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Nr. 49

BADENEB TAGBLATT

Freitag, den 29. Juni 1948

Baden-Baden

Dienst am Kunden

Schüchtern betrete ich das Geschäft. „Ach, verzeihen Sie, ich war schon etliche Male hier. Ich habe einen Bezugschein für eine Hose.“

„Treten Sie ein, bitte. Brauchen Sie ein Reise- Necessaire, nein? Hosen wollen Sie? Warten Sie ois nächste Woche. Dann haben wir komplette An­züge. Und Stoffe. Ganz wie Sie wünschen. Noch et­was, bitte? Nein? Danke schön.“ „Bitte sehr.“ „Auf Wiiiiiedersehn.“

Benommen stehe ich wieder auf der Straße. Ohne Unterlaß ziehen Frauen mit gefüllten Einkaufs­taschen an mir vorbei: Karotten, Salat, Blumen-, Wirsing- und Weißkohl sind darin. Kirschen, Sta­chel-/ Johannis- und Himbeeren. Auch Zwiebeln. Träume ich?

„Es ist ein bißchen mehr. Macht es etwas?“ Plötz­lich renne ich zum Elektrogeschäft. Seit Monaten habe ich doch einen Bezugschein für ein Bügeleisen, den ich bisher nicht einlösen konnte. „O, bitte sehr, was soll es sein? Bügeleisen, Kochplatten, Stecker. Nächste Woche bekommen wir auch Radio-Appa­rate!“ „Wie teuer, bitte. Wie?“ „Auf Wiedersehen. Ich muß erst einmal mein Geld zählen.“

Ein Bekannter rennt mich fast um. „Woher, wo­hin?“ „Von einer Reise zurück. Soo langweilig. Ziemlich leer. Hab keine Zeit jetzt. Muß mich ra­sieren lassen.“ „Geh hier um die Ecke“, sage ich. Da gibts Rasierklingen: 6 Deutsche Pfennig das Stück Verzeih nun, ich muß schnell nach Hause. Meine Frau hat das ganze Kopfgeld. Daß sie mir nur keinen der teuren Regenmäntel kauft. Wahn­sinnig, der Preis: Fünfzig DM! Wir versorgen uns erst, wenn die Kirschen 15 Pfennige kosten.“

Auch einer

. . . auch im Postamt

Es gibt sogar wieder Briefmarken. Die Nachfra­ge kann plötzlich in allen Sorten und mit allen Mengen gedeckt werden. Am Montag und Dienstag erlebten die Postschalter noch einmal einen An­sturm. Die Kundschaft war bestrebt, die alten Mar­ken schnell noch loszuwerden bezw. gegen ein Zehntel des Nennwertes umzutauschen. Ganze Berge der alten Wertzeichen wurden zu den Schal­tern geschleppt. Demnach scheint es in der Tat Briefmarkenhamsterer gegeben zu haben.

Seit gestern ist es auf dem Postamt ruhiger ge­worden, denn jetzt gelten nur noch die neuen Aus­gaben. Die Ausführungen der Marken sind die glei­chen geblieben, lediglich die Farbtöne sind geän­dert worden. Aber das Wichtigste hat die Post bis­her zum Ändern nicht für notwendig erachtet: die Gebühren! Deshalb scheint man Vorläufig von aber­maligem Hamstern abzusehen und kauft ganz be­scheiden nur kleinere Mengen. 1

Zum Umgang mit Bohnen und Bohnenmehl

Zur Vermeidung einer unsachgemäßen und even­tuell gesundheitsschädigenden Zubereitung von Boh­nen und Bohnenmehl weist das Badische Ministe­rium der Landwirtschaft und Ernährung darauf hin, daß beide Lebensmittel eine längere Kochzeit benötigen. Bohnen sollen eine Nacht Jang vor der Zubereitung eingeweicht werden. Das Einweichwas­ser darf nicht verwendet werden; Bohnenmehl und Suppenpulver, die aus solchem Bohnenmehl hergestellt sind, benötigen mindestens zwei Stun­den Kochzeit, damit gewisse Bestandteile an Phasin, die in verschiedenen Bohnensorten ausländischer Herkunft enthalten sind, ausgeschieden werden. Das Gleiche gilt für Suppenwürfel, die aus Bohnen­mehl hergestellt sind. Angaben, wonach 20 Minuten Kochzeit genügen, sind unzutreffend.

