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BADENER TAGBLATT

Freitag, den 12. September 1947

Baden-Baden

Es gibt Kohlen!

In den Städten mit über 10 000 Einwohnern kön­nen dieses Jahr erstmals wieder für den Winter ln bescheidenen Umfang Kohlen tur Beheizung ein^ Wohnraume» oder der Küche ausgegeben werdet. Es Ist vorgesehen, daß ln Baden-Baden, Freiburg , Konstanz , Lahr , Lörrach , Offenburg , Rastatt , Sin­gen und Villingen die Haushalte mit vier und mehr Personen fünf Zentner Kohlen (Briketts) erhalten. Darüber hinaus erhalten ln den Holzmangelgebie­ten die Schwerbeschädigten der Versehrtenstufe III und IV und die ihnen gleichstehenden, die einen eigenen Haushalt haben, ohne Rücksicht auf ihren Wohnsitz, gleichfalls fünf Zentner Kohlen für den Winter und auf Antrag nach Prüfung der Bedürf­tigkeit auch diejenigen, die ohne eigenen Haushalt Sicht anderweit genügend mit Beheizung versorgt lind. Ebenso erhalten dort für diesen Winter alle ärzte, Zahnärzte und Tierärzte für ihre Praxis­räume zehn Zentner, die Apotheken für ihre Be- iriebsräume fünfzehn Zentner Kohlen. Auch die alten Leute von 70 Jahren und mehr, die nicht bereits sonst an einer Kohlenzuteilung teilnehmen, können fünf Zentner Kohlen beziehen. Die Wirt­schaftsämter, in deren Händqp die Verteilung liegt, werden in der nächsten Zeit Bekanntmachun­gen erlassen über das bei der Zuteilung anzuwen­dende Verfahren. Vorher ist von Anträgen abzu­sehen, sie können auch nicht bearbeitet oder be­antwortet werden.

Es ist zu erwarten, daß im Laufe der kommenden Zeit weitere Kohlenkontingente verfügbar werden, und es möglich ist, noch andere Gruppen der Bevölkerung mit Heizkohlen für den Winter zu versorgen.

Es ist ein schöner Lichtblick für die Winterzeit, besonders weil es sich nicht nur um ein Verspre­chen handelt. Die vorgesehenen Kohlen sind be­reits im Anrollen, und wenn die Transportverhält­nisse bei der Eisenbahn und auf dem Rhein nicht schlechter werden, ist damit zu rechnen, daß die vorgesehenen Kohlen alle zur Ausgabe gelangen.

Caritas speiste 135 Kinder

Mit Spenden, aus dem Ausland (amerikanischer Caritas, Staatsherold New York , Papstspende, Büro für Nachkriegshilfe in Genf ) und der Unterstützung des Oberbürgermeisters hat der Caritasverband Baden-Baden vom 1. August bis 4. September eine Kinderspeiaung durchgeführt. An der Speisung ha­ben 135 besonders ausgesuchte Kinder der Stadt Baden-Baden im Alter von S bis ,14 Jahren teilge­nommen. Die Auswahl erfolgte aufgrund einer ärzt­lichen Untersuchung aus den erholungsbedürftig­sten Volksschülern.'

Im Gegensatz zu den bisher hier geübten Schul­speisungen wurden neue Wege gewählt insofern, als die Kinder jeweils den ganzen Tag über in zwei Gruppen zusammengefaßt und unter der Lei­tung von in der Jugenderziehung und Betreuung erfahrenen Hilfskräften bei Spiel und Unterhai- ■ tung vereint blieben. An zwei Stellen, an denen diese Gruppen zusammengefaßt wurden (Kloster Lichtental und Baden-Ooser Volksschule) erhielten die Kinder täglich drei warme Mahlzeiten. Abends kehrten die Kinder wieder nach Hause zurück.

