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SVDKURIER

Freitag, 2. August 1946

herrschaften das Haupt, wurde eine Weile absolutistisch regiert, doch nun war es Frankreich , war es die französische Revo­lution, die den heilsamen Umschwung, die Umkehr zur Demokratie, auch in der Schweiz vorbereitete. Allerdings zogen zuerst Napoleon und dann seine Gegner, die Alliierten, das kleine Land noch einmal in die Abhängigkeit vom Ausland hinein, aber die Zuerkennung der immerwähren­den Neutralität wurde der Lohn der Kämpfe und Leiden, und nun erst, im 19. Jahrhundert, wird die Schweiz ganz das Land, das wir lieben und das auch unserem größeren Vaterlande heute in vielem Vor­bild sein kann. Mit den Verfassungen von 1848 und 1874 hat es sich über den napo- leonischen Einheitsstaat und den lockeren Staatenbund von 1815 zum Bundesstaat ent­wickelt, der doch den Kantonen, den Län­dern, eine weitreichende Souveränität läßt und nur das vereinheitlicht, was das Le­bensbedürfnis der Gesamtheit erheischt. Zugleich ist die Schweiz allmählich, ihrem alemannischen Ursprung gemäß, von der repräsentativen, der parlamentarischen De­mokratie, zur reinen, unmittelbaren Demo­kratie übergegangen. Das Volk, nicht die Regierung oder der Abgeordnete, ist der wahre Souverän des Staates und hat, durch das Mittel des Referendums, der

I Volksabstimmung, das letzte Wort in allen entscheidenden Fragen erhalten. Welch' eine Schule der Demokratie für den Bürger, wenn nun nicht bloß Parteien gewählt, son­dern durch das Ja oder Nein jedes einzel­nen auch sachliche Fragen entschieden wer­den müssen. Es war der schönste Sieg des Referendums, ate im Vorjahr auch Frank­ reich , das klassische Land des Parlamenta­rismus, über seinen ersten Verfassungsent­wurf das Volk abstimmen ließ, und die be­ginnende Verfassungsarbeit unserer Länder würde nicht vom demokratischen Geiste des Heute geleitet sein, wenn sie nicht das Referendum wie das Volksbegehren fest und weitgehend überall einbaute.

Für die große Liebestätigkeit, welche die Schweiz seit dem Kriegsende auch dem deutschen Volke wieder erweist, haben wir ihr schon oft von Herzen gedankt Dankbarer noch sind wir ihr für die bei­spielhafte Demokratie, die sie uns vorlebt und wenn unsere Nachbarn etwa wissen wollen, wie das Volk von Konstanz über sie denkt, s o mögen sie, vielleicht als Nach­feier zum 1. August, eine der gegenwär­tigen Vorstellungen von Shaws „Helden" im Stadttheater Konstanz besuchen, wo jedes Wort des Hauptmanns Bluntschli über sein Schweizertum innigst verstanden und jubelnd begrüßt wird.

Aufgliederung Palästinas ?

Ein Vorschlag des anglo- amerikanischen Ausschusses

London . Der anglo-amerikanische Sach­verständigenausschuß für Palästina, der zur Zeit in London tagt, hat die Aufgliederung Palästina« in 4 Gebiete, darunter eine jüdi­sche und eine arabische Provinz, vorgeschla­gen. Die einzelnen Provinzen sollen einer Zentralregierung unterstehen, jedoch weit­gehend autonom sein. Die vorgesehene jü­dische Provinz soll ein Gebiet umfassen, das bereits, zum größten Teil von Juden be­wohnt ist. Die Bewohner der jüdischen Provinz sollen selbst entscheiden, in wel­chem Umfang jüdischen Flüchtlingen eine Einwanderungsgenehmigung erteilt werden soll. — Weiter ist die Bildung einer Jeru­ salemer Provinz vorgesehen, welche die Städte Jerusalem , Bethlehem und deren un­mittelbare Umgebung umfassen soll. — Die noch verbliebenen Gebiete sollen zu einer arabischen Provinz zusammengeschlossen werden. Sie umschließen diejenigen Teile Palästinas, die den größten Anteil an arabi­scher Bevölkerung haben.

