NR. 61 / 2. JAHRGANG St BADEN-BADEN, MITTWOCH, DEN 31. JULI 1946 _ PREIS 15 PFENNIG

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*r»chetnt mittwochs und tamstagt — Bezugspreis: Monatlich . Jy Anschrift: Stetan*mtraßn t — Fernruf 1.20 RM. durch die Pott 1.44 RSf. durch Streifband 2 RM Verlap 25 5& Scfcrifttott»*» 21 JO, Postschack Karlsruhe 24 257

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Demokratie als Gebeimwissenscbaft ?

In den drei Staaten der amerikanisch besetzten Eone haben die Verfassunggebenden Landesver- sammlungen ihre Arbeit aufgenommen. Sie müssen nach dem ihnen gesetzten Termin so pünktlich ar­beiten, daß am ersten Novembersonntag dieses Jah­res der Volksentscheid über die neuen Verfassun­gen stattfinden kann. Die Zeit drängt also. Darun­ter darf indes die Güte der parlamentarischen Arbeit nicht leiden. Denn was Jetzt errichtet wird, soll kein Notbau sein. Wir brauchen endlich wie­der ein festes Dach über Unserem politischen Haus.

Dazu kommt, daß diese ersten neuen deutschen Länderverfassungen jenen, die nach ihnen kom­men werden, Vorbild sein werden. Was in den Län­dern Bayern , Württemberg-Baden und Großhessen jetzt vorgebildet wird, geht also uns alle an.

Die Fülle der damit zusammenhängenden Fra­gen und die Kürze der verfügbaren Zeit verlangt von jedem politisch mitdenkenden Deutschen in­tensive Auseinandersetzung wenigstens mit den Grundmeinungen. Die erste Frage ist naturgemäß die: wie wird das demokratische Grundprinzip verwirklicht, das in der Weimarer Verfassung die klare Formulierung gefunden hatte: „Alle Deut­ schen sind vor dem Gesetz gleich 1 '.

Mit dieser verfassungsmäßigen Festlegung steht und fällt jedes demokratische Staatsgrundgesetz, ganz gleich ob es sich nur um ein einzelnes deut­sches Land oder später einmal um eine Verfas­sung jenes Staatsgebildes handeln wird, das Deutschland heißen soll.

Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Daß sie trotzdem ausgesprochen werden muß, hat seinen Grund, denn merkwürdige Dinge müssen dazu festgestellt werden.

Das gleiche Hecht für alle hat man im Vorent- vurf der Verfassung z. B. in Bayern dadurch .bereichert“, daß dort vier Kategorien von Deut­ schen zu finden sind, nämlich 1. Staatsangehörige,

!. Staatsbürger, 3. wahlberechtigte Bayern und 4 äewohner Bayerns.

Da sich schon das bayrische Volk mit dieser Aufgliederung, geschweige denn ihrer Begründung licht auskennt, erscheint es verständlich, wenn au- äerhalb Bayerns für solche Erfindungen überhaupt jedes Verständnis fehlt. Hier herrscht die Meinung ror, daß man an den Grundrechten der Demokra­tie nicht drehen noch deuteln darf, gleichgültig wer das tut. Das Unverständnis wächst, wenn man iich überlegt, daß solche politischen „Erkenntnis- :e“ ja doch wohl ausschließlich auf die Veranlas­sung betont demokratischer Persönlichkeiten und luf die durch Brief und Siegel demokratisch be­schworenen Parteien zurückgeht. Oder wer sonst^ rann heute im besetzten Deutschland die ersten Gehversuche einer neuen Demokratie ausführen ?

Dabei läßt die Lage im großen nicht den %ering- iten Zweifel offen: geschlagen, total iusammenge- irochen, sieht sich das deutsche. Volk mitten in ;iner noch immer nach unten *W,öter abgleitenden wirtschaftlichen und sozialen; Krise ohnegleichen. Niemand, der Augen hat zu sehen, bestreitet, daß ;s der allergrößten-"Anstrengung jedes Einzelnen mter uns bedarf,-«vollen wir das Höchstmaß un­seres eigenen Anteils zur Überwindung dieser La- »e leisten. Wir alle kennen die Hindernisse, deren ßeseitigung nicht in unserer eigenen Macht allem iegt- die Vierteilung in Zonen, die Ernahrungs- age, die Unklarheit über die künftige mögliche Entwicklung der uns verbleibenden Wirtschaft. Auf einem dezimierten Raum leben Millionen leimat- und besitzlos gewordener deutscher Züchtlinge und Ausgewiesener mit uns zusammen.

