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Seite 2— Nummer 60

QarVotk

Samstag, 19. Mal 1951

des Hitlerfaschismus in Deutschland den Mord zum politischen Kampfmittel.

In der noch jungen Bundesrepublik scheint sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen. Das Auftreten von rechtsradikalen Parteifüh­rern und Bundestagsabgeordneten, namentlich in Schleswig-Holstein und neuerdings in Nier- dersachsen, hat gezeigt, daß in Deutschland das politische Rowdytum immer noch nicht über­wunden ist, so daß man das Verbot rechtsradi­kaler Parteigruppen in Erwägung ziehen muß.

Was soll man aber dazu sagen, wenn eine Partei wie die CDU , die angeblich für christ­liche Kultur und Politik kämpft, die wider­lichen politischen Kampfmethoden einer un­rühmlichen Vergangenheit wieder aufleben läßt? Dies geschah im Wahlkreis des CDU - Bundestagsabgeordneten Dr. Orth (Speyer - Landau -Germersheim ) anläßlich der Landtags­wahl in Rheinland-Pfalz durch Anschlag fol­genden Plakates:

Brüning mußte gehen, damit

FrQhjdhrsofFenfive geht weiter

* Tokio. In Korea hat die seit Tagen erwartete zweite Phase der kommunistischen Frfih- jahrsoffensive begonnen. Die Kommunisten haben ihre Angriffe nach einigen Erkundungs­vorstößen auf das gesamte Frontgebiet ausgedehnt. Die UNO-Truppen wurden bereits an

mehreren Stellen zum Rückzug gezwungen.

Die Lage ist ähnlich wie zu Beginn der ersteh kommunistischen Offensive vor drei Wochen. Wieder rennen die Kommunisten ohne Deckung an und erleiden, im massierten Abwehrfeuer der Verteidiger schwerste Verluste.

Bisher haben die Kommunisten nur im Osten der quer durch die Halbinsel verlaufenden Front nennenswerte Erfolge erzielen können. Während südkoreanische Verbände bei Indsche vor den chinesischen Angreifern zurückweichen mußten, gelang es britischen und australischen Truppen an der Mittelfront südlich von Tschuntschon, die in Wellen anstürmenden Kommunisten zum Stehen zu bringen.

Wie die 8. USA -Armee bekanntgab, ist den Chinesen auch weiter westlich im Raume nörd­lich von Söul Einhalt geboten worden. Dort haben türkische Einheiten, die sich durch be­sondere Tapferkeit auszeichneten, zwei Frontal­angriffe der Chinesen mit Unterstützung schwe­ren Sperrfeuers der UNO -Artillerie abgewiesen. Die unter Geheul angreifenden Chinesen er­litten schwerste Verluste. Zu Tausenden griffen sie spät in der Nacht zum Freitag und am Frei­tag früh erneut an und wurden von den,Türken, die sie in ihren Schützenlöchern mit Maschinen­gewehrfeuer empfingen, niedergemäht.

Saarpolitiker ausgewiesen

Saarbrüchen. Der aus dem saarländischen Landtag ausgeschlossene unabhängige Abgeord­nete Heinrich Danzebrink ist durch eine Ver­fügung der französischen Regierung aus dem Saarland ausgewiesen worden. Wie das fran­zösische Hohe Kommissariat in Saarbrücken mitteilt, muß Danzebrink das Saarland inner­halb von 48 Stunden verlassen.

Danzebrink. der nach 1933 aus Deutschland an die Saat emigrierte und von dort 1935 nach Frankreich ging, besitzt die französische Staats­angehörigkeit. Nach Kriegsende war er in das Saarland zurückgekehrt und Mitglied der Ver­waltungskommission geworden, die den wirt­schaftlichen Anschluß der Saar an Frankreich vorbereitete. Er wurde als Abgeordneter der Christlichen Volkspartei in den Landtag ge­wählt, geriet aber bald in Opposition zur Regie­rung Hoffmann und trat aus der CVP-Fraktion aus. Als unabhängiger Abgeordneter übte er heftig Kritik an der Saarregierung.

