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Seite 2 — Nummer 98

Samstag, 12. August 1W0

cfiuag der Widerstandskraft der Bevölkerong der sowjetischen Besatzungszone ist, darf im Interesse Gesamtdeutschlands nicht stattfinden. Die Bundesrepublik ist kein Tummelplatz für die Stoßtruppen der Henker und Quälgeister unserer Schwestern und Brüder in der sowjeti­schen Besatzungszone. Die deutsche Bundes­republik denkt nicht daran, ihre Hand zum Selbstmord Deutschlands zur Verfügung au Stellen-

Um die Bonner Politiker

Bundeskanzler Dr. Adenauer wird voraus­sichtlich am Montag nach seinem Erholungs­urlaub in der Schweiz die Regierungsgeschäfte ln Bonn wieder aufnehmen.

Als möglichen Nachfolger des erkrankten Bundestagspräsidenten Dr. Erich Köhler wird vom CDU -Informationsdienst der CDU -Bun- destagsabgeordnete Oberkirchenrat Dr. Her­ mann Ehlers genannt.

Der frühere Reichskanzler Dr. Heinrich Brü- i*t noch nicht wieder nach Amerika zu­rückgereist. In der Schweizer Presse wird mit seiner Ernennung zum Außenminister der Bun­desrepublik gerechnet.

»Reiferbrief*

(Schluß von Seite 1)

sei! Gewiß ist Reiten in den Städten teuer. Im Norden sind jedoch bereits wieder in großer Zahl ländliche Reitervereine gegründet wor­den, die den Bauern und besonders ihren Söh- fcen Gelegenheit geben, das ihnen gehörige Pferdematerial und sich selbst zu trainieren. Die Leistungsschauen halten dann strenges Ge­richt über Pferde und Mensch. Für die Pferde sind diese Prüfungen besonders wichtig, um festzustellen, ob das Zuchtmaterial geeignet ist, leistungsfähigen Nachwuchs zu stellen. Hier reichen sich Sport und Nützlichkeit die Hand.

Es wäre schön, wenn auch hier bei uns das Interesse an der Gründung ländlicher Reiter­vereine geweckt würde. Der Bauer muß schwer werkeln, für ihn wäre es schön und nützlich, in dieser sportlichen Betätigung Ausgleich und Entspannung zu finden. Die Jungen können charakterlich nur profitieren. Reitsport ist: Härte und Fairneß! Das wertvollste jedoch ist die Vermittlung der Erkenntnis, daß auch ein Tier, und besonders das edelste unter ihnen, »das Pferd“, ein Seelenleben hat, das unbe­dingt erkannt und berücksichtigt werden muß, wenn man ein williges, gutartiges Pferd sein eigen nennen will. Es soll „Kamerad“ und nicht nur „Nutztier“ sein. Falsche Behandlung, ja Mißhandlung, könnte durch eine Schulung der Jugend und auch der bäuerlichen Helfer, die mit Pferden umzugehen haben, abgestellt werden und somit viele Unglücke durch Scheuen und Durchgehen unmöglich gemacht werden. Nicht nur Reiten, sondern auch Fah­ren muß gekonnt sein.

In der französischen Zone war der Pferde­sport leider sehr vernachlässigt. Es war da­her sehr dankenswert von Herrn v. Neindorf, daß es ihm gelang, das erste Turnier im Jahre 1948 in Lörrach zu starten, sowie es im vergan­genen Jahr das erstemal nach dem Kriege wie­der Schweizer nach Lörrach brachte. Unterdes sind jedoch wieder einige große Veranstaltun­gen abgehalten worden, die das Interesse vie­ler Pferdefreunde hatten. Wir hoffen sehr, daß noch mancherorts solche Veranstaltungen fol­gen werden.

Der erste Kurort ln der südlichsten Ecke, der die Möglichkeit des Reit- und Fahrsportes bie­tet, ist Todtmoos , dessen landschaftliche Schön­heiten und herrlichen Reitwege die Möglichkeit bietet, sich zu einem Reiterparadiese zu ent­wickeln. Schon lange warten Schweizer Rei­terfreunde auf die Grenzöffnung und Grenz­zonenerweiterung. Jetzt waren die Ersten hier und waren begeistert von den reiterlichen Möglichkeiten und den Natur Schönheiten die­ses wirklich herrlichen Fleckchens Erde . Auch die Kurgäste zeigen viel Interesse.

