Nr. W
BADENER TAGBLATT
Dienstag, den 2. März 1946
Das politische Tagesereignis in Frankreich ist die Gründung der „Demokratisch-revolutionären Sammelbewegung“ durch den Dichter des Existenzialismus, Jean-Paul Sartre . Es ist anzunehmen, daß Sartres Name eine gewisse Anziehungskraft ausüben wird, was zur Verminderung der Stärke der bisherigen Parteien führen müßte. Sartre , seit längerer Zeit von den Kommunisten heftig bekämpft, hat die Absicht, seine neu gegründete Sammelbewegung mit den Parteien der äußersten Rechten Zusammengehen zu lassen, die bekanntlich in der Regierung Robert Schuman nicht vertreten sind.
In diesem Zusammenhang wird davon gesprochen, daß Paul Reynaud und LSon Blum zu Ministern ernannt werden sollen. Die Pläne zur Umbildung des Kabinetts sind jedoch noch nicht spruchreif, wenn sich auch die Ansicht immer mehr durchsetzt, daß das Kabinett seine Existenz nur behaupten könnte, wenn die Rechtsparteien darin vertreten wären. Natürlich würde es Radikalsozialisten und Sozialisten nicht leicht fallen, mit Rechtsparteilern in einem Kabinett zusammenzusitzen. Man hofft, sie diesem Gedanken zugänglicher zu machen, wenn die Nationalversammlung einen Beschluß gegen die Auflösung fassen würde, während bekanntlich General de Gaulle diese Auflösung zu einem Hauptpunkte seines Programms machte. De Gaulle wird am 7. März in CompiOgne eine Rede halten, der in politischen
Im Revolutionsjahr 1848
Am 1. März 184S übergab eine Abordnung der Mann heimer Bürgerschaft der Kammer in Karlsruhe eine Bittschrift, in der Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgerichte und eine Volksvertretung beim Bundestag gefordert wurden. Von überall strömten die begeisterten Bürger. Aber der Tag verlief ruhig. Die Kammer nahm die Forderungen ln der Mehrzahl an, und auch der Bundestag ln Frankfurt erklärte sich mit den bislang verpönten Farben Schwarz-Rot-Gold, den Farben der Freiheit, einverstanden.
Kreisen mit Spannung entgegengesehen wird, well er nach den Ereignissen in der Tschechoslowakei energisch gegen die sowjetrussische Politik Stellung nehmen will.
Die jüngsten Ereignisse in der Tschechoslowakei und der kommunistische Vormarsch in Osteuropa werden ohne Zweifel gewisse Rückwirkungen auf die innerpolitische Lage in Frankreich haben. Im Palais Bourbon spricht man erneut von der Bildung eines Ministeriums der „Öffentlichen Wohlfahrt“ oder „Nationalen Union“, das alle Parteien von der äußersten Rechten bis zu den Sozialisten unter alleinigem Ausschluß der Kommunisten umfassen sollte. Selbst die Teilnahme gewisser gaullistischer Elemente wäre in der neuen Kombination vorgesehen. „Combat “ meint, der Ministerpräsident wolle vor der Umbildung seines Kabinetts erst die Auswirkungen dar Rede von General de Gaulle abwarten. Sollte freilich de Gaulle eine neue Attacke gegen die Parteien reiten, wäre schwer einzusehen, wie die Bildung einer weitgespannten nationalen Union praktisch zu verwirklichen wäre.
Der Sozialismus müsse wieder seine freiheitlich idealen, revolutionären Aspekte annehmen. Es sei nicht wahr, daß der Sozialismus ein blutarmes Aussehen oder eine barbarische Maske annehmen müsse. Es sei Zeit, aus dem Sozialismus wieder eine Realität zu machen, der sich die breiten Massen rückhaltlos anschließen könnten.
Die Bildung der R.D R. (Rassemblement demo- cratique revolutionnaire) steht also in einem offenbaren Widerspruch zu den Bemühungen um das Zustandekommen einer großen nationalen Union.
Die Tatsache, daß der neuen Parteigruppe drei Mitglieder des sozialistischen Parteivorstandes angehören, könnte den Eindruck erwecken, als ob die sozialistische Partei im Begriff siehe, auseinanderzuklaffen. Im „Populaire“ meint jedoch L£on Blum, daß auch die neue Gruppe im Grunde genommen die Prinzipien der „Dritten Kraft“ billige, da sie sich energisch gegen jede Diktatur von Rechts oder Links wende. Der Sozialistenführer schreibt, es sei ihm unmöglich, in der Veröffentlichung des Aufrufs der R D R. etwas anderes zu sehen, als eine „Geste enttäuschter Ungeduld“, als das Zeichen einer gewissen Nervosität. Nichts wäre jedoch im gegenwärtiger Augenblick unangebrachter. Die Lage sei zu ernst Sie erfordere Geduld, Überlegung und Zähigkeit Ko.
