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Seite 2 / Nummer 159

Samstag, 12. Juli lf >2

Pieck verurteilt Widerstände gegen „Volksarmee"

Streitkrfilte der Sowjetzone sollen mit modernsten Wollen ausgerüstet werden

Streik bei Ratifizierung?

Carlo Schmid wünscht neutralen Block

STOCKHOLM . Die deutsche Sozialdemokratie wür- •de einen neutralen Blöde zwischen den Großmacht­lagern von Stockholm , bis Bonn mit großer Befriedi­gung begrüßen, erklärte Professor Carlo Schitiid in einem am Freitag veröffentlichten Interview für das Stockholmer Abendblatt „Expressen“. „Adenauers Generalvertrag mit den Westmächten ist ein Stück Papier . Wenn die Sozialdemokraten nach einer allge­meinen Wahl im nächsten Jahr Regierungspartei werden, so werden die Westmächte in eine Modifi­zierung des Bonner Deutschlandvertrages und des Pariser Vertrages über die EVG in der von uns ge­wünschten Richtung einwilligen“, .betonte Professor Schmid. „Wir wissen, daß unsere Stellungnahme zur Bündnispolitik der Bundesregierung bei unseren Parteikameraden in den westeuropäischen Ländern Verstimmung erweckt, aber es ist uns gleichgültig, ob wir das Vertrauen der übrigen Arbeiterparteien behalten oder nicht. Dagegen sind wir glücklich, daß unsere Stellungnahme bei der schwedischen Arbei­terpartei soviel Verständnis findet.“

Nachdem Prof. Schmid sich zugunsten einer neu­tralen Achse von Stockholm bis Bonn ausgesprochen hatte, erklärte er auf die Frage: Und wenn die Ver­träge doch ratifiziert werden? „Ja-, dann werden sie es. Es ist gut möglich, daß die schon jetzt von den Gewerkschaften ausgesprochenen Streikdrohungen dann ernst werden“.

Geflüchtete rumänische Flieger berichten

BELGRAD . Die Amtsenthebung des rumänischen Außenminister Anna Pauker und der Minister Luca und Georgescu sei nicht wegen mangelnder Linien­treue erfolgt, berichteten die beiden am 5. Juli nach Jugoslawien geflüchteten rumänischen Fliegergoffi- ziere am Freitag der Presse in Belgrad . Die Minister seien wegen der wachsenden Unzufriedenheit in Ru­ mänien von Moskau „geopfert worden“. Die beiden Fliegeroffiziere sagten, die entlassenen Minister hät­ten nichts anderes getan, als die Weisungen Moskaus befolgt. Wilde Streiks und offene Empörung der Arbeiterschaft angesichts der Wirtschaftlichen Aus­beutung und des politischen Terrors hätten in Ru­ mänien ein solches Ausmaß angenommen, daß Mos­ kau etwas habe tun müssen, um die Bevölkerung zu beschwichtigen. Die drei kaltgestellten Minister hät­ten sich den Haß des Volkes in besonderem Maße zu­gezogen. Die Befriedigung, über diese Maßnahme in Rumänien sei zwar groß gewesen, jedoch wisse das Volk, daß damit nichts besser werde. Man frage sich bereits, wer das nächste Opfer sein wird. Die beiden Offiziere sagten, die Entlassung von Pauker, Luca und Georgescu habe Massenverhaftungen und Depor­tationen unter der Beamtenschaft ihrer Ministerien nach sich gezogen und zu einer Säuberung großen Stils vor allem auch im Polizeiapparat geführt.

BERLIN . Mit dem Widerstand der Sowjetzonen­bevölkerung gegen die Aufstellung einer „Volks­armee“ setzte sich der Sowjetzonenpräsident und SED -Vorsitzende Wilhelm Pieck am Donnerstag vor der SED -Parteikonferenz auseinander. Pieck kriti­sierte heftig die ablehnende Haltung gegen die Volks­polizeiwerbung. „Es gibt nicht wenig Leute“, sagte er, „die die Werbung für unsere Volkspolizei als Stö­rung empfinden.“ Jedes spießerhafte Verhalten zur Schaffung bewaffneter Kräfte müsse von der SED entschieden zurückgewiesen und überwunden werden. Es dürfte „keine Leute geben, die sich bei der Lö­sung dieser erstrangigen staatlichen' Aufgabe abseits zu halten versuchen.“ Derartige Stimmungen seien schlimmer als Pazifismus. „Jeder, der die Verteidi­gung nicht organisieren will oder gegen die Organi­sation einer solchen Verteidigung auftritt, spielt den Aggressoren in die Hände.“ Auch innerhalb der SED müsse daher jede Unklarheit und Schwankung j n der Frage der bewaffneten Verteidigung der Sowjet­zonenrepublik restlos ausgemerzt werden.

