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SVDKURIER
Freitag, 2. August 1946
herrschaften das Haupt, wurde eine Weile absolutistisch regiert, doch nun war es Frankreich , war es die französische Revolution, die den heilsamen Umschwung, die Umkehr zur Demokratie, auch in der Schweiz vorbereitete. Allerdings zogen zuerst Napoleon und dann seine Gegner, die Alliierten, das kleine Land noch einmal in die Abhängigkeit vom Ausland hinein, aber die Zuerkennung der immerwährenden Neutralität wurde der Lohn der Kämpfe und Leiden, und nun erst, im 19. Jahrhundert, wird die Schweiz ganz das Land, das wir lieben und das auch unserem größeren Vaterlande heute in vielem Vorbild sein kann. Mit den Verfassungen von 1848 und 1874 hat es sich über den napo- leonischen Einheitsstaat und den lockeren Staatenbund von 1815 zum Bundesstaat entwickelt, der doch den Kantonen, den Ländern, eine weitreichende Souveränität läßt und nur das vereinheitlicht, was das Lebensbedürfnis der Gesamtheit erheischt. Zugleich ist die Schweiz allmählich, ihrem alemannischen Ursprung gemäß, von der repräsentativen, der parlamentarischen Demokratie, zur reinen, unmittelbaren Demokratie übergegangen. Das Volk, nicht die Regierung oder der Abgeordnete, ist der wahre Souverän des Staates und hat, durch das Mittel des Referendums, der
I Volksabstimmung, das letzte Wort in allen entscheidenden Fragen erhalten. Welch' eine Schule der Demokratie für den Bürger, wenn nun nicht bloß Parteien gewählt, sondern durch das Ja oder Nein jedes einzelnen auch sachliche Fragen entschieden werden müssen. Es war der schönste Sieg des Referendums, ate im Vorjahr auch Frank reich , das klassische Land des Parlamentarismus, über seinen ersten Verfassungsentwurf das Volk abstimmen ließ, und die beginnende Verfassungsarbeit unserer Länder würde nicht vom demokratischen Geiste des Heute geleitet sein, wenn sie nicht das Referendum wie das Volksbegehren fest und weitgehend überall einbaute.
Für die große Liebestätigkeit, welche die Schweiz seit dem Kriegsende auch dem deutschen Volke wieder erweist, haben wir ihr schon oft von Herzen gedankt Dankbarer noch sind wir ihr für die beispielhafte Demokratie, die sie uns vorlebt und wenn unsere Nachbarn etwa wissen wollen, wie das Volk von Konstanz über sie denkt, s o mögen sie, vielleicht als Nachfeier zum 1. August, eine der gegenwärtigen Vorstellungen von Shaws „Helden" im Stadttheater Konstanz besuchen, wo jedes Wort des Hauptmanns Bluntschli über sein Schweizertum innigst verstanden und jubelnd begrüßt wird.
London . Der anglo-amerikanische Sachverständigenausschuß für Palästina, der zur Zeit in London tagt, hat die Aufgliederung Palästina« in 4 Gebiete, darunter eine jüdische und eine arabische Provinz, vorgeschlagen. Die einzelnen Provinzen sollen einer Zentralregierung unterstehen, jedoch weitgehend autonom sein. Die vorgesehene jüdische Provinz soll ein Gebiet umfassen, das bereits, zum größten Teil von Juden bewohnt ist. Die Bewohner der jüdischen Provinz sollen selbst entscheiden, in welchem Umfang jüdischen Flüchtlingen eine Einwanderungsgenehmigung erteilt werden soll. — Weiter ist die Bildung einer Jeru salemer Provinz vorgesehen, welche die Städte Jerusalem , Bethlehem und deren unmittelbare Umgebung umfassen soll. — Die noch verbliebenen Gebiete sollen zu einer arabischen Provinz zusammengeschlossen werden. Sie umschließen diejenigen Teile Palästinas, die den größten Anteil an arabischer Bevölkerung haben.
Der Ausschuß ist der Meinung, daß es bei Verwirklichung des Planes möglich sei, die von ihm empfohlene Zulassung von 100 000 Juden nach Palästina durchzuführen und nach Annahme der Empfehlung weiteren Juden die Einwanderung nach Palästina zu gestatten.
