Mittwoch, 9. Oktober 1946
Sfidwestdentsche Volkszeitung
Seite S
Die politische Bedeutung der Kreiswahlen
Ein Landesbeirat wird aus den Kreisversammlungen gewählt
Wie das Badische Ministerium des Innern mitteilt, findet am 13. Oktober in der gesamten französischen Zone die Wahl zu den Kreisversammlungen statt. Diesen Wahlen kommt in mehrfacher Hinsicht eine besondere Bedeutung zu. Rein politisch sind diese Wahlen orientiert, es werden also im Unterschied zu den Gemeindewahlen nur die vier demokratischen Parteien zur Einreichung von Wahlvorschlagslisten zugelassen. Es gibt also keine Listen der Wählergruppen und auch keine Listenverbindung. Auch sind die Wähler afn die Listen gebunden; die Streichung von Bewerbern und die Einsetzung anderer Personen auf dem Stimmzettel sind unzulässig. Dadurch sollen die Wähler veranlaßt werden, ihre Einstellung zu den zugelassenen demokratischen Parteien eindeutig zum Ausdrude zu bringen.
Endlich gewinnen die Wahlen zur Kreisversammlung dadurch eine ganz besondere politische Bedeutung, daß aus diesen Kollegien ein Ausschuß gewählt werden soll, der als Landesbeirat mit beratenden Funktionen eine Art Vorparlament darstellen wird. Damit gehen diese Wahlen in ihren politischen Wirkungen weit über den Rahmen gewöhnlicher Kreiswahlen hinaus Es muß daher von jedem
Wähler erwartet werden, daß er sich der politischen Tragweite dieser Wahlen bewußt wird und dies durch seine Beteiligung an der Wahl ausdrückt.
Gewählt werden — und zwar auf die Dauer von zwei Jahren — die Mitglieder der Kreisversammlung, deren Zahl je nach der Einwohnerzahl des Kreises zwischen 18 und 36 liegt. Eine Besonderheit gegenüber der bisherigen Organisation besteht darin, daß die Stadtkreise in den sie umschließenden Landkreis einbezogen werden und mit diesem eine gemeinsame Kreisversammlung wählen. Es erhalten also die Stadtkreise Freiburg und Konstanz mit den gleichnamigen Landkreisen, der Stadtkreis Baden-Baden mit dem Landkreis Rastatt unter dem Vorsitz des jeweiligen Landrats eine gemeinsame Kreisversammlung. Dadurch werden auch die wahlberechtigten Einwohner der Stadtkreise an den Kreiswahlen beteiligt.
Die Voraussetzungen für das Wahlrecht und die Wählbarkeit sind die gleichen wie bei den Gemeindewahlen. Es dürfen nur die amtlichen Stimmzettel benutzt werden, die in den Wahlräumen aufliegen. Jede Änderung am Stimmzettel macht die Stimmabgabe ungültig.
Fülle und zu einer Einheit zu kommen, wie sie sich in unseren gegenwärtigen konfessionellen Gegensätzen nicht verwirklicht, die vielmehr jenseits unserer aktuellen Gegensätze zu suchen ist.
Zweitens: Wir müssen uns wirklich bemühen, aus dem Austausch Nutzen zu ziehen, der sich dank der ökumenischen Beziehungen vollzieht, und müssen uns aus einer totalen Treue der Wahrheit gegenüber dem auch wirklich öffnen, was wir voneinander empfangen können. Es darf nicht geschehen, daß die Wiederentdek- kung unserer konfessionellen Tradition und des wesentlichen Inhalts unseres Glaubens uns den einen wesentlichen Punkt der ökumenischen Arbeit vergessen läßt,‘daß wir uns nämlich gegenseitig die uns geschenkten Gaben und Erleuchtungen mitteilen. Es darf nicht geschehen, daß die Bewegung für uns nur Anlaß ist, uns in unseren eigenen Augen zu rechtfertigen. Ich bin überzeugt, daß auf diesem Wege ein erheblicher Fortschritt möglich ist.“
Ein ökumenisches Gespräch
Der französische Dominikanerpater M. J. Con- gar veröffentlichte in der Wochenschrift der französischen Protestanten, ..Reforme“, veranlaßt durch eine Bemerkung eines evangelischen Kritikers, einige Gedanken über die tatsächliche Wirksamkeit der von der ökumenischen Bewegung geleisteten Arbeit.
