SUDKURIE

2. JAHRGANG • TAGBLATT FÜR BODENSEE . SCHWARZWALD UND DAS OBERE DONAUGEBIET * NUMMER 56

KONSTANZ FREITAG 15. MÄRZ 1946

Erscheint vorerst Dienstag und Freitag Adresse: Konstanz , Rosgaxtenstr. 13 Tel. 924, 925, 1130. Geschäftsstellen und Agenturen an vielen größeren Orten

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Angeklagter Hermann Göring als Zeuge

Milch, Koerner und Kesselring im Kreuzverhör

Nürnberg . Die Montag-Sitzung war vollständig mit dem Verhör der Verteidi­gung und mit dem Kreuzverhör durch die Anklage des Zeugen Erhard Milch ausgefüllt Im Kreuzverhör, das der Hauptankläger Oberrichter Robert H. Jackson mit ihm an «teilte, gestand er, daß die deutsche Wehr macht seit 1939 für einen Krieg mit Polen , aber nicht für einen Weltkrieg vorbereitet gewesen sei. Weiter mußte er zugeben, daß er mit Görings Hilfe zum Arier erklärt wurde.

Als Jackson fragte, ob er nichts mit der Zwangsarbeit zu tun gehabt habe, erklärte Milch: „Ich habe ja nur die Anregung gege­ben. Von der Ausführung meiner Pläne weiß ich nichts." Der Vertreter der britischen An­klagebehörde B. Roberts bezog sich auf die Behauptung des Zeugen, Göring habe die deutsche LuftwafJ lediglich zu Verteidi­gungszwecken gebaut, Roberts zitierte Gö­ ring : „Ich habe die Absicht, eine Luftwaffe zu schaffen, die sich über die Welt ausbrei­ten soll wie ein Rachekorps."

Ueber die Ermordung der 50 britischen Flie­ger aus dem Stalag III habe er, so erklärte Milch, erst in der Kriegsgefangenschaft er­fahren. Auf die Frage Roberts, ob der Zeuge damit behaupten wolle, daß dieser Mord ohne Görings Wissen geschehen konnte, ant­wortete Milch, daß dies bei dem Durcheinan­der, das in jener Zeit sogar ln den höchsten Stellen herrschte, gut möglich gewesen sei.

Göring und die Führer der deutschen Wehrmacht wußten weder von den KZ., von den Judenmißhandlungen noch von den An­griffsplänen der Nazis, behaupteten die am Dienstag vernommenen Entlastungszeugen Görings , Bemdt von Brauchitsch, Paul Koer­ ner und Kesselring . Oberst Brauchitsch schilderte nähere Einzelheiten der Verhaf­tung Görings , die in den letzten Kriegstagen auf dem Obersalzberg stattfand. Seit dem Frühjahr 1944 sei das Verhältnis zwischen Hitler und Göring ständig schlechter gewor­den. Göring habe sich der vom Führer be­fohlenen Lynchjustiz gegen alliierte Flieger widersetzt. Ferner habe Hitler im. Frühjahr 1945 den Befehl gegeben, Göring und seine Familie nach der Kapitulation Berlins zu er­schießen.

Staatssekretär Koerner sagte aus, daß Gö­ ring sich nach dem Roehm-Putsch im Jahre 1934 für die Beendigung der „Gegenaktio­nen" der SS eingesetzt habe, da ihnen viele Unschuldige zum Opfer fielen. Göring habe die KZ's zur „Umschulung staatsfeindlicher Elemente" geschaffen, um diese „dem Volks­körper wieder eingliedern zu können". Der Zeuge behauptete weiter, Göring sei kein Judenfeind gewesen. Er habe sich nach den Juden-Pogromen im November 1938 sofort

bei Hitler beschwert. Die Buße von einer Milliarde Mark, die er den Juden aufer­legte, hätte der Führer befohlen.