Hitler

kommen konnte. .

Soll

Adenauer gehen, damit Dr. Schumacher kommt und erneut ein nationales Unglück über uns hereinbricht!?

Das Mainzer Organ der SPD — „Die Frei­heit“ — bezeichnet diese Plakatierung als den Gipfel der Gemeinheit und äußert sich ab­schließend wie folgt:

„Aus der Gegenüberstellung Schumacher- Hitler spricht nicht nur ein grenzenloser Haß gewisser Kreise gegen die Sozialdemokratie, sondern auch eine nicht wiederzugebende Charakterlosigkeit jener gewissenlosen Per­sonen, die für dieses Plakat verantwortlich zeichnen. Um einen Mann, der die besten Jahre seines Lebens unter Aufopferung seiner Gesundheit im Kampfe gegen Hitler und sein System eingesetzt hat, der elf Jahre lang die brutalsten Gemeinheiten im Konzentra­tionslager auf sich nehmen mußte, mit Hitler gleichsetzen, muß man sich schon in einer geistigen Verfassung befinden, die jedes Ge­fühl für Anstand vermissen läßt.“

Die bisherigen Wahlen, die der SPD erfreu­liche Erfolge und der CDU empfindliche Rück­schläge brachten, haben gezeigt, daß man mit Kampfmethoden, die aus der Nazizeit entlehnt sind, den Zerfall einer Partei nicht mehr auf­zuhalten vermag. e. Sch.

Schriftsteller zur Reklame mißbraucht

Perfien fühlt fich ftark

Teheran . „Großbritannien kann uns mit ein paar Fallschirmjägern nicht erschüttern“, er­klärte der Abgeordnete Haiy Zadeh in einer Rede im persischen Unterhaus. „Sie wären nur ein kleiner Happen für unsere Grenzstämme. Großbritannien irrt sich, wenn es glaubt, Per­ sien in ein neues Korea verwandeln zu können. Wenn sie Fallschirmtruppen einsetzen, kann ein dritter Weltkrieg nicht verhindert werden“.

Der Abgeordnete ergänzte, die Engländer seien sich über ihre eigene Lage und die Situation Persiens nicht im klaren. „Persien ist nicht das gleiche Land wie vor dem ersten Weltkrieg, und Großbritannien ist nicht so stark wie einst“. Die Welt wisse, daß das 1933 abgeschlossene Abkommen zwischen der anglo-iranischen Erd­ölgesellschaft und der persischen Regierung unter Druck und unter diktatorischen Verhält­nissen unterzeichnet worden sei.

Washington . Der frühere amerikanische Un­terstaatssekretär Will Clayton wies auf den ex­plosiven Charakter hin, den die Lage in Per­ sien angenommen habe. „Die Massierung sowje­tisch kontrollierter „Befreiungstruppen“ an der Nordgrenze und die Bereitstellung britischer Fallschirmjäger zur Abwehr eines von den So­wjets inspirierten Schrittes in diesem Teil der Welt, sagte Clayton, zeigen uns, wie dicht wir vor einer Explosion im Nahen Osten stehen“. Er fügte hinzu: „Die Eingliederung Persiens in den sowjetischen Herrschaftsbereich würde die gesamte Machtverteilung in der Welt verlagern. Die. freien Nationen könnten eine solche *Ver-

, lagerung nicht hinnehmen. Die Folge wäre Krieg. Das könnte passieren, und zwar noch in diesem Sommer“.

Portugiesischer Thronanwärter vernngif kt Diedenhofen. Der portugiesische Thronprä­tendent, Herzog Duarte Nuno von Braganza, verunglückte mit seiner Gattin in der Nähe von Diedenhofen (Lothringen ) schwer. E;ide wurden in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie zunächst längere Zeit besinnungslos lagen. Der Zustand des Herzogs wird von den Ärzten als bedenklich bezeichnet. Das Herzogspaar hatte in Nancy an der Hochzeit Otto von Habstzurgs teilgenommen. Das Unglück ereignete sich auf einer Autofahrt durch Lothringen

Leipziger „Kulturkongreß 1

In der Leipziger Kongreßhalle wurde der von Johannes R. Becher und einem „gesamtdeut­schen Kulturausschuß“ einberuf ene „erste deutsche Kulturkongreß“ vor etwa 500 Teil­nehmern eröffnet. Angeblich befinden sich unter den Tagungsteilnehmern auch 200 Dele­gierte — Künstler, Schriftsteller oder Vertreter der technischen Intelligenz — aus dem Bun­desgebiet.

