Nr. 49
BADENER TAGBLATT
Freitag, den 20. Juni 1947
m ann von hervorragendem Format, ein edler Mensch.
In seiner 1946 in Stockholm erschienenen „Welt von gestern“ schreibt Stefan Zweig über seine letzte Begegnung mit ihm:
„Ich bin wenige Tage vor seiner Ermordung noch im Automobil, in dem er erschossen wurde, dieselbe Straße mit ihm gefahren . . . Zögernd rief ich ihn in Berlin an. Wie einen Mann behelligen, während er das Schicksal der Zeit formt? Aber mit seiner außerordentlichen Technik, jede Minute auszunutzen, fand er sofort die Möglichkeit eines Zusammenseins. Tatsächlich war seine geistige Konzentrationsfähigkeit derart vollkommen, daß er jederzeit im Auto wie in der Bahn ebenso präzis und profund sprechen konnte wie in seinem Zimmer. Es wurde ein langes Gespräch. Er wußte im voraus, daß die Aufgabe vorläufig eine unlösbare war, daß ein wirklicher Friede, ein generöses Entgegenkommen noch nicht zu erhoffen war. „In zehn Jahren vielleicht“, sagte er mir, „vorausgesetzt, daß es allen schlecht geht und nicht nur uns allein. Erst muß die alte Generation aus der Diplomatie weggeräumt sein und die Generäle nur noch als stumme Denkmäler auf den öffentlichen Plätzen herumstehen.“
Selten in der Geschichte vielleicht ist ein Mann mit soviel Skepsis und so voll innerer Bedenken an eine Aufgabe herangetreten, und er kannte ihre persönliche Gefahr. Seit der Ermordung Erzbergers, der die unangenehme Pflicht des Waffenstillstandes übernommen, vor der sich Ludendorff vorsichtig ins Ausland gedrückt, durfte er nicht zweifeln, daß auch ihn als Vorkämpfer der Verständigung ein ähnliches Schicksal erwarte. Aber unverheiratet, kinderlos und im Grund tief vereinsamt, wie er
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war, meinte er die Gefahr nicht scheuen zu müssen.
Aber schon waren die Gruppen stark im Lande, die wußten, daß sie einzig Zulauf finden würden, wenn sie dem besiegten Volk immer wieder versicherten, daß es gar nicht besiegt und jedes Verhandeln und Nachgeben Verrat an der Nation sei. Schon waren die Geheimbünde mächtiger, als die damaligen Leiter der Republik vermuteten, die in ihrer Vorstellung von Freiheit alle gewähren ließen, welche die Freiheit Deutschlands für immer beseitigen wollten.
In der Stadt nahm ich dann vor dem Ministerium von ihm Abschied, ohne zu ahnen, daß es der endgültige war. Und später erkannte ich auf den Photographien, daß die Straße, auf der wir gemeinsam gefahren, dieselbe war, wo kurz darauf die Mörder dem gleichen Auto aufgelauert. So konnte ich noch bewegter und sinnlich eindrucksvoller die tragische Episode nachfühlen, mit der das Unglück Deutschlands , das Unglück Europas begann.“
Und Walther Rathenaus Mutter schrieb an die Mutter von Ernst Werner Techow , einem der Mörder:
„Mit unaussprechlichem Mitgefühl reiche ich Ihnen meine Hand, der unglücklichsten aller Mütter. Sagen Sie Ihrem Sohn — und mein Sohn würde mich bitten, so zu schreiben — daß ich ihm verzeihe, wie ihm Gott verzeihen möge. Möge er vor dem irdischen Richter ein ehrliches Geständnis ab- legen und vor dem himmlischen Richter bereuen. Wenn er meinen Sohn, einen der edelsten Menschen gekannt hätte, dann hätte er lieber die Pistole auf sich selbst gerichtet. Ich hoffe, daß diese Nachricht Ihnen Ihren Seelenfrieden wieder etwas zurückgeben wird. Mathilde Rathenau .“
BADENER TAGBLATT
20. Juni 1947
Am 5. Juni wurde der amerikanische Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, General Mar shall , von der Harvard Universität zum Ehrendoktor der Jurisprudenz ernannt. Aus diesem Anlaß hielt er eine kurze, aber bedeutsame Rede, in der er im wesentlichen erklärte: Die Vereinigten Staaten sind grundsätzlich bereit, Europa zu helfen. Bedingung dafür ist, daß sich Europa zunächst in sich selbst über gewisse Voraussetzungen einigt, daß es von sich aus, die Initiative ergreift. Es soll gewissermaßen ein gemeinsames Programm auf stellen, dem der größere Teil, wenn nicht alle Staaten der Alten Welt zustimmen. Betont wurde der rein wirtschaftliche Charakter der Aktion, betont wurde, daß auch Sowjetrußland in den Plan einbezogen werden sollte. Von irgendwelchen politischen Momenten war keine Rede.