„Sie haben“, so schreibt er an den evangelischen Theologen, „sehr richtig bemerkt, daß bei der gegenseitigen Erklärung von Schwierigkeiten, die eine der ersten Aufgaben der ökumenischen Tätigkeit ist, eben die Bemühung, die die sekundären Mißverständnisse beseitigt, die wesentlichen Aussagen in ein um so helleres Licht stellt, auf die oft nur mit einem klaren ,non possumus“ geantwortet werden kann. Tatsächlich hat die ökumenische Bewegung die Christen der verschiedenen Bekenntnisse dazu geführt, daß sie sich ihres konfessionellen Erbguts und dessen, was sie von den anderen christlichen Kirchen unterscheidet, sehr lebendig bewußt geworden sind. Und dazu kommt, daß die ökumenische Tätigkeit oft von den Jungen in der Kirche ausgeht und daß die Jungen eine Neigung zu radikalen Formulierungen haben.
Das ist nur normal. Die ökumenische Auseinandersetzung soll zunächst einmal dazu führen, daß die falschen Gegensätze aufhören und daß man gegenseitig hinter den Entstellungen einer oberflächlichen Polemik das wahre Antlitz des Bruders sieht, daß man sich der wahren Unterschiede bewußt wird. Das dient, glaube ich, nur zum Besten. Man muß bis auf den Grund der Gegensätze gehen, wenn man sich nicht in irgendeiner Ideologie, sondern in der Wahrheit einigen will. Die Bemühung um die Einheit führt auf diese Weise nicht zu einer Stabilisierung des tatsächlichen Bestandes der Christenheit abzüglich unserer Unterschiede, sondern tatsächlich zum Weiterschreiten in der Erkenntnis Jesu Christi .
Ich möchte jedoch zwei Bemerkungen hinzufügen, die beide aus einer Sorge um eine realistische Denkweise hervorgegangen sind. Es genügt nicht zu sagen: ,Herr, Herr“, man muß die Einheit auch aufbauen. Ist es nicht ein Ärgernis, daß wir so viele erhabene Gefühle haben, daß wir so viele schöne Dinge schreiben und aussprechen, und daß das alles fast gar keine Wirkung hat?
So möchte ich zunächst etwas zugunsten der sekundären Mißverständnisse sagen. Nicht daß man ihnen einen Wert -beilege, den sie nicht haben, aber man soll tatsächlich auch davon Kenntnis nehmen, daß man über sie hinaus- gekommen ist, oder daß man sie beseitigt hat. Wäre es nicht schon viel, wenn wir unsere Erfolge in der Beseitigung der sekundären Mißverständnisse in unseren Kirchen allgemein und wirksam machen könnten? Ich habe fast die Befürchtung, daß die ökumenische Bewegung oft zu einer Art heroischer Haltung führt: nachdem man die sekundären Mißverständnisse meist ohne allzu große Mühe weggeräumt hat, spricht man ein um so leidenschaftlicheres ,non possumus“ hinsichtlich der wesentlichen Positionen und endet schließlich in einer Haltung, die noch sektiererischer ist also die, von der man ausgegangen war. Man versteift sich in einer heftigen Opposition, von der es kein Zurück gibt So möchte ich also wünschen, daß man zunächst einmal den Erfolg des ersten Stadiums der ökumenischen Arbeit, nämlich die Beseitigung der falschen Gegensätze, zur Auswirkung bringe. Ich habe z. B. gehört, daß die früheren protestantischen Kriegsgefangenenseelsorger auf der Generalversammlung des französischen Protestantismus einen Antrag einbringen wollten, man möge in allen protestantischen Druckwerken alle die übernommenen Dummheiten und Bosheiten über de n Katholizismus vermeiden. Über diesen Antrag stand zwar nichts in den Berichten, die ich gesehen habe, aber man sollte den Gedanken aufgreifen. Ich kann ihn um so wärmer befürworten, als ich schon einmal einen ähnlichen Vorschlag gemacht und Beispiele für seine Verwirklichung gegeben habe, auch eine Durchsicht der Schulbücher und Handbücher in diesem Geiste gefordert habe.