Der ehemalige Generalfeldmarschall Al­ bert Kesselring gab ohne Zögem zu, bei den Luftangriffen auf Warschau , Rotterdam und Coventry führend beteilig ,,e csen zu sein. Die deutsche Luftwaffe sei als eine Verteidigungswaffe aufgebaut worden, al­lerdings sei sie ihrem Charakter nach eine Offensiv-Waffe gewesen. Zwischen der Wehrmacht und der Zivilbevölkerung im Osten habe ein äußerst herzliches Verhält­nis bestanden. Die militärischen Befehlsha­ber hätten nie völkerrechtswidrige Befehle ausgegeben und sich im übrigen nicht um Politik gekümmert

In seiner hellgrauen Phantasieuniform er­schien am Mittwoch der Mann im Zeugen­stand, der „bis zum letzten Deutschen " kämpfen wollte, der Mann, der die KZ’s schuf, der Angeklagte Nr. 1, Hermann Gö­ ring . Damit nahm er einen Platz ein, auf dem im Laufe der letzten 3Vi Monate Zeu­gen der Anklagevertretung saßen und ge­gen ihn aussagten. Zum ersten Mal war dadurch einem der Angeklagten Gelegen­heit gegeben, auf die schweren Beschuldi­gungen zu antworten.

Göring sprach mit selbstbewußter Stim­me. Alle vorgebrachten Anschuldigungen der Anklage haben es nicht fertiggebracht, ihn von den Naziphrasen abzubringen. An dieser Stelle klangen sie noch hohler und schaler als je zuvor. Nach der Verteidi­gung gab Göring einen kurzen Ueberblick über seine Erziehung und sprach über seine Stellungen im 1. Weltkrieg. Auf einer Kundgebung 1922 in München habe er Hit­ ler kennengelernt. Er berichtete, wie er mit der Führung der SA beauftragt wurde, sich dann am Novemberputsch der Nazis in München beteiligte und 1928 von Hitler aufgefordert wurde, sich der NSDAP für die Reichstagswahlen zur Verfügung zu stel­len. 1932 sei er dann Reichstagspräsident geworden. Nach den Reichstagswahlen im Januar 1933, die einen großen Wahlsieg der NSDAP gebracht hätten, habe ihm der Sohn Hindenburgs mitgetellt, Hindenburg wolle Hitlei unter der Bedingung zum Reichskanzler ernennen, daß die Deutsch­nationalen und der Stahlhelm an der Re­gierung beteiligt würden.

Göring behauptete, daß die Partei legal zur Macht gekommen sei, da 6ie auf Grund der Verfassung vom Reichspräsidenten be­rufen wurde. Er habe durchgesetzt, daß er preußischer Innenminister wurde. Um die Macht weiter auszubauen, wurde der Reichs­ tag ausgeschaltet und die Landparlamente aufgelöst. Als preußischer Innenminister

Entlassung von Kriegsgefangenen

Politische Ueberprühing und Gruppeneinteilung

Vom 1. Oktober 1946 an wird es in der amerikanischen Besatzungszone Deutsch­ lands keine deutschen Kriegsgefangenen mehr geben. Dies bedeutet aber nicht, daß alle 532 000 deutschen Kriegsgefangenen, die sich heute noch in den Gefangenenla­gern innerhalb der amerikanischen Zone be­finden, zu diesem Zeitpunkt entlassen wer­den.

Wie das amerikanische Hauptquartier be­kanntgab, werden alle Kriegsgefangenen bis zum 1. Oktober noch einmal politisch

Frellassungsanträge

Es besteht die Möglichkeit, Freilassungs­anträge für antifaschistische Kriegsgefan­gene ln französischer Kriegsgefangenschaft einzureichen. Bei den Anträgen muß mög­lichst von einer der zugelassenen Parteien oder vom Bürgermeister, evtl, auch durch ein örtliches Anti-Nazi-Komitee die antifa­schistische Gesinnung des Betreffenden be­zeugt werden. Der Südkurier bittet, An­träge, die die obigen Bedingungen erfüllen, unter dem Kennwort „Kriegsgefangene" an die Redaktion einzusenden.

