/ Nummer 207
Samstag. 6. September 1M8
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(2. Fortsetzung)
Auch war aus der langen Wagenschlange, die der Kutsche des Kapellmeisters folgte, schon die murrende Stimme seines nach Labung und Zehrung lechzenden 1 Volkes zu hören. So drehte sich Haydn , vorsichtig, damit Hutschachtel und Käfig nicht rutschten, nach dem durch seine Fülle doch ein wenig Schatten spendenden Weigl um, stieß ihn mit dem Knauf seines Stockes in die in den Wagen sich wölbende, mächtig hingebreitete Sitzfläche und rief zum Kutschbock hinauf: „Wir fahren nach Rust!“
Daß dabei doch der Käfig kippte, nahm das Federvieh krumm. Seiner Sendung als Liebesbote vergessend, flötete es für diesmal nicht sein „Mio carissimo maestro“, sondern krächzte, mit zomgesträubtem Gefieder gegen die goldenen Stäbe flatternd, in trefflich nachgeahmtem Diskant eines weiblichen Wutausbruches: „Wo warst du wieder heute nacht, maledetto ladrone?!“
In der in doppeltem Sinne schwülen Atmosphäre wirkte dieser zornige, ein erhellendes Licht auf das häusliche Glück der Signora werfende Aufschrei so erlösend und befreiend, daß der Weigl fast vom Kutschbock rollte, seiner Frau die Tränen über die gepuderten Wangen liefen und selbst Haydns nur selten heiteres Hauskreuz sich vor Lachen die Seiten hielt..
Luigia Polzelli aber lächelte, wenn auch ein wenig verlegen, nach kurzer Betroffenheit still vor sich hin. Nun war ja auch das glücklich gesagt, daß. Signor Polzelli für den „carissimo maestro“ kein Hindernis wäre. ;
Indessen bogen die Wagen, etliche entgegenkarrende Bauernfuhrwerke fast in den Graben drängend und noch dichtere Staubwolken aufwirbelnd, in den Landweg ein, der von der Oedenburger Straße über einen letzten, von der Sonne besonders verzärtelten Rebenhügel nach dem Städtlein Rust führte am Neu siedlersee .
Nicht ohne Grund hat sich ein Kaiser Leopold in noch währender Türkennot fünfhundert Eimer Rüster Ausbruchs in den Keller seiner Wiener Hofburg führen lassen; als Ehrengabe und Dank, daß er das wehrhafte Weinnest zur Freistadt erhoben. Diese Abgabe hatten die Rüster auch gern geleistet Nicht nur, weil es sie freute, daß man zu Wien ihrem tapferen Streiten gegen die Scharen des Sultans die Anerkennung nacht versagte, sondern auch, weil es ihnen immer noch lieber war, daß der Kaiser und seine Würdenträger des Rüster Weines genossen, als daß die Türken ihn soffen. Die hatten sich nach der Lehre ihres Propheten solchen Tranks zu enthalten und pflegten daher auch den edelsten Rebensaft nur heimlich und ohne Sinn und Verstand in die Kehle zu gießen. Welche Vorstellung allein schon mancher Weinbauer in Rust als weit schmerzlicher empfand, als wenn die Türken ihm sein Eheweib in einen Harem entführt hätten. So lästerten wenigstens die scharfen Zungen der Wiener , die auch behaupteten, daß sich die Rüster nur darum so mannhaft auf ihren Mauern gewehrt hätten, auf daß kein Moslem ihnen über das flüssige Gold ihrer Reben käme. Und das w^f auch zu verstehen, denn der Wein von der Rüster Höhe galt als einer der köstlichsten in den Landen des Kaisers.
Doch der Rüster Ausbruch ist auch tückisch. Es ist schon die ungarische Sonne, die ihn in ihren Gluten kocht, von ihrem Aufgange an, wenn sie aüs den Ebenen der Pußten heraufsteigt, bis zu ihrer Mittagshöhe über den dann wie schmelzendes Silber blendenden See. Am Nachmittage aber empfängt die Rüster Rebe etwas von der kühleren und sanfteren Art der Oesterreicherweine. So trägt der Rüster schon das Feuer der Ungarrebe in sich, das man aber über seiner deutschen Biederkeit zumeist nicht früh genug merkt. • Er geht ohne Warnung erst in die Beine und dann erst ins Hirn.