Der Ausschuß ist der Meinung, daß es bei Verwirklichung des Planes möglich sei, die von ihm empfohlene Zulassung von 100 000 Juden nach Palästina durchzuführen und nach Annahme der Empfehlung weiteren Juden die Einwanderung nach Palästina zu gestatten.

Verhaftungen in Tel Aviv

Jerusalem . Britisches Militär begann in Tel Aviv mit der Durchführung einer Suchaktion nach den Urhebern des Atten­tats auf das „King David Hotel”. 2000 bis 3000 jüdische Männer und Frauen wurden festgenommen. Ueber die Stadt wurde eine Ausgangssperre verhängt, an den Ausgängen der Stadt wurden Straßen­sperren errichtet, und die im Hafen lie­genden Schiffe erhielten Anweisungen, Tel Aviv nicht zu verlassen.

Studienkommission der UNO

London . Der Reise- und Terminplan für zwei Studienkommissionen der Ver­ einten Nationen , die im August Europa bereisen sollen, wurde von dem Vorsitzen­den des UNO -Ausschusses für die zerstör­ten Gebiete, W. Baumgartner (Frankreich ) diesem Ausschuß unterbreitet. Der Reise­weg der einen Kommission soll über Frankreich , Belgien , Holland , Norwegen nach Dänemark führen. Die zweite Gruppe soll sich nach Polen , der Tschechoslowa­ kei , der Sowjetunion einschließlich der Sowjetukraine und Weißrußland , sowie nach Jugoslawien und Griechenland be­geben.

Die Studienkommissionen werden den Auftrag erhalten, auf ihrer Reise Material für den Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen zu sammeln, das als Unterlage für die Beratungen über die Probleme des Wiederaufbaus der zerstör­ten Gebiete dienen soll

Höfe bis 15 Hektar in Polen

Warschau . Nach einer Anordnung des polnischen Ministerrates können in den neuen westpolnischen Gebieten sowie im früheren Freistaat Danzig keine land­wirtschaftlichen Höfe gebildet werden, die mehr als 15 Hektar Land umfassen. Nur in Ausnahmefällen, so für Versuchs- und Zuchtzwecke, dürfen Höfe bis zu 20 Hektar groß sein.

Laski auf dem Weg nach Moskau

Berlin . „Großbritannien legt gemein­sam mit den Vereinigten Staaten , Frank­ reich und der Sowjetunion größten Wert darauf, daß Deutschland unter Anknüpfung an seine großen, alten kulturellen Traditio­nen den wahren Weg zur Demokratie fin­det", erklärte Professor Herold Laski, der frühere Vorsitzende der Labour-Party, in Berlin . Laski ist der Führer einer Delega­tion der britischen Arbeiterpartei, die Mos­ kau einen Besuch abstattet.

Die Ergebnisse von Bikini

Bikini. Das japanische Schlachtschiff „Na- gato", das durch die Unterwasserbombe schwer beschädigt wurde, ist nachträglich ebenfalls gesunken. Die Nagato ist damit das 3. schwere Schiff, das der Atombomben­explosion zum Opfer fiel. — Das Schiff blieb bis zu seinem Ende so gefährlich radioaktiv, daß man sich ihm nur bis auf 30 Meter nähern konnte.

Durch das Auffinden des Unterseetootes ( „Dentuda" stieg der Gesamtschaden bei dem Atombombenversuch unter Wasser auf die Anzahl von 16 Schiffen. — Mehrere Trans­portschiffe, die sich am äußeren Rande der dem Atombombenversuch ausgesetzten Ziel­flotte befanden und unbeschädigt blieben, haben mit eigener Kraft die Lagune von Bi­ kini verlassen. Die Schiffe haben Kur« auf Pearl Harbour genommen, wo ihre Prüfungs­instrumente ausgebaut werden.