Der Vorschlag Marshalls, in einem Zeitpunkt gemacht, zu dem in allen europäischen Ländern die wirtschaftliche Not in eindringlichster Weise in der Praxis demonstriert wird, fand ein lebhaftes Echo, löste eine rasche und erfreulich starke Reaktion aus. Belgien , Holland und Luxemburg griffen den Vorschlag auf und einigten sich schnell auf einer gemeinsamen Linie. Die Schweizer Presse erklärt die Bereitwilligkeit ihres Landes zur Mitarbeit. Vor allem aber kam der englische Außenminister nach Paris , um die Angelegenheit mit der französischen Regierung zu besprechen und zu prüfen. Die Verhandlungen erbrachten konkrete Ergebnisse: Übereinstimmung der Anschauungen. Einladung an Molotow zu einem unverzüglichen, unmittelbaren Gedankenaustausch. Wenn die Antwort Rußlands darauf auch noch aussteht, so gibt doch allein schon das, was sonst geschah, Berechtigung zu Zuversicht. Es hat den Anschein, daß Europa auf gutem Wege* ist, zu einer Zusammenarbeit zu kommen, die in dieser an Spannungen reichen Zeit nach jeder Richtung hin nur begrüßt werden kann. Wir wollen uns nicht verhehlen, daß sicherlich noch manche Schwierigkeit weggeräumt werden muß, gerade weil sich,eben politisch zu wertende Wechselbeziehungen nicht vermeiden lassen. ' Es sollte aber der nüchternen, sachlichen Auffassung, die die Lage erheischt, trotzdem gelingen, sich durchzusetzen und so zum Ziel zu kommen. Wir möchten uns davon nicht abhalten lassen, die bisher an den Tag gelegte Aktivität der maßgebenden Stellen als einen ermutigenden Hoffnungsschimmer zu nehmen.
Unwillkürlich fragen wir, wie sich die Entwicklung der Ding« auf das deutsche Volk auswirken wird. Dazu läßt Mich Bestimmtes und Abschließendes noch nicht sagen. Es ist wohl ohne weiteres anzunehmen, daß auch unser Land irgendwie in den Plan miteinbezogen wird. Aber noch nicht einmal die Form, in der das geschehen soll, wie etwa über den Kontrollrat oder die Regierungen der Besatzungsmächte, ist entschieden. Noch weniger läßt sich sagen, in welchen Grenzen und Weiten die Durchführung des Marshall-Vorschlags günstige Folgen für uns haben könnte, steht ja noch nicht einmal die Entwicklung des Europaplanes selbst im Einzelnen fest. Sicher ist aber, daß die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage unseres Kontinents auch für die deutschen Lande und deren Bevölkerung grundsätzlich eine Verbesserung mit sich bringen wird, wenn sich auch der Grad dieser Besserung noch keineswegs bestimmen läßt Die Behebung der gesamteuropäischen Wirtschaftskrise würde aber vor allem auch die Verhandlungen über unser Schicksal, die im November fortgesetzt werden sollen, nicht unwesentlich, keinesfalls ungünstig beeinflussen. So verdient die Aktivität im Sinne einer europäischen Zusammenarbeit, die Entwicklung wie die Durchführung des Marshall-Planes unsere volle Aufmerksamkeit und unsere guten Wünsche.