Meine zweite Bemerkung betrifft das folgende Stadium der ökumenischen Bemühungen: die Entdeckung der wahren Unterschiede. Wir müssen versuchen, über das ,non possumus“ hinauszukommen, zu dem diese Entdeckung zunächst einmal führt. Nicht, daß ich die Berge, die sich jetzt noch gegenüberstehen, einebnen möchte. Es handelt sich nicht darum, daß man einen Protestanten dazu einlädt, etwa aus
Freundschaft oder aus falscher Großherzigkeit zu sagen, daß die Rechtfertigung aus dem Glauben und die Rechtfertigung durch Verdienste dasselbe sei, oder ähnliche Dinge dieser Art. Das würde ihn uns nämlich gar nicht annähern; denn wir glauben das selber ja auch nicht. Es handelt sich vielmehr darum, die ökumenische Idee in uns lebendig zu halten, und das erfordert zwei Dinge:
Erstens: Unsere Absicht muß sein, zu einer
Erzbi: <’ Or. Gröber beim evangelischen G&iidesbiscfaof Dr. Bender
Kürzlich stattete Erzbischof Dr. Gröber dem evangelischen Landesbischof Dr. Bender in Karlsruhe einen Gegenbesuch ab. Dieser führte zu einer eingehenden Aussprache über eine Reihe schwebender Fragen beider Bekenntnisse: über die gegenseitige Benützung der Kirchen dort, wo dies durch die Mischung der Gemeinden mit Ostflüchtlingen dringend geworden ist, über das Verhältnis von Kirche und Staat in der kommenden Verfassung von Nord-Baden und -Württemberg, über die Schulfrage, Lehrerbildung, Kirchensteuern, über das Konkordat bzw. den Staatsvertrag zwischen Staat und evangelischer Landeskirche.
Erzbischof Dr. Gröber war von General- vikar Dr. Hirt begleitet; von der evangelischen Seite nahmen Persönlichkeiten der evangeli schen Landeskirche an der Aussprache teil, die in vollständiger Einmütigkeit und herzlichem Verständnis zur beiderseitigen Bereitschaft führte, sich auch in Zukunft über Fragen dieser Art zu verständigen.
Wir Frauen haben einen Standpunkt
Die erste Wahl ist, besonders was die allgemeine Beteiligung anlangt, recht gut vonstatten gegangen. Es wußten doch sehr viele, worum es geht, nämlich um die Wiederaufrichtung und langsame Gesundmachung unseres aus vielen Wunden blutenden Volkskörpers. Wir Frauen haben ja an diesem Vorgang ein ebenso großes Interesse wie die Männer, und die christliche Frau hat an der Wahlurne gezeigt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt ist. Leider hört man immer wieder Stimmen, die ihre Wahlbeteiligung so hinstellen, als entspräche sie nicht selbständigem Handeln, sondern sei vielmehr durch die Beeinflussung der Geistlichkeit, ja sogar durch einen gewissen Zwang zustande gekommen. Ich nehme an, daß ich diesen Frauen aus der Seele spreche, wenn ich für sie das Wort ergreife, um ihren Standpunkt klar zu machen.
Wieviele von ihnen wissen ihren Mann, Vater oder Bruder draußen in fremder Erde oder noch in Kriegsgefangenschaft. Wie im Kriege stellen sie auch jetzt „ihren Mann“, nicht nur in der Landwirtschaft, in Geschäften und Betrieben, vor allem auch dem Leben gegenüber, das heute den ganzen Menschen fordert. Schwerwiegende Entschlüsse sind zu treffen, entsagungsvolles Sorgen für die Angehörigen ist nötig geworden, tapferes Auftreten für sich selbst und die Familie. Nicht leicht ist es auch, die zahllosen Auswüchse unserer Zeit mit ihren oft recht verwirrten Begriffen richtig zu erkennen und ihnen standhafjt zu begegnen. Hat man sich auch schon Rechenschaft darüber gegeben, wie sehr etwa die Ordensschwestern heute im Leben stehen? Auf dem Rad oder im Auto kann man sie bei ihrer unermüdlichen Pflichterfüllung sehen; Tag und Nacht stehen sie im Dienst der Allgemein
heit. Sie hören, sehen und empfinden wie wir, sind den gleichen Schwierigkeiten ausgesetzt'.
