Nr. 63
BADENER TAGBLATT
Freitag, den U. Juli 194T
KUNST UND KULTUR
Zu ihrem Geburtstag am 8. Juli 1867
Es gibt jetzt nur zwei Künstler, die das anspruchslose Leid des Lebens uneingeschränkt dargestellt haben: Ernst Barlach und Käthe Kollwitz . Sie bilden ein großes einsames Paar. *
Barlach war Bildhauer und schuf in sich zurückgezogene Gestalten. Käthe Kollwitz war Zeichnerin und fand einen kürzeren Weg zur Kunst der Darstellung. Vater, Bruder und Freund führten die Frau zum Sozialismus, unter dem sie die ersehnte Bruderschaft der Menschheit verstand. Ihr Gatte, Arzt, führte sie zum Leben, zu den einfachen Arbeitermassen Berlins . Ihre Arbeitslosigkeit, ihren Hunger, ihre Krankheit, ihre Kindersterblichkeit, Ihre Trunksuoht, Ihre blinde Leidenstragödie zeichnete die Kollwitz unentwegt.
Bei Stauffer-Bern hatte sie in der Mal- und Zei- «*i$nklasse für Damen angefangen, zwei Jahre bei Emil Neide in Königsberg gearbeitet, ein Jahr bei Serterich in München (89). Dann begann sie selbständig zu schaffen, heiratete 91, stellte 9S zum ersten Male in Berlin aus und erregte SS mit den Lithographien und Radierungen „Weberaufstand“ ein großes Aufsehen, das auch mit Ablehnung verbunden war. Seit dem konnte sie nicht mehr übersehen werden, erhielt 1907 den Villa-Roman*-Preis und verbrachte ein Studienjahr 4n Italien und einen kürzeren Studienaufenthalt in Paris , wo sie sich im Modellieren versuchte. 1914 fiel ihr Sohn achtzehnjährig. 1918 wurde sife in die Berliner Akademie aufgenom- men und erhielt den Professorentitel. Von 1924 bis 1832 arbeitete sie „Vater“ und „Mutter “, zwei großartige Granitfiguren für den Kriegerfriedhof Besen bei DUmuidea, 'wo ihr Sohn begraben liegt. Im dritten Reich wurde ihre „häßliche“ Kunst abgelehnt. Sie erlebte, schwer leidend, den zweiten Weltkrieg und starb am April 1945 in Schloß Mo ritzburg .
„Weberaufstand“, „Tanz um die Guillotine“,, „Frau mit totem Kind“, „Bauernkrieg “, „Tod springt eine Frau an“, „Verbrüderung“, „Mütter“ sind Titel Ihrer Arbeiten und bezeichnen ihre Welt. „Wien itirbtl Rettet seine Kinder!“ und „Brot!“ waren starke Plakate von ihr. In einer klaren Reihe von Selbstbildnissen umzeichnete Käthe Kollwitz immer reiner ihre zunehmende Menschlichkeit.
Sie war eine große Frau. Ihre Größe wuchs aus dem Dunkel ihres Herzens, aus der Helle ihrer Einsicht und aus ihrer unerschöpflichen verbindenden Liebe. Ihre Kunst stammt, selbst da, wo sie aufpeitscht, aus der tiefeq Ruhe der Mutterschaft; sie Ist selbstlos, einfach und unsterblich. W.
Musikalische Arithmetik
Erstaufführung von Strawiaskys „Dumbarton Oaks “ unter Günter Wand ln Baden-Baden
Das amerikanische Dumbarton Oaks wurde durch die Konferenz der Alliierten bekannt, die während des Krieges stattfand. Auf der Partitur des mit diesem Ortsnamen .betitelten Konzerts in Es für Kammerorchester von Igor Strawinsky steht das Datum 8. Mai 1938, so daß jede Beziehung der Komposition zu dem historischen Ereignis ausgeschlossen Ist. Das Werk wurde vielmehr als Oaschenk für den Besuch geschrieben, den Strawinsky damals auf dem Schloß einer Mäzenin in Dumbarton Oaka machte.
Das Kammerkonzert, das zwölf Minuten dauert, »erlangt fünfzehn Soloinstrumente; 1 Flöte, 1 Klarinette, 1 Fagott, 2 Hörner, 3 Violinen, 3 Bratschen, t Celli und 2 Kontrabässe. Die Bezeichnung „Kon-' zert" hat daher nichts mit der üblichen Bedeutung des Wortes zu tun, das für einen bestimmten Werk- typ gebraucht wird. Formal ist die Komposition nichts anderes als ein Instrumentalstück konzertanten Charakters — vielleicht eine Art Brandenbur- giache* Konzert des 20. Jahrhunderts.