Vizeadmiral Blandy gab bekannt, daß die Vorbereitungen für den nächsten Atom- bombenvereuch, der in einer großen See­tiefe stattfinden soll, bereits begonnen hätten.

Im Zusammenhang mit den Zerstörungen durch die Unterwasserbombe, die ein Fünf­

tel der Zielschiffe bei Bikini versenkte oder beschädgte, erklärte Admiral Cochrane, daß wahrscheinlich in 5 Jahren mit Atomenergie getriebene Kriegsschiffe die See befahren werden.

Oel vom Meeresgrund

Washington . Ingenieure der Stan­dard Oil Company wollen zwischen der Halbinsel Florida und den Bahama-Inseln mit Hilfe von Taucherglocken und Radar- Geräten nach Oelfeldern am Meeresgrund suchen, die sich zur Ausbeute eignen. Zur Feststellung eines geeigneten Platzes für Versuchsbohrungen soll ein ehemaliger amerikanischer U-Bootjäger, der mit Radar­geräten ausgestattet worden ist, für lV'i Monate in See gehen. Falls die Versuche im Flachwasser im Norden der Bahama-Inseln ungünstig verlaufen sollten, sind weitere Bohrversuche geplant.

Kurzmeldungen

Am Mittwochabend trafen 1400 und am Donnerstagmorgen 1200 Kriegsgefan­gene aus der Sowjetunion in Frankfurt ' Oder ein.

Mehr als 700 000 Österreich . Kriegs­gefangene sind seit Ende des Krieges nach Oesterreich zurückgekehrt. 400 000 Oesterreicher befinden sich noch in Kriegsgefangenschaft.

Im englischen Oberhaus gab Lord Nathan bekannt, daß Ehen zwischen bri­ tischen Soldaten und Frauen aus früheren Feindländem mit Ausnahme Japans ge­stattet seien.

Max Fechner und Walter Ulbricht , zwei Vorstandsmitglieder der SED sprachen vor Funktionären der KPD und SPD ln Mün­ chen . In einer Resolution brachten die an­wesenden kommuistischen und sozialde­mokratischen Funktionäre ihre Entschlos­senheit zum Ausdruck, die Einheitsfront auch in Bayern herzustellen.

Gegen die Bevorzugung von politisch Verfolgten wurden in Bayern durch natio­nalsozialistische Elemente illegale Plakate verbreitet und eine mündliche Propaganda organisiert. Das Informations­amt der bayrischen Staatsregierung nimmt scharf gegen diese Machenschaften Stel­lung.

Der ehemalige Militärbefehlshaber von Norwegen , General Nikolaus von Fal­ kenhorst erklärte vor dem britischen Militärgericht in Braunschweig , für die Hinrichtung britischer und norwegischer Kommandotruppen sei allein der deutsche Sicherheitsdienst verantwortlich.

Die beiden in der Sowjetzone ver­schwundenen amerikanischen Offiziere wurden am Mittwoch von den Sowjetbe­hörden wieder an die amerikanischen Be­hörden ausgeliefert. Die beiden Offiziere wurden seit dem 1. Juli vermißt. Sie hat­ten ohne gültige Papiere einen Zug in die sowjetische Zone benutzt.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesell- s ch a f t, eine der berühmtesten For­schungsvereinigungen, wird gemäß einem Beschluß leitender Wirtschaftssachver­ständiger der vier Besatzungsmächte auf­gelöst. Einige Laboratorien werden für wissenschaftliche Forschungen weiterar- beiten.

Der regelmäßige Fernsprechver­kehr zwischen der Tschechoslowakei und der Schweiz wurde am Dienstag wieder aufgenommen.

Ein Höhenweltrekord wurde mit einer Versuchsrakete, die in der Wüste von Neu-Mexiko abgeschossen wurde, auf­gestellt. Das Geschoß erreichte eine Höhe von 166 Kilometern und überbot damit die bisherige Höchstleistung erheblich. In­strumente zur Messung der Temperatur und der kosmischen Strahlen wurden von der Rakete mitgeführt.