So wurde, in diesen dreieinhalb Ferienwochen aus den Kindern, die sich b^im Spiel auch inner­lich näher kamen, eine vergnügte und frohe Schar, die nur ungern wieder auseinander ging. Nicht nur die Gewichtszunahmen, die in der verhältnismäßig kurzen Zeit erzielt wurden, sondern auch vor al­lem die glücklichen und leuchtenden Gesichter, die man täglich beim frohen Zusammensein bemerken konnte, rechtfertigen diesen Versuch mit der Spei­sung eine Art vereinfachtes Ferienlager zu ver­binden, zur Befriedigung nicht bloß der Eltern, sondern auch aller bei dem Werke christlicher Lie­be' beteiligten Helfer.

Beginn der Sinfoniekonzerte

Am 14. September werden die Sinfoniekonzerte fortgesetzt, die das Große Orchester des Südwest- tunks sonntags im Großen Bühnensaal des Kur­hauses spielt.

Für die bevorstehende Saison 1947/48 wurden namhafte deutsche und ausländische Solisten ver­pflichtet, bedeutende Gastdirigenten gewonnen und vielseitige Programme mit zahlreichen Ur- und Erstaufführungen zusammengestellt.

Das Eröffnungskönzert wird Gotthold Ephraim Lessing

dirigieren. Solist ist der französisch» Cellist Pierre Fournler, der zwei selten gehör­te, in Baden-Baden noch unbekannte Werke ge­wählt hat: das Cellokonzert von Carl Philipp Ema- nuel Bach, dem zweiten Sohn des großen Meisters, und „Schelomo“, hebräische Rhapsodie für Cello und Orchester des in Genf geborenen, jetzt in Amerika lebenden Komponisten Emest Bloch.

Das Konzert, das mit Beethovens I. Sinfonie be­ginnt und zue* Abschluß Hinden Iths Konzertmusik für Streicher und Blechbläser bringt, findet um 20.30 Uhr statt

Bach-Händel-Abend In der ev. Stadl kirche

In der evangelischen Stadtkirche fand unter Lei­tung von Kirchenmusikdirektor Fritz Gsch eidien ein Bach-Händel-Abend statt. Kantaten für Soli, Chor und Orchester von Bach : „Gott der Herr ist Sonn’ und Schild“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme “ erfüllten mit ihrem Klang das Kirchen­schiff. Die Altarie von „Gott der Herr“ sang W. Gscheidlen mit musikalischem Einfühlungsvermö­gen. Gut auch die als Ersatz eingesprungenen So­listen Thora Hauck -Innsbruck (Sopran) und Hugo Schäfer-Schuchardt - Heidelberg (Baß), die beide über große tragfähige Stimmen verfügen. Besonders erwähnt seien in „Gott der Herr . . .“ der fugenhafte Eingangschor und der Choral, in „Wachet auf . . .“, der mit ausgezeich­netem Stimm-Timbre gesungene Chor-Tenor und der zu hymnischer Wirkung gesteigerte Schluß­chor. Beide Kantaten fanden eine ideale Beglei­tung und Untermalung durch Mitglieder dea großen Orchesters des Südwestfunka und die drei hinzugezogenen Solisten (E1 s i o Lughi (Flöte), Willi Plato (Oboe und Ernst Kiskemper (Violine). Zwischen beiden Kanta­ten wurde Händels Concerto grosse für

Auszeichnungen für

Streichorchester in g-moll gebracht, de­ren einzelnen Sätzen der Dirigent über alle Ak­kuratesse hinweg »in» mitteisende Not» gab: bald den Charakter eines bukolischen Liedes, eines Ge­betes, blld spielerisch, bald energisch, aufrauschend im Klang, bald gefesselt in der Formstrenge, sehr gut im Zusammenklang der Streicher. An der Or­gel bewährte sich Dr. Alois Meermann. I.K.

Medet Urals Alexander f' nbH.

Unter der Leitung von Hans Kaufmann wird in Baden-Baden im Februar 1948 eine Modeschule eröffnet werden. Die Schule hat die Aufgabe, Nach­wuchskräfte für das Damenschneiderhandwerk aus­zubilden und dabei nicht nur gründliche, handwerk­lich-technische Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch die schöpferischen Fähigkeiten der Schüler zu entwickeln, so daß sie im Berufsleben über­durchschnittliche Leistungen erreichen können.

