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SUDKURIE*
15. Mäiz 1940
den bei Ihr Befürchtungen wach. Sie war erschrocken über sein selbständiges Handeln, über die demagogischen Uebertreibun- gen, zu denen er sich hinreißen ließ, über gewisse Gesichtspunkte seiner Propaganda, insbesondere seine antisemitischen und antichristlichen Reden. Da er es jedoch vermied, sich mit Roehm völlig solidarisch zu erklären und darauf ach'ete, den Kontakt mi; dem Generalstab zu behalten und sich den Generälen gegenüber gefügig zu zeigen, entzooen jene ihm nicht ihre Hilfe. Sie nahmen ihn dem Reichskanzler Brüning , ja sogar ihrem eigenen Reichswehrministei Groe- ner gegenüber in Schutz als er den Versuch machte, die SA aufzulösen. Wenn die Generäle es damals gewollt hätten dann hätten sie OeneraUeldmarschal! von Hind°nburg daran hindern können. Hitler zum Reichskanzler zu ernennen Sie widersetzten sich jedoch nicht, sie rieten ihm vielmehr d*zu, obwohl General v. Schleicher anderer Ansicht war. Schleicher war lange Zeit der politische Berater der Reichswehr , der den Nationalsozialismus anfangs begünstigte, sich jedoch von ihm abwandte, als er seine Gefahren erkannt hatte. Von dem Augenblick ab, da Hitler Reichskanzler wird, kann man — es scheint zweifellos etwas konstruiert, trägt aber doch den Tatsachen recht genau Rechnung — 5 Phasen in der Geschichet der Beziehungen der Reichswehr zu dem neuen Führer Deutschlands unterscheiden.
(Fortsetzung folgt)
Kurz gemeldet
Paul Henri Spaak , der Präsident der UNO , hat jetzt ein aus Sozialisten bestehendes Kabinett gebildet. Er wird sich in Kürze dem belgischen Parlament als neuer Premierminister vorstellen.
Der österreichische Bundeskanzler Figl gab in einer Rede anläßlich des Jahrestages des Nazieinmarsches in Oesterreich bekannt, daß 600 000 Oesterreicher im zweiten Weltkrieg gefallen seien.
Die politische Spannung in Griechenland hat sich verschärft. Mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Cafandaris sind zehn weitere Minister gegen die Abhaltung der Wahlen am 31. März zurückgetreten. Ministerpräsident Sophoulis hat die Demission sämtlicher Minister angenommen und ist im Begriff, die leergewordenen Ministerposten mit Mitgliedern der eigenen, der liberalen Partei zu besetzen.
Der Oberste Gerichtshof in Paris eröffnete einen Prozeß gegen zwei frühere Minister der Vichy-Regierung. Es handelt sich um den ehemaligen Erziehungsmmister Jacques Che valier , der sich wegen Denunzierunq von Mitgliedern der französischen Widerstands- bewegur j zu verantworten hat, und um den des Hochverrats angeklagten früheren Ju- stizmänisterr Maurice Caboulde. Gegen Ca- boulde wird in Abwesenheit verhandelt, da er nach Spanien geflohen ist.
David Ben Curion, der Vorsitzende der „Jewish Agency", forderte vor der anglo- amerikanischen Untersuchungskommissdon für Palästina vollkommene Unabhängigkeit für die Errichtung eines jüdischen Staate«.
Nach Reuterberichten kam es in der Man dschurei zu neuen Zusammenstößen zwischen Truppen der chinesischen Zentralregierung und kommunistischen Streitkräften. — Nach Räumung Mukdens durch die Sowjettruppen zogen nationalchinesische Streitkräfte in die Stadt ein. Chinesisch-kommunistische Truppen versuchten indessen, die Stadt von ihren Verbindungslinien abzuschneiden.
