0 r alt Osseburger.

Belletristische und humoristische Lhronik der Kreishauptstadt Dffenburg.

Nr. 393.

Ausgabe vom 35. November 1906.

Preis 10 Pf.

EillMS vom Komps grgrtt dlk Tuberkulose .

(Aus dem Geschäftsbericht des deutschen Zentralkomites.)

Infolge der zunehmenden Erkenntnis von der Not­wendigkeit eines planmäßigen und energischen Vorgehens gegen die Tuberkulose kam im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine große Bewegung in Fluß, welche sich zur Aufgabe stellte, Heilstätten für minderbemittelte Lungen­schwindsüchtige zu errichten, nachdem Brehmer und Dettweiler bewiesen hatten, daß diese Volksseuche im Aufangsstadium durch das von ihnen ausgebildete hygienisch­diätetische Heilverfahren auch in unserem Klima geheilt werden kann.

Es wurde 1896 die Bildung eines „Deutschen Zentral- Komites zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke" beschlossen und ein Ausschuß mit den Vorarbeiten beauftragt. Infolge der ergangenen Aufforderungen haben sich während des Vorbereitungsjahres 400 Mitglieder gemeldet und es gingen beim Schatzmeister rund 400,000 M. ein.

Mit Hilfe der Mittel, welche die Privatwohltätigkeit aufgebracht hat, und insbesondere der großen Summen, welche die Landesversicherungsanstalten auf Grund des § 18 des Gesetzes vom 13. Juli 1899 zur Verfügung gestellt haben, ist es gelungen, in der kurzen Zeit von 10 Jahren über ganz Deutschland ein Netz von nunmehr 86 Volks­heilstätten für Erwachsene mit mehr als 8000 Betten und 14 Heilstätten für tuberkulöse Kinder mit rund 6OO Betten herzustellen. Außerdem bestehen jetzt in Deutschland 54 Kinderanstalten, welche durch Aufnahme skrofulöser und schwächlicher Kinder, zum Teil nur während der Sommer­monate, indirekt der Tuberkulosebekämpfung dienen. Zur Errichtung von solchen Anstalten hat das Zentralkomite die Sumnie von 1 1 /2 Millionen Mark als Beihilfe gewährt.

Neben den Volksheilstätten, welche in der Hauptsache die Unterbringung von unbemittelten oder minderbemittelten heilbaren Lungenkranken bezweckten, entstand eine große Zahl von Privat Heilanstalten (36 mit etwa 2200 Betten) für die begüterten Stände, welche auch zum Teil Minder­bemittelten Aufnahme gewähren.

Eine wesentliche Unterstützung fand die Heilstättebeweg­ung durch die Verfügung des preußischen Kultusministeriums vom 18. Dezember 1897, in welcher ans Anlaß eines Gut­achtens der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinal­wesen auch auf die Bedeutung der Schwindsuchtsbekämpfung im Wege der Errichtung von Volksheilstätten hingewiesen wurde.

Die Grundlage für die Behandlung in den Heilstätten bildet nach wie vor die von Brehmer und Dettweiler eingeführte hygienisch-diätetische Behandlungsweise, welche in der Hauptsache in möglichst ausgedehntent Aufenthalt in der freien Luft, dem richtigen Maß von Ruhe und Bewegung bei reichlicher, leichtverdaulicher Nahrung besteht. Daneben werden in den Anstalten teilweise die Hetol- und die Tu- berkulinbehandlnug angewendet, letztere in stetig zunehmen­dem Maße.

Aus dem Jahr 1898 ist noch hervorzuheben, daß eine beträchtliche Anzahl größerer Stadt gemeinden in der Erkenntnis der Wichtigkeit der Bestrebungen des Zentral- komites diesem als Mitglieder mit zum Teil beträchtlichen Beiträgen beigetreten sind.

Eine wesentliche Erleichterung und Vervollkomumung erfuhr die Heilstättebewegung am 1. Januar 1900 durch das Inkrafttreten des IuvalideuVersicherungsgesetzes vom 13. Juli 1899, welches vor allem eine Reihe neuer Bestimm­ungen für die vorbeugende Unterbringung tuberkulös Er­krankter in Heilstätten und für die Unterstützung ihrer An­

gehörigen brachte. Zugleich wurde das Zusammenwirken der Versicherungsanstalten mit den Krankenkassen geregelt.

