Freitag, 2. August 1916

SDDKUBIER

Nr. 96 / Seite S

Die Muse

Von Friedrich Munding

Ich erreichte eben noch das Wirtshaus Zum Frieden, als es zu regnen anfing. Es liegt ein Stück vor der Stadt, dicht beim Friedhof, und Hinterbliebene nehmen hier die erste Stärkung zu sich Die Gaststube war dicht besetzt von Leuten in Trauerklei­dung, aus deren Mienen man den Schmerz lesen konnte, die dessen ungeachtet abec sich Speis und Trank tüchtig schmecken ließen. Kummer macht bekanntlich Appetit. Man trinkt in solchen Fällen Wein, Rotwein natürlich, der besonders kräftigt und etwas Feierliches an sich hat. Auch ich bestellte mir ein Glas Wein, obwohl ich nichts Be­sonderes zu betrauern hatte. Hinten in der Ecke hatte ich auch noch einen Platz gefun­den an einem Tisch, an dem ein älterer Mann in einem grünlich schimmernden Geh­rock saß. Seinen Zylinderhut, der gleichfalls grünlich schimmerte, hatte er vor sich auf den Tisch gestellt Sein aufgedunsenes Ge­sicht, die wässerigen Augen und die gerö­tete Nase legten den Schluß nahe, daß er nicht nur in Trauerfällen beim Wein Trö­stung suchte. Der Mann saß still da und starrte auf die rotgeblümte Tischdecke. Von Zeit zu Zeit zog er ein gelbes Taschentuch aus der Hosentasche und betupfte seine Augen. Als ich nach meinem Glas langte, mn zu trinken, ergriff auch er das seine und sagte: „Zum Wohlsein, Herr Nachbar!" Dann trank er es in einem Zug leer und winkte der Kellnerin, um sich einen weite­ren halben Liter zu bestellen.

Nachdem er sich geräuschvoll geschnäuzt hatte, wandte er sich wieder an mich: „Ein schlechtes Wetter heute! Ein trauriges Wetter."

„Jaja, ein schlechtes Wetter", sagte ich.

Jetzt kam der Wein, und er schenkte sich gleich ein Glas ein.

„Ein trauriges Wetter ... Es paßt gerade noch dazu . . fuhr er nachdenklich fort, nachdem er noch einmal getrunken hatte. „Schön hat er gesprochen, der Herr Pfarrer. Wunderschön!"

„Ja“, sagte ich, um irgend etwas zu sa­gen, da mich der gebrochene Mensch er­barmte, „in einem solchen Falle gehen uns die Worte besonders zu Herzen."

„Ja, das tun sie!" antwortete der Mann mit der roten Nase eifrig und rückte näher. Er war sichtlich froh, sprechen zu können. „Aber wissen Sie, was mir besonders zu Herzen ging?" fuhr er fort. „Als er sagte, ihr Geist nahm einen hohen Flug, aber ihr Leben war keine Erfüllung, es war ein Seh­nen ohne Erfüllen. Und Ihr, die Ihr am Grabe steht, Euch frage ich: Habt Ihr das Eure getan, damit dieses Leben erfüllet werde?" Das sagte er, der Herr Pfarrer, und es ging mir dabei durch Mark und Bein. Am liebsten hätte ich laut herausgeheult, Herr Nachbar! Was gehen mich die Menschen an? dachte ich. Mögen sie herschauen!"

Der Mann betupfte wieder die Augen und trank darauf sein Glas aus. Als er wieder eine Weile auf das rotgeblümte Tischtuch gestarrt hatte, kam er mir ganz nahe und sagte halblaut: „Es war auf mich gemünzt, was der Pfarrer da sagte. Ich habe es ge­fühlt!"

Der Jammer ging mir zu Herzen. Um ihn zu trösten, sagte ich: „Fassen Sie sich, lie­ber Mann! Es ist nie zu spät."

„Gott sei Lob und Dank!" gab er eifrig zur Antwort. „Es ist nie zu spät! Das fühle ich jetzt deutlich, und es ist mir wie eine Erlösung. Ich mußte damit ins reine kom­men, keine zehn Pferde hätten mich heute ins Geschäft zurückgebracht Zum Wohl­sein! Herr Nachbar. Ich bin nämlich in mei­nem bürgerlichen Beruf Buchhalter, und ich wollte um fünf im Büro sein. Aber es gibt wichtigere Sachen. Stellen Sie sich vor, Herr Nachbar: dreißig Jahre von einer schweren Schuld bedrückt dahinzuleben, dreißig Jahre einen Ausweg zu suchen, zer­martert von Selbstvorwürfen. Mit Verlaub, Herr Nachbar, das können Sie sich nicht vorstellen!"

