Nr. W

BADENER TAGBLATT

Dienstag, den 2. März 1946

Jean-Paul Sartre als ParteigrSnder

Problem der französischen Innenpolitik

Das politische Tagesereignis in Frankreich ist die Gründung der „Demokratisch-revolutionären Sam­melbewegung“ durch den Dichter des Existenzialis­mus, Jean-Paul Sartre . Es ist anzunehmen, daß Sartres Name eine gewisse Anziehungskraft aus­üben wird, was zur Verminderung der Stärke der bisherigen Parteien führen müßte. Sartre , seit längerer Zeit von den Kommunisten heftig be­kämpft, hat die Absicht, seine neu gegründete Sammelbewegung mit den Parteien der äußersten Rechten Zusammengehen zu lassen, die bekanntlich in der Regierung Robert Schuman nicht vertreten sind.

In diesem Zusammenhang wird davon ge­sprochen, daß Paul Reynaud und LSon Blum zu Ministern ernannt werden sollen. Die Pläne zur Umbildung des Kabinetts sind jedoch noch nicht spruchreif, wenn sich auch die Ansicht immer mehr durchsetzt, daß das Kabinett seine Existenz nur behaupten könnte, wenn die Rechtsparteien darin vertreten wären. Natürlich würde es Radi­kalsozialisten und Sozialisten nicht leicht fallen, mit Rechtsparteilern in einem Kabinett zusammen­zusitzen. Man hofft, sie diesem Gedanken zu­gänglicher zu machen, wenn die Nationalver­sammlung einen Beschluß gegen die Auflösung fas­sen würde, während bekanntlich General de Gaulle diese Auflösung zu einem Hauptpunkte seines Pro­gramms machte. De Gaulle wird am 7. März in CompiOgne eine Rede halten, der in politischen

Im Revolutionsjahr 1848

Am 1. März 184S übergab eine Abordnung der Mann­ heimer Bürgerschaft der Kammer in Karlsruhe eine Bittschrift, in der Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgerichte und eine Volksvertretung beim Bun­destag gefordert wurden. Von überall strömten die be­geisterten Bürger. Aber der Tag verlief ruhig. Die Kammer nahm die Forderungen ln der Mehrzahl an, und auch der Bundestag ln Frankfurt erklärte sich mit den bislang verpönten Farben Schwarz-Rot-Gold, den Farben der Freiheit, einverstanden.

Kreisen mit Spannung entgegengesehen wird, well er nach den Ereignissen in der Tschechoslowakei energisch gegen die sowjetrussische Politik Stellung nehmen will.

Die jüngsten Ereignisse in der Tschechoslowakei und der kommunistische Vormarsch in Osteuropa werden ohne Zweifel gewisse Rückwirkungen auf die innerpolitische Lage in Frankreich haben. Im Palais Bourbon spricht man erneut von der Bildung eines Ministeriums der „Öffentlichen Wohlfahrt“ oder „Nationalen Union“, das alle Parteien von der äußersten Rechten bis zu den Sozialisten unter alleinigem Ausschluß der Kommunisten umfassen sollte. Selbst die Teilnahme gewisser gaullistischer Elemente wäre in der neuen Kombination vorge­sehen. „Combat “ meint, der Ministerpräsident wolle vor der Umbildung seines Kabinetts erst die Auswirkungen dar Rede von General de Gaulle abwarten. Sollte freilich de Gaulle eine neue At­tacke gegen die Parteien reiten, wäre schwer ein­zusehen, wie die Bildung einer weitgespannten nationalen Union praktisch zu verwirklichen wäre.

Der Sozialismus müsse wieder seine freiheitlich idealen, revolutionären Aspekte annehmen. Es sei nicht wahr, daß der Sozialismus ein blutarmes Aus­sehen oder eine barbarische Maske annehmen müsse. Es sei Zeit, aus dem Sozialismus wieder eine Realität zu machen, der sich die breiten Mas­sen rückhaltlos anschließen könnten.

