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Ra mstar. den 2t August 194«
Ramstar. den 21 . Aufust 194«
BADENER TAGBLATT
Protest Ins Leere
Landesvorstand und Landtagsfraktion der badt- sehen SPD haben am IS. August folgenden Beschluß gefaßt:
Die Karlsruher Entschließung des „Zehner-Ausschusses“ der Länder in der Sitzung vom 14. August 1948 wird gebilligt. Mit Entrüstung wird festgestellt, daß der badische Staatspräsident ln der Frage der Ländervereinigung gegen die Interessen Badens und Gesamtdeutschlands zu handeln versucht.
Der Landesvorstand und die Landtagsfraktion werden alle möglichen Mittel anw nden, um dem Willen der Mehrheit der badischen Bevölkerung zum Durchbruch zu verhelfen.
Man hielt es auch für nötig, eine „Entschließung zur Hetzpropaganda Aes Südwestfunks“ zu fassen:
Der Londesvorstand der Sozialdemokratischen Partei Südbadens erhebt schärfsten Protest gegen die Hetzpropaganda des Südwestfunks in der Angelegenheit der Ländervereinigung Baden—Württemberg —Hohen- zollern. Es ist keinesfalls Aufgabe des Südwestfunks, einseitig gefärbte Berichterstattung als Meinung des gesamten badischen Volke* zu publizieren und nur Presse^uszüge zu zitieren, die von einer in ihrer Haltung und Meinung nicht unabhängigen Presse entnommen sind.
Was der Südwestfunk in der Frage der südwestdeutschen Ländervereinigung tut, ist seine Sache. Wenn ihm aber von der SPD vorgeworfen wird, „nur Presseauszüge zu zitieren, die von einer in ihrer Haltung und Meinung nicht unabhängigen Presse entnommen sind“, und in derselben Ausgabe des SPD -Organes in einer Polemik gegen die „zähe und unverdrossene“ Haltung des Staatspräsidenten Wohieb tum badisch-württembergischen Zusammenschluß das „Badener Tagblatt“ erwähnt wird, so wissen wir Bescheid und sind uns darüber klar, was und wer mit dem SPD -Protest gemeint ist, Es wird dort nämlich behauptet, das „Badener Tagblatt" vertrete ebenfalls (neben dem Südwestfunk) plötzlich diese „Wohleblsche Linie“.
Dazu stellen wir nur kurz fest: Wir vertreten Vicht „plötzlich'', sondern seitdem die Frage der Ländervereinigung zur Diskussion steht, nicht die „Wohleblsche Linie", sondern den Standpunkt, daß einer Vereinigung von Baden und Württemberg unter allen Umständen die Wiederherstellung des alten Landes Baden vorangehen müsse. Diesen Standpunkt nehmen wir , — von einer „Wohlebischen Linie“ ausgerechnet bei uns zu sprechen, ist angesichts der Kritik, die wir oft genug an Herrn Wah- lebs Politik geübt haben, geradezu absurd! — völlig unbeeinflußt und unabhängig ein, wie es dem Charakter unserer überparteilichen Zeitung entspricht. Wir tragen die SPD und ihr Parteiblatt, von wem wir in dieser wie in anderen Fragen abhängig sein könnten.
Allerdings haben wir uns erlaubt, ebenso unabhängig von allem Parteigerede, mit den Argumenten zu arbeiten, die uns auf Grund unserer Kenntnis der badischen Entwicklung als gut und richtig erscheinen. Wir haben uns bei der Vertretung dieses unseres Standpunktes vor allem gegen den leider auch von der SPD mit gemachten Versuch gewandt, eine Sache, in der der Wille des Volkes das entscheidende Wort zu sprechen hat, in Konventikeln und Konklaven spruchreif zu machen, sodaß das Volk
nur noch nachzutprechtn hat. Daß wir dabfi auch der unleugbaren Tatsache gedachten, daß in dieser Frage das Für und Wider durch alle Parteien hindurchgeht und daß in der Anschlußfrage Parteibeschlüsse und Parteidoktrinen wenig auszurichten haben, da» scheint der SPD und Ihrem Parteiorgan auf die Nerven gegangen zu sein. Denn nicht anders läßt sich das pressediktatorische Gelüst erklären, das aus jeder Zeile der Entschließung gegen die’ „ Hetzpropaganda “ deutlich zu verspüren ist. Wozu dieser lächerliche Einschüchterungsversuch in einer Auseinandersetzung, die in Bälde — nämlich vor der Volksabstimmung — noch weit intensivere Formen annehmen toird? Oder will etwa die SPD
auch das badische Volk mW Parteibeschlüssen mundtot machen?