Das „Fliegende Pake t”, eine neue amerikanische zweimotorige Trans­portmaschine mit einem Aktionsradius von 6400 Kilometern, die auch als Truppen­transporter Verwendung findet, ist, aus den Vereinigten Staaten kommend, in der letzten Woche in Wiesbaden gelandet

Aus dem Parteileben

CDU

Auf dem Weg rar Klarheit

In allen Landesverbänden steht seit ge­raumer Zeit der Begriff des Christlichen Sozialismus zur Debatte. Die Berliner Ta­gung hat die Diskussion noch lebhafter werden lassen. Vor allem suchen die an­deren Parteien von sich aus den Kurs der CDU festzulegen. Daß hierbei der Wunsch Vater des Gedankens ist, ist unverkennbar. Wenn dieser Tage in der „Hamburger Freien Presse”, dem Organ der „Freien Demokratischen Partei”, gesagt wird, daß sich der christliche Sozialismus nur in einer spekulativen Wortformulierung vom Bekenntnis zum materialistischen Sozialis­mus marxistischer Prägung unterscheidet, so finden wir dieses Argument mehr als fadenscheinig. Wer in diesem Zusammen­hänge den Unterschied christlich und marxistisch als Spekulation bewertet, der bezeugt nur eine sachliche Unkenntnis.

Wir können die Nervosität gewisser Parteien verstehen, doch die Klärung die­ses Problems muß organisch gesund her­anreifen. Die zahlreichen Kritiker, die die Situation der CDU in kürzester Zeit programmatisch bis ins letzte festgelegt wissen wollen, müssen sich eben noch ge­dulden. Völlig verfehlt ist auch die Speku­lation auf verschiedene Zonen-Auffassun­gen in dieser Angelegenheit. Man muß die Diskussion in den einzelnen Landesver­bänden und Zonen um diese Frage unter dem Aspekt einer gesunden Ent­wicklung zu einer klaren Linie hin verstehen.

- Es ist nur zu begrüßen, daß das Ringen um dieses Problem von verschiedenen Sei­ten eingesetzt hat: In der Stille fruchtbarer dialektischer Untersuchungen unserer So- zial-Philosophen und in temperamentvol­ler Auseinandersetzung in der Oeffentlich- keit. In der CDU -Presse hat die Stellung­nahme zu diesem Problem nunmehr auch begonnen. Auch hier wird der Widerstreit der Meinungen die Klärung eher beschleu­nigen denn verschleppen. In dem Zusam­menklingen wird sich dann die umfassen­de Lösung herauskristallisieren, eben der klare Kurs der CDU .

Unsere Verpflichtung und Verantwor­tung ist umfassender. Es geht um eine S o- zial- Reform nach christlichen Grundsätzen, die sich wohl einbauen läßt in den Begriff eines Christlichen So­zialismus. Doch nicht so sehr der Begriff, sondern die Substanz, der Vorgang, die Verwirklichung aS sich ist entscheidend. Sozial-Reform heißt Neubau, doch- diese Erneuerung muß, wie wir eben kurz skiz­zierten, organisch besonnen vor sich ge­hen. Nach Professor Jostock möchte aus naturrechtlichen und sozial philosophischen Gründen die Sozialreform der Kollektivi- sierung tunlichst vermeiden und das Pri­vateigentum samt der aus ihm erfließen- den Selbst-Verantwortung erhalten, oder besser gesagt: für die große Masse der Arbeiter wiederherstellen. Auf die Verwirklichung dieser Forderung kommt es eben an. (U)

