Donnerstag, 17. Mal 1951

Begegnungen mit der Roten Armee

Merkwürdige Feststellungen in der Sowjetzone — Und ob sie komisch sind

Jedem Reisenden, der öfter in die sowjetisch besetzte Zone fährt, wird stets von neuem der Kontrast zwischen Ost und West zu schaffen machen. Ein längerer Aufenthalt etwa im Lande Brandenburg oder gar im Sächsischen kostet, den aus einer anderen Welt Kommen­den“ Kraft. Der Reisende lernt erst allmählich an den ungetamten Widerwärtigkeiten vor­beizuschauen, stattdessen aber andere Dinge zu erspähen, darunter auch solche, die für den Eingesessenen freilich längst abgeschmackt sind. Jene kleinen Episoden zum Beispiel, die bei Begegnungen mit Offizieren und Soldaten der Roten Armee anfallen. Zugegeben, daß auch diese nicht immer von erheiternder Art sind, so entbehren sie doch selten der Kurio­sität. Aus dem Gebaren der Besatzungssoldaten ließe sich für manches, das an diesem Volk aus dem Osten so rätselhaft erscheinen will —den guten Willen vorausgesetzt —, eine Erklärung finden. Wohlbemerkt für manches!

Im Frühstückssaal des ehemals exquisiten Hotels am Chemnitzer Hauptbahnhof sitzt ein noch junger Kapitän. Die nägelneue Uniform kleidet ihn nicht schlecht. Seine auffallend ge­pflegten Hände wecken Vertrauen. Der Russe scheint mitteilsam. So kostet es keine Ueber- Windung, die angebotene Papyros zu nehmen.

„Du trinken!“ Damit bin ich zum Bier ein- geladeh. Seltene: Geste, da „Verbrüderung“ dem Befehl bekanntlich zuwiderläuft. Aber Fedor scheint sich daran nicht kehren zu wol­len. Er plaudert, so gut er es in unserer Sprache versteht, von seiner Heimat, zählt fremde Ortsnamen auf, streut russische Worte ein, schließlich greift er zum Kugelschreiber und zirkelt auf den Bierdeckelrand „Go-ro- die-esz“. „Das ist mein Dorf!“, fügt er hinzu. — Aha! Der Kapitän kommt aus dem Urlaub zurück. Die Mutter hat er besucht; das ist in­teressant und regt zu Fragen an.

In Leningrad , verrät er, sei ihm in den zwei Tagen seines Aufenthaltes etwas sehr Komi­sches aufgefallen. In dieser herrlichen Stadt könne sich kein Mensch mehr ohne Gefahr auf dem Bürgersteig bewegen. „Nanu . . .?“ — Ja ja, es gäbe dort neuerdings viele, viele Rad­fahrer, die,alle so wild durcheinander rasen. „Nix prima, Du verstehen? . . . Germanski fahren ruhig, fahren gutt. Nix bumms! Russki aber fahren viel schnell . .f. und lenken Ko- lesco nix gutt! Du verstehn?“ Fedor deutet lachend die Purzelbewegungen des Kobolz- schießens an . . . Der Kapitän gefällt mir. Noch gefällt mir seine Frische, gefallen mir die schneeweißen Zähne. Und seine Hände, die ich immer wieder anschaue.

Aber was macht er, während der Mund nicht schweigt» was macht er eigentlich mit diesen Händen? Verbirgt Fedor unter ihren Innen­flächen, die er in diesem Augenblick wie zwei Muschelhälften öffnet, etwas besonderes? Re­spektlos biege ich seine Hände auseinander und sehe — daß eine Stubenfliege, seltsam schmal und nackt anzuschauen, ermattet über

die Tischdecke kriecht.Kamerad!“ frage

ich ihn betroffen, „hast Du ihr die Flügel aus­gerissen . . .?“

Fedor lacht nicht. Fedor gibt keine Antwort. Er grinst nur.

Dann zerdrückt er sein „Spielzeug “ hastig und unwirsch mit dem breiten Daumennagel.