Darum kletterte er, kaum daß sein Wagen inmitten aufflatternder Gänse gegenüber dem stattlichen, behäbigen Rathause von Rust vor dem Einkehrergasthof hielt, als erster aus der Kutsche, stellte Hutschachtel und Papageienkäfig auf die verschnörkelte, sandsteineme Ballustrade der Gasthoftreppe, klopfte sich den fingerdicken schwefligen Staub von Schultern und Brust, schwenkte den Dreispitz aus wie nach einem Regenguß und winkte dem ob dieses unerwarteten und sein Herz erhebenden Ansturms unaufhörlich buckelnden und mit seinem Käppchen die Straße fegenden Wirt. Indes die Insaßen der ersten Wagen, von der Pein dieser Fahrt erlöst, schon lachend und schnatternd den Tischen und dem Schatten des Wirtsgartens zustrebten, musterte Haydn die nacheinander vor ihm haltenden Kutschen wie ein Hauptmann seine Batterie. Dann sagte er leise zum Wirt: „Hör Er! Für den ersten Durst stellt Er auf jeden Tisch einen tüchtigen Krug voll Wasser!“
Als der Weingeb ob. dieses Ansinnens fast schon verächtlich die Nase verzog, befahl Haydn noch einmal: „Wasser, Wirt! Wenn Er dieses Getränk vielleicht nur dem Namen nach kennt. Den Wein bringt Er erst zum Braten! Er hat doch Gebratenes?“
Der Wirt kratzte sich hinterm Ohr, schmunzelte und meinte: „Ich fürchte, ich werde den Braten erst fangen müssen, Euer Gnaden.“ Die Einkehr in Rust war nicht vorgesehen gewesen. Man hatte erst in
Oedenburg rasten wollen- So war der Wirt auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Als der Kapellmeister ihn jetzt fragend ansah, meinte er erklärend: „Hendln halt, gnädiger Herr.“
„Frischgeschlachtete Hühner sind zäh, mein Lieber“, antwortete Haydn .
Er sah zur Rathausuhr hinauf. Schon halb zwölf. Da würde man also viel später nach Esterhäz kommen, als er gewollt. Das war mißlich wegen des Ausladens der Instrumente und des Gepäcks. Aber das ließ sich jetzt nicht ändern. Atzung mußte die Bande schließlich haben. Und auch er selbst hatte Hunger. Er wandte sich wieder an den Wirt: „Dann stech Er die Hendln hat ab! . . . Und das sag ich Ihm: mehr als zwei Seideln Wein für jeden schenkt er nicht aus! Sonst bekommt Er mit Seiner Durchlaucht zu tun.“
Der Wirt dienerte gehorsam und schickte sich an, in seinen Bau zu verschwinden. Mehr als vier Dutzend Gäste wollten versorgt sein.
Doch der Kapellmeister hielt ihn am Rockschoß fest. „Halt, wart Er noch!“
Haydn hatte das Recht, so tyrannisch zu sein. Die Zehrung während der Fahrt von Eisenstadt nach Esterhäz ging zu Lasten der fürstlichen Hofkasse. Esterhazy war nicht geizig und reich wie der Großherr. Nicht nur seinen Gästen, auch seinen Dienern war er ein fürstlicher Gastgeber. Es mochte ihm gleich sein, wie viele Seideln seine Musikanten an diesem Tage tranken. Aber der Fürst hielt auf Sitte und Anstand. Und Haydn hatte sich doch gerühmt, daß er gutes Regiment zu halten verstehe. Er wollte nicht, daß am Abend, bei der Einfahrt in Esterhäz, die fürstliche Hofkapelle sich in einem Zustand befände wie die Bauern nach der Kirchweih in Rust.