Die drei kurzen Sätze von „Dumbarton Oaks “ Sind für Strawinskys klassizistischen Spätstil überaus charakteristisch. Jede Farbwirkung ist vermieden, das Satzbild bis ins Letzte ausgespart und von äußerster Durchsichtigkeit, die Partitur gleich* •am ein motivisches Mosaik, in dem Note für Note mit strenger Logik aneinandergereiht ist. Durch diese Addition eines rhythmisierten Tonmaterials wird das Wort kompinieren bei Strawinsky , was es eigentlich bedeutet, nämlich zusammensetaen und kunstvoll anordnen. Die Kenntnis dieser konsequent durchgeführten Notenmontage, die beim Studium der Partitur entzückt. Ist aber für das Verständnis des Werkes keineswegs erforderlich. Bei unvorbereitetem Anhören wirkt das Konzert weder kompliziert noch abstrakt, weil dem Publikum das Konstruktive der thematischen Arbeit überhaupt nicht bewußt wird. ‘
Der starke Beifall für „Dumbarton Oaks “ hat bewiesen, daß auch ein anspruchsvolles modernes Werk gut gefällt, wenn es sinngemäß aufgeführt wird. Am Pult Stand Günter Wand , Leiter der Oper und der Gürzenich-Konzerte in Köln , der sich als ein vielversprechendes Talent vorstellte. Wand stammt aus Elberfeld und war Schüler des Komponisten Philipp Jarnach und des vor kurzem tödlich verunglückten Dirigenten Franz von Hößlin . Nach Abschluß seiner Studien begann Wand' seine Kapellmeister-Laufbahn in Allenstein und kam über Detmold nach Salzburg , wo er das Mozarteum-Or- ehester leitete. Im rheinischen Musikleben gilt Wand heutzutage als stärkst? Begabung und markanteste Persönlichkeit, als tüchtiger Orchestererzieher und fesselnder Interpret seiner interessanten Programme..
Das Konzert mit dem Großen Orchester des Süd- wastfunks bestätigte den guten Ruf, der dem jungen Dirigenten vorausgegangen war. Außer der Erstaufführung von Strawinsky Kammerkonzert, das nicht* nur sorgfältig einstudiert, sondern auch richtig verstanden war, dirigierte Wand die erste Sinfonie von Johannes Brahms mit einem geradezu sensationellen Erfolg. Alle Möglichkeiten, die das Werk bietet, um die Zuhörer zur Bewunderung hin-
N a ch r i ch t e n
Im Barocktheater in Bayreuth finden Mozart- Festspiele statt. Bis 20. August werden in 20 Aufführungen „Figaros Hochzeit “ und „Cosi fan tutte “ gegeben und eine Reihe von Konzerten veranstaltet werden.
In der Leit vom 27. Juli bis 3. August wird im Barockschloß Pommersfelden bei Bamberg erstmalig eine Bach-Woche stattfinden, die unter der Leitung von Ferdinand Lettner, München steht. Eine Reihe namhafter Bach-Interpreten, unter ihnen Carl Seemann und Ludwig Hoelscher , werden einen Ausschnitt aus dem Schaffen Bachs geben.
Der erste Studententag der Universitäten und Hochschulen der sowjetischen Besatzungszone, an dem Vertreter der Studentenschaft aller deutschen Universitäten, ferner Rektoren und Professoren aus ganz Deutschland und Hochschulprofessoren des Auslands als Gäste teilnahmen, fand in Halle statt
Professor Dr. Hermann Franken von der Uni versität Freiburg hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Geburtshilfe und Frauenheilkunde der Univer sität Frankfurt a. M. erhalten. — Zum Dozenten in der medizinischen Fakultät der Universität Frei burg wurde Dr. Peter Marquardt ernannt. Gleichzeitig wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach der experimentellen Therapie erteilt. — In der Philosophischen Fakultät der Universität Frei burg wurde Dr. phil . Ernst Walter Z e e d e n zum Dozenten für das Fach der neueren Geschichte ernannt — Die philosophische Fakultät der Münche ner Universität erließ einen Ruf an Prof. Romano Guardini von der Universität Tübingen für den neu zu schaffenden Lehrstuhl für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie.
