Nummer 23, Seile 6

DER START

Mittwoch, 8. Mai 1946

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Ueber die Bürokratie.../

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Ludwig Richler: Jugend im Frühling iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiHiiiiHiiiiiiiiiimiiiiiimiiiiiiiMiiiiMiiiiMHiiiimiiiiiiiiimii

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Der Bürokratismus ist eine allgemein verbreitete Seuche, die das moderne Staatswesen überall bedroht. Viel ist schon über sie geschrieben worden, je­doch ist es den meisten Verfassern nicht gelungen, ihre ganze Gefährlichkeit bloßzulegen. Ich will deshalb hier zei­gen, daß es zwecklos ist, über den Büro­kratismus nur zu Vachein, wenn wir uns nicht dessen bewußt sind, daß wir ihn auch ausrotten müssen, damit er uns nicht zermalmt.

Zunächst einmal müssen wir uns da­vor hüten, Bürokratie nicht mit Ver­waltung zu verwechseln. Selbstverständ­lich begrüßen alle Bürokraten eine solche Verwechslung und erblicken in ihr eine Entschuldigung. Bürokratie aber nimmt erst da ihren Anfang, wo die rechtmäßige, nußbringende Verwal­tung aufhort; sie beginnt dann, .wenn die Büros, mit deren Hilfe eine nor­male Verwaltung funktioniert, in krank­hafter Weise eine Ausdehnung anneh- men,. die in gar keinem Verhältnis zu ihrer Notwendigkeit steht.

Die Bürokoken . • •

Da nun einmal die Bürokratie in die leitenden Regionen der Menschheit hin­eingestellt ist, so übt sie durch ihren bloßen Ballast eine lähmende Wirkung auf jegliche Tätigkeit aus. Sie pumpt einen Giftstoff, den ich „Bürokoke 4 * nennen möchte, in alle Arterien und Äderchen des ganzen Gesellschaftskör­pers hinein.

Das sonderbare Krankheitszeichen, das die Gegenwart der Bürokoken ver­rät, ist ein geradezu unersättlicher Hun­ger nach Papier . Tagelang beschäftigt sich das hiervon befallene Opfer damit, Formulare auszufüllen und veranlaßt seinerseits wieder seine Angestellten, zu j seiner Kontrolle Vordrucke auszufüllen. Es ist diesem Opfer' einfach unmöglich geworden, einen mündlichen Auftrag zu erteilen oder irgend eine Angelegenheit in einigen Säßen zu erörtern. Der Be­fallene greift zu Memoranden und ver­langt seinerseits wieder Schriftstücke und Berichte, die ihm den Rücken decken.

So haben alle Büros eine ganz natür­liche Neigung zur Entartung. Stück für Stück verlieren sie die Sicht darüber, daß sie ja ausschließlich für den Zweck ins Leben gerufen wurden, um einen genau umrissenen Dienst zu verrichten. Hierbei entwickeln sie eine Auffassung, als ob sie als Büros Selbstzweck seien, wobei das Publikum nur dazu da ist, um den Amtsstuben eine günstige Ge­legenheit zur Betätigung ihrer Energie und ihres sprühenden Scharfsinns zu servieren. So betrachten sie eben das Publikum wie ein Künstler seinen Stoff. Gemäß ihrer wißigen Vorstellung hat der Herrgott das Publikum erschaffen und mit bezaubernden Fähigkeiten aus­gestattet, damit der Bürokratismus eines Tages von ihm Besiß ergreifen und es beherrschen kann.

Im allertiefsten Glauben, daß dem wirklich so sei, ßieht dann die Büro­kratie nicht ein, warum sie sich selbst einschränken soll. Oh nein, ganz im Gegenteil! Sie sieht in ihrer eigenen Lebenserhaltung ein Zeichen wahrhaft sozialer Gesundheit. Jedes neue Büro

ist so ein Triumph des Fortschritts, den zu verewigen jeder Bürokratismus auch dann noch bestrebt ist, wenn er seine eigentliche Aufgabe bereits beendet hat. Und jedesmal, wenn einige Zehntau­sende von brauchbaren, harmlosen Bür­gern erneut in die Fänge der Büro­kratie geraten, herrscht eitel Freude.

Der Bürokratismus wird tödlich belei­digt durch den Anblick eines einfachen Menschen, der versuchen sollte, seinen majestätischen Rhythmus oder seinen sturen Stundenplan zu stören. Die Zeit der Bürokratie ist die einzige Zeit, die zählt und sie verläuft nach eigenen unveränderlichen Gesehen. Wenn man vernimmt, * daß eine bestimmte „For­malität 44 nicht vor Ablauf von 21 Tagen erledigt werden kann, so wird der­jenige, der in einem Atemzug von 48 Stunden und einer sterbenden Mutter spricht, nicht nur als „profan 44 , sondern auch als Außenseiter betrachtet.