Mit Eichendorffs Vers:

Ein wildes Roß ist’s Leben,

Die Hufe Funken geben.

Wer ehrlich wagt, bezwingt es Und wo es tritt, da klingt es! und fröhlichem Reitergruß beschließen wir den Todtmooser Reiferbrief als die, denen Pferde Freund sind.“ 1

Dar 2ftr£it

3. Beitrag .Kriegstheologie’ /

Von

Dr. Th. Bull

Nachdem wir zu der Frage der Kriegsdlenst- verweigerung eine evangelische und eine katholische Seite haben zu Wort kommen lassen, möchten wir die Diskussion zunächst mit einem Beitrag von einer dogmatisch nicht ge­bundenen Persönlichkeit abschlleßen.

Daß das Eingreifen des Papstes und eines hohen Kirchenfürst«! in die deutsche Innen­politik Aufsehen erregen mußte, ist nicht über­raschend. Und so wurden diese Vorkommnisse da und dort in der Presse besprochen. Im »Volk“ schneidet bei dieser Gelegenheit Job. Fleischer unter anderem die Frage an, ob das Eintreten für Irgendeinen Krieg mit dem We­sen des Christentums überhaupt vereinbarlich sei. Bei Beantwortung der Frage, ob eich der­jenige noch „Christ" nennen könne, der in irgendeinem Falle, und sei es auch nur gegen einen frivolen internationalen Rechtsbrecher, zur Waffe greift, gehe ich davon aus, daß die ursprüngliche christliche Lehre das Ideal der abaoluten Gewaltlosigkeit entwickelt hat „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die linke hin!“ „Un­recht erleiden, ist seeliger als Unrecht tun!“ Christus verbietet seinem Jünger, ihn zu ver­teidigen, als er von Judas verraten wird: „Stocke dein Schwert in die Scheide, denn wer zum Schwerte greift, wird durch das Schwert umkommen.“ In den Evangelien, als den älte­sten Urkunden des Christentums, befiehlt dem­nach Christus selbst die Abkehr von jeder Ge­waltanwendung, auch einer solchen zur Vertei­digung gegen erlittene Gewalt Durch das Bei­spiel seines Martertods, dem er sich nach der kirchlichen Lehre hätte entziehen können, wenn es sein Wille gewesen wäre, gibt er das Beispiel, wie seine Lehre bis in die äußerste Konsequenz durchzuführen sei. Es kann dabei dahingestellt bleiben, ob man die erwähnten Urkunden als historische Berichte aufzufassen hat, die von einem historischen Jesus handeln, oder ob man die Ursprünge dieser Erzählungen für mythisch halten muß. Denn in beiden Fäl­len steht fest, daß das Urchristentum die Ge­waltanwendung in jeder Gestalt streng verurteilt „Christ“ im eigentlichen Sinne kann also nur der genannt werden, der mit dieser wesentlichen Grundlehre des Christentums ernst macht, und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Und ein solcher darf Christ genannt werden, einerlei, ob er einer „christ­lichen“ Konfession angehört oder nicht. Solche Menschen sind sehr selten, unter allen „christ­lichen“, weltlichen oder geistlichen Potentaten und Staatsmännern des modernen Europa ist kein solcher Christ zu finden. Der einzige in unserer Zeit bekanntgewordene Repräsentant der Gewaltlosigkeit war Gandhi , der in die­ser Hinsicht viel mehr als Christ anzusprechen ist als alle die lauten Bekenner eines formalen Christentums, ein Umstand, der den christ­lichen Hochmut eigentlich etwas dämpfen müßte.

Nun hat sich aber da» Christentum im Laufe der Zeiten gewandelt. Aus dem Urchristentum entstand die Kirche, eine Vereinigung, die ein Dogma ausbildete und politisch wurde. Nicht als Vertreterin der Gewaltlosigkeit, sondern als — oft sehr weltlich — kämpfende Kirche ist diese Vereinigung groß geworden. Und der Name „Christ“ blieb nicht mehr die Bezeichnung für die Menschen einer bestimm­ten seelischen Haltung, sondern für die Mit­gliedschaft bei diesem machtpolitischen Kollek­

tivgebilde, eben der Kirche. So nennt sich heute jeder, der Mitglied einer der sich christ­lich bezeichnenden Konfessionen ist, „Christ“, ganz gleich, ob er die christlichen Moralgrund­sätze vertritt oder nicht. Es gibt beim Chri­stentum gar viele „Mitläufer“ aber wenig aktivistische Christen.