Pieck kündigte an. daß die Streitkräfte der Sowjet­zone alle Waffen der modernen Kriegstechnik zu Lande, zu Wasser und in der Luft bekommen werden. Vorbild werde die Sow'etarm" n <wn. Kader be­nötigten eine lange und sorgfältige Ausbildung und eine große Spezialisierung. „Unsere Jugend darf sich deshalb nicht auf Kleinkaliberschießen und sportliche Ausbildung beschränken. Sie muß die moderne Mir litärwissenschaft und die modernen Waffengattungen meistern, was eine besondere Ausbildung erfordert.“ Zu den Streitkräften sollten die Jugend und alle „wehrfähigen Werktätigen“ herangezogen werden.

Zur Begründung der Militarisierung in der Sowjet­zone sagte Pieck vor den begeistert klatschenden SED -Funktionären: „Sowohl Adenauer als auch seine amerikanischen Auftraggeber verstehen eben nur die Sprache der Stärke.“ Die angekündigte Bewaffnung der Sowjetzone habe „Adenauer und die amerikani­ schen Imperialisten plötzlich nervös gemacht“. „Je stärker die DDR wird, desto eher wird sich die Bon­ ner Regierung zu einer Verständigung über gesamt­deutsche Wahlen, über die Bildung einer gesamtdeut­schen Regierung und über den Interzonenhandel be­reiterklären“, meinte er.

Von einer friedlichen deutschen Wiedervereinigung könne nicht die Rede sein, fuhr Pieck fort, solange die Bundesregierung „ihr antidemokratisches Regime auf die Deutsche Demokratische Republik “ ausdehnen will. Pieck drohte der Bundesrepublik mit der, wie er sagte, Mobilisierung der Volksmassen. „In unse­rem konkreten Fall wäre allen Völkern gedient, wenn

die westdeutsche Regierung der kriegslüsternen Re­vanchepolitiker gestürzt und durch eine andere Re­gierung ersetzt wird, die bereit ist, durch eine ge­samtdeutsche Verständigung zur Erhaltung des Frie­dens beizutragen.“

Westberlin baut 117 Straßensperren

BERLIN . Westberlin plant zunächst den Bau von 117 Straßensperren an den Grenzen zur Sowjetzbne als Schutz gegen Menschenraub und Entführungen. Verwaltung und Polizei einigten sich am Freitag auf diese Zahl. Es ist noch nicht im einzelnen entschieden, wo feste Sperren und wo Schlagbäume errichtet wer­den. Alle Westberliner Bezirke, die an die Sowjet­zone grenzen, haben am Donnerstag und Freitag mit dem Bau von Straßensperren begonnen. Als erste Straße wurde der Teltower Damm in Zehlendorf ge­sperrt, über den Rechtsanwalt Dr. Linse entführt würde.

Aus Sowjetzonen-Zuchthaus befreit

BERLIN . Mitgliedern des „Befreiungskomitees für die Opfer totalitärer Willkür“ haben zwei führende Wirtschaftler aus dem Zuchthaus Zwickau (Sowjet­zone) befreit, die zu hohen Zuchthausstrafen verur­teilt waren. Die beiden — der Direktor des Mende- Konzerns, Karl Mende, und der Direktor der Firma Tittel & Krüger AG in Leipzig und Hamburg , Ar­thur Bergei — sind am Freitag wohlbehalten in Westberlin eingetroffen. Wie dazu berichtet wird, gelang die Befreiung durch die Vorlage eines Entlas­sungsscheins und anderer Papiere; die von den Zuchthausbehörderv anerkannt wurden.