Heidelbeeren — Heidelbeeren

Nach Aussagen alter, erfahrener Sammler kann bereits jetzt schon von einer sehr guten diesjähri­gen Heidelbeeremte gesprochen werden. Vor allem ist dies der günstigen Witterung zu verdanken. Tag für Tag sieht man Erwachsene und besonders Kinder mit großen Körben voller dunkelblauer Bee­ren in den Wäldern. Oh, gern werden die Schmer­zen im Rücken infolge des dauernden Rückens beim Abzupfen in Kauf genommen, wenn man sich nur mit innerer Befriedigung über den schönen Erfolg mit einem bis zu m Rand gefüllten und nach altem Brauch mit frischem Farn zugedeckten Korb auf den Heimweg machen kann. Auf eine Gefahr beim Sammeln muß jedoch hingewiesen werden: Im Wald sind zur Bekämpfung des Borkenkäfers stark gesundheitsschädliche chemische Gifte ausgestreut! Das Beerensammeln an diesen Plätzen, die vor­sorglich mit Tafeln gekennzeichnet wurden, ist im eigenen Interesse nicht erlaubt!

Wenn der Staub von oben rieselt . . .

Da stimmte was nicht

Bei einer Prüfung der Kartenstelle Gernsbach durch das Ernährungs- und Wirtschaftsamt Rastatt im März ds. Js. ergab sich, daß mindestens 48 Le­bensmittelkarten unrechtmäßig bezogen wurden. 353 Raucherkarten fehlten überhaupt. Der Leiter der Kartenstelle hatte sich jetzt vor dem Schöf­fengericht zu verantworten. Er bestritt, die Karten für seinen eigenen Verbrauch verwandt zu haben und gab, durch Zeugenaussagen bekräftigt, an, Ab­schnitte und auch ganze Karten in besonderen Härtefällen eigenmächtig ausgegeben zu haben. Er wurde jetzt zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Fehlen der Raucherkarten konnte dem Beschuldig­ten nicht als Straftat zur Last gelegt werden, da auch andere Fehlerquellen möglich wären.

Wo gehen wir hin ?

Die für heute, Freitag, angesetzt gewesene Außer- mietevorsteliung von „Der erste Frühlingstag" fällt aus. Dafür wird „Eine Frau aus heitrem Himmel“ am Samstag als 14. Vorstellung für die Mietgruppe C gespielt. Auch sämtliche weiteren Mietvorstellungen werden bis Ende der Spielzeit planmäßig abgewickelt. Sonntag: „Das verschlossene Haus" (außer Miete). Das Theater weist darauf hin, daß die Eintrittspreise für die Theatervorstellungen stark gesenkt wurden und nunmehr zwischen 1 und 4.50 DM liegen.

In der vergangenen Woche fanden in Bühl die schriftlichen Prüfungen für das Abitur statt. Bühl war Prüfungsort für die höheren Schulen von Baden- Baden , Rastatt , Bühl und Sasbach . Wie im vergange­nen Jahre waren die Arbeiten aufgrund der zentral geführten Prüfung im ganzen Land Baden überall die gleichen. Einen kleinen Zwischenfall gab es, als am Freitagmorgen die Oberrealschule Baden-Baden , sowie die Heimschule Sasbach , die Behandlung der in der Physik gestellten Aufgaben ablehnten, da die betref­fenden Stoffgebiete nicht genügend durchgearbeitet w&rcn

Wir haben einen der Baden-Badener Abiturienten ge­beten, uns kurz seine Eindrücke von den Prüfungen in Bühl zu schildern. Nachstehend lassen wir ihn zu Wort kommen:

Aus unerfindlichen Gründen nach Bühl zitiert, um ausgerechnet dort ihre Reife zu beweisen, sahen sich die Oberprimen aller höheren Schulen zwischen Rastatt und Achem durch reichlich verwickelte Reiseverhältrfisse zu reiflicher Überlegung gezwun­gen. Eine passende Zugverbindung bestand nicht. Die Frage, ob die Schule für ein Auto sorgen würde, erregte nur Hohngelächter in den hinteren Bänken. Die Höhnischer behielten recht. Es ge­schah nichts von amtlicher Seite. Einigen Gerisse­nen gelang es dann von fühlenden Seelen in den Stadtwerken einen Autobus zu bekommen, sodaß die Badener, einschließlich der besonders benach­teiligten Gernsbacher, rechtzeitig nach Bühl kamen.

