Seite 2 / Nummer 38
SÜDDEUTSCHE ALLGEMEINE
Freitag, den 24. Oktober 1947
«w ftu ix-tt.
■'HIPÄ
w» r 5 L •
cmtme
Veröffentlicht unter Lizenz Nr US-WB ua Herausgeber Dr. J. Peter Brandenburg (Verlagt-leitung) und Feit* Richter (Che:red iktion). Verlag: „Süddeutsche Allgemeine' Pforzheim . Telefon 2001 und 2003. Druck: Badische Presse, Karlsruhe , Waldstr. 2S.
Die Heimsuchung
Schuld, Sühne und Demontagen
»... der die Sünden der Väter heim- sucht bis ins dritte und vierte Glied“, dies düstere Bibelwort lastet sichtbar über Deutschland , seit die Verantwortlichen ihr Gewissen prüfen, ob und wie sie am neuen Reparation- und Demontageplan der Doppelzone mitarbeiten müssen. Eine solche Gewissensforschung treiben vor der langen Reihe tödlich betroffener Industriewerke, im Angesicht ihrer zerbombten Städte und hohlwangigen Mitbürger gegenwärtig Hunderttausende. Die problematischen Zusammenhänge zwischen Verbrechen, Schuld, Sühne und Wiedergutmachung werden dabei offenbar- Wie eine Heimsuchung biblischen Ausmaßes wirkt dabei die Belastung der Kinder und Kindeskinder der jungen Demokratie mit den Fehlern. Versagern und Vergehen ihrer Väter im Reiche Hitlers . Denn diese Kinder und Kindeskinder hat die Welt für schuldlos anerkannt; sie sind amnestiert. Aber sie sind ängehal- ten mit ihren Arbeitsplätzen, Fabriken und Industrie^apazitäten zu zahlen und wiedergutzumachen. Die Widersprüche, die sich in Deutsch land regen, und die ernsten Anforderungen an die Deutschen , die Krieasgeißel in andern Ländern über dies® Heimsuchung nicht zu vergessen, bezeugen, wie fremd Sieger und Besiegte sich geworden sind. Jeder sieht nur die Katastrophe daheim. Allen fehlen Vergleiche und Maßstäbe. Ganz sicher ahnen die, welche auf Demontage von Fabriken pochen, wenig davon, wie unermeßlich der Herr dieser Welt den Übermut in Deutschland gestraft hat Sie würden sonst dem ausgebluteten I Wirtschaftskörper kein weiteres Blut I abzapfen; sie würden vielmehr einer -Bluttransfusion zustimmen, i welche ihn regeneriert und in naher I Zeit zu weit höheren Reparationen ! befähigt zur Wiedergutmachung durch Arbeit und Fabrikate statt durch lebensgefährliche Substanzabgabe. Ebensowenig haben diesseits ^ der Grenzen Millionen, denen es bei der bloßen Vorstellung einer Demontage intakter Friedenswerke graust, ein klares Bild, was für Taten einige ! ihrer Landsleute in ihrem Namen ' verübten Taten, von denen es wie j vor allen anderen Kriegsgreueln : gestern wie heute überall ln der Welt 1 gratist
Zwischen diesem gegenseitigen Nichtvoneinanderwissen und diesem Vergessen breiten sich die Erdschichten, welche für die Reparationsforderungen und ihr Gegenspiel fruchtbar sind. Dies sind ihre metaphysischen Grundlagen, angereichert mit den Unwägbarkeiten differenzierter politischer Moral und Machtansprüche. Aber dies ist nur ihre eine Seile. Neben den ehernen Slttenge-: setzen zwischen Schuld und Sühne Stehen die eisernen, weil nüchternen Gesetze des wirtschaftlichen Lebens. Sie entlarven jede Demontage als gesamteuropäische Substanzverschleuderung. Sie strafen
den menschlich-unzulänglichen, weil mechanischen Eingriff in einen lebendig-gewachsenen Industrieorganismus mit zwangsläufigem Chaos. Sie predigen rechnerische Vernunft, das heißt das Ende jener Reißbrettplanungen am Schreibtisch von Diplomaten und Generalen, die g’au- ben. Industrien gleich Armeen quer über die Erdteile hin- und herzuschieben mühelos und ohne Schaden. Ob Reparationen auf viele Jahrzehnte proklamiert wie nach 1918. ob sie sofort eingefordert werden, durch Demontage'.isten 1947, es bleibt sich gleich. Es bleibt iedesm-ü eine Gewaltsamkeit, ein Staatsstreich der Politik am Organismus von Binnen- und Weltwirtschaft. Dies wird deutlich werden, wenn das Unternehmen, das heute Demontageliste heißt, startet. Es wird Mitarbeit am Reparationsplan gefordert. Das heißt nicht nur demontieren. Das 'heißt jetzt auch, die Steuerausfälle und Belastungen der Wohlfahrt sowie die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten einer Umsetzung freiwerde^der Facharbeiter ermitteln. Das bedeutet den Nachweis, wo die Demontagelisten dem MarshaR- wie dem Industrieplan diametral widersprechen. Das erfordert die Analyse, weshalb Deut sche und Alliierte so unterschiedliche Kanazitätsrechnungen aufmnchcn. Und es verlangt letzt auf beiden Seiten zweierlei: viel Mut und viel Geduld. Peter Lintorf.