Nachdem er sein Glas noch einmal aus­

getrunken hatte, fuhr er fort: „Es sind näm­lich jetzt gerade dreißig Jahre her, seit ich sie kennenlemte. Meine Frau nämlich, mei­ne liebe Hildegard. Es war am Stiftungsfest des Kaufmännischen Vereins. Ich hatte ein Festspiel verfaßt, das einen ganz großen Erfolg hatte. Die ganze Stadt sprach davon. Die Zeitung schrieb, hier höre die Gelegen­heitsdichtung auf, hier stehe man vor dem Werk des berufenen Dichters. Und bei der Aufführung fiel mir Hildegard vor allen Leuten um den Hals und sagte: „Karl, du bist ein Dichter!" Denken Sie nicht, daß Hildegard die Nächstbeste sei! O nein! Ihre Eltern waren einfache, aber hochgebil­dete Leute. Und sie? Ein edler, ein 6tolzer Mensch, zu dem ich nur ganz von ferne auf­geblickt hatte. Ja, ich höre es noch: „Karl, du bist ein Dichter!" Ich war wie ln einem Rausch Und es fiel wie Schuppen von mei­nen Augen, daß ich etwas ganz anderes sei, als Handlungsgehilfe. Irgendwie hatte ich es immer gefühlt, aber, so wahr mir Gott helfe, ich wäre nie darauf gekommen, wenn mir nicht Hildegard die Augen geöff­net hätte. „Warte nur", sagte ich zu ihr, „ich komme noch mit ganz anderen Sachen!" Da schaute sie mich mit einem feierlichen Blick an, mit einem Blick, sage ich Ihnen, den ich heute noch fühle, und sagte: „Karl, ich glaube an dich!" Und als ich dann die Buchhalterstelle bekam, heirateten wir. „Den Dichter heirate ich," sagte sie. „Ihm allein weihe ich mein Leben. Bleib bei der Buch­haltung, bis du durch bist. Wir werden zusammen kämpfen und dann vors Volk treten." Ihr Vater sagte: „Halte dich brav bei der Buchhaltung, das ist das Wichtigste." Sie schaute ihn aber nur schweigend a^ und da wurde er ganz still. Es war ein gu­ter, aber kein großer Mann, ihr Vater."

Der wunderliche Mann tupfte wieder seine Augen und trank sein Glas leer. Er mußte sich schon wieder einen halben Liter kommen lassen. Nachdem er wieder eine Zeitlang' auf das Tischtuch gestarrt hatte, fuhr er fort: „Ja, so war es damals mit meiner Hildegard. Ich sagte Ihnen schon, Herr Nachbar, es war nicht die Nächstbeste! O nein! Sie war ein stolzes Mädchen. Und überall sprach man von ihren Kenntnissen und von ihrem Geist. Sie war acht Jahre älter als ich und wußte mehr von unseren höheren Bestimmungen als ich. „Ich bin deine Muse!" sagte sie zu mir. Eine herr­liche Frau!, sage ich ihnen. Groß, stolz, streng, wie eine Griechin. Zur Muse wie ge­schaffen ..." '

Ich war nun neugierig geworden und fragte: „Wie ist denn die Sache weiterge­gangen? Ist Ihnen der große Wurf gelun­gen?"

