V

Bett« € / Nummer S4/3S

SÜDDEUTSCHE ALLGEMEINE

Donnerstag, den 25. Mürz 194t

Grfthirbtm unö Griibirtitcbra

Klinge! an der Tttr der Wehten Wirtschaft

»ab einen schrillen, kurzen Laut Ich trat ln den halbdunklen Raum. Es hatte midi zur Osterzeit geradezu in dieses alte, fünfstöckige, schmucklose Haus getrieben. Die Zeit, die Ich ln Ihm verbracht hatte, bedeutete einen Ein­schnitt ln meinem Leben und solche Lebens­abschnitte regen sich zur Frühlingszeit auf geheimnisvolle Weise. Wie alte Narben. Man gedenkt seiner Taten und Niederlagen Ich sah midi in der Stube um. Nichts hatte sich verändert. Dem Hof zu öffnete sich der breite dunkle Gang, dahinter schimmerten die Umrisse eines Billards. Hin­ter der Theke lehnte ein Mann. Ich wußte gleich, daß es Albert war. Er trug eine graue Wolhveste über dem Bauch, einen Kneifer auf der Nase, sah blaß und mürrisch aus. Er erkannte mich nicht, schenkte mir ein Glas Bier ein und lehnte s ; ch dann wieder an das Holzregal zurück, in dem die leeren Schnansflaschen , stanken. Ich setzte mich an den runden Tisch in der Ecke und blickte, während ich den ersten Schluck nahm, erschreckt noch einmal zu dem Mann hinter der Theke hinüber; Ich hatte mir eingebildet, er würde, wenn ich einträte, die Arme ausbreiten und auf mich zu­kommen. Nun stand er da und sah an mir vorbei. An mir, der ich bereit gewesen wäre, sofort mit ihm ein Ballspiel auf dem Hofe auszutragen oder eine Jagd auf Fahrrädern im benachbarten Schulhof um die Bäume herum. Wie ich Ihn so in der lastenden Stille, es war niemand sonst im Raum, an­guckte, hatte ich ein Gefühl, als wehe mich ein kalter Hauch an. Als würde ich alt dabei und steif, als beugte ich Kopf und Rücken wie Albert. Der Perpendikel der Wanduhr schlug hart in die Stille der Wirtsstube hinein, als köpfe er eine Illusion nach der anderen auf der Wiese des Daseins. Auf einmal war es mir, als hätte Albert selber die mähende Sense in der Hand und murmelte dabei; „Bist so alt wie ich ... auf Hieb und Stich ... so alt wie ich ..." Ich stand hastig auf, sagte, ich wolle einen Blick auf den Hof tun. Verwundert sah er mir nach, als ich so sicher durch die Nebenstube ging, von der eine Tür hinausführte.

Nun stand ich im Hof. Immer noch reckten sich um seine Gevierte die fünfstöckigen Häuser. Aus dem amzäunten Gärt­chen, das einmal die Hälfte des Hofes eingenommen und eine schöne, sauber gezimmerte Holzlaube getragen hatte, in wel­cher der Wirt an schönen Sonntagnachmittagen Kaffee trank, war ein winziges Stück kümmerliches Rasenland geworden, auf dem ein Handwagen stand. Unaufhaltsam zogen die Er­innerungen der Kindheit über Pflaster und Rasen; Reigen und Tänze beim Leierkastenpolka, Freundschaftsbeteurungen, erhitzte Jungengesichter bei sommerlichem Spiel. Deutlich sah Ich Albert, wie er beim Lauf über den Hof am weitesten vorne lag, sich den Ball holte und ihn dann drei Stock hoch gegen die Brandmauer warf.

Ich ging zur Teppichstange, umfaßte prüfend ihr altes run­des Holz. Ich sah Albert und mich wie einst auf ihr dicht nebeneinander sitzen und zu den Fenstern des gegenüberlie­genden Stockwerkes hinüberäugen. Da wohnte v ein Mädchen.

Manchmal zeigte er mir Gedichte,, die er gemacht. Ich habe sie ihm dann verbessert, uhdf er hat sie ihr am- anderen Tage heimlich in den Schulranzen gesteckt. Es warin den Versen keineswegs von Liebe die Rede. Es waren vielmehr lange Balladen von tapferen Burenkämpfem, von al­ten Spreefischem und von kühnen Schiffsjungen.