Die Bildung der R.D R. (Rassemblement demo- cratique revolutionnaire) steht also in einem of­fenbaren Widerspruch zu den Bemühungen um das Zustandekommen einer großen nationalen Union.

Die Tatsache, daß der neuen Parteigruppe drei Mit­glieder des sozialistischen Parteivorstandes ange­hören, könnte den Eindruck erwecken, als ob die sozialistische Partei im Begriff siehe, auseinander­zuklaffen. Im „Populaire“ meint jedoch L£on Blum, daß auch die neue Gruppe im Grunde ge­nommen die Prinzipien der „Dritten Kraft“ billige, da sie sich energisch gegen jede Diktatur von Rechts oder Links wende. Der Sozialistenführer schreibt, es sei ihm unmöglich, in der Veröffent­lichung des Aufrufs der R D R. etwas anderes zu sehen, als eine „Geste enttäuschter Ungeduld“, als das Zeichen einer gewissen Nervosität. Nichts wäre jedoch im gegenwärtiger Augenblick unangebrach­ter. Die Lage sei zu ernst Sie erfordere Geduld, Überlegung und Zähigkeit Ko.

Im Osten Taten - im Westen Worte

Die Lehre von Prag

Man braucht die Ereignisse in der Tschechoslo­ wakei nicht zu dramatisieren, um deutlich zu machen, was in Prag geschehen ist. Und eigentlich ist es verwunderlich, daß der Einzug der Kommu­nisten in die Schlüsselstellungen der neuen Regie­rung Cottwald einen so heftigen Sturm im Blätter­wald hervorgerufen hat. Durfte man annehmen, daß die Tschechoslowakei eine andere Entwicklung neh­men konnte, als die anderen Staaten im russischen Glacis? Hatte man wirklich vergessen, daß im Kreml realistische Politik getrieben wird und konnte man glauben, daß die UdSSR , die die schwersten Opfer im Krieg gegen Hitler gebracht hat, sich die Früchte des Sieges nehmen ließe?

Dem Protest, den die Westmächte an Prag ge­richtet haben, wird daher in Paris , London und Washington sicher nicht viel mehr Wert beigemes­sen, als dem einer formellen Demarche, die ohne Illusion unternommen wird. Gewiß ist darin ehr­liches Bedauern zu finden daß die Republik , die von Masaryk geschaffen, 30 Jahre das Modell einer De­mokratie war, nun sich anschickt eine „Volksde­mokratie“ nach dem Muster Rumäniens , Jugosla­ wiens oder Bulgariens zu werden. Vielleicht wird auch der Rest einer Illusion zu Grabe getragen, die sich an die Hoffnung knüpfte, dem Demokraten Benesch, der in den Tagen des Umschwungs seinen festen Glauben an die parlamentarischen Regie­rungsmethoden Ausdruck gab, werde es doch ge­lingen, die Tschechoslowakei auf dem oft verkün­deten Kurs des Gleichgewichts zwischen Ost und West zu halten.

In Wirklichkeit war man sich doch wohl darüber klar, daß der Ausbruch der Krise, nur das Resultat einer permanenten Spannung war, die hinter aer Fassade schon lange die politischen Ereignisse be­einflußte. Das einzigste Datum, an dem noch Zwei­fel darüber erlaubt sein konnten, welchen Weg die Tschechoslowakei zu gehen beabsichtige, war die Einladung •*>rags zu den Beratungen über den Marshall-Plan. Die plötzliche Kehrtwendung aes Außenministers Jan Masaryk , der die Zusage aes vergangenen Tages ohne weitere Angabe von Grün­den widerrief, erwies denn aber schnell, daß die Regierung auf dem Hradschin mehr nach, Mq$kau als nach Washington blickte.