Auf dem Lehrplan stehen folgende Fächer: Modellieren, Schnittwesen, künstlerische und ■chmucktechnische Kleidgestaltung, werkstattmä­ßige Ausführung, Farblehre, Zeichentechnik, Figur-, Natur- und Kostümzeichnen, Aquarellieren, Mode­zeichnen, Stil-, Kunst- und Kostümgeschichte, Mo­deliteratur, Material- und Stoffkund», französisch» Sprache.

Voraussetzung für die Aufnahme des Schülers ist sein« Begabung. Eine Aufnahmeprüfung wird dar­über entscheiden. Mindestaufnahmealter für die Lehrlingsklasse ist 14 Jahre, für die Gesellenklasae 17 Jahre. Die Schüler, die während des ersten Se­mesters den Anforderungen nicht genügen, können vom weiteren Studium ausgeschlossen werden.

Anfragen sind an das Sekretariat der Mode­schule Alexander GmbH., Baden-Baden , Frank­reichstraße 4 , Tel. 6 1236, zu richten.

Kaufmannsgehilfen

Abschlufi der Kanfmannsgehilfenprüfung 1947 9

Die Industrie- und Handelskammer Baden-Baden führte im Juli und August die Kaufmannsgehilfen­prüfung 1947 durch. Das Gesamtergebnis zeigte beachtenswerte Fortschritte in der Ausbildung der Lehr- und Anlernlinge. 17 Prüflinge zeigten beson­ders gute Leistungen für die Auszeichnungen aus­gegeben wurden. Zur feierlichen Lossprechung, die im Stadtratssaal des Rathauses stattfand, wa­ren Vertreter der Lehrfirmen, der Gewerkschaften, der Schulen, des Prüfungsamtes und der Prüfungs­ausschüsse anwesend. Vizepäsident Fischer be­grüßte die Anwesenden und wieä dann darauf hin, daß es besonders erfreulich sei, den Emst festzu- stellen, mit dem ein Großteil der Lehrbetriebe sich der Heranbildung eines zuverlässigen Nachwuchses hingebe. Die Auszeichnungen, die die Handelskam­mer verteilen könne, beweise, daß die Lehrbetrie­bs, die Lehrerschaft und die Prüflinge mit großer Liebe tätig gewesen seien. Der Redner umriß aus­führlich die Notwendigkeit, den Nachwuchs inten­siv zu bilden, damit er die Berufsbezeichnung „Kaufmann“ in Ehren trage und sich in allen Le­benslagen durchzusetzen vermöge.

Nach -der feierlichen Lossprechung durch den Redner überreichte Direktor E. A. Ihle den jun­gen Kaufleuten den Gehilfenbrief mit der Aus­zeichnung. Direktor E. A. Ihle richtete dabei herz­

liche Worte an die Jugend, für die dieser Tag dar Start in einen neuen Lebensabschnitt bedeute, der sie verpflichte, sich in zäher Arbeit zu bemühen, Vollkaufmann in jeder Hinsicht zu werden. Kaum eine Generation habe Schwierigkeiten in einer sol­chen Fülle zu überwinden, wie die heran wachsen­de, der es Vorbehalten sei, an einem wichtigen Wendepunkt in der Entwicklung des Landes in das berufliche Leben einzutreten.

Die Auszeichnungen erhielten: Heinz Trapp, 1. Fa. Rieh. Holder mann, Drogengroßhandlung B.-Baden; Hilde Hansmann, L Fa. Bezirkssparkasse Bühl ; Karl Fuetterer, L Fa. Stef. Hertweök, Werkzeug­fabrik, Gaggenau ; Erich Prager, Herbert Klemm , Walter Roll , alle 1. Fa. Holtzmann & Cie. A. G., Weisenbachfabriken; Kurt Helm, Günther Herden, Kurt Grünwald, alle i. Fa. Daimler-Benz A.-G„ Gaggenau ; Werner Erforth, L Fa. Medlnger & Co., Baden-Baden ; Heinz Mayer, i. Fa. Hasberg-Schnei­der, Maschinenfabrik, Baden-Baden ; Wilhelm Ham­ mer , i. Fa. Emil Stöber, Baugeschäft; Alfons Wolf, i. Fa. B. Ludwig & Söhne, Sägewerk, Neuweier ; Reiner Sontheimer, i. Fa. Rudolf Laule, Baugesch., Gernsbach ; Alfons Meier, i. Fa. Konkordia A. G-, Druckerei u. Verlag, Bühl ; Hubert Sambel L Fa. Bezirkssparkasse Gernsbach ; Gustav Jourdan, i. Fa. E. Weisenburger, Lebensmittelhandlung, Rastatt .