CDU zur Flüchtlingsfrage

Es müsse alles versucht werden, um den heimatlosen Flüchtlingen eine neue Exi­stenz zu verschaffen. Es muß aber auch alles versucht werden, um die Flüchtlinge wie­der in ihre Heimat zurückzubringen, er­klärte in einer Kundgebung der CDU in Dortmund Dr. Adenauer zur Flüchtlings­frage. Adenauer wies weiter auf das un­geheure Elend hin, das über 12 bis 13 Millionen Deutsche hereingebrochen sei, ein Elend, das so ungeheuer sei, wie nie ein ähnliches in der Geschichte erlebt wurde. Unschuldige Frauen und Kinder seien von ihrer Heimat vertrieben wor­den. Ein großes Land sei verödet und ver­steppt worden. Es sei ein unmöglicher Zu­stand für Europa , weite Gebiete ohne Menschen, die Häuser leer und die Län­

dereien veröden zu lassen. Die Fehler, dl« in so verhängnisvoller Weise begangen wurden und sich ausgewirkt hätten, müß­ten wieder gutgemacht werden.

Sozialistische Partei Die Bedeutung der Gemeindewahlen

Nicht selten hört man die Meinung ver­treten, daß die vor der Tür stehenden Ge­meindewahlen bedeutungslos seien, weil die gewählten Gemeindevertreter ja doch den Weg einzuhalten und zu gehen hätten, den ihnen die Besatzungsmacht vorschreibt Dieser Meinung liegt ein Körnchen Wahr­heit zugrunde. Doch wissen die nicht vom Nazigeist heute noch Besessenen sehr wohl, daß die Besatzungsmacht in ihren leitenden Stellen durchdrungen ist von der klaren Erkenntnis, daß die reine Militär­diktatur niemals einen gangbaren Weg zur Verständigung öffnen kann, sondern nolens volens darauf angewiesen ist den guten Willen in immer breiteren Volksschichten wacfazurufen. Dieses Eindringen in das Wollen und Verständnis der Volksmassen ist auf dem Weg der Fühlungnahme mit der Einzelperson nicht möglich. Die Ge­meindevertreter spielen daher die Rolle des Mittlers zwischen Besatzungsmacht und Volk. Sie können diese Rolle in frucht­barer Art spielen, auch wenn die Ver­fügungsgewalt über die materiellen Mittel der Gemeinde heute und noch für lange Zeit beschränkt ist. Von den Gemeinde­vertretern wird es in allererster Linie ab- hängen, das durch den Nazismus so gänz­lich zerstörte Vertrauen in das deutsche Volk allmählich wieder herzustellen. Es ist wohl in der heutigen Zeit und unter den obwaltenden Umständen verfehlt, das Amt eines Gemeindevertreters als eine fette Pfründe anzusehen. Es bedarf eines gro­ßen Maßes von Aufopferungsfähigkeit, von Idealismus und Optimismus, um an der Sisyphusarbeit des Aufbaus auf allen Ge­bieten nicht zu verzweifeln. Wenn e« dem Nazismus in 12 Jahren gelungen ist, die Fundamente des deutschen Staates völlig zu zerstören, so ist es ihm trotz aller Trümmer nicht gelungen, da s beabsichtigte Chaos auch auf die Gemeinden zu über­tragen. In den Gemeinden regte sich zu­erst wieder der Gedanke der Zusammen­gehörigkeit. der Zucht und Ordnung, der Hilfsbereitschaft. Der einzige Weg, den Staat neu aufzubauen, führt über lebens­fähige Gemeinden.

Erste Aufgabe der gewählten Gemeinde- Vertreter wird es sein, die lähmende Apa- ? thie ihrer Mitmenschen zu lösen und ihnen neuen Lebensmut, neuen Trieb zur Arbeit und zur Geduld einzuflößen. Die £ Gewählten treten das Erbe Hitlers an, das nur mit einem abgrundtiefen Morast auf allen Gebieten des menschlichen Lebens verglichen werden kann. Diesen Morast jp trocken zu legen, ihn wieder in anbaufähi- gen Boden umzuwandeln, das wird die zähe, stille und opferreiche Arbeit der zu­künftigen Gemeindevertreter sein. Möge der Wähler seinerseits ein glückliche Hand haben auf der Suche nach charaktervollen Männern und Frauen, die bereit sind, das Joch auf sich zu nehmen. Wie unter dem Hakenkreuz der Fanatismus die Vernich­tung der menschlichen Existenz zur Folge hatte, so soll der heutige Fanatismus nicht allein zur Beseitigung der angerich­teten materiellen Schäden, zur Garantie einer, wenn auch bescheidenen Existenz, sondern zu einer seit Jahrhunderten in Deutschland kaum dagewesenen humanen Lebensauffassung führen.