Gewerkschaften zur Demontage
Bad Pyrmont , 23. Okt. (Dena.) Die S. Interzonale Gewerkseihaftkonferenz, die seit dem 21. Oktober hier unter Teilnahme von Vertretern der Gewerkschaftsbewegung aus allen deutschen Zonen und des Weltgewerkschaftsbundes tagte, wurde am Donnerstagabend mit einer Pressekonferenz abgeschlossen.
Den Pressevertretern wurden Kommuniques Ober den Verlauf der Tagung, sowie eine Kn,tschließung der Gewerkschaftsvorstände der amerikanischen und britischen Zone zur Demontagefrage übergeben.
ln der letzten Resolution bringen die Gewerkschafts-Vorsitzenden „ihre tiefe Bestürzung über die bekanntgegebenen De- irtontageabsiehten zum Ausdruck“. Sie betonen. daB sich die Gewerkschaften seit Ihrer Wiedergründung zu der Verpflichtung des deutschen Volkes bekannt hätten, die anderen Völker durch die Verbrechen des Naziregimes zugefügten Schäden wiedergutzumacbea. Es werde auch kein Einspruch gegen die restlose Domon-, tage aller Rüstungshetrlebe erhoben. TJm aber die Wiedergutmachungspflicht erfüllen zu können, müsse erst die zerstörte deutsche Wirtschaft wieder „funktionsfähig gemacht und für die arbeitenden Massen das zum Leben notwendige Existenzminimum hergestellt werden.*
Die Gewerkschaftsvorsitzenden richten die dringende Bitte an die B e - satzungsmäehte, die angekündigten Demontagen nochmals zu überprüfen und, soweit sie ihnen als unabweisbar erscheinen, die Durchführung mit der größtmöglichen Milde zu betreiben. Darüber hinaus sollten nun alle bereits geplanten und noch weiter möglichen Maßnahmen zur Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft beschleunigt ins Werk gesetzt werden. An die deutsche Arbeiterschaft richten die Gewerkschaftsvorstände den Appell, sich auch durch diese neue Prüfung weder zu Boden drücken noch zu sinnlosen Verzweil- lungsausbrüchen hinreißen zu lassen.
Rastatt , 23. Okt. (Dens). Wojteek. der a!» Lagerschreiber Im Lager Kothendorf einen ausgezeichneten Überblick über die internen Lagerverhältnisse hatte, be- zedchnete den Lagerführei Büttner und den ehemaligen SS -Hauptseharfüh- rer K i p f als die intellektuellen Urheber der großen Sterblichkeit im Lager. Trotz eines von einer SS-Dienst- stelle pro forma erlassenen Mißhand- tungsverbotes seien fast täglich auf Grund einer Anweisung von Kipf Häftlinge wegen angeblicher ungenügender Arbeitsleistung blutig geschlagen worden.