Juho Paasikivi , der neue Präsident Finn lands , leistete vor dem finnischen Parlament und Vertretern des Diplomatischen Korps den Amtseid. Die Anstrengungen Finnlands , sagte Paasakivi, sind in der Hauptsache auf die Erfüllung der Waffenstdllstandsbedin- gungen gerichtet, welche die Grundlage für einen festen und dauerhaften Frieden bilden sollen."
Das Todesurteil gegen den früheren ungarischen Premierminister Ferenz Szalasy wurde durch Erschießen vollstreckt.
Einheit der Gewerkschaftsbewegung
Pläne auf Schaffung einer einzigen Organisation aller Schaffenden
Der Wiederaufbau der deutschen Gewerkschaften vollzieht sich ln allen vier Besatzungszonen im Rahmen der Einheitsgewerkschaft. Die mehr als dreizehnjährige Unterbrechung der gewerkschaftlichen Tradition j in Deutschland läßt es anqebracht erschei- | nen, klar herauszustellen, was unter der Bezeichnung Einheitsgewerkschaft zu verste- i hen ist.
| Die Zersplitterung der Gewerkschaften in | politische und weltanschauliche Richtungen j hatte sich in Deutschland aus der qesamt- politischen Entwicklung eraeben. Im Ursprungsland der Gewe'kschaftsbewegung, in England -, hat man diese Zersplitterung nie . gekannt und nie verstanden, ebensowenig in den Vereinigten Staaten von Nord-Ame- : rika, wo die Gewerkschaften sich erst nach dem ersten Weltkrieg in verschiedene Richtungen aufqesoaltet haben wobei jedoch gewerkschaftliche und persönliche, nicht aber wie in Deutschland , politische und weltanschauliche Beweggründe maßqeben waren, i Während in den meisten britischen Dominions die Arbeiterschaft gewerkschaftlich dem Beispiel des Mutterlandes qefolgt ist, gibt es in Kanada eine Aufspaltung unne- fähr nach amerikanischen Muster und daneben noch einen katholischen Cewerk- schaftsbund, der sich hauptsächlich aus den katholischen Arbeitern der französisch -sprachigen Provinz Quebec zusammensetzt. In Frankreich , Belgien und in der Schweiz gibt es auch heute noch freie (sozialistische) und christliche Gewerkschaften, in den Niederlanden sogar freie (sozialistische), katholische, evangelische und neutrale Gewerkschaften, in Italien gab es bis zum Faschismus sozialistische und christliche (in Wirklichkeit katholische) Gewerkschaften, in Polen , Ungarn und in der Tschechoslowakei hatte sozusagen jede politische Partei ihre eigenen Gewerkschaften, während in den skandinavi- , sehen Ländern dem englischen Beispiel ent- ] sprechend nur eine Gewerkschaftsrichtung besteht. In Spanien und Portugal sowie in den ibero-amerikanischen Staaten gab es ebenfalls stets mehrere Gewerkschaftsrichtungen, von denen jedoch lediglich der spanische Allgemeine (sozialistisch orientierte) Gewerkschaftsbund einige Bedeutung erlangte. Daß es in der Sowjeunion nur eine Gewerkschaftsrichtung gibt, versteht sich am Rande.
Die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung ist also nicht eine ausschließlich deutsche Eigenart gewesen. Sie besteht sogar heute noch in vielen Ländern weiter, darunter auch Frankreich , und die älteste amerikanische Gewerkschaft, die „American Federation of Labor" hat sich soqar dem im Februar 1945 in London gegründeten Weltgewerkschaftsbund nicht anqeschlossen, einerseits weil sie die Zulassunq ihrer Kon- kurrrenzorganisation, des „Congress of In dustrial Organisations " nicht billiqt und anderseits, weil sie dem sowjet-russischen Gewerkschaftsbund nicht den Charakter einer freien Gewerkschaft zuerkennen will und gegen dessen Zulassung zu einem internationalen Gewerkschaftsbund ist.