Auf mit schwarz-rot-goldenen Fahnen ge- schmückter Tribüne nahm das etwa dreißig­köpfige Präsidium Platz, das sich paritätisch aus Kongreßteilnehmern aus der Sowjetzone und dem Bundesgebiet zusammensetzt, darunter der Hamburger Schriftsteller Peter Martin Lampel , der Münchener Maler Julius Hüter, der Worps- weder Schriftsteller Gustav Schenk , der Bild­

hauer Fred Brosius aus Frankfurt a. M., der Münchener Maler Professor Franz Heokendorf und der Mannheimer Architekt Ferdinand Rupp. Die ostdeutschen Vertreter des Präsidiums sind: Bodo Uhse , Bert* Brecht, Arnold Zweig, Jo­hannes R. Becher, der Komponist Hanns Eisler , Intendant Ernst Legal , der Weimarer Dirigent Professor Hermann Abendroth und der Rektor der Leipziger Universität, Georg Meyer. Becher sprach von der Unteilbarkeit der deutschen Kultur. Er wolle die Gäste aus Westdeutschland besonders auf die „bedeutenden kulturellen Er­folge im Gebiet der deutschen demokratischen Republik “ hinweisen. Es handele sich, wie Becher meinte, nicht nur um eine Hebung des weltanschaulichen und künstlerischen Niveaus, sondern vielmehr um eine Kulturemeuerung.

Das erste Beben in der Po-Ebene

Rom . Drei alte Frauen sind die einzigen Opfer, die das Erdbeben in Oberitalien forderte. Sie starben unter dem Eindruck der Naturkata­strophe am Herzschlag.

In den Theatern und Kinos Mailands kam es während des Bebens nur deshalb zu keinen folgenschweren Panikszenen, weil sich überall geistesgegenwärtige Künstler fanden, die das Publikum ablenkten.

Das Erdbeben hat auch die Tierwelt betrof­fen. In Adria fiel eine Hühnerschar in einen sich plötzlich öffnenden Erdspalt. Im Corner See, in dessen Nähe sich das Zentrum des Bebens be- fan'd, starben Hunderte von Fischen. Das Beben ist nach den Feststellungen der Erdbebenwarte in Rom das erste seit Menschengedenken in der Po-Ebene.

Zum erften Male Ausfuhrüberschuß

B o n n. Im A I schloß die Außenhandels­bilanz der Bundesrepublik einschließlich West- Berlin zum erstenmal mit einem Ausfuhrüber­schuß von 77 Millionen DM ab, der sich nach Abzug der Einfuhren aus Marsjiall-Plan- und Garioamitteln von der Gesamteinfuhr noch be­trächtlich erhöht.

Die Ausfuhr stieg gegenüber März um 6 Pro­zent von 1090 Millionen DM auf 1155 Millionen DM. Die Ausfuhr von Kohle (insbesondere Steinkohle) ging um 105 000 Tonnen zurück.

Die Einfuhr sank um 14 Prozent von 1258 Millionen DM auf 1078 Millionen DM.

In der Zeit von Januar bis April war die Ein­fuhr mit 4799 Millionen DM um 1555 Millionen DM, das heißt um 48 Prozent, die Ausfuhr mit 4130 Millionen, DM um 2081 Millionen DM, das heißt um 102 Prozent höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Tumult im Tübinger Landtag

Tübingen . Zu tumultartigen Auseinander­setzungen kam es im Landtag von Südwürt- temberg-Hohenzollern, als die Fraktionen der CDU , SPD und FDP beschlossen, über einen Initiativgesetzentwurf zur Tagesordnung über­zugehen.