Jerusalem . Britisches Militär begann in Tel Aviv mit der Durchführung einer Suchaktion nach den Urhebern des Attentats auf das „King David Hotel”. 2000 bis 3000 jüdische Männer und Frauen wurden festgenommen. Ueber die Stadt wurde eine Ausgangssperre verhängt, an den Ausgängen der Stadt wurden Straßensperren errichtet, und die im Hafen liegenden Schiffe erhielten Anweisungen, Tel Aviv nicht zu verlassen.
London . Der Reise- und Terminplan für zwei Studienkommissionen der Ver einten Nationen , die im August Europa bereisen sollen, wurde von dem Vorsitzenden des UNO -Ausschusses für die zerstörten Gebiete, W. Baumgartner (Frankreich ) diesem Ausschuß unterbreitet. Der Reiseweg der einen Kommission soll über Frankreich , Belgien , Holland , Norwegen nach Dänemark führen. Die zweite Gruppe soll sich nach Polen , der Tschechoslowa kei , der Sowjetunion einschließlich der Sowjetukraine und Weißrußland , sowie nach Jugoslawien und Griechenland begeben.
Die Studienkommissionen werden den Auftrag erhalten, auf ihrer Reise Material für den Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen zu sammeln, das als Unterlage für die Beratungen über die Probleme des Wiederaufbaus der zerstörten Gebiete dienen soll
Warschau . Nach einer Anordnung des polnischen Ministerrates können in den neuen westpolnischen Gebieten sowie im früheren Freistaat Danzig keine landwirtschaftlichen Höfe gebildet werden, die mehr als 15 Hektar Land umfassen. Nur in Ausnahmefällen, so für Versuchs- und Zuchtzwecke, dürfen Höfe bis zu 20 Hektar groß sein.
Berlin . „Großbritannien legt gemeinsam mit den Vereinigten Staaten , Frank reich und der Sowjetunion größten Wert darauf, daß Deutschland unter Anknüpfung an seine großen, alten kulturellen Traditionen den wahren Weg zur Demokratie findet", erklärte Professor Herold Laski, der frühere Vorsitzende der Labour-Party, in Berlin . Laski ist der Führer einer Delegation der britischen Arbeiterpartei, die Mos kau einen Besuch abstattet.
Die Ergebnisse von Bikini
Bikini. Das japanische Schlachtschiff „Na- gato", das durch die Unterwasserbombe schwer beschädigt wurde, ist nachträglich ebenfalls gesunken. Die Nagato ist damit das 3. schwere Schiff, das der Atombombenexplosion zum Opfer fiel. — Das Schiff blieb bis zu seinem Ende so gefährlich radioaktiv, daß man sich ihm nur bis auf 30 Meter nähern konnte.
Durch das Auffinden des Unterseetootes ( „Dentuda" stieg der Gesamtschaden bei dem Atombombenversuch unter Wasser auf die Anzahl von 16 Schiffen. — Mehrere Transportschiffe, die sich am äußeren Rande der dem Atombombenversuch ausgesetzten Zielflotte befanden und unbeschädigt blieben, haben mit eigener Kraft die Lagune von Bi kini verlassen. Die Schiffe haben Kur« auf Pearl Harbour genommen, wo ihre Prüfungsinstrumente ausgebaut werden.
Vizeadmiral Blandy gab bekannt, daß die Vorbereitungen für den nächsten Atom- bombenvereuch, der in einer großen Seetiefe stattfinden soll, bereits begonnen hätten.
Im Zusammenhang mit den Zerstörungen durch die Unterwasserbombe, die ein Fünf
tel der Zielschiffe bei Bikini versenkte oder beschädgte, erklärte Admiral Cochrane, daß wahrscheinlich in 5 Jahren mit Atomenergie getriebene Kriegsschiffe die See befahren werden.
Washington . Ingenieure der Standard Oil Company wollen zwischen der Halbinsel Florida und den Bahama-Inseln mit Hilfe von Taucherglocken und Radar- Geräten nach Oelfeldern am Meeresgrund suchen, die sich zur Ausbeute eignen. Zur Feststellung eines geeigneten Platzes für Versuchsbohrungen soll ein ehemaliger amerikanischer U-Bootjäger, der mit Radargeräten ausgestattet worden ist, für lV'i Monate in See gehen. Falls die Versuche im Flachwasser im Norden der Bahama-Inseln ungünstig verlaufen sollten, sind weitere Bohrversuche geplant.