Ja ... von Schiffsjungen! ^

Ob er noch da oben im zweiten Stock wohnte, der grauhaarige kleine Deckoffizier, der meinte, was ein richtiger Junge sei, der müsse zur See gehen? Er war damals an diel Fünfzig, hatte wegen einer im Dienst erlittenen Beinverletzung früh pensioniert werden müssen und macht das Haus mit seiner Lebendigkeit ebenso unsicher wie wir beide auf unsere Weise. Er ließ auf der Trepp# niemand vorüber, ohne mit ihm zu sprechen, und wenn es Frauen waren, so fand er überhaupt kein Ende. Er war stets vergnügt und voller Geschichten. Unten in der Kneipe, bei Alberts Vater stand er wohl dreimal am Tage, trank einen Korn und ein Bier, rauchte seine Pfeife, und wenn die Kneipe recht voll war, begann er zu erzählen. Die Arbeiter und Handwerker, die hier ihr Frühstück und ihr Vesper aßen, haben ihm gern zugehört. War er einmal nicht da, kam es wohl vor, daß ein Lehrling zu ihm geschickt wurde, er möge ja kommen. Eine Kammer stellte seine Kajüte dar. Negerkeulen, Walroßzähne auf Bast gezo­gen, Pfeile, merkwürdige Messer und Masken waren an den Wänden. Vor allem aber hing da unter Glas in einem viereckigen Kasten ein großes Segelschiff. Es war aus Holz geschnitzt.

Auch die Segel. Sie blähten sich im Wind, und das Meer rollte nur so in farbiger grüner Watte unter dem Kiel dahin. Der Hintergrund war tiefblau angestrichen. Eine große gelbe Sonne strahlte aus der linken Ecke. Jedesmal, wenn Albert das Schiff sah, sagte er mir, er werde bestimmt einmal mit einem solchen Kahn über die Meere fahren. So manchesmal saßen wir bei dem schnurrigen Seemann . Er selber hockte dann unter dem Segelschiff auf einem Sofa, das eine hohe Lehne hatte. Das eine Bein hatte er ausgestreckt, das andere hing herunter, und so erzählte er, indessen er entsetzliche Qualm­wolken von sich stieß, von seinen afrikanischen Abenteuern. Wenn wir ihm zuhörten, war es uns, als erstrecke sich dicht vor unseren Augen der weite, heiße, gelbe Wüstensand der Sahara .

Wir spürten mitschwitzend die tropische Sonne auf unserer Stirn,' sahen an der Küste deutlich lange, gefräßige Haie durchs blaue Wasser flit­zen. Im Sturm, der jede Geschichte beschloß, ging stets ein Segelschiff unter. Wie sein Bug und sein Heck sich im Wellenkampf hoben und senkten, so hob und senkte sich auch unsere Brust unter stürmischen Empfindungen. Und neben ihm auf dem gleichen Flur ... ob sie da noch wohnte, die alte, kluge, kleine, schmäch­tige Tierhändlerswitwe aus Bayern ? Sie besaß zwei große schwarze Katzen und eine Kana­rienvogel-Hecke, die das halbe Zimmer einnahm.

Albert war mit mir einmal bei ihr gewesen.

Sie führte uns zur Hecke und zeigte uns strah­lend in allen Winkeln der Zweige die brüten­den Weibchen. Die Katzen lagen dicht an dem

grob umgitterten Käfig, schnurrten und kümmerten sich nicht

um die piepsenden und singenden Vögel. Die Alte sprach nicht viel. Aber sie hatte eine so freundliche, warme Stimme und legte so mütterlich ihre Hände auf unsere Schultern, daß wir die Eier, die wir heimlich aus einem der Nester genom­men hatten, von selber wieder zurücktaten, als sie in die Küche gegangen war, um uns ein Stück Kuchen zu holen.

Während ich nun hier im Hofe an den Seemann und die Alte dachte, fing es an zu schneien. Eine weiße schöne Helligkeit legte sich über den stillen Hof. Da öffnete sich in die Flocken hinein ein Fenster über mir. Für einen Augen­blick wurde ein grauer Kopf sichtbar. Mir schoß das Blut zum Herzen. War es die Frau des Wirtes gewesen? Würde er nun selber gleich aus dem Fenster gucken? Er, der einst das Haus mit großer Schuldenlast übernommen und beschei­den von den kleinen Mieteinkünften gelebt hatte? Im Keller des Hofes betrieb er eine Tischlerei. Für uns Jungen hatte er Stelzen angefertigt, einen Barren zum Turnen, Drehkreisel und Holzbälle. Wenn er doch jetzt heruntergucken wollte mit seinem freundlichen Billardkugelkopf, dem Hängeschnurrbart, den roten Bäckchen, schief auf dem Schädel die kleine lustige Militärmütze, die er sich vom 70er Feldzug aufbewahrt hatte. Ohne ihn war die Zeit unserer Jugend nicht denkbar, so eng war er mit ihr verknüpft. Hätten sich nicht immer um die Zeit zur Jahreswende bei ihm-die Kinder des Hauses ver­sammelt, um den Weihnachtsbaum zu plündern? Zuerst gingen wir rund um ihn herum und pflückten ab, was zu erreichen war. Dann durfte der Größte unter uns, das war Albert, in die Krone fassen Und den Baum umlegen. Das tat er jiie, ohne mit der anderen Hand gleich den goldenen Stern von der Spitze zu holen und einzustecken.