Der Angeklagte Windgens schlug besonders gern die „Mu^elmannen“, wie die körperlich am meisten heruntergekommenen Häftlinge von der SS genannt wurden. Er benutzte dazu den „Dolmetscher“, wie er seinen Prügel- stock nannte. Mit ihm schlug er, wie der Zeuge Wojteek aussagte, den polnischen Professor Frtedländer so schwer, daß dieser zwei Tage später verstarb. Windgens wird weiter beschuldigt, vor den gesamten zum Appell angetretenen Lagerinsassen persönlich einen russischen Kriegsgefangenen erhängt zu haben, der einen Fluchtversuch unternommen hatte und seinen Fluchtweg sowie das Versteck zwei mit Ihm geflohener Polen trotz zahlreicher Verhöre und Mißhandlungen nicht preisgab. Der Zeuge beschuldigte den Lagerführer ferner, mehrere Kisten mit Ziviikleidern von Häftlingen nach seiner Wohnung in Freiburg -Haslach geschickt zu haben. Wojteek, dessen gesamte Familie — ebenso wie die fünfköpfige Familie seines Bruders — htngerichtet wurde oder in KZ-Lagem umkam, betonte, er schildere unbeeindruckt von diesen persönlichen Erlebnissen nur das, was er auf seinen Eid nehmen könne.
Rastatt , 23. Okt. (Dena). Die Angeklagten Kaiser und Maurer , letzterer als „Hundeführer von Kochendorf“ bekannt, wurden von dem ehemaligen Häftling Wiesenklohs als die gefährlichsten SS -Leute des Lagers bezeichnet. Der Zeuge Schmidt aus Karlsruhe erklärte- daß Maurer auf einen beim Mars eh zui Arbeit entkräfteten zusammengebrochenen Häftling den Hund gehetzt und den am Boden liegenden mit den Füßen getreten habe. Der so mißhandelte Häftling sei am nächsten Tag gestorben. Bei der Evakuierung des
Berlin , 23. Okt. (Dena). Neue zusätzliche Wahlbeatimmungen für die Städte, Kreise und Gemeinden in der US -Zone wurden ln Zusammenarbeit mit der Zivilverwaltung der amerikanischen Militärregierung für Deutschland vorbereitet. Nach einer OMGÜS-Dtrektive vom 14. Oktober 1847 wird die Verantwortlichkeit der deutschen Behörden bei diesen Wahlen erweitert, wobei allerdings die US - Militärregierung die Beobachtung und oberste Kontrolle beibehäöt. Die OMGUS - Direktive gibt einen Rahmen für die Gestaltung des Wahlsystems durch die deutschen gesetzgebenden Organe. Das Wahlsystem muß den Vorschriften der Militärregierung hinsichtlich der Einhaltung demokratischer Verfahren entsprechen. So muß beispielsweise:
1. Jeder Parteikandidat oder jeder Kandidatenliste in geheimer Abstimmung in einer Versammlung von Parteimitgliedern oder Delegierten, die von den Parteimitgliedern gewählt wurden, aufge- stellt werden. Bei der Aufstellung jedes Kandidaten oder der Kandidatenliste muß das Datum und der Ort der Parteiversammlung, ln der die Namhaftmachung erfolgte, angegeben werden, außerdem muß der Wahlvorschlag von zehn Wahlberechtigten, die an der Versammlung teitoahmen, unterschrieben sein. — 2. Unabhängige oder unparteiische Kandidaten bzw. Kandidatenlisten können ebenfalls aufgestellt werden. Dies muß unter Bedingungen geschehen, die ihnen eine ausreichende Wahlchance geben. — 3. Die deutschen Behörden kön-
Lager* Kochendorf wurden laut Zeugenaussagen auf dem Marsch zusammengebrochene Häftlinge Schicht', über Schicht auf einen von Häftlingen gezogenen Wagen geworfen, sodaß auch die noch lebenden nach kurzer Zeit starben.
Fünf Todesurteile in Dachau Dachau , 23. Okt (Dena). Zum Tode durch Erhängen verurteilte ein amerikanisches Militärgericht den ehemaligen Lagerführer des Konzentrationslagers Gusen II, SS-Hauptsturmführer Max Pauicl), die SS -Unterscharfilhrer Wilhelm K a u p p , Emil Gay, Hane S 1 e 1 a f f und den früheren Häftling Rudolf Kansraeyer. Die fünf Verurteilten waren der Teilnahme an dem gemeinsamen Plan, die Insassen dieses Außenlagers von Mauthausen zu töten, zu _ mißhandeln und auszuhungern für schuldig befunden worden. Der sechste Angeklagte, SS-Rottenführer Erwin K a u p p , stand unter der gleichen Anklage und erhielt 20 Jahre Zuchthaus. Die Beweisaufnahme des zehntägigen Verfahrens hatte ergeben, daß der Hauptangeklagte Fauseh neunzig Gefangene eines Transportes der nach Linz gebracht werden sollte, in einem Kühlwagen ersticken ließ. Außerdem konnte ihm die Ermordung eines polnischen Häftlings nachgewiesen werden.