Es fällt schwer, in der Geschichte eine Krisen­age von ähnlichem Ausmaß zu finden. Sie muß 'elöst werden, und soweit es in unseren Kräften rteht, können wir sie nur bewältigen, wenn wir die den gleichen Willen, die gleiche Energie ind — trotz allem — die gleiche Zuversicht auf- »ringen, es schließlich doch zu schaffen.

All diese Anstrengungen zusammengenommen -ichten sich auf die Überwindung der unterirdi­schen Triebkräfte, die in Wahrheit allein °en Er- 'olg bedrohen, einen Erfolg, der vielleicht noch m weiter Ferne liegt, den wir ^er erringen mus- sen wenn wir auch nur das nackte Leben in die Zukunft retten wollen. Das eiementare Grundre- :ept dafür heißt: gleiches Recht Ar alle! Es ist iin klares, offenes, jedem verständliches Rezept, iazu selbst verordnet und heiß begehrt, denn wei­ter Kranke will nicht gesund werden?

Wer demnach heute den Versuch macht, die VIenschen in Deutschland staatspolitisch aufzuspal- cn, tut nicht weniger, als sie des unveräußerlichen Rechtes ihrer staatsbürgerlichen Existenz zu be- •auben. Es ist völlig gleichgültig, wer das tut und srte er sich politisch bezeichnet. An ihren Fruch- Sen sollt ihr sie erkennen! Und diese Fruchte ha- ien wir doch wirklich hinreichend kennengelernt. Gesetze sind Menschenwerk und werden von de­ren gemacht und ausgeführt, die regieren. Sollten äie Spuren unserer Erfahrung, nicht schrecken. Mit dem Keil der staatspolitischen Aufspaltung be­sinnt es. Mit der sozialen Untermimerung geht es

weiter. Am Ende stehen der Polizeistaat und die

D Uns tU tüt die Offenheit der echten Demokratie not, nicht die dem kleinen Mann vorenthaltene Geheimwissenschaft der Schaffung von Unterschie- den auf unsichtbaren Wegen und mit sorgsam verborgenen Ursachen. Denn wir stecken m bit­terster Not, und die sie am drückendsten fühlen, haben auch das empfindlichste Gefühl dafür, wer sie nur mit Worten anspricht, aber gleichzeitig tatenlos einem elenden Ende zutreiben läßt.

Vor dem Gesetz sind alle Deutschen gleich : So” wollen wir leben, so und nicht anders. Es ist unser eigenstes Anliegen. Wir lassen es uns nicht wieder aus der Hand nehmen. tu

Todesstrafe für Nürnberger Angeklagte beantragt

NÜRNBERG — Die Anklagevertreter Frank­ reichs und Rußlands beantragten für sämt­liche Nürnberger Angeklagten die Todesstrafe.

Pr. WILHELM PFETSCH :

Vom Ethos der Arbeit

Eröffnung der Friedenskonferenz

Bidanlt begrüßte die Delegierten im Namen Frankreichs

PARIS — Der französische Ministerpräsident B i d a u 11 hat die Pariser Konferenz mit folgen­der Rede eröffnet:

„Im Namen des französischen Volkes heißt die Regierung der Republik die Delegationen der ver­bündeten und befreundeten Nationen von Herzen willkommen, die zur ersten großen Konferenz, deren Aufgabe es ist, die Ordnung der Welt nach dem Kriege zu besprechen, nach Paris gekommen sind. Die französische Regierung ist -glücklich, feststellen zu können, daß alle Nationen, die im Namen des Rats der Außenminister an sie gerich­tete Einladung angenommen haben und sie ist überzeugt, daß die Vertreter unserer Länder ge­meinsam und im Geiste freundschaftlicher Zusam­menarbeit an der ihnen gestellten wichtigen Auf­gabe arbeiten werden.