Im Osten Taten - im Westen Worte
Man braucht die Ereignisse in der Tschechoslo wakei nicht zu dramatisieren, um deutlich zu machen, was in Prag geschehen ist. Und eigentlich ist es verwunderlich, daß der Einzug der Kommunisten in die Schlüsselstellungen der neuen Regierung Cottwald einen so heftigen Sturm im Blätterwald hervorgerufen hat. Durfte man annehmen, daß die Tschechoslowakei eine andere Entwicklung nehmen konnte, als die anderen Staaten im russischen Glacis? Hatte man wirklich vergessen, daß im Kreml realistische Politik getrieben wird und konnte man glauben, daß die UdSSR , die die schwersten Opfer im Krieg gegen Hitler gebracht hat, sich die Früchte des Sieges nehmen ließe?
Dem Protest, den die Westmächte an Prag gerichtet haben, wird daher in Paris , London und Washington sicher nicht viel mehr Wert beigemessen, als dem einer formellen Demarche, die ohne Illusion unternommen wird. Gewiß ist darin ehrliches Bedauern zu finden daß die Republik , die von Masaryk geschaffen, 30 Jahre das Modell einer Demokratie war, nun sich anschickt eine „Volksdemokratie“ nach dem Muster Rumäniens , Jugosla wiens oder Bulgariens zu werden. Vielleicht wird auch der Rest einer Illusion zu Grabe getragen, die sich an die Hoffnung knüpfte, dem Demokraten Benesch, der in den Tagen des Umschwungs seinen festen Glauben an die parlamentarischen Regierungsmethoden Ausdruck gab, werde es doch gelingen, die Tschechoslowakei auf dem oft verkündeten Kurs des Gleichgewichts zwischen Ost und West zu halten.
In Wirklichkeit war man sich doch wohl darüber klar, daß der Ausbruch der Krise, nur das Resultat einer permanenten Spannung war, die hinter aer Fassade schon lange die politischen Ereignisse beeinflußte. Das einzigste Datum, an dem noch Zweifel darüber erlaubt sein konnten, welchen Weg die Tschechoslowakei zu gehen beabsichtige, war die Einladung •*>rags zu den Beratungen über den Marshall-Plan. Die plötzliche Kehrtwendung aes Außenministers Jan Masaryk , der die Zusage aes vergangenen Tages ohne weitere Angabe von Gründen widerrief, erwies denn aber schnell, daß die Regierung auf dem Hradschin mehr nach, Mq$kau als nach Washington blickte.
Der 24. Februar ist daher keine Überraschung. Was man heute lediglich wieder verblüfft konstatieren kann, ist die Tatsache, wie sehr viel schneller im Osten gehandelt wird als im Westen. Heute er
streckt sich von Stettin bis Triest ein Staatenblock, dessen Gefüge mit jedem Tag an Festigkeit und Stabilität gewinnt. Der Westen dagegen erschöpft sich bis zur Stunde in mühseligen Verhandlungen, die Vielfalt der Interessen zu koordinieren und jene Einheit zu erringen, die, wie das Beispiel im Osten, wenn auch in anderer Form beweist, die Voraussetzung für den Wiederaufstieg aus den Trümmern einer vergangenen Welt bildet. Gewiß, hier kann nicht mit der selben Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit gearbeitet werden, wie im Osten. Grundsätze und Tradition erlauben im Prinzip nicht jene Gleichschaltung, die an anderer Stelle die auseinanderstrebenden Auffassungen so rasch auf einen Nenner bringt. Außerdem darf mit einem Blick auf die Wahlergebnisse der demokratischen Länder behauptet werden, daß eine Abkehr vom parlamentarischen System und der damit zwangsläufig verbundenen und auch gewollten Verzögerungen der politischen Entscheidungen, noch nicht dem Wunsch der Bürger dieser Länder entspricht. Aber. — so wird man fragen — wie wird es werden, wenn das Bild der politischen Konstellation sich weiterhin mit aer Geschwindigkeit verändert, die seit der Niederwerfung Deutschlands zur Regel geworden ist? Wird der Westen, ohne Gefahr zu laufen, seine Bürger zu enttäuschen, weiterhin in der egoistischen Verkoppelung stecken bleiben können, nur mit der Hoffnung, das ferne Land über dem Ozean werde sich im eigenen Interesse genötigt sehen, die Zuschüsse an Dollars und Lebensmittel unentwegt fortzusetzen. Wird sich schließlich eines Tages, wenn wirtschaftliche Not und soziales Elend auch das stärkste Rückgrat brechen, nicht doch die von Moskau immer wieder proklamierte These vom zwangsläufigen Zerfall der kapitalistischen Wirtschaft erfüllen?