Verderbliche Folgen • • •

Die Bürokratie führt Minister irre, lähmt deren Tätigkeit und demorali­siert sie schließlich noch. Sie hat un­zählige Regierungen zerschlagen, in mancher Hinsicht verursachte sie den Zerfall des großen römischen Reiches, indem sie nach und nach dessen Le­benskraft torpedierte. Das bürokrati­sche Krebsgeschwür überschattete im 19. Jahrhundert die russische Monarchie. Bürokratismus schwächte das Blut der bereits anämischen deutschen Republik von Weimar : Viele Deutsche kamen zu der Überzeugung, daß „Republik ** nur ein elegantes Wörtchen für „Büro­kratie 4 * war und sahen ohne ; Abneigung dem Emporkommen der Nazipartei zu, die versprach, zuerst einmal die Deut-

Das Hindernis/

Der Bürgersteig wurde aufgerissen. Zwanzig Erdarbeiter standen bis zu den Knien in dem schmalen Graben, der des Ruhebett eines neuen Postkabels werden sollte. §eit heute morgen pick­ten sie mit Spi^hacken den gewachsenen Boden locker nnd beförderten ihn mit Schippen hinaus. Dreimal bereits batten die Arbeiter ihre Plage gewechselt, wa­ren jedesmal ein Stück vorgerückt, so daß schon ein ziemliches Ende fertigen Grabens hinter ihnen lag.

Plöglich, als einer die Hacke erneut in die Erde schlug, prallte diese klin­gend zurück. Er war auf einen Stein gestoßen. Vorsichtig pickte nnd scharrte er nun den Dreck beiseite.

Es war ein großer Stein.

Auf die Rufe des Arbeiters kamen andere herbei und kragten ebenfalls daran. Der Stein wurde größer. Mit ihren Spaten stießen sie die Graben­wände etwas breiter ab und legten so­mit auch die Seiten des Steines frei.

Jegt sah man es genau, der Stein war ein mächtiger Brocken, fast so lang und so dick wie ein Mann. Doch wie bekam man den Stein da fort. Er mußte verschwinden. Das Kabel hätte wie über eine Bergspige gelegt wer­den müssen. Es gab zwar noch einen anderen Weg: man konnte das Kabel um den Stein berumführen.

Befradifangen von Jales Romains

scheu aus ihren Klauen zu befreien.

Von allen Regierungsarten hat die Demokratie am meisten vom Büro­kratismus zu befürchten, denn sie respektiert mehr als irgend ein anderes System clte Verfassung und schrumpft zusammen beim Mißbrauch der Autori­tät. Folglich darf sie es auch nicht wa­gen, die Bürokraten gewaltsam in ihren Bereich zurückzudrängen, lieber fügt sie sich ihnen. So werden diese in die Lage versetzt, das Neß des Diktators auszubreiten und es im Herzen der Demokratie zu vervollkommnen. Ihre Diktatur ist namenlos nnd wird unsicht­bar gelenkt, aber sie besetzt alle stra­tegisdien Punkte, so daß, wenn eine °artei und deren Chef den Staat er­beutet haben, das Rahmenwerk der Tyrannei bereits geschaffen ist*

Vermutlich läßt sich in Kriegszeiten ein gewisses Übermaß von Bürokratie nicht ganz vermeiden, und soweit sie tatsächlich Ergebnisse zeitigt, besteht sie zu Recht. Wesentlich hierbei ist je­doch, die Verewigung von Gebräuchen zu unterbinden, die nur durch den Kriegszustand gerechtfertigt sind, wenn der Friede wieder ins Land zieht. Denn es ist die verschmißte Angewohnheit des Bürokratismus — wenn er nicht am Schlafittchen gepackt wird — Freihei­ten, die er einmal gewonnen hat, nicht wieder abzutreten.

Die kommenden Jahre werden mit kW den entseßlichen Problemen, die sie mit sich bringen, für den Menschen nur er­träglich sein, wenn er außergewöhnliche Maßnahmen ergreift, um das Abgleiten der Verwaltung in Bürokratismus zu verhindern.

(Aus dem Englischen übersetzt von W. Eisirger.)

von Mathias Ludwig Schröder

Um den Stein herum wollte der Schachtmeister nicht. Schon aus Grund­saß nicht, ein Kabel müsse schnurgerade liegen, — der Stein komme also weg.

