wonnen, dass es auf Sensation hin zugeschnitten war. Wenn ich die Zeit genauer gewusst hätte, wann Sie in Frankfurt a. M. waren, dann wäre ich auf jeden Fall nach dort gekommen. Sie wissen ja, dass wir in Deutschland nicht frei im Lande herumreisen können, sondern Pa­ssierscheine beantragen miissen. Die Genehmigung dauert oft Wochen. Wie Sie wissen, liegt Trossingen in der franz. besetzten Zone. So er­geben sich für uns sehr viele Schwierigkeiten, die sich oft recht hem­mend in der Arbeit auswirken. Dennoch packen wir aber alle Aufgaben mit dem notwendigen Nachdruck an und gelingt uns auch mit den täglichen Schwierigkeiten in etwa fertig zu werden. Bei Aufbau des Instituts verfiigten wir über kein Notenblatt und kein Buch. In Deutschland gibt es ja auch nichts zu kaufen. Man muss dann schon den" Schwarzen Markt" aufsuchen, dieser ist aber für einen normalen Etat eines Instituts un­erschwinglich. Da werden Sie dort ein leichteres Arbeitsfeld haben. Si­cher verfigen Sie über, die notwendigsten Arbeitsunterlagen. Wie ich kiirzlich in einem sehr aufschlussreichen Artikel aus den USA las, be­sitzen Sie ja an der Yale University eine eigene Radiosendestation. Wie gerne wirde ich das alles einmal kennen lernen, aber es wird ja wohl in unserem Leben nicht mehr möglich sein. Wie glicklich können Sie sein, dass Sie seinerzeit den Entschluss fassten ins Ausland zu gehen. Dr.Reichenbach ist ja auch Driben. Er schrieb mir einen sehr ausführli­chen Brief. Kommen Sie gelegentlich mit ihm zusammen? Gibt es in den USA auch so etwas wie" Volksmusikschulen"? Das wäre vielleicht noch ein Betätigungsfeld fir junge deutsche Musiker? Haben Sie Ihre Frau Mutter in Butzbach bei guter Gesundheit angetrofon? Friher, in Frankfurt, erkundigte ich mich ab und zu nach dem Be inden. Mit Dr. Hans Boettcher besuchten wir Ihre Angehörigen mehrmals. Boett­chers Schicksal teilte ich Ihnen wohl mit? Der Ärmste modert auf irgend einem unbekannten Platz in Berlin. Was hat dieses Hitler- Regime nicht alles zerstört. Wie gut könnte ich diesen treuen Mitarbeiter jetzt hier gebrauchen. Leider gibt es nur wenige wirklich tichtige Mitarbeiter. Neuerdings habe ich Helmut Degen als Kompositionslehrer heraufgeholt. Er arbeitet weitgehend im Sinne Ihrer" Unterweisung". Gerhard Strecke aus Breslau bzw. Beuthen wird Ihnen auch ein Begriff sein? Er erzählt öfter von Begegnungen mit Ihnen. Er ist als Schlesienflichtling gleich­falls hier im Lehrkörper tätig. Donaueschingen, ursprünglich Ihre Do­mäne, wird jetzt ganz von Hugo Herrmann verwaltet. Die Entwicklung ist dort anders gelaufen, als es unter Ihrer bewährten Führung geschah. Vielleicht haben diese Dinge auch ihre Existenzberechtigung verloren. In Deutschland kann man an einen positiven Aufbau kaum noch glauben. Zudem bekämpfen sich die Musiker untereinander in einer Weise, die man nur mit nazistischen Methoden bezeichnen kann. Das sind die rudimentä­ren Erscheinungen, die diese Zeit uns als schlechte Eigenschaft auch noch hinterlassen hat. Ich glaube nicht mehr an eine Entwicklung. Der Kampf ist entsetzlich und die angestrebten Ideale unterscheiden sich diametral. Aber warum schreibe ich Ihnen das alles? Ja, machmal möchte ich mich mit Ihnen über den Weg unterhalten, der einzuschlagen ist, denn Sie stehen mitten in einer positiven Aufbauarbeit und wissen, wie man den Dingen begegnen kann. So wäre mir eine Aussprache mit Ihnen von allergrösster Wichtigkeit. Wird sie sich im kommenden Jahr arran­gieren lassen? Nun möchte ich Ihnen zu Ihrem heutigen Geburtstag noch alles Gute winschen. Bleiben Sie gesund und schaffensfreudig. Ihr Werk wird weit über die Eintagsfliegen von Machwerken hinausleuchten, die sogen. bedeutende andere Komponisten als allein gültige Werke der Jetzzeit vorzulegen wagen. Was wir alles vorgesetzt belrommen, ist un­beschreiblich. Lassen Sie sich auf Ihren graden und eindeutigen Wage nicht irre machen. Grüssen Sie Ihre liebe Frau von uns. Wir denken noch oft an die gemeinsamen Zusammenkiinfte. Das liegt nun alles Jahre hinter uns. Aber es bleibt unvergessen.

Ich griisse Sie mit meiner Frau herzlichst

als Ihr stets getreuer