Kurzmeldungen
Am Mittwochabend trafen 1400 und am Donnerstagmorgen 1200 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion in Frankfurt ' Oder ein.
Mehr als 700 000 Österreich . Kriegsgefangene sind seit Ende des Krieges nach Oesterreich zurückgekehrt. 400 000 Oesterreicher befinden sich noch in Kriegsgefangenschaft.
Im englischen Oberhaus gab Lord Nathan bekannt, daß Ehen zwischen bri tischen Soldaten und Frauen aus früheren Feindländem mit Ausnahme Japans gestattet seien.
Max Fechner und Walter Ulbricht , zwei Vorstandsmitglieder der SED sprachen vor Funktionären der KPD und SPD ln Mün chen . In einer Resolution brachten die anwesenden kommuistischen und sozialdemokratischen Funktionäre ihre Entschlossenheit zum Ausdruck, die Einheitsfront auch in Bayern herzustellen.
Gegen die Bevorzugung von politisch Verfolgten wurden in Bayern durch nationalsozialistische Elemente illegale Plakate verbreitet und eine mündliche Propaganda organisiert. Das Informationsamt der bayrischen Staatsregierung nimmt scharf gegen diese Machenschaften Stellung.
Der ehemalige Militärbefehlshaber von Norwegen , General Nikolaus von Fal kenhorst erklärte vor dem britischen Militärgericht in Braunschweig , für die Hinrichtung britischer und norwegischer Kommandotruppen sei allein der deutsche Sicherheitsdienst verantwortlich.
Die beiden in der Sowjetzone verschwundenen amerikanischen Offiziere wurden am Mittwoch von den Sowjetbehörden wieder an die amerikanischen Behörden ausgeliefert. Die beiden Offiziere wurden seit dem 1. Juli vermißt. Sie hatten ohne gültige Papiere einen Zug in die sowjetische Zone benutzt.
Die Kaiser-Wilhelm-Gesell- s ch a f t, eine der berühmtesten Forschungsvereinigungen, wird gemäß einem Beschluß leitender Wirtschaftssachverständiger der vier Besatzungsmächte aufgelöst. Einige Laboratorien werden für wissenschaftliche Forschungen weiterar- beiten.
Der regelmäßige Fernsprechverkehr zwischen der Tschechoslowakei und der Schweiz wurde am Dienstag wieder aufgenommen.
Ein Höhenweltrekord wurde mit einer Versuchsrakete, die in der Wüste von Neu-Mexiko abgeschossen wurde, aufgestellt. Das Geschoß erreichte eine Höhe von 166 Kilometern und überbot damit die bisherige Höchstleistung erheblich. Instrumente zur Messung der Temperatur und der kosmischen Strahlen wurden von der Rakete mitgeführt.
Das „Fliegende Pake t”, eine neue amerikanische zweimotorige Transportmaschine mit einem Aktionsradius von 6400 Kilometern, die auch als Truppentransporter Verwendung findet, ist, aus den Vereinigten Staaten kommend, in der letzten Woche in Wiesbaden gelandet
Aus dem Parteileben
Auf dem Weg rar Klarheit
In allen Landesverbänden steht seit geraumer Zeit der Begriff des Christlichen Sozialismus zur Debatte. Die Berliner Tagung hat die Diskussion noch lebhafter werden lassen. Vor allem suchen die anderen Parteien von sich aus den Kurs der CDU festzulegen. Daß hierbei der Wunsch Vater des Gedankens ist, ist unverkennbar. Wenn dieser Tage in der „Hamburger Freien Presse”, dem Organ der „Freien Demokratischen Partei”, gesagt wird, daß sich der christliche Sozialismus nur in einer spekulativen Wortformulierung vom Bekenntnis zum materialistischen Sozialismus marxistischer Prägung unterscheidet, so finden wir dieses Argument mehr als fadenscheinig. Wer in diesem Zusammenhänge den Unterschied christlich und marxistisch als Spekulation bewertet, der bezeugt nur eine sachliche Unkenntnis.
Wir können die Nervosität gewisser Parteien verstehen, doch die Klärung dieses Problems muß organisch gesund heranreifen. Die zahlreichen Kritiker, die die Situation der CDU in kürzester Zeit programmatisch bis ins letzte festgelegt wissen wollen, müssen sich eben noch gedulden. Völlig verfehlt ist auch die Spekulation auf verschiedene Zonen-Auffassungen in dieser Angelegenheit. Man muß die Diskussion in den einzelnen Landesverbänden und Zonen um diese Frage unter dem Aspekt einer gesunden Entwicklung zu einer klaren Linie hin verstehen.