Zwar überlegte er noch, wie man den Stein am besten beseitigen konnte, so einfach schien dies nicht zu sein. „Fort­tragen geht nicht. 44 — „Vielleicht, wenn man ihn mit zwei Mann anfaßt, 4 * war der Rat eines Dritten.

Noch einige Leute gaben ihre Mei­nungen kund; denn mittlerweile war fast die ganze Erdarbeiterkolonne her­beigekommen. Jeder glaubte Vorschläge preisgeben zu müssen, wie der Stein am besten wegzuschaffen wäre. Und noch mehr als die Arbeiter beteiligte sich der Schachtmeister an dem Mei­nungsaustausch, der zuerst ruhig begon­nen hatte, aus dem jeßt aber bereits Verstimmung über die verschiedenen Ansichten herauszuhören war.

„Der Stein muß heraus!“

„Heraus, ja, aber wie?“

Zu beiden Seiten des Steines standen im Graben je ein Arbeiter. Für mehr Mann war dort nicht Plaß. Aber oben am Grabenrand hockte der Schachtmei­ster in den Knien zwischen seinen Leu­ten, von denen einige, weil sie kein so günstiges Blickfeld hatten, den andern zwischen den Köpfen herschauten.

Und alle sahen sie zu dem Stein hin­

unter. Man konnte meinen, sie hätten noch nie einen Stein gesehen, oder die­ser sei aus einer anderen Welt und lege ihnen mnlösbare Aufgaben auf.

Vorne, bereits weit über dem Stein hinaus, hackte an der Spiße des Grabes Nickel Bender und wunderte sich, warum es um ihn herum so still gewor­den ist. Als er sich umschaut, sieht er die Kameraden drüben zusammenstehen. Er hackt weiter — wenn es etwas von Bedeutung wäre, hätte man auch ihn aufmerksam gemacht.

Allerdings schaut er jeßt öfter rück­wärts. — Ob vielleicht einer verunglückt ist? Dann aber würde die Gruppe wie ein aufgestocherter Ameisenhaufen un­ruhig durcheinanderlaufen. Und doch scheinen die dahinten sich um etwas zu streiten und werden sich nicht einig. Er sieht jeßt, wie Franz Koch sich von der Gruppe loslöst, heraufkommt, in den Graben springt und nach seiner Hacke greift.

„Da Hegt ein Stein im Loch.**

„Ein Stein —?“

„Keiner weiß damit etwas anzufan­gen“

Seine Schippe läßt Nickel Bender stecken, klettert hinaus und wandert am Graben entlang. Der Stein interes­siert ihn. Es muß etwas an dem Stein sein, sonst könnte dieser nicht gleich zwanzig Mann von ihrem Tagewerk auf­halten. Bereitwilligst macht die Gruppe Plaß, damit er ebenfalls zu dem Brok- ken hinuntersehen kann.

„Den wird keiner allein heben kön­nen,“ sagte sein Nebenmann, und ein anderer im Graben unten antwortet überzeugender: „Noch keine zwei brin­gen den von der Stelle.“ Ein dritter fügt als sicheren Trumpf hinzu: „Auch keine drei.“

„Was soll denn mit dem Stein?“ fragt Nickel Bender.

„Der muß raus!“

Da laßt Nickel Bender sich ln den Graben hinab, streckt seine Hände nach dem Stein aus und sagt: „Den packt

man — dpn hebt man — den stellt man hochkant —.“ Er tat es und seßte die Schulter darunter, um den Stein wie einen Balken auf die Achsel zu bekommen. „— und dann wirft man ihn hinaus — seht ihr!“

Sie sahen es alle. Der Stein lag jeßt oben am Grabenrand. Bender, jeßt etwas außer Atem, wälzte ihn noch über den Dreckhügel, damit er keinen bin­dere, stieß seine Müße in den Nacken und ging an seine Arbeit zurück. Ehe er die Schaufel aus der Erde zog, schaute er noch einmal rückwärts. Die Gruppe stand noch immer zusammen. Dies schien jedoch verständlich, f)enn ehe die Leute sich wieder an ihre Ar­beit begaben, war ihnen die Zeit wert, Bewunderung über Nickel Bender aus­zudrücken, der einen großen Stein ein­fach und ohne viel Worte zu machen aus dem Wege geräumt hatte.

Und da lachte Nickel Bender heimlich. Er fühlte sich keinen Deut stärker als andere Leute auch. Was er diesen voraus hatte, war etwas ganz anderes.

Pommernflüchtlinge

Wagen auf Wagen rollt vorbei. —

Sie kommen und ziehen von hinnen.

’s sind Greise und Frauen und Kinder

[dabei. —

Wer ist’s in den Wagen darinnen?