Zum zweitenmal seit 30 Jahren werden ln Frank­ reich internationale Konferenzen abgehalten, auf denen die Nationen, die in schrecklichen Kriegen siegreich waren, sich bemühen, den Frieden zu begründen. Die französische Regierung weiß diese Ehre und das Vertrauen zu würdigen, sie weiß, daß diese Ehre die Auswirkung einer schicksal­haften Bestimmung ist, die es gewollt hat, daß Frankreich zum zweitenmale die Avantgarde der demokratischen Nationen sein sollte. Die nach dem Kriege von 1914—1918 abgehaltenen Konferen­zen haben der Welt Lösungen vorgeschlagen, die es nicht verhindern konnten, daß noch nicht ein­mal 25 Jahre später ein neuer längerer und noch schrecklicherer Krieg ausbrach. Es ist zu leicht, den Männern oder den Politikern, welche die Verant­wortung an den Lösungen von damals tragen, den Prozeß zu machen. Es ist Sache der Geschichte, darüber zu urteilen. Es möge mir aber gestattet sein, zu sagen, daß, was auch die Irrtümer und die Schwächen gewesen sein mögen, der tiefere Grund für den Mißerfolg auf die Tatsache zurück­zuführen ist, daß zwei Großmächte, auf deren Waffen in der Schlacht ein entscheidendes Ge­wicht gefallen war, sich von der Friedensregelung fernhielten. Diöser Schwächegrund ist heute nicht nicht mehr vorhanden. Alle demokratischen Na­tionen beteiligen sich an den Verhandlungen. Es ist dieselbe Vereinigung der friedlichen Nationen, die der Rat der Außenminister aufgerufen hat, sich an der Ausarbeitung des Friedens zu beteiligen. Es

BAR le DUC — General de Gaulle hielt nach Beendigung einer Zeremonie zum Gedächtnis der 88 Opfer, die am 29. Juli 1944 von den Deutschen in dieser Gegend niedergemacht worden waren, in Bar le Duc eine wichtige Rede. Er führte aus: Die französische Lösung für ein aufrichtiges und prak­tisches menschliches Abkommen bezüglich Deutsch­ land ist einfach: die verschiedenen und traditio­nellen deutschen einzelnen Bestandteile wie Preu­ßen, Bayern usw. müssen sich selbst verwalten, und zwar jedes auf seine eigene Art und auf eigene Rechnung. Die Ruhr muß unter internationale Kon­trolle gestellt werden und das Saarbecken muß in der französischen Wirtschaft aufgehen. Polen muß eine Westgrenze erhalten, die seine Verluste im Osten auf vernünftige Weise ausgleicht. An der Oder und am Rhein müssen die Grenzen für die Sicherheit der Nachbarstaaten Deutschlands fest­gelegt werden.

De Gaulle fuhr dann nach Darstellung der Wand­lungen, die sich in der Welt seit Beginn dieses drei­ßigjährigen Krieges vollzogen haben, folgenderma­ßen fort: Infolge des deutschen und japanischen Zusammenbruchs und der Schwächung Europas gibt es jetzt nur noch zwei Weltmächte — Rußland

„Triest nur ein Ausweg*

ROM — In der italienischen Konstituante erklärte Ministerpräsident de Gasperi über die Triester Frage folgendes: „Die Engländer haben in­folge unserer Reaktion auf die Internationalisie­rung Triests einigen Unwillen gezeigt, denn sie glaubten ehrlich, durch Annahme dieser Lösung zu­gunsten Italiens gehandelt zu haben. Diese Lösung aber ist nur ein Ausweg“, fügte de Gasperi hinzu, „und ein Ausweg ist kein dauerhafter Friede.“

Eine Byrnes -Erklärung

WASHINGTON — Der amerikanische Staatsse­kretär Byrnes bestätigte vor Pressevertretern, daß die deutschen und die österreichischen Fragen im Laufe der vor ihrer Eröffnung stehenden Frie­denskonferenz nicht zur Diskussion kommen werden, es sei denn, daß die anderen Außenminister be­schließen würden, zur Prüfung dieser Fragen zu schreiten.

Das palästinensische Problem

wurden Klagen vorgebracht wegen der Langsam­keit mit der unsere Arbeiten vor sich gingen und wegen der Verzögerung, die dadurch in Bezug auf die Rücksprache mit den anderen hauptsächlich in­teressierten Nationen eintrat. Als Vertreter der Regierung, die ihr Gastgeber sein darf, steht es mir weniger als jedem anderen zu, mich als Mei­ster der Methoden aufzuspielen, um die es hier geht.