Von den auffallend stark besetzten Zu­schauerbänken ertönten laute Pfui-RUfe. Dar­aufhin forderte der Landtagspräsident die Zwi­schenrufer auf, den Saal zu verlassen. Unter­stützt vom KPD -Fraktionsvorsitzenden Wil­ fried Acker

, widersetzten sich die Demonstran­ten dieser Aufforderung. Die Sitzung wurde unterbrochen und Polizei herbeigerufen. Noch Vor dem Eintreffen der Polizei gelang es aber, die lautesten Zwischenrufer, unter denen sich auch Mitglieder der Tübinger FDJ befanden, aus dem Saal zu entfernen.

Zu Beginn der Sitzung hatte der KPD -Ab- geordnete Emst Laich mitgeteilt, er sei wegen politischer Meinungsverschiedenheiten aus der KPD ausgetreten. In der KPD gebe es keine freie Meinungsäußerung mehr. Auf die Partei­mitglieder werde ein übler Gesinnungsterror ausgeübt, den man nur noch als brutale Dik­tatur bezeichnen könne.

Ufas madit das Wetter?

Durch Ausbildung eines Hockdruckgebietes im Raum der Nordsee hat die Großwetterlage eine Um­stellung erfahren. Über Mitteleuropa hat sich eine Ostströmung eingestellt, mit der nunmehr wärmere Festlandluftmassen unserem Gebiet zugeführt wer­den. Bei vorherrschendem HöchdruCkeinfluß wird bei uns freundliches Wetter eintreten.

Wetteraussichten: Überwiegend heiter oder nur leicht bewölkt, abgesehen von örtlichen Gewittern trocken, ziemlich warm, Tageshöchsttemperaturen bis über 20 Grad ansteigend. Noch kühle Nächte, meist schwache Winde aus östlichen Richtungen.

Herausgeber: Sozialistischer Verlag Freiburg U.m.b.H. Freiburg 1. Br., Kaiser-Joseph-Straße 229. Fernruf 281s Hauptschrlftleitung: Alfred Oesterheld Verlagsleitung: E. Bauermeister Druck: Universitätsdruckerei Poppen & Ortmann. Freiburg i. Br.

-Das Volk* erscheint: Dienstag. Donnerstag. Samstag

Sind Kinderbücher -

Wenn Robinson sich auf seiner einsamen Insel einrichtet, wenn Lederstrumpf mit seiner treff­sicheren Flinte und seinen indianischen Freun­den durch die Wälder streift, wenn Gulliver seine • menschliche Größe und Winzigkeit an Zwergen und Riesen mißt, und wenn der när­rische Don Quijote mit der Lanze die Wind­mühlen attackiert — dann haben die Kinder ihre Freude und ihren Spaß an der bunten Welt, an der Unerschrockenheit der Helden und dem komischen Spiel der Schicksale. Das ist bekömmlich und lobenswert, daran soll nicht gerüttelt und geschmälert werden. Kommt aber das Gespräch auf die Bücher, die wir alle mit­einander in der Jugend gelesen haben, reicht es bei diesem und jenem nur zu einer freund­lichen, leicht amüsierten Erinnerung;

Die Jugendbücher sind in der Kinderstube zurückgeblieben, gewiß zerfetzt und gelesen, aber auch vergessen und verstaubt — und der erwachsene Leser komplizierter Romane und der lauten, modernen politischen Bücher weiß nichts davon, daß er in seinen frühen Jahren mit schöner Unbefangenheit durch ein paar große Stücke der Weltliteratur gegangen ist. Das Kind hat den fein säuberlich herausge­schälten Inhalt, die Fabel, die Handlung zu sich genommen — der Erwachsene meint, mit die­ser ersten flüchtigen Bekanntschaft, zu der sich Robinson und Freitag, Lederstrumpf und Chin- gachkogh freundwillig gestellt haben, sei alles, das Richtige und Notwendige, getan.