Einstweilen rennt sie offene Türen ein mit der bramabasierenden Versicherung, „dem Willen der Mehrheit der badischen Bevölkerung zum Durchbruch verhelfen“ zu wollen. Dazu bedarfs der SPD - Hilfe nicht, denn die selbstverständliche Volksabstimmung ist schließlich keine Parteiangelegenheit. Immerhin wird man sich auch bei diesem Anlaß merken, daß es seltsame Demokraten gibt, die anderen Leuten den Mund verbieten wollen, obschon sie von vornherein des Mehrheitswillens des badischen Volkes gewiß zu sein vorgeben. r -
Zur Frage der südwestdeutschen Einheit
Karlsruher „Konklave“ oder Volksmeinung ?
Die Frist für die Vorschläge zur Länderreform und für die Arbeit des Ländergrenzen-Aussehus- ses ist bis Mitte Oktober verlängert worden. Dadurch wurde die öffentliche Aussprache über das Thema, die wir seit einiger Zeit bereits anstreben, ermöglicht, Wir bringen als ersten Beitrag eine Äußerung von R. G. Haebler, der als besonders sachkundiger Autor auf diesem Gebiete gelten kann. Der Beitrag entspricht in mancher Hinsicht unserer Meinung in dieser Frage, ergänzt aber ln historisch aufschlußreicher Weise unsere Stellungnahme „Wollen wir die Zonengrenzen verewigen?“ ln Nr. 65 des BT vom 14. August. D - Red.
Die Aufgabe neuer Länderbildung ist in unserer südwestdeutschen Ecke nichts Neues, Die Frage einer Wiederherstellung der „Unteilbarkeit Badens“, seit 1818 internationales Recht, ist gestellt. Die Vereinigung mit Württemberg zu einem föderativstaatlichen Gebilde eines noch theoretischen Deutschland , es war ein Thema schon der „Länderreform“ in der Weimarer Republik , ist die zweite aktuelle Frage, auf die eine Antwort zu finden uns auf gegeben ist. Man weiß, daß die Vereinigung von Süd- und Nordbaden bei keinem Badener auf Widerstand stößt; weiß auch, daß über die Vereinigung von Baden und Württemberg die Meinungen geteilt sind und daß der Zwiespalt durch die Parteien geht — allerdings mit Unterschieden, doch dürfte der Kreis der absoluten Neinsager sehr klein sein. Die Verschiedenheiten in der Auffassung liegen mehr in der Ebene der inneren Verwaltungsabgrenzungen und ähnlicher Erwägungen über verschiedene Kompetenzen und Erhaltung von Traditionen; sagen wir es deutlich: man befürchtet, ein „Stuttgarter Zentralismus“ könne sich entwik- keln, eine schwäbische Bürokratie, eine Hierarchie der obersten Instanzen, besetzt mit jenen angeblich tüchtigeren Leuten, deren vielseitige Begabung in der bekannten Vielfalt ihres so typischen „Ha no!“ sprachsyrobolischen Ausdruck gefunden hat — von Willi Reichert bis Reinhold Maier .
Geschichtlich gesehen, sind solche und ähnliche Einwände einstmals in einem viel stärkeren Grade und mit noch mehr Berechtigung erhoben worden, als aus der bunten Landkarte zwischen Rhein und Neckar , Bodensee und Main in den Jahren 1803, 1805 und 1806 das Kurfürstentum, dann das Groß herzogtum Baden und das Königreich Württemberg geschnitten wurden. Für Baden sah das so aus: südbadischer Schwarzwald und Seekreis waren
UM, II,...