Der 24. Februar ist daher keine Überraschung. Was man heute lediglich wieder verblüfft konsta­tieren kann, ist die Tatsache, wie sehr viel schneller im Osten gehandelt wird als im Westen. Heute er­

streckt sich von Stettin bis Triest ein Staatenblock, dessen Gefüge mit jedem Tag an Festigkeit und Sta­bilität gewinnt. Der Westen dagegen erschöpft sich bis zur Stunde in mühseligen Verhandlungen, die Vielfalt der Interessen zu koordinieren und jene Einheit zu erringen, die, wie das Beispiel im Osten, wenn auch in anderer Form beweist, die Vorausset­zung für den Wiederaufstieg aus den Trümmern ei­ner vergangenen Welt bildet. Gewiß, hier kann nicht mit der selben Schnelligkeit und Rücksichts­losigkeit gearbeitet werden, wie im Osten. Grund­sätze und Tradition erlauben im Prinzip nicht jene Gleichschaltung, die an anderer Stelle die ausein­anderstrebenden Auffassungen so rasch auf einen Nenner bringt. Außerdem darf mit einem Blick auf die Wahlergebnisse der demokratischen Länder be­hauptet werden, daß eine Abkehr vom parlamenta­rischen System und der damit zwangsläufig verbun­denen und auch gewollten Verzögerungen der poli­tischen Entscheidungen, noch nicht dem Wunsch der Bürger dieser Länder entspricht. Aber. — so wird man fragen — wie wird es werden, wenn das Bild der politischen Konstellation sich weiterhin mit aer Geschwindigkeit verändert, die seit der Niederwer­fung Deutschlands zur Regel geworden ist? Wird der Westen, ohne Gefahr zu laufen, seine Bürger zu enttäuschen, weiterhin in der egoistischen Verkop­pelung stecken bleiben können, nur mit der Hoff­nung, das ferne Land über dem Ozean werde sich im eigenen Interesse genötigt sehen, die Zuschüsse an Dollars und Lebensmittel unentwegt fortzusetzen. Wird sich schließlich eines Tages, wenn wirtschaft­liche Not und soziales Elend auch das stärkste Rückgrat brechen, nicht doch die von Moskau im­mer wieder proklamierte These vom zwangsläufigen Zerfall der kapitalistischen Wirtschaft erfüllen?

Die Lehre von Prag sollte zu denken geben. Noch hat der Westen Zeit, zu beweisen, daß die Kraft sei­ner Ideen auch die Welt nach dem zweiten großen Krieg zum Glück der Völker zu formen vermag. Aber Handeln tut not. Die gemeinsamen Interessen taugen nichts, wenn sie nicht die Grundlage für eine gemeinsame Aktion ergeben, die den Wunsch des kleinen Mannes nach einem menschenwürdigen Da­sein zu erfüllen vermag. Daß wir Deutsche dabet die Hoffnung hegen, teilnehmen zu können an einer so erblühenden Wohlfahrt, ist einer der Faktoren, die das ehrliche Bemühen um eine Neugestaltung des europäischen Aufbaus immer wieder aus Resignation und Apathie emporreißt. pt.

Ein Aufruf von, Sartres „Demokratisch-Revo­lutionärer Sammelbewegung“ tritt für Freiheit und Menschenwürde ein und setzt sich ebenso gegen die „Verwesungserscheinungen der kapitalistischen Demokratien“ wie gegen die „allzu kompromiß­freudigen Schwächen einer gewissen Sozialdemo­kratie“ wie gegen „kommunistische Barbarei“ ein.

Vo!lstreclniiigsabteilan<;en w ; eder eröffnet

FREIBURG — Die Badische Staatskanzlei teilt auf Veranlassung des Badischen Ministeriums der Justiz folgendes mit: Die Zwangsvollstreckungsabtei­lungen der Amtsgerichte und der Notariate haben nach einer Verfügung des Badischen Ministeriums der Justiz vom 20. Januar 1948 ihre Tätigkeit auf dem Gebiet der Zwangsversteigerung und der Zwangsverwaltung von Grundstücken wieder auf­genommen. Die bestehenden Vollstreckungsschutz­vorschriften sind weiter anwendbar.