überprüft und dementsprechend in verschie­dene Gruppen eingeteilt. Alle politsch ein­wandfreien Gefangenen sollen dann entlas­sen werden, während die übrigen Gruppen als Zivilintemierte nach den für Personen unter automatischen Arrest geltenden Be­stimmungen weiterhin in amerikanischem Gewahrsam bleiben.

Von den seit Kriegsende in amerikani­ schen Lagern untergebrachten 5 Millionen deutschen Kriegsgefangenen sind bereits 3 Millionen entlassen worden. Nach der Auf­teilung Deutchlands in die verschiedenen Besatzungszonen wurden 800 000 deutsche Kriegsgefangene an die britischen und 623 000 an die französischen Besatzungs­truppen übergeben. Insgesamt 623 000 Kriegsgefangene wurden der französischen Regierung von den amerikanischen Streit­kräften für den Wiederaufbau Frankreichs zur Verfügung gestellt, von denen heute be­reite wieder 73 000 unter amerikanischer Kontrolle stehen. Augenblicklich arbeiten

115 799 deutsche Kriegsgefangene für die amerikanischen Streitkräfte in Frankreich und weitere 8000 in England . In der ameri­ kanischen Besatzungszone Deutschlands sind in den über 100 Kriegsgefangenenlagern heute noch rund 532 000 Gefangene unter­gebracht. —

Die aus Amerika in Le Havre eintreffen­den Kriegsgefangenen werden in einem Auffanglager genauesten« überprüft und in eines der 5 Kriegsgefangenenlager nach Frankreich gebracht. Von dort kommen sie in die einzelnen Entlassungslager nach Deutschland .

100000 in Jugoslawien

Berlin . Etwa 100 000 deutsche Kriegsge­fangene befinden sich zur Zeit noch in Jugo­ slawien , erklärte Oberst Miodrag Losic von der jugoslawischen Militärmission in Berlin einem Vertreter der Zeitung „Der Berliner ” Eine genaue Zahl konnte Oberst-Losic nicht nennen, da, wie er sagte, nicht genau fest­steht, wieviel Gefangene in den letzten Mo­naten entlassen wurden.

Die deutschen Kriegsgefangenen seien größtenteil Angehörige der ehemaligen Bar kanarmee oder Soldaten, die auf dem Rück­zug aus Italien bei Triest in Gefangenschaft gerieten. Sie waren anfänglich m Zagreb kon­zentriert und wurden später in den verschie­denen Republiken des jugoslawischen Bun­desstaates untergebracht. Der Gesundheits­zustand ist nach den Erklärungen des Oberst bedeutend besser als nach der Kapitualition. Die Kriegsgefangenen würden, wie Obers i Losic sagte, ausreichendes Essen, etwa ln der Höhe der Rationen für die jugoslawischen Soldaten erhalten. Sie seien in Barackenla­gern untergebracht, dürften ihre eigene Zei­tung herausgeben und bekämen regelmäßige Zigarettenzuteilungen. Sie hätten die gleiche Arbeitszeit wie die einheimische Bevölke­rung. Fachkräfte würden nach ihren Fähig­keiten eingesetzt und erführen Vorzugsbe­handlung.

Auch der Postverkehr zwieehen den deut­ schen Kriegsgefangenen und ihren Angehö­rigen soll in Gang gebracht werden. Von der jugoslawischen Mildtärmission seien entspre­chende Schritte unternommen worden.

habe er, um die errungene Macht zu befe­stigen, die Gestapo und die KZ’s geschaf­fen. — Um gegen „Staatsfeinde" vorzu­gehen, sei damals in Preußen die Gene.me Staatspolizei geschaffen worden. Die Vn- hafteten wurden in Lagern untergebracht, die man später als KZ’s bezeichnete. Gö­ ring erklärte weiter, daß in den KZ's „selbstverständlich Rohheitsakte undUeber- griffe vorgekommen seien", daß aber, „ge­messen an der Größe des Vorgangs, die deutsche Freiheitsrevolution die unblutigste der Geschichte" gewesen sei. Er habe sich aber trotzdem gegen Mißhandlungen ge­wandt und gefordert, daß dergleichen nicht mehr Vorkommen solle. Weihnachten 1933 habe er etwa 3000 „ungefährliche Fälle" entlassen. Anfang 1934 sei die Leitung der Gestapo und damit der KZ’s an Himmler übergegangen.

