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Samstag, 12. August 1W0
cfiuag der Widerstandskraft der Bevölkerong der sowjetischen Besatzungszone ist, darf im Interesse Gesamtdeutschlands nicht stattfinden. Die Bundesrepublik ist kein Tummelplatz für die Stoßtruppen der Henker und Quälgeister unserer Schwestern und Brüder in der sowjetischen Besatzungszone. Die deutsche Bundesrepublik denkt nicht daran, ihre Hand zum Selbstmord Deutschlands zur Verfügung au Stellen-
Bundeskanzler Dr. Adenauer wird voraussichtlich am Montag nach seinem Erholungsurlaub in der Schweiz die Regierungsgeschäfte ln Bonn wieder aufnehmen.
Als möglichen Nachfolger des erkrankten Bundestagspräsidenten Dr. Erich Köhler wird vom CDU -Informationsdienst der CDU -Bun- destagsabgeordnete Oberkirchenrat Dr. Her mann Ehlers genannt.
Der frühere Reichskanzler Dr. Heinrich Brü- i*t noch nicht wieder nach Amerika zurückgereist. In der Schweizer Presse wird mit seiner Ernennung zum Außenminister der Bundesrepublik gerechnet.
»Reiferbrief*
(Schluß von Seite 1)
sei! Gewiß ist Reiten in den Städten teuer. Im Norden sind jedoch bereits wieder in großer Zahl ländliche Reitervereine gegründet worden, die den Bauern und besonders ihren Söh- fcen Gelegenheit geben, das ihnen gehörige Pferdematerial und sich selbst zu trainieren. Die Leistungsschauen halten dann strenges Gericht über Pferde und Mensch. Für die Pferde sind diese Prüfungen besonders wichtig, um festzustellen, ob das Zuchtmaterial geeignet ist, leistungsfähigen Nachwuchs zu stellen. Hier reichen sich Sport und Nützlichkeit die Hand.
Es wäre schön, wenn auch hier bei uns das Interesse an der Gründung ländlicher Reitervereine geweckt würde. Der Bauer muß schwer werkeln, für ihn wäre es schön und nützlich, in dieser sportlichen Betätigung Ausgleich und Entspannung zu finden. Die Jungen können charakterlich nur profitieren. Reitsport ist: Härte und Fairneß! Das wertvollste jedoch ist die Vermittlung der Erkenntnis, daß auch ein Tier, und besonders das edelste unter ihnen, »das Pferd“, ein Seelenleben hat, das unbedingt erkannt und berücksichtigt werden muß, wenn man ein williges, gutartiges Pferd sein eigen nennen will. Es soll „Kamerad“ und nicht nur „Nutztier“ sein. Falsche Behandlung, ja Mißhandlung, könnte durch eine Schulung der Jugend und auch der bäuerlichen Helfer, die mit Pferden umzugehen haben, abgestellt werden und somit viele Unglücke durch Scheuen und Durchgehen unmöglich gemacht werden. Nicht nur Reiten, sondern auch Fahren muß gekonnt sein.
In der französischen Zone war der Pferdesport leider sehr vernachlässigt. Es war daher sehr dankenswert von Herrn v. Neindorf, daß es ihm gelang, das erste Turnier im Jahre 1948 in Lörrach zu starten, sowie es im vergangenen Jahr das erstemal nach dem Kriege wieder Schweizer nach Lörrach brachte. Unterdes sind jedoch wieder einige große Veranstaltungen abgehalten worden, die das Interesse vieler Pferdefreunde hatten. Wir hoffen sehr, daß noch mancherorts solche Veranstaltungen folgen werden.
Der erste Kurort ln der südlichsten Ecke, der die Möglichkeit des Reit- und Fahrsportes bietet, ist Todtmoos , dessen landschaftliche Schönheiten und herrlichen Reitwege die Möglichkeit bietet, sich zu einem Reiterparadiese zu entwickeln. Schon lange warten Schweizer Reiterfreunde auf die Grenzöffnung und Grenzzonenerweiterung. Jetzt waren die Ersten hier und waren begeistert von den reiterlichen Möglichkeiten und den Natur Schönheiten dieses wirklich herrlichen Fleckchens Erde . Auch die Kurgäste zeigen viel Interesse.
Mit Eichendorffs Vers:
Ein wildes Roß ist’s Leben,
Die Hufe Funken geben.