Da wollen nun Leute kommen und behaupten, all diese Frauen dächten nicht selbst und wären ohne Standpunkt. Nein, es ist vielmehr so, daß die christliche Frau einen sehr festen Standpunkt hat. Sie ist nämlich durch ihren Glauben in Gott verankert wie die Eiche durch ihre Wurzeln im Erdreich. Der Glaube war die Zuflucht während der schweren Kriegsjahre und wird es bleiben in jeder Not des Herzens und des Leibes. Denn wir wissen, nichts geschieht ohne den Willen unseres Schöpfers. Wir betrachten das Gute als Geschenk aus seinen Händen, und das Schwere müssen wir aus eben diesen Händen entgegennehmen, um uns zur reifen Persönlichkeit entwickeln zu können. „Herr! schicke, was du willst, ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt.“ (Mörike.)
Ohne einen festen Glauben an Gott und die Menschlichkeit können wir Frauen nicht leben. Und wir vertreten den Paulinischen Standpunkt: „Einer trage des andern Last.“ Denn wir sind der Überzeugung, daß wir nur so die Not unseres Volkes lindem können. Wir müssen die Liebe walten lassen, die nicht an sich denkt, sondern an den Nächsten; so will es Christus. Sollten wir mm aus dieser Gemeinschaft heraustreten und eine Partei wählen, die über unseren Glauben die Achseln zuckt, wenn sie ihn nicht gar bekämpft? Nein, christlich-sozial stehen wir einer für den anderen im täglichen Leben — ein sozialeres Denken gibt es nicht als das christliche — und so haben wir auch christlich-sozial gewählt und wählen wieder nach unserer „Frauenüberzeugung“. M. W.
Aus der christlichen Welt
Die „Fuldaer Jugendtage“ erreichten ihren Höhepunkt mit einem Pontifikalamt im Hohen Dom, das der apostolische Visitator für Deutschland, Msgr. A. Muench, in Anwesenheit des Fuldaer Bischofs, Dr. Joh. Dietz, und des Weihbischofs Bolte zelebrierte. Der Fuldaer Bischof betonte in seiner Ansprache an die katholische Jugend: Es muß wieder die Zeit kommen, wo Deutschlands Jugend eingegliedert wird in die Jugend der Welt. Zur Überwindung der Krisis gehöre die Wahrhaftigkeit als erste Vorbedingung eines menschlichen Gemeinschaftslebens. „Seid gerade und aufrechte Menschen“, fuhr Dr. Dietz fort, „denn die in der jüngsten Vergangenheit erwiesene Charakterschwäche ist uns mit Recht von den Siegern vorgeworfen worden.“ Zu der wachsenden Unmoral in Deutschland führte der Fuldaer Bischof die Warnung General Eisenhowers an, daß wir alle im Staube der Atombombe versinken würden, wenn die Sittenlosigkeit in der Welt nicht verschwinde.
Der Katholische Hochschulring München ist in Verbindung mit dem Kreis evangelischer Studenten als christlicher Hochschulring von der Militärregierung lizenziert worden. Der Hochschulring erstrebt Bildung und Formung christlicher Persönlichkeiten, deren Weltanschauung und Lebenshaltung durch die Grundsätze des christlichen Glaubens bestimmt wird.
Das ungarische Nationalfest, der Stephanstag, durfte wider Erwarten mit der althergebrachten Prozession begangen werden. In ihrer Mitte schritt Kardinal Mindzenthy. Auch Vertreter der Regierung, ja sogar der Linksparteien, nahmen daran teil.
Der Erzbischof von York, Dr. Garbett, ist zu einem Besuch nach Deutschland abgereist. Er wird sich zunächst nach Köln begeben.