Da diesem Wandel der Begriffe „Christen­ tum “ und „Christ“ meist zuwenig Beachtung geschenkt wird, entstehen so manche Irrtümer und reden die Menschen bei Behandlung hier einschlägiger Fragen so oft aneinander vorbei. Dieser Gefahr ist meines Erachtens auch Job. Fleischer nicht entgangen. So hätte er anstatt: „Nach christlicher Lehre . . .“ schreiben müssen: „Nach kirchenchristlicher“ oder „Nach katholischer Lehre ist die Ausübung der Staatsgewalt keine private Nach­folge Christi, die in der Gewaltlosigkeit beruht, sondern eine Teilnahme an der Weltregierung Gottes.“ Denn, wie angeführt, steht die christ­liche Lehre, wie sie zuerst in der Geschichte hervortritt — vor der Zeit der Ausbildung einer Kirche —, unbedingt auf dem Standpunkt der Verurteilung jeder Gewaltanwendung, und keine Dialektik ist imstande, diese Tatsache wegzudisputieren,' als ob für bestimmte Ver­hältnisse Ausnahmen zulässig wären! Diese ursprüngliche Forderung des Urchristentums stellt aber derart hohe und strenge Anforde­rungen an das moralische Verhalten der Men­schen, daß bis heute nur sehr wenige Menschen und überhaupt keine Völker erfunden wurden, die diesen Forderungen Genüge taten. Deshalb hat sich die Kirche auf diesem Gebiet einem Kompromiß ergeben und das Prinzip der Ge­waltlosigkeit durchlöchert, Indem sie in dem von Fleischer oder von dem Kardinal Frings gelehrten Umfang theoretisch Ausnahmen zu­ließ, nachdem längst ln der Praxis weder die Kirche noch die christlichen Staaten sich an das j Verbot der Gewaltanwendung gehalten hatten.

Man kann dieses Verbot angesichts der ge­schichtlichen Erfahrung und auf Grund der Natur des menschlichen Charakters utopisch nen­nen, aber es läßt sich Im Emst nicht bestrei­ten, daß es zu den wesentlichen Grundelemen­ten des Christentums gehört, als Ausfluß seiner grundsätzlich asketischen Einstellung. Diejeni­gen Mitglieder der christlichen Konfession, die dieses Grundelement ablehnen und sich ihm praktisch nicht unterwerfen, müßten sich des­halb eigentlich nur Katholiken, Protestanten oder allenfalls Kirchenchristen nennen, denn in Wirklichkeit sind sie keine „Christen“, da nicht der Glaube an einen — historischen oder mythischen — Christus den Bekenner zum Chri­sten stempelt, sondern die Betätigung der christlichen Grundsätze im Leben. Die Er­laubnis zur Gewaltanwendung in gewissen Fäl­len vermag sich demnach mit der katholischen Moral zu vertragen, sie läßt sich jedoch mit der eigentlich christlichen Ethik nicht in Ein­klang bringen. Politiker, die sich zur, wenn auch beschränkten Gewaltanwendung beken­nen, verleugnen eine wesentliche christliche Grundidee, mag es ihnen selbst auch nicht zum Bewußtsein kommen. Man sollte es deshalb auch vermeiden, eine Politik christlich zu nennen, wenn sie, in irgendeinem Falle, Ge­waltanwendung übt oder billigt, wobei über den Wert oder die Aussichten einer auf Ge­waltlosigkeit aufgebauten Politik kein Urteil gefällt sein soll. Auch ein ethisch hochstehen-

Schwere Kämpfe um Pohang

Tokio. Amerikanische Stoßtruppen stehen nach mehrtägiger Offensive an der koreani­schen Südwestfront etwa 5 Kilometer vor Tschindschu und drücken die nordkoreanischen Streitkräfte in einer zügigen Offensive zurück, wie vom Hauptquartier McArthurs gemeldet wird. Gleichzeitig entwickelt sich jedoch an der rechten Flanke dieses von amerikanischer Infanterie und Marinetruppen vorgetragenen Angriffs, etwa 40 Kilometer weiter nördlich, eine Bedrohung durch nordkoreanische Einhei­ten, die gelten die Amerikaner ei °n Angriff aus dem Brückenkopf über den Naktong-Fluß in der Nähe von Pugongni eröffneten.