Wer ehrlich wagt, bezwingt es Und wo es tritt, da klingt es! und fröhlichem Reitergruß beschließen wir den Todtmooser Reiferbrief als die, denen Pferde Freund sind.“ 1
Dar 2ftr£it
3. Beitrag .Kriegstheologie’ /
Von
Dr. Th. Bull
Nachdem wir zu der Frage der Kriegsdlenst- verweigerung eine evangelische und eine katholische Seite haben zu Wort kommen lassen, möchten wir die Diskussion zunächst mit einem Beitrag von einer dogmatisch nicht gebundenen Persönlichkeit abschlleßen.
Daß das Eingreifen des Papstes und eines hohen Kirchenfürst«! in die deutsche Innenpolitik Aufsehen erregen mußte, ist nicht überraschend. Und so wurden diese Vorkommnisse da und dort in der Presse besprochen. Im »Volk“ schneidet bei dieser Gelegenheit Job. Fleischer unter anderem die Frage an, ob das Eintreten für Irgendeinen Krieg mit dem Wesen des Christentums überhaupt vereinbarlich sei. Bei Beantwortung der Frage, ob eich derjenige noch „Christ" nennen könne, der in irgendeinem Falle, und sei es auch nur gegen einen frivolen internationalen Rechtsbrecher, zur Waffe greift, gehe ich davon aus, daß die ursprüngliche christliche Lehre das Ideal der abaoluten Gewaltlosigkeit entwickelt hat „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so halte ihm auch die linke hin!“ „Unrecht erleiden, ist seeliger als Unrecht tun!“ Christus verbietet seinem Jünger, ihn zu verteidigen, als er von Judas verraten wird: „Stocke dein Schwert in die Scheide, denn wer zum Schwerte greift, wird durch das Schwert umkommen.“ In den Evangelien, als den ältesten Urkunden des Christentums, befiehlt demnach Christus selbst die Abkehr von jeder Gewaltanwendung, auch einer solchen zur Verteidigung gegen erlittene Gewalt Durch das Beispiel seines Martertods, dem er sich nach der kirchlichen Lehre hätte entziehen können, wenn es sein Wille gewesen wäre, gibt er das Beispiel, wie seine Lehre bis in die äußerste Konsequenz durchzuführen sei. Es kann dabei dahingestellt bleiben, ob man die erwähnten Urkunden als historische Berichte aufzufassen hat, die von einem historischen Jesus handeln, oder ob man die Ursprünge dieser Erzählungen für mythisch halten muß. Denn in beiden Fällen steht fest, daß das Urchristentum die Gewaltanwendung in jeder Gestalt streng verurteilt „Christ“ im eigentlichen Sinne kann also nur der genannt werden, der mit dieser wesentlichen Grundlehre des Christentums ernst macht, und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Und ein solcher darf Christ genannt werden, einerlei, ob er einer „christlichen“ Konfession angehört oder nicht. Solche Menschen sind sehr selten, unter allen „christlichen“, weltlichen oder geistlichen Potentaten und Staatsmännern des modernen Europa ist kein solcher Christ zu finden. Der einzige in unserer Zeit bekanntgewordene Repräsentant der Gewaltlosigkeit war Gandhi , der in dieser Hinsicht viel mehr als Christ anzusprechen ist als alle die lauten Bekenner eines formalen Christentums, ein Umstand, der den christlichen Hochmut eigentlich etwas dämpfen müßte.
Nun hat sich aber da» Christentum im Laufe der Zeiten gewandelt. Aus dem Urchristentum entstand die Kirche, eine Vereinigung, die ein Dogma ausbildete und politisch wurde. Nicht als Vertreterin der Gewaltlosigkeit, sondern als — oft sehr weltlich — kämpfende Kirche ist diese Vereinigung groß geworden. Und der Name „Christ“ blieb nicht mehr die Bezeichnung für die Menschen einer bestimmten seelischen Haltung, sondern für die Mitgliedschaft bei diesem machtpolitischen Kollek
tivgebilde, eben der Kirche. So nennt sich heute jeder, der Mitglied einer der sich christlich bezeichnenden Konfessionen ist, „Christ“, ganz gleich, ob er die christlichen Moralgrundsätze vertritt oder nicht. Es gibt beim Christentum gar viele „Mitläufer“ aber wenig aktivistische Christen.