Mit Aufführungen von Sophokles ’ „Antigone “ in moderner Übersetzung und Bearbeitung in der ehemaligen Dominikanerkirche in Bamberg werden die dortigen Festspiele im letzten Augustdrittel beginnen. Die Titelrolle übernahm Luise Ullrich , den König Kreon spielt Walter J a n s s e n, der auch die künstlerische Oberleitung inne hat.
In Offenburg soll in Kürze wieder ein neues Theater entstehen. Mit einem Schauspiel-Ensemble wird begonnen, das in Offenburg bodenständig werden, und von hier aus mit Gastspielen reisen soll.
Eine Gruppe junger Schauspieler aus dem Studiokreis Margret Langen wurde vom Bayerischen Staataachauspiel eingeladen, unter der Regie Arnulf Schröders das Drama „VAN G O G H “ von Willibald Sauer im Theater am Brunnenhof zur Uraufführung zu bringen.
Di» Freilichtaufführungen in Otigheim bei Ra statt werden mit Calderons „Welttheater“ in der Bearbeitung von Josef Saier fortgesetzt.
Der Sänger Wilhelm S t r i e n z hat die ihm vor seinem Spruchkammerverfahren entzogene Auf- tfittagenehmigung von der Theater- und Musikkon-
zureißen, wurden rücksichtslos ausgenutzt. Dabei wurden allerdings die dämonischen und leidenschaftlichen Episoden, die heftigen Crescendi, die schroffen Modulationen, die dithramischen Melodien, die synkopierten Rhythmen so intensiviert, daß die geistige Ordnung der Partitur bisweilen verloren ging und das richtige Verhältnis zwischen Bläsern und Streichern häufig fehlte. Wie Wand aber das Finale aufbaute, die ;beiden Abschnitte der Einleitung gegenüberstellte, das Thema der Exposition allmählich in das eigentliche Allegro-Tempo entwickelte und die Koda in die Schlußstretta steigerte, war bei aller Eigenart und persönlichen Auffassung überaus wirkungsvoll und überzeugend.
Als ausgezeichneter Begleiter erwies sien Wand in Beethovens Klavierkonzert c-moll, m dem der sinnvolle Ausgleich zwischen Soloinstrument und Orchester erreicht war. Leider entsprach die Leistung des Pianisten Conrad Hansen nicht den Erwartungen, die man auf den Künstler gesetzt hatte. Mit einem harten, fast rohen Anschlag* der geradezu abstoßend wirkte, wurde der Klavierpart ohne geistige Durchdringung heruntergedroschen, ja nicht einmal technisch einwandfrei gespielt, Oie Geduld und die Höflichkeit des applaudierenden Publikums waren bewundernswert. Gh. Bh.
trollabteilung der amerikanischen Militärregierung wieder erhalten. Strienz war im April von der Spruchkammer Traunstein als „vom Gesetz nicht betroffen“ erklärt worden.
Die Pariser Opöra Comique führt die „Carmen “ von Bizet zum 2500. Male auf.
Der bekannte Sänger Richard Tauber dirigiert zur Zeit mit großem Erfolg in London die Operette „Der Vogelhändler "
In Amerika wird eine Neuverfilmung von Ibsens Nora mit Dorothy Mc Gulre in der Haupt- ' rolle beabsichtigt.
In Palästina ist eine eigene Fi Improduktion gegründet worden, die zunächst mit der Herstellung von drei Filmen begonnen hat.
Der neue Hans Albers -Film „Und über uns der Himmel“ ist ins Atelier gegangen.
Willy Forst hat mit der englischen Filmgesellschaft „Two City“ einen Vertrag abgeschlossen, nachdem er in Österreich für diese Gesellschaft Filme in englischer Sprache herstellt.
„Die Schlacht um Stalingrad “ heißt ein neuer Film, mit dessen Aufnahmen jetzt am Schauplatz der damaligen Kämpfe begonnen wurde. Wie Radio Leipzig meldet, werden rund 40 000 Mann aus Truppenteilen Mitwirken, die an den. Kampfhandlungen teilgenommen haben. Eine Sonderkommission des sowjetischen Generalstabs soll die Filmhersteller bei der Rekonstruktion der Schlacht beraten.
Gegen das Wiederauftreten der schwedischen Filmschauspielerin Zar ah Leander, die im Herbst in Wien filmen soll, protestierten österreichische Filmgesellschaften.
Der erste deutsche Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ hat in Österreich — wie übrigens auch sonst im Ausland — einen sehr großen Erfolg. „Mit diesem ungewöhnlichen Kunstwerk“ schreibt „Neues Österreich“, „ist das neue Deutschland schlagartig in die vorderste Reihe der filmkünstlerisch schaffenden Nationen gerückt“.