Der kleinste Staat der Wett
Am 21. September 6 Uhr wird der kleinste , unabhängige Staat der Welt geboren. Mitten im Herzen von Paris ist von dieser Stunde an das der UNO zur Verfügung gestellte Gebiet „exterritorial“ und wird sich aller Vorrechte eines souveränen Staates erfreuen.
„Unosien" übertrifft die kleinsten Staaten an Winzigkeit: sein Flächeninhalt beträgt gerade 4*/» Hektar, und seine Bevölkerungszahl ist nicht höher als 4200. Seine Grenze verläuft mitten über den Platz des Trocadero und umfaßt das Palais Chaillot und seine Terrassen. Die Autos werden umgeleitet, denn das Betreten „Unosiens“ ist an die Erfüllung strenger Vorschriften gebunden: es muß ein Spezial-Paß mit verschiedenen Photographien von jedem vorgezeigt werden, der die Grenze überschreiten will. Nur 4200 „Unosier“ werden ihn erhalten: die 1500 Delegierten aus aller Welt, darunter nicht weniger als 58 Außenminister, 1500 Beamte des Sekretariats, meist Amerikaner und 1200 Journalisten. Selbstverständlich überwiegt das männliche Element, so daß die etwa 1200 „Unosierinnen" sehr umworben sein dürften.
Vom September bis Dezember wird dieser kleine Staat die Hauptattraktion in Paris »ein. Es ist vorgesehen, jeweils bis zu 800 Besucher „Unosien“ bestaunen zu lassen. Denn so klein dieser „Staat “ auch ist, so modern ist auch seine Ausrüstung. Direkte Drahtverbindungen führen nach New-Vork, London und Genf , eine Druckerei wird täglich zwei Tonnen Papier bedrucken, drei Restaurants, eine eigene Krankenstation und natürlich der große Sitzungssaal gehören zu den Sehenswürdigkeiten. Die Konkurrenzstaaten, wie Liechtenstein , Andorra , San Marino und Monaco , können damit nicht konkurrieren, zumal eine 7 00 km lange Rohranlage dafür sorgt, daß stets das richtige und gesündeste Klima herrscht.
„Unosien“ verfügt über eigene Ordnungskräfte. Die Garde aus Lake Succes wacht, 50 Mann stark, an den „Grenzübergängen“. Frankreich stellt eine 20 Mann starke Feuerwehr. Außerdem bringt die UNO ihre Geheimpolizei mit. Im Falle eines Verbrechens im Gebiet des unabhängigen Staates wird es peinliche Folgen geben, denn wer soll ein Urteil sprechen? Frankreich ist nicht zuständig, es müßte dann von dem Generalsekretär der UNO mit der Verfolgung eines Strafbefehls besonders beauftragt werden. Tatsächlich hat man auch daran gedacht, das Gelände durch kleinkalibrige Flakbatterien zu schützen, um Zwischenfälle, wie kürzlich in Lake Success, von vornherein auszuschließen.
Die französische Regierung hat fast eine Milliarde Francs bewilligt, um die Installation de* UNQ-„Staate$ v zu finanzieren. Man glaubt aber, daß Frankreich sehr gut dabei fahren wird, denn was die „Unosier" in den 70 Tagen ihres Pariser Aufenthaltes an Devisen ausgeben werden, dürfte weit mehr ausmachen als eine Milliarde Francs.