Mißlungene Kopenickiade in Rastatt

• Dieser Tage tauchte in Rastatt ein gewisser Herr Löwenstein aus Berlin auf, der sich als politisch Verfolgter und ehemaliger Häftling des Arbeitsla­gers Niederbühl bezeichnete. Nach seinen Worten war er gekommen, um ein großes Wöhltätigkeits- fest zu veranstalten. Der Erlös des Festes sollte der Errichtung eines Denkmals für die Opfer von Nie­derbühl dienen. Das Amt für politische Verfolgte verhielt sich sehr reserviert, da der Herr aus Ber­ lin keinerlei Ausweispapiere als politisch Verfolg­ter besaß und angab, sie verloren zu haben. Doch Löwensteins Absicht, den Rastattern eine Köpfe- nickiade vorzuführen, wäre beinahe gelungen, wenn Ja, wenn . ...

In der Waggonfabrik, wo er seinen Erzählungen nach als früherer Häftling gearbeitet hatte, er­suchte er um einen Vorschuß von 1500 Mark, um das Wohltätigkeitsfest recht würdig gestalten zu können. Aber kenne einer die Kassierer! Wenn es ans Geld geht werden sie alle mißtrauisch. Doch Herr Löwenstein erzählte vertraulich, daß Bür­germeister Maier ihm bereits aus einem besonderen Fond 4 000 Mark ausgehändigt hätte. Die bürokra­tischen Bedenken schmolzen dahin, und der Ver­

anstalter in Wohltätigkeit nahm mit einer wohltäti­gen Geste, die ihm als Weltmann zustand, den Be­trag in Empfang. Aber irgendwie witterte man doch Unrat. Als der Herr das Zimmer verlassen hatte, begannen die Telefondrähte ln Richtung Rat­haus zu summen; es ist nicht verbürgt, aber anzu­nehmen, daß das Oberhaupt der Stadt blaß wurde. Natürlich war kein Wort davon wahr. In einer Vorbesprechung wurde lediglich die Saalfrage be­handelt. Unterdessen managte Herr Löwenstein weiter. Auch auf einen Eid kam es ihm nicht an.

Dann schaltete sich plötzlich die Kriminalpolizei ein, denn Herr Löwenstein, dessen Interzonenpaß abgelaufen war, wollte zufrieden mit 1500 Mark verduften. Das Wohltätigkeitsfest sowie das Denk­mal waren ihm gleichgültig geworden. Seine Reise zurück nach Berlin endete nun im Gefängnis in der Engelstraße ...

Wie uns das Amt, für politische Verfolgte mit­teilt, wird es sofort Herrn Löwenstein, wenn er wirklich politisch Verfolgter wat, aus der Vereini­gung ausschließen, da er sich ihrer als nicht wür­dig erwies.

Sprechzeiten des Staatspräsidenten

Aus der Staatskanzlei wird mitgeteilt:

Der Staatspräsident hat bisher auf Wunsch all» Besucher jederzeit in der Staatskanzlef empfangen Der Andrang der Besucher ist aber so groß ge­worden, daß die Erledigung wichtiger Staatsge- schäfte darunter leiden mußte. Im Interesse dei Allgemeinheit ist der Staatspräsident deshalb genö­tigt, Sprechzeiten f*lr die Staatskanzln einzuführen Jr bittet darum, daj die vorgesehenen Sprechzeiten eingehalten werden. Die Sprechzeiten der Staats- kruzlei (Colombischlößchen in Freiburg ) sind aul D, pstag und Freitag vormittags 10 bi? t Uhr und na (mittags 3 bis 6 ihr festgelegt. Es wird aber dar uf hingewiesen, § \ß der Staatspm -ietit aus­nah sweise auch zu d( i vorgesehenen 8) echzeiten dienstlich verhindert s» a kann. Besuche tu emp­fangen.