Synagogen-Brandstifter Tübingen , 23 Okt. (Dena). Vier Monate Gefängnis erachtete die große Strafkammer des Landgerichts Tübingen als genügend für die Brandstiftung zur Niederbrennung der Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde Buttenhausen bei Münsingen im Jahre 1938. Diese Strafe, die der Angeklagte Wolfram erhielt, hat er bereits verbüßt, da ihm seine Untersuchungshaft angerechnet wurde. Der Mitangeklagte Reinhold S c h r a d e , seines Zeichens Kreisleiter unter den Nazis erhielt ebenfalls unter Anrechnung der Untersuchungshaft sechs Monate Gefängnis, weil er es unterlassen hatte, die Polizei oder den Landrat von dem Brand zu informieren. Wegen Beihilfe zur Brandstiftung wurden verurteilt: Der Angeklagte Bader zu sechs Monaten Gefängnis und der angeklagte V a 11 e r zu vier Monaten und 14 Tagen Gefängnis. Die angeklagten Meister, Lächele und Nau wurden freigesprochen.
Für das aktive und passive Wahlrecht gelten folgende Bestimmungen: 1. Männer und Frauen haben das gleiche aktive und passive Wahlrecht. — 2. Zur Erlangung der Wahlberechtigung genügt ein einjähriger Aufenthalt lm Wahlbezirk. — 3. Zur Ausübung der Wahl ist die deutsche Staatsangehörigkeit erforderlich. Personen, die vor dem 8. Mai 1945 deutsche Staatsangehörige waren und seitdem keine andere Staatsangehörigkeit erworben haben, werden, als deutsche Staatsangehörige betrachtet. Personen, die früher Mitglieder deutscher ^Minderheiten außerhalb Deutschlands waren, erhalten das Wahlrecht als deutsche Staatsangehörige. — 4 Aktiv und passiv wahlberechtigt sind ferner nur Personen, die nach . den Entnazifizierungsbestimmungen des Befreiungsgesetzes tragbar sind.
Die letzten Gemeindewahlen in der US -Zone wurden zwischen Januar und Mal 1948 abgehalten. Nah der Direktive der Militärregierung sollten die nächsten Wahlen innerhalb zwei Jahren stattfinden. Um die Wahlkampagne unter besseren Wetterbedingungen durchführen zu können, hat die Militärregierung die deutschen Behörden ermächtigt, die Wahlen hi 3 »uf den letzten Sonntag im August hinauszushieben. Die Wahlen in Berlin werden entsprechend dem bestehenden Abkommen mit den anderen Be- satzungsmäehtsn abgehalten.
Zusätzliche Wahlbestimmimgen
Größere Verantwortlichkeit der Behörden — Gestaltung des Wahlsystems
nen sieh für das Urwahlsystem entschei- den* wenn sie es wünschen.
Die internationale Insel
Vo* uaerea Bertiaas SL-Korrespaadeaten
Die Berliner neigten schon immer dazu, die Welt skeptisch zu betrachten. Das war so zu Zeiten der ..Reihshaupt- siadt" und ist tn der „Viermähtestadt“ nicht anders geworden. Als Drehscheibe der silierten Politik zwischen Ost und West, von vier Besatzungsmähten regiert und als Torso bei der Zerstörung des preußischen Staates übriggeblieben, befindet sieh Berlin heute in einer besonders heiklen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Lage. Die Bewohner dieser Stadt haben zuweilen das Gefühl, Zuschauer und Spielftgur zugleich zu sein, im Parkett zu sitzen und ihr eigenes „Insel-Drama" zu beobachten, ln dem sie die Marionetten sind, deren Fäden ein anderer lenkt
Nah den Erfahrungen der letzten Jahre Ist es nicht verwunderlich, daß politische Fragen bei den Berlinern oft auf ein halb mitleidiges, halb spöttisches Lächeln stoßen. Dies gilt besonders für alle Vorgänge, die sich lm Stadtparlament in der Parohialstraße abspielen. Es Ist zum Beispiel den fünfzehn Berliner Tageszeitungen (daneben gibt es über achtzig Zeitschriften) und den städtischen Organen noch nicht gelungen, die Berliner für die Verfassungsdebatten so zu interessieren, wie sie vor den Wahlen am 20. Oktober 1948 für den Kampf um die „Freiheit von Furcht" interessiert worden sind.