Nun aber mußte Ich zu Albert zurück! Mußte ihn sprechen. Ich trat wieder ein bei ihm und gab mich zu erkennen. Läs­sig, wohlwollend, ein wenig verlegen reicht er mir, ohne Sich viel zu rühren, über den Ladentisch die Hand. Ich bestürmte ihn mit Fragen, wollte von allem wissen, wollte hören, ob er selber nun zur See gefahren sei w«d was er von der Welt gesehen. Er stand da und guckte mich verwundert an, was ich da so alles hervorsprudelte. Mir kam es wie eine Musik vor, die aus mir selber kam und aufs neue Gestalt wurde in den Figuren, von denen ich sprach. Albert aber schüttelte langsam und gemessen den Kopf, als könne er gar nicht begreifen, wie man von so etwas so viel Wesens machen könne. Er sei gar nicht zur See gefahren. Warum auch? Er habe nach dem Tode des Vaters die Wirtschaft übernommen. Wie er zur Ladenscheibe herausguckte, hielt er inne, streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger nach draußen. Da ging eine uralte Frau vorüber. Kopf und Rücken waren tief nach vornüber gebeugt. Im Gesicht Falte über Falte. Wie mit einem Schnitzmesser eingekerbt. Grobe und feine Linien.

„Die einzige, die noch übrig geblieben ist“, schrie er lachend mit weit geöffnetem Mund und vielen Zahnlücken. „Die Alte mit den Kanarienvögeln!“

Da gab ich Albert die Hand, faßte nach der Tür und ging. Wie ich, die Klinke in der Faust, zurüeksah, erblickte, ich Alberts Gesicht hinter der Scheibe. Es sah aus, als presse er eben die Lippen zusammen, um meinen Namen zu rufen, aber dann verschwammen seine Züge im Dunkel der Stube und verloschen.

Vom Hofe -her tönte Leieikastenmusik. Ein Orgelmann drehte dort inmitten des Flockenwirbels einen Polka. Auf «einem Haupte der hohe Kürassierhelm der Straßen-Musi-

MAGNOLIEN / ZEICHNUNG VON GOTTLIEB RUTH, STUTTGART

kanten. Die lange wohlgeputzte Spitze besetzt mit vielen

kleinen Glöckchen. Das alte Gesicht voller dicker Stoppeln. Als sei er der Rattenfänger von Hameln polterten immer mehr Kinder fröhlich die Treppen der Häuser herunter und stellten sich um ihn auf. Pfennigstücke und Groschen flogen aus den Stockwerken herab. Der Stoppelbärtige schüt­telte leise, langsam, gemessen mit ernster Miene den Kopf. Als wolle er verneinen, was er sah und hörte. Wie Albert kam er mir vor. Aber je stärker er verneinte, um so zu­kunftsfroher, silberner, heller und lustiger klangen, ob er wollte oder nicht, die vielen Glöcklein an seinem Helip.

Und die Kinder tanzten dazu. Christian Früchtning.

Diese Großstadtgeschichte nennt der Autor „Der Schellenkürassier “, das ist eine Hofmusikanten­art, wie man sie in Norddeutschland kennt. Der Spielende dreht die Orgel , tritt eine Pauke und schüttelte zugleich Schellen an seinem Kopf .