Die Lehre von Prag sollte zu denken geben. Noch hat der Westen Zeit, zu beweisen, daß die Kraft seiner Ideen auch die Welt nach dem zweiten großen Krieg zum Glück der Völker zu formen vermag. Aber Handeln tut not. Die gemeinsamen Interessen taugen nichts, wenn sie nicht die Grundlage für eine gemeinsame Aktion ergeben, die den Wunsch des kleinen Mannes nach einem menschenwürdigen Dasein zu erfüllen vermag. Daß wir Deutsche dabet die Hoffnung hegen, teilnehmen zu können an einer so erblühenden Wohlfahrt, ist einer der Faktoren, die das ehrliche Bemühen um eine Neugestaltung des europäischen Aufbaus immer wieder aus Resignation und Apathie emporreißt. pt.
Ein Aufruf von, Sartres „Demokratisch-Revolutionärer Sammelbewegung“ tritt für Freiheit und Menschenwürde ein und setzt sich ebenso gegen die „Verwesungserscheinungen der kapitalistischen Demokratien“ wie gegen die „allzu kompromißfreudigen Schwächen einer gewissen Sozialdemokratie“ wie gegen „kommunistische Barbarei“ ein.
Vo!lstreclniiigsabteilan<;en w ; eder eröffnet
FREIBURG — Die Badische Staatskanzlei teilt auf Veranlassung des Badischen Ministeriums der Justiz folgendes mit: Die Zwangsvollstreckungsabteilungen der Amtsgerichte und der Notariate haben nach einer Verfügung des Badischen Ministeriums der Justiz vom 20. Januar 1948 ihre Tätigkeit auf dem Gebiet der Zwangsversteigerung und der Zwangsverwaltung von Grundstücken wieder aufgenommen. Die bestehenden Vollstreckungsschutzvorschriften sind weiter anwendbar.
Abi.Marz uneinig eschränkterTelefonver'kehr
BADEN-BADEN — Die Militärregierung der französischen Besatzungszone in Deutschland gibt bekannt, daß ab 1. März 1948 alle bis jetzt bestehenden Einschränkungen im Telefonverkehr mit den anderen Besatzungszonen aufgehoben und alle deut schen Teilnehmer dafür zugelassen werden.
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Die „Reidtshaueniührefin“ in der Klostermühte
TÜBINGEN — Nach einer ich über mehrere Monate ausdehnenden Suchaktion hat die franzö sische und die amerikanische Sicherheitspolizei in enger Zusammenarbeit mit der württembergischen Landespolizei in der Nacht zum 29. Februar die ehemalige „Reichsführerin“, Frau Gertrud Scholtz- Klink und deren Ehemann in dritter Ehe, den SS-Obergruppenführer August Heißmeyer , Chef der nationalsozialistischen Erziehungsanstalten, in ihrer Wohnung in der „Klostermühle" in Beben hausen, dem Sitz des südwürttembergischen Landtages, verhaftet. Die beiden Verhafteten hatten sich dort seit dem September 1945 unter dem Namen Stuckebrock aufgehalten.
Frau Scholtz-Klink erklärte, daß sie sich im September 1945 an die Fürstin zu Wied, die kürzlich in Ludwigsburg entnazifizierte Tochter des Königs von Württemberg , mit der Frage gewandt habe, ob eine Unterkunftsmöglichkeit in Bebenhausen bei Tübingen für sie und ihren Mann bestehe. Auf Be benhausen war die ehemalige Reichsfrauenbührer in verfallen, da sowohl sie als auch ihr Mann diesen Ort von verschiedenen Besuchern in Süddeutschland her als besonders ruhig kannten. Die Fürstin hatte geantwortet, daß ihr persönlich eine Unterstützung nicht möglich sei, und daß Frau Scholtz- Klink es auf eigene Faust versuchen müsse.Sie stellte der verhafteten ehemaligen „Reichsfrauenführerin“ ein Handschreiben an die Baronin Falkenstein, eine ehemalige Hofdame der Königin von Württemberg in Bebenhausen , zur Verfügung, in dem die Bitte ausgesprochen war, das Ehepaar Stuckebrock in dem der Familie zu Wied gehörenden Teil des Schlosses Bebenhausen unterzubringen.