Schweres Zugunglück jenseits der Oder-Neifie

BERLIN . Augenzeugen berichteten am Freitag in Berlin von einem schweren Eisenbahnunglück, das sich am Mittwoch bei Bottschow nicht weit hinter der Oder—Neiße-Linie ereignete und über 160 To­desopfer gefordert haben soll. Der sowjetische Ur­lauberzug Frankfurt/Oder —Brest/Litqwsk ' ist den übereinstimmenden Berichten zufolge zwischen den Bahnhöfen Reppen und Bottschow entgleist und ei­ne Böschung hinab in einen See gestürzt. Ein hoher sowjetischer General und über 160 Sowjetsoldaten seien tot geborgen worden.. Das Unglück sei entstan­den, nachdem ein zweiachsiger Güterwagen’ der zwischen dem Packwagen und den D-Zugwagen lief, bei hoher Geschwindigkeit entgleiste und auch die folgenden Wagen aus den Schienen riß. Der sowjeti­sche Lokomotivführer, der Zugführer und alle zum Streckenabschnitt gehörenden polnischen Eisenbah­ner seien wegen „Sabotageverdacht“ festgenommen.

Vorläufig keine Regierungsumbildung

Neuer AuBennünister möglicherweise überhaupt nicht mehr vor Neuwahlen

BONN . Die in letzter Zeit vielfach erörterte Um­bildung der Bundesregierung wird, wie DPA von un­terrichteter Seite erfährt, nicht’ mehr vor den Par­lamentsferien stattflnden. Bundeskanzler Dr. Aden- nauer werde nach mehreren und längeren Verhand­lungen mit den Bundesministem und den Regierungs­parteien voraussichtlich von der ursprünglich noch für den Sommer vorgesehenen Kabinettsumbildung vorerst ab sehen. Aber auch die Besetzung des nach dem Tod von Minister Wildermuth verwaisten Po­stens des Wohnungsbaufninisters soll erst nach den Parlamentsferien — also frühestens im September —■ entschieden werden, obwohl die FDP -Bundestags- fraktion ihren Abgeordneten Dr. Neumayer für das Ressort nominiert hat.

Vor der endgültigen Ratifizierung der neuen deutsch -alliierten Verträge ist nicht mit der Ernen­nung eines Außenministers zu rechnen. (Der Bun­deskanzler verwaltet dieses Amt gegenwärtig in Personalunion mit.) Koalitionskyeise halten es in An­betracht dieser Verzögerung kaum für möglich, daß überhaupt noch vor den Bundestagsneuwahlen 1953 eine Besetzung des Außenministeriums erfolgt Der als aussichtsreicher Kandidat genannte Vorsitzende der CDU/CSU -Bunde ®tagsfraktion, Dr, von Bren­tano, dürfte auch kurze Zeit vor den Wahlen nicht mehr geneigt sein, das Amt zu übernehmen.

Mit der Arbeitsaufnahme der europäischen Spitzen­organe — den Behörden der Montanunion und der EVG-Gemeinscfaaft — wird nach Ansicht der glei­chen Kreise die Ernennung eines „Bundesministers für europäische Angelegenheiten“ notwendig sein. Für diesen Posten soll Vizekanzler Blücher vorgese­hen sein, der die Bundesrepublik bereits als ERP- Minister in der europäischen OEEC -Organisation vertritt

Die Bildung eines Verteidigungsministeriums wird

wahrscheinlich nicht mehr in der Amtsperiode des gegenwärtigen Kabinetts erfolgen, weil die allgemei­ne Aufstellung des deutschen Kontingents in der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht vor 1954 erfolgen soll. Die Aufstellung der Kader und Organisationsaufgaben sollen nach Wie vor von der Dienststelle Blank vorgenommen werden.

Die, gleichfalls diskutierte Umbeseteungr des Ver­triebehenministeriums ist nach Meinung von Koali­tionskreisen fraglich. Es wird angenommen, daß die Meinungsverschiedenheiten , ausgeglichen werden können.

Suppenwürfel aus Igelit

BERLIN . Acht Menschen in Sachsen-Anhalt sind in der letzten Zeit an Kehlkopfkrebs gestorben, nach­dem sie sogenannte Bino-Erzeugnisse gegessen hat­ten. Der Berliner Senator für Gesundheitswesen warnte aus diesem Grunde vor dem Genuß von Bino- Waren. Die Bino-Erzeugnisse wurden im elektroche­mischen Kombinat in Bitterfeld (Sowjetzone) herge­stellt und sind Suppenwürzen und Brühwürfel, die aus Abfällen der Igelitproduktion gewonnen werden sollen. Das Gesundheitsministerium von Sachsen-Am halt hat die Produktion nach Bekanntwerden der Todesfälle verboten.