och Ist der Frühling roh, aber schon genieß­bar. Die Luft schmeckt nach unreifer Hitze, und es riecht nach Blumen, die nicht da sind. Ein Paar Schweinchen laufen übern Hof, froh der Bewegung. Noch dürfen sie, In der Vorfrühlings-Phase der Schinken und Würste, deren wahrlich inkarnierte Idee sie sind, frei galoppieren. Der Tod persönlich, die Sense, das Messer, dem sie entgegenschwellen, im Stiefel, jagt sie mit Händeklatschen und freundlichem Scherzwort. Die Sonne probt, es geht schoafr ganz gut. Blank Ist der Himmel, von der Farbe dünnem Glases, als wäre vorläufig nur eine erste Schicht Blau auf­getragen. Es ist warm kalt. Große Fliegen, verirrt in der Zeit, hineingefallen der Sommer-Täuschung, verhungern an Fensterscheiben. Uber Baum und Strauch liegt ein Traum von Grünem, im neuen Moos, das den Waldboden deckt, wird er bereits smaragdene Wirklichkeit. Die Dorfstraße ist dicker, appetitlicher Kot, die Auto-Pneumatiks haben lang« Linien ihrer Ornamente in den nachgiebigen Kot hineinge­drückt. Wenn er hart sein wird, ;werden sie ihn zu Staub zermalmen: das ist das Los des Charakters auf der Erden! Überall strolchen Hühner, neu In der neuen Sonne, lernen sich im Freien orientieren, und die Gegend kennen. Vereiste Pfützen, hier und da, warten auf das Unabwendbare, an der Landschaft hängen Schneekrusten, Fetzen und Fäden eines zerrissenen, fortgewehten winterlichen Überwurfs. Aus der Kotlache trinkt ein Ententrio. Immerzu trinkt es, das kann nicht Durstlöschen, das muß Beschäftigung sein oder Spiel, oder sie wollen dem Tümpel, in dem der Himmel sich spie­gelt, auf den blauen Grund kommen. Die Gänse hingegen, weiß sind sie und wollen es bleiben, suchen das fließende Wasser, sie machen sich’s kalt, dann haben sie doppelten Genuß von der unwahrscheinlichen März-Sonne. Die Jahres­zeit ist aus den Fugen. Durch den Wald, noch offen nach allen Seiten hin, schwärmen Licht und Luft in heitrer Frei­heit, nützen die Chance, von keinem Laubgitter abgehalten zu sein. Den Dorfkötem ist das Wetterwunder, ins Herz gefahren, sie schnappen nach den Sonnenstrahlen, kauen warme Luft und wiegen sich beim Gehen, als «ei ihnen absurd leicht zumute. Entblößt liegt die Erde, aufgedeckt vom Sturm, mit ihrem Schlaf Ist es vorbei, und züm Aufstehen doch zu früh. Und von der Wärme überrascht, indes der Frost ihr noch in allen Gliedern steckt, kramt sie zögernd Frühlingssachen aus. Der Mensch aber hat Kopf­schmerz und Gelüste, und seine rührselige Sinn­lichkeit sucht unter anderm auch den Busen der Natur. Sein Gefühl setzt Knospen an, an denen wahrscheinlich nichts ist als Luft, in seinem Inwendigen rumort es wie von Keim und Wachstum, aber herauskommen wird wahr­scheinlich nicht einmal Gras. Und welch be­glückte Ruhe spiegelt sich in den Augen der Kuh, die zum erstenmal nach langer Pause im Freien spazierengeht! Blickt sie sonst sanft­mütig, so blickt sie Jetzt liebevoll. Sicher, in ihrer schwabbelnden Brust «chwabbelt etwa* wie Weltgefühl, und hätte sie das Mimisch« heraus, sie würde lachen. Alfred Polgar .

Unter der Bezeichnung: „Erste Früh­lingstage“ schrieb Alfred Polgar , einer der feinsten Feuilletonisten deutscher Sprache, diese kleine übermütige Skizze,

Reg er-Anekdoten

Zu der Zeit, als der große Komponist Max Re­ ger noch Studierender des Fürstlichen Konser­vatoriums zu Sondershausen war, hatte sich ein Schüler der Dirigentenklasse, der ein großer Wagnerianer war, enthusiastisch geäußert: „Ein­mal da* Vorspiel zu den „Meistersingern “ diri­gieren — und dann Sjterben!“

Am nächsten Tag stand folgender Anschlag auf dem Schwarzen Brett - des Institutes:

Mittwoch, den 5. Juni 1890 Orchester-Probe Wagner: Meistersinger-Vorspiel Dirigent: Herr Müller Ehre seinem Andenken!

Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten.

„Warum wollen wir dem Müller seinen letzten Wunsch nicht erfüllen?“, erklärte er.

*

Als sich eine Dresdener Musikkommission zum Besuch und zur Prüfung der Lehrkräfte des Leip­ziger Konservatoriums angesagt hatte, an wel­chem damals auch Max Reger unterrichtete, schrieb der Meister den Herren: Er sei gern bereit, s 1 e zu prüfen.

Zu Max Reger kam eines Tages ein dilettan­tischer Komponist und legte dem Meister sein neuestes Werk zur Begutachtung vor. Reger blätterte scheinbar sehr aufmerksam in dem Manuskript und meinte dann voller Tnter-sse: „Sagen Sie mal: wo haben Sie eigentlich das aus­gezeichnete Notenpapier gekauft?“