunstentwicklung überhaupt.

Nach einer kurzen Skizzierung der geschichtlichen Situation, innerhalb deren sich die Entwicklung dieser Kunstform in drei Epochen gliedern läßt (600 v. Chr. — 430 — 404 — 323 v. Chr.), eine Frühepocha, ein klas­sisches Zeitalter und eine Epoche der Umbildung, ging der Vortragende, imterstützt von einem sorgfältig aus­gewählten Lichtbildmaterial. auf die Charakteristik der einzelnen Epochen ein, wobei er in jedem Wort seine tiefe Liebe und Verehrung für diese Mittelmeerhochkultur, d>e emen Höhepunkt der Menschneitsgeschieh’e überhaupt darstellt, spürbar werden ließ.

In der archaischen Epoche ist die Idee größer als die künstlerische Fertigkeit und die Erfahrung von der Natur. Wie bei allen primitiven Kulturen ist das Ziel des Gestaltern eine Dämonenbeschwörung. Langsam löst sich die starre Gestalt, sie wird lebendig und bewegt, der mensch­liche Körper wird erobert, und plötz­lich ist der große Sprung zum Men­schen getan, der in der klassisch'n Periode gleich so vollendet gestaltet wird, daß für alle Zeiten ein Schön­heitsideal geboren wurde. Der voll­endete Körper ist Träger und Aus­druck einer edeln geistigen und see­lischen Menschlichkeit, eben das Ideal

des griechischen Menschen, wie ihn ein Polyklet etwa in dem Speerträ­ger schuf, um nur eine Gestalt aus der überreichen, kaum faßbaren Fülle des Schaffens dieser klassi­schen Periode zu nennen, in der ein Phydias, ein Myron und ein Polyklet die Mittel ihrer Kunst so meister­haft beherrschten, daß sie ihrer Idee absoluten Ausdruck in der Materie verschaffen konnten.

In der nachklassischen, mehr ro­

mantischen Zeit wird die Kunst Selbstzweck, wie sie sich auch nicht mehr an die Allgemeinheit, sondern an den hochkultivierten Kenner wendet. Die Könnerschaft ist nicht verloren gegangen, die Natumähe wird in immer höherem Maße er­reicht, aber die Schönheit des Stoff­lichen wird um ihrer selbst willen gestaltet. Und damit schließt sich der Ring dieser Hoch-Zeit triechi- scher Plastik.

Das Publikum dankte dem Redner für seine Ausführungen mit herz­lichem Beifall. —rn.

Johann Peter Hebel und Josef Viktor von Scheffel führen die Reihe der auf dem Boden unserer badischen Heimat gewachsenen Dichter an. Ihre Namen kündet jede Literaturgeschichte, ihre Werke und Dichtungen gehören längst zum festen und dauerhaften Bestand der deutschen Literatur.

Wir Karlsruher sind besonders stolz auf dieses Dichterpaar; denn ein Großteil ihres Lebens und Schaffens vollzog und vollendete sich in der Stadt zwischen Rhein und Turmberg. Die dankbare Bevölke­rung von Karlsruhe hat den beiden Dichtem je ein Denkmal gesetzt, für J. P. Hebel im grünen Waldes­dom des Schloßgartens, für J. V. von Scheffel auf dem idyllischen Platz zwischen Bismarck- und Jahnstraße. . Zwei unserer Karls­ ruher Mannerchöre haben es sich seit Jahrzehnten zur Pflicht ge­macht, alljährlich das Andenken an die beiden Großen heimatlicher Poesie mit eigenen Feiern zu ehren und wachzuhalten. Im schönsten Monat des Jahres, im Wonnemonat Mai, scharen sich um die sonst so i stillen Maler der beiden Dichter deren Freunde und Verehrer, um mit den Männerchören des „Lie­derkranz“ und der „Concor- d i a“ unsere badischen „Dichterfür­sten“ zu feiern und aus dem reichen Born ihrer Dichtungen neue Le­bensfreude zu schöpfen.

Zu Maienbeginn d. J. war es der „Liederkranz“, der am Hebeldenk­mal des alemannischen Volks- und Heimatdichters Lob verkündete, und am Maienende, am Christi- Himmeifahrtstag. die „Concordia“, deren Sänger sich mit Perlen Scheffelscher Poesie in die Herzen

zahlreicher Zuhörer hineinsangen. Das Kernstück der Hebelfeier bil­dete die Ansprache von Professor F 1 u c k. In gedankenreicher, von heiliger Begeisterung und dich­terischem Schwung getragenen Re­de ließ Professor Fluck die Gestalt J. P. Hebels vor dem geistigen Auge seiner Zuhörer lebendig wer­den und stellt sie mitten hinein in die Not und Drangsale unserer deutschen Gegenwart. Der Redner zeigte J. P. Hebel als 'den unver­geßlichen, Volk- und naturverbun­denen und fest in Gott verankerten Heimatdichter, als den vorbildlichen Lehrer und Pädagogen des Karls­ruher Lyceums, als den hervor­ragenden Prälaten der evangeli­schen Landeskirche, als Brücken­bauer von der Natur zur Ubernatur und Wegbereiter aus einer schwe­ren Vergangenheit in eine lichtere bessere Zukunft.

Bei der Scheffelfeier ließ Staats­schauspieler P r ü t e r mit seiner bekannten gediegenen Vortrags­und Sprechkunst den „Trompeter von Säckingen“ zu dramatischer Le­bendigkeit erstehen, indem er die kostbarsten Perlen dieser Krone Scheffelscher Dichtkunst zu einem harmonischen Ganzen aneinander­reihte und damit seine zahlreichen Zuhörer zu herzlichem Beifall be­geisterte. Den Männerchören „Lie­derkranz“ und „Concordia“ aber, die ihre gute alte Tradition der Hebel- und Scheffelfeiem • wieder aufgenommen haben, gebührt der Dank aller, die durch diese Feiern ein Stück Heimatglück und Lcoens- freude empfangen haben inmitten von Ruinen und Sorgen, die ihnen ein verlorener Krieg hinterlassen hat L. A.

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiriiiiiiimiiiiiiiiiiiimiMiiiimiMiiiiiiiiiimiiiiiiiiiKiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiii

D?.disches Siaaisiheaier Karlsruhe

Szene aus „Die heilige Flamme" von Sommerset Maugham, dte am 30. 5. erstaufgeführt wurde.

Foto: Wöxner