Kritische Wasserversorgung

Die Bevölkerung von Baden-Baden , so schreiben uns die Stadtwerke, muß erneut darauf hingewie- *en werden, daß die Wasserversorgungslage nach wie vor sehr ernst ist. Der Rückgang der Quell­schüttungen ist so stark seit vielen Jahren nicht mehr beobachtet worden. Nach wie vor ist es er­forderlich, den Wasserverbrauch zu beschränken. Auch bei Eintritt von Regenfällen ist keineswegs sofort mit einer Besserung zu rechnen. Selbst bei andauernden Regenfällen vergehen mindestens 4— 6 Wochen, bis die Quellschüttungen merklich zu­nehmen. Eine Sicherung der Wasserversorgung ist deshalb nur durch Einschränkung«» im Verbrauch möglich. Die Vorratsbehälter sind praktisch leer.

Kartoffeltransporte nur mit Transportschein I

Im Hinblick auf den bevorstehenden Herbstver­kehr mit Kartoffeln wird vom Badischen Ministe­rium für Landwirtschaft und Ernährung erneut darauf hingewiesen, daß nach den gesetzlichen Bestimmungen der Kartoffeltransport ohne amtli­chen Transportschein verboten ist, und zwar für, jede Menge und ohne Unterschied, wer den Trans­port durchführt. Die Transportscheine müssen zwecks jederzeitiger Kontrollmöglichkeit mitge­führt werden. Die gegen diese Bestimmungen Zu­widerhandelnden haben neben der im Gesetz vor­gesehenen Bestrafung die Beschlagnahme und die entschädigungslose Einziehung der widerrechtlich beförderten Waren, u. U. auch des Fahrzeuges, zu gewärtigen.

Sladlseliws

Beim Telefonieren entstehen täglich un­liebsame Zwischenfälle dadurch, daß Anschlüsse an das deutsche Fernsprechamt unter Nennung der alten vierstelligen Anschlußnummern verlangt werden, statt mit den neuen fünfstelligen Nummern. Daraus entstehen Fehlvetbindungen mit Teilneh­mern des französischen Fernsprechnetzes, Mißver­ständnisse und zeitraubende Erörterung«». In dem für 50 Rpf. am Schalter des Postamts und bei den Zweigpostämtern käuflichen „örtlichen Fernsprech- bdch von Baden-Baden " sind zahlreiche Neuan­schlüsse enthalten und die Anschlußnummern rich­tig angegeben.

Die Deutsehe Straßenverkehrsord­nung wurde vom „Amtsblatt des französischer Oberkommandos in Deutschland “, Baden-Baden Lichtentaler Straße 65, als Broschüre mit 28 Seiten und Narbigen Tafeln herausgebracht. Diese Bro­schüre ist beim „Journal Offieiel“, Baden-Baden , Lichtentaler Straße 65, zun» Preise von Mark —.60 zu haben. Barzahlung, Briefmarken nicht zugelas­sen. Abgabe an Wiederverkäufer in größeren Men­gen.

Seinen 70. Geburtstag begebt am Sonn­tag Bernhard S t e i n 1 e, früherer Gastwirt und Küchenchef, Frühlingstraße 1.

Auf »ine 60jährige Tätigkeit als Stückgutfuhrmann kann am 16. September Gustav Buck in der Speditionsfirma J. G. De- vant zurückblicken. Er begeht seinen Jubeltag in erstaunlicher körperlicher und geistiger Frische, denn es bedeutet viel, im Alter von 78 Jahren täglich die schwerer! Kisten, Ball«» und Fässer in der Güterhalle zu verladen und bei der Kundschaft abzuladen.