Die Verordnung der französischen Militärregierung vom 10. 9. 1945, auf Grund derer sich der Wiederaufbau der deutschen Gewerkschaften vollzieht, enthält ebensowenig wie die dazu gehörige Verfügung des Ad- ministrateur Göneral vom qieichen Datum iigendeine Bestimmung, die dem Wiederauflebenlassen der früheren Zersplitterung entgegensteht. Es ist der freie Entschluß der deutschen Arbeiterschaft, in der schweren Bedrängnis des Hitlerterrors geboren, alles politisch und weltanschaulich Trennende aus den Gewerkschaften auszuschalten und die Einheitsgewerkschaft aufzubauen. Der Wille eines großen Teiles der deutschen Arbeiterschaft zur Einheit der Gewerkschaftsbewegung geht sogar noch weiter, als es die Vorschriften der Militärregierung vorläufig zulassen: Er zielt auf die Errichtung einer Einheitsgewerkschaft im extremsten Sinne des Wortes ab, das heißt auf die Schaffung einer einzigen Organisation, welche die
. Werktätigen aller Berufe und aller Indu- : Strien, Arbeiter, Angestellte und Beamte gemeinschaftlich umfaßt, und in welcher die einzelnen Berufe und Industrien, Arbeiter, Angestellte und Beamte gemeinschaftlich umfaßt, und in welcher die einzelnen Berufe '• und Industrien nur besondere Fachgruppen ’ bilden sollen. Also nicht nur die Zersplit- | terung nach weltanschaulichen und politi- [ sehen Richtungen soll vermieden werden, i sondern auch die Aufteilung in Arbeiter-, j Angestellten- und Beamtengewerkschaften | und sogar das Wiedererstehen de: tradition- nellen Berufs- und Industrieverbände, wie des Metallarbeiterverbandes des Textilar- , beiterverbandes usw. Dieser Auffassunq von : der Einheitsgewerkschaft stehen die Bestim- 1 mungen der Verordnung und der Verfügung j der französischen Militärreoierung entgeqen,
; die grundsätzlich nur Berufsqewerkschaften auf örtlicher Grundlage zulassen und sogar den Zusammenschluß dieser Berufsverbände zu Gewerkschaftskartellen und Bünden verbieten.
Es besteht Grund zu der Annahme, — und Jouhaux hat am Schluß der Zusammenkunft von Baden-Baden in dieser Hinsicht bestimmte Erklärungen abgegeben — daß einige dieser Beschränkungen demnächst aufgehoben werden, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben. Dieser Zweck war, zu erzielen, daß der gewerkschaftliche Aufbau sich von unten nach oben vollzieht, daß die Führer-
euslese ln itreng demokratischer Form von der untersten Zelle aus erfolgt und den neuen Gewerkschaften nicht von irgendeiner Zentralstelle aus eine Führerschaft aufgepfropft wird, die nicht das Vertrauen der Arbeiterschaft genießt. Aus Erklärungen, welche von verschiedenen Mitgliedern der Abordnung des Weltgewerkschaftsbundes nach dem Abschluß ihrer Deutschlandreise abgegeben worden sind, geht hervor, daß dieses Vorgehen der Militärregierung ihre volle Billigung findet Auch die deutsche Arbeiterschaft, wenigstens die der französischen Besatzungszone hat sich allmählich nicht nur damit abgefunden, sondern auch die Vorteile dieses Systems anerkannt.
Eine andere Frage ist es. ob sie sich auch endgültig mit dem französischen Oorganisa- tionssy-stem befreunden wird, das offensichtlich der Militärregierung als Ziel des : gewerkschaftlichen Äufbaus vorschwebt.
; Dieses System ist das der föderativen Zusammenfassung der an sich selbständig blei- ; benden Ortsgewerkschaften zu Bezirks- und ! Landesföderationen (Bünden). In Deutsch land kannte man dieses System nur an der Spitze: in der Zusammenfassung der Landes-, Berufs- und Industrieverbände zp Gesamtverbänden oder zum Gewerkschaftsbund. Die Berufs- und Industrieverbände selbst dagegen waren zentralistisch auf gebaut, d. h., ihre Zentralstelle war für das ganze Reichsgebiet zuständiq und die bezirkliche örtliche Gliederunq bestand aus Bezirk- und Ortsgruppen oder Verwaltungen, die der Zentrale unterstanden.