Frau Scholtz-Klink und Heißmeyer waren bis zum 30. April 1945 in Berlin , ln Letzkau bei Mag deburg haben sie sich von dem dortigen Bürgermeister neue Papiere auf den Namen Stuckebrock ausstellen lassen, nachdem sie erzählt hatten, ihre alten Papiere auf der Flucht verloren zu haben.
In Bebenhausen führten die beiden ein zurückgezogenes Leben, bearbeiteten das ihnen vom Bürgermeister zur Verfügung gestellten Land und schafften sich mit Heimarbeit einen Lebensverdienst. Einrichtungsgegenstände wurden ihnen aus den Schloßbeständen zur Verfügung gestellt. Beide waren als Familie Stuckenbrock entnazifiziert worden.
Ober, Herr Geheimrat i
Ein Schreiben der Badischen Staatskanzlei in Freu bürg hat uns zu einer Glosse „Der Geheimrat“ in der Nr. 13 vom 17. Februar veranlaßt. Wir waren zu dieser Glosse nicht nur mit Rücksicht auf die gebotene volle Publizität der Vorgänge um den Fliegerangriff auf Freiburg am 10. Mai 1940. sondern auch auf Anfragen und Zuschriften unserer Leser genötigt, die sich mit der in der Veröffentlichung der Badischen Staatskanzlei über jenen Luftangriff enthaltenen halben Wahrheit nicht zufrieden geben wollten. Es war unser journalistisches Recht wie unsere journalistische Pflicht, mit dieser Glosse das ganze historische Material für die seitens der Badischen Staatskanzlei erfolgten Feststellung zu verlangen, daß es sich bei dem Angriff auf Frei burg im Mai 1940 um einen deutschen Luftangriff auf eine deutsche Stadt gehandelt hat, nachdem wir aus einem gewundenen und verklausulierten, aber keineswegs begründenden Schreiben der Staatskanzlei den Eindruck gewonnen hatten, daß dieses Material der Publizität entzogen werden sollte.
Auch Journalisten haben bisweilen Einfälle, und uns fiel bet der Lektüre des besagten Schreibens der Staatskanzlei der sattsam bekannte, längst überholte Typ des Geheimrats ein, der seinem Titel dadurch Ehre machte, daß er ebenso ängstlich wie gewissenhaft bemüht war, „interne“ Amtsvorgänge vor der Publizität zu schützen. So kamen wir. wie wir ausdrücklich betonen möchten: ohne jede Kenntnis der realen Personalien der Staatskanzlei, zu dem leicht satirisch gefärbten Porträt des Geheimrats, das jetzt die Badische Staatskanzlei mit einer neuen Erklärung vom 23. Februar beantwortet hat. Durch dieses Schreiben sind wir nun ausreichend über die triftigen und auch jegliche publizistische Rücksicht rechtfertigenden Gründe orientiert, welche die Staatskanzlei bestimmt haben, eine endgültig aufklärende Veröffentlichung über den Freiburger Fliegerangriff einstweilen noch zurückzustellen. Wir haben, was in unserer Glosse hervorgehoben worden ist. keinen Augenblick gezweilelt, daß die Landesregierung für die Richtigkeit der amtlichen Darstellung die Verantwortung zu tragen in der Lage ist, und geben mit Genugtuung unserer Überzeugung Ausdruck, daß die abschließende und auf das Beweismateral zurückgreifende amliche Darstellung wohl wicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Aber — so glauben wir fragen zu dürfen — warum hat fnan uns über die eigentlichen Motive des amtlichen Schweigens nicht rechtzeitig und unter aer Vertraulichkeit, die in solchen Fällen sich auch für die auf das Recht der Publizität pochende Presse von selbst versteht, unterrichtet? Das liegt eben an einer falschen und — wir finden keine bessere Kennzeichnung dafür — „geheimrätlichen" Einstellung zur Presse und an einem Mangel an Einsicht in die pflichtgemäßen