Die vor kurzem in Lindau ins Leben gerufene Vereinigung „Die Brücke“ eine Organisation zur Förderung des deutsch -französischen Kulturaustausches, ist mit einer ersten feierlichen Veranstaltung vor die Öffentlichkeit getreten. In Gegenwart von Vertretern der Militärregierung, der deutschen Behörden und der Parteien fand im städtischen Museum die Eröffnung einer Sonderausstellung französischer und deutscher Landschaftsbilder der Maler Jean D o 11 f u s und Hansjörg Sedelmeier ^ statt.
In Düsseldorf wurde die erste Landesausstellung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Nordrhein-Westfalen „Künstlerbekenntnisse unserer Zeit“ eröffnet
Anläßlich des 100. Geburtstages von Max. Llebe r m a n n fand in Genf eine Gedenkfeier für den Maler von internationaler Bedeutung statt, dem von den Nazis das Malen untersagt worden war.
In der Pariser Kunstgaierie Maeght findet z. Zt eine internationale Ausstellung surrealistischer Malerei statt, die von dem surrealistischen Schriftsteller Andrl Breton und von dem Maler Mar cel Duchamp geleitet wird.
In der Zeit vom 13. Juli bis 17. August zeigt Hans Kuhn im Wessenberghaus in Konstanz „Gemälde und Aquarelle“.
Die Zeitschrift „Die Zukunft“ veranstaltet ein Novellenpreisausschreiben. Die Novelle soll das Leben der jungen Menschen im heutigen Deutschland darstellen. Der Umfang darf 35 Schreibmaschinenseiten mit 30 Zeilen nicht überschreiten. In dfer oberen rechten Ecke der ersten'Seite soll ein Kennwort stehen. Titel der Arbeit, Adresse und Geburtsdatum des Verfassers sollen in einem beiliegenden verschlossenen, Kuvert mit der Aufschrift des Kennworts gesandt werden. Einsendeschluß: 15. September 1947. Anschrift: Verlag „Die Zukunft“ G.m.b.H. , Novellenpreis 1947, Reutlih**«, Postfach 39.
In Koblenz wurde der erste jüdische Buchverlag in Deutschland ins Leben gerufen. Lizenzträger des Unternehmens ist Addi Bernd. Die erste Publikation erschien bereits Ende Juni. Außerdem ist die Herausgabe mehrerer Schriften von Stefan Zweig und englischer und französischer Autoren geplant.
Auf dem ersten deutschen Europa -Kongreß der verschiedenen Bewegungen für die Vereinigten Staaten von Europa , der Ende Juni ih Lutin stattfand, würde ein überparteilicher Jugendring gegründet, der in allen Jugendorganisationen die pan- europäische Idee fördern soll.
Mittelalterliche
Goldschmiedekunst
Am Samstag wurde im Freiburger Augustiner museum die Ausstellung „Mittelalterliche Goldschmiedekunst“ als eine Darbietung für Erzbischof Gröber anläßlich seines 75. Geburtstages und Goldenen Priesterjubiläums feierlich eröffnet.
An Hand von 114 Arbeiten lernt der Besucher •in Jahrtausend christlicher Goldschmiedekunst kennen. Nach germanisch-byzantinischem Schmuck des 6.-8. Jahrhunderts sieht er feine karolingische Kristallschnitte in goldenen Vortragekreuzen, romanische und gotische Reliquienschreine, Kelche, Bucheinbände und so fort. Er unterscheidet bald zwei Arten von Arbeiten: Einfache* Kunstwerk», deren Inhalt, ihn stark beeindruckt, (z. B. das frühromanische Vortragekreuz, Nr. 7) und ausgesprochen kunstreiche, mit großer technischer Erfahrung und Fertigkeit geschaffene Repräsentationsstücke.
Die Aufträge für die Arbeiten erteilte die Kirche, die christlichen Künstler erfüllten sie mit ihrer ganzen naiven Phantasie: Architektonische Formen verhelfen zur Gestalt eines Weihrauchfasses, durch die antike Münze ließ sich in Medaillenform der Fuß der Kelche verzieren, andererseits konnten mit ihr in der Form des kreisrunden getriebenen Reliefs die leeren Flächen der Reliquienschreine und Bucheinbände geschmückt werden. Die vorgeschriebene Funktion der jeweiligen Gegenstände wirkte sich also schöpferisch aus und wurde mit Hilfe ältester Kunstformen erfüllt.