Hermann Henselei
Am 14. März jährte sich der Todestag des großen Sozialisten Karl Marx zum 63. Mal.
Unter den bekannten und vertrauten Namen einer vergangenen Zeit, die während der hinter uns liegenden zwölf Jahre nicht offen ausgesprochen werden durften, haben Karl Marx und Friedrich Engels einen besonderen Klang. Diese Namen sind ein leuchtendes Gestirn am sozialistischen Himmel, dessen ungeschwächte Lichtkraft in unseren dunklen Gegenwartstagen deutlich spürbar ist. Zwar gibt es noch eine ganze Anzahl „Unvergessener", aus deren Reihen August Bebel (die deutsche Arbeiterschaft gedachte am 22, Februar seines 106. Geburtstages), Karl Liebknecht und Rosa Lu xemburg mit Bedacht hierher gesetzt seien.
Wer den Zusammenbruch des kaiserlichen Regimes im November 1918 miterlebt hat, weiß, daß die Schüsse, die am 15. Januar 1919 das Leben der beiden Kämpfer für die Verwirklichung der Menschenrechte auslöschten, ein Attentat auf die Arbeiterbewegung waren. Was damals, zwei Monate nach der „Revolution" möglich war, sollte zumindest heute zum Nachdenken zwingen. Die ewig wankelmütigen und Unentschlossenen werden vielleicht dann, — wenn auch reichlich spät — zu der Erkent- nds kommen, daß nur eine geeinte Arbeiterbewegung jene Macht darstellt, die in der Lage ist, jeden Angriff auf die Rechte der Schaffenden für alle Zeiten unmöglich zu machen. Nur dann wird das Werk von Marx und Engels seine Erfüllung und Krönung erleben, ein Werk, von dem viele der Heutigen nicht einmal dem Namen nach etwas wissen.
Mit dem Advokatensohn Karl Marx aus Trier (geb. 5.5.1818) trat in die Welt der europäischen Arbeiter und des Sozialismus eine neue und fesselnde Persönlichkeit. Nach gründlichem Studium der Rechte, Geschichte und Philosophie in Bonn und Berlin wurde der junge Marx 1842 Redakteur der „Rheinischen Zeitunq." Schon ein Jahr später setzten behördliche Maßnahmen dem Erscheinen der Zeitung ein Ende und Marx siedelte mit seiner junqen Frau (einer Schwester des nachmaligen preußischen Ministers von Westphalen) nach Pa-
i ris über. Hier kam ei nicht nur mit neuen Menschen (zum engsten Kreise gehörten u. a. die Deutschen A. Rüge und F. Engels ), sondern auch mit neuen Büchern über Sozialismus und Anarchismus in Berührung und hier verschrieb sich der suchende, unruhvolle Geist endgültig der sozialistischen Idee. Die französische Regierung jener Tage verwies Marx 1845 aus Paris und er ging nach London , von dort nach Brüssel, vorübergehend wieder nach Deutschland und schließlich für immer nach London zurück, wo er nach einem schaffensreichen Leben am 14. März 1883 für immer die Augen schloß.