- Es ist nur zu begrüßen, daß das Ringen um dieses Problem von verschiedenen Seiten eingesetzt hat: In der Stille fruchtbarer dialektischer Untersuchungen unserer So- zial-Philosophen und in temperamentvoller Auseinandersetzung in der Oeffentlich- keit. In der CDU -Presse hat die Stellungnahme zu diesem Problem nunmehr auch begonnen. Auch hier wird der Widerstreit der Meinungen die Klärung eher beschleunigen denn verschleppen. In dem Zusammenklingen wird sich dann die umfassende Lösung herauskristallisieren, eben der klare Kurs der CDU .
Unsere Verpflichtung und Verantwortung ist umfassender. Es geht um eine S o- zial- Reform nach christlichen Grundsätzen, die sich wohl einbauen läßt in den Begriff eines Christlichen Sozialismus. Doch nicht so sehr der Begriff, sondern die Substanz, der Vorgang, die Verwirklichung aS sich ist entscheidend. Sozial-Reform heißt Neubau, doch- diese Erneuerung muß, wie wir eben kurz skizzierten, organisch besonnen vor sich gehen. Nach Professor Jostock möchte aus naturrechtlichen und sozial philosophischen Gründen die Sozialreform der Kollektivi- sierung tunlichst vermeiden und das Privateigentum samt der aus ihm erfließen- den Selbst-Verantwortung erhalten, oder besser gesagt: für die große Masse der Arbeiter wiederherstellen. Auf die Verwirklichung dieser Forderung kommt es eben an. (U)
Es müsse alles versucht werden, um den heimatlosen Flüchtlingen eine neue Existenz zu verschaffen. Es muß aber auch alles versucht werden, um die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückzubringen, erklärte in einer Kundgebung der CDU in Dortmund Dr. Adenauer zur Flüchtlingsfrage. Adenauer wies weiter auf das ungeheure Elend hin, das über 12 bis 13 Millionen Deutsche hereingebrochen sei, ein Elend, das so ungeheuer sei, wie nie ein ähnliches in der Geschichte erlebt wurde. Unschuldige Frauen und Kinder seien von ihrer Heimat vertrieben worden. Ein großes Land sei verödet und versteppt worden. Es sei ein unmöglicher Zustand für Europa , weite Gebiete ohne Menschen, die Häuser leer und die Län
dereien veröden zu lassen. Die Fehler, dl« in so verhängnisvoller Weise begangen wurden und sich ausgewirkt hätten, müßten wieder gutgemacht werden.
Sozialistische Partei Die Bedeutung der Gemeindewahlen
Nicht selten hört man die Meinung vertreten, daß die vor der Tür stehenden Gemeindewahlen bedeutungslos seien, weil die gewählten Gemeindevertreter ja doch den Weg einzuhalten und zu gehen hätten, den ihnen die Besatzungsmacht vorschreibt Dieser Meinung liegt ein Körnchen Wahrheit zugrunde. Doch wissen die nicht vom Nazigeist heute noch Besessenen sehr wohl, daß die Besatzungsmacht in ihren leitenden Stellen durchdrungen ist von der klaren Erkenntnis, daß die reine Militärdiktatur niemals einen gangbaren Weg zur Verständigung öffnen kann, sondern nolens volens darauf angewiesen ist den guten Willen in immer breiteren Volksschichten wacfazurufen. Dieses Eindringen in das Wollen und Verständnis der Volksmassen ist auf dem Weg der Fühlungnahme mit der Einzelperson nicht möglich. Die Gemeindevertreter spielen daher die Rolle des Mittlers zwischen Besatzungsmacht und Volk. Sie können diese Rolle in fruchtbarer Art spielen, auch wenn die Verfügungsgewalt über die materiellen Mittel der Gemeinde heute und noch für lange Zeit beschränkt ist. Von den Gemeindevertretern wird es in allererster Linie ab- hängen, das durch den Nazismus so gänzlich zerstörte Vertrauen in das deutsche Volk allmählich wieder herzustellen. Es ist wohl in der heutigen Zeit und unter den obwaltenden Umständen verfehlt, das Amt eines Gemeindevertreters als eine fette Pfründe anzusehen. Es bedarf eines großen Maßes von Aufopferungsfähigkeit, von Idealismus und Optimismus, um an der Sisyphusarbeit des Aufbaus auf allen Gebieten nicht zu verzweifeln. Wenn e« dem Nazismus in 12 Jahren gelungen ist, die Fundamente des deutschen Staates völlig zu zerstören, so ist es ihm trotz aller Trümmer nicht gelungen, da s beabsichtigte Chaos auch auf die Gemeinden zu übertragen. In den Gemeinden regte sich zuerst wieder der Gedanke der Zusammengehörigkeit. der Zucht und Ordnung, der Hilfsbereitschaft. Der einzige Weg, den Staat neu aufzubauen, führt über lebensfähige Gemeinden.