„Das ist’s ja eben”, erwiderte der Mann mit der roten Nase. „Bis heute ist er nicht gelungen. Bis heute, sage ich!" Und er trank wieder sein Glas aus. „Hildegard war sich ihrer hohen Aufgabe stets bewußt Sie duldete es schon nicht, daß ich mich dem Taumel unseres jungen Glücks hingab. „Denk an dein Werk!" sagte sie und schloß mich ein. Ich habe es auch an nichts fehlen lassen, Herr Nachbar, so wahr mir Gott helfe, ich habe es an nichts fehlen lassen. Aber ich konnte einfach auf den großen Gedanken nicht kommen, den ich brauchte, den Hildegard verlangte. Al« sie im Kauf­männischen Verein an meinem Weihnachts­märchen harumnörgelten, verbot sie mir, weiter für den Verein zu schreiben. „Geh unter die Künstler!" sagte sie, „trink ein Glas Wein, und da muß dir ein großer, herrlicher Gedanke kommen, auf den du dein Werk baust." Das hätte sie vielleicht nicht sagen sollen. Aber sie dachte eben groß von mir, ganz groß Es wurde kein fruchtbarer Umgang mit den Künstlern. Na­mentlich der frühere Schauspieler, der in ein Zigarrengeschäft geheiratet hat, übte keinen günstigen Einfluß aus. Ich saß unter den Leuten, trank ein Glas Wein oder auch zwei und hatte Angst, nach Hause zu ge­hen, Hier empfing mich Hildegard jedes­

mal mit der Frage: „Hast du den großen Gedanken?" Und ich belog sie,' ja, Herr Nachbar, ich belog sie! Ich sei auf dem be­sten Weg, sagte ich, und sie möge mir Zeit lassen, alles sei im Werden. Und dann kam der schreckliche Auftritt! Die Künstler hat­ten ihre Zeche auf meinen Namen schreiben lassen, und es war eine große Rechnung, die man mir ins Haus geschickt hatte. Als ich nach Hause kam, 6aß sie hochaufgerich- tet im Bett und sagte: „Du hast mich be­trogen! Du bist ein Trinker und kein Dich­ter!“ Und von der Stunde an sprach sie niemals mehr von dem großen Gedanken und vom Ruhm der Dichter und vom glän­zenden Leben. Es hat mir weh getan, Herr Nachbar, als ich meine Haare schneiden lassen mußte. Damit ich aussehe wie ein Buchhalter, sagte sie. Ich sah, wie sie litt, wenn sie auch kein Wort mehr darüber sagte. Ihr Leben war verpfuscht, und wer war schuld? Ich, ich allein war schuld! Ich getraute mich nicht mehr, ihr in die Augen zu sehen. Zuerst wußte ich nicht mehr ein und aus, alles war in mir in ein Durchein­ander geraten. Und ich konnte nichts mehr in Ordnung bringen. Da ging ich wieder zum Wein, und langsam bekam ich mich wieder in die Hand. Ich brauchte ihn jetzt, den Wein, mehr als früher, aber er half mir, er hat mich davor bewahrt, den Glau­ben an mich zu verlieren. „Du darfst diese herrliche Frau nicht täuschen!" sagte ich mir. „Beweise ihr, daß sie nicht umsonst gehofft und vertraut hat! Deine Stunde wird kommen, sie wird ganz plötzlich kom­men, und dann mußt du bereit sein", sagte ich zu mir. Manchmal übermannte mich der Zweifel, aber wenn ich abends beim Wein saß, fühlte ich, wie ich mich von dem er­bärmlichen Alltag erhob und wie es in mir frei wurde. Ich fühlte auch, daß es nicht zu spät sei, daß ich Hildegard noch aufs herr­lichste überraschen würde, daß ich mich ihrer noch einmal wert zeigen würde. Das fühlte ich, aber es war, als könnte ich die Flügel nicht heben. Ja, so war es, Herr Nachbar! Als könnte ich die Flügel nicht heben. Die Stunde war noch nicht gekom­men. Jetzt aber, Herr Nachbar, jetzt weiß ich, daß sie gekommen ist! Jetzt ist sie da, ich fühle es, und nichts kann mir die Ge­wißheit nehmen!"

Der Mann war jetzt ganz verklärt. Seine

jämmerliche Miene war verschwunden, seine Nase schien noch röter geworden zu sein. In seinen Augen standen Tränen.

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und eine knochige ältere Frau wurde sicht­bar. Mit einem wahren Adlerblick überflog sie das Lokal. „Das ist sie, meine Hilde­gard . . .1" wisperte der Mann neben mir und drückte mir heftig den Arm.

Ich war höchst erstaunt „Ich dachte, Sie hätten sie heute begraben?" sagte ich.

„Begraben?" erwiderte er erschreckt „Hil­degard, meine Hildegard begraben? Um Gottes willen, was sagen Sie da! Die alte Tante haben sie begraben. Aber Hildegard — um Gottes willen! Was sollte aus mir werden?"