Aus dem umfangreichen und vielgestaltigen Schaffen Marx ' kann hier nur das Allerbekannteste aus Aufrufen. Aufsätzen und Büchern angesprochen werden, so u.a. das im Jahre 1848 zusammen mit Engels herausgegebene Manifest, das als „Kom munistisches Manifest " noch heute nach fast hundert Jahren, seine Gültigkeit hat und die Arbeiterschaft wie ehedem fesselt. In knapper Form, aber mitreißender Sprache wird in dem Manifest die Idee herausgestellt, die die französische Revolution und die Erhebungen von 1830 und 1848 hervorgerufen hatte. Mit geradezu mobilisierenden Worten wird - die eigene Theorie des Sozialismus enwickelt und der unvergessene Aufruf formuliert: „Arbeiter der Welt vereinigt euch-! Ihr habt nichts zu verlieren, als eure Fesseln, aber eine Welt zu gewinnen!" Diesen Ruf zur Tat hat Marx durch unaufhörliche Propaganda in Zeitungen und Broschüren gesteigert und die Arbeiterorganisationen immer wieder zum Zusammenschluß aufqerufen, weil er ahnte, daß in Europa eine qroße Krise kommen mußte, die die Arbeiterschaft bereit finden sollte.
Im Jahre 1867 erschien Marx ' großes Buch „Das Kapital ", das die Theorien der Wirtschaft analysiert und kritisiert und schließlich die eigenen Theorien (den Marxismus ) erklärt. Es ist ein wissenschaftliches Werk, das sich mit dem Wachstum der industriellen Entwicklung inbezug auf das Maschinenzeitalter beschäftigt und dar- | über hinaus die Entwicklung, die Geschichte | und den Konflickt aller Klassen in der menschlichen Gesellschaft behandelt.
Parteiarbeiterkonferenz
Als erste deutsche Partei hielt die Kom munistische Partei am 2. und 3. März in Berlin eine Parteiarbeiterkonferenz für das ; gesamte deutsche Reichsgebiet ab. 670000 i Parteimitglieder, darunter über 160 000 in den drei Westzonen, hatten ihre Delegierten nach Berlin entsandt Die Konferenz hat e6 sich zur Aufgabe gesetzt, reichseinheit- iiche Beschlüsse zur Frage der sozialisti schen Einheitspartei zu fassen. Wilhelm Pieck analysierte ln- seinem Hauptreferat die heutige Klassenlage in Deutschland und kam zu dem Schluß, „daß durch die Zer- I schlagung des bürokratisch-militaristischen i Staatsapparates die Möglichkeit (wohlverstanden: die Möglichkeit) besteht, den so zialistischen Umbau auch ohne Revolution durchzuführen." Die Grüße aer sozialdemokratischen Bruderpartei überbrachte Oito Grotewohl. Walter Ulbricht vom ZK. sprach dann über die Aufgaben der Vereinigung. Die Diskussion ergab eine ideologische Geschlossenheit in allen grundsätzlichen Fragen, die weder durch Zonengrenzen noch durch die verschiedenartigen politischen Bedingungen in den einzelnen Besatzungszonen erschüttert worden ist Die Tagung muß als erste repräsentative Demonstration eigenen politischen Lebens im Nachkriegsdeutschland angesehen werden und wird im Ausland nicht unbeachtet bleiben.
Vorbereitung der Einheit in Baden
Ehe Landesvorstände der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei von Baden haben in einer gemeinsamen Sitzung vom 7. März in Freiburg eine Entschließung gefaßt, die sich von dem Standpunkt Dr. Schumacher« ziemlich eindeutig distanziert. Die Entschließung hat folgenden Wortlaut:
Die Landesvoretände der Sozialdemokratischen Partei und der Kommunistischen Partei Land Baden (fran^sische Zone), bilden einen Ausschuß zur Beratung aller wichtigen Fragen des Aufbaus der neuen Demokratie und zur Vorbereitung der Vereinigung beider Parteien, die die Voraussetzung ist für den Sieg des Sozialismus.
Freiburg/Breisgau, den 7. März 1946.
