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Was nun die Grrichtung diefer nenen Anftalt betrifft, fo tommt ein doppeltes Bedürfniß, ein fofort zu befriedigendes und ein erſt bei gänzlicher Aufhebung der Pforzheimer Anftalt eintretendes in Betrocht Der Umfang des erjteren beftimmt fich von ſelbſt, indem vor Mem die bereits erwähnten, aus pen Anſtalten Illenau, Pforzheim und Heidelberg zu evacuirenden 300 Kranken unterzubringen wären, die ſich noch um, wohl größten⸗ theils gleichfalls dieſen Anſtalten zu entnehmenden 100 Kranken vermehren würden, an deren Stelle vor Allem die auf den Warteliſten ſtehenden in die Heilanſtalten aufgenommen werden könnten.

Zunächſt wäre ſomit für Unterbringung von ca. 400 Kranken vorzuſorgen, während die Fürſorge für den Reſt mit 600 Kranken ſpäterer Zeit und insbeſondere der Erwägung vorzubehalten wäre, innerhalb welchem Zeitraum ſich die allmälige Aufhebung der Pforzheimer Anſtalt vollziehen ſoll.

Ihre Kommiſſion iſt daher mit Großh. Regierung dariu einverſtanden, daß hinſichtlich des Umfangs der zu errichtenden Anſtalt von vornherein nicht blos das gegenwärtige, ſondern auch das ferner liegende Bedürfniß in Rückſicht gezogen werde.

Für den Umfang einer Anſtalt iſt jedoch nicht blos die Zahl der darin unterzubringenden Kranken, ſondern vor Allem auch das zu wählende Syſtem der Irrenfürſorge von Bedeutung.

Die Vorlage hat ſich für das Syſtem agrikoler Irrenkolonien entſchieden und Ihre Kommiſſion legt gerade auf die Wahl dieſes Syſtems einen beſonderen Werth. Charakteriſirt ſich die Entwicklung der modernen Irren fürſorge, unſerem Zeitgeiſt entſprechend, ohnehin durch Gewährung größerer freier Bewegung, im Gegenſatz zu dem früheren Prinzip der Beſchränkungen, ſo erblickt man neuerdings in Fachkreiſen in„dem Aufſuchen paſſender und anregender Arbeit das beſte Mittel, die Theilnahme der Kranken zu beleben, den ſchlummernden oder über— triebenen Thätigkeitsdrang in richtige Bahnen zu lenken und dadurch ein inneres Intereſſe an der Arbeit zu erwecken“.

Die günſtigen Erfahrungen, welche die von Großh. Regierung eingeſetzt geweſene Kommiſſion in den von ihr beſuchten Irrenanſtalten mit Kolonien(Colditz mit der Kolonie Zſchadras, Hubertusburg mit der Kolonie Reckwitz, Marburg und Altſcherbitz) konſtatiren konnte, und welche auch von anderer Seite beſtätigt wurden, haben übrigens auch für den Laien nichts Ueberraſchendes, wenn ſich ein Fachmann(Hofrath Dr. Flamm, Di— rektor der Heil- und Pflegeanſtalt Pfullingen , Württemberg ) in ſeinen Studien über Irrenkolonien„über das Syſtem“ der agrikolen Irrenkolonien u. A. in folgender Weiſe äußern kann:

„Mit der Arbeit kehrt das Bewußtſein der Pflichterfüllung und damit Behaglichkeit, Wohlſein und das Gefühl der Freiheit unter den Koloniſten ein, und nichts gewährt dem durch Wieſen, Felder und Gartengrundſtücke fortwandernden Menſchenfreund einen tröſtlicheren und erheiternderen Eindruck, als mitanzuſehen, wie dieſe Kranken nach Herzensluſt ſich auf dem Felde bewegen, heuend und mähend, den Boden beſtellend und Bäume pflanzend ihr Tagwerk und die Arbeiten mit heiterſtem Geſicht verrichten. Sehr ſelten kommen in der Kolonie weſentliche Unannehmlichkeiten, Streitigkeiten, Hadereien und Zänke— reien vor und verſchwindend wenig Fluchtverſuche.“

Oder wenn ein anderer Fachmann(Dr. Brandes in Hannover ) über ſeine Erfahrungen mit Irrenkolonien ſagt:

„Der wohlthätige Einfluß, eines ſolchen Lebens, welches die Kolonie gewährt, iſt ſchon auf die phyſiſche Geſundheit der Kranken von überraſchendem Einfluß; unter den Feldarbeitern ſieht man die geſundeſten Geſtalten, die kräftigſten Körper und die heiterſten Phyſtognomien, aber nicht allein auf das phyſiſche Wohl wirkt der Aufenthalt in der Kolonie vortheilhaft, ſondern vor allem auf ihre yſychiſche Individualität, nichts iſt auch für das geiſtige Behagen und die gemüthliche Stimmung vortheilhafter, als eine gut organiſirte, gleichmäßig geregelte Arbeit“ ꝛc.—

„Wenn es ſchon dem ſachverſtändigen Anſtaltsarzt nicht entgehen kann, wie oft der Wechſel der Verſetzung von einer in die andere Anſtalt, ja ſchon die Translokation in eine andere Abtheilung der Anſtalt in hiefür geeigneten Kranken oft eine Umwandlung der ganzen phyſiſchen Perſönlichkeit be— wirkt, die wir uns nie hätten träumen laſſen, ſo geſchieht es noch in au genfälligerem Grad und höheren Ziffern, daß bei Kranken, welche in der Anſtalt in Lethargie verſunken, Jahre lang völlig unbrauchbar, indolent und bis zum äußerſten Elend heruntergebracht, nur noch eine Art Scheinleben führten, durch verſuchsweiſe Verſetzung in die Kolonie einige Zeit ſpäter eine Aenderung ihres geiſtigen Könnens und gemüthlichen Verhaltens, eine Summe von Leiſtungen zum Vorſchein kam, der wir unſere

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