Ein anderes Element der Goldschmiedekunst und zwar ihr eigentliches, inneres Ist ln der Begrenzung des Materials und seiner Bearbeitungsmöglichkeiten gegeben: Gold, Silber, Kupfer, Schmelz, Edelstein, Kristall und Guß, Trieb, Graviur ergeben eine reiche festumrissene Formen weit, die bis in das kleinste Detail durchgestaltet werden kann. Geometrische, ornamentale Lösungen überwiegen natürlich. Das Prinzip der formalen Bewegung, des Schwungs, der Drehung tritt nur in der Behandlung von zwei Kelchfüßen auf. Ein primitiver Ansatz dazu könnte in der unsymmetrischen Anordnung von Schmucksteinen auf Flächen beobachtet werden. —
Ein besonders wertvolles Ausstellungsstück sind die Reichenauer Buchmalereien, vor allem die „Himmelfahrt Christi “ mit einer wunderbar gefärbten Schriftseite als Pendant. Diese Blätter zeichnen sich durch kühne Widergabe einer spontanen Bewegtheit und höchste Farbkultur aas. —
Die Ausstellung, deren Thema — von dem Interesse eines jeden an Kostbarkeiten abgesehen — nicht allgemein anspricht, kann den gewissenhaften Besucher zu einer sorgsamen und einfältigen Kunstbetrachtung verleiten, die als erste Voraussetzung für ein bewußtes Eindringen in das Reich des Lebens und der Künste unumgänglich ist. A. W.
DAS NEUE BUCH I
Als 8. Publikation erschien in der Reihe der Ro- wohlt-Rotations-Romane Theodor Pliviers „Stalin- Krad'.
Plivier dringt, weit über die Reportage hinaus, su einer Darstellung vor, die auch den gewöhnlichen Roman hinter sich läßt. Der Laser wird in das jüngstvergangene Kriegschaos gestoßen und zur Begegnung mit unzähligen Schicksalen gezwungen, die ln dem Inferno von Stalingrad untergingen. Er kann sich der Wirkung dieses ungeheuren Stückes Kriegs-Lebens, das ohne besondere Psychologie und Tendenz auf seine Seele projiziert wird, nicht entziehen. Was in Stalingrad vom Soldaten bis zum General das menschliche Herz ertragen mußte, was dort alle Dienstgrade und Lebensvorstellungen in einem einzigen der letzten Artilleriefeuer oder tod- umgetsterten Verwundeten trsnsporte vernichtete, schlägt den Leser mit der brennenden“ Erkenntnis der Absurdität des vergangenen „Führer-Systems“.
Plivier selbst schreibt dazu: „Ein ganzes Volk war dieses Mal geschändet, war mißbraucht, war in unheilvoller Verkettung in Krieg und Verbrechen und in den Totentanz von Stalingrad getrieben worden. Als ein Teil dieses fluchbeladenen und schauerlich sühnenden Volkes habe ich di* Schlachtfelder gesehen, hake ich die aus den Trümmern gelesenen armen Aufzeichnungen in Briefe» und Tagebüchern in den Händen gehalten, habe mit gefangenen Soldaten und Offizieren gesprochen, upd. immer um das Selbstmörderische jenes wahnwitzigen Raubkrieges wissend, habe ich es unter- flommeo . das Geschehen an dar Wolga nicht nur^
als den militärischen, sondern auch als moralischen Wendepunkt in der Geschichte unseres Volkes zu gestalten.“
Pliviers Roman ist also kein ästhetisches Werk. Sein Gegenstand ist der menschenunwürdige katastrophale Krieg, von dessen verabscheuungswürdiger Natur sich niemand oft und eindringlich genug überzeugen kann. E. W.
„Die falschen Götter"
Ein besonderer Beitrag zu den kritischen Untersuchungen über das Wesen des Nationalsozialismus sin*! Franz G. Grosses „Die falschen Götter“ (F. H. Kerle-Verlag, Heidelberg ).
In drei Kapiteln: „Die seelischen Triebkräfte der nationalsozialistischen Machtentfaltung“ — „Volk und Staat unter der Geißel der Parteidiktatur“ — „Lehre und Ausblick" legt der Verfasser die Elemente der deutschen Katastrophe, auseinander und vermittelt dem Leser als gründlichste Reaktionsmöglichkeit Religion.