Da tönte es schneidend von der Tür: „Karl . . .!" Der Mann fuhr ängstlich zu­sammen. Als er sich nicht sogleich erhob, kam Hildegard mit raschen Schritten heran, stülpte ihm den Zylinderhut derb auf den Kopf und sagte: „Hast du wieder einen neuen Saufkumpan gefunden?"

Verblüfft sah ich darauf das seltsame Paar abziehen, sie, die Muse, stark, groß, mit festem Griff den schwankenden Mann, ihren Dichter, der mit nassen Augen zu ihr aufschaute, zum Ausgang bugsierend.

Was man an Merkwürdigkeiten doch in einer halben Stunde erfahren kann, dachte ich, zahlte und ging. Es hatte zu regnen aufgehört.

Geschichte eines Liedes

Keinen Tropfen im Becher mehr

An einem Julitag des Jahres 1876 saß ein geheimnisvoller Gast am Marmortisch in der „lettischen Schenke" zu Triest . Er blickte verachtend auf den schmutzigen Burschen, der den kostbaren südländischen Wein ausschenkte, und stützte sein junges Haupt in die feinnervige Hand. Der da also zechte und träumte, war ein Deutscher. Jeder, der die Halle betrat, schaute ihn ver­wundert an. Das kümmerte ihn nicht. Auf einmal griff er nach seinem Glas, hob es aber nicht zum Munde, sondern goß es auf den Tisch und zeichnete dann mit der Rech­ten, indes das blonde Haupt immer noch in der Linken ruhte, seltsame Schriftzüge, Zeile um Zeile, in das stumpfe Naß. Da6 Heimweh, das in diesen Ländern die Deut-

Wissenschaftliche Berichte

Aus der Pflanzenbiologie

Die moderne Biologie löste in jüngster Zeit eine Reihe rätselhafter Erscheinungen in der Welt pflanzlicher Organismen. Die Ergebnisse schienen zunächst interessant, aber in ihren Auswirkungen für die mensch­liche Nutzbarmachung ziemlich belanglos. Inzwischen haben sich hieraus recht aus­sichtsreiche Perspektiven für die praktische Pflanzenzucht ergeben.

Es gibt Weizensorten, die sich entweder als hoch anfällig oder als weitgehend wi­derstandsfähig gegenüber einem pilzlichen Parasiten erweisen, der den Stengel- b r a n d hervorruft. Man fand nach lan­gem Suchen diese unterschiedlichen Eigen­schaften in dem seltsamen Verhalten der Spaltöffnungen begründet. Diese für At­mung und Wasserhaushalt der Pflanzen un­entbehrlichen Organe werden täglich in einem bestimmten Rhythmus geöffnet und geschlossen. Da nun die kritische Periode für das Eindringen des Pilzes in diese Or­gane zeitlich mit der starken Taubildung des Sonnenaufgangs zusammenfällt, wer­den nur Sorten befallen, die zu dieser Zeit schon ihren normalen Tageslauf begonnen haben. Arbeiten die Spaltöffnungen zu dieser Stunde noch nicht, so kommt es zu keiner Infektion.

Noch großartiger sind diese Beziehungen bei Mandarinen und anderen Citrusarten. Hier, setzen die Pflanzen dem Eindringen de« Wassers durch Spaltöffnungen keinen Widerstand entgegen, hingegen gelingt es nicht einem einzigen der winzigen bakte­riellen Krankheitserreger mit hineinzu­schlüpfen. Daraus erklärt sich auch die

Widerstandsfähigkeit der Citrusgewächse gegen Krebs. Verletzt man aber nur ge­ringfügig die Oberfläche, so dringen die Bakterien sofort in das Innere und die Sorte wird infiziert.