österreichisch, das baden -durlachische Markgräfler land ausgenommen; der mittlere und nordöstliche Schwarzwald war fürstender gisch und württem- bergisch, dazwischen lagen bischöfliche oder klösterliche Herrschaften; das katholische Baden-Ba den und das evangelische Baden-Durlach bis Pforz heim waren seit 1771 schon vereint, auch hier hatte es Geburtswehen gegeben; Bruchsal gehörte zum Bistum Speyer; die Pfalz den Wittelsbachern; das Hinterland war eine bunte Vielfalt von gräflichen und kleinfürstlichen Herrschaften. Napoleons Machtwort fügte all das in drei Etappen zusammen, als Säkularisation und Mediatisierung oder, wie etwa der Breisgau , als Hochzeitsgabe der Stephanie Beau harnais aus dem österreichischen Friedensvertrag. Aber die eigentliche Einfügung und das Zusam- men-wachsen-lassen war Aufgabe der badischen Gesetzgebung und Verwaltung. Karl Friedrich , Reitzenstein, Brauer zumal, schließlich auch Ne- benius, schufen in den „Konstitutionsedikten“ das Fundament: wer jene Edikte heute liest; wird staunen über die Weisheit, Klarheit und innere Kraft, mit der trotz vieler äußerer Notstände hier ein neuer Staat aus so vielen, oft sehr entgegengesetzten Elementen aufgebaut wurde; im einzelnen ein kompliziertes Experiment — der Verfasser hat, wenn er dies anmerken darf, versucht, dies in seinem soeben erschienen Buch „Ein Staat wird aufgebaut“ ausführlich darzustellen.
In erstaunlich kurzer Zeit entwickelte sich etwas wie ein „badisches Staatsbewußtsein“. Zwei Kräfte haben dies bewirkt: einmal eine Gliederung der Verwaltung, die sich auf die historischen Voraussetzungen in den einzelnen Landesteilen stützte und ein sorgsamer Umbau, tolerant im Reli giösen und in den Sitten, in der Wirtschaft neue Wege öffnend, sorgfältig in der neuen Rechtsschaffung, entgegenkommend im Gemeinderecht, ohne dabei die letzte Entscheidungsgewalt des Souveräns aufzugeben. Als mächtigste Klammer der Vereinheitlichung aber erwies sich die Verleihung einer Verfassung, der ersten deutschen konstitutionellen Verfassung, welche dem Volk Rechte und Verantwortung gab: eine für damalige Zeiten moderne Demokratie. So wurde das künstliche, zunächst rein machtpolitische Gebilde Baden ein Staat, mit Staatsbürgern, wo es bis dahin nur Untertanen gegeben hatte.
Diese Aufgabe ist, unter weitaus einfacheren Voraussetzungen und in größerem Rahmen, uns heute wieder gestellt Wenn wir an diesem geschichtlichen Beispiel lernen wollen, dann kann dies nur heißen: Einheit unter klarer organischer Berücksichtigung dessen, was politische, wirtschaftliche und kulturelle Tradition heißt, was schon gewachsen ist, innerstaatlicher Föderalismus, wenn man will — aber mit einer ebenso klaren und organisch aufgebauten, das Ganze demokratisch regierenden, nicht nur verwaltenden Spitze. Überdenkt man dies praktisch, so scheint die badisch-württembergische „Vierteilung“ des Karlsruher Konklaves als ein Schema, das von nicht-organischen, von außen her machtpolitisch bestimmten Voraussetzungen diktiert wäre. Natürlich, organisch, traditionell unterbaut und deshalb lebendig und fruchtbar wäre — für heute nur kurz angedeutet — eine sechsteilige Gliederung: Alt- Württemberg (Stuttgart ), Oberschwaben (Ulm ), Seekreis (Konstanz ), Oberbaden (Freiburg ), Baden- Pfalz (Karlsruhe ), Franken (Heilbronn ). Hierbei würden durch Überschneidungen einige Einfügungen bzw. Ausklammerungen bisher badischer oder schwäbischer Landschaften notwendig werden: eine sinnvolle Revision einst unsinniger Grenzziehungen aus einer Zeit, da man auf dem Ländermarkt in Paris schematische Zahlen von „Seelen " aushandelte. Als Ganzes ergäbe sich eine in sich organisch gegliederte, in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Tradition gewachsene Vielfalt ln der Einheit: aus ihr könnte, wie einst in Baden, ohne sonderliche innere Schwierigkeiten ein lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit und das politische Bewußtsein organischer Einheit sich entwickeln. r. q. Haebler.