Da diesem Wandel der Begriffe „Christen tum “ und „Christ“ meist zuwenig Beachtung geschenkt wird, entstehen so manche Irrtümer und reden die Menschen bei Behandlung hier einschlägiger Fragen so oft aneinander vorbei. Dieser Gefahr ist meines Erachtens auch Job. Fleischer nicht entgangen. So hätte er anstatt: „Nach christlicher Lehre . . .“ schreiben müssen: „Nach kirchenchristlicher“ oder „Nach katholischer Lehre ist die Ausübung der Staatsgewalt keine private Nachfolge Christi, die in der Gewaltlosigkeit beruht, sondern eine Teilnahme an der Weltregierung Gottes.“ Denn, wie angeführt, steht die christliche Lehre, wie sie zuerst in der Geschichte hervortritt — vor der Zeit der Ausbildung einer Kirche —, unbedingt auf dem Standpunkt der Verurteilung jeder Gewaltanwendung, und keine Dialektik ist imstande, diese Tatsache wegzudisputieren,' als ob für bestimmte Verhältnisse Ausnahmen zulässig wären! Diese ursprüngliche Forderung des Urchristentums stellt aber derart hohe und strenge Anforderungen an das moralische Verhalten der Menschen, daß bis heute nur sehr wenige Menschen und überhaupt keine Völker erfunden wurden, die diesen Forderungen Genüge taten. Deshalb hat sich die Kirche auf diesem Gebiet einem Kompromiß ergeben und das Prinzip der Gewaltlosigkeit durchlöchert, Indem sie in dem von Fleischer oder von dem Kardinal Frings gelehrten Umfang theoretisch Ausnahmen zuließ, nachdem längst ln der Praxis weder die Kirche noch die christlichen Staaten sich an das j Verbot der Gewaltanwendung gehalten hatten.
Man kann dieses Verbot angesichts der geschichtlichen Erfahrung und auf Grund der Natur des menschlichen Charakters utopisch nennen, aber es läßt sich Im Emst nicht bestreiten, daß es zu den wesentlichen Grundelementen des Christentums gehört, als Ausfluß seiner grundsätzlich asketischen Einstellung. Diejenigen Mitglieder der christlichen Konfession, die dieses Grundelement ablehnen und sich ihm praktisch nicht unterwerfen, müßten sich deshalb eigentlich nur Katholiken, Protestanten oder allenfalls Kirchenchristen nennen, denn in Wirklichkeit sind sie keine „Christen“, da nicht der Glaube an einen — historischen oder mythischen — Christus den Bekenner zum Christen stempelt, sondern die Betätigung der christlichen Grundsätze im Leben. Die Erlaubnis zur Gewaltanwendung in gewissen Fällen vermag sich demnach mit der katholischen Moral zu vertragen, sie läßt sich jedoch mit der eigentlich christlichen Ethik nicht in Einklang bringen. Politiker, die sich zur, wenn auch beschränkten Gewaltanwendung bekennen, verleugnen eine wesentliche christliche Grundidee, mag es ihnen selbst auch nicht zum Bewußtsein kommen. Man sollte es deshalb auch vermeiden, eine Politik christlich zu nennen, wenn sie, in irgendeinem Falle, Gewaltanwendung übt oder billigt, wobei über den Wert oder die Aussichten einer auf Gewaltlosigkeit aufgebauten Politik kein Urteil gefällt sein soll. Auch ein ethisch hochstehen-
Schwere Kämpfe um Pohang
Tokio. Amerikanische Stoßtruppen stehen nach mehrtägiger Offensive an der koreanischen Südwestfront etwa 5 Kilometer vor Tschindschu und drücken die nordkoreanischen Streitkräfte in einer zügigen Offensive zurück, wie vom Hauptquartier McArthurs gemeldet wird. Gleichzeitig entwickelt sich jedoch an der rechten Flanke dieses von amerikanischer Infanterie und Marinetruppen vorgetragenen Angriffs, etwa 40 Kilometer weiter nördlich, eine Bedrohung durch nordkoreanische Einheiten, die gelten die Amerikaner ei °n Angriff aus dem Brückenkopf über den Naktong-Fluß in der Nähe von Pugongni eröffneten.