Schauspiel „Ben Hur“ in Otigheim OTIGHEIM — Am Sonntag, 20.30 Uhr, findet di« Erstaufführung von Sebastian Wiesers „Ben Hur" auf der Freilichtbühne statt. Regie und Inszenie­rung: Geistlicher Rat Josef Saier und Otto Langen- dörfer. Bühnenmusik u. musikalische Leitung: Karl Schauder. Sonntag, den 28. September wird das Spiel wiederholt

FELIX TIUMBRMAHS

Bauernpsalm

Roman

Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens 11. Fortsetzung

Er bekam oft genug Prügel von unserem Vater, aber das nützte gar nichts. Er schlenderte meistens für sich allein im Walde umher, und wenn er dann nach Hause kam, erzählte er lauter Lügen. Er hätte eine Schlange gesehen, einen Riesen öder eine schöne Frau mit einer Krone auf dem Kopf, die in einer Kutsche durch den Wald fuhr. Er konnte das alles so lebendig schildern, daß man es glauben mußte. Glaubten wir ihm, dann lachte er uns aus. Glaubten wir ihm nicht, dann geriet er in maßlose Wut. Unser Vater schickte ihn zum Stellmacher in die Lehre, dann zürn Schmied, dann wieder half er zu Hause in der Landwirtschaft Zwölf Berufe und Unglücke, wie man bei uns zu sagen

pflegt Ein-» Tages, er war erennals achtzehn Jsi_re alt brachte er den Nagel nach Hause, mit dem, wie er behauptete, die rechte Hand des Heilands ans Kreuz geschlagen worden sei. Er hätte ihn von einem Einsiedler bekommen. Es war ein gewöhn- fcher Hufnagel mit umgebogener Spitze. Ein paar Wochen», später kommt der Bischof ins Dorf zur Firmung. Da geht er wahrhaft zum Bischof und erklärt: „Hochwürdiger Herr, ich bringe euch den Nägel, mit dem Christus ans Kreuz geschlagen wurde, bitte“. Um ihn loszuwerden, meinte der Bi­schof: „Gut, mein Freund, behalte ihn nur noch »in» Weile“.'

Von diesem Tage an war er dem Wahnsinn ganz und gar verfallen. Immer und immer erzählte er je­dem beliebigen Menschen von diesem Nagel. Wer ihm nicht recht gab, den verprügelte er. Wir muß­ten ihn nach Geel bringen in die Heilanstalt Da gibt ihm jeder Recht Aber er kennt uns noch sehr gut und spricht gern über frühere Dinge. Es Ist nur diese dumme Nagelgeschichte, die ihm nicht aus dem Kopf will. Von morgens bis abends steht er mit dem Nagel in der Hand vor dem Rathaus in Geel. „Dort wohnt Hochwürdiger“, sagt er, „er wird gleich herauskommen, um den Nagel des Herrn zu holen“.

So steht dieser armer Kerl nun schon Jahr und Tag, unentwegt, in Regen und Wind, Winter und Sommer, geduldig da und wartet, ohne Murren und Knurren, mit seinem Nagei auf den Bischof.

Ich bin immer froh, wenn ich aus Geel wieder weg bin. Es wimmelt da von Wahnsinnigen. Die eine glaubt sie wäre Unsere Liebe Frau, eine andere macht immerzu: „Töff! töif!“ wie ein Zug, wieder ein anderer gibt sich für Napoleon aus. Wenn ich lange dort bleiben müßte, dann könnte es sein, daß ich auch eines Tages anfinge zu schauspielern. Und außerdem werde ich die Angst nicht los, daß eine Magd daherfc<vnt und, ruft: „Der Stier ist los! Der Stier ist los!“

Ja, ja, meine Sünden folgen mir nach, und Reue allein genügt nicht, sie zu tilgen. Es fst doch meine Schuld, daß die Magd den Verstand verloren hat, und das zu wissen, liegt wie ein dunkler Schatten über meinem Lebei\. Auf diese Art kann ein Mensch dem Wahnsinn verfallen. Zum Glück habe ich mein Feld, das mir diese ganze Grillenfängerei immer wieder vertreibt

Wenn wir wieder nach Hause kommen, geht un­ser Franz mit seinem Bettelsack von Hof zu Hof. Von dem Geld, das er für «ein armes Kloster zu­

sammengebracht hat, könnte ich ein halbes Jahr Pacht bezahlen.

„Minderbruder ist ein schöner Beruf“, sagte ich, um ihn zu ärgern, aber er lächelt so freundlich, daß ich- noch zwei schwere Silberstücke dazulege.