Positive Opposition
Bei der Vergeßlichkeit, die in politischen Dingen unser Erbfehler ist; muß man daran erinnern: bei der Konstituierung des Frankfurter Wirtschaftsrates, die im Zeichen starker parteipolitischer Spannungen erfolgte, wählte die SPD , eigentlich aus freien Stük- ken, den Platz der konstruktiven oder positiven Opposition. Siehat, das muß unbedingt anerkannt werden, diese parlamentarische Funktion, für die bei unserer demokratischen Unerzogenheit bekanntlich wenig Verständnis vorhanden ist, bisher mH einigem Takt und tatsächlich mit einer positiven Einstellung und, was das Entscheidende ist, mit weitgehendem Abstand zu parteipolitischen Rücksichten auf die Möglichkeiten des Zum-Fenster-hinaus- Redens zu den behandelten Fragen ausgeübt.
Die seit der Währungsreform einsetzende offene und von ziemlich beträchtlichen Stimmungselementen begleitete Entwicklung hat darin, wie der Fall Prof. Dr, Erhard zeigt, gründlich Wandel geschaffen. Die SPD scheint entschlossen zu sein, nunmehr ihren Stimmungsfaktoren mit ihrer Haltung im Wirtschaftsrat Rechnung zu tragen. Man ist von diesem Wandel insofern wenig überrascht, als in einer langen Reihe von namentlich gewerkschaftlichen Entschließungen in allen westlichen Landesteilen Töne anklangen, die annehmen ließen, daß man die offensichtliche augenblickliche Diskrepanz zwischen Preisen und Löhnen zu einem Vorstoß gegen die freie Wirtschaft ' auszunützen entschlossen ist. Der von SPD -Fraktion im Wirtschaftsrat vorgetragene Vorstoß gegen den Direktor der Verwaltung für Wirtschaft, Prof. Dr. Erhard, wurde freilich stark parteipolitisch motiviert, in der Form etwa, man wolle bei dem Antrag auf Abberufung Dr. Erhards sehen, ob die den Direktor der VFW stützende CDU , die draußen immer die Nöte des Volkes beklage und von ihrer Bereitschaft spreche, dem Volke zu helfen, ob nun die CDU im Wirtschaftsparlament gewissermaßen Farbe bekenne und sich von Dr. Erhard distanziere. Im Laufe der Debatte stellte sich freilich heraus, daß diese parteipolitische Formulierung nur die Ouvertüre für einen Angriff auf die freie Wirtschaft war, als deren Exponenten die SPD mit Recht Dr. Erhard sieht. Wenn diese Attacke sachlich geführt worden wäre, hätte man darin einen positiven Beitrag zur Lösung der Probleme sehen können; bei aller Kritik an der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung wie an den Maßnahmen Dr. Erhards: Aber aus der augenblicklichen Situation, die — bei einer Entwicklung von zwei Monaten — von jedem Einsichtigen nur als Übergang charakterisiert werden kann, den Start für eine Machtfrage gewinnen zu wollen, heißt ohne Zweifel den Rahmen der positiven Opposition sprengen. Die SPD scheint auf Reaktionen aus der gegenwärtigen Mißstimmung zu spekulieren, die sich keineswegs auf den Kreis der SPD beschränkt. Aber obschon diese Verstimmung über das Mißverhältnis von Preis und Lohn soviel Berechtigung für sich geltend machen kann, spekuliert die SPD mit ihrer Tendenz, den sozialen Frieden durch staatliche Wirtschaftsplanung zu erzwingen, falsch. Denn sie wird mit allen ihren Argumenten nichts gegen die Tatsache ausrichten, daß der Normalverbraucher seit der Währungsreform mehr erhalten hat als vorher im Zeichen der Zwangswirtschaft.
Wjsnn nun mit dem Preiswuchergesets gegen, die schlimmsten Auswüchse der jüngsten Entwicklung vorgegangen werden soll und die SPD ihre Mitarbeit in dieser Richtung auf eine unsinnige Obstruktion beschränkt — ihr Sprecher Dr. Arndt gelangte ,n seiner Argumentation geradewegs zu einer Ban- kerott-Erklärung der richterlichen Urteilsfähigkeit in Wirtschaftsfragen und gegenüber Sachverständigengutachten —, so ist dies ein weiterer Beweis dafür, daß sie mit ihrer positiven Opposition im Wirtschaftsrat Schluß zu machen gesonnen ist und mit der Agitation um jeden Preis ihre bisherige Mitarbeit liquidieren will. — V —
Thyssen half Brfinfng stürzen
FRANKFURT — In der Spruchkammerverhandlung gegen den früheren Großindustriellen Dr. Thyssen in Königstein warf der frühere Reichsfinanzminister Dietrich als Zeuge Thyssen vor, am Sturz Brünings mitgearbeitet zu haben.