Dort fanden sie im Hofe ihre Leidensgenossen schon in Haufen beieinanderstehen. Als bis zur vorgeschriebenen Anfangszeit, 9 Uhr, noch kein Dozent mit Anweisungen in Sicht gekommen war, forcierte man kurzerhand den Bildungsbunker und stieß in der Zitadelle der Weisheitsfestung schließ­lich auf untergeordnete Vorgesetzte, denen es ge­lang, die Verwirrung zu steigern. Nach einer ent-, wirrenden Ansprache des Herrn Kommissärs konn­te dann schließlich mit dem deutschen Aufsatz be­gonnen werden, dessen Themenwahl ausgesprochen fair war. Eine Überraschung brachten am zweiten Tag die sprachlichen Kenntnisse Her Mathematik­abteilung des Ministeriums, die die Aufgaben zum Teil so formuliert hatte, daß selbst Schüler, die ihre Muttersprache beherrschen, sich nur mit Schwierigkeiten erklären konnten, was überhaupt gemeint war. Verständlicherweise erregte diese Schwierigkeit schwache Gemüter so, daß gegen

Baden-Baden ist zweifelsohne eine hundereiche Stadt. Das Getümmel der verschiedensten Rassen und Mischungen im Kurgehege beweist die Reich­haltigkeit des hiesigen Tierparks. Von Interesse wird sein, zu erfahren, welche Anzahl von Hunden nach statistischen Feststellungen insgesamt unser f Stadtgebiet bevölkern. Die Stadtkämmerei gibt dar­über Auskunft. Wenn für die Jahre 1940 und vor­her fast gleichbleibende Zahlen von über 600 ge­nannt werden, mutet es überraschend an, in diesem Jahr nur zirka 450 Hunde amtlich erfaßt zu wissen. In Wirklichkeit fristen natürlich weit mehr in­nerhalb der Stadtmauern ihr beschauliches Dasein. Man wird nicht fehlgehen, wenn man den gesamten Hundebestand mit annähernd 1000 Lebewesen be­ziffert.

Obwohl es hier von jeher üblich ist, den Hunden keine Steuermarken um den Hals zu hängen, ist

„Schau mal“, sagte ich und deutete die unzer- störten Häuserfronten nach oben, „wie schön ist doch eine solche Stadt, die dem Wahnsinn des Bom­benkriegs entgangen ist!“

Mein Freund, der eben erst in Baden-Baden an­gekommen war, blieb stehen und betrachtete mit wehmütigem Blick die intakten Stockwerke mit den unversehrten Fensterscheiben.

Gerade hatte ich gesagt: „Doch schön, nicht wahr?“, als ich meinen Freund hinter mir ein ge­reiztes „Ich danke vielmals“ ausrufen hörte. Und dann folgte ein Schwall von Verwünschungen und Schimpfworten.

Als ich mich umwandte, mußte ich trotz der fast etwas tragischen Situation lächeln. Unten auf der Straße stand mein Freund, über und über bestaubt, fast schwarz im Gesicht, oben im weit geöffneten Fenster lehnte eine korpulente, heftig gestikulieren­de Frau, die vergeblich bemüht war, meinen Freund zu besänftigen.

„Haben Sie keinen passenderen Ort als ausgerech­net das Fenster auf die Straße, um ihren Teppich

Schluß des Mathematiktages der Herr Prüfungs­kommissär verzweifelt ausrief: „In einer (wahr­scheinlich Damen-) Klasse fließen schon Tränen, aber wir heißen Euch hoffen.“

Die nächsten zwei Tage verliefen glatt, abgesehen von der Physik, wo wiederum'die Mathematikabtei­lung des Ministeriums, die offensichtlich überhaupt keine Verbindung zu den Schulen unterhält, Anlaß zu erheblicher Verwirrung und teilweise zu Streiks gab.