Ein anfänglich nur kurioses, heute aber eminent wichtiges Problem ist die Frage der Winterfestigkeit bei unseren Kul­turpflanzen Auch hier gibt es in der Fülle der Erscheinungen recht seltsame Außen­seiter. Die Formen der weißen Akazie, Pfirsiche und andere werden bei der ihnen natürlichen Länge des Tages im Verlauf des Winters beschädigt oder sterben ab. Ver­kürzt man die Tagesdauer künstlich, so überstehen sie diese kritische Zeit völlig unversehrt Für eine große Pflanzenzahl besteht demnach ein ausgesprochenes Op­timum der Tageslänge. Wie genau die Pflanze reagiert, zeigt im einzelnen da6 Beispiel der weißen Akazie. Sie stirbt ira Winter bei natürlicher und künstlich un­unterbrochener Tageslänge. Auch bei 17- und lßstündigem Tag leidet sie noch erheb­lich. Bei 14 Tagesstunden geschieht ihr nichts, aber sowie man weiter kürzt, zeigen sich erneut die Schäden der tieferen Tem­peraturen. Andererseits bringt es der Chininbaum, der für gewöhnlich eine Tem­peratur unter plus 10 Grad Celsius nicht ohne Nachteil übersteht, bei einem künst­lichen Achtstundentag fertig, Frost von minus 2 Grad Celsius ohne den geringsten Schaden zu überdauern.

Die Pflanzenzucht und Züchtungsforschung nutzt diese Erscheinungen gegenwärtig in immer steigendem Maße.

Dr. Paul Schaper

sehen so gerne befällt, nagte in seiner Brust. Nach und nach, je mehr er schrieb, hellte 6ich seine Miene jedoch auf, und schließlich huschte, wo vorher noch Trüb­sinn lag, ein Lächeln über die Wangen. Die Gedanken des Mannes weilten im Nor­den,'wanderten durch die traute Heimat und nahmen das Glück der Einkehr mit An diesem Tag, in Schmutz und Hitze der Osteria ist das vielgesungene deutsche Trink- und Wanderlied entstanden: keinen Tropfen im Becher mehr Und der Beutel schlaff und leer, Lechzend Herz und Zunge.

Angetan hat mir’s dein Wein,

Deiner Aeuglein heiler Schein, Lindenwirtin, du junge.

Sein Verfasser war der Weltenbummler, Physiklehrer und Poet Rudolf Baumbacfa. In seinen dann bei Cotta erschienenen „Lie­dern eines fahrenden Gesellen" fand Franz Abt die Worte und schenkte ihnen die un­sterbliche Melodie.

Wieder war es ein Sommertag, aber dies­mal am Rhein Die junge, schöne Wirtin der Studentenkneipe „Zum Godesberg " hatte das neue Lied entdeckt und sang es ihren Gästen, Bonner Studenten und alten Herren, vor Das ist der Anlaß geworden, sie Aennchen Schumacher als das Urbild der Baumbachschen „Lindenwirtin, du junge" zu erklären," für deren kühlen Wein und heißen Kuß der Wanderbursche Ran­zel, Hut und Herz verpfändet hatte.

Der Dichter und die junge Wirtin hatten in Wirklichkeit vorher einander nie ge­sehen — und dennoch 6ind seit dem Tage ihre Namen: Rudolf Baumbach und Aenn­ chen Schumacher auf ewig fest verbunden: und um sie blüht, wo immer in aller Welt das Lied erklingt, über duftenden Pokalen ein Lindenkranz. August Straub

Worte von Jean Jaur&s

„Es kommt ein Tag, und alles deutet dar­auf hin, daß er nahe ist, wo die Menschheit so weit organisiert, so weit Herrin ihrer selbst ist, daß sie mit dem Verstände, durch Verhandlung und Recht die Konflikte ihrer Gruppierungen und Kräfte lösen kann. — Und der Krieg, gräßlich und groß, solange er notwendig war, ist abscheulich und ruchlos, wenn er anfängt, nutzlos zu er­scheinen. Allzulange sind die menschlichen Friedens- und Einigkeitsideen nur ein illu­sorisches Licht gewesen, daß die dauernden Schlächtereien ironisch beleuchtete.

Erinnern Sie sich des wunderbaren Ge­mäldes, das uns Virgil über den Fall Trojas hinterlassen hat? Es ist Nacht: Die über­raschte Stadt ist dem Schwert und dem Feuer, dem Mord, dem Brand und der Ver­zweiflung verfallen. Der Palast des Königs Priamus wird genommen, und die zerschmet­terten Tore lassen die lange Reihe der Zimmer und Galerien erscheinen. Die Fackeln und die Schwerter folgen den Be­siegten von Zimmer zu Zimmer: Kinder, Frauen, Greise suchen vergebens Zuflucht am häuslichen Altar, dessen heiliger Lor­beer nicht vor Tod und Schmach schützt; das Blut fließt in Strömen, und jeder Mund schreit vor Schrecken, Schmerz und Haß. Aber über dem verwüsteten Wohnsitz, den eingestürzten Dächern, nimmt man den großen, strahlenden, friedlichen Himmel wahr, und die gewaltige todesähnliche Klage steigt zu den goldenen Sternen empor: Ferit aura sidera clamor. ‘

Trotz der Vorsicht, zu der große Enttäu­schungen uns raten, wage ich doch mit Millionen von Menschen zu sagen, daß jetzt der große Friede möglich ist, und wenn wir es wollen, ist er ganz nahe. (Jean Jaures , ermordet zu Paris am Vor­abend des ersten Weltkrieges, dem 31.