Thyssen hatte vorher ausgesagt, er habe 1931 Brüning in Geheimverhandiungen im Aufträge Gö- rings und Hitler auseinandersetzen sollen, daß die Nationalsozialisten bereit seien, Brünings Regierung zu stützen, wenn er sich neutral verhalte und sich von der SPD löse. Ziel der Aussprache sollte eine „Regierung der Mitte“ sein. Dietrich behauptete, von einer derartigen Begegnung nichts zu wissen Er erinnerte sich an die ablehnende Haltung Thyssens und der Ruhrindustrielien gegenüber Brüning.
(}rauen und Qlück
Roman von Max Uebelhör
22. Fortsetzung (Alle Rechte Vorbehalten)
Herr Gestevide tat zum zweitenmal etwas durchaus Ungewohntes, er fluchte; er fluchte seiner selbst.
Wo war jetzt dieser junge Mann, wo wohnte er, welches war seine Adresse, nochmals verflucht und verwünscht, die Adresse war ja auf der Visitenkarte gestanden, auf der von ihm weggeworfenen Visitenkarte!
Mit einem Sprung war Herr Gestevide an der Klingel, er läutete Sturm, Jean kam herbeigestürzt, der Kammerdiener.
Wenige Augenblicke später tat Herr Gestevide «um drittenmal etwas ihm gänzlich Ungewohntes, •r wühlte mit hochgekrempelten Ärmeln in einem gewaltigen, von Jean und der Hauswächterin heraufgeschleiften blechenen Kübel, in einem mit allerlei Unrat erfüllten Kübel
Leere Flaschen und Fläschchen waren in dem Kübel, aufgerissene Konservenbüchsen, Zeitungen, •tinkende, klebrige Speiseabfälle, eine kleine, tote Katze, zerbrochenes Geschirr, ein uraltes Korsett, vieles andere ähnliche mehr.
AU dies focht Herrn Gestevide nicht an, auch das Staunen und Gaffen von Jean und der Hauswäch- terin fochten ihn nicht an, mochten sie ihn ruhig für verrückt halten, mochten sie hinter seinem Rücken verständnisinnig die Stirnen betippen, was sollte all dies viel besagen, wenn das Leben seiner Tochter auf dem Spiele stand?
Endlich stieß Herr Gestevide einen kleinen Schrei aus. er hatte die Visitenkarte, da war sie halb ver
steckt in einem fettigen, zerschlissenen Busenhalter.
Trotz des Schmutzes war noch klar und deutlich die Adresse zu lesen. Sie lautete: „Hotel zur rot«» Lilie, 8 rue d’Aboukir, Tel. Mercadet 40—58“.
10. Ein schwarzer Sonntag
Die ganze Nacht über hatte Gottfried im kleinen Zimmer des Hotels „Zur roten Lilie“ gesonnen und gegrüben, hatte immer wieder die Blätter seines Notizbuches durchgelesen, was wollten diese Zahlen und Daten wohl bedeuten?
Er erriet ihre ungefähre Bedeutung; es könnt» sich nur um Zahlen handeln, die mit dem Beruf und den Arbeiten dieses unheimlichen Menschen zusammenhingen, also wahrscheinlich um Angaben über die animalischen Wärmen, über die Temperatur des Körpers, über Blutdruck und dergleichen mehr
Doch nur ein Fachmann konnte ihm da vollkommene Auskunft geben und ihm sagen, was dieser Horlak im einsamen Haus eigentlich betrieb.
Schon am frühen Morgen, es war ein Sonntag, stand Gottfried auf und machte sich auf den Weg zum „großen“ Kloetenbrink, der, ein moderner Zigeuner, in einem der vornehmen Hotels der Champs «ys6es wohnte.