Wider Erwarten wurde am Donnerstag und Freitag, ohne daß die Abiturienten vorher davon erfahren hätten, daß es eine Gelegenheit gäbe, ihren Magen zu füllen, eine Suppe ausgegeben, die aber nur wenig Abnehmer fand, da sich die meisten mühevoll schon irgendwo eine Verpflegungsbasis gesichert hatten.

Das Einzige was wirklich funktionierte war die Bewachung. Tatsächlich scheint man in Freiburg ein reichlich gesundes Mißtrauen gegen die zukünf­tige geistige Elite des Musterländles zu hegen. In jeder Klasse waren gleich zwei Wachpersonen auf- geboten, die ihre Langeweile mit Vesperbroten und Argusblicken bekämpften. Austreten war vorsichts­halber nicht gestattet, es sei denn, der Bedrängte hatte ein amtsärztliches Zeugnis. Während der fünf Stunden des Aufsatzes war „es“ allerdings erlaubt, aber unter was für Formalitäten! Müller muß mal raus. Er tut es kund. Er wird registriert, die Ab­gangszeit aufgeschrieben. Er kommt vor das ret­tende Häuschen. Zwei akademisch gebildete Wach­personen weisen ihm eine Zelle zu. Er kehrt zu­rück. Die Bedürfniszelle wird auf Geheimnach­richten untersucht. Seine Rückkunftszeit wird dokumentarisch festgehalten. Meier muß mal raus . . . Drei geistige Arbeiter arbeiten geistig usw.

Man erkennt auch ohne Reifeprüfung: Für einen geregelten Ablauf der Aktion war gesorgt, natür­lich abgesehen von solchen „Kleinigkeiten“ wie Transport über 20 Kilometer. Sogar das Papier stellte das Ministerium, offensichtlich mit Hilfe des Schwarzen Marktes. Es ließ sich herab, sich mit 5 Mark Altgeld für diese Leistung für abgefunden zu erklären.

durch einen Kontrolldienst das Einhalten der Melde­pflicht gewährleistet. Die Hunde bilden ja bekannt­lich eine kleine Einnahmequelle für den Stadtsäckel.

Unwillkürlich taucht die Frage auf: Wie werden diese Vierbeiner ernährt? Offizielle Angaben dar­über sind nicht vorhanden, aber es ist anzuneh­men, daß die Kötfer auf die Kompensationskräftig­keit ihrer Herrchen angewiesen sind.

Vom Emährungsamt gibt es schon seit Jahren keine Zulagen mehr, selbst für die wenigen Zucht­hunde können keine Ausnahmen gemacht werden.

Als Vertreter zur Wahrung der Interessen sämt­licher Tiere, die den Menschen von Nutzen sind, fungierte ehemals der Tierschutzverein, der sich bisher bedauerlicherweise poch nicht neu kon­stituieren konnte. Es wäre an der Zeit, wenn sich auch in unserer Stadt Tierfreunde zusammenfinden und für aktive Arbeit entschließen würden.

auszuschütteln?!“ ereiferte sich mein Freund, der mit seinem Taschentuch umsonst versuchte, die „Staubkruste“ auf seinem Gesicht zu entfernen. „Natürlich^ wenn es die Leute bequem haben, dann möchten Sie es am liebsten noch bequemer haben! Unverschämtheit!“

„Ich habe doch nicht ahnen können, daß S i e un­ten Vorbeigehen“, verteidigte sich die Sünderin.

Da kam sie aber schön an!

„Aha“, lachte mein Freund gereizt, „Sie sind ja furchtbar nett. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerk­samkeit! Natürlich konnten Sie das nicht wissen! Aber warten Sie einen Augenblick, liebe Frau! Ich gehe sofort. Dann können Sie ja Ihren Teppich weiter ausklopfen. Dann wissen Sie ja, daß i c h nicht mehr unten Vorbeigehen werde! Dann sind es ja nur die anderen Leute . . . Aber bei denen ist es ja egal, nicht wahr?!“

Ich freute mich aufrichtig, daß mein Freund sei­nen Humor wiedergefunden hatte.