Die Vertreter der Vereinten Nationen , die mit wesentlichen militärischen Streitkräften tatsächlich am Krieg teilgeAommen haben, sind heute in Paris zusammen gekommen. Es sind Zusicherungen ohne Einschränkungen gegeben, daß diese Konferenz zu einer möglichst gründlichen Diskussion schreiten wird, und daß die endgültigen Ausfertigungen der Friedensverträge erst dann vorgenommen werden, wenn die Vorschläge aller Nationen voll und ganz erörtert worden sind.

Alle Sehnsucht der Welt, alle Hoffnungen wen­den heute ihre Blicke aut diese Konferenz, die bestrebt sein soll, eine neue Basis zu finden für eine neue Vereinigung unter den Völkern, die den Krieg endgültig aus der Welt schaffen wird.“

Darauf wurde auf Vorschlag Byrnes Bidault zum zeitweiligen Präsidenten der Konferenz er­nannt. Nachdem Fouquös-Duparc zum Ge­neral-Sekretär des Konferenzbüros ernannt wor­den ist, schlägt Bidault die Einsetzung einer Voll- machten-Kommission vor, die aus 7 Mitgliedern bestehen solL Die Versammlung dieser Kommis­sion tagt am Dienstag zum erstenmal. Eine Ge­schäftsordnungskommission ist bereits ernannt und wird sofort ihre Tätigkeit aufnehmen.

In St. Etlenne erklärte am Sonntag Minister­präsident Bidault auf einer Veranstaltung zu Ehren der Kriegsopfer u. a. folgendes:

Es gäbe für niemand mehr Sicherheit auf der Welt, wenn unser Land in Gefahr geriete. Das Schicksal des französischen Volkes ist ein zu hoher Einsatz, um es dem Zufall zu überlassen. Berlin wird wieder aufgebaut und die Hauptstadt dessen bleiben, was die Alliierten als das zukünftige Deutschland be­stimmen. Denn Deutschland bleibt eine Realität und ist nicht mehr das schwarze Loch im Herzen Euro­ pas , als das wir es noch vor zwei Jahren ansahen.

und USA . Hieraus ergibt sich für die ganze Weit ein Faktor der Zerrissenheit Der soeben beendete Krieg brachte die Kräfte und Einflüsse beider Hauptbeteiligten in unmittelbare Berührung mit­einander, und niemand kann hinfort sich den schweren Sorgen entziehen, die durch die Entwick­lung der Beziehungen zwischen Amerika und Ruß­ land die Geschicke jeder Gegend und jedes Men­schen belasten.

Wer könnte denn das Gleichgewicht herstellen, wenn nicht die alte Welt zwischen den beiden neuen? Das alte Europa , das während so vieler Jahrhunderte der Führer der Welt gewesen ist, ist dazu imstande, im Herzen der Welt, die in zwei Teile auseinanderzubrechen droht, das Element des Ausgleichs und der Verständigung zu bieten. Dazu kommt, daß das Aufkommen beider neuen Welten mit der Erfindung ungeheurer zerstörender Kräfte sammenfällt. Hieraus verstehe jeder, daß nichts so lebensnotwendig sei, als die Regelung der Atom­energie derart, daß sie niemals im Kriege ange­wandt werden könne. Wir werden unsere Aufgabe nur dann erfüllen, wenn wir unser nationales Le­ben organisieren.

hörden über die Freilassung der jüdischen Politi­ker und über eine vorläufige Lösung des Einwan derungsproblems, zu verhandeln. Diese Frist sei am 25. Juli abgelaufen. Wenn Weizmann bis dahin kein Übereinkommen mit den britischen Behörden er­ziele, werde er voraussichtlich sein Amt niederle­gen müssen. In zionistischen Kreisen wird bereits sicher mit dem Rücktritt Weizmanns gerechnet. Man erwartet, daß dann in Palästina eine große jü­dische Offensive gegen die Mandatsregierung er­setzen wird, unter anderem Steuerverweigerung und Abbruch aller Beziehungen zu den britischen Behörden.

Urteile vollstreckt

BADEN-BADEN — Die im Neuebremme- Prozeß vom Hohen Gerichtshof in Rastatt zum Tode verurteilten 14 Angeklagten sind erschossen worden.