In der Morgensitzung wurde das Verhör des ehemaligen Generalfeldmarschalls Al­ bert Kesselring fortgesetzt Kesselring er­klärte, daß die Invasion Englands trotz der Bereitschaft der deutschen Luftwaffe un­möglich war, da der deutschen Führung nicht genügend Schiffsraum zur Verfügung stand. Er sagte weiter, seit 1943 sei ein „Siegfriede" nicht mehr zu erreichen ge­wesen.

Der Schwede Birger Dahlerus , der in den entscheidenden Tagen vor dem Ausbruch des Krieges zwischen Göring und Chamber- lain verhandelte und eine geheimnisvolle Rolle als Vermittler von Botschaften spielte, hat sich auf eine Anforderung des Ver­teidigers von Göring , Dr. Otto Stahmer ,

geweigert, im Nürnberger Prozeß als Zeuge aufzutreten. Das Gericht hat den Schweden telegraphisch aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. Es ist infolgedessen noch nicht geklärt, ob Dahlerus in Nürnberg aussagen wird.

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Der ehemalige Generalfeldmarschall von Blomberg, der als Zeuge im Nürnber­ ger Prozeß vernommen werden sollte, erlag einem Herzschlag in einem Nürnberger Krankenhaus.

Agentin Himmlers verhaftet

Berlin . Die Berliner Kriminalpolizei verhaftete die Jüdin Stella Isaaksohn, Alias Kübler, die beschuldigt wird, etwa 300 Ju­den der Gestapo ausgeliefert zu haben. Die 24jährige Frau, die jetzt versuchte, als Op­fer der Nürnberger Gesetzgebung unterzu­tauchen, verriet während der Jahre 1943 bis 1945 Juden, denen es gelungen war, sich vor der Gestapo zu verbergen Nur wenige ihrer Opfer sind den Gaskammern entronnen.

Der Gründer der SS Einheiten

Frankfurt Josef Geiger, der Gründer von SS -Einheiten in Frankfurt a. M., Offen­ bach , Mainz und in anderen größeren Städten, ist von der Sonderfahndungsaotei- lung der Frankfurter Polizei verhaftet uid der Militärregierung übergeben Word in. Zu seiner Verhaftung wurde bek riaeqeben, daß er am 1. Februar ergriffen wurde und daß er sich als einfacher Arbeiter ausgab. Im Jahre 1927 wurde Geiger von Reichs­führer SS Bechtold zum Chef der Abteilung C der SS ernannt, und in dieser Stellung hatte er alle SS -Organisationen des’Rnein- landes, von Westfalen , Baden, Württem­ berg und Hessen-Nassau unter sich.

„Prawda“ gegen Churchill

Generalissimus Stalin zn den Erklärungen in Fulton

Mo« kau. Das Organ der Kommunisti­schen Partei Sow jetrußlande „Prawda" rich­tete in einem Artikel, der auch über den Moskauer Rundfunk verbreitet wurde, scharfe Angriffe gegen den früheren briti­ schen Ministerpräsidenten Churchill wegen seiner in Fulton gehaltenen Rede. Das von Churchill vorgeschlagene britisch -amerika­nische Militärbündnis, so führte de „Praw­da'' aus, sei gegen die Sowjetunion gerich­tet, die die Hauptlast des Krieges auf sich nahm und die entscheidende Rolle bei der Besiegung Deutschlands spielte. Churchill zerstöre mit einem solchen Vorschlag die von ihm selbst während des Krieges ge­schaffene Koalition der „Großen Drei". — Das kommunistische Parteiorgan unter­streicht, daß Churchills Rede jedoch nur eine „reservierte Aufnahme" in den USA und Großbritannien gefunden hätte Es sei cha­rakteristisch, daß der frühere Premiermini­ster nach dem Mißerfolg seiner Wahlparo­len von der „Roten Gefahr" in England jetzt diese Rede in Amerika gehalten hätte.