Juli 1914.)

Es lohnt sich nicht. Die Außenwelt bewegt sich so heftig, daß ein jeder ein­zelne bedroht ist, in dem Strudel mit fort­gerissen zu werden... Soviel aber mag der wirklich Tüchtige immer vor Augen haben: sich um der Gunst des Tages wil­len abzuhetzen, bringt keinen Vorteil für morgen und übermorgen. (Goethe)

JAN

AUFDER.

ININSEL

Roman von Olat Heniiksson 11. Fortsetzung Copyright 19« by Europa Verlag A. G. Zürich

Die Zahl der Erwachsenen war nun un Verhältnis zur Kinderzahl geringer gewor­den, und so gelangten einige der älteren Jungen zur Würde eines Gruppenleiters, darunter eben auch Jan.

Seine Gruppe bildete sich neu durch frei­willige Meldung. Zu ihm gesellten sich Remö. Georg, Alex und vier andere Jungen.

Jans Gruppe genoß bald eine gewisse Be­rühmtheit Sie unternahm die längsten „Fahrten" am freien Sonntagnachmittag in­nerhalb des erlaubten Bereichs, sie erlebte die schönsten Abenteuer, Sie fanden immer irgend etwas Besonderes, eine abgestreifte Schlangenhaut, seltsame leere Vogeleier und fremdartig geformte Muscheln vom Strand. Sie hatten ein eigenes Terrarium und ein Aquarium mit Molchen, Salamandern, Eidech­sen, Blindschleichen. Sie kamen oft zerrissen und zerschunden vom Klettern auf Felsen und Bäume zurück und schufen so einen ste­ten Klagegrund für die Hausdamen. Sie wur­den mit Argwohn betrachtet von manchen Lehrern. Aber man konnte ihnen nie gerade­zu Verbotenes nach weisen.

Allerhand Gemunkel ging über die Gruppe um. Sie sollte eine Höhle im Felsen über dem Strand als unzugänglichen „Horst" be­sitzen, wohin man nur mit Hilfe einer Strick­leiter von oben herab gejangen könne. Die­se Kunde verdankte man einer Bemerkung des gern prahlerischen Georg, welcher bald darauf aber mit verschwollenem und ver­heultem Gesicht umher ging und dem von da an nichts mehr darüber zu entlocken war. Weder einer andern Gruppe noch Herrn Jacobi, die es getrennt für sich versuchten, hinter das Geheimnis der Gruppe Jan zu kommen, wollte es gelingen.

Nein, dazu war der Zugang zu dieser Höhle viel zu gut „getarnt". Jan war ja

auch nur durch einen Zufall darauf gestoßen. Er war gerade als Räuberhauptmann ver­folgt worden von den andern sieben. Schon war er umstellt gewesen. Der Pfad lief schmal am Felsen hin; von vom und von hinten hatte er die Rufe gehört. Es war nur ein Weg zur Rettung geblieben, der Abgrund zum Meere hin. Durch die Machie, durch dorniges und stachliges Gestrüpp hatte er sich durchgewunden, bis es so steil wurde, daß er klettern mußte. Und so war er an die Felsspalte gelangt) hatte sich hineingezwängt und gesehen, daß sich der Spalt nach innen ein wenig erweiterte und eine Art Höhle bildete. Eine Schlange und Eidechsen waren herausgeschossen und davongeraschelt Jan hatte sein Herz pochen hören. Bald war die Zeit umgewesen, die ex den Jägern zu sei­ner Ergreifung gesteckt hatte, und er war wieder hinaufgestiegen und hatte bald die Verwunderten getroffen.