Schon seit langer Zeit hat das Wort Arbeit seine geringschätzige Bedeutung verloren. In den Zeiten der Antike war die Arbeit mit der Rechtsstellung arbeitender Menschen als einer Sache, als greif­bares Objekt ohne subjektive Bedeutung, gekenn­zeichnet. Die Entwicklung des modernen Wirt­schaftslebens, vor allem seit dem Aufkommen der Maschine, hat zu einer positiven Wandlung in der Bedeutung geführt. Die Arbeit wird zur Leistung. Sie hat in verhältnismäßig kurzer Zeit unseren Kontinent und besonders Deutschland zum indu­striellen Aufstieg geführt, das Gesicht Europas und anderer Erdteile durch ihre Schöpfungen verändert und ist als dynamische Kraft für die Formung der Wirtschaft in Erscheinung getreten. Damit ist eine neue soziale Epoche des Geschehens eingeleitet worden. Die Arbeit aber hat im Zusammenwirken all ihrer Arten eine großartige Sinfonie des Flei­ßes geschaffen, deren Finale für uns nun mit dem Mißakkord der Zerstörung und Vernichtung geen­det hat.

Die Wertung vollzieht sich nicht mehr allein als ein Wirken von Muskelkraft, als Energieansamm­lung und Verbrauch körperlicher und geistiger Kräfte, als Ablauf physischer und mechanischer Vorgänge, sondern sie wird auch zum Gegenstand ethischen Nachdenkens. Die Arbeit und besonders ihre Träger wird mit der Strukturwandlung der modernen Wirtschaft zum Hauptinhalt sozialisti­scher Theorien. Sie tritt als Inbegriff dem Kapita­ lismus gegenüber und formt sich als dessen Ge­gensatz zum sozialen Problem: hier Arbeit, dort Kapital. Von ihrer Seite kommt, entsprechend der Wandlung, die soziale Forderung nach gleichberech­tigter Mitbestimmung in der Volkswirtschaft. Wenn auch heute durch die Folgen dieses Krieges der alte Gegensatz wesentlich abgeschwächt ist, so hängt die Lösung der sozialen Frage entscheidend von der zukünftigen Gestaltung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital ab, nicht zuletzt aber von ihrer Bedeutung in ethischer Hinsicht.

Die so gesteigerte Bedeutung der Arbeit hat im Denken und in der praktischen Auswertung zur Erkenntnis ihrer Funktion geführt, deren Wert­messer sich nicht nur auf das greifbare Produkt in Form von Lohn und Preis beschränkt, sondern welcher ganz unabhängig von der Vielgestaltigkeit in Planung und Ausführung den sittlichen Kern zum Gegenstand hat. Wir werden damit in das unsichtbare, aber doch so reale Reich sittlicher Wertbildung geleitet Der Hinweis darauf erscheint heute umso notwendiger und dringender ange­sichts der Tatsache, daß Millionen von Menschen jeglichen Eigentums und materieller Güter be­raubt sind und nur noch ihre Arbeitskraft als ein­zigen Besitz haben. Für sie ist daher die Arbeit" und die Teilnahme am Reich ihrer sittlichen Werte zu einem unerläßlichen und kostbaren Lebensbe­dürfnis geworden.

Ein altes Sprichwort sagt, daß Müßigang des La­sters Anfang ist. Das ist die negative Seite. Sie läßt aber zugleich die positive umso mehr hervortreten, wie der Kontrast von Licht und Schatten. Die Wahrheit liegt darin, daß die Arbeit einen sittli­chen Halt, einen Schutz vor dem Schlechten ge­währt und daß in ihr das Streben des Menschen nach sittlicher Ordnung zum Ausdruck kommt. Der aber, der sich bewußt davon ausschließt, wird der Gefahr moralischen Zerfalls ausgesetzt. Die Allgemeingültigkeit dieser Weisheit basiert auf der Lebenserfahrung.