Die Vorzüge des Buches liegen in seiner deutlichen Psychologie, die auch einige bedeutende» Hinweise auf die Entnazifizierungspraxis möglich machte, und seiner klaren, sauberen Formulierung.
K.
Die broschürte 118. Seiten umfassende Arbeit Ernst Barthels „Nietzsche als Verführer“ ist das zweite größere Gegenwartswerk gegen die Philosophie Nietzsches gegen ihre katastrophale Wirkung und ihre Anhänger. In einer ungezwungenen, nicht besonders gepflegten Sprache wird eine sorgfältige Da rstellun g des phil osophisch-weltaasc hau-
lichen Nietzschekomplexes gegeben und „seine Überwindung durch eine positive Ethik im Anschluß an Humanität und Lehre Jesu“ vertreten.
Barthels Arbeit kann eine breitere Wirkung als Flakes „Nietzsche “ zugesprochen werden; dafür wird das letztere Buch anhaltender wirken. Beide Arbeiten sind aber polemisch und veranlassen zu folgendem Hinweis:
Mitten in der gegenwärtigen Um- und Neubildung der deutschen Vorstellungs- und Begriffswelt sollten an Stelle neuer Polemiken (Der Faustbegriff ist auch -auf dem Wege von „Gut nach Böse“.) neue Wahrheiten aufgezeigt werden.
Jede Polemik fordert heraus. Flake selbst hat sein Nietzsche-Unternehmen „den Griff in ein Wespennest“ genannt. Er hat es, ebenso wie Barthels, versäumt, Nietzsches Gestalt und Werk vom Publikum zu trennen und das Monstreuse, das Furchtbare und Erschütternde Nietzsches so darzustellen, daß es allen, gleichviel ob „Heiden oder Christen“, als monstreus, furchtbar und erschütternd erkennbar wird.
Barthel ließ sich, wie auch Flake, zu einem Ausfall gegen den „unabänderlichen Nietzsche“ hinreißen, er reißt gewiß auch Gleichgesinnte mit'und wird Anhänger gewinnen. Aber er ruft auch Gegner auf den Plan, alte, die ihm mißfielen, und neue, die er selbst ’hervorbringt. Und hilft, an Stelle einer vernünftigen Überzeugung von der tatsächlichen Natur Nietzsches, ein neues Schlachtfeld der Geister heraufbeschwören. —
So hat auch Barthels Buch nur die Erkenntnis bestärkt, daß ein Werk geschrieben werden müßte, in dem vor allem Nietzsche als Denker gegenüber Nietzsche als Mensch dargestellt wird, worin natürlich auch das Publikum in einem Anhang eine psychoanalytische Behandlung auf Nietzsche -Komplex erfahren könnt e. K.
Pip®r-Vertag : Zwei Gedichtbändchen
Georg von der Vring , Schriftsteller und Maler, gibt in dem schmalen Band „Verse an Minette" eine Folge lyrischer Gedichte: Die kleinen Kostbarkeiten, die an Märchen und Kinderlieder erinnern, und die tief erfahrenen, reifen Liebesgedichte sind ein anspruchsloses reines Geschenk.
Der gleichzeitig erschienene Gedichtband „Tempi passati“' von Dr. Owlglass ist eine Auswahl des 1945 verstorbenen Arztes und Dichters Hans Erich Blaich aus seinen humoristischen Gedichten: gereimte Satiren auf die kleineren Nöte unserer Zeit, die sogenannten Banalitäten. Ihre Lektüre erfrischt auch den Geist. E. W.
Gespräche mit berühmten Zeitgenossen
sind ein Vorzug, der sich jedoch, wenn er literarisch nur unzulänglich ausgewertet werden kann, gründlich erübrigt, und das ist bei Heinrich Berls letzter Publikation „Gespräche mit berühmten Zeitgenossen“ im Bühler-Verlag, Baden-Baden allerdings der Fall.
, Von 101 Gesprächen veröffentlichte der Verfasser 24: Gerhart Hauptmann , Rudolf Steiner , Martin Heidegger , 'Heinrich Wölfflin usf. werden uns entschieden unzulänglich vorgestellt. Nur ein Leser, der sich mit Berl zu identifizieren vermag, kann sich vorder Lektüre dieser schablonesken Gesprächsbilder auf eine ihrem Verfasser vorschwebende Weise beeindrucken lassen. —
Kaum eine Handvoll origineller Aussprüche entschädigt für das Durchlesen der 182 Seiten langen Aneinanderreihung von Gemeinplätzen, die nicht einmal 'besondere stilistische Bemühungen erkennen läßt K.