Eben bogen durch die Staubseen des Platzes als letzte die beiden Wagen, auf denen, von Plachen und Decken geschützt, die Instrumente lagen, durch das breitgeschwungene Tor zwischen mächtigen Weinfässern in den Hof ein, wo nebeneinander aufgefahren bereits die übrigen Kutschen standen und schon die Gäule in den Futtersäcken mahlten.
Haydn faßte den Wirt an einem seiner silbernen Talerknöpfe zog ihn an sich heran und sagte: „Und den Kutschern tu' Er Wasser in das zweite Seidel!“ Das fehlte gerade noch, daß die Instrumentenwagen dann am Nachmittag weinselig in einen Straßengraben schwankten oder gar in den See. Soffen ohnehin wie die Löcher, die magyarischen Rosselenker Seiner fürstlichen Gnaden.
Als Haydn hinter dem enteilenden Wirt langsam dem von breitkronigen Edelkastanien beschatteten Wirtsgarten zuschritt, krächzte das auf der sonnengelben Steintreppe vergessene indianische Federvieh der Signora hinter den goldblitzenden Stäben wieder sein „maledetto ladrone!“ Doch galt das diesmal nicht dem Kapellmeister, sondern einer zu seinem Käfig hinaufzischenden Gans.
Aus dem Garten war schon angstvolles Flügelschlagen, Flattern und in Todesnot sich überschlagendes Gackern zu hören. Dort jagte der Weingeb mit seinen Getreuen den Braten. Auch ein Teil des fürstlichen Musikpersonals half ihm dabei. Vor allem das Ehepaar Burgsteiner und die hübsche, zierliche Kerschbaumer, die ihr Temperament austoben mußte, das ihr silberhaariger, allzu abgeklärter erster Trompeter nicht-genügend mehr würdigte. Und auch der Bassist beteiligte sich an der Jagd und der kurzbeinige und kurzatmige Waldhombläser, der daheim eine ähnliche angenehme Ehewirtin hatte wie der Haydn, darum seinem Namen Räüschl Ehre machte und sich überdies zu Tode fraß. Wowon sein Bauch Zeugnis ablegte, der als geräumiger Hühnerfriedhof wohl gelten konnte. Sogar Weigl, der sich sonst nur ungern bewegte, war den entflatternden Braten nachgetrabt, stand jetzt schnaufend in der Zauntüre und scheuchte, durch seine Leibesfülle den einzigen Fluchtweg versperrend, mit Händeklatschen das Hühnervolk in den unentrinnbaren Tod. Indes seine Frau mit blitzschnellem Griff noch ein letztes, gackernd zur Flucht sich wendendes Huhn am Schwänze erwischte.
Haydn freilich bezweifelte nach wie vor die Erlesenheit dieser Genüsse. Er sagte es auch. Als er, neues Aergemis vermeidend, an einen Tisch weit abseits von dem der Signora trat und eben über die Bank stieg, um zwischen dem verdrießlich blickenden Weibe des Waldhornisten und der zwar lustigen und jungen, doch nicht gerade hübschen Frau des Konzertmeisters Tomasini Platz zu nehmen, meinte er: „Schad um die Plag! Frischgestochene Mistkratzer sind alleweil zäh“.
Aber sein Geschmack war ja nicht maßgebend, seit die Marianne von Genzinger ihn mit ihrer Küche verwöhnte, die selbst in Wien als etwas Besonderes galt; und das wollte was heißen.
Trotz der Umsicht des Kapellmeisters und der Härte des Hühnerfleisches war die Stimmung nach dem Mittagessen sichtlich gehoben; fast wäre es nicht bei den vorgeschriebenen zwei Seideln gebli.eben. Vor allem die Bläser und die Flötisten, die beiden Burgsteiner und die Kerschbaumerin hatte Haydn in Verdacht, daß sie die Schankknechte bestochen und aus eigener Tasche noch ein drittes und viertes Seidel geleert. Weil sie sich aber soweit manierlich benahmen, drohte ihnen der Kapellmesiter nur verstehend lächelnd mit dem Finger, als sie nun einen GaSsen- hauer pfeifend, mit ein wenig allzu beschwingten Bei
nen Arm in Arm über die Wiesen zum See hinabtänzelten, wo man im Schatten der blühenden Uferbüsche noch eine Stunde zu ruhen gedachte, bis sich die Mittagshitze gebrochen.