Es besteht allgemein die Auffassung, das Offizierkorps der Roten Armee nehme mittler­weile schon eine Stellung ein, die sich von der in der ehemaligen deutschen Wenrmacht kaum noch unterscheide, Mehr noch: man glaubt zu wissen, daß bei den Sowjets der Abstand vom Offizier zum einfachen Mann enorm sei — und denkt dabei an die unterschiedliche Löhnung, das weit bessere Essen der Vorgesetzten aber auch an die Rücksichtslosigkeit der Einheits­

führer, die nachweisbar innerhalb der Trup­penunterkünfte zur Peitsche greifen (müssen.) Doch was besagt das alles?

Tausend Meter von der Schloßkirche zu Wit­ tenberg entfernt, zweigt von der Berliner Chaussee eine schnurgerade Straße ab. Der Bürgersteig ist breit und eben.

Hier nun übten an einem Februartage dieses Jahres Rekruten aus der nahen Panzerkaseme auf ihren neuen, in der HO erstandenen Fahr­rädern. Doch nicht niedere Dienstgrade hatten als Lehrer die Hand am rückwärtigen Sattel­rand, sondern Offiziere. Sie trabten mit Mütze und Mantel angetan, die überdimensionale Dienstpistole wippend über dem Gesäß, neben den Landsern einher.

Und das alles frisch, fröhlich und sehr, sehr laut.

Aber, so können sie sein. Harmlosen Kin­dern gleich und gutmütig wie die Lämmer Was sie indes nicht abhalten wird, schon mor­gen beim Exerzierdienst die gleichen Unter­gebenen mit Füßen zu treten. Und zwar nicht nur in das Gesäß!

Wie alle Soldaten in der Welt futtern auch Rotarmisten gern und viel Torte. Zugleich lieben sie aber neben dem Wodka auch Piwo, das Bier. Von diesem nun werden — anschei­nend aus Prinzip — stets mehrere Schoppen auf einen Schlag gefordert. Recht verstanden: der geschätzte Gast verlangt vom Wirt nicht ein, sondern z. B. drei Glas Bier und er er­wartet dann auch, daß sie vollzählig vor ihm aufgebaut werden.

Eine andere Kategorie wiederum wählt zu Bier rohe. Eier, von denen sich der Einzelne,

je nach Appetit, vier bis acht Stück zu Ge- müte führt.

Und immer haben sie es auf Bierreisen (ob­wohl ihnen die Ruhe sonst heilig zu sein scheint) sehr eilig. Das hat gute Gründe: denn wehe, wenn die Streife sie erwischt. Vor deren Augen sind Offizier und Mann gleich.

Wo immer die Kameraden mit der roten Armbinde erscheinen, werden die Betroffenen schweigend und ohne eine Miene zu bewegen, das Glas leeren. Um jenen zu folgen, die sie mit derselben Gleichgültigkeit aufstöberten und befehlsgemäß abführen werden. Nur in solchen Fällen wird niemals die Zeche begli­chen! Man kalkuliert des Wirtes Mitschuld ein.

Und ob sie komisch sind! Die gleiche Streife die eben noch Festgenommene in den Karzer einlieferte, kehrt anschließend im besten Haus der Stadt ein — dort, wo es noch keine Igelit- Tischdecken gibt.

Nachdem Offizier und beide Begleiter den Oberkellner durch Handschlag begrüßt haben, lassen sie sich mit aufgesetzter Mütze und um­gehängter Maschinenpistole am Tisch nieder. Der Kellner, des russischen mächtig, trägt „Tod und Teufel“ auf. Doch hat er selbst wenigstens drei „Sto Gramm“ (je 100 Gramm) Wodka zu leeren.

Wenn nicht ausgerechnet in dieser Stunde die übergeordnete Streife des Kreiskomman­danten aus der Nachbarstadt in die Feier hin­einschneit, kann dem Kleeblatt gar nichts ge­schehen. Sollte sich dagegen ein Stabsoffizier der eigenen Garnison hierher verirren: der Leutnant und seine zwei Soldaten würden sich wie ein Mann erheben, auf ihn zugehen und

Die Landflucht geht weiter

Aus Rendsburg wurde dieser Tage bekannt, daß in Schleswig-Holstein im ersten Viertel dieses Jahres nicht weniger als 5 660 Land­arbeiter abgewandert sind. Auf das ganze Jahr umgerechnet hat sich damit die Zahl der Ab­gewanderten im Vergleich zum Vorjahre ver­doppelt.