BERLIN . Der Berliner Senat Will die Westmädite bitten, zum Schutz der Westberliner Bevölkerung • gegen Menschen­raub auch Milltärposten einzusetzen.

Gewerkschaften vor der Entscheidung

Siebenstündiga DGB-Vorstandssitzung - Vertreter der Regierungsparteien iniormleren Adenauer

DÜSSELDORF . Sieben Stunden lang dauerte die Sitzung des DGB -Bundesvorstandes am Freitag, auf der die führenden Gewerkschaftler die Situation er­örterten, die nach dem Scheitern der Mitbestim­mungsverhandlungen mit Vertretern der Regierungs­parteien entstanden ist. Nach der Sitzung wurde kein Kommunique ausgegeben, und es wurden auch keine Einzelheiten über den Sitzungsverlauf mitgeteilt. Die Sitzung — so wurde gesagt —• habe lediglich vorbe­reitenden Charakter für die Zusammenkunft des DGB -Bundesausschusses gehabt. Dieses zweithöchste Gremium des Deutschen Gewerkschaftsbundes wird heute zusammentreten und seine Beschlüsse fassen. Von zuständiger Seite wurde dazu erläutert, die Ver­handlungen des DGB -Bundesvorstandes seien vor allem durch die Tatsache bestimmt gewesen, daß das von den Gewerkschaften heftig kritisierte Betriebs­verfassungsgesetz vom Bundestag in der nächsten

Adenauer und dem DGB -Vorsitzenden Christian Fette am Montag in Bonn werde in erster Linie aus dem Blickwinkel beurteilt, ob die Absicht bestehe, den D&B vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Bundeskanzler Dr. Adenauer hatte am Freitag ei­ne Aussprache mit den Unterhändlern der Regie­rungsparteien bei den Düsseldorf «: Besprechungen mit den Gewerkschaften, die in der vergangenen Woche abgebrochen wurden. Der Bundeskanzler, der am kommenden Montag mit dem DGB -Vorsitzenden Christian Fette ln Bonn zusammentrifft, unterrich­tete sich bei Vertretern der Koalition über die strit­tigen Fragen, die zum Abbruch der Verhandlungen geführt haben. Wie verlautet, haben die Koalitions­vertreter dem Kanzler mitgeteilt, sie wünschten, daß das Betriebsverfassungsgesetz in der kommenden Woche verabschiedet wird. Die zweite und dritte Le-

Woche endgültig verabschiedet werden solL Auch i sung des Gesetzentwurfes ist für Mittwoch und Frei- das bevorstehende erneute Gespräch zwischen Dr. I tag im Bundestag vorgesehen.

**5. C j 1

Der ojts Westberlin in die Sowjetzone verschleppte Mitarbeiter der „freiheitlichen Juristen“, Dr. Walter Linse , gegen dessen Entführung am Freitag McCloy bei Tschuikow protestiert hat

Senkung der Tee- u. Kutteesteuer vorgeschlagen

BONN . Der Bundestagsausschuß für Finanz- und Steuerfragen billigte die Vorlage eines Gesetzes zur Senkung von Kaffee- und Teesteuer. Zur Zeit be­trägt die Kaffeesteuer 10 und die Teesteuer 15 Mark je Kilogramm. Nach Ansicht des Ausschusses «ollen beide Steuersätze auf 5 Mark je Kilogramm gesenkt werden. Das wäre für Tee eine Verbilligung um 10 und für Kaffee um 5 Mark je Kilogramm. Tatsächlich werde aber eine noch weitergehende Preissenkung eintreten, da mit der Steuersenkung- auch die Han­delsspannen geringer werden können. Vom Bundes­finanzministerium wird zu dem Ausschußbeschluß, der noch vom Bundestag bestätigt werden muß, jeder Kommentar abgelehnt.

Schweizer Himalaja -Expedition zurück

GENF . Die Schweizer Himalaja -Expedition unter Leitung von Dr. Eduard Wyss-Dunant kehrte am Frei­tag mit dem Flugzeug nach Genf zurück. Dr. Wyss- Dunant erklärte bei seiner Ankunft, man sei bis zu der Höhe vorgedrungen, in der Leben noch möglich ist. Die endgültige Bezwingung des Mount Everest sei nur mit verbesserten Sauerstoffapparaten möglich.