Auch der Luiga Polzelli schien der goldschimmernde Rüster Ausbruch in die Beine gefahren zu sein. Kaum hatte sich die Gesellschaft, mit Ausnahme des Wald- hombläsers, der, wie er sagte, lieber im Wirtsgarten bleiben wolle, um noch die schattige Kühle zu genießen — in Wahrheit, um weiter zu saufen und zu fressen —, am unteren Ende des sanft zum Ufer abfallenden Wiesenhanges gelagert, begann die Signora zu tanzen. Auf dem sonnenhellen Sandstrich zwischen dem Ufer und dem mattgrünen Röhricht, durch das eine breite, von den Fischern gehauene Schilfgasse führte, auf der jetzt die Duckenten ihren Mittagsschlaf hielten.
Der Neid mußte es der Polzelli lassen, daß sie sich aufs Tanzen verstand. Besser als aufs Singen, bemerkte bissig der Bassist. Selbst der sonst seines glücklichen Hausstandes wegen durch fremde weibliche Reize nicht zu betörende Weigl schielte über die funkelnde Brille auf das unter dem zartgelben Reifrock wirbelnde Fußwerk der Italienerin und schnalzte anerkennend mit der Zunge. Was ihm einen freundschaftlichen Fächerhieb seiner Frau eintrug, der aber seine Blickrichtung nicht zu ändern vermochte. Bald behend sich wiegend und neigend, bald mit stolz, ja fast zornig zurückgeworfenem Haupte sich versagend bald lächelnd gewährend und an das Wiesenufer herantanzend, auf dem der Kapellmeister mit seiner Frau und den Weigls ruhte, wirbelte und schwebte sie vor den kleinen am Strande versprühenden Wellen auf den winzigen Wölkchen des unter ihren Füßen stäubenden goldgelben Sandes.
Haydn lag bäuchlings auf der Reisedecke, hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah blinzelnd in die fast schmerzhafte Helle des Mittags. Niemand hätte zu sagen vermocht, ob auf die tanzende Signora oder in nie unendliche Weite des hinter der Schilfgasse glänzenden Sees unter dem flirrenden Himmel, vor dessen goldfunkelndem Blau in weiten, silbrigen Schleifen ein Reiherpaar im Liebesspiel flog.
Nur die Kapellmeisterin glaubte es zu wissen. Als die Polzelli nach einem letzten lockenden Wirbeln und Drehen vor dem Maestro wie zu einem Hofknicks zusammensank und rings auf der Wiese die Hände klatschend zum Beifall rührten, sagte die Haydn leise zur Weigl: „Wir werden in Esterhäz was erleben, meine Liebe.“ Diesmal nickte selbst die sanfte Weigl bekümmert, denn das meinte sie auch.
Eben schoß als ein silbriger Blitz der Reiher hinter seiner Reiherfrau in das rauschende Röhricht.
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So leise die Aloysia Apollonia der Chor- und Ka- meralsängerin auch ihren sibyllinischen Spruch ins Ohr geflüstert, gehört hatte ihn Haydn doch. Da ihm aber nichts daran lag, daß sich diese Weissagung heute schon erfüllte und man heute schon etwas erlebte, tauschte er, als man wieder auf dem Rathausplatze vor den fliegen- und bremsenumschwärmten Wagen stand, mit seinem Freunde Weigl einen verstehenden Blick. Worauf er statt des Cellisten den Kutschbock bestieg. Den ehttäuschten Blick der Italienerin sah er ja nicht mehr.