Sie kommen drüben aus Pommern

[her. —

Müde sind Blicke und Glieder.

Sie haben keine Heimat mehr. — Finden sie je eine wieder? — — — Monika Porak de Varna.

Einzel-Verkaufspieis 20 Pfennig.

,,Der Start’* erscheint einmal wöchentlich. Erscheinungsort Karlsruhe . Druck: Bad. Presse. Herausgegeben vom Youth Activities Office of North-Baden. Education Team No. 1, Karlsruhe ln Baden, Ettlinger-Tor- Platz (Reichspostdirektion). Fernsprecher 1170. Responsible: Ist Lt Raymond A. Grossman.

Vom deutschen Genius

Albert der Grobe — der gröbfe Gelehrte des Mittelalters

Wie wenig wissen wir doch oft von den Großen unseres Volkes und wie notwendig erweist sich die Kenntnis ihres Lebens und ihres Werkes gerade in Zeiten, in denen man aufbauen muß und neue Wege beschreiten will. Es ist deshalb ein begrüßenswertes Beginnen, wenn uns die Katholische nnd Evangelisch eArbeitsgemein- • c b a f t Karlsruhe in einer Reihe von Vorträgen in den kommenden Monaten rine Neubegegnung mit den großen deutschen Gelehrten, Malern, Dichtern and Musikern vermitteln will und an Jen Anfang der vielversprechenden Ver­anstaltungsfolge einen Albert dem Gro­ßen gewidmeten Abend gestellt hat.

In Prof* Dr. Franz Josef Brecht

Jonniger Tag — von Ludwig Richter

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(Heidelberg ) batte sie einen Redner ge­wonnen, der die vielseitige Persönlich­keit dieses umfassendsten Geistes des Mittelalters in lebendiger Weise darzu­legen verstand. Er gab zunächst einen fesselnden Überblick über den deutschen Beitrag zum mittelalterlichen Geistes­leben, wobei die Namen des Mainzers Rhabanus Maurus, des sächsischen Gra- fensöhnes Gottschalk, des Alemannen Notker Labeo , des in Paris wirkenden Hugo von Blankenburg und nicht zu- leßt des Geschichtsschreibers Otto von Freising wohl manchen Hörer angeregt haben mögen, sich in abendlichen freien Stunden einmal näher mit dem einen oder andern von ihnen zu beschäftigen.

Eine stichwortartige Skizzieruung der wichtigsten Geschehnisse des bewegten, an umwälzenden Ereignissen überreichen 13. Jahrhunderts gab den Hintergrund* vor dem dann die eindrucksvolle Ge­stalt des größten Gelehrten des Mittel­alters, des ? Lauinger Rittersohnes Albert von Bollstaedt , er­stand, dem die Mitwelt und die Nach­welt als einzigem Wissenschaftler den sonst nur Kaisern und Königen rorbe- haltenen ehrenden Namen „der Große“ gegeben haben.

In rascher Folge zogen all die Statio­nen des langen Lebensweges vorüber, die der 1193 in Lauingen a. d. Donau geborene, 1280 in Köln verstorbene Philosoph, Theologe und Naturforscher in seinen acht Jahrzehnten beschritten bat: die Studienjahre des jungen Medi­ziners im italienischen Padua , sein durch Jordan von Sachsen gelenkter Eintritt in den damals neubegründeten Domini­kanerorden, die Jahrzehnte fruchtbaren Forschens und segensreichen Wirkens in Hildesheim , Freiburg i. Br., Regens­ burg , Seraßbnrg, vor allem aber 1 b Köln

und Paris , wo er Thomas von Aquin zu seinen Schülern zählte. Während seiner Tätigkeit als Lehrer, Bischof und Ordensprovinzial entwickelt er sich in unablässigem Forschen und Streben zu jenem Wissen und Glauben verbinden­dem „doctor universalis“, der für das Mittelalter das gleiche bedeutet wie Aristoteles für das Altertum oder Leib- niß für die Neuzeit. Mit Recht nennen ihn schon die Zeitgenossen „das stau­nenswerte Wunder unserer Zeit“.