Für die Landesvorstände
Man hat ihn vergessen
Auf seinem 250 Hektar großen Gut an der Weser lebt — wie die „Volkszeitung'’ vom i 5. März berichtet — ein Mann, dessen Namen man in Nürnberg bis jetzt vergeblich suchte: Alfred Hugenberg , Wirtschaftsminister in der ersten Koalitionsregierung Hit lers und letzter Chef der Deutschnationalen Voikspartei. Es ist nützlich, sich den Lebensweg dieses Mannes ins Gedächtnis zu rufen. Bereits 1890 beteiligte er sich an der Grün- i düng des „Alldeutschen Verbandes ", de«
! Großvaters der NSDAP . 1912 wird er Vor- I sitzender des „Bergbaulichen Vereins" in ! Essen, des reaktionärsten deutschen Unter- ! nehmerverbandes. Im Verlauf des Welt- ; krieges bemächtigt er sich des großen Ver- I lages Scherl, 1927 erobert er die Ufa. Im 1 Jahre 1930 umfaßt die Hugenbergsche Meinungsfabrik nahezu die gesamte Rechtspresse der Reichshauptstadt (Ahnungslose \ sprachen von „freier", bürgerlicher Presse : im Gegensatz zu den Parteizeitungen I), die Ala-Anzeigen AG., die Telegrafenunion und seinen Filmkonzern. 1932 schloß die Deutschnationale Volkspartei jene verhängnisvolle Ehe mit der NSDAP. , bekannt un - | ter dem Namen Harzburger Front, welche ■ die legale Machtergreifung durch Hitler er- j möglichte. Im Weiserland gibt es leider , noch keine Agrarreform und scheinbar auch j kein Säuberungsgesetz, so daß der alte i Fuchs sich auf seinen wohlverdienten Lor- • beeren im 4. Reich ausruhen darf.
Kunstausstellung ii
Werke von Etennann
Im Wessenberghaus in Konstanz stellen gegenwärtig zwei Künstler Gemälde und Plastiken aus, die schon aus dem Grunde nicht ganz leicht das Verständnis eines breiteren Publikums finden werden, weil ihr Streben nichts mit dem gemein hat, was von der nationalsozialistischen Propaganda jahrelang als vermeintliches Kunstideal gefördert wurde. Denn Adolf Eiermann und Bernhard Spitzmüller wenden sich nicht an jene Anspruchslosen, die Schönheit nur in glatten Formen und Linden sehen, ehe sie für naturgetreu halten, die dem Charakterisierenden als dem Häßlichen stets ausweichen wollen und die das Dramatische lediglich kl einer plakathaft aufgeblasenen Pathetik •eben zu können glauben. Beide Künstler suchen nach einem radikalen Ausdruck dessen, was hinter dem eigentlichen Sichtbaren Hegt.
So neigt der Maler Adolf Eiermann, der mütterlicherseits aus der Schweiz stammt, zur Richtung der in der Schweiz und vor allem in Frankreich verbreiteten Schule des Surrealismus . Sein« Landschaftskompositionen, die wohl Motive unserer Umgebung verarbeiten, enthalten, abgesehen von einigen greifbar erscheinenden und doch locker gemalten Blumenvordergründen, nichts von der verführerischen Lieblichkeit der Boöen- eeelandschaft. Die Stimmung ist traum- schwer, aus grübelnder Seele kommend. Zum Gespenstischen verdichtet «ich diese Haltung bei kompakter Formgebung in der Vision des Gaskrieges, die den Tod als eine riesige Fledermaus mit Knochenschädel und Gasmaske seine, furchtbare Sense über das Land streichen läßt. Mit diesem kleineren Bild hat Eiermann überzeugendere Wirkung erzielt als mit dem großen Kriegstriptychon, Am malerische Qualitätä in seinem Mittel- stück, der Ruinenstadt, aufweist. Die aus Aha Mittelaltar übernommene SymboUsta-
n Wessenberghaus
und Spitzmüll er
rang des Todes als Knochenmann kann uns aber, die wir Tod und Teufel in ganz anderer Verkleidung aus nächster Nähe kennengelernt haben, in dieser Form und auch in der Multiplikation nicht mehr aufrütteln. Wir fragen uns überhaupt, welches ist der Raum, in dem ein solches, Vorbildern des Klrchemaltars entlehntes Werk aufgestellt werden könnte ?