Nichts ist getan. Es ist nur durch die wohl­feilen, handsamen Ausgaben für Kinder und solche, die es bleiben wollen, dem Leser der Weg zu einigen ganz großen Erlebnissen ver­stellt worden. Niemand mag es der fröhlich­lesebereiten Jugend verwehren, sich an Cooper und Defoe zu versuchen; es fehlt nur an Hin­weisen auf den Kostprobencharakter der ge­kürzten Stücke, an deutlicher Ermunterung zu einer späteren, gründlich wiederholten Lektüre. Bei Cervantes und Swift aber liegt der Fall wesentlich anders. Daß Robinson Crusoe, der tapfere Realist und fortschrittsgläubige Opti­mist, seine theologischen Meditationen nicht für die arglosen Kleinen geschrieben hat, daß die Geschichte von dem alten Jäger Lederstrumpf mehr als ein spannender Indianerschmöker, daß

auch Kinderbücher?

sie eine großartige, wehmütige Elegie auf den Untergang einer starken, wilden Natur ist, mag sich bereits herumgesprochen haben, doch das Problem bleibt das gleiche: die beiden gewich­tigen Bücher werden in schmalen Formaten vorzeitig verbraucht und erleiden dasselbe Schicksal wie unsere klassischen Dramen, die in emsiger Schullektüre für Lebenszeiten außer Gefecht gesetzt werden. Gewiß-Kinderbücher oder besser: auch Kinderbücher; in Wahrheit: kluge, große Romane, die in die Hände von Erwachsenen gehörten.

Geradezu erschreckend wird das Mißverhält­nis zwischen dem Produkt und den Konsumen­ten, betrachtet man die beiden „Kinderbücher“, die, wie sie da sind und ohne Vorbehalt, zu den wenigen ganz bedeutenden, den größten Wer­ken der Weltliteratur gezählt werden müssen. Wir alle sind eifrig bemüht, die „Bestseller “ eines jeden Jahres frisch und munter aufzu­nehmen, um für die Plauderei im Kaffeehaus gebührend mit Kenntnissen versehen zu sein;

Athen . Die Griechin Helena Veloudio gehört zu den Frauen, die jahrelang ein Gewehr tra­gen mußten. Ich traf sie kürzlich in einem Berg­dorf des Peloponnes zwischen Olivenbäumen und staubigen Feigenkakteen. Weißgekalkte Häuschen klebten wie Schwalbennester an den Felsen. Es gab keine Taverne, keine Postanstalt, keine Radioantenne. Aber eine Schule war da. Die Kinder stimmten mir zu Ehren eine Volks­weise an. Plötzlich verstummten sie. In das Gesicht der Lehrerin trat ein abweisender" Ausdruck.

An der offenen Schultür ging eine junge Frau vorbei, gebeugt unter der Last eines Bündels. Ihr Blick war starr auf den Boden gerichtet.

Ich bemerkte jetzt viele Gesichter hinter Tür­spalten und Fensterlöchern. Mitleidige Mienen, verkniffene Lippen. Männer rieben sich ver­legen das Kinn. Niemand sagte ein Wort.

Später wollte keine Stimmung mehr "auf- kommen. Ich verabschiedete mich und folgte

wir alle verteilen ohne Beschwernis Zensuren und kennen gar nicht oder höchst oberflächlich die großen Vorbilder und die Maßstäbe, die der Genius aufgerichtet hat.

Die ironisch-schmerzliche Konfrontation un­serer Möglichkeiten, die Cervantes gedichtet hat, steht immer noch in dem Spielzeugschrank neben den Holzpferden, Puppen und bunten Bällen. Nicht anders ist es der bitter-bösen Sa­tire des Jonathan Swift ergangen, diesem wahrhaft erleuchtenden Buche, das vor keiner Grausamkeit der menschlichen Natur und Seele zurückschreckt. Läßt sich noch die Lektüre Ro­binsons und Lederstrumpfs hinter der Schule zögernd vertreten, hören bei Don Quijote und Gulliver der Spaß und die Freundlichkeit und das neckische Getue auf. Auch Kinderbücher? Gift für die Kinder, selbst in chemisch gerei­nigter und chirurgisch amputierter Form, weil ihnen damit für ihr Leben lang der Ge­schmack an einer ganzen Gruppe wichtiger, be­deutender Bücher verdorben, der Zugang zu wesentlichen, tiefen Erkenntnissen, zu einer neuen,' bestürzenden Verwandlung versperrt wird- Wolfgang Drews.