Was dem geistesmächtigen Domini­kanergelehrten diese einzigartige Stel­lung verliehen hat, zeigte Prof. Brecht in seinen Darlegungen überzeugend auf. Er würdigte ihn insbesondere als den Philo­sophen und Theologen, der das Gedan­kengut des Aristoteles in christlicher Form in das mittelalterliche Denken einführte. Er schilderte ihn als den Er­forscher und Deuter der Natur, der als Zoologe und Botaniker, als Geologe, Astrologe oder Meteorologe bahnbre-

Vielfach stehen wir den Werken mo­derner bildender Künstler, wie sie uns in Ausstellungen und Zeitungen zugäng­lich gemacht werden, etwas hilflos ge­genüber. Aus diesem Gefühl des Nicht­verstehens kommt sehr leicht ein Miß­verstehen und eine Ablehnung. Es ist nicht verwunderlich, wenn in heutiger Zeit die Formen dieser Ablehnung bei jungen Menschen über den Rahmen des gesellschaftlich Erwünschten hinaus­gehen. Derartige Auswüchse sind an an­derer Stelle öfter angeprangert wor­den. Es dürfte aber zu weit gehen, wenn man glaubt, mit Radikalmitteln eine Änderung erzwingen zu können, Denn an die Steile einer aufgezwun- genen Doktrin tritt dann nur eine an-

chend geworden und dem von den Stei­nen bis zu den Sternen nichts unbe­kannt ist, das zu erforschen er sich nicht bemühte. Auch seine Staatslehre skiz­zierte Prof. Brecht in kurzen Strichen auf, um dann in einem abschließenden Gesamtbild noch einmal die große Per­sönlichkeit dieses Geist und Tat, Gott und Welt, Kirche und Volk eng ver­bindenden Genius zu umreißen, der „ein rechter Christ, ein großer Deut­scher, ein voller Mensch“ gewesen und deshalb uns heute Beispiel und Vor­bild ist.

Zu Beginn der eindrucksvollen Ver­anstaltung im Stadt. Konzerthaus hatte Dr. Dr. 0. Roegele die zahlreich Ver­sammelten herzlich begrüßt* und ihnen die Aufgabe des Vortragszyklus auf­gezeigt, während die vereinigten Kir­chenchöre Karlsruhes den Abend mit dem Schrötörschen „Te Deum“ weihe­voll beschlossen. Dr. S.

dere. Wir aber wollen eine Führung von Berufenen zu einer selbständigen kunstkritischen Auffassung.

Es wäre zu wünschen, daß für die Jugend Führungen durch Galerien und Kunstausstellungen veranstaltet wür­den. Nur durch beobachten können wir uns einen Überblick über die so ver­schiedenen Kunstrichtungen verschaffen. Die Kunst, insbesondere die Malerei der Gegenwart, ist deshalb untereinan­der so verschieden, weil die Menschen von heute über die grundsäßlichen Dinge des täglichen Lebens wie Reli­gion, Moral, Ethik sehr verschieden denken.

Mit dem einseßenden Maschinenzeit-

alter verlagerte sich das MiwergewUltf

des Denkens ins Materielle und man vergaß den Geist, lehrte sogar, es gebe so etwas gar nicht. Man interessierte sich also einseitig nur für Dinge, die greifbar und alltäglich waren. So ent­stand der Naturalismus. Er will das Leben so zeigen, wie es ist. Ihr alle kennt die Bilder von Käthe Kollwiß. Die Naturalisten neigen dazu, die dun­keln Seiten des Lebens aufzuzeigen. Sie tun das, um zu zeigen, wie weit es kommen kann, damit man sich bessere.

Der Impressionismus (vom französischen impression, Eindruck) will nicht belehren, er bannt nur den augen­blicklichen Eindruck. Es ist dabei gleichgültig, ob das Wesentliche und Dauernde des gemalten Gegenstandes getroffen wird. So zeigen die Bilder des Impressionisten meist keine erschüttern­den Dinge, sondern heitere und ernste Bilder des täglichen Lebens. Da man in manchen Kreisen der Anschauung war, das könne die Photographie auch, es mache die Kunst aber sehr leer, wenn man nur die Natur abzeichne, verfiel man auf des Gegenteil.

Man malt das, was man sich unter einem Gegenstand denkt. So wie Kin­der, wenn sie zeichnen, nicht eine Buche oder eine Pappel zeichnen, son­dern eine Figur, die den Gedanken Baum zum Ausdruck bringt. So zeigt der Expressionismus (vom fran­ zösischen l’expression, der Ausdruck) Bilder unserer Gedanken und Ideen. Abarten des Expressionismus sind der Futurismus und Kubismus, Kunstarten, die man früher mit „entarteter Kunst“ abtat, weil man sie nicht verstehen konnte. Gewiß ist es leichter, eine reine Abbildung einer Landschaft iu ver­stehen, aber e. h«t jeder das Recht, seine Gedanken aucb in der Kunst zum Ausdruck zu bringen. Wir sollen uns bemühen, statt zu verurteilen, ver­stehen zu lernen.

S«rb«i Peueamaiez.

Jugend und Kunst

Was müssen wir über moderne Kunst wissen?