Nun, Wähler, liegt es an dir, nicht zu denken und zu sagen, es wird auch ohne mich gehen. Es wurde dir durch Hitler 6dion einmal das demokratische Recht, mit dem Wahlzettel dein Geschick zu bestim­men, aus der Hand geschlagen. Laß dir dieses Recht nie mehr entreißen und wähle!

Benz

Komödie zum Lachen und zum Denken

G. B. Shaws „Helden" im

Das, worüber wir bei einer Komödie am meisten zu lachen pflegen, sind Schwächen und Unzulänglichkeiten. Die handelnden Personen auf der Bühne belustigen uns in ihrem Widerspruch zwischen gewünschtem oder vorgestelltem Sein und Wirklichkeit. In G. B. Shaws Komödie „Helden", die ihre Neuaufführung in Konstanz erlebte, wird eine Welt verlogener Ideale auf die hei­terste Art entzaubert. Mit anderen „er­quicklichen und unerquicklichen Stücken" erlaubte sich der unverbesserliche Weltver­besserer und Kritiker diese Komödie im Jahre 1898 seinen Zeitgenossen vorzu­setzen. Und es erweist sich mit Wilfried Seyferths reizvoller Inszenierung, daß man über die gleiche Gesellschaftssatire auch heute von Herzen lachen kann. Merk­würdig. Mit dem besten Wißen kann nie­mand bestreiten, daß auch wir Zeitgenossen des junggebliebenen Shaws sind, ein hal­bes Jahrhundert von der Uraufführung der „Helden". Und noch merkwürdiger: um das Erlebnis zweier Weltkriege wurde un­ser Bewußtsein inzwischen bereichert, aber was Shaw damals gesagt hat, scheint heute neu.

„Meine Taten machen meine erhabensten Gedanken lächerlich." Da haben wir's. So spricht Major Sergius Saranoff, der ent­thronte Held. Er erwarb den Nimbus eines Siegers als unfähiger Offizier, indem er mit einer tollkühnen Reiterattacke feindliche Schnellfeuerbatterien überrannte, eine Tat, die nur deshalb gelang, weil der Gegner zufällig ohne Munition war, wovon Sergius nichts wissen konnte. Die Handlung spielt auf dem Balkan im Jahre 1885. Aber sie liegt uns nicht fern Leider. Denn sie dreht sich um Patriotismus, Liebe, Ehre und Be­sitz. Erhabene Worte um diese Begriffe vernehmen wir in dem auf seine Zivilisa­tion so stolzen Haus des Majors Petkoff, und wir lachen über diese Worte angesichts

Stadttheater Konstanz

der ärmlichen Taten, die ihnen gegenüber­stehen.

Was hat Shaw , der niemals für das Theater als solches, sondern immer nur für die Wahrheit schrieb, den Schauspielern für prächtige Rollen geschenkt! Der Regisseur Seyferth mit dem nun wirklich guten Ensemble unserer Bühne (in dem die Män­ner hervorragen) hat es richtig erfaßt Als Gast ist Gustav K n u t h auf dem Weg nach Zürich zu uns gekommen. Die Konstanzer wollten ihm anfangs — wie ihr Gelächter verriet — den Schweizer , den er als Haupt­mann Bluntschli darzustellen hat, nicht recht glauben, was man verstehen kann, da sie ihre Nachbarn zunächst an äußeren Merk­malen erkennen. Aber solche Aeußerlich- keit bedeutet nicht viel bei Shaw , der kei­neswegs zu den Naturalisten zu zählen ist. Es kommt bei ihm weniger auf den der Natur nachgeahmten Typ an als auf die Idee, die jede Person in seinen Stücken zu vertreten hat Und so ist Knuth als ein realer Mensch, der über Scharfsinn, Humor und Herz verfügt der ideale Bluntschli. Mit einer Leichtigkeit, die schwer ihres­gleichen findet dabei immer taktvoll, siegt er als Held mit dem Mut die eigene Feig­heit und andere Schwächen zu bekennen, über seine Mitspieler im verlogenen Spiel der Gesellschaft.