Abi.Marz uneinig eschränkterTelefonver'kehr

BADEN-BADEN — Die Militärregierung der fran­zösischen Besatzungszone in Deutschland gibt be­kannt, daß ab 1. März 1948 alle bis jetzt bestehen­den Einschränkungen im Telefonverkehr mit den anderen Besatzungszonen aufgehoben und alle deut­ schen Teilnehmer dafür zugelassen werden.

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Die „Reidtshaueniührefin“ in der Klostermühte

TÜBINGEN — Nach einer ich über mehrere Monate ausdehnenden Suchaktion hat die franzö­ sische und die amerikanische Sicherheitspolizei in enger Zusammenarbeit mit der württembergischen Landespolizei in der Nacht zum 29. Februar die ehemalige „Reichsführerin“, Frau Gertrud Scholtz- Klink und deren Ehemann in dritter Ehe, den SS-Obergruppenführer August Heißmeyer , Chef der nationalsozialistischen Erziehungsanstalten, in ihrer Wohnung in der „Klostermühle" in Beben hausen, dem Sitz des südwürttembergischen Landtages, verhaftet. Die beiden Verhafteten hatten sich dort seit dem September 1945 unter dem Namen Stuckebrock aufgehalten.

Frau Scholtz-Klink erklärte, daß sie sich im September 1945 an die Fürstin zu Wied, die kürzlich in Ludwigsburg entnazifizierte Tochter des Königs von Württemberg , mit der Frage gewandt habe, ob eine Unterkunftsmöglichkeit in Bebenhausen bei Tübingen für sie und ihren Mann bestehe. Auf Be­ benhausen war die ehemalige Reichsfrauenbührer in verfallen, da sowohl sie als auch ihr Mann die­sen Ort von verschiedenen Besuchern in Süddeutschland her als besonders ruhig kannten. Die Für­stin hatte geantwortet, daß ihr persönlich eine Unterstützung nicht möglich sei, und daß Frau Scholtz- Klink es auf eigene Faust versuchen müsse.Sie stellte der verhafteten ehemaligen „Reichsfrauen­führerin“ ein Handschreiben an die Baronin Falkenstein, eine ehemalige Hofdame der Königin von Württemberg in Bebenhausen , zur Verfügung, in dem die Bitte ausgesprochen war, das Ehepaar Stuckebrock in dem der Familie zu Wied gehörenden Teil des Schlosses Bebenhausen unterzubringen.

Frau Scholtz-Klink und Heißmeyer waren bis zum 30. April 1945 in Berlin , ln Letzkau bei Mag­ deburg haben sie sich von dem dortigen Bürgermeister neue Papiere auf den Namen Stuckebrock aus­stellen lassen, nachdem sie erzählt hatten, ihre alten Papiere auf der Flucht verloren zu haben.

In Bebenhausen führten die beiden ein zurückgezogenes Leben, bearbeiteten das ihnen vom Bür­germeister zur Verfügung gestellten Land und schafften sich mit Heimarbeit einen Lebensverdienst. Einrichtungsgegenstände wurden ihnen aus den Schloßbeständen zur Verfügung gestellt. Beide wa­ren als Familie Stuckenbrock entnazifiziert worden.

Ober, Herr Geheimrat i

Ein Schreiben der Badischen Staatskanzlei in Freu bürg hat uns zu einer Glosse „Der Geheimrat“ in der Nr. 13 vom 17. Februar veranlaßt. Wir waren zu dieser Glosse nicht nur mit Rücksicht auf die gebotene volle Publizität der Vorgänge um den Fliegerangriff auf Freiburg am 10. Mai 1940. son­dern auch auf Anfragen und Zuschriften unserer Leser genötigt, die sich mit der in der Veröffent­lichung der Badischen Staatskanzlei über jenen Luftangriff enthaltenen halben Wahrheit nicht zu­frieden geben wollten. Es war unser journalistisches Recht wie unsere journalistische Pflicht, mit dieser Glosse das ganze historische Material für die seitens der Badischen Staatskanzlei erfolgten Feststellung zu verlangen, daß es sich bei dem Angriff auf Frei­ burg im Mai 1940 um einen deutschen Luftangriff auf eine deutsche Stadt gehandelt hat, nachdem wir aus einem gewundenen und verklausulierten, aber keineswegs begründenden Schreiben der Staats­kanzlei den Eindruck gewonnen hatten, daß dieses Material der Publizität entzogen werden sollte.