In einer Kundgebung zur Neuordnung von Staats- und Wirtschaftsleben hat die westfälische Provinzial-Synode zur Frage der Bodenreform Stellung genommen. „Wenn der Staat“, so heißt es hier, „sich gezwungen sieht, der Not des Volkes und der Zerstörung seiner Gemeinschaft durch eine gesetzliche Neuverteilung des Grundbesitzes zu begegnen, dann muß er wissen, daß dieser Akt ein hohes Maß staats- männischer Weisheit erfordert, damit er Gerechtigkeit schafft statt Unrecht, Hilfe bringt statt neuer Not, Frieden wirkt statt Verbitterung. — Wir verurteilen eine ungerechtfertigte entschädigungslose Wegnahme privaten Grundbesitzes. Diebstahl wird auch dann nicht zu Recht, wenn er durch ein Gesetz des Staates begründet wird. An den Geboten Gottes allein erweisen sich Gesetze als gerecht oder unsittlich. — Wir verurteilen ebenso jedes hartherzige und eigennützige Sichverschließen vor der Not derer, die Heimat und Boden verloren haben. Jedoch hat, wer seinen Besitz gewissenhaft verwaltet, Anspruch auf gerechten Ausgleich, wenn ihm ein Teil genommen wird. — Eine Neuverteilung mit parteipolitischen oder weltanschaulichen Zielen ist unrecht. Sachliches Können und sittliche Tüchtigkeit allein entscheiden über die Einsetzung als Haushalter. Wenn Obrigkeit und Volk hier nicht dem Gebot der Gerechtigkeit und der Liebe gehorchen, werden Eigennutz und Verbitterung, Neid und Mißgunst neues Unheil heraufführen.“
Über die amerikanische Presseagentur „Reli- gious News Service" hat der Leiter des evan- gelischen Hilfswerkes, Konsistorial- rat Dr. Gerstemaier, eine Botschaft an die evangelischen Kirchen in Amerika gerichtet. In der Botschaft wird die Bedeutung der Spenden der evangelischen Kirchen in den Vereinigten Staaten hervorgehoben, die mächtige Helfer im Kampfe gegen die große Not gewesen sind. Von diesen Spenden hätten Tausende von Hungernden der Verzweiflung entrissen werden können.
(ut) Das Urteil der Richter in Nürnberg hat länger auf sich warten lassen, als es manchem Deutschen wünschenswert war. Diese Leute waren der Meinung, man hätte die jetzt Verurteilten vor mehr als einem Jahr, ais der Zusammenbruch da war, an den ersten besten La- temenpfahl aufknüpfen sollen. Ein solches Vorgehen hätte eine gewisse Justiz bedeuten können, denn die Schuld der jetzt Verurteilten war mehr oder weniger offenbar. Aber es wäre in diesem Falle eine Bestrafung vorgenommen worden, bevor das Recht gefunden und gesprochen worden war. Nach den Zeiten der Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeiten kam es doch gerade für uns Deutsche darauf an, daß das Recht gefunden würde und daß das Recht geschähe. Es wäre auch für die Nürnberger Richter nicht schwer gewesen, die Schuld der 21 Angeklagten festzustellen und nach den immer schon gültigen Gesetzen der Strafgesetzbücher zu urteilen. Der Punkt 3 etwa der Anklage, „Kriegsverbrechen“, war in vielen Fällen eindeutig bewiesen. Hierfür hätte es keinen Prozeß von Jahresdauer gebraucht.
Aber auf dem Schuldkonto der Nürnberger Angeklagten standen noch die Punkte „Verschwörung gegen den Frieden“, „Verbrechen gegen den Frieden“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit “. Und das sind neue in der internationalen Gerichtsbarkeit und Rechtspflege. Um diese Anklagen zu begründen, bedurfte es einer umfassenden Arbeit, bis das Anklagematerial zusammengetragen und gesichtet war und verhandelt werden konnte; immer in der Absicht — das ist zweifellos die intensivste Arbeit gewesen — nicht die Schuld allein, sondern auch das Recht zu finden, das bisher nirgendwo verankert ist. Es handelte sich ja nicht darum, eine „Rabenmutter“ zu bestrafen, die ihr Kind fortgesetzt mißhandelte und schließlich zu Tode gebracht hat; auch diese Mutter beging ja in gewisser Hinsicht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit; ein solches Verbrechen trägt jedoch einen ganz persönlichen Charakter, d. h. es ist begrenzt und die Strafe in dem Gesetzbuch ist dafür genau bezeichnet. Bel der Nürnberger Anklage auf Verbrechen gegen die •Menschlichkeit handelt es sich jedoch um solche, die das Maß des Vorstellbaren weit überschritten.
Es blieb den Nationalsozialisten überlassen, eine solche Schuld zu schaffen, die sich kaum noch messen ließ. Es blieb ihnen Vorbehalten, nicht an einzelnen Menschen, die nicht zur Nation, die zu einer anderen Rasse oder zu einer nicht geduldeten religiösen Gemeinschaft gehörten, sondern an der Menschheit schuldig zu werden. Freilich mit dem Zusammenzählen der an der Menschheit begangenen Verbrechen wäre das Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch keineswegs erfaßt. Denn so wenig die Menschheit nur die Summe der Menschen ist, so wenig stellt die Menschlichkeit eine Addition von allgemeinen Gefühlen und Empfindungen dar, die in der Welt gang und gäbe sind. Man muß siqh des Wortes Humanität erinnern, um ganz klar zu sehen, was mit der Menschlichkeit gemeint ist und wie sehr dagegen verfehlt wurde. Insofern geht uns der Urteilsspruch sehr viel an, auch diejenigen, die im Dritten Reich keine persönliche Schuld hinsichtlich der vier Anklagepunkte auf sich luden.