Die „Prawda" erinnert daran, daß Chur­ chill schon einmal nach dem ersten Welt­krieg eine „Interventions-Kampagne” gegen die Sowjetunion entfaltet hätte, die mit einem Fehlschlag der Intervention endete. Seine Angriffe gegen die kommunistische Gefahr und die kommunistische Expansion stammen aus dem Archiv", fügt das Blatt hinzu. „Solange der Krieg dauerte und Eng­ land in tödlicher Gefahr schwebte, unter­strich Churchill mehr als einmal die bedeu­tende Rolle der Sowjetunion in diesem Rin­gen und gab sich als Freund der Sowjet­ union aus,” fährt die „Prawda" Ion. „Jetzt nachdem die tödliche Gefahr vorüber ist, zeigt er wieder seine alte Feindschaft gegen die Sowjetunion .

Moskau . Generalissimus Stalin beschäf­tigte sich in einer Rede mit den Erklärungen Churchills in Fulton und griff den früheren britischen Ministerpräsidenten scharf an. Stalin warf unter anderem die Frage auf, wie «ich die jetzt von Churchill gegen die Sowjetunion eingenommene Haltung damit vereinbaren lasse, daß er Bevins Vorschlag auf eine Verlängerung des englisch -sowjeti­schen Freundschaftspaktes um 50 Jahre un­terstütze. — Der Generalissimus fragte fer­ner, ob Churchill Zwietracht zwischen der Sowjetunion und Polen zu säen versuche. Zu Churchills Angriffen gegen die kommuni­ stischen Machtbestrebungen erklärte Stalin, daß auch in England nur eine Partei regiere und die anderen Parteien von der Regierung ausgeschlossen seien. Stalin unterstrich, daß die Kommunisten «ich im Krieg als tapfere und furchtlose Kämpfer erwiesen hätten und deshalb der einfache Mann dieser Partei sein Vertrauen schenke.

Erklärung Attlees

London . Der britische Ministerpräsident Attlee erklärte auf eine Anfrage im Unter­haus über die Rede Churchills in Fulton, daß die „Politik der Regierung nur in den Er­klärungen der Minister seiner Majestät nie­dergelegt' sei. Die Regierung hätte von Churchills Rede keine vorherige Kenntnis gehabt und sei nicht um ihre Meinung über „die im Ausland gehaltene Rede eines Pri­

vatmannes' 1 gefragt worden. Es sei das Ziel der britischen Regierung, die Organi­sation der Vereinten Natonen zu einem wirksamen und arbeitsfähigen Instrument zu machen, um den Weltfrieden aufrechtzuer­halten und Angriffe zu verhindern.

Sowjet-Truppenbewegungen im Iran

Washington . Das amerik. Außenmini­sterium in Washington gab bekannt: Das amerikanische Außenministerium hat Bericht erhalten, wonach in den letzten Tagen russi­sche Streitkräfte mit schweren Panzern von der russischen Grenze über Täbris in Rich­tung Teheran und ah die Westgrenze Per­ siens marschiert sind.

Die amerikanische Regierung hat bei der Sowjetregierung angefragt, ob und aus wel­chem Grund die Truppenbewegungen erfolgt sind. Nach Presseberichten erfolgte diese Frage am 8. März, eine Antwort der Sowjet­regierung sei bisher nicht eingegangen.