Sobald dann seine als erste fahrende Kutsche wieder den. Scheitelpunkt der . den. Rüster.Hügelkamm überkletternden Straße erreicht hätte, blickte sich Haydn nach dem die sanfte Rebenhöhe erklimmenden Wagenzug um, dessen letztes Gefährt, von Staubschleiern umweht, eben zwischen den Häusern der Weinstadt hervorkam, setzte die Geige an und ließ den Fiedelbogen wie einen Reitersäbel kreisen, hoch über Dreispitz und Kopf. Und aus den ersten ihm folgenden Wagen sangen und summten, jauchzten und schmetterten die Geigen und der Brummbaß, die Lauten und die Flöten und die Hörner die Weise, die er für diese Frühlingsfahrt nach Esterhäz in Töne gesetzt und mit einem Dutzend der Musiker als Ueber- raschung dieses Tages heimlich geprobt. Händeklatschen, Lachen und Jubel dankten. Nur die fürstlichen Rösser nahmen es krumm, drängten gegen die Deichseln und legten die Ohren zurück. Erst als man wieder auf der Oedenburger Straße war, pochte wieder regelmäßig wie ein Uhrwerk,ihr Hufschlag.
Als die Instrumente wieder in ihren Kästen verschwanden und die Bläser sich den Staub von den verklebten Lippen wischten, war noch ein vereinzeltes Händeklatschen zu hören, und hinter Haydns Rücken klang eine flötende Stimme: „Grazie maestro!“ Doch diesmal war es die Polzelli selbst und nicht ihr giftgrünes Vogelvieh, das jetzt dem Weigl auf den Knien lastete, samt Käfig und Hutschachtel.
Vielleicht war es die Musik, der Wein oder beides, daß die Gegend heute rascher vorüberflog als sonst.
Obgleich man in Oedenburg doch noch eine zweite, wenn auch kurze Einkehr gehalten, tat sich schon die Weite des Sumpflands und der ungarischen Ebenen auf am mittäglichen Ende des burgenländisdhen Salz, meers, als noch die Sonne hoch über den ferne hinter dem Rosaliengebirge und der Buckligen Welt schneeig schimmernden Häuptern des Schneeberges stand und den fahlen, dunstverschleiterten Wänden der Rax. Und als dann Haydn die Zügel ergriff, weil er für sein Leben gern kutschierte, ging es noch schnel-
1 1er; trotz den zur Mäßigung mahnenden Worten de« Kutschers , der als echter Magyar allen fremdländischen Fahrkünsten mißtraute und denen eines Musikanten erst recht.
Schon schwebte in der kristallenen Klarheit des sich neigenden Tages, die nur weit im Süden eine Gewitterwand trübte, leuchtend wie die weißen Flügel eines Falters ferne noch über der moorbraunen, grün und golden überglitzerten Heide Schloß Esterhäz vor der Seide des zartgrünen Himmels. Da lag kaum ein erstes Ahnen des Abends über dem Heide- und Sumpfland, über dem uferlos gegen Norden verdämmernden See. Nur die Gespanne warfen schon lange fliederfarbene Schatten auf das von Tümpeln und Teichen durchblitzte, von einem rosigen Hauch überschimmerte, im aufspringenden Abendwinde sich wiegende Riedgras.
Haydn hob Halt gebietend die Peitsche und parierte. Er sprang vom Bock, trat an den Wagen heran und sagte, daß er die Signora nun bitten müsse, Pastetl zu fahren. Und weil das die Polzelli ja doch nicht verstand, verdolmetschte er ihr auf italienisch, daß man Pastetlfahren nennen, wenn man sich als Dritter zwischen zwei schon im Wagen Sitzende zwänge. Was nur dadurch gelinge, daß dieser Dritte sich wie eine Pastete zusammenquetschen lasse und überdies den Wagensitz nur mit dem Rande der Sitzfläche und gleichsam nur andeutungsweise berühre. Daß die Signora sich zwischen seine Frau und Madame Weigl setze und er sich selbst neben den Cellisten, aber sei nötig, weil man wohl auf der einsamen Landstraße, auf der einem kaum ein Bauernfuhrwerk begegnet sei, allerhand Allotria habe treiben dürfen, nun aber die fürstliche Hofkapelle nicht wie die Zigeuner in Esterhäz einfahren dürfe.
Die Polzelli war‘s zufrieden. In dieser vorgeschobenen Stellung konnte sie das Höllenfeuer ihrer Augen blitzen lassen, ohne daß die Chefin es merkte.