Es ist kein Zufall, daß fremde Mächte in Nürnberg zu Gerichte saßen. Wir treiben auch keine Sinndeuterei, wenn wir in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß ein internationaler Gerichtshof uns die Arbeit und die Verantwortung des Gerichtes abnahm (mit gutem Grund schalten wir hier ein, daß es einem einzelnen Siegervolke schwerlich gelungen wäre, das Recht zu finden, was eben mehr ist, als ein Urteil fällen). Das bedeutet kein Mißtrauen gegen die deutsche Justiz und ihre Vertreter, wenn wir so sprechen. Aber die geschichtliche Tatsache, daß andere Völker hier Recht sprachen, könnte von späteren Historikern und Rechtsgeschichtlern durchaus als eine geschichtliche Notwendigkeit erkannt werden.
So betrachtet, ist vieles von Nürnberg aus an die deutsche Adresse gerichtet worden; aber nicht nur an diese. Die Tatsache, daß die Verantwortung einer Nation hinsichtlich ihres internationalen Verhaltens zum ersten Mal in der Geschichte vor ein internationales Gericht gestellt wurde, weist auf Folgerungen hin, die gar nicht abzusehen sind. Wir bezweifeln noch, daß, wie auch eine französische Zeitung meint, hier ein Dogma geschaffen worden sei; es handelt sich wohl mehr um einen Präzedenzfall, der nach der ausdrücklichen Erklärung des Nürnberger Richterkollegiums allerdings Schule machen soll, damit die Menschlichkeit, und zwar nicht als letzte Macht, die internationalen Beziehungen der Völker bestimme.
Der Südwestfunk sendet:
Mittwoch, 9. Okt.. 8.10 u 1.15 Morgenkonzert; 7.35'. Froher Klang zur Morgenstunde - 11 45: Lokales Programm der einzelnen Sender; 13 15 Musik nach Tisch; 14: Wir Jungen Menschen; 16.30: Naehmittagskonv.ert; 18.45: Französisch; 19.00: Unterhaltungsmusik; 19.15: Amerikanisches Theater — gestern und heute: 20.15: Das Prisma, Konzert des Großen Orchesters des Südwestfunks; 21J5: Heiteres Kabarett; 22 15: Tanzmusik; 23.15: Das Kleine Orchester des Südwestfunks.
Donnerstag, 10. Oktobei., 6 l r und 7.15. Morgenkonzert; 7.35: Froher Klang zur Morgenstunde; 7.50; Fa- milienlunk: Uber die Hautpflege; 12.00: Lokales Programm der einzelnen Sender; 13.15: Musik nach Tisch; 14.00: Die Stimme aus dem Märchenland: 16.30: Musik zur Teestunde; 18.45: Französisch; 19.00: Unterhaltungsmusik; 21.15 Frühe Ged:chte von Wolfgang Lohmeyer ; 21.25: Kammermusik; 22.15: Intimes Brettl; 23.00; Unterhaltungsmusik.
Freitag, 11. Oktober: 6.10 und l.li M ugenkonzert; 7.35: Froher Klang zur Morgenstunde; ll 45: Lokales Programm der einzelnen Sender; 13.15: Musik nach Tisch; 14.00: Unterhaltungskonzert - 16.30. Musik, Musik, Musik! 18.45: Französisch; 19.00: Unterhaltungsmusik; 19.15: Dämonie ohne Mythos; 20 15 Kammermusik; Dazwischen: Georg Schwarz : Der Träumer Eduard Möricke; 22.15 Tanzmusik, 23 0« Unterhaltungsmusik.
Samstag, 12. Oktober: 6.10 und 7.15 - Morgenkonzert; 7.35: Froher Klang zui Morgenstunde; 12.00 Lokales Programm der einzelnen Sender; 1315: Musik nach Tisch; 14.001 Wir jungen Menschen; 16.30: Musik und Dichtung; 18,45 Französiscn rtFiederho.ung»; 19.00: Unterhaltungsmusik: 19 15 - D. ktuelle Th^ma; 20.15: „Vom Sehwarzwald hinüber zum Rhein “; 22.15: TanzmusUc.