Bernhard Spitzmüller« Arbeiten dagegen haben von vornherein die feste Bestimmung, im architektonischen Programm der Kirche ihren Platz zu finden. Der Künstler, der über 20 Jahre in der Schweiz wirkte, sucht mit seinem Gemälde des Gekreuzigten in monumentalem Format und mit holz- geschnitzten Kruzifixen die Wahrheit im höchstgesteigerten Ausdruck des Leidens. Zu Spitzmüllers Nachteil sind wir verleitet, an Matthias Grünewald zu denken, bei dem die Herausstreichung des Häßlichen und Grauenerregenden im einzelnen innerhalb der Symbolik jeder Gesamtkompositdon als kunstschön empfunden werden muß. Alle« bleibt bei Grünewald auf der gleichen Ebene einer geistigen Wirklichkeit. Dar realistische Christuskörper Spitzmüller« steht dagegen isoliert neben anderen, unwirklichen, allegorischen Elementen de« gleichen Bildes. Ein schön geformter großer Johanneekopf, zwei in weichen Formen aus Holz geschnitzte Frauenakte, eine Anzahl von Kleinplastiken und mehrere Steinkrüge und Vasen beweisen uns aber die Vielseitigkeit eines problematischen Geistes. Dr. B. B r a s ch
Ein erfreulicher Abend mit einem exzellenten Programm! Der Improvisationsstil sommerlicher Serenaden ist endgültig gewichen und hat offensichtlich gewissenhafter Probenarbeit Platz gemacht Der Primarius
des Quartetts (Otto Keller) diszipliniert «ein Temperament diesmal eisern und erreicht dadurch eine Präzision im Technischen, die überrascht, ihm aber endlich die Gelegenheit gibt, sein an sich großes und gediegenes musikalisches Können unter Beweis zu stellen. Er führt bewußt überlegen und mit schöner, geistiger Prägung. Franz P a n e ck , der langjährige Soiocellist des Städtischen Orchesters, hat sich nun bemerkenswert gut in den Quartettstil eingearbeitet; sein Ton ist lockerer, schwebender geworden (Krönungsquartett), die rhythmische Prägnanz ist geblieben, die Härte der Akzentgebung hat sich sehr zum Vorteil wesentlich gemildert. Monika S ch m i d , II. Violine, und der Bratscher S ch m i d ergänzen und bereichern diese Vereinigung mit dem Wert künstlerischer Persönlichkeit. Leider konnte der Referent anderweitiger Verpflichtungen wegen nur die beiden ersten Quartette vollständig hören, von denen das einleitende Adagio des C-dur-Quartetts und der letzte Satz des Krönungsquartetts unter einem besonders glücklichen Stern standen. Wir freuen uns doppelt, daß es unserem Konstanzer Streichquartett mit diesem Abend gelungen ist, vor einem künstlerischen Maßstab voll zu bestehen, den anzulegen uns die Ehrfurcht vor Kirnst und Künstler, vor dem wahren deut schen Geist, wie er sich in dem Werk eines Mozart manifestiert, gebietet.
Der erste Blick auf das Programm, das die Namen Friedeman Bach, Chopin , Ravel , Debussy usw. nebeneinander zeigte, konnte skeptlsdi stimmen; dann kam eine charmante Frau, setzte sich ganz schlicht an den Flügel... und zwei Minuten später war man eingetaucht in die Welt eines Friedeman Bach, des einzigartigen Vaters genialischen Sohnes und Berliner Cembalo-Meisters; erlebte einen völlig neuartigen Chopin, nicht den der üblichen Pianisten, die bei Chop bischer Klaviermusik nur das technische
Problem lösen, sondern einen Chopin, durch die künstlerische Persönlichkeit einer großen Frau gesehen, di© den heißen Atem lebendigen Lebens, ein wildes, aufflammendes Hetz über die Tasten jagte, in träumerischste Poesie verklingende Stimmungen zauberte und uns willenlos gefangennahm. Eine Anschlagstechnik, die plastische, an Orgelton qemahnende Bässe „hämmert" (Concerto i von F, Bach), die ein hauchzartes, aber klin- ! gendes Pianissimo aus den Tasten „strei- | chelt", gehört zum selbstverständlichen Rüst- ; zeug, dessen Brillanz nur noch durch die ! hohe Geistigkeit, von der die Interpretatio - 1 nen von Monique de la Bruchollerie (Con- servatoire P&ris) durchstrahlt sind, überboten werden kann. Eine Pianistin von bedeutendem Format, eine begnadete Musikerin; ein beschämend- schwacher Besuch, aber vom .ersten Takt an ein begeistertes Publikum, eine begeisternde Leistung! Ganz gleichgültig, ob Monique de la Bruchollerie : F. Bach, Chopin , Ravel , Debussy oder Saint- j Saens spielt, sie überzeugt durch die Kraft ; ihrer Persönlichkeit. I