„Hier hilft tatsächlich nur Humor“, sagte ich tro­stend zu ihm.

„Nein, nicht nur das“, belehrte er mich, „auch etwas Vernunft. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seine Teppiche, Wischtücher, Bettücher, Hand­tücher, Taschentücher und Mundtücher auf die Straße ausschütteln wollte! . . . Und wo die Ver­nunft nichts nützt, sollte man sich mit anderem hel­fen! S o geht es auf keinen Fall!“

Hinter uns hatte sich die Sünderin wieder in der Gewalt. Natürlich erst, nachdem wir fünfzig oder hundert Schritte von ihr entfernt waren.

„Flegel!“ schrie sie uns empört nach, vielleicht sogar in der Überzeugung, im Recht zu sein.

Mein Freund winkte mir beschwichtigend ab: „Das ist auch schon immer so gewesen . . -th-

Und wieder gibt es Eiei I

Für sämtliche Altersgruppen der Inhaber von Eierkarten werden auf Abschnitte der Eierkarten von 1948 demnächst drei Eier ausgegeben werden. Das genaue Datum der Ausgabe wird von den Er­nährungsämtern noch bekanntgegeben werden.

Es lohnt sich tatsächlich

In den beiden letzten Jahren waren keine Zir­kusse nach Baden-Baden gekommen. Es war kein Platz frei, auf dem sie ihre Zelte hätten erstellen können. Jetzt endlich kam — „Zirkus Fischer“. Aber ausgerechnet zu solch einer ungeschickten Zeit. Wer hat da noch Geld für sowas? — denken Sie. Trotz der Geldknappheit jedoch ist die Arena abends fast voll besetzt. Die Preise wurden gesenkt.

1—5 DM kosten die Plätze nunmehr.

Nummer auf Nummer folgt ununterbrochen in ei­nem dreistündigen Programm. In den kleinen Zwi­schenpausen reißen Clowns ihre Spässe. Und dann . . . Fischers rechnende und musizierende Elefanten, Freiheitsdressuren, ein geschickter Joungleur, drol­lige Bären, wirbelnde Frauen, lustige Schotten, flie­gende Menschen. Eine besonders gute Leistung zeigte der komische Wilkes am Doppelreck. Sehr nett wa­ren auch die Pinguine; zwei saftige Gepäckträger ä la Pat und Patachon. Zwischendurch klassische Hohe Schule, ein Rollschuhakt, exotische Tiere. Und so weiter . . . Keine übertriebene Aufmachung, wie man es schon so oft erlebte. Der Verlauf der Dar­bietungen war sachlich, intim und aufgelockert. Wohl vermißt man manche wilde Tiere . . . Futter­mangel.

Der Zirkus bewies, wie man auch mit anderen als den früher erprobten Mitteln erfolgreich sein kann. Und das Publikum zeigte, daß das Wort „Brot und Spiele“ zu jeder Zeit Gültigkeit hat — auch jetzt nach einer unerbittlichen Währungsreform. —ils—

Vortiäge über Ehekrise

Prof. Dr. Adolf Köberle ' von der Universität Tübingen hielt am Samstag und Montag im Roten Saal zwei Vorträge: „Die Ehekrisis der Gegenwart und ihre Heilung“, „Der ehelose Weg“. Das erste Referat zeigte das auf, was wir ja alle wissen: Zu­sammenbruch vieler moralischer Überlieferungen, Hemmungslosigkeit, Vertrauenskrise. Ein Beitrag zum zweiten Problem fordert aber unbedingt Vor­schläge zu seiner Lösung. Vielerlei Gedanken da­rüber wurden in letzter Zeit niedergelegt. Am klarsten und deutlichsten ging wohl Michael v. Holländer an die Tatsachen heran. Tübingen liegt vielleicht etwas weit vom Schuß (den Schüssen). Wenn man nicht inmitten der Entwicklung steht, ist es sehr schwer, zu urteilen. F.