Um Pohang an der Nordostküste toben augenblicklich schwere Kämpfe. In einem verzweifelten Versuch, die in den wichtigen UNO -
Nachschub-Hafen eingedrungenen Nordkoreaner wieder zurückzuschlagen, werfen die Amerikaner in aller Eile Verstärkungen an diesen Frontabschnitt. Neu eingetroffene Einheiten der UNO -Streitkräfte kämpfen zur Zeit in der Nähe des Bahnhofs von Pohang. Andere Verstärkungen versuchen, das belagerte Fort von Pohang zu entsetzen. Die Lage für die UNO - Streitkräfte ist in Pohang insofern besonders kritisch, als ihre Nachschubwege immer wieder von kommunistischen Verbänden angegriffen und unterbrochen werden. So sind die Nachhuten der nach Pohang entsandten Verstärkungen von den Hauptstreitkräften abgeschnitten worden. Pohang selbst steht in Flammen. Die Brände wüten besonders stark in den Hafenanlagen.
der Mensch, wie es zum Beispiel der Kardinal Frings sein wird, kann eine Politik, die Gewalt gegen Gewalt setzt, verteidigen, nur eine christliche Politik kann er sie nicht nennen, ohne der Wahrheit Gewalt anzutun. Es sei zur Erläuterung auf den Konflikt in Ko rea hingewiesen. Jeder gerecht denkende Mensch wird das Eingreifen der UNO gegenüber der nordkoreanischen Aggression für gerechtfertigt halten, aber den Grundsätzen des eigentlichen Christentums entspricht es nicht. Christus selbst, wie er in den Evangelien geschildert wird, hätte auch in diesem Falle das Unrecht geduldet, anstatt es mit Gewalt von sich und anderen abzuwehren. Ein solches Verhalten mag unpraktisch, weltfremd und utopisch sein, aber es ist ein eigentlich christliches, und das Gegenteil davon darf deshalb nicht so bezeichnet werden. Das zu erkennen, scheint mir wichtiger, als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der Kardinal Frings oder J. Fleischer die richtige Auslegung der katholischen „Kriegstheologie“ vertritt. Denn beide lassen ja, wenn auch in verschiedenem Umfang, Gewaltanwendung zu und nehmen dadurch Abstand von der eigentlich christlichen Einstellung.
Angesichts des Umstande*, daß eich die Patentchristen heute nicht genug tun können, ihr Kirchenchristentum als das einzige Mittel zur Rettung der Menschheit aus dem herrschenden Chaos anzupreisen, könnten derartige Erwägungen über den Unterschied von Urchristentum und Kirchenchristentum und deren verschiedener ethischer Einstellung die Verteidiger des Kirchenchristentums zur Gewiseenserfor- schung veranlassen, um von ihrem Pharisäertum geheilt zu werden. Denn die christliche Ethik in der von der Kirche aufgelockerten Gestalt hat in der Vergangenheit noch nie Kriege verhindert und die Völkermoral In Europa kaum zu heben vermocht Dazu wäre vielleicht die Ethik des Urchristentums in der Lage gewesen, vorausgesetzt, daß sie allgemein geübt worden wäre. Nicht einmal das kann man sagen, daß die kirchenchristliche Ethik mehr zur Veredelung der Menschheit beigetragen habe als es eine freie, allgemein-menschliche Ethik zu leisten vermöge, weshalb auch kein Grund dafür besteht jene dieser letzteren vorzuziehen.
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Und nun lesen Sie am nächsten Samstag
„Die Wiederkehr“
„Keine deutschen Soldaten*
(Schluß von Seite 1)
Eine deutsche Wiederbewaffnung würde einmal den Sowjets den bestmöglichen Vorwand zum Kriege geben; zweitens keinen praktischen Nutzen haben, da die Alliierten deutsche Divisionen nicht genügend ausrüsten könnten, drittens aber werde der Gedanke für Deutschlands Nachbarn zum augenblicklichen Zeitpunkt kaum ertragbar sein, daß Deutschland nur fünf Jahre nach ihrer Befreiung wieder bewaffnet wäre. „In einem starken Staat ist die Armee der Diener der Regierung“, führte Schmid water aus. „In einem schwachen Staat aber ist sie der Herr. Die westdeutsche Bundesrepublik ist aber noch kein starker Staat“
Bereits am Vortage stand das Thema „Wiederaufrüstung Deutschlands" im Mittelpunkt der Aussprache der Beratenden Versammlung, in deren Verlauf vom konservativen britischen Delegierten Robert Boothby die immittelbare Beteiligung der Bundesrepublik an der Verteidigung Westeuropas nachdrückllchst gefordert wurde. „Wenn die Bundesrepublik ausgeschlossen bleibt“, erklärte Boothby , „ißt Westeuropa nicht zu verteidigen. Wird sie aber in das Verteidigungsbündnis der Westeuropa-Union aufgenommen, muß sie zu den gleichen Bedingungen wie jeder andere Mitgliedstaat ihren vollen Verteidigungsbeitrag leisten.“
Was macht das Wetter?