Ob Berlin ln seiner zukünftigen Verfassung (nah den maßgebenden Entwürfen der SPD und CDU ) die rechtliche Stellung eines Landes oder die einer ..Hauptstadt" (nah dem SED -Verfassungs- Entwurf) erhalten soll, — ob der Magistrat in einen „Senat" mit einem regierenden Bürgermeister, seinem Stellvertreter und zwölf Senatoren und das
Stadtparlament in einen Landtag mit ISO Abgeordneten umgewandelt werden, ob der komplizierte Verwaltungsausgleich zwischen Hauptverwaltung und den zwanzig Bezirken auf der Grundlage „zentral regieren — bezirklich verwalten" erfolgt und das Verhältnis zu den alliierten Behörden Innerhalb der Verfassung festgelegt werden soll (was die SED ablehnt), ob diese neue Verfassung rechtzeitig bis zum vorgeschriebenen Termin am 1. Mai 1948 der Alliierten Kommandantur vorgelegt und dann von allen vier Kommandanten einstimmig genehmigt wird — all diese Probleme werden von der Bevölkerung wenig beachtet und von den täglichen Ernährungssorgen überschattet.
Berlin braucht für seine drei Millionen Einwohner hei den Jetzigen Rationen monatlich etwa 45 000 Tonnen Kartoffeln, 35 ooo Tonnen Mehl und Nährmittel, 40 ooo Tonnen Fleisch (einschließlich risch), 3400 Tonnen Zucker und 1400 Tonnen Fett. Mit besonderer Sorge blicken die Berliner auf die Kartoffeleinfuhr, nachdem die Möglichkeit, diese Erdäpfel in der näheren Umgebung „einzutauschen“ ziemlich aussichtslos geworden ist.
Aus diesem unwürdigen Zustand, daß die Berliner drei Schritte vor ihren jetzigen Toren schikaniert werden können und aus der Tatsache, daß die fehlende Rohstoffeinfuhr zur wirtschaftlichen Abdrosselung führt, ergeben sich zwei Forderungen, die jetzt oft diskutiert worden sind: Einbeziehung aller Randgebiete rund um Groß-Berlin mit einem Radius von zwanzig Kilometern und ein Internationalisierter Verbindungsweg von genügender Breite zum Westen- Eine solche Regeiung / würde auch dem Berliner Status einer „internationalisierten Binnenstadt" entsprechen, deren Schicksal in wirtschaftlicher Hinsicht auf des Messers
Schneide steht und die bisher nur auf kulturellem Gebiet leistungsfähig geblieben ist.
Diese Aktivität im geistigen und kulturellen Leben ist nach kurzer Sommerpause wieder neu erwacht. Das Repertoire der siebzehn Berliner Theater (davon allein neun Operettentheater) weist für die neue Spielzeit neben Kunst aus aller Welt gelegentlich auch werke eigener Herkunft auf. So ist zum Beispiel der „Hauptmann von Köpenick " von Karl Zuckmayr an die Stätte seiner Reln- hardtschen Erstaufführung heimgekehrt, jene Geschichte eines gutmütigen und biederen Schuhmachers (Paul BUdt), der aus der militaristischen Zwangsjacke entrinnen möchte, um als Mensch leben zu können.