Eine andere Wirklichkeit ist die Selbstzufrieden­heit, der innere Ausgleich und die seelische Har­monie, die als Gefühle die Vollendung einer Ar­beit begleiten. Jeder Künstler, Gelehrte, Hand­werker, Bauer oder Arbeiter und auch die Haus­frau kennt «fieses innerliche und beglückende Er­lebnis, das eine immerwährende Quelle unsicht­barer Wirklichkeit spendet und den Menschen in dis Sphäre des Waltens sittlicher Kräfte und Wer­tung erhebt. So dient die Arbeit nicht nur dem wirtschaftlichen Zweck, sondern sie wird um ih­rer selbst willen zu einem sittlichen Postulat. Mö­gen Motiv zur Arbeit und ihre Intensität bei Völ­kern und Einzelnen gradmäßig noch so verschie­den sein, sei es, daß sie den einen zum unentbehr­lichen Lebensinhalt geworden, den andern aber nur ein Mittel zum Erwerb des Lebensunterhaltes darstellt, immer aber wird die Erfüllung vom Stre­ben und Drang des Menschen nach Vervollkomm­nung getragen sein. So eröffnet sich der Aspekt und die dichterische Schau am Schluß der fausti­schen Tragödie.

Die Arbeit steht in unlösbarer Beziehung zur Person ihrer Träger, denn sie sind es, die dem Ethos zur Geltung verhelfen und daran teilhaben. Wir erinnern uns noch gut jener Zeiten, da die wirtschaftliche Krise in Europa ein Heer arbeits loser Menschen zwangsläufig geschaffen hat. Jene Menschen mußten sich damals mit Unterstützun-

Die Konferenz des Internationalen Roten Kreuzes

Eine Rede de Gaulles in Bar le Duc

Neuordnung der Grundlagen wird erwogen

LONDON — Die britische Regierung plant, in Kürze eine Konferenz leitender arabischer und jü­discher Persönlickheiten einzuberufen, wie das bri­ tische Außenministerium bekanntgab. In dem Be­richt des Außenministeriums heißt es, es seien Ein­ladungen für diese Konferenz an die Mitgliedsstaa­ten der arabischen Liga ergangen. Weitere Einla­dungen an jüdische Vertreter und an Delegierte des amerikanischen Kabinettskomitees zur Palä­stinafrage würden noch abgesandt werden. Ein Zeitpunkt für den Beginn der Besprechungen sei noch nicht festgelegt, jedoch beabsichtige man, die Verhandlungen bis zum Beginn der Sitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen am drei- undzwangzigsten September beendet zu haben.

Rücktritt Weizmanns?

JERUSALEM — In unterrichteten Kreisen Palä­stinas heißt es, der Vorsitzende des Zionistenver­bandes, Chaim Weizmann , habe von der „Je- wish Agency" eine Frist von acht Tagen gestellt bekommen, um in London mit den britischen Be-

GENF — Die Vorkonferenz der nationalen Rote- Kreuz-Gesellschaften hat in Anwesenheit von 150 Delegierten begonnen. Der interimistische Präsi­dent des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Max Huber , hieß die Delegierten, be­sonders die Abordnung der Liga der Rote-Kreuz- Gesellschaften, die von O’Connor, dem Präsiden­ten des amerikanischen Roten Kreuzes, geführt wur­den, willkommen.-

Das C. I. G. R. (Coraite international de la Croix Rouge) hielt es für zweckmäßig, führte Huber aus eine Konferenz derjenigen zu planen, von denen in den verschiedenen, am Krieg beteiligten Staaten unmittelbar die Behandlungen der Kriegsgefange­nen und der Zivitintemierten abhängt. Die Ergeb­nisse ihrer Besprechungen werden ven höchster Bedeutung für die Vorschläge sein, welche die Internationale Konferenz des Roten Kreuzes auf dem Gebiet des Völkerrechts zu machen haben wird.

Huber sprach auch von der Notwendigkeit, be­deutende Lücken im Völkerrecht auszufüllen, ge­wiß vorhandene Abkommen zu revidieren und neue Abkommen zu schließen.

„Das Kriegsrecht, so wie es in der Haager Kon­vention festgelegt ist, muß im Hinblick auf die tiefgreifenden Umwälzungen in der Kriegstechnik und in den Beziehungen zwischen der öffentlichen Macht und dem Individuum revidiert werden. Eine derartige Aufgabe wird die Nationen zwingen, das Fundament des zukünftigen Lebens der Menschheit zu definieren“.

Über die Rolle des Roten Kreuzes sprechend, sagte Huber: „Inmitten einer Welt, in der die Be­griffe von Humanität und der Achtung vor der menschlichen Person ihren Wert verloren zu haben scheinen, ist das Rote Kreuz und will es auch wei­terhin sein, in Kriegszeiten ein Protest des Geistes gegen die Entfesselung materieller Kräfte“.

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