In der Partnerschaft mit Knuth als dem feinen Dialogsprecher, der durch Zurück­haltung zu pointieren versteht, überwindet Gertrud M e y e n diesmal glänzend die ihr nicht in jeder Rolle zum Vorteil gereichende Sprödigkeit Aus dem Nebel dummer Illusionen findet Orr« Raina herzgewinnend und mit klarem Verstand, dabei mit einem reizenden Anflug von Humor, den Weg auf den Boden der Tatsachen, sicherer Tat­sachen übrigens, da sie auf Schweizer Hotel­aktien gegründet sind. Die Rolle des Pseudohelden Sergius wurde besonders

glücklich mit H. Peter Thielen besetzt In Erscheinung und Sprache einprägsam, verleiht er dem Unzuverlässigen die Würde der Selbstironie Ebenfalls mit schöner Klarheit gibt Wolfgang Engels dem unterwürfigen und berechnenden Nicola die Züge einer dem Milieu entsprechenden Be­dientenseele. Hervorragend aber, allein schon in der Maske, als ein echter Typ der von Shaw vorgezeichneten Umwelt: Hein­ rich Troxbömker als Rainas Vater, Ma­jor Petkoff. Mit der gemütvollen Natür­lichkeit seines Spiels rückt er uns innerlich nah. Bewundern wir diesen Petkoff wegen seiner gesunden Skepsis der Anwendung der Tedmik gegenüber (wozu eine elek­trische Klingel, fragt er, wenn man rufen kann?) oder sind wir erhaben über seine Vorurteile etwa im Hinblick auf das täg­liche Waschen, das sich inzwischen durch­gesetzt haben soll? Vergessen wir doch mit dem Lachen das Denken nicht! Ver­zeihung, der Kritiker soll, wie man uns nahelegte, von den Schauspielern sprechen. Also, wir wünschen von Herzen, daß Hein­ rich Troxbömker hier bleiben möge.

Jane Holm, die mit viel Temperament die Kammerzofe Louka spielt, erscheint als eine sehr ehrgeizige Schauspielerin mit der Neigung zu überschärfter Prägnanz im sprachlichen Ausdruck. Das läßt sich gewiß abschleifen. Dabei ein hübsches Mädel, ihre Louka. Man kann verstehen, daß der Herr Major Sergius seine Standesvorurteiie ihr gegenüber aufgibt Gut in der Maske, ge­legentlich etwas chargiert im Spiel, ist Sieg­linde Welchert als Majorsgattin.

Die unaufdringliche, kluge Regie Sey­ferths gab dem Ablauf der Handlung im Rahmen des zweckdienlichen, in erfreulich dezenter Farbgebung gehaltenen Bühnen­bildes von Ulrich D a m r a u Straffheit und Tempo. Der brausende Beifall am Schluß der Premiere, galt er dem Regisseur, den Darstellern oder dem Dichter Shaw, der so witzig den Menschen als Produkt der stets veränderlichen Verhältnisse zeigt? Sollen

wir nur lachen über den Propheten, der uns belehrt aus der Güte seines Herzens, um uns zu helfen! Ich bin der Meinung, mit den Worten des entlarvten „Helden", der immerhin den schönen Sieg der Selbst­erkenntnis davonträgt, müssen wir am Ende doch eingestehen: G. B. Shaw, „das ist ein Mann!" Dr. Emst Brasch