Ein Blick auf die Spielplähe der 229 Berliner Kinos zeigt, daß in den drei Westsektoren die ausländischen Filme bei weitem überwiegen, während sich im russischen Sektor die Produktion der Besatzungsmacht und deutsche Filme die Waage halten. Bisher sind in Berlin 222 ausländische Filme gezeigt worden, von
Im Kurhaus Baden - Baden begrüßte Oberbürgermeister Dr. Schlapper, der die neue Ausstellung unter sein Protektorat genommen hatte, die zahlreichen Gäste, vor allem die Vertreter der Militärregierung. Er dankte den Vielen, deren Zusammenwirken das Zustandekommen dieser Ausstellung ermöglichten, besonders dem Chef du Service des Beaux- Arts, Miebel Francois. Beide würdigten in deutscher und französischer Sprache die Vermittlerrolle der Kunst ln der Annäherung der Völker und Umrissen die besonderen Aufgaben dieser Ausstellung „Deutsche Kunst der Gegen-
denen die französischen Streifen („Die Kinder des Olymp " und „Sinfonie pasto- ral“ führend) am besten gefielen. Leider sind auch hier die Sektorgrenzen noeh nicht überwunden; nur zwischen dem amerikanischen, dem englischen und dem französischen Sektor findet ein Ausgleich statt, der russische Sektor ist noch immer hermetisch abgeschlossen.
Es fehlt ferner nicht an Kunstausstellungen, Vortragsreihen und ähnlichen Veranstaltungen und für den Mu3iklteb- haber bietet sich Gelegenheit, die Philharmoniker unter Furtwängler (der im September allerdings in Potsdam dirigiert) zu hören.
Wie schon in den beiden letzten Jahren werden die Berliner auch in diesem Herbst in ihren Theatern, Kinos und Konzerfsälen meist unter sich sein, denn von einem Reiseverkehr kann nicht mehr gesprochen werden- Die dadurch fehlenden Vergleichsmöglichkeiten mit den anderen deutschen Ländern und Zonen wäre den „Insulanern" aber gerade jetzt mehr zu wünschen, als der große „Blick in die weite Welt".
wart", die aber breitere Entwieklungs- linlen dadurch erkennen läßt, daß sie aus den drei letzten Jahrzehnten aufholt. Colonel Francois Uherblickte auch weitere Ausstellungen der Zone, z. B. die gerade in Freiburg geschlossene und demnächst eröftnete, und charakterisierte die neuesten Kunstrichtungen mit dem Wahrspruche: „Schreiben ist nicht beschreiben und malen nicht schildern!“ Sie dankten den sechs Ausstellungslei- tem, von denen Dr. Kurt Martin (von den Kunstsammlungen in Ka 'risruhe upd Freiburg ) betonte, daß es nicht Aufgab« solcher Ausstellungen sei. einen
Mr. G. P. Mater zum Abschied
ln diesen Tagen verläßt wieder ein uneigennütziger Helfer der deut schen Zeitungen unser Land, um in seine Heimat, die USA , zurückzukehren. Ks ist Mr. Gene P. Mater, stellvertretender Chef der Press- Controll von Württemberg-Baden , mit Sitz in Stuttgart .
Der junge Journalismus im neuen Deutschland verliert in ihm einen unermüdlichen Förderer, der den Aufbau des Zeitungswesens besonders ln Württemberg-Baden nach besten Kräften unterstützte. Die Zeitungsverleger und Redakteure verdanken ihm manche wertvollen Anregungen und sie hoffen, daß er* wieder unter seinen Landsleuten, gern an Deutschland zurückdenken wird. Good luck to you. Mr. Mater!
Vereinte Westzonen:
München . (Dena.) Suchanfragen von Deutschen nach Angehörigen in den USA werden ab 1. November nur noch in unmittelbarer Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischer Roten Kreuz in Was hington und der Suchdienst-Arbeitsgemeinschaft München erledigt werden.
Kegensburg. Die gesamten Bahnanlagen im Bereich der RBD Regensburg sind neuerdings gesperrt worden. Personen, die das durch Wamtafeln besonders gekennzeichnete Gelände betreten, werden festgenommen und abgeurteilt. Diese Maßnahme soll vor allem lm Winter ZU erwartenden Lebensmitteldiebstähle aus Güterztigen verhindern helfen. gl.
Nürnberg . Im fränkischen Gebiet sind falsche 50-RM-Seheine im Verkehr. Sie sind 8—8 mm breiter als die echten, außerdem kenntlich durch die Ziffergruppen „078", „077* und das fehlende Kopf-Wasserzeichen. gl-
Bayreuth. Von 151 im September in Bay reuth zur Welt gekommenen Babys erhielten 146 keinen Kinderwagen, berichtet die „FP“ und erweitert in diesem Zusammenhang die Statistik auch auf den August, in dem bei 137 jüngsten Erdenbürgern nur ein einziger Kinderwagen zur Verfügung stand. gl.