Der zweite Weltkrieg schien das Problem der Landflucht in den Hintergrund gedrängt zu haben, nachdem er einen Strom von „aus- gebombten“ Großstädtern und Flüchtlingen aus dem Osten in die heilgebliebenen Dörfer ge­lenkt hatte. In den letzten Jahren aber tritt dieses Problem erneut hervor, das bereits seit Jahrzehnten in fast allen zivilisierten Ländern steigende Sorgen bereitet.

In England beispielsweise hat von 1928 zu 1938 die landwirtschaftlich genutzte Fläche von 10 auf 9 Millionen Acres abgenommen die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten um 100 000. Noch schärfer äußerte sich die Landflucht in Frankreich . Hier konnte man lange Zeit vor dem zweiten Weltkrieg ganze Dörfer, ja ganze Landstriche antreffen, die von Menschen völlig entblößt schienen. In den USA , in denen allein das Jahr 1930 für die Landbevölkerung einen Wanderungsverlust von 227 000 Personen gebracht hatte, ist das Pro­blem inzwischen so brennend geworden, daß man sich entschloß, in der Bundesrepublik eine Auswanderungskommission einzusetzen, die gegenwärtig in Niedersachsen Landarbei­ter für die USA anwirbt.

Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, daß Deutschland einen Ueberfluß an Landarbeitern besitze. Seit 1938 hat die westdeutsche Landwirtschaft im Gegenteil trotz des Neuzugangs an Flüchtlingen rund eine halbe Million Arbeitskräfte verloren. Während sie damals noch 26,2 v. H. aller Erwerbstätigen beschäftigte, sind es heute nur 22,2 v. H. Allein in den Jahren 1949-50 hat sich unter Berück­sichtigung der Neuzugänge die Zahl der in der westdeutschen Landwirtschaft Beschäftigten um

fast 280 000 oder 19,5 v. H. verringert. Wie die eingangs erwähnte Nachricht erkennen läßt, droht sich 1951 die Abwanderungsbewegung noch zu beschleunigen, so daß sich bereits Schwierigkeiten Tür die Frühjahrsbestellung ergeben. *

Bislang pflegte -hie Landflucht überwiegend als eine Lohnfrage angesehen zu werden. Zwar bildet der niedrigere Stand der Landarbeiter löhne im Vergleich zu denen der Industrie zweifelloÄsin wesentliches, jedoch längst nicht entscheidendes Antriebsmoment, da ja die Landflucht nicht die einzige Erscheinung ihrer Art bildet, vielmehr mit zahlreichen anderen, durchaus ähnlichen einhergeht, wie den Nach­wuchssorgen im Bergbau und in allen übrigen Berufen, die härtesten körperlichen Einsatz erfordern. Wie die Dinge liegen, kann die ge­meinsame Wurzel aller dieser Erscheinungen lediglich ip der Tatsache gesucht werden, daß von Generation zu Generation fortschreitend die ausgesprochen körperlichen 'Arbeiten als zu schwer empfunden werden, so daß eine nicht zu übersehende Flucht in „leichtere“ Berufe eingesetzt hat, die deshalb mit einem Riesen­heer von Arbeitslosen aufwarten. Eine wie geringe Rolle hierbei Lohnunterschiede spielen, beweist das Beispiel des Baugewerbes, das ebenfalls über einen Mangel an Facharbeitern klagt, obwohl die Löhne in diesem Gewerbe doch keinesfalls hinter den übrigen zurück­stehen.

Da somit die Ursache der Landflucht offen­bar noch nicht klar erkannt ist, darf es nicht verwundern, wenn alle Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung in all den Jahren nirgendwo eine Besserung gebracht haben. Dennoch wird auch für dieses Problem eine Lösung gefunden werden müssen,‘ soll nicht in den zivilisierten Ländern allmählich die Grundlage der mensch­lichen Ernährung in Frage gestellt werden.