Notwendigkeiten einer demokratischen Publizität. Aus unserem Phantasie-Porträt des Geheimrats ist nunmehr eine reale Erscheinung. aus der „Wir“ -Diktion der Staatskanzlei- Korrespondenz das „Ich“ hervorgetreten in Gestalt des Unterzeichneten Herrn von Brentano, des — wenn wir recht berichtet sind — Kabinettschefs der Badischen Landesregierung. Mit einer geradezu frappierenden Realität, die sieh in dem Schlußsatz der Antwort aus Freiburg also kundtut: „Was die persönlichen Bemerkungen über den „Geheimrat“ betrifft, mit denen sich der Unterzeichnete identifiziert, so muß ich Ihnen hierüber zu meinem großen Bedauern mein Befremden ausdrücken und behalte mir in diesem Punkt Handlungsfreiheit vor.“
Aber, Herr Geheimrat! Wie kann man von „persönlichen Bemerkungen“ reden, wo überhaupt keine reale Person gemeint oder angesprochen worden ist? Wie können Sie soweit gehen sich mit „persönlichen Bemerkungen " zu „ identifizierendie man allenfalls auf sich beziehen mag? Dafür fehlt uns, offen gestanden, jedes Verständnis. Wir werden Ihr Befremden'mit Anstand zu tragen wissen, bedauern aber unsererseits lebhaft, daß Sie den gebotenen Humor, mit dem man auch eine anzügliche karikaturistische Skizze aufzunehmen und ad acta zu legen pflegt, mit dem juristischen Vorbehalt der „Handlungsfreiheit“ verwechselt haben. Wollten wir, Ihrem Beispiel folgend, diese Wendung tragisch nehmen, müßten wir uns gegen die Verwendung de* schließlich nur als Drohung zu deutenden Begriffs „Handlungsfreiheit“ verwahren. Wir ziehen es aber vor, die Wendung als typische amtliche Reaktion auf eine um der Sache und der Wahrheit willen erhobene Presseforderung zu verzeichnen und uns damit zu begnügen, daß wir mit einer karikaturistischen Skizze letztlich doch dem Bemühen um die geschichtliche Wahrheit gedient haben. —y—
KONSTANZ — In Konstanz wurde das neugebildete Verwaltungsgericht erste« Rechtsstufe eröffnet dem alle Klagen unterstehen, die die öffentliche Verwaltung betreffen.
KULTURSPIEGEL
Das Gleiten
Auf der einen Seite die starken überzeugenden Erlebnisse, welche neue Überlegungen, Erwägungen und Absichten zur Folge haben und sich schließlich in ganz exakten Plänen und Programmen nieder- schlagen. Andererseits dann viele, sehr viele grundverschiedene Gruppen von derartigen Erlebnissen und ihren Folgen: also eine ganze Erlebnis-Welt, die auf den einzelnen Menschen wie eine Überschwemmung einströmt! In blitz- und wirbelhafter Folge entstehen ebenso sehr viele grundverschiedene Reaktionen, Erwägungen und Pläne in jeweils ein und demselben Herz und Kopf, Und die einzelnen Unternehmungen nun ringen in ihrem Herrn wiederum um den jeweiligen Vorrang, indem sie einander stoßen, schieben, bedrängen, bewegen und — die einzelne „Sache“ wird schließlich, infolge ihrer natürlichen Minderheit gegenüber den vielen übrigen ebenso wichtigen „Sachen“, tatsächlich hin- und hergeschoben, verschoben, kann nicht Fuß, nicht Wurzeln fassen — und gleitet.
Der einzelne tüchtige Mensch selbst aber, eben der Träger und „Herr aller dieser Sachen“, steht im ständigen Ansturm des wahllos zusammengebrauten und bedenkenlos dahinwallenden Alletags. Wie sehr er sich auch dem gewöhnlichen Leben entgegenzustemmen bemüht, rudert, lotet, selbst ein Boot ein Floß, ja Insel erringt — selbst, die Insel hat weder Fuß noch Wurzel, gleitet lind offenbart: Auch der Mensch mit allen seinen untereinander beweglichen Unternehmungen — gleitet.