Frankfurt , 21. Okt.) (Dena.) Das ameri kanische Hauptquartier genehmigte seit Aufhebung des Hetratsverbotes im vergangenen Dezember bis zum 30. September ds. Js. 1898 Eheschließungen zwischen Amerikanern und Deutschen .
Berlin . (Dena.) Alle Geldmittel und Vermögenswerte, die durch Entscheidung amerikanischer Militärgerichte’im ameri kanischen Sektor von Berlin in Form von Geldstrafen und Beschlagnahmüng eln- gehen, werden zu Gunsten der Bevölkerung des amerikanischen Sektors Verwendung finden, erklärte der Direktor der amerikanischen Militärregierung für den US -Sektor, Frank L Howley .
Berlin . CDena.) so Arbeietr der Firma Engels A.-G. in Verbert bei Düsseldorf haben sieh auf Anweisung der Gewerkschaften geweigert, den Befehl zur Demontage auszuführen.
Französische Zone: ’
FreudenstadL Die Stromsperre hat im Kreise Freu'denstadt jetzt auch eine weitere störende Auswirkung gebracht In manchen Bezirken des Kreises wird während der Abschaltstunden auch eine Abschaltung der Teilnehmer vom Fernsprechnetz vorgenommen. — In E 1 o - t ö r n a n im Kreise Wangen stürzte ein T7jähriger Landwirt von der Dreschmaschine auf die Tenne: er war sofort tot — Im Alter von 73 Jahren starb in Biber a c h der bekannte Orgelbaumeister Albert Reiser. — In einen Teppich gehüllt, wurde in Rottweil ein 14 Tage alter Knabe ausgesetzt aulgefunden. — Nachts wurde in Eschanhausen ein vier Zentner schweres Schwein im Stall eines Landwirts abgestochen und hinter dem Hause ausgenommen. ts.
Koblenz . Der Ministerrat des Landes Rheinland-Pfalz beschloß die. Einrichtung einer Hauptwirtschaftskammer. Sie ist in der Verfassung vorgesehen und soll als Zentralorgan der heimischen Wirtschaft wirken. ts.
... .—j: . ..„i .
mehr oder weniger vollständigen Überblick über neue Zeichenkunst, Malerei und Plastik zu geben. Vielmehr müssen die neuen Wege zur Diskussion gestellt, das Richtungweisende ausgesiebt werden, um der allgemeinen Förderung zu dienen. Es gelte, die so lange uns aufgezwungene Absperrung und Isolierung zu überwinden. die unser Schaffen in /seinen Fortschritten mehr behindert habe, als man gemeinhin anzunehmen geneigt »ei. Apch er dankte dem Kulturrat Baden-Baden , ,der diese Ausstellung organisierte und durchführt, sowie dem Kulturbund für demokratische Erneuerung Deutschlands in Berlin , durch dessen Mitwirkung es möglich wurde, auch Werke der übrigen Zonen heranzubekommen. Er dankte auch den Kunstsammlern, die wichtige Stücke unserer Kunstentwicktung in großzügigstem Entgegenkommen zur Verfügung gestellt haben. So gelang die Ausstellung trotz aller Verkehrsschwierigkelten, wie Colonel Francois treffend bemerkte, da es eher möglich wurde, sorgfältig zusammengepackte Bilder auf Reisen zu schicken, als Besucher, die in die Tausende gehen. Die anschließende allgemeine Besichtigung, die gleich angeregte Diskussionen vor bestimmten Bildern auslöste, überzeugte von dem vielfältigen, nach garte-neuen Mitteilungswegen ringenden Vortrupp, unter dem der originelle Wjlli Baumeister c Stuttgart ) mit „Lichte Gestalten“ und ■Farbige Wolken" Fragen aufwarf. Aber auch die früheren Wegweiser sind vertreten, wie der leider schon 1938 verstorbene Ernst Barlach , Max Beckmann , Ernst Ludwig Kirchner , der lm Vorjahr in Locarno - Muralto verstorbene Paul Klee , Wilhelm Lembruck, Alfred Kubin und Paula Modersohn - Becker . Franz Marc ist leider nur mit zwei Tierbildem vertreten, H. Kuhn mit vieren. Eine sehr anregende Schau de» Neuen! Fr. Baser.
r
4