Virtuelle Schatzkammer

Die Badische Landesbibliothek besitzt einen umfangreichen Bestand an Handschriften, Inkunabeln, alten und seltenen Drucken, Musikhandschriften, historischen Karten, Autographen und weiteren wertvollen Sammlungsgegenständen. Unter diesen befinden sich Spitzenstücke wie zum Beispiel die Handschrift C des Nibelungenlieds. In unserer „Virtuellen Schatzkammer“ präsentieren wir einzelne digitalisierte Kostbarkeiten. Sie können einen ersten Eindruck vom hohen Wert des überlieferten historischen Erbes vermitteln; sie sollen aber auch dazu anregen, das gesamte Angebot der Digitalen Sammlungen intensiver kennenzulernen.
Donaueschinger Wigalois
Handschrift auf Papier. Um 1420. 220 Blatt
Sprache: deutsch. Signatur: Donaueschingen 71

Mit großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Wüstenrot Stiftung konnte die Badische Landesbibliothek Ende 2018 eine einzigartige Erwerbung tätigen:
Die ehemals Donaueschinger Wigalois-Handschrift, ein nationales Kulturdenkmal von exzeptionellem Wert, fand ihren Weg nach Karlsruhe. Damit kehrte ein um 1420/30 in der berühmten Lauber-Werkstatt im oberrheinischen Hagenau produzierter und höchst erzählfreudig illustrierter Artusroman in seinen ursprünglichen Sammlungs- und Überlieferungskontext zurück.

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Stundenbuch des Markgrafen Christoph I.
Handschrift auf Pergament. 1488. 108 Blatt.
Sprache: lateinisch. Signatur: Durlach 1

Das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. (1453-1527) ist das älteste Zeugnis markgräflich-badischen Buchbesitzes, das sich in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe erhalten hat. Als frommer Mann besaß Christoph sein eigenes Gebetbuch, in diesem Fall ein Stundenbuch, das die zu bestimmten Tageszeiten zu verrichtenden Gebete enthält. Das in Paris um 1490 hergestellte lateinische Stundenbuch wurde für den Markgrafen luxuriös ausgestattet: mit auf Goldgrund reich verzierten Bordüren, prächtigen Miniaturen und dekorativen Initialen. Eine ganzseitige Miniatur zeigt den knienden und betenden Markgrafen selbst; auch Markgraf Bernhard II. von Baden und weitere Persönlichkeiten sind in der Handschrift zu entdecken.

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Breviculum des Raimundus Lullus
Handschrift auf Pergament. Nach 1321. 45 Blatt.
Sprache: lateinisch. Signatur: St. Peter perg. 92

Das nach 1321 vermutlich in Nordfrankreich entstandene Breviculum des Raimundus Lullus enthält eine kurz gefasste Darstellung von Leben und Werk des katalanischen Philosophen und Theologen Ramon Llull (1232-1316), die von dessen Schüler Thomas le Myésier, einem Kanoniker aus der nordfranzösischen Stadt Arras verfasst wurde. Die im Auftrag der französischen Königin entstandene Handschrift wurde 1736 vom Kloster St. Peter im Schwarzwald erworben und gelangte im Zuge der Säkularisation in die Großherzogliche Hofbibliothek in Karlsruhe. Das Werk ist nur in einer einzigen Handschrift überliefert.
Um die komplizierte philosophische Lehre Lulls verständlich zu machen, setzte le Myésier auf die bildliche Anschauung. Er stellte deshalb seinem Text zwölf ganzseitige Miniaturen voran, die Leben und Werk seines Lehrers illustrieren.

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Chronik des Konstanzer Konzils
Handschrift auf Papier. Um 1470. X, 223 Blatt.
Sprache: deutsch. Signatur: St. Georgen 63

Schon während des Konstanzer Konzils, das von 1414 bis 1418 am Bodensee stattfand, sammelte der Konstanzer Bürger Ulrich von Richental (1360-1437) Quellen und Texte dieser Kirchenversammlung. In der Folgezeit verfasste er eine Chronik, von der heute 16 Abschriften auf Papier bekannt sind. Zwei der bebilderten Handschriften besitzt die BLB. Die um 1470 in Konstanz entstandene, farbig illustrierte Handschrift stammt aus dem Kloster St. Georgen im Schwarzwald (Codex 63). Eine weitere, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Überlingen hergestellte Handschrift ist aus der Benediktinerabtei Ettenheimmünster überliefert (Codex 11). Beide Exemplare gelangten im Zuge der Säkularisation in die Karlsruher Hofbibliothek.

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Nibelungen-Handschrift C
Handschrift auf Pergament. Zweites Viertel des 13. Jahrhunderts. 114 Blatt.
Sprache: deutsch. Signatur: Donaueschingen 63.

Die Karlsruher Handschrift C entstand im alemannisch-bairischen Raum und ist die älteste überlieferte Handschrift des Nibelungenlieds, einem mittelalterlichen Heldenepos um Siegfried den Drachentöter, seine Frau Kriemhild und Hagen von Tronje, das gerne als Nationalepos der Deutschen angesehen wird. Neben dem eigentlichen „Lied“ umfasst die Handschrift auch die „Klage“, in der der Untergang der Burgunden nochmals zusammengefasst und aufgearbeitet wird. Treue und Verrat sind die zentralen Motive beider Werkteile.
Seit 2001 befindet sich der Codex als Eigentum der Landesbank Baden-Württemberg und der Bundesrepublik Deutschland in der Badischen Landesbibliothek. Als herausragendes Beispiel der europäischen Heldenepik wurde die Handschrift 2009 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.