So entzieht sich an jedem Ort in jedem Augenblick zwischen Empfindung, Erkenntnis, Absicht und Tun immer ein entscheidendes Stück Verwirklichung seiner Geburt durch das tatsächliche Menschenleben; und das geschieht beinahe unmerklich, aber folgenschwer: Humanität, Friedensliebe, Lebenskunst, Seibstverantwortung, eigene Empfindungen, eigene Gedanken, eigene Handlungen — eben noch von ihrer Unumgänglichkeit überzeugend! — nehmen unter der Hand die nebulösen Gestalten von ständig anwachsenden Begriffen, d. h. Etiketten an, die schließlich in Himmelsschriftgröße uns wohl
„Französische Volkskunst
Die Baden-Badener Trinkhalle ist gegenwärtig ein kleines Museum „Französischer Volkskunst“ geworden, find ich versichere Ihnen, daß ich gestern eine Stunde' des Heimwehs nach dem Frankreich der Bauern und der kleinen Leute dort erlebte, ja ich, ein Deutscher, und Sie sollten darüber nicht lächeln!
In dem lichten Raum sind nicht viele Gegenstände ausgestellt, aber alle sind, wie kompliziert sie auch verziert, gewerkelt und gekonnt sein mögen, von der sauberen und rührenden Naivität jeder Volkskunst In diesem Raum fühlte ich mich sofort wieder „zu Hause“: Diese Schränke, Truhen, Lampen, Krüge, Kästchen, Bilder und Puppen habe ich ja alle vor Jahr und Tag —oft nicht so schön und kostbar, aber immer eben so echt — lange genug bei ihnen zu Hause erlebt, um sie und ihre Heimat je wieder . vergessen und gar mein Verständnis und meine Liebe für sie und ihre Schöpfer je wieder verlernen zu können!
Ich war vielleicht „zu lange“ drüben; jetzt muß
noch einmal erstaunt aufblicken lassen, aber längst keine praktische Bedeutung mehr für unseren Alltag zu haben scheinen; daß sie seine Krise herauf- beschwören, wird immer erst zu spät klar.
So müßte der Einzelne in diese feine unscheinbare. aber so selbstständige und ins Gleiten bringende Sichverwirklichungsmaschinerie des Lebens persönlich mit Herz und Hand eingreifen, ehe sieb die „Maschine“ wieder so ausgewachsen und verselbstständigt hat, daß sie ihrerseits ihre Opfer dann spielerisch ergreift und derartig auf den Rük- ken schleudert, daß sie bewußtlos verbleiben!
im Wandel der Zeiten“
ich alles sozusagen doppelt erleben, in einer wunderlichen Auseinandersetzung und gleichzeitigen gegenseitigen Durchdringung. Der Frühlings von Frank furt und an der Bergstraße ist für mich auch der Frühling von Paris und in der Cöte d Er; im heißesten deutschen Hochsommer glühen für mich auch die Sommer der Biskaya und der Provence mit . . . Sie verstehen mich! Meine Ehe „Französisch- Deutsch“ wurde in der kleinen Ausstellung wieder handgreiflichste Gegenwart.
Ich las natürlich die alten Bilderbogen nach und amüsierte mich an der Rechtschreibung auf dem Wasserbehälter von Angers . Ich blätterte die volkskundlichen Bücher nach und sah manche vertraute Stätte wieder. Dazu erklangen aus dem ziegeirot- lackierten Eichenschrank von Guerande immer weder dieselben Volkslieder und spielten sich gewissenhaft in mein Herz ein. —
Lieber Freund — ein bedeutendes Wort fällt mu dazu ein: „Völkerverständigung? Das ist ein rechter
Unsinn! Es gibt keine Verständigung unter Völkern; es gibt nur eine Verständigung zwischen dem einzelnen Menschen und allem, was ihm begegnen mag! Entweder ist ein Mensch so menschlich, daß er sich um das Verständnis jedes anderen Erdenbürgers ernsthaft bemühen wird, oder so Unmensch) ch, daß er, ebenso wie in seinen Landleuten, auch m den Vertretern anderer Völker nur sich se Übst sucht. Der Mensch vom zweiten Schlag wird immer sehr viel von Völkerverständigung reden und immer sehr viel darüber zu klagen haben, daß sie nicht zustande kommen will.“ |
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ln London starb im Alter von 7« Jahren der Histo- rtlccr des deutschen Sozialismus und frühere Profes- sor an der Berliner Universität, Prof DR. GUSTAV
M A VIi’B
In den MÜNCHENER KAMMERSPIELEN wu-de die Aufführung des Dramas „Des Teufels General in der Inszenierung von Harry Buckwitz zu einem außerordentlich großen Erfolg.
Wilhelm-Gesellschaft übernehmen soll, wurde in tingen gegründet.