Teheran . Die sowjetischen Truppen marschieren durch Nord-Iran in südwest­licher Richtung auf die türkische und iraki­sche Grenze zu, meldet Associated Preß Panzerwagen der roten Armee rückten in die Stadt Karaj , 32 Kilometer von Teheran ein. Die Truppen haben die Städte Mianeh, Ma- ragheh und Miyandaub südlich de« Urmia- sees in der Nähe der Grenze der Türkei und des Iraks erreicht.

Aeußerung des britischen Außenministeriums

London . Bin Sprecher de6 britischen Außenamtes gab bekannt, daß die britische Regierung Berichte über umfangreiche sowje­tische Truppenbewegungen im Iran erhalten habe. Nach den eingegangenen Berichten sollen die sowjetischen Truppen von Täbris aus gleichzeitig nach Teheran und der ira­ kischen Grenze marschieren.

London . Ministerpräsident Attlee wurde im Unterhaus gefragt, ob er eine neue Zu­sammenkunft zwischen den „Großen Drei" anregen wolle. Attlee erklärte, daß er be­reit wäre, jedes Mittel anzuwenden, um die Beziehungen zwischen den Großmächten zu verbessern, fügte jedoch hinzu, daß er im Moment keine weiteren Kommentare zu die­ser Frage geben könne.

Ueber die iranische Frage äußerte Außen­minister Bevin , daß von russischer Seite noch keine Antwort auf den britischen Protest wegen der weiteren Anwesenheit der sowje­tischen Truppen im Iran eingegangen sei Großbritannien habe jedoch durch seinen Ge­schäftsträger in Moskau den sowjetischer. Außenminister Molotow noch einmal um eine baldige Antwort gebeten.

Die dänischen Gemeindewahlen

Kopenhagen . Die Ergebnisse der dä­nischen Gemeindewahlen zeigen laut Reuter einen Stimmenzuwachs der Kommunisten auf Kosten der Sozialdemokraten, die im Wahl­bezirk Kopenhagen wie auch in anderen dä­nischen Städten ihre bisherige Mehrheit ein­büßten. Im Ganzen hat jedoch die Sozialde­ mokratische Partei Dänemarks ihre Führung behaupten können.

Hitier und die Reichs wetir

Von Andrä Francois Poncet, ehemaliger französischer Botschafter in Berlin

Das außerordentliche Abenteuer Adolf Hit­ lers , in seinen wesentlichen Charakterzügen zusammengefaßt, wurde bedingt durch sein Verhältnis zur Reichswehr , d. h. zur obersten deutschen Heerführung und dem Großen Generalstab, der sofort nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages entgegen diesem Vertrag getarnt wieder aufgestellt wurde.

Die Reichswehr hat Herrn Hitler entdeck'. Sie war es, die diesen entlassenen, unbe­schäftigten Gefreiten, der sich nicht darein schicken konnte, die Kaserne verlassen zu müssen und der seine Kameraden zu beein­flussen verstand, zur Politik hingeführt hat. Sie hatte ihn beauftragt, sich unter die Ele­mente zu mischen, die sich in den Jahren 1919 und 1920 in München zusammenzögen und dort Umtriebe veranstalteten, und ihr dann über deren Aktivität Bericht zu er­statten. Bei der Ausführung dieser ihm über­tragenen Aufgabe fand Hitler seinen Weg. Er wurde das Vorbild und der Führer einer zunächst sehr kleinen und fast lächerlichen Bewegung, die sich jedoch schon da­mals „Nationalsozialistische Arbeiterpartei ” nannte.

Als die Reichswehr gewahr wurde, daß ihr Schützling an Bedeutung und Einfluß ge­wann und die von ihm geführte Partei immer mehr Anhänger bekam, interessierte sie sich noch mehr für ihn und unterstützte ihn durch Geldmittel. Es ist eine wenig be­kannte und doch sehr bezeichnende Einzel­heit, daß es Feldmarschall v. Seeckt war, der Hitler die RM. 60 000.— verschaffte, mit denen er den „Völkischen Beobachter" kaufte, um aus ihm das Partei-Organ zu machen, weiches später, mit seiner Berliner und Münchner Ausgabe, die größten Auf- lageziffem der deutschen Presse erreichen sollte.