Raymond Lambert , der mit einem nepalesischen Bergführer den höchsten Punkt auf dem Mount Eve­ rest erreicht hatte, der je von einem Menschen be­treten wurde (etwa dreihundert Meter unterhalb des Gipfels), sagte, es wäre außerordentlich gefährlich gewesen, wenn man versucht hätte noch weiter vor­zudringen. Der Aufstieg bis zum Gipfel wäre viel­leicht technisch möglich gewesen, aber man wäre dann nicht mehr zurückgekehrt.

UUti*e Rundschau

BONN. Obwohl ehdgültige Entscheidungen noch nicht ge­troffen worden sind, steht nach Mitteilung unterrichteter Stellen ln Bonn fest, daß der Cfiu-Bundestagsabgeordnete Etzel und der DGB -Vertreter Dr. Deist als deutsche Ver­treter für die Hohe Behörde des Schumanplanes vorgese­hen sind.

FRANKFURT . Die amerikanische Armee wird der Bun­desbahn am 16. Juli 0 Uhr bis auf drei Ausnahmen-alle für den amerikanischen Militärpassagierverkehr beschlagnahm­ten Züge zurückgeben und auf alle bisher für amerkäni- sche und alliierte Reisende in deutschen Zügen reservierten Wagen und Abteile verzichten.

PARIS . Fälle von Sabotage, Spionage oder Sachbeschädi­gungen, die gegen Personen oder Einrichtungen eines NATO -Staates auf französischem Boden gerichtet sind, wer­den künftig von französischen Gerichten nach den glei­chen Grundsätzen behandelt werden, als wenn es sich um Vergehen an französischem Eigentum oder französischen Staatsbürgern handelt.

LONDON . Der australische Hohe Kommissar in London , Sir Thom'as White, ist am Freitag zu einem offiziellen Be­such nach Deutschland geflogen.

LONDON . Der Generalsekretär der britischen Eisenbah­ner-Gewerkschaft, Figgins, kündigte am Donnerstag an, daß die Gewerkschaft mit allen Mitteln, nieht nur mit politi­schen, gegen die Reprivatisierung des Fernlastverkehrs kämpfen werde.

WASHINGTON. Der Redakteur der „Nürnberger Zeitung“. Heinrich Körner , hat den Carl Schurz-Preis für Reportagen in seinem Blatt erhalten.

TEL AVIV . Der israelische Ministerpräsident Ben Gurion erklärte am Donnerstag vor dem Parlament, Israels For­derungen an die Sowjetzone Deutschlands blieben von den Haager Wiedergutmachungs-Verhandlungen unberührt.

FORLI (Mittelitalien ). Erdstöße von mehreren Sekunden Dauer beschädigten am Freitagnachmittag in der Stadt For- li über 10« Gebäude und machten 30 Wohnungen unbe­wohnbar. Verluste der Bevölkerung werden nicht gemeldet.

„Die Frau oom Moor"

Haimatroman von Maria Barehtanb raiter

AUa Rechte: Prometheus-Verlag, Gröbenzell

49 . (Nachdruck verboten)

Da stöhnte sie bitter. „Ich kenn midi nimmer aus. Hast du nicht den ganzen Winter bei mir auf dem Moorhof gewohnt? Hab ich dir nkht Brot und Her­berg gegeben? Hast nicht in meiner Kammer geschla­fen, dicht neben meinem Bett?“

„Wer weiß, wen du beherbergt hast!“ sagte die Alte unerschüttert. „Ist dir wohl eine Perchtin ins Haus geschloffen. Im Moor gibts viel Drudenzeug, das irgendwo unterkriechen möcht. Bist dumm ge­wesen, Moorbäuerin! Warum hast die Unholdin, die sich meinen Namen geborgt hat, nicht mit Weihbrunn angespritzt? Ein andermal sieh dich vor!“

Es war eine fremde Stimme, hoch grell und spitz, die da schier höhnisch zur Walp redete, nimmer das orgeltiefe Getön, das die alte Rake an sich -gehabt hatte. Die Walp wurde irr und wirr. Aber noch einmal ermannte sie sich.

„Schau mich an, du!“ verlangte sie drohend. „In die Augen schau mir!“ Ich muß dir was sagen, hörst! Eine Neuigkeit, die dir vielleicht doch in die Knochen schießt! Heute Nacht ist che Elis bei mir gewesen .