Auch Weigl begrüßte die Lösung, weil ihn das Gepäck der Italienerin seit Stunden beschwerte. Mit einem Ruck stellte er die Hutschachtel und den Käfig mit dem Papagei., der, aus dem Schlafe erwachend, wieder sein „Mio carissimo maestro“ flötete, auf die Knie des Kapellmeisters, als wollte er mit diesem Liebesboten nichts weiter gemein haben.
Eine Viertelstunde später bog der Wagenzug in zügigem Trab in die Dorfstraße ein, wo ein paar Bauernkinder und etliche Alte diese ersten Vorboten des Sommers begafften, und an deren Ende, von seinem dreiflügeligen, kunstreichen schmiedeeisernen Tore zwischen den noch verwaisten Wachthäusern wie von einer dunklen, golddurchwirkten Spitze verschleiert, jenseits der strahlenden Weite und Weiße des Schloßhofs über säulengetragener, njü Laternen und Bildwerken geschmückter Freitreppe das Wunder von Esterhäz im Glanze des Abends flammte.
Das Schloß zur Linken lassend .rollten die Kutschen zwischen Parkmauer, Wirtschaftsgebäuden und Landluft atmenden Ställen, vor deren weit offenen Türen schon die Knechte diesen ersten Teil des fürstlichen Marstalls erwarteten. Dann hielten die Wagen, durch ein Seitentor des Parks einfahrend, vor dem Wohngebäude der Musiker, das mit seinen kaisergelben Mauern und grünen Jalousien ein wenig abseits der Gartenfront des Schlosses neben Kavaliershäuserh und Beamtenwohnungen vor dem nicht endenwollenden, in die Sumpfwälder sich verlierenden Grün des dem Moorland abgerungenen Schloßparkes stand. Mit seiner langgestreckten Seitenfront stieß das Musikah- tenhaus an den fürstlichen Rosengarten, über dem ferne zwischen frühlingszarten Baumwipfeln das von Steingirlanden gezierte türkisgrüne Dach des Opernhauses sich hob.
Wie ein General den Rapport seines Quartiermachers; so nah» Haydn, 'aus dem Wagen springend, befriedigt die Meldung seines''ersten Geigers und Konzertmeisters Tomasini entgegen, daß die Quartierfrage geregelt und das Musikpersonal, soweit nicht ehelich kopuliert, nach Geschlechtern getrennt sei. Im ersten Stockwerke, so rapportierte in südlich sich übersprudelnder Rede Tomasini, würden die Ehepaare wohnen, im zweiten die Junggesellen, im dritten aber, das zudem vom ersten und zweiten durch eine eiserne Gittertür getrennt sei, die unverheirateten Actricen und Sängerinnen. So hatte Haydn befohlen und deshalb schon gestern den Konzertmeister vorausgeschickt. Damit Männlein und Weiblein nicht auf einem Haufen zu hausen brauchten wie Aepfel und Nüß im Sack des heiligen Nicolo, wie es die Mutter Seiner Durchlaucht befürchtet.
Wie es sich gehörte, ließ der Kapellmeister die anfahrenden Kutschen noch Revue passieren. Dann aber ging er, indes der Tomasini aus seiner Liste die Namen aufrief und die musikalische Fuhr in die Quartiere brachte, und der Burgsteiner das Ausladen der Instrumente überwachte, mit dem Cellisten Weigl zur Schloßterrasse hinauf. Das Auspacken der Koffer liebten sie beide nicht. Auch pflegten bei solcher Gelegenheit Madame Haydn und die Weigl — die eine bissig die andere sanft — zu bemerken, daß bei solcher Arbeit ein Mannsbild mehr lästig falle als nütze. Und weil Frau Räuschl, auch diese nicht sanft, das gleiche zu reden liebte, schloß sich auch der Waldhornbläser diesem Spaziergange an.
IV
Auf der Parkterrasse des Schlosses blieb Haydn stehen, schwang sich auf die steinerne Ballustrade, seufzte gottergeben und sagte, müde von der Hitze des Tages und der Länge der staubenden Fahrt: „Da ■wären wir also wieder in unserer Einöd von Ester- häz.“
(Fortsetzung folgt)
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auch Frau Förster sagt:
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