Sdiubert-Serenade

Die Szenerie im Rathaushof, immer schon eine Symphonietta gemütstiefer Architek­tonik und eines reizvollen Licht- und Schat­tenspiels, wurde als Hintergrund für die Sdiubert-Serenade, welche für dieses Jahr den Reigen der beliebten Serenadenabende eröffnete, doppelt wirksam. Das ganz in lyrische Traumfarben getauchte prachtvolle Nocturne in Es-dur erstand in der an­schmiegsamen und klanglich sehr sauberen Interpretation der jungen Künstler (Erika Winter- Ehrlinspiel. Violine, Elisabeth G a 11 i n g e r, Cello, und Michael Braun­ fels , Klavier) ganz aus dem Tiefengrund seiner seelenvollen, mythenbildnerischen

Harmonik. Die Geigerin verdiente durch ihre plastisch edle Spielweise und saubere Intonierung der Doppelgriffe ein Sonder­lob. In der Sopranistin Dorothea Gösch lernten wir eine aufstrebende und begabte junge Sopranistin kennen, deren glocken­klare, geschmeidige Stimmführung von

einer starken Musikalität getragen wird und den sieben Schubert -Liedern in ihren feinen melidiösen Stimmungsreizen und zar­testen modulatorischen Biegungen mit

wachsendem Verständnis und dem ganzen Liebreiz eines jugendlichen Temperaments entgegentritt. Nennen wir nur die zart schimmernde Lyrik des „Abendrot", die vergeistigte Fröhlichkeit der „Fischerweise", die entzückend gesungene „Nachtigall " oder „An Sylvia“. Michael Braunfels bewältigte den Klavierpart in dezenter und sicherer Weise. Das zum Abschluß zu Gehör ge­

brachte wundervolle B-dur-Trio op. 99, un­seres Erachtens immer noch das schwerste Klaviertrio Schuberts , hätte zwar in der <

Durchzeichnung gerade der Ecksätze in dy­namischer, phraseologischer und stricharf- licher Hinsicht einer schärferen Heraus­arbeitung bedurft, konnte aber in der klanglichen Ausgewogenheit selbst stren­geren Maßstäben völlig genügen. Wieder­holter und herzlicher Beifall der Zuhörer dankte den jungen Künstlern für ihre Lei­stungen. Dr. G. L e n z i n g e r

KULTURNACHRICHTEN

G. Hauptmanns Beisetzung. Am Sonntag, 28. Juli, wurden die sterbliches Ueberreste von Gerhart Hauptmann früh vor Sonnenaufgang auf dem kleinen Ge­meindefriedhof von Hiddensee beigesetzt Die Witwe des Dichters, Frau Margarete Hauptmann , war bei der Beerdigung zu­gegen.

Ricarda Huch Dr. h. c. Ricarda Huch wurde anläßlich ihres 82. Geburtstages die Würde eines Ehrendoktors der philosophi­schen Fakultät der Universität Jena zuge­sprochen. Eine Gesamtausgabe der Werke Ricarda Huchs soll noch im Laufe diese* Jahres erscheinen.

Hörspiel von Müsset. Der Süd- westfunk bereitet zum 13. August „Den Leuchter" als Hörspiel, eine der reizvollen Komödien, vor, die Alfred de Müsset als romantische, geistreiche Kammerspiele ent­warf, wie sie vor hundert Jahren im „Ro­ten Saal" (Theater) des Kurhauses Baden- Baden oft zur Aufführung kamen. Alfred de Müsset weilte während und nach seiner Verbindung mit George Sand in Baden- Baden , dessen Glückspiele den Inhalt sei­nes Gedichtes „Mes fortunes" bilden. Die Regie des „Leuchters" hat Dr. Karl Peter Biltz . (SF)

Eine Bach-Gemeinschaft Eine internationale Bach-Gemeinschaft wurde in Schaffhausen im Anschluß an eine Internationale Bach-Woche gegründet. Mit den Werken Johann Sebastian Bachs will sie sich in den Dienst einer völkerverbin­denden Kulturgemeinschaft stellen.