Erste Aufgabe der gewählten Gemeinde- Vertreter wird es sein, die lähmende Apa- ? thie ihrer Mitmenschen zu lösen und ihnen neuen Lebensmut, neuen Trieb zur Arbeit und zur Geduld einzuflößen. Die £ Gewählten treten das Erbe Hitlers an, das nur mit einem abgrundtiefen Morast auf allen Gebieten des menschlichen Lebens verglichen werden kann. Diesen Morast jp trocken zu legen, ihn wieder in anbaufähi- gen Boden umzuwandeln, das wird die zähe, stille und opferreiche Arbeit der zukünftigen Gemeindevertreter sein. Möge der Wähler seinerseits ein glückliche Hand haben auf der Suche nach charaktervollen Männern und Frauen, die bereit sind, das Joch auf sich zu nehmen. Wie unter dem Hakenkreuz der Fanatismus die Vernichtung der menschlichen Existenz zur Folge hatte, so soll der heutige Fanatismus nicht allein zur Beseitigung der angerichteten materiellen Schäden, zur Garantie einer, wenn auch bescheidenen Existenz, sondern zu einer seit Jahrhunderten in Deutschland kaum dagewesenen humanen Lebensauffassung führen.
Nun, Wähler, liegt es an dir, nicht zu denken und zu sagen, es wird auch ohne mich gehen. Es wurde dir durch Hitler 6dion einmal das demokratische Recht, mit dem Wahlzettel dein Geschick zu bestimmen, aus der Hand geschlagen. Laß dir dieses Recht nie mehr entreißen und wähle!
Benz
Komödie zum Lachen und zum Denken
G. B. Shaws „Helden" im
Das, worüber wir bei einer Komödie am meisten zu lachen pflegen, sind Schwächen und Unzulänglichkeiten. Die handelnden Personen auf der Bühne belustigen uns in ihrem Widerspruch zwischen gewünschtem oder vorgestelltem Sein und Wirklichkeit. In G. B. Shaws Komödie „Helden", die ihre Neuaufführung in Konstanz erlebte, wird eine Welt verlogener Ideale auf die heiterste Art entzaubert. Mit anderen „erquicklichen und unerquicklichen Stücken" erlaubte sich der unverbesserliche Weltverbesserer und Kritiker diese Komödie im Jahre 1898 seinen Zeitgenossen vorzusetzen. Und es erweist sich mit Wilfried Seyferths reizvoller Inszenierung, daß man über die gleiche Gesellschaftssatire auch heute von Herzen lachen kann. Merkwürdig. Mit dem besten Wißen kann niemand bestreiten, daß auch wir Zeitgenossen des junggebliebenen Shaws sind, ein halbes Jahrhundert von der Uraufführung der „Helden". Und noch merkwürdiger: um das Erlebnis zweier Weltkriege wurde unser Bewußtsein inzwischen bereichert, aber was Shaw damals gesagt hat, scheint heute neu.
„Meine Taten machen meine erhabensten Gedanken lächerlich." Da haben wir's. So spricht Major Sergius Saranoff, der entthronte Held. Er erwarb den Nimbus eines Siegers als unfähiger Offizier, indem er mit einer tollkühnen Reiterattacke feindliche Schnellfeuerbatterien überrannte, eine Tat, die nur deshalb gelang, weil der Gegner zufällig ohne Munition war, wovon Sergius nichts wissen konnte. Die Handlung spielt auf dem Balkan im Jahre 1885. Aber sie liegt uns nicht fern Leider. Denn sie dreht sich um Patriotismus, Liebe, Ehre und Besitz. Erhabene Worte um diese Begriffe vernehmen wir in dem auf seine Zivilisation so stolzen Haus des Majors Petkoff, und wir lachen über diese Worte angesichts
der ärmlichen Taten, die ihnen gegenüberstehen.