Um Pohang an der Nordostküste toben augen­blicklich schwere Kämpfe. In einem verzwei­felten Versuch, die in den wichtigen UNO -

Nachschub-Hafen eingedrungenen Nordkorea­ner wieder zurückzuschlagen, werfen die Ame­rikaner in aller Eile Verstärkungen an diesen Frontabschnitt. Neu eingetroffene Einheiten der UNO -Streitkräfte kämpfen zur Zeit in der Nähe des Bahnhofs von Pohang. Andere Ver­stärkungen versuchen, das belagerte Fort von Pohang zu entsetzen. Die Lage für die UNO - Streitkräfte ist in Pohang insofern besonders kritisch, als ihre Nachschubwege immer wieder von kommunistischen Verbänden angegriffen und unterbrochen werden. So sind die Nach­huten der nach Pohang entsandten Verstär­kungen von den Hauptstreitkräften abgeschnit­ten worden. Pohang selbst steht in Flammen. Die Brände wüten besonders stark in den Ha­fenanlagen.

der Mensch, wie es zum Beispiel der Kardinal Frings sein wird, kann eine Politik, die Gewalt gegen Gewalt setzt, verteidigen, nur eine christliche Politik kann er sie nicht nen­nen, ohne der Wahrheit Gewalt anzutun. Es sei zur Erläuterung auf den Konflikt in Ko­ rea hingewiesen. Jeder gerecht denkende Mensch wird das Eingreifen der UNO gegen­über der nordkoreanischen Aggression für ge­rechtfertigt halten, aber den Grundsätzen des eigentlichen Christentums entspricht es nicht. Christus selbst, wie er in den Evangelien geschildert wird, hätte auch in diesem Falle das Unrecht geduldet, anstatt es mit Gewalt von sich und anderen abzuwehren. Ein solches Verhalten mag unpraktisch, weltfremd und utopisch sein, aber es ist ein eigentlich christ­liches, und das Gegenteil davon darf deshalb nicht so bezeichnet werden. Das zu erkennen, scheint mir wichtiger, als sich den Kopf dar­über zu zerbrechen, ob der Kardinal Frings oder J. Fleischer die richtige Auslegung der katholischen „Kriegstheologie“ vertritt. Denn beide lassen ja, wenn auch in verschiedenem Umfang, Gewaltanwendung zu und nehmen dadurch Abstand von der eigentlich christ­lichen Einstellung.

Angesichts des Umstande*, daß eich die Pa­tentchristen heute nicht genug tun können, ihr Kirchenchristentum als das einzige Mittel zur Rettung der Menschheit aus dem herrschenden Chaos anzupreisen, könnten derartige Erwä­gungen über den Unterschied von Urchristen­tum und Kirchenchristentum und deren ver­schiedener ethischer Einstellung die Verteidiger des Kirchenchristentums zur Gewiseenserfor- schung veranlassen, um von ihrem Pharisäer­tum geheilt zu werden. Denn die christliche Ethik in der von der Kirche aufgelockerten Gestalt hat in der Vergangenheit noch nie Kriege verhindert und die Völkermoral In Europa kaum zu heben vermocht Dazu wäre vielleicht die Ethik des Urchristentums in der Lage gewesen, vorausgesetzt, daß sie allgemein geübt worden wäre. Nicht einmal das kann man sagen, daß die kirchenchristliche Ethik mehr zur Veredelung der Menschheit beigetra­gen habe als es eine freie, allgemein-mensch­liche Ethik zu leisten vermöge, weshalb auch kein Grund dafür besteht jene dieser letzteren vorzuziehen.

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Und nun lesen Sie am nächsten Samstag

„Die Wiederkehr“

Eine traumhafte Geschichte vom «Goldenen Zeitalter “

„Keine deutschen Soldaten*

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Eine deutsche Wiederbewaffnung würde ein­mal den Sowjets den bestmöglichen Vorwand zum Kriege geben; zweitens keinen praktischen Nutzen haben, da die Alliierten deutsche Divi­sionen nicht genügend ausrüsten könnten, drit­tens aber werde der Gedanke für Deutschlands Nachbarn zum augenblicklichen Zeitpunkt kaum ertragbar sein, daß Deutschland nur fünf Jahre nach ihrer Befreiung wieder bewaffnet wäre. „In einem starken Staat ist die Armee der Diener der Regierung“, führte Schmid wa­ter aus. „In einem schwachen Staat aber ist sie der Herr. Die westdeutsche Bundesrepublik ist aber noch kein starker Staat“