der Frau ins Tal hinab. Willig ließ sie sich das Bündel abnehmen. Sie seufzte ein bißchen, als sie sich aufrichtete und ihr langes Haar zurück­strich, das pechschwarz war wie ihre Augen­sterne. Auf dem Weg zur nächsten Landstraße erfuhr ich ihr Schicksal.

Die Griechin hatte als Partisanin gekämpft. Als Frau unter Rebellen. Als die Kommunisten während des Bürgerkrieges in Griechenland immer größere Verluste erlitten, preßten sie auch Frauen zum Kriegsdienst. Erst für Nach­schubdienste, dann zum Einsatz an der Front. Regierungstruppen umschlossen ganze Guerilla­verbände. Jeder fünfte Partisane war eine Frau.

Helena Veloudio hätte ruhig in ihrem Berg­dorf gelebt, doch eines Tages wurde sie zu ihrem Onkel nach Kavalla gerufen, weit im Norden Griechenlands . Im Krieg gab es über­all lohnende Arbeit für Frauen. Helena scheu­erte Bürohäuser und war sehr zufrieden. Von Politik verstand sie nichts: Sie wurde erst ängst­lich, als die Roten regierten. Ja, und dann holte

I man sie. Das Mädchen aus dem Bergdorf be­kam ein Gewehr. Aber es gab auch Frauen, die mußten ein MG bedienen. Als Helena zum erstenmal den Finger um den Abzugsbügel eines Karabiners krümmte, war sie sechzehn .Jahre alt.

In den Nächten ruhte der Kampf. Dann dach­ten die Partisanen daran, daß in den Schützen­gräben Frauen lebten. Die Guerillas waren ge­ächtet, ausgestoßen aus der Gesellschaft fried­liebender Griechen. Das nahm ihnen den letz­ten Halt. Sie hatten keine Achtung mehr vor alten Lebensformen — sie kamen auch zu Helena.

Als ich in Athen von meiner Begegnung er­zählte, zuckte man auch bei den Regierungs­stellen hilflos die Schultern. „Ja, ja, wir wis­sen . . . Die Mädchen können in den seltensten Fällen in ihre Dörfer zurück. In das Leben von gestern. Noch immer herrscht in Griechenland der Familienverband. Der achtet auf die Rein­heit der Sippe. Der verurteilt und straft, und wenn er machtlos ist, sondert er ab. Auch die Notzeit hat daran wenig geändert. Wir können uns schon denken: — die kleine Helena wurde bedauert, aber zum Schluß hieß man sie ge­hen. Kein, Bursche aus dem Heimatdorf hätte sie jemals zum Traualtar geführt. So erging es nicht nur dem Mädchen Helena. Tausende wur­den verstoßen . . .!“

Später sah ich die Griechin noch einmal in Athen . Sie spülte Weingläser in einer Taverne, ln Athen ist man weniger streng. Wer hier Arbeit sucht, will meistens vergessen - . -

Rudolf Jacobs

Versicherangspflicht für Jugendliche

Der Bundesj ugendausschuß des Deutschen Gewerkschaftsbundes fordert in einer Erklä­rung, daß die Versicherungspflicht für Jugend­liche in der Berufsausbildung unverzüglich wie­der eingeführt wird. Wie die DGB -Bundes- pressestelle hierzu mitteilt, wendet sich der Aus­schuß besonders dagegen, daß die gesetzliche Regelung über die Versicherungspflicht für Jugendliche in der Berufsausbildung bis zur Gesamtreform des Gesetzes über die Arbeits­vermittlung und Arbeitslosenversicherung zu­rückgestellt werden soll. Die • dadurch ent­stehende zeitliche Verzögerung sei untragbar.

Helena, ein griechisches Mädchen