Als Hitler anfing, seine Anhänger um sich zu scharen mit der Aufgabe, in seinen politischen Versammlungen für Ordnung zu sorgen und die Versammlungen seiner Geg­ner zu stören, als er die ersten Sturm-Ab­teilungen aufstellte, war es wiederum die Reichswehr , die ihn mit Hauptmann Roehm zusammenbrachte, einem kühnen, unerschrok- kenen, zynischen und — wie mit Sicherheit feststeht — homosexuellen aktiven Offi­zier, welcher den ganzen Weltkrieg bei der Truppe mitgemacht hatte und durch «eine militärischen Qualitäten und seine Aben­teurernatur auffiel. Roehm organisierte die „braunen Scharen" nach dem Vorbilde der Armee. Er änderte die Bezeichnungen ab, taufte die Kompagnien „Sturm", die Batail­lone „Sturmbann", die Brigade „Groppe ", die Division „Obergroppe", aber die Dis­ziplin, die Rangordnung, die Ausbildung, die Ausrüstung waren militärisch. Um wirkliche Soldaten zu sein, fehlten den Braunhemden, die sich mit Revolvern behelfen mußten, lediglich die Kriegswaffen. So wurden die Sturm-Abteilungen, zu denen die Jugend in Scharen strömte, — glücklich, Befehlen ge­horchen zu dürfen und gestiefelt und ge­spornt hinter Fahnen.und Musikkapellen her­marschieren zu können — ein entscheiden­der Faktor für ehe Erfolge Adolf Hitlers , so sehr, daß Roehm sich mit gutem Recht als einen der hauptsächlichsten, wenn nicht so­gar den Haupturheber des ungeheuer gro­ßen Glückes Adolf Hitlers betrachten konnte.

Die Reichswehr hatte die Entwicklung der SA wohlwollend unterstützt. Sie hatte dar­in einen sinnvollen Ersatz — unter Um­gehung der Vorschriften des Versailler Ver­ trages — für die abgeschaffte Wehrpflicht gesehen, sowie ein Mittel, um die Elemente, die sonst zum Kommunismus überzugehen drohten, zu erfassen und fest in der Hemd zu haben. Sie hatte der SA geholfen, sich mit Uniformen und Ausrüstungsgegen­ständen zu versehen.

Aber mit der Zeit änderten sich ihre Beziehungen zur SA. Die Gesetzwidrigkeiten und Gewalttätigkeiten, die die Nazis begin­gen, der dominierende Einfluß, den berüch­tigte Individuen oder einfältige Lümmel in ihren Reihen gewannen und die Verwir­rung, die sie in ehe aufgerichtete Ordnung brachten, beunruhigten die Reichswehr . Zur gleichen Zeit mißfiel ihr die Haltung Roehms und erfüllt sie mit Sorge. In dem Maße, in dem die Zahl seiner Braunhemden sich er­höhte und ihre Ausbildung sich vervoli- kommnete, distanzierte sich der Chef der SA von der Reichswehr . Er widereetzte sich ihren Richtlinien, er ging schließlich dazu über, sich nicht nur wie eine selbständige Macht, sondern sogar als Rivale der regulä­ren Armee zu gebärden. Obwohl Roehm selbst Offizier war, so war er doch der Typ eines Rebellen. Für den Generalstab und die adligen, begüterten Junker, die nach alter Tradition die deutsche Armee befehlig­ten, empfand er nur Groll und Verachtung. Br war im Grunde seines Herzens ein Revo- i hitionär. Er träumte davon, Deutschland eine neue, volkstümlichere — um nicht zu sagen proletarische —, durch und durch ! nationalsozialistische Armee zu geben, deren Kern die SA bilden sollte. Selbstverständlich waren diese Anwandlungen nicht im Sinn« dar Reichswehr . Auch Hitler gegenüber