' Einen Augenblick schien es, als klaffe der blaue, verkniffene Mund willenlos auf zu einem Schrei. Und dieser Augenblick genügte, die Walp sicher zu ma­chen. Sie sah, wie die Alte den Atem einsog, wie die Nüstern bebten. Und spät, viel zu spät erst kam die spitze Stimme wieder, heiser und scheu: „Die Elis? Wer ist das?“

Da lachte die Walp schneidend auf: „Willst die To­ten auch noch verleugnen, Rake?“

Angewidert wandte sie der Alten den Rücken und ging hinüber zur Hütte, wo unter dem weitüberhän- genden T'ach eine Bank aus Birkenstämmchen kunst­los susatnmengenagelt war. Totmüde sank die Walp darauf nieder und schaute blicklos in den Moorfrieden hinaus.

• „Gib mir was zu essen!“ sagte sie nur noch „Durst bab ich auch . .

Die Alte war hastig hinterdrein gekommen: „Ein paar Löffel Honig kannst haben, ein» Randvoll Dörr- zwetachgen und ein Glas Quellwasser, sonst hab ich n'x.“

Da war sie auch schon in der Hütte verschwunden. Das aufgercheuchte Gebaren der Auen verriet der Walp, wie nahe sie dem Geheimnis war dessen Lö­sung sie suchte. Sie schien es zu streifen, schier m.t den Händen zu berühren und dann löste sich alles d ich wieder auf in Nichts.

„Die beißt sich eher die Zunge ab, bevor sie redet“, murmelte die Walp. „Ich hab kein Mittel, sie zu zwingen. Schlagen und schütteln kann ich sie nicht. Und auch das hülfe mir wenig.“

Leise knarrte die offene Hüttentür im Wind. Den Kopf wendend, betrachtete die Walp jetzt das win­zige, verwitterte Häusl, das bloß noch durch den üppig wuchernden Efeu zusammenfuhalten schien. Die morschen Stufen vor der Tür, die blinden Fenster, vor denen ein paar leere Blumentöpfe standen, alles sah die Walp. Arm! dachte sie. Aber ein seltsamer Zauber wob um das stille Dach, als trüge das Moor diese abgeschiedene Hütte mit besonderer Liebe auf seiner braunen Hand. Schön! dachte die Walp. Ihre Augen tranken den Sonnenrauch über dem Moor. Die Berge waren wie ausgelöscht, gar nimmer auf der Welt Da suchte der Blick in der Nähe einen Halt.

Und die Walp sah drei grüne Jungfräulein, drei Birken, die ihren zierlichen Troddelbehang wehen ließen, und darunter war etwas wie ein frisch auf­geworfenes Beet, ein dunkler Erdhügel, den der Früh- lin/ noch nicht begrünt hatte. Unablässig mußte die Walp auf diesen Hügel hinschauen. Ein ganz leiser Wolkenschatten zog über ihr Herz, Traurigkeit, kaum

spürbar, nur noch die Ahnung eines Wehs-und

dann war großer Frieden.

„Was tust denn da drüben pflanzen?“ fragte die Walp schläfrig, als die Alte mit Glas und Schüßlein aus der Hütte trat

„Wo denn?“

„Da drüben — bei den Birken . . .“ Müde deutete die Walp. Dann nahm sie das Glas aus der Hand der Alten und trank hastig.

„Was ich da drüben pflanzen tu?“ Die Alte dehnte jedes Wort. Sie schwieg einen herzklopfenden Augen­blick. Dann kam die heisere Stimme wieder, rasch

t

' und scheu: „Wilde Rosenstöck, wegen der Hagenbut- ten im Herbst . . . “

Die Walp hörte nimmer hin. Sie hatte jeden Drang zum wilden Fragen plötzlich verloren. Ruhe war in ihr. „Dein Wasser — hat aber merkwürdig ge­schmeckt . . .“ murmelte sie noch. Dann sank ihr der Kopf auf die Brust Sie schlief schon und hatte die Augen noch nicht ganz zu. Die Alte schob sie sorglich zurecht auf der Birkenbank, bettete ihren Kopf auf einen zusammengeballten Schurz und hatte einen heimlichen Spruch auf den Lippen wie immer — die Rake.

„Schlaf nur!“ nickte die Alte. „Schlafen ist besser als fragen. Es ist eine Gnad, wenn der Mensch nicht alles weiß“. Dann goß sie den Rest Wasser aus dem Glas. Und sie holte noch einen Armvoll Daxen und deckte den Erdhügel unter den Birken zu, so wie man ein Beet vor Nachtfrost schützt.