Zur Aufklärung des Volkes über das Wesen der Tu­berkulose ist die Preisschrift des Dr. S. A. Knopf, New- Uork: „Die Tuberkulose als Volkskrankheit und deren Be- känipfung" unter der Mitwirkung der interessierten Behörden und Gemeindevorstände bis jetzt in 450,000 Exemplaren ausgegeben worden. Eine große Zahl von Exemplaren ist unentgeltlich zur Verteilung an Seminarien, Volksschulen, Untersuchungsstellen für Lungenkranke, an die Genossenschaft freiwilliger Krankenpfleger und große Krankenkassen abge­geben worden.

Neuerdings wendete das Präsidium seine Aufmerksam­keit den Walderholungsstätten zu, deren Herstellung zunächst durch leihweise Hergabe von Dö ckerschen Baracken unterstützt wurde. Es bestehen bis jetzt in Deutschland einige 60 Walderholungsstätten. Das Zentralkomite hat für die­selben bisher 21 Döckersche Baracken leihweise und 131,760 Mark als bare Beihilfe in Raten von durchschnitlich 6000 M. gegeben.

Im Jahr 1901 erfolgte die erstmalige Zuwendung eines Zuschusses aus Reichs Mitteln in Höhe von 60,000 Mark. Derselbe Zuschuß ist bisher alljährlich weiter ge­währt worden.

Es wurden im November 1903 und 1904 Tuberkulose- Aerzteversammlnngen anstelle der früheren Jnforma- tionskurse für Heilstättenärzte veranstaltet. Dieselben haben allgemeinen Anklang gefunden. Jnl Großherzogtum Baden , insbesondere unter Mitwirkung des Badischen Frauenvereins vom Roten Kreuz, schuf man besondere Tuberkulosenausschüsse, deren es bis jetz 85 gibt und welche sich lediglich der Tu­berkulosebekämpfung widmen.

Im Jahr 1902 bildete sich das Internationale Zentral- Bureau zur Bekämpfung der Tuberkulose. Das Bureau hat alljährlich seitdem Sitzungen des engeren Rates in Paris , Kopenhagen und wieder Paris abgehalten.

Der im Jahr 1903 verstorbene Geheimrat Dettweiler, der Begründer des Sanatoriums Falkenstein und der ersten Volksheilstätte Ruppertshain , hat die Liegekur als wesent­lichen Bestandteil des hygienisch-diätetischen Heilverfahrens ausgebildet und. eingeführt.

Das Zentralkonnte hat sich allmählich niehr und mehr den vorbeugenden Maßnahmen gegen die Verbreitung der Tuberkulose zugewendet und die gesamte Tuberkulosenfürsorge in den Kreis seiner Arbeiten einbezogen und ist für die Er­richtung von Auskunfts- und Fürsorgestellen ein­getreten.

In Berlin ist ein Tuberkulose-Museum enstanden.

In den Jahren 1904 und 1906 hat das Zentralkomite sich weiter vorzugsweise den Verhütungsmaßregeln gegen die Tuberkulose zugewendet. Die Fürsorgestetten haben eine große Ausdehnung angenommen; es sind bis jetzt etwa 65 vorhanden. An 13 von diesen hat das Zen­tralkomite 16,300 Mark Beihilfe gegeben. Des weiteren ist man bemüht, überall auf die bessere Unterkunft von Lungen­kranken in vorgeschrittenem Stadium hinzuwirken, sowie auf eine Verniehrung solcher Fonds zur Fürsorge für Lungen­kranke, welche nicht den Verlust der bürgerlichen Rechte nach sich ziehen.

Im allgemeinen sehen die Gemeinden mit Recht die Unterkunft der vorgeschrittenen Kranken als ihre Pflicht an und suchen durch Errichtung von Anbauten oder besonderen Pavillons bei ihren Krankenhäusern dem Bedürfnis abzu­helfen. Einige errichten besondere Tuberkulose-Krankenhäuser.

Die Privatwohltätigkeit hat nur wenig in dieser Richtung getan.