Den Sonntags- and Nachtdienst der Apotheken ver­sieht vom 26. Juni bis 2 . Juli die Alte Apotheke Zinn, Gernsbacher Straße 2 .

Im Theater haben die Proben für die letzte Neuein­studierung der diesjährigen Spielzeit „Weh’ dem der lügt“ von Grillparzer bereits begonnen. Die Aufführung wird für sämtliche Mietgruppen gegeben werden.

Reifeprüfung oder Reiseprüfung?

Das Abschlufiabenteuer der Oberprimaner

Hundereiche Kurstadt

Betrachtungen um unsere vierbeinigen Freunde

Unsterblicher Moliere

Louis Jouvet , der berühmte französische Schau­spieler, (uns u. a. aus den Filmen „Un revenant“ und „Un carnet du bal“ bekannt) kam mit dem Theatre de l’Althenee nach Baden-Baden , nachdem er bereits in München sich und seinem Ensemble und nicht zuletzt Frankreichs größtem Dramatiker einen triumphalen Erfolg erspielt hatte.

Der Große Bühnensaal vereinte die Angehörigen beider Völker ln drei ausverkauften Vorstellungen (auch am Mittwoch wurde noch gespielt), zu denen man erfreulicherweise die Karten noch gegen Reichsmark erhalten konnte. Es war ein zauberhaf­tes Capriccio aus Farbe, Form, Musik und Sprach­melodie, eine fast tänzerisch arrangierte Burleske von beglückend durchgeistigter Heiterkeit und mu­sterhafter Präzision im Ineinanderwirken ihrer Komponenten. Man spielte mit nur einer Pause; die Ablösung der beiden Schauplätze geschah auf offe­ner Bühne: die Mauer eines in einem Kolonnaden­hof gelegenen Hausgärtchens klappte sich auf, gleichzeitig schoben sich zierliche, Rasenstückchen nach vorn ein ebenso reizvoller wie praktischer Ein­fall Christian Berards.

Amolphe, ein Frauen gegenüber sehr mißtraui­scher Vierziger, hat vor zwölf Jahren ein fünfjäh­riges Mädchen von dümmlichen Dienstboten in klö­sterlicher Abgeschiedenheit aufziehen lassen, um sie dereinst ehelichen zu können. Er wähnt, je weniger sie vom Leben wisse und je dümmer sie bleibe, um •o weniger werde er Grund zur Eifersucht haben. Er verkalkuliert sich entscheidend, da nun einmal Jugend zu Jugend will und Horace ein leidenschaft­licherer und appetitlicherer Liebhaber ist als der

Louis Jouvet und sein Ensemble in Baden-Baden

steifbeinige, schrullenhafte Amolphe. Jouvet, der diesen Genasführten spielt, zieht, wie man so sagt, alle Register, läßt keinen Effekt aus, stakst spin­nenartig umher, lacht röchelnd, doziert mit maß­loser Arroganz, schluchzt pathetisch ins Schnupf­tuch, jongliert mit List, Boshaftigkeit, Sanftmut und Tugendstrenge. Großes, entfesseltes Theater, aber nie peinliche Selbstinszenierung eines Prominenten.

Das Klavierkonzert in G von Maurice Ravel stand im Mittelpunkt des Programms, das am Sonntag­abend im Sinfoniekonzert des Großen Orchesters des Südwestfunks zu hören war. Einem Bericht­erstatter der englischen Tageszeitung „Daily Tele­ graph “ hatte Ravel einmal erklärt, daß dieses Werk im spielerisch-konzertanten Geist eines Mozart und Saint-Saöns gehalten sei. „Ich finde, daß die Musik eines Konzerts heiter und brillant sein soll. Es ist nicht notwendig, daß sie auf Tiefe oder auf drama­tische Effekte ausgeht. Man hat von manchen gro­ßen klassischen Meistern gesagt, sie hätten ihre Konzerte nicht für, sondern gegen das Klavier ge­schrieben. Ich für meine Person finde dieses Urteil vollkommen begründet.“