Auch Journalisten haben bisweilen Einfälle, und uns fiel bet der Lektüre des besagten Schreibens der Staatskanzlei der sattsam bekannte, längst überholte Typ des Geheimrats ein, der seinem Titel dadurch Ehre machte, daß er ebenso ängstlich wie gewissen­haft bemüht war, „interne“ Amtsvorgänge vor der Publizität zu schützen. So kamen wir. wie wir aus­drücklich betonen möchten: ohne jede Kenntnis der realen Personalien der Staatskanzlei, zu dem leicht satirisch gefärbten Porträt des Geheimrats, das jetzt die Badische Staatskanzlei mit einer neuen Erklä­rung vom 23. Februar beantwortet hat. Durch dieses Schreiben sind wir nun ausreichend über die trifti­gen und auch jegliche publizistische Rücksicht recht­fertigenden Gründe orientiert, welche die Staats­kanzlei bestimmt haben, eine endgültig aufklärende Veröffentlichung über den Freiburger Fliegerangriff einstweilen noch zurückzustellen. Wir haben, was in unserer Glosse hervorgehoben worden ist. keinen Augenblick gezweilelt, daß die Landesregierung für die Richtigkeit der amtlichen Darstellung die Ver­antwortung zu tragen in der Lage ist, und geben mit Genugtuung unserer Überzeugung Ausdruck, daß die abschließende und auf das Beweismateral zurückgreifende amliche Darstellung wohl wicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Aber — so glauben wir fragen zu dürfen — warum hat fnan uns über die eigentlichen Motive des amt­lichen Schweigens nicht rechtzeitig und unter aer Vertraulichkeit, die in solchen Fällen sich auch für die auf das Recht der Publizität pochende Presse von selbst versteht, unterrichtet? Das liegt eben an einer falschen und — wir finden keine bessere Kennzeichnung dafür — „geheimrätlichen" Einstel­lung zur Presse und an einem Mangel an Einsicht in die pflichtgemäßen Notwendigkeiten einer demo­kratischen Publizität. Aus unserem Phantasie-Por­trät des Geheimrats ist nunmehr eine reale Erschei­nung. aus der „Wir“ -Diktion der Staatskanzlei- Korrespondenz das „Ich“ hervorgetreten in Gestalt des Unterzeichneten Herrn von Brentano, des — wenn wir recht berichtet sind — Kabinettschefs der Badischen Landesregierung. Mit einer geradezu frappierenden Realität, die sieh in dem Schlußsatz der Antwort aus Freiburg also kundtut: „Was die persönlichen Bemerkungen über den „Geheimrat“ betrifft, mit denen sich der Unterzeichnete identifi­ziert, so muß ich Ihnen hierüber zu meinem großen Bedauern mein Befremden ausdrücken und behalte mir in diesem Punkt Handlungsfreiheit vor.“

Aber, Herr Geheimrat! Wie kann man von „per­sönlichen Bemerkungen“ reden, wo überhaupt keine reale Person gemeint oder angesprochen worden ist? Wie können Sie soweit gehen sich mit „persön­lichen Bemerkungen " zu „ identifizierendie man allenfalls auf sich beziehen mag? Dafür fehlt uns, offen gestanden, jedes Verständnis. Wir werden Ihr Befremden'mit Anstand zu tragen wissen, bedauern aber unsererseits lebhaft, daß Sie den gebotenen Humor, mit dem man auch eine anzügliche karika­turistische Skizze aufzunehmen und ad acta zu legen pflegt, mit dem juristischen Vorbehalt der „Hand­lungsfreiheit“ verwechselt haben. Wollten wir, Ih­rem Beispiel folgend, diese Wendung tragisch neh­men, müßten wir uns gegen die Verwendung de* schließlich nur als Drohung zu deutenden Begriffs „Handlungsfreiheit“ verwahren. Wir ziehen es aber vor, die Wendung als typische amtliche Reaktion auf eine um der Sache und der Wahrheit willen er­hobene Presseforderung zu verzeichnen und uns damit zu begnügen, daß wir mit einer karikaturisti­schen Skizze letztlich doch dem Bemühen um die geschichtliche Wahrheit gedient haben. —y—