Nach dem Abzug des Schauer- und Gewittergebiets, das uns am Freitag überquerte, gewinnt erneut von Westen her ein Ausläufer de» Azorenhocha Einfluß auf unser Wetter.
Wetterausslcliten: Nach den schauerartigen Regen- fällen am Freitag Fortsetzung des überwiegend trockenen und heiteren Sommerwetters. Temperaturen wieder ansteigend.
Genie des Auges
Am 9. August Jährt sich zum 100. Male der Geburtstag des genialen französischen Meistererzählers Guy de Maupassant .
„II est mort de l’amour sans avoir aimä“, schreibt ein zeitgenössischer Kritiker über Guy de Maupassant . Und es ist wahr: dieser breitschultrige, muskulöse Normanne, dessen legendäre Erfolge bei Frauen ihn in den Pariser Salons berühmt machten, noch ehe er sich einen Namen als Schriftsteller erwarb, hat niemals wirklich geliebt Vielleicht hat Maupassant wenn man Seine Mutter ausnimmt, nur einem Menschen öine wirkliche Neigung zugewandt: Gustave Flauheit Dieser moderne Sysiphus der Literatur, dies«: große Besessene, der in einer Art Mönchskutte täglich bis zum Umfallen an seinem Schreibtisch schuftete, war sein Berater, sein unvergleichlicher Lehrmeister, sein Freund. Ein Gerücht fügte hinzu: sein Vater. Man weiß aber, daß dies eine gehässige Verleumdung war.
Guy de Maupassant wurde am 5. August 1850 auf Schloß Miromesnil bei Dieppe geboren. Doch nicht hier, sondern in dem malerischen Küstendorf Etretet hat er die empfänglichsten Jahre seiner Kindheit verbracht unter Bauern, Jägern und Fischern, inmitten der reizvollsten Landschaft Nordfrankreichs mit ihren üppigen Viehweiden, Apfelbäumen und mannshohen Wailhecken. Hier lag er, wie ein Hase sich sonnend im hohen Gras, während er den kräftigen Teergeruch der Fischerboote einatmete, die frisch kalfatert am Strande lagen.
Fast alle kritischen Studien, die das Werk Maupassants zum Gegenstand haben, schreiben
dem Aufenthalt des Dichters in Etretat große Bedeutung zu. Hier raffte er das unerschöpfliche Arsenal von sinnlichen Eindrücken zusammen, die seinen Novellen später die beinahe tastbare Dichte verliehen. Schreiben, erzählen bedeutete für Maupassant ja nichts anderes als sinnliche Eindrücke wiederzugeben. Und da er ein Genie des Auges war, hauptsächlich visuelle Eindrücke. Maupassant hielt, was er einmal beobachtet hatte, für immer fest, und mit minutiöser Genauigkeit rief er sich früheste Erlebnisse seiner Kindheit aus dem Unterbewußtsein wieder ins Gedächtnis zurück. Sie tauchen einige seiner Erzählungen in ein magisches Licht; sie gleichen jenen edlen Steinen, die um so faszinierender leuchten, je länger sie im Dunkeln gelegen haben.