Ravel hat sein Klavierkonzert vom Standpunkt des Solisten aus konzipiert und daher eines der er­folgreichsten Konzertstücke geschaffen, die zwi­schen den beiden Weltkriegen entstanden sind. Für

Seine Regie verliert in keinem Augenblick den Sinn für die Einheit des Ganzen. So bietet er seinen Schauspielern jede Chance; der betörend kindhaf­ten, süß zwitschernden Dominique Blanchar ebenso wie dem strahlend verliebten graeiösen Knaben Jean Richard , den leichenblassen Schreibstubenge­spenstern Etcheverry und Mauelair wie den Göttern ex machlna Georges Riquier und Pierre Renoir . Auch die bäuerlichen Tugendwächter (Fernand Renö und Monique Melinand ) purzeln über die Szene, Moliäre und Jouvet gemäß. Vittprio Rietis Musik schmiegt sich in die halbgesungenen Alexandriner

die Wiedergabe gilt, was er bei allen seinen Wer­ken verlangt hat: „Ich wünsche nicht, daß man meine Musik interpretiert; es genügt durchaus, sie zu spielen.“ Dieser Auffassung entsprach im großen und ganzen auch die hiesige Aufführung unter Mit­wirkung von Nicole Henriot , die zum erstenmal in Deutschland auftrat. Die junge französische Künst­lerin, der ein internationaler Ruf vorausgegangen war , erwies sich als eine Pianistin ersten Ranges. Ihre außerordentliche manuelle Geschicklichkeit erregte Staunen und Begeisterung, die das Publi­kum dann in rauschenden, lang anhaltenden Applaus zeigte.

Am Pult stand Hans Rosbaud , dessen Engagement' als Chefdirigent des Großen Orchesters des Süd­westfunks vor Beginn des Konzerts bekanntgegeben wurde. Als er auf dem TPodium erschien, bewies ihm ein überaus herzlicher Empfang, welcher beson­deren Wertschätzung er sich hier erfreut. Der stilr­

ein. Und nicht zu vergessen: die funkelnde, sprü­hende Palette der Kostüme!

Der Beifall prasselte Immer wieder in die offene Szene. Ein ganz großer Erfolg Louis Jouvets und seines Theaters. W. Lohmeyer

Vercors spricht in Freibarg

Nach seiner Ansprache in Uberlingen hielt sieb der Dichter- der französischen Widerstandsbewegung Vercors , einige Tage in Baden-Baden auf. In einer, Buchhaus in der Lichtentaler Straße fand ein Presseempfang statt. Ausländische und deutsche Journalisten waren anwesend. Vercors beantwortete Fragen, diskutierte und machte die französischen Zuhörer mit einigen markanten Stellen seiner „Rede an die Deutschen “ bekannt. Inzwischen hat sich Vercors nach Freiburg begeben, wo er heute um 20 Uhr in der Universität zu Studenten sprechen wird. Es ist Gelegenheit zu Aussprache und Stel­lungnahme gegeben. Mit Ansprachen in Tübingen und Mainz wird er seine Deutschland -Reise beenden.

mischen Begrüßung vor Debussys „Iberia “ folgten im Verlauf des Abends große Beifallskundgebungen, die sich nach Schumann? I. Sinfonie zu jubelnden Ovationen steigerten. Wer allerdings einen strengen Maßstab anlegte, konnte die enthusiastische Zustim­mung nicht ganz teilen. Dem Orchester fehlte, zwei­fellos infolge des unruhigen Sonntags, die Konzen­tration, um die Absichten des Dirigenten restlos ver­wirklichen zu können. Auf jeden Fall war der Ein­druck in der Generalprobe wesentlich günstiger, vor allem bei der Wiedergabe der Sinfonie, die am Samstagnachmittag nicht so verkrampft, sondern schwungvoll und klangschön gespielt wurde, wie sie Schumann — nach seinen eigenen Worten — einst „in feuriger Stunde geboren“ hatte. Gh. Bh.

Gegen den tierischen Ernst

Nicole Henriot spielte Ravels Klavierkonzert unter Hans Rosbaud