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Karlsruher Tulpenbücher
Handschrift auf Papier. Um 1730. 4 Bde.
Sprache: lateinisch. Signatur: Karlsruhe 3301 und 3302

Zu den bekanntesten Handschriften aus der Provenienz Karlsruhe zählen die unter dem passionierten Blumenfreund und Karlsruher Stadtgründer Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach (1679–1738) bei professionellen Blumenmalern in Auftrag gegebenen Karlsruher Tulpenbücher. In ursprünglich 20 Bänden zusammengefasst, ließ der Markgraf Tulpen und andere Pflanzen des Karlsruher Schlossgartens detailgetreu abbilden. Von diesen 20 Bänden sind heute lediglich noch vier erhalten: zwei im Generallandesarchiv Karlsruhe und zwei in der Badischen Landesbibliothek.

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Rappoltsteiner Parzival
Handschrift auf Papier. Um 1330
Sprache: deutsch. Signatur: Donaueschingen 97

Seit dem Frühjahr 1993 befindet sich ein Teil der bedeutenden privaten Handschriftensammlung der Fürsten von Fürstenberg aus Donaueschingen in der Badischen Landesbibliothek. Darunter ist auch die einzige bekannte vollständige Abschrift des sog. Rappoltsteiner Parzival. Die Handschrift enthält die deutschsprachige Parzival-Erzählung Wolframs von Eschenbach mit einem Einschub zweier Straßburger Autoren des 14. Jahrhunderts. Das Spannende daran ist die Vermischung von deutscher und französischer Überlieferungstradition der Parzival-Geschichte aus dem Sagenkreis um König Artus. Die Stelle, an der der Einschub beginnt, findet sich eine einzelne Schmuckinitiale.

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Konrad Grünenberg: Bericht über die Reise von Konstanz nach Jerusalem
Handschrift auf Papier. Um 1487
Sprache: deutsch. Signatur: St. Peter pap. 32

Das im Jahr 1093 gegründete Benediktinerkloster St. Peter auf dem Schwarzwald zählte zu den einflussreichsten Klöstern der Region. Als es 1806 im Zuge der Säkularisation aufgehoben wurde, fiel sein Besitz an das Großherzogtum Baden. Die in der ehemaligen Klosterbibliothek vorhandenen Handschriften gelangten in die Hofbibliothek nach Karlsruhe. Allerdings war die Bibliothek des Klosters in der Vergangenheit bereits mehrfach zerstört worden, so dass die zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch existierende Handschriftensammlung vor allem den Bemühungen des Abts Philipp Jakob Steyrer (1749–1795) zu verdanken war. Nur wenige Handschriften aus früherer Zeit oder gar in St. Peter selbst geschriebene waren noch in der Sammlung vorhanden.
Unter den 52 Papierhandschriften, die überwiegend aus dem 15. Jahrhundert stammen, sticht besonders der Reisebericht des Konstanzers Patriziers Konrad Grünenberg (vor 1442–um 1494) hervor. Er enthält eine ausführliche Beschreibung seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem, bei der Grünenberg bemerkenswert unvoreingenommen die ihm fremden Städte und Kulturen beobachtete, die er auf seiner Reise erlebte.
Die Handschrift ist mit großen kolorierten Federzeichnungen illustriert. Das Besondere an ihr ist, dass sie als Autograph gilt: Man nimmt an, das Grünenberg sie eigenhändig geschrieben und möglicherweise auch die Bilder selber malte oder sie zumindest nach seinen Erinnerungen malen ließ. Damit sind sie authentischer als viele andere historische Abbildungen der dargestellten Städte.

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Gebetbuch der Katharina Röder von Rodeck
Handschrift auf Papier. 1540. 206 Bl.
Sprache: deutsch. Signatur: Karlsruhe 3356

Das Gebetbuch der Katharina Roeder von Rodeck ist eine der bedeutendsten Neuerwerbungen der Badischen Landesbibliothek in den letzten Jahren. Die badische Adlige aus dem Benediktinerinnenstift Frauenalb schrieb in dem kleinformatigen Buch, das sie im Jahr 1540 fertigstellte, eigenhändig und für den eigenen Gebrauch eine ganz persönliche Zusammenstellung von Gebeten und Andachtstexten nieder. Viele Seiten schmückte sie mit bunten Federzeichnungen und ergänzte den Band mit relativ ausführlichen Angaben zu ihrer eigenen Biographie.
Das Besondere an dem Band ist, dass Katharina ihn als sog. Beutelbuch binden ließ. Diese Buchform, bei der das Leder des Einbands an einer der Schmalseiten nicht eingeschlagen, sondern lang belassen wurde, war im späten Mittelalter weit verbreitet. Man sieht sie häufig auch auf Bildern jener Zeit: An dem überstehenden Leder ließen sich die Bücher leicht in der Hand tragen oder an den Gürtel hängen und konnten so überall hin mitgeführt werden. Praktikabel war dies jedoch nur für relativ kleinformatige Bücher, wie z.B. Gebetbücher. Tatsächlich finden sich unter den weltweit nur noch 26 mit ihrem originalen Einband erhaltenen Beutelbüchern allein 19 mit religiösen Inhalten – die meisten von ihnen Gebetbücher.

zur digitalen Ausgabe des Gebetbuch der Katharina Röder von Rodeck