Die Ernte ist eingefahren. Bald kommen die Kar­toffeln dran. Während man pflügt, um den Acker für die Wintersaat zu bestellen, fallen bereits die ersten Blätter von den Bäumen. Dann ist auch die Zeit ge­kommen für die Rübenernte. Es wird schon früh dunkel, Gott schiebt den Vorhang jeden Tag ein wenig eher zu. Wenn abends das trockene Kartof­felkraut auf den Feldern - brennt, dann weiß man, daß der Winter nicht mehr fern ist. Wir bekom­men Nebel und Regen, wir pflügen, düngen und eggen und säen den Hafer und den Weizen.

Allerheiligen. Allerseelen. Die Totenglocken läu­ten in der diesigen Luft. Es riecht nach totem Laub. Die Mutter bäckt Pfannkuchen, und wir beten in­zwischen für die Seelenruhe aller gläubigen Seelen, für meine Muhme. Diese konnte nicht sterben. Zwei Tage schon lag die arme Frau im Todeskampf, und immer ging ihr das Lied von Herrn Halewin durch den Kopf. Als wir noch klein waren, hatte sie uns oft von Herrn Halewin erzählt, der durch seine schönen Lieder die Frauen verführte und ihnen dann den Kopf abschlug. Endlich aber kam eine Jungfrau, die schlauer war als er und ihn selbst einen Kopf kürzer machte. Dieser Kopf rief: „Geh in das Korn und blase das Horn!“ Aber in das Korn ging sie nicht, und in das Horn blies sie nicht, son­dern sie ritt mit dem Kopf nach Hause, wo sie ein großes Geiage hielt, und der Kopf ward auf den Tisch gestellt Jedesmal, wenn sie davon erzählte, stiegen uns die Haare zu Berge, und jetzt ging ihr dieses Lied immer im Kopf herum. Fortwährend sagte sie: „In das Korn gehe Ich nicht, in das Horn

blase ich nicht Ich laufe davon, ich laufe davon Herr Halewin verfolgt mich zu Pferde, ohne Kopf, ohne Kopf, und er schießt mit Pfeilen nech mir. aber er trifft mich nicht“

Sie schlug tobend mit Armen und Beinen um sich, die Augen weit aufgerissen vor Angst, und de» Schweiß lief in Strömen über die Runzeln ihres Gesichtes. Es war fürchterlich anzusehen. Ich kann mich noch genau entsinn«», draußen heulta de» Sturm und riß die Ziegelsteine vom Kamin. „Da kommt er schon wieder, da, da,“ schrie sie, „aber er kriegt mich nicht, ich schwimme über die Nethe, ich laufe durch den Wald, Kinder, betet, betet er schießt daneben, ha, ha, ha!“ Der Pfarrer versuchte, sie zu beruhigen, aber das hielt nicht lange an. Bald ging die tolle Jagd von neuem los. Sie keucht», schwitzte,' war von der eingebildeten Flucht ganz erschöpft, aber die Angst trieb sie immer wieder.

Am Abend des zweiten Tages, sie war nur noch Haut und Knochen, rief sie plötzlich erfreut: „Gu­ter Himmel, es ist ja nicht Herr Halewin! Jetzt bai er einen Kopf, aber es ist das Antlitz unseres lieber Heilandes! Wie schön, wie schön! Hätte ich das ge­wußt! . . . Jesus jagt meine Seele . . . sch. schöner Jäger, schieße . . “

Sie entblößte ihre magere Brust; „”chieß! schieS!“ rief sie . . „Au. getroffen . . . Wl wohl das tut!“ Da sank sie zusammen und starb. Sin friedliches Lächeln^ lag um ihren Mund.

„Das ist kein Spaß, ein solcher Tod,“ meinte der Pfarrer nachdenklich, „etwas Heiliges liegt darin.“ Jetzt kommen, die dunklen Tage, der Reges peitscht gegen die Fensterscheiben, und in Wind und Nässe ernten wir die Rüben, bringen wir den Sel­lerie, den Porree und die Kartoffeln in die Mieten. Es iet die Zeit der Erkältungen.

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