Eugen Hein

ohne, daß jener ein Wort des Einspruchs wagen dürfte — gemeinsam mit diesem „Un­disziplinierten“ das Hotel verlassen.

Armer Oberkellner!

In Dallgow-Döberitz freundete sich im Vor­jahr ein russischer Oberst mit einem deutschen . Gastwirt an. Als der Offizier vier Monate spä­ter in die Ukraine versetzt werden sollte, er­schien er vor der Abreise, mitten in der Nacht vor dem Haus des Wirtes, weckte ihn, um­armte den Freund bewegt und schluchzte wie ein Kind.

Auf einem kleinen Dorf bei Jüterbog ver­kehrte im Gasthof ein Major. Abend für Abend Monatelang.

Das Verhältnis zu den Wirtsleuten konnte, so schien es, nicht besser sein. Eines Tages be­trank sich der Stammgast genau so, wie er es zwanzigmal zuvor getan hatte. Mit dem einen Unterschied, daß er diesesmal beim Abschied die Wirtin mit einer Wodkaflasche zu Roden schlug und lebensgefährlich verletzte.

So könndn sie auch sein.

524 Heimkehrer im April

Bonn . Im April sind insgesamt 524 Heim­kehrer durch die Entlassungslager des Bun­desgebiets registriert worden. Davon kamen 110 aus der Sowjetunion — darunter zwei aus einem Konzentrationslager der Sowjetzone — 83 aus Polen , 162 aus Jugoslawien — darunter 43 Zivilarbeiter —, 115 aus Frankreich — da­von- 76 Zivilarbeiter und 34 Fremdenlegionäre — 20 aus England — davon 19 ZicRlarbeiter und ein Strafgefangener— und 34 aus der Tschechoslowakei , Holland , Belgien und son­stigen Ländern. Von den Heimkehrern aus der Sowjetunion hatten 26 die holländische Staatsangehörigkeit.

Postüberwachung in der Sowjetzone

Berlin . Bei den Postämtern in der sowjeti­schen Besatzungszone werden in letzter Zeit durch das Ministerium für Staatssicherheit Ueberwachungsstellen eingerichtet. Die ge­samte aus- und eingehende Post, einschließlich Einschreibe- und Wertbriefe, wird von den Beamten des Staatssicherheitsdienstes kon­trolliert.

Verkehrssichere Juristen

Um die gerichtliche Klärung von Verkehrs­unfällen aus eigener Kenntnis besser als bis­her durchführen zu können, nahmen west­deutsche Juristen an einem Lehrgang für Straßenbahnführer teil. In der Abschluß­prüfung kam es zu folgendem Dialog:

„Sie fahren mit großer Schnelligkeit eine abschüssige Straße hinunter. Was tun Sie?“ fragte der Prüfer.

„Ich ziehe die Handbremse!“

„Funktioniert nichft“ sagt der Prüfer.

„Ich nehme die Strombremse!“

„Ist nicht kräftig genug!“

„Ich gebe Gegenstrom!“

„Die Räder gleiten auf den Schienen!“

„Ich streue Sand!“

„Der Sand ist feucht und fällt nicht durchs Rohr. Was würden Sie also tun?“

„Den Wagen laufen lassen, wir sind in­zwischen ohnehin auf ebener Straße!“

(möb)

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Das internationale Trachten treffen, das bisher größte Trachtentreffen nach dem Kriege auf deutschem Boden, sah über 4000 Trachtenträger aus Deutschland , der Schweiz . Frankreich und Oesterreich Im Mittelpunkt stand ein Festzug, an dem sich über 125 Vereine beteiligten und der als „Revue alten Brauchtums“ großen Beifall fand. Unsere Bilder zeigen von links nach rechts eine Trachtengruppe aus dem Hanauerland, burgundische Trachten aus Montbeliard , Schweizer Alphombläser und eine Innsbrucker Gruppe, die mit ihrem 68jährigen

Fahnenträger den Senior aller Trachtenträ^er stellte Aufnahmen unseres FM-Redaktionsmitgliedes

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