Das war ein Schlaf wie unter Mohn, so tief und lang. Hinter den geschlossenen Lidern hatte die Walp ein rotes Flammen und Blühen. Die Sonne, die über den Dachfirst fingerte, trieb ihr das schlafwarme Blut in die Wangen und hüllte allmählich ihre ganze Ge­stalt ein. Und plötzlich seufzte die Walp aus halb­geöffneten Lappen: wieder einmal *var die ver­schwundene Schwester in ihr Traumgehege geraten. Drüben auf dem Birkenhügel saß die Elis und hatte einen Büschel Mohn vor das linke Ohr gesteckt, aber die Blumen entblätterten schon, langsam tropfte Blatt um Blatt auf Hals und Schultern und das weiße Hemdleibchen, das die Elis trug.

„Tu doch das rote Zeug aus dem Haar!“ sagte die Walp und war wieder ganz die vernünftige ältere Schwester^„Schaust ja aus-wie eine Tatemfrau!“

Aber die Elis lachte nur. Zu ihren Füßen stand der alte schäbige Koffer, mit Stricken verknotet, darein der Schirm gesteckt war. Es sah aus, als wolle die Elis sich noch einmal auf die Wanderschaft machen. Aber dann lehnte sie rastend den Kopf zurück gegen die mittlere Birke, schloß die Augen und schlief nun auch, tief und fest wie die Walp. So ruhten die Schwestern im gleichen Frieden.

Eiq kühles Wehen weckte die Walp. Sie bohrte die Fäuste gähnend in beide Augtfi, rieb und wischte und schaute sich ohne Begreifen um, verwundert über den veilchenblauen Abend, der schon vom Waldrand herüberkam.

„Rake?“ fragte sie in die Stille. „Rake?“ Da trat die Alte aus der Tür. Ihr Gesicht war jetzt sauber. Sie hatte es in der Regentonne gewaschen. Und die Walp lächelte: „Ist die Faßnacht aus? Willst jetzt wieder meine Rake sein? Oder bist vielleicht doch wer an­derer? Vielleicht gar das Sumpforgelweib?“

Da lief ein spitzbübisches Zucken um den alten Mund: „Tätst dich fürchten?“

„Warum nicht gar“,*lachte die Walp. „Hab ich was Böses getan?“

„Du nicht“, sagte die Alte. „Aber der Mensch wird manchmal ins Böse gedrängt ohne sein Wissen und Dazutim.“ Sie kam näher und‘setzte sich neben die Walp, die auf einmal mit eisernem Griff ihre Hand erfaßte, diese zangenartige Wurzelklaue, dieses Bün­del dünnen, brauner Fingerschlänglein. Lange schaute die Walp darauf nieder. Dann sagte" sie ernst: „Ist das die Hand, die der Elis den roten Mohn ins Haar ge­drückt hat?“

Die Alte begriff nicht gleich. Aber dann war in ihrem Hutzelgesicht ein fragendes Staunen und eine tiefe Ergriffenheit: „Nein Walp, — an dem roten Mohn war ich nicht schuld — ich hab ihn nur weg­gewischt mit einem linden Tüchlein . . .“ Und als sie merkte, daß wieder tausend wilde Fragen in der Walp aufrebellten, hob sie flehend die Hände: „Frag mich nicht! Frag mich nicht! Ich hab mein Schwei­gen beschworen.“

Da nickte die Walp vor sich hin, als wüßte sie ohnehin alles. Sie ließ sich dann nimmer lang halten. Ein spürender Ausdruck war in ihren Augen, als stöberte und schnoberte sie au/ einer neuen Fährte dahin. Und da wußte die Rake in ohnmächtiger Sorge, daß alles nichts half. Die Walp Weidacherin würde nicht zur Ruhe kommen, ehe sie nicht den­jenigen gestellt und verbellt hatte, durch den — die Elis gestorben war.

*

Die Walp kam verspätet zur Stallarbeit, obwohl ihr die Rake einen kürzeren Fußweg gezeigt hatte. Sie wunderte sich jetzt selber, wie weit sie am Mor­gen in die Irre gelaufen war. Viel zu weit gen Osten mußte sie geraten sein. Daran war wohl die alte Römerstraße schuld, die sie fernab verlockt hatte, als wäre sie auf eine Irrwurz getreten.

(Fortsetzung folgt)