Er wurde trotz der frühen Stunde gleich empfangen, er erhielt von dem Holländer ein Empfehlungsschreiben an den Brigadegeneral a. D. de Beaurepaire. den intimen Freund de» Holländers und des berühmten Psychiaters und Chirurgen Charcot, der der Chefarzt der Salpätriäre war, eines der größten Spitäler von Paris
De Beaurepaire wohnte im stillen und vornehmen Passy und nicht unweit jenes „Weilers“, in
dem noch vor Monaten die kleine und intime Luxusbank gestanden hatte. Auch hier hatte Gottfried Glück, er wurde sogar dazu beglückwünscht, schon so früh auf den Beinen zu sein, anstatt wie „das üblieh# Pack“ dem lieben Herrgott (He schönsten Stunden des Tages zu verschlafen.
Herr de Beaurepaire war ein echter Militär alter Schule, wie die meisten seines Standes war er ganz und gar nicht neugierig, er stellte Gottfried keine peinlichen Fragen, er bezeugte kein überflüssiges Interesse, er begnügte sich damit, knapp und kräftig über die zivile Administration und die ihm wohl bekannte Schlamperei im Kongo und der restlichen Welt zu schimpfen und dann Gottfried einige empfehlende Worte an den Professor Charcot mitzugeben.
In kaum zehn Minuten war alles erledigt gewe- sen, ja, wenn all das andre auch nur so glatt gehen wollte!
Im übrigen dachte Gottfried hier in Passy wieder an den eigentlichen Zweck seines Aufenthaltes in Paris nach und lachte dabei verloren vor sich hin. Was ging ihn denn dies „Ereignis“ noch viel an. mochte man doch so viele Banken in die Luft sprengen oder im Erdboden verschwinden lassen, wie man wollte, für ihn stand Jetzt ganz anderes auf dem Spiel.
Die ganze Angelegenheit hatte eine gänzlich andere Wendung genommen, eine ihm so nahegehende Wendung, jetzt handelt es sich womöglich um Glück oder Unglück eines <hra teuren, des einzigen, ■hm wirklich teuren Menschen, den er, der Abenteurer, überhaupt hatte
Aber nach dem Besuch in Passy draußen ging alles schief.
In der Salpötiäre wurde Gottfried durch immer neue und endlose Korridore von einen? Vor- und Wartezimmer nach dem anderen verschoben, um endlich vom Pförtner zu erfahren, daß der große Forscher und Arzt des Sonntags nie hier im Spital anzutreffen sei, Gottfried möge sein Glück draußen in der Ville d’Avray versuchen, in der Villa des Gelehrten.
Ville d’Avray ist eine der reizenden Vorstadtlandschaften von Paris , und die Villa des Arztes lag herrlich auf einem weichen Hügel inmitten einer tropischen Vegetation gebettet, nun, für all dies hatte Gottfried jetzt wenig Sinn.
Und all diese Pracht und auch das wunderbare Panorama auf das Häusermeer von Paris waren ihm kein Trost, als das adrett gekleidete Dienstmädchen ihm mitteilte, der Herr des Hauses sei wie jeden Sonntag.üblich mit dem Kraftwagen über das Land gefahren und erst morgen ab zehn Uhr wieder zu sprechen, und dies in der Salpäüäre,
Die drei Besuche hatten Zeit, kostbare Zeit verschlungen, erst am Nachmittag war Gottfried wieder ln seinem kleinen Hotel. Und etwa gegen fünf Uhr war er wieder da, wo man ihn vermuten wird, also in der Umgebung des einsamen Hauses, am Tor der Lilas von Paria.
Von der gleichen kleinen Terrasse aus sah Gottfried wieder das einsame Haus, es lag verlassene, .<id einsamer denn je. Es lag beängstigend tot, um- ,Leser Eindruck wurde Gottfried noch verstärkt, als- es Abend geworden war und ln dem einsamen Baus kein Licht aufleuchtete.
Auch Horlak und seine Nichte schienen nicht zu Hause zu sein.
(Fortsetzung folgt}