Bereits am Vortage stand das Thema „Wie­deraufrüstung Deutschlands" im Mittelpunkt der Aussprache der Beratenden Versammlung, in deren Verlauf vom konservativen britischen Delegierten Robert Boothby die immittelbare Beteiligung der Bundesrepublik an der Vertei­digung Westeuropas nachdrückllchst gefordert wurde. „Wenn die Bundesrepublik ausgeschlos­sen bleibt“, erklärte Boothby , „ißt Westeuropa nicht zu verteidigen. Wird sie aber in das Ver­teidigungsbündnis der Westeuropa-Union auf­genommen, muß sie zu den gleichen Bedingun­gen wie jeder andere Mitgliedstaat ihren vol­len Verteidigungsbeitrag leisten.“

Was macht das Wetter?

Nach dem Abzug des Schauer- und Gewittergebiets, das uns am Freitag überquerte, gewinnt erneut von Westen her ein Ausläufer de» Azorenhocha Einfluß auf unser Wetter.

Wetterausslcliten: Nach den schauerartigen Regen- fällen am Freitag Fortsetzung des überwiegend trockenen und heiteren Sommerwetters. Tempera­turen wieder ansteigend.

Genie des Auges

Am 9. August Jährt sich zum 100. Male der Geburtstag des genialen französischen Meister­erzählers Guy de Maupassant .

„II est mort de l’amour sans avoir aimä“, schreibt ein zeitgenössischer Kritiker über Guy de Maupassant . Und es ist wahr: dieser breit­schultrige, muskulöse Normanne, dessen legen­däre Erfolge bei Frauen ihn in den Pariser Salons berühmt machten, noch ehe er sich einen Namen als Schriftsteller erwarb, hat niemals wirklich geliebt Vielleicht hat Maupassant wenn man Seine Mutter ausnimmt, nur einem Menschen öine wirkliche Neigung zugewandt: Gustave Flauheit Dieser moderne Sysiphus der Lite­ratur, dies«: große Besessene, der in einer Art Mönchskutte täglich bis zum Umfallen an sei­nem Schreibtisch schuftete, war sein Berater, sein unvergleichlicher Lehrmeister, sein Freund. Ein Gerücht fügte hinzu: sein Vater. Man weiß aber, daß dies eine gehässige Verleumdung war.

Guy de Maupassant wurde am 5. August 1850 auf Schloß Miromesnil bei Dieppe geboren. Doch nicht hier, sondern in dem malerischen Küstendorf Etretet hat er die empfänglichsten Jahre seiner Kindheit verbracht unter Bau­ern, Jägern und Fischern, inmitten der reiz­vollsten Landschaft Nordfrankreichs mit ihren üppigen Viehweiden, Apfelbäumen und manns­hohen Wailhecken. Hier lag er, wie ein Hase sich sonnend im hohen Gras, während er den kräftigen Teergeruch der Fischerboote ein­atmete, die frisch kalfatert am Strande lagen.

Fast alle kritischen Studien, die das Werk Maupassants zum Gegenstand haben, schreiben

dem Aufenthalt des Dichters in Etretat große Bedeutung zu. Hier raffte er das unerschöpf­liche Arsenal von sinnlichen Eindrücken zu­sammen, die seinen Novellen später die bei­nahe tastbare Dichte verliehen. Schreiben, er­zählen bedeutete für Maupassant ja nichts an­deres als sinnliche Eindrücke wiederzugeben. Und da er ein Genie des Auges war, hauptsäch­lich visuelle Eindrücke. Maupassant hielt, was er einmal beobachtet hatte, für immer fest, und mit minutiöser Genauigkeit rief er sich früheste Erlebnisse seiner Kindheit aus dem Unter­bewußtsein wieder ins Gedächtnis zurück. Sie tauchen einige seiner Erzählungen in ein ma­gisches Licht; sie gleichen jenen edlen Steinen, die um so faszinierender leuchten, je länger sie im Dunkeln gelegen haben.