KONSTANZ — In Konstanz wurde das neugebildete Verwaltungsgericht erste« Rechtsstufe eröffnet dem alle Klagen unterstehen, die die öffentliche Verwal­tung betreffen.

KULTURSPIEGEL

Das Gleiten

Auf der einen Seite die starken überzeugenden Erlebnisse, welche neue Überlegungen, Erwägungen und Absichten zur Folge haben und sich schließlich in ganz exakten Plänen und Programmen nieder- schlagen. Andererseits dann viele, sehr viele grund­verschiedene Gruppen von derartigen Erlebnissen und ihren Folgen: also eine ganze Erlebnis-Welt, die auf den einzelnen Menschen wie eine Über­schwemmung einströmt! In blitz- und wirbelhafter Folge entstehen ebenso sehr viele grundverschie­dene Reaktionen, Erwägungen und Pläne in jeweils ein und demselben Herz und Kopf, Und die einzel­nen Unternehmungen nun ringen in ihrem Herrn wiederum um den jeweiligen Vorrang, indem sie einander stoßen, schieben, bedrängen, bewegen und — die einzelne „Sache“ wird schließlich, infolge ih­rer natürlichen Minderheit gegenüber den vielen übrigen ebenso wichtigen „Sachen“, tatsächlich hin- und hergeschoben, verschoben, kann nicht Fuß, nicht Wurzeln fassen — und gleitet.

Der einzelne tüchtige Mensch selbst aber, eben der Träger und „Herr aller dieser Sachen“, steht im ständigen Ansturm des wahllos zusammengebrau­ten und bedenkenlos dahinwallenden Alletags. Wie sehr er sich auch dem gewöhnlichen Leben ent­gegenzustemmen bemüht, rudert, lotet, selbst ein Boot ein Floß, ja Insel erringt — selbst, die Insel hat weder Fuß noch Wurzel, gleitet lind offenbart: Auch der Mensch mit allen seinen untereinander beweg­lichen Unternehmungen — gleitet.

So entzieht sich an jedem Ort in jedem Augenblick zwischen Empfindung, Erkenntnis, Absicht und Tun immer ein entscheidendes Stück Verwirklichung seiner Geburt durch das tatsächliche Menschenle­ben; und das geschieht beinahe unmerklich, aber folgenschwer: Humanität, Friedensliebe, Lebens­kunst, Seibstverantwortung, eigene Empfindungen, eigene Gedanken, eigene Handlungen — eben noch von ihrer Unumgänglichkeit überzeugend! — neh­men unter der Hand die nebulösen Gestalten von ständig anwachsenden Begriffen, d. h. Etiketten an, die schließlich in Himmelsschriftgröße uns wohl

„Französische Volkskunst

Die Baden-Badener Trinkhalle ist gegenwärtig ein kleines Museum „Französischer Volkskunst“ gewor­den, find ich versichere Ihnen, daß ich gestern eine Stunde' des Heimwehs nach dem Frankreich der Bauern und der kleinen Leute dort erlebte, ja ich, ein Deutscher, und Sie sollten darüber nicht lächeln!