Zum Gedächtnis
Vor 25 Jahren, am 24. Juni 1922 wurde von sogenannten „völkisch-nationalistischen“ Mördern ein Mamy erschossen, dessen politisches Wirken für unser deutsches Volk von außerordentlicher Bedeutung, dessen Tod ein ungeheurer Verlust war: Walter Rathenau . Erst 1915 trat der damalige Präsident der AEG in der Politik hervor. 1920 war er bei der Reparationskonferenz in Spa, dann übernahm er das Ministerium für Wiederaufbau. 1921 Unterzeichnete er als deutscher Vertreter das Wiesbadener Abkommen, im Januar 1922 gelang es ihm, in Cannes eine Herabsetzung der Reparationsforderungen zu erreichen. Im Anschluß daran wurde er Minister für auswärtige Angelegenheiten. Im April 1922 Unterzeichnete er bei der ersten Weltwirtschaftskonferenz in Genua den Rapallo-Vertrag.
Es wäre nicht erstaunlich, wenn die in der Wortfolge Philosophie und Politik mit Absicht angekündigte und mit Vorbedacht behauptete Verbindung ein aus Widerspruch und Mißtrauen zusammengesetztes nachhaltiges Unbehagen auslösen würde. Philosophie und Politik — diese Zusammenstellung erweckt den Anschein, als ob sich die mühsam erstrittene und mit dem Bewußtsein des Stolzes auf eine Errungenschaft von säkularer Bedeutung festgehaltene Trennung des Katheders von der Tribüne zu verwischen drohte. Dieses Unbehagen hat seinen Grund in dem — wie man zu glauben liebt — unbe- zweifeibaren Sachverhalt, daß in der Philosophie ihrem Ursprung und Wesen gemäß erkannt, in der Politik dagegen gehandelt werde. Und da nun der Handelnde — nach Goethes Wort — immer gewissenlos ist und nichts über sich anerkennt als das Gesetz des Erfolges, der Philosoph aber ausschließlich dem Gesetz der Wahrheit unterworfen bleibt und sich daher zu keiner Rücksicht auf irgend ein praktisches Ergebnis verpflichten läßt, so fürchtet man von der Nichtbeachtung der Lebensgesetze dieser beiden Formen des menschlichen Daseins eine verhängnisvolle Vermischung, woraus dann das Unding einer politischen Philosophie und einer philosophischen Politik hervorgehen würde und damit das Ende einer autonomen Philosophie und einer zweckentsprechenden Politik eingeleitet wäre.
Wir stellen nun die Frage, ob es einen Begriff gebe, welcher die gemeinsame Struktur der Philosophie und der Politik deutlich zu machen in der Lage wäre. Diesen Begriff gibt es. Er besteht in der Idee des Prozesses. Philosophie und Politik stimmen darin überein, daß sie ein Prozeß sind, und zwar ein Prozeß im Sinne einer Bewegung des Gedankens und des Lebens • und im Sinne eines Gerichtsverfahrens. Es möchte nun freilich befremdend wirken, wenn ein spezifisch juristischer Begriff und eine Institution, die im Dienste der Rechtsverwirklichung steht, auf die Philosophie und die Politik übertragen wird. Allzu leicht — so scheint es — läßt sich die Grundlosigkeit dieser Übertragung dartun. Dem Einwand, daß es doch wohl nirgend so unrechtmäßig zugehe, wie in der Politik, traut man die Kraft zu, die Identifikation von Philosophie und Politik im Begriffe des Prozesses zu erledigen. Und vollends die Philosophie — was hätte sie mit einem Gerichtsverfahren zu schaffen? Sie will die Wahrheit und sonst nichts. — Zunächst müßte man, um das Befremden zu beschwichtigen, darauf hinweisen, daß die Philosophie zu allen Zeiten Bilder gebraucht hat, um sich den Sinn und das Ziel ihrer eigenen Bemühungen zu verdeutlichen. Wer etwa die Symbolik des Lichtes aus der Geschichte der Philosophie ausschlösse, der würde sich das Verständnis bedeutendster Teile hoffnungslos verbauen. Alle Grade der Intensität und der Dimension des Lichtes, vom Fünklein bis zum strahlenden Meer der Helligkeit, in dem es keine Unterscheidung und darum keine Erkentnis mehr geben kann, nimmt die Philosophie und die
philosophische Mystik für sich in Anspruch, um noch auszudrücken, was an der Grenze des Sagbaren liegt oder sie bereits überschreitet. Aber wir dürfen einen Schritt weiter tun. Steht denn nicht die abendländische Wesensbestimmung des Menschen unter dem Zeichen des Prozesses? Und gehört nicht zu den Voraussetzungen der abendländischen Philosophie der Geschichte die Idee des Gottesreiches und des endzeitlichen Gerichts, eine Idee, die in mannigfaltigen, oft bis zur Unkenntnis verwandelten Gestalten das abendländische Denken durchdringt und jene seltsam-eindrückliche Einheit der Abkunft herstellt?