Knapp zwanzig Jahre alt, traf Maupassant in Rouen Gustave Flaubert . Der Autor der „Ma­ dame Bovary “ war aus einer ganzen Gruppe von Künstlern, die ihn damals umgaben, der erste, der Maupassants starke Begabung er­kannte. Sie erschien ihm so elementar, daß er sich die Mühe nahm, seinen jungen Freund jahrelang auf den Beruf eines Schriftstellers vorzubereiten. Von ihm überwacht, schrieb Maupassant seine ersten Erzählungen, die er jedoch niemals veröffentlichte. Sie hielten der Kritik des Meisters, der nur das Vollendete gelten ließ, noch nicht stand.. „Boule des Suif“ endlich war die erste Novelle, die Maupassant herausgab. Sie war ein Meisterwerk und machte seinen Namen mit einem Schlage be­rühmt. Mit diesem großen Wurf hatte Mau­

passant sich gefunden und in wenig mehr als zehn Jahren schrieb er sechs Romane und nahezu dreihundert Novellen, die zu einem großen Teil der Weltliteratur angehören. Es war ein Vorgang, den ein Zeitgenosse mit dem tref­fenden Wort gekennzeichnet hat: „Maupassant brachte Novellen hervor wie ein Apfelbaum Früchte.“

Wer Maupassant in dieser Zeit sah, athletisch gebaut, mit den massiven Schultern eines Sportsmannes und tiefgebräunt von zahl­reichen Seereisen, empfing von ihm den Ein­druck einer unerschöpflichen Vitalität. Nur wenige ahnten, daß er unheilbar krank war, Maupassant wüßte es. Er wußte, daß die vene­rische Erkrankung, die er sich in seiner Jagend zugezogen hatte, in geistiger Umnachtung enden würde. Daher sein düsterer Zynismus, sein Hang zur Schwermut, seine Haßausbrüche, die sogar vor seinem eigenen Werk"nicht halt mach­ten. „Ich verbringe“, schrieb er seiner Freun­din, „zwei Drittel meiner Zeit in tiefster Lange­weile. Während des letzten Drittels schreibe ich etwas und bin untröstlich darüber, daß ich dieses erbärmliche Handwerk ausübe.“ Wenn er trotzdem in seiner Arbeit fortfuhr, so ge­schah es darum, weil sie für ihn zu einem Akt der Selbstverteidigung geworden war. Unabläs­sig schreibend, hoffte er der unheimlichen Krankheit zu entfliehen. Aber sie blieb ihm hart auf den Fersen: und sie erreichte ihn, als er mitten in der Arbeit an seinem letzten Roman „Anjälus“ steckte. Am 1. Januar 1892 kam der Wahnsinn bei Maupassant offen zum Ausbruch; am 6. Januar wurde er, nach einem erfolglosen Selbstmordversuch, in eine Privat­

heilanstalt in Passy bei Paris eingeliefert; am 6. Juli 1893 ist er dort, fast dreiundvierzig Jahre alt, gestorben.

Sein Werk aber lebt, seine Gestalt«! leben: normannische Bauern mit tierisch-flachen Ge­sichtem, Seeleute, rüde Gesellen, die im Augenblick höchster Gefahr noch Witze rissen, bärbeißige Feldwebel, Briefträger, Lebemänner, Dirnen, Dorfmädchen und Frauen der Gesell­schaft mit dem spöttischen, frivolen Charme eines Pariser Gassenbuben. Maupassant gilt heute unbestritten als einer der größten Erzäh­ler der Weltliteratur. Erzählen war für ihn nicht ausschließlich ein Problem der Form: „Ich kann nicht umhin“, hören wir Maupassant selbst sagen, „die Form zu verachten, so unzu­länglich ist sie.“ In diesem Punkte wich Mau­passant von Flaubert, der die Form anbetete, ab. Form ist für ihn nicht ein Medium, darin sich der Inhalt gleichsam auflöst, verflüchtigt, verzehrt Sie ist ihm gleichbedeutend mit der Präzisierung und Verdeutlichung des Inhalts: die knappste Formel für die ins Treffen ge­führte dichterische Substanz. Das aber macht ihn zum Vorläufer der großen elementaren Er­zähler der Gegenwart und läßt ihn, mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tode, so modern er­scheinen. Wilhelm Graßhoff.

Herausgeber: Sozialistischer Verlag Freiburg G.m.b.H. Freiburg l. Br., Kaiser-Josepb-Straße ISS. Fernruf SH * HaupteehrlfUeitung: Alfred Oegterbeld Verlagsleitung: E. Bauermeister Druck: Universitätsdruckerei Foppen St Ortmann. Freiburg i. Br.

-Das Volk* erscheint: Dienstag, Donnerstag. Samstag. Monatsbezugspreis DM einschließlich Trägerlohn; durch die Post 2.20 DM.

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