K. G. Buzengeiger.
Der Rowohlt-Verlag hat in Stutt - . gart Lizenz zum Wiederbeginn seiner Arbeit ] erhalten. Die ersten Neuausgaben werden ! Bücher von Kästner, Tucholsky und Ringel- j natz sowie Uebersetzunqen der Werke von j Peter Fleming und Ernest Hemingway sein, j
Der Verlag Kösel & Pustet in München , bekannt durch seine populäre Produktion katholischer Literatur, kann gleichfalls mit amerikanischer Lizenz seine Arbeit wieder aufnehmen.
Der Zinnen-Verlag München , der als einer der ersten Buchverlage ln der ameri kanischen Zone seine Arbeit in großem Umfang wieder aufnehmen konnte, bereitet eine ; Anthologie unveröffentlichter deutscher Lyrik aus den letzten zwölf Jahren als Beitrag zur Geschichte der „Inneren Emigration" vor. Herausgeber ist Di. Günter Groll.
BUHNE UND FILM
Ein neuer Theatersaal in Stuttgart Das Württembergische Staatstheater Stuttgart wird in Kürze unter dem Namen „Kleine Bühne der Württ. Staats- theater" im Festsaal der Mörike-Oberschu'.e eine eigene Kammerspielbühne eröffnen. Als Eröffnungsvorstellung geht „Ein Spiel von Tod und Liebe" von Romain Rolland unter der Spielleitung von Helmut Henrichs in Szene.
Die Charlottenburger Oper. Wie Intendant Michael Bohnen bekanntgibt, soll das stark beschädigte Haus der Städtischen Oper in Charlottenburg wieder aufgebaut werden. Die Kosten für den geplanten Neuaufbau stellen sich auf 2 Millionen Mark. Unter den Trümmern des Opernhauses befinden sich Maschinen und technische Anlagen im Werte von 8 Millionen Mark.
Die Noten der Berliner Staata- o p er sind in der Nähe von Frankfurt/Main in Kellern eines Schlosses aufgefunden worden. Der Fund ist von der Militärregierung sichergestellt und wird zur Zeit geordnet und gesichtet Ein Teil des Notenmaterials hat durch die Art der Aufbewahrung, Transport und Plünderung gelitten.
Die ersten österreichischen Filme laufen jetzt an. Geza von Cziffra ist Regisseur und Drehbuchautor der Filmkomödie „Glaube an mich." Frank Thieß schrieb ein aktuelles Filmschauspiel: .Das letzte Lied." In dem Film „Königin der Landstraße" spielt Angelika Hauff die Hauptrolle. Weitere prominente Mitwirkende sind u. a.: Marthe Harell , Ewald Baiser, Paul Hörbiger , Hans Holt
Die Intendanz des Stadttheaters Konstanz weist darauf hin, daß sämtliche Gastspielveranstaltungen, die vom Service Social und vom Gouvernement Mili- taire im Stadttheater durchgeführt werden, ausschließlich der künstlerischen Verantwortlichkeit des Bureau des Spectades in Baden-Baden unterstehen.