Knapp zwanzig Jahre alt, traf Maupassant in Rouen Gustave Flaubert . Der Autor der „Ma dame Bovary “ war aus einer ganzen Gruppe von Künstlern, die ihn damals umgaben, der erste, der Maupassants starke Begabung erkannte. Sie erschien ihm so elementar, daß er sich die Mühe nahm, seinen jungen Freund jahrelang auf den Beruf eines Schriftstellers vorzubereiten. Von ihm überwacht, schrieb Maupassant seine ersten Erzählungen, die er jedoch niemals veröffentlichte. Sie hielten der Kritik des Meisters, der nur das Vollendete gelten ließ, noch nicht stand.. „Boule des Suif“ endlich war die erste Novelle, die Maupassant herausgab. Sie war ein Meisterwerk und machte seinen Namen mit einem Schlage berühmt. Mit diesem großen Wurf hatte Mau
passant sich gefunden und in wenig mehr als zehn Jahren schrieb er sechs Romane und nahezu dreihundert Novellen, die zu einem großen Teil der Weltliteratur angehören. Es war ein Vorgang, den ein Zeitgenosse mit dem treffenden Wort gekennzeichnet hat: „Maupassant brachte Novellen hervor wie ein Apfelbaum Früchte.“
Wer Maupassant in dieser Zeit sah, athletisch gebaut, mit den massiven Schultern eines Sportsmannes und tiefgebräunt von zahlreichen Seereisen, empfing von ihm den Eindruck einer unerschöpflichen Vitalität. Nur wenige ahnten, daß er unheilbar krank war, Maupassant wüßte es. Er wußte, daß die venerische Erkrankung, die er sich in seiner Jagend zugezogen hatte, in geistiger Umnachtung enden würde. Daher sein düsterer Zynismus, sein Hang zur Schwermut, seine Haßausbrüche, die sogar vor seinem eigenen Werk"nicht halt machten. „Ich verbringe“, schrieb er seiner Freundin, „zwei Drittel meiner Zeit in tiefster Langeweile. Während des letzten Drittels schreibe ich etwas und bin untröstlich darüber, daß ich dieses erbärmliche Handwerk ausübe.“ Wenn er trotzdem in seiner Arbeit fortfuhr, so geschah es darum, weil sie für ihn zu einem Akt der Selbstverteidigung geworden war. Unablässig schreibend, hoffte er der unheimlichen Krankheit zu entfliehen. Aber sie blieb ihm hart auf den Fersen: und sie erreichte ihn, als er mitten in der Arbeit an seinem letzten Roman „Anjälus“ steckte. Am 1. Januar 1892 kam der Wahnsinn bei Maupassant offen zum Ausbruch; am 6. Januar wurde er, nach einem erfolglosen Selbstmordversuch, in eine Privat
heilanstalt in Passy bei Paris eingeliefert; am 6. Juli 1893 ist er dort, fast dreiundvierzig Jahre alt, gestorben.
Sein Werk aber lebt, seine Gestalt«! leben: normannische Bauern mit tierisch-flachen Gesichtem, Seeleute, rüde Gesellen, die im Augenblick höchster Gefahr noch Witze rissen, bärbeißige Feldwebel, Briefträger, Lebemänner, Dirnen, Dorfmädchen und Frauen der Gesellschaft mit dem spöttischen, frivolen Charme eines Pariser Gassenbuben. Maupassant gilt heute unbestritten als einer der größten Erzähler der Weltliteratur. Erzählen war für ihn nicht ausschließlich ein Problem der Form: „Ich kann nicht umhin“, hören wir Maupassant selbst sagen, „die Form zu verachten, so unzulänglich ist sie.“ In diesem Punkte wich Maupassant von Flaubert, der die Form anbetete, ab. Form ist für ihn nicht ein Medium, darin sich der Inhalt gleichsam auflöst, verflüchtigt, verzehrt Sie ist ihm gleichbedeutend mit der Präzisierung und Verdeutlichung des Inhalts: die knappste Formel für die ins Treffen geführte dichterische Substanz. Das aber macht ihn zum Vorläufer der großen elementaren Erzähler der Gegenwart und läßt ihn, mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tode, so modern erscheinen. Wilhelm Graßhoff.
Herausgeber: Sozialistischer Verlag Freiburg G.m.b.H. Freiburg l. Br., Kaiser-Josepb-Straße ISS. Fernruf SH * HaupteehrlfUeitung: Alfred Oegterbeld Verlagsleitung: E. Bauermeister Druck: Universitätsdruckerei Foppen St Ortmann. Freiburg i. Br.
-Das Volk* erscheint: Dienstag, Donnerstag. Samstag. Monatsbezugspreis DM einschließlich Trägerlohn; durch die Post 2.20 DM.
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