In dem lichten Raum sind nicht viele Gegenstände ausgestellt, aber alle sind, wie kompliziert sie auch verziert, gewerkelt und gekonnt sein mögen, von der sauberen und rührenden Naivität jeder Volks­kunst In diesem Raum fühlte ich mich sofort wieder „zu Hause“: Diese Schränke, Truhen, Lampen, Krü­ge, Kästchen, Bilder und Puppen habe ich ja alle vor Jahr und Tag —oft nicht so schön und kostbar, aber immer eben so echt — lange genug bei ihnen zu Hause erlebt, um sie und ihre Heimat je wieder . vergessen und gar mein Verständnis und meine Liebe für sie und ihre Schöpfer je wieder verlernen zu können!

Ich war vielleicht „zu lange“ drüben; jetzt muß

noch einmal erstaunt aufblicken lassen, aber längst keine praktische Bedeutung mehr für unseren All­tag zu haben scheinen; daß sie seine Krise herauf- beschwören, wird immer erst zu spät klar.

So müßte der Einzelne in diese feine unschein­bare. aber so selbstständige und ins Gleiten brin­gende Sichverwirklichungsmaschinerie des Lebens persönlich mit Herz und Hand eingreifen, ehe sieb die „Maschine“ wieder so ausgewachsen und ver­selbstständigt hat, daß sie ihrerseits ihre Opfer dann spielerisch ergreift und derartig auf den Rük- ken schleudert, daß sie bewußtlos verbleiben!

im Wandel der Zeiten“

ich alles sozusagen doppelt erleben, in einer wun­derlichen Auseinandersetzung und gleichzeitigen ge­genseitigen Durchdringung. Der Frühlings von Frank­ furt und an der Bergstraße ist für mich auch der Frühling von Paris und in der Cöte d Er; im heiße­sten deutschen Hochsommer glühen für mich auch die Sommer der Biskaya und der Provence mit . . . Sie verstehen mich! Meine Ehe „Französisch- Deutsch“ wurde in der kleinen Ausstellung wieder handgreiflichste Gegenwart.

Ich las natürlich die alten Bilderbogen nach und amüsierte mich an der Rechtschreibung auf dem Wasserbehälter von Angers . Ich blätterte die volks­kundlichen Bücher nach und sah manche vertraute Stätte wieder. Dazu erklangen aus dem ziegeirot- lackierten Eichenschrank von Guerande immer we­der dieselben Volkslieder und spielten sich gewis­senhaft in mein Herz ein. —

Lieber Freund — ein bedeutendes Wort fällt mu dazu ein: „Völkerverständigung? Das ist ein rechter

Unsinn! Es gibt keine Verständigung unter Völ­kern; es gibt nur eine Verständigung zwischen dem einzelnen Menschen und allem, was ihm begeg­nen mag! Entweder ist ein Mensch so menschlich, daß er sich um das Verständnis jedes anderen Erdenbür­gers ernsthaft bemühen wird, oder so Unmensch) ch, daß er, ebenso wie in seinen Landleuten, auch m den Vertretern anderer Völker nur sich se Übst sucht. Der Mensch vom zweiten Schlag wird immer sehr viel von Völkerverständigung reden und im­mer sehr viel darüber zu klagen haben, daß sie nicht zustande kommen will.“ |

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ln London starb im Alter von 7« Jahren der Histo- rtlccr des deutschen Sozialismus und frühere Profes- sor an der Berliner Universität, Prof DR. GUSTAV

M A VIi’B

In den MÜNCHENER KAMMERSPIELEN wu-de die Aufführung des Dramas „Des Teufels General in der Inszenierung von Harry Buckwitz zu einem außer­ordentlich großen Erfolg.

Eine DEUTSCH -FRANZÖSISCHE KULTURWOCHE findet vom 22. bis 31. Mai in Nürnberg statt

Wilhelm-Gesellschaft übernehmen soll, wurde in tingen gegründet.

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gen Uber Goethes .,Faust * eingetragen Für die > S \ Hofer ^ deu :scne Revolution 1848 49 ‘ meldeten

NEVEUX und ;ean DELANNOY wellen das Dreht schreiben Jean MARAIS wird die R:dle des F übernehmen und Michele MORGAN die des Gretchi