Die Vernunft wird — nach Kant — zum obersten Gerichtshof gemacht. Die philosophischen Schulen vergleicht der Philosoph mit den Parteien, und die Differenzen der Systeme bilden für ihn das Objekt eines Rechtshandels. Die Vernunft hat die Funktion eines „bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt“. Die Vernunft muß ermitteln, auf welcher Seite sich das Recht befindet, und ihre Aufgabe besteht darin, die Parteien zur Ruhe zu verweisen. Die Vernunft muß „das beschwerlichste aller ihrer Geschäfte, nämlich das der Selbsterkenntnis übernehmen“, heißt es in der Vorrede zur ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft; denn — so fährt Kant fort — sie wird aufgefordert, „einen Gerichtshof einzusetzen, der sie bei ihren gerechten Ansprüchen sichere, dagegen aber alle grundlose Anmaßungen, nicht durch Machtsprüche, sondern nach ihren ewigen und unwandelbaren Gesetzen, abfertigen könne“. Dieser Gerichtshof ist kein anderer als die Kritik der reinen Vernunft.
Der Anspruch der Vernunft, ein Gerichtshof zu sein, bedeutet, daß sowohl die Differenzen der religiösen Bekenntnisse in der einen Vernunftsreligion aufgehoben werden als auch daß die positiven Rechtsordnungen sich von diesem Gerichtshof auf ihre Vernünftigkeit, das heißt Rechtmäßigkeit prüfen lassen müssen. Kants Werk ist erfüllt von einer schiedsrichterlichen Gesinnung und einer schiedsrichterlichen Mission. Aus der Bestimmung der Vernunft als eines Gerichtshofes ergeben sich zwei Konsequenzen. Die eine bezieht sich auf die Theologie und die philosophischen Schulen und die andere auf den Zusammenhang zwischen der Philosophie und dem Gemeinwesen. Durch did richterliche Funktion läßt sich der Frieden der Konfessionen begründen und der Streit zwischen dem philosophischen Skeptizismus und dem philosophischen Dogmatismus schlichten. Da aber so wohl die religiös-theologischen als auch die philosophischen Differenzen die Einheit des Gemeinwesens ernstlich bedrohen, indem sie zu Bürgerkriegen Anlaß geben, so kann man leicht erkennen welche eminent politische Funktion der Gerichtshof der Vernunft besitzt.
E. T. A. Hoff mann :
Der Unglüdtslall des Studenten Anselmus — Des Konrektors Paulmann Sanitätsknaster und die goldenen grünen Sdilangen
Diese wundersamen Begebenheiten sind der Anfang eines Märchens aus der neuen Zeit: „Der * goldne Topf " und hier zur Erinnerung an den ' genialischen Dichter, Musiker und Maler E. T. A. Hoffmanu anläßlich der 125. Wiederkehr seines Todestages am 25. Juni 1822 abgedruckt.
Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feil bot, so, daß alles, was der Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der Herr zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er. vor Arger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell v einsteckte.. Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja renne — renne nur zu. Satanskind, ins Krystall bald dein Fall — ins Kry- stall! — Die gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß die Spaziergänger verwundert stillstanden, und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einem Mal verstümmle. — Der Student Anselmus (niemand anders war
der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkürlichen Grausen ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen . . .
An Kaffee, an Doppelbier, an Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen — kurz — an alle geträumten Genüsse war nun nicht mehr zu denken; er schlich jetzt langsam dahin und schlug endlich den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte seine Pfeife von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann geschenkt. — Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichte Türme empor in den duftigen Himmelsgrund . . . Aber finster vor sich hinblickend, blies der Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich laut, indem er sprach: „Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend geboren! Was hilft es, daß mir der Konrektor Paulmann Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat, wird es denn mein Unstern zulassen, der mich überall verfolgt! — Nun noch heute! — Ich wollte den lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemüt
lichkeit feiern, ich wollte ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte ebensogut wie jeder andere Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Mar- queur — eine Flasche Doppelbier — aber vom besten bitte ich! — Ich hätte bis spät abends sitzen können, und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich geputzter schöner Mädchen. Ich hätte es soweit gebracht, daß wenn diese oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt sein? Oder: was ist denn das, was sie spielen? da wäre ich mit leichtem Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen oder über die Bank zu stolpern; mich in gebeugter Stellung anderhalb Schritte vorwärts bewegend, hätte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die Ouvertüre aus dem Donauweibchen, oder: Es wird gleich sechs Uhr schlagen. Aber da führt mich der Satan m den verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in der Einsamkeit meinen Sanitätsknaster —“ Hier wurde der Student Anselmus in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die Zweige und Blätter des Holunderbaumes hinaufglitt ... Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und es war, als ertönten die Blüten wie aufgehangene Krystall- glöckchen. Anselmus horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und Geflüster zu leisen halbverwehten Worten:
Zwischendurch — zwischenein — zwischen Zweigen, zwischen schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns — Schwesterlein — Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer — schnell, schnell herauf —- herab — Abendsonne schießt Strahlen, zi- - schelt der Abendwind — raschelt der Tau — Blüten singen — rühren wir Zünglein, singen
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Der Kopf der Woche:
Mohammed Mi Dschinnah
Der indische Moslemführer Dschinnah wird wahrscheinlich Staatsoberhaupt des indischmohammedanischen Staates Pakistan .
JBD. — „Ich bin kein Kaiser“, sagte der indische Moslemführer Mohammed Ali Dschinnah und winkte ab, als ihn nach seinem Erfolg in der Frage der Teilung Indiens seine Anhänger in Neu-Delhi in Zurufen als „Kaiser von Pakistan“ begrüßten. In diesen Zurufen vom Straßenrand des europäisch modernen Regierungsviertels von Neu-Delhi lebte die Erinnerung daran auf, daß Delhi noch vor 90 Jahren Hauptstadt des mohammedanischen Moghul- Reiches in Indien war, dessen Kaisertitel dann später der König von England annahm.
Wenn nicht Kaiser, so wird der 70-jährige, hoch gewachsenen und europäisch elegant gekleidete Moslemführer Indiens doch binnen Jahresfrist der erste Präsident des bis dahin zu gründenden 100-Mil- lionen-Staates Pakistan sein. Kaum jemals wird dem großen Politiker ein Standbild errichtet werden, obwohl der gemessene und doch elastische Mann mit den hageren Schläfen und tiefliegenden Augen selbst am Konferenztisch wie ein Bronzebild wirkt. Der Prophet hat den Gläubigen Nachbildungen der menschlichen Gestalt verboten.
Das neue Pakistan kann sich kein repräsentativeres Staatsoberhaupt wünschen. Der Mensch Dschinnah kann in seiner künftigen Würde nicht einsamer sein, als er heute schon ist. Er lebt privat — soweit man bei ihm von einem Privatleben überhaupt sprechen kann — längst auf einer Ebene, in der Herkunft, Familie, Beruf, Ritus nichts mehr bedeuten. Von Haus aus reich, als junger Mann verarmt, hat er als einer der erfolgreichsten Anwälte Indiens soviel verdienen können, wie er wollte. Seine Ehe mit einer Parsentochter, die romantisch mit gemeinsamer Flucht begann, ist längst gelöst, und auch mit seiner Tochter Dinah, die als Anhängerin Gandhis und reiche Parsenfrau auf den Gesellschaften in ihrem palastartigen Hause in Bombay ihres Vaters Ansichten offen als „Irrtü- mer“ kritisierte, unterhält Dschinnah keine Beziehungen mehr. Er war jahrelang Anwalt in England, wo er in London studierte, und bewarb sich einmal um eine Kandidatur für das Unterhaus bei der Arbeiterpartei, wurde aber als „zu vornehm“ abgelehnt.
