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Verhandlungen der zweiten Kammer. Sechsundzwanzigſte oͤffentliche Sitzung am 18. Mai 1837 35
proximativer Maßſtab fuͤr die Eigenſchaften gelten kann, die nicht minder eine richtige Beurtheilung der Gemeinde⸗ angelegenheiten, als eine gute und umſichtige Auswahl der Gemeindebeamten bedingen. Daß aber das Eigenthum zugleich eine Garantie ſey, wird ſo lange eine Wahrheit ſeyn, als es wahr bleibt, daß Derjenige, der nichts oder wenig beſitzt, auch nichts oder wenig zu verlieren hat. Es iſt ſchon von einigen verehrlichen Rednern bemerkt wor— den, daß der Bericht der Minorität Bieles enthalte, was weit mehr gegen die eigenen Vorſchlaͤge der Minoritaͤt, als gegen den Regierungsentwurf ſpreche. Ich will dieſe Seite der Sache etwas naͤher beleuchten, indem ich vor⸗ ausſetze, daß es bei der ganzen Verhandlung hauptſaͤchlich darauf ankommt, die Vorzuͤge nachzuweiſen, die der Re- gierungsentwurf vor den Vorſchlägen der Minorität hat. Der Herr Berichterſtatter ſagt, daß der Regierungsvor⸗ ſchlag die Gleichheit der Rechte verletze und Veranlaſſung zur Zwietracht und Unzufriedenheit gehe. Die Gleichheit der Rechte iſt aber durch den Regierungsentwurf, meiner Ueberzeugung nach auf keine Weiſe verletzt, denn der Ungleichheit, die er einführt, entſpricht eine andere na⸗ tuͤrliche Ungleichheit, die weit großer iſt. Wenn man die ſtatiſtiſche Ueberſicht uͤberblickt, welche dem Berichte Ihrer Commiſſion beiliegt, ſo wird man finden, daß die Berz ſchiedenheit des Vermoͤgensſtandes weit bedeutender ift, als die Verſchiedenheit der Stimmrechte, welche der Ent—⸗ wurf vorſchlaͤgt. Man findet, daß in einzelnen Staͤdten das mittlere Steuerkapital in der unterſten Klaſſe 800 Gulden, in der mittleren 3,800 Gulden, und in der höch⸗ ſten 18,000 Gulden betraͤgt. Die natuͤrliche Ungleichheit iſt oi weit gröfer, Der nene Borfhlag der Regierung ift ein groper Fortfdritt in Vergleichung mit allen fruͤhe⸗ ren Entwürfen der Regierung, denn er wendet fein Grund: prinzip anf eine gefhidtere, auf eine vjel geredhtere und billigere Weife an, wag id um fo mehr fagen-fann, alg ich nicht deſſen Verfaſſer bin. Wie Tann nun der verehr⸗ liche Herr Berichterſtatter behaupten, daß die Bekleidung des Reichſten mit einem im aͤuſſerſten Fall dreifach ſtaͤr⸗ keren Stimmrecht, als der Entwurf dem Aermſien gez waͤhrt, eine ungebuͤhrliche Verletzung der Gleichheit ſey, da er ſelbſt eine zahlreiche Klaſſe naͤmlich ole, welche nicht mehr als fuͤnfhundert Gulden verſteuern, von allem
Stimmrecht gaͤnzlich ausſchließen will? Wuͤrde eine ſolche gaͤnzliche Mißachtung der perſönlichen Rechte nicht das Gefuͤhl des Unrechts, wenn je von einem Unrecht die Rede ſeyn könnte, weit tiefer aufregen, als die Beſtimmungen des Regierungsentwurſs? Läßt ſich auch nicht Alles, was der Bericht der Minorität gegen die indirekten Wah— len ſagt, in weit ſtrengerem Maße gegen ihren eigenen Vorſchlag anwenden? Worin beſteht der Unterſchied in dieſer Hinſicht zwiſchen dem Regierungsentwurf und dem Antrag der Minoritaͤt? Er beſteht meiner Anſicht nach nur darin, daß der erſte die Wenigſtbeſteuerten ihre Wahl⸗ maͤnner waͤhlen laͤßt, der letzte aber durch das Geſetz den uͤbrigen Buͤrgern neben ihrem eigenen Stimmrecht der That nach noch das Stimmrecht der Wenigſtbeſteuerten uͤbertraͤgt. Nach dem Regierungsentwurf ſind die Aus⸗ ſchußmitglieder gewaͤhlte Wahlmaͤnner, nach dem Vor— ſchlag der Minorität aber geborne Wahlbeauftragte eines mehr oder weniger bedeutenden Theils der uͤbrigen Bürger, Ihre Zahl iſt nach den ſtatiſchen Notizen ſehr bedeutend, indem ſie in den mittleren und größeren Staͤdten von 200 bis auſ 700 Steuerpflichtige ſteigt. Der Vorſchlag der Minoritaͤt der Commiſſion verhaͤlt ſich zu dem Regierungs⸗ entwurf, um die Sache mit einem Worte aus zudruͤcken, wie eine geſetzliche Fiktion zur Wahrheit. Der Bericht⸗ erſtatter beruft ſich auf das Verdammungsurtheil, das der berühmte Burke uͤber die unmittelbaren Wåpler. ans» geſprochen hat.
Dieſe Autoritaͤt iſt freilich bedeutend, aber ich ſetze ihr die Autorität der Erfahrung der legten vierzig Jahre, ſo wie die Nutorität des Herrn Berichterſtatters ſelbſt ent⸗ gegen; denn iſt es erlaubt, geſetzliche Vertreter zur Wahl⸗ handlung zu beſtimmen, ſo muß um ſo mehr erlaubt ſeyn, ſolche waͤhlen zu duͤrfen,. Die Sache reduzirt ſich uͤbrigens blos darauf: ob das Wahicollegium zahlreich genug iſt— und dieſe Frage kann man nur mit Ja be⸗ antworten.
Das Wahlcollegium iſt viel bedeutender, als der große Ausſchuß, wie ihn das Geſetz von 1831 fuͤr zulaͤſſig erklaͤrte, und wornach er nur da beſtehen ſoll, wo er von der Gemeinde gewuͤnſcht wird. In der That liegen alſo keine Widerſprüche zwiſchen dem Regierungsentwurf und dem Vorſchlag der Minorität in Beziehung auf das
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