Was hat Shaw , der niemals für das Theater als solches, sondern immer nur für die Wahrheit schrieb, den Schauspielern für prächtige Rollen geschenkt! Der Regisseur Seyferth mit dem nun wirklich guten Ensemble unserer Bühne (in dem die Männer hervorragen) hat es richtig erfaßt Als Gast ist Gustav K n u t h auf dem Weg nach Zürich zu uns gekommen. Die Konstanzer wollten ihm anfangs — wie ihr Gelächter verriet — den Schweizer , den er als Hauptmann Bluntschli darzustellen hat, nicht recht glauben, was man verstehen kann, da sie ihre Nachbarn zunächst an äußeren Merkmalen erkennen. Aber solche Aeußerlich- keit bedeutet nicht viel bei Shaw , der keineswegs zu den Naturalisten zu zählen ist. Es kommt bei ihm weniger auf den der Natur nachgeahmten Typ an als auf die Idee, die jede Person in seinen Stücken zu vertreten hat Und so ist Knuth als ein realer Mensch, der über Scharfsinn, Humor und Herz verfügt der ideale Bluntschli. Mit einer Leichtigkeit, die schwer ihresgleichen findet dabei immer taktvoll, siegt er als Held mit dem Mut die eigene Feigheit und andere Schwächen zu bekennen, über seine Mitspieler im verlogenen Spiel der Gesellschaft.
In der Partnerschaft mit Knuth als dem feinen Dialogsprecher, der durch Zurückhaltung zu pointieren versteht, überwindet Gertrud M e y e n diesmal glänzend die ihr nicht in jeder Rolle zum Vorteil gereichende Sprödigkeit Aus dem Nebel dummer Illusionen findet Orr« Raina herzgewinnend und mit klarem Verstand, dabei mit einem reizenden Anflug von Humor, den Weg auf den Boden der Tatsachen, sicherer Tatsachen übrigens, da sie auf Schweizer Hotelaktien gegründet sind. Die Rolle des Pseudohelden Sergius wurde besonders
glücklich mit H. Peter Thielen besetzt In Erscheinung und Sprache einprägsam, verleiht er dem Unzuverlässigen die Würde der Selbstironie Ebenfalls mit schöner Klarheit gibt Wolfgang Engels dem unterwürfigen und berechnenden Nicola die Züge einer dem Milieu entsprechenden Bedientenseele. Hervorragend aber, allein schon in der Maske, als ein echter Typ der von Shaw vorgezeichneten Umwelt: Hein rich Troxbömker als Rainas Vater, Major Petkoff. Mit der gemütvollen Natürlichkeit seines Spiels rückt er uns innerlich nah. Bewundern wir diesen Petkoff wegen seiner gesunden Skepsis der Anwendung der Tedmik gegenüber (wozu eine elektrische Klingel, fragt er, wenn man rufen kann?) oder sind wir erhaben über seine Vorurteile etwa im Hinblick auf das tägliche Waschen, das sich inzwischen durchgesetzt haben soll? Vergessen wir doch mit dem Lachen das Denken nicht! Verzeihung, der Kritiker soll, wie man uns nahelegte, von den Schauspielern sprechen. Also, wir wünschen von Herzen, daß Hein rich Troxbömker hier bleiben möge.
Jane Holm, die mit viel Temperament die Kammerzofe Louka spielt, erscheint als eine sehr ehrgeizige Schauspielerin mit der Neigung zu überschärfter Prägnanz im sprachlichen Ausdruck. Das läßt sich gewiß abschleifen. Dabei ein hübsches Mädel, ihre Louka. Man kann verstehen, daß der Herr Major Sergius seine Standesvorurteiie ihr gegenüber aufgibt Gut in der Maske, gelegentlich etwas chargiert im Spiel, ist Sieglinde Welchert als Majorsgattin.