1920 trennte er sich endgültig von Gandhi und der Kongreßpartei, deren indisches Staatsideal er ein „Gefängnis “ der Moslems nannte, wurde Präsident der Mdslem-Liga und Kaid-i-Assam, „erhabener Führer“ der Mohammedaner Indiens , stand in der Indiendebatte lange im Hintergrund, um zuletzt im Endspurt eines überlegten politischen Spiels sein Ziel Pakistan — so lautet auch der Titel eines Buches von Dschinnah — doch zu erreichen.
Spaltung der Saarkommunisten?
F. SAARBRÜCKEN — Die Kommunisten als die einzige Partei des Saarlandes, die sich gegen den wirtschaftlichen Anschluß der Saar an Frankreich stellt, haben durch einen Beschluß ihres Parteitages vor kurzem ihren Vertreter aus der Verwaltungskommission des Saarlandes zurückgezogen. Die Verwaltungskommission stellte die vorläufige Selbstregierung des Saarlandes dar und bestand bis dahin aus sieben Vertretern aller Parteien. Die Kommunisten begründeten ihren Rückzug aus der Mitverantwortung damit, daß die Politik der Verwaltungskommission nicht mehr ihre Zustimmung hätte.
Der bisherige Vertreter der Kommunisten in der Verwaltungskommission, Robert Neufang, dem das Ressort Ernährung und Landwirtschaft unterstellt war, hat nun aber seinen Austritt aus der kommu nistischen Partei erklärt und in einer aufsehenerregenden Erklärung gegen die Politik der Saarkommunisten Stellung genommen. Es heißt darin u. a.: „Viele Kommunisten sind mit mir der Meinung, daß mit dem wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich für das Saarvolk eine baldige Besserung seiner Lage eintreten wird und daß die Haltung unserer politischen Gegner in dieser Frage .nicht einfach immer von den kommunistischen Spitzenfunktionären an der Saar als undemokratisch abgelehnt werden kann. Mein Austritt aus der Kommunistischen Partei möge allen Kommunisten Anregung sein, die bisherige Politik ihrer Funktionäre zu überprüfen, um daraus festzustellen, wie nachteilig sich dieselbe für alle Saarländer , einschließlich der Kommunisten auswirkt.“
Verlag und Chefredaktion: Karl Heinz Lembke. - Stellvertr. Chefredakteur: Dr. Hermann F. Geiler Druck: E. Koelblin KG.. Baden-Baden . Erscheinungsweise 2mal wöchentlich 1
Bezugspreis 1.50 Mk. monatlich
wir mit Blüten und Zweigen — Sterne bal« glänzen — müssen herab — zwischendurch zwischenein schlängeln, schlingen, scnwingen wir uns Schwesterlein. —
So ging es fort in Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich verständlichen Worten flüstert. — Aber in dem Augenblick ertönte es über seinem Haupte, wie ein Dreiklang heller Krystallglocken; er schaute hinauf und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schläng- iein, die sich um die Zweige gewickelt hatten, und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein schlüpften und kosten a nf und nieder durch die Blätter und Zweige, und wie sje sich so schnell rührten, da war es, als streue ‘der Holunderbusch tausend funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. „Das ist die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch spielt“ dachte der Student Anselmus, aber da ertönten die Glocken wieder, und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein elektrischer Schlag, er erbebte im Innerster» — er starrte hinauf, und ein Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten stärker in lieblichen Akkorden die Krystallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämm- chen um ihn herflackernd und spielend mit schim- mernden Goldfäden. Der Holunderbusch rührte sich und sprach: „Du lagst in meinem Schatten,