Die unaufdringliche, kluge Regie Seyferths gab dem Ablauf der Handlung im Rahmen des zweckdienlichen, in erfreulich dezenter Farbgebung gehaltenen Bühnenbildes von Ulrich D a m r a u Straffheit und Tempo. Der brausende Beifall am Schluß der Premiere, galt er dem Regisseur, den Darstellern oder dem Dichter Shaw, der so witzig den Menschen als Produkt der stets veränderlichen Verhältnisse zeigt? Sollen
wir nur lachen über den Propheten, der uns belehrt aus der Güte seines Herzens, um uns zu helfen! Ich bin der Meinung, mit den Worten des entlarvten „Helden", der immerhin den schönen Sieg der Selbsterkenntnis davonträgt, müssen wir am Ende doch eingestehen: G. B. Shaw, „das ist ein Mann!" Dr. Emst Brasch
Sdiubert-Serenade
Die Szenerie im Rathaushof, immer schon eine Symphonietta gemütstiefer Architektonik und eines reizvollen Licht- und Schattenspiels, wurde als Hintergrund für die Sdiubert-Serenade, welche für dieses Jahr den Reigen der beliebten Serenadenabende eröffnete, doppelt wirksam. Das ganz in lyrische Traumfarben getauchte prachtvolle Nocturne in Es-dur erstand in der anschmiegsamen und klanglich sehr sauberen Interpretation der jungen Künstler (Erika Winter- Ehrlinspiel. Violine, Elisabeth G a 11 i n g e r, Cello, und Michael Braun fels , Klavier) ganz aus dem Tiefengrund seiner seelenvollen, mythenbildnerischen
Harmonik. Die Geigerin verdiente durch ihre plastisch edle Spielweise und saubere Intonierung der Doppelgriffe ein Sonderlob. In der Sopranistin Dorothea Gösch lernten wir eine aufstrebende und begabte junge Sopranistin kennen, deren glockenklare, geschmeidige Stimmführung von
einer starken Musikalität getragen wird und den sieben Schubert -Liedern in ihren feinen melidiösen Stimmungsreizen und zartesten modulatorischen Biegungen mit
wachsendem Verständnis und dem ganzen Liebreiz eines jugendlichen Temperaments entgegentritt. Nennen wir nur die zart schimmernde Lyrik des „Abendrot", die vergeistigte Fröhlichkeit der „Fischerweise", die entzückend gesungene „Nachtigall " oder „An Sylvia“. Michael Braunfels bewältigte den Klavierpart in dezenter und sicherer Weise. Das zum Abschluß zu Gehör ge
brachte wundervolle B-dur-Trio op. 99, unseres Erachtens immer noch das schwerste Klaviertrio Schuberts , hätte zwar in der <
Durchzeichnung gerade der Ecksätze in dynamischer, phraseologischer und stricharf- licher Hinsicht einer schärferen Herausarbeitung bedurft, konnte aber in der klanglichen Ausgewogenheit selbst strengeren Maßstäben völlig genügen. Wiederholter und herzlicher Beifall der Zuhörer dankte den jungen Künstlern für ihre Leistungen. Dr. G. L e n z i n g e r
KULTURNACHRICHTEN
G. Hauptmanns Beisetzung. Am Sonntag, 28. Juli, wurden die sterbliches Ueberreste von Gerhart Hauptmann früh vor Sonnenaufgang auf dem kleinen Gemeindefriedhof von Hiddensee beigesetzt Die Witwe des Dichters, Frau Margarete Hauptmann , war bei der Beerdigung zugegen.
Ricarda Huch Dr. h. c. Ricarda Huch wurde anläßlich ihres 82. Geburtstages die Würde eines Ehrendoktors der philosophischen Fakultät der Universität Jena zugesprochen. Eine Gesamtausgabe der Werke Ricarda Huchs soll noch im Laufe diese* Jahres erscheinen.
Hörspiel von Müsset. Der Süd- westfunk bereitet zum 13. August „Den Leuchter" als Hörspiel, eine der reizvollen Komödien, vor, die Alfred de Müsset als romantische, geistreiche Kammerspiele entwarf, wie sie vor hundert Jahren im „Roten Saal" (Theater) des Kurhauses Baden- Baden oft zur Aufführung kamen. Alfred de Müsset weilte während und nach seiner Verbindung mit George Sand in Baden- Baden , dessen Glückspiele den Inhalt seines Gedichtes „Mes fortunes" bilden. Die Regie des „Leuchters" hat Dr. Karl Peter Biltz . (SF)