Einer Gruppe von acht Jungen glückt es leicht, in den Besitz einiger Seile und Stricke zu gelangen. So versammelte sich denn fast jeden Sonntag die Gruppe Jan mit Hilfe ihrer Strickleiter in der Höhle. Als letzter stieg immer Jan ohne die Hilfe der Leiter hinab; er mußte sie ja oben unter einem Stein verbergen. Auch befahl er, daß jedes­mal ein anderer Weg durchs Gestrüpp zum Punkt des Abstiegs eingeschlagen werdä, und die Spuren waren streng zu verwischen.

Die Höhle war gesäubert und bot gerade Platz für die acht Jungen, wenn sie nahe beieinander hockten. Einmal machten sie ein kleines Feuer an: aber der Qualm, der nur zur Eingangspforte abziehen konnte, stieg in dem engen Raum so beißend in Schlund und Hals, daß sie es nie mehr wie­derholten. Auch konnte sie der Rauch zu leicht verraten. Mancherlei Beutestücke,

mehrfach etwas zweifelhafter Herkunft, wur­den in der Höhle aufbewahrt Eine alte ver­rottete Wagendecke aus einem Schuppen der Besitzung, Angelgerät, mit dem 6ie aber nichts anfangen konnten, Riemen, Stricke, Werkzeug — warum lag es auch herrenlos herum? — selbstverfertigte Bo­gen und Pfeile der Jüngeren und vor allem der Schatz! Das war eine kleine Kassette, die Alex gehört hatte. Er stiftete sie groß­mütig, und jeder verpflichtete sich, von dem kleinen Taschengeld, das er empfing, einen Betrag in die Kassette zu tun. Alle paar Wochen wurde sie aus dem mit einem Stein sorgfältig verschlossenen Loch in der Wand der Höhle hervorgeholt, wurde ihr Inhalt geprüft und vermehrt. Was eigent­lich mit diesem „Kriegsschatz" geschehen sollte, das wußte keiner von ihnen so recht Nur einmal murmelte Jan so etwas wie „Boot mieten — hinausrudem". Rene hin­gegen sah im Geist, wie sich das Geld in Berge von Kuchen verwandelte für den Fall, daß sie wieder einmal in die Hafen­stadt kämen.

Nicht immer war es möglich am Sonntag Streifzüge oder Höhlenbesuche zu unter­nehmen. Es stürmte und goß von Zeit zu Zeit. Weihnachten war längst vorüber. So richtige Weihnachten war es nicht gewesen, trotz Kerzen und Lichtem und Geschenken. Draußen war es lau gewesen und von Schnee natürlich keine Rede.

Nun aber kam der Frühling. Schon Im Februar gab es ganz warme Tage. Ueber- all begann es zu blühen und zu duften. Die gelben Mimosen, die weißen Mandeln und dann bald auch die Magnolien, Rhododen­dren und Azaleen im Parke, die Glyzinen um Bäume und Terrassensäulen, die Kame­lien, der Flieder, der Lorbeer, auf manchen Wiesen die Narzissen und dann die Rosen überall im Garten — alles verströmte sich nacheinander ln Wolken von Wohlgerüchen und in wechselnden starken Farben.

Es gab Tage, da Jan sich in freien Stun­den hinstreckte auf den Boden irgendwo und sich von der Sonne bescheinen ließ

und ganz benommen wurde von all dem Duft. Dann wollte er nichts wissen mehr von allem, nichts von der Schule, nichts von seiner „Gruppe", er träumte dann nur und sah in den blauen Himmel, und es wur­de ihm wohlig und warm. Er hörte das leise Rascheln der Eidechsen, es summte und surrte von Insekten, er schlief ein we­nig, wachte wieder auf, träumte weiter, drehte sich einmal auf die andere Seite, be­haglich wie ein schläfriges Tier in der Son­ne. Unmutig wurde er in solcher Stunde nur, wenn man ihn störte und weckte.

Einmal lag er so eines Sonntagvormittags am Abhang überm Meer unter einer Pinie, halbbeschattet. Da kam Lisa heran, rief leise: „Jan!" und setzte sich neben ihn. Er beachtete sie nicht. Sie streckte sich aus, etwas unterhalb von ihm. Sie lag auf dem Bauch und, wenn er die Lider ein wenig öffnete, sah er ihre verschwimmenden Au­gen und ihre schlanken Beine, die sie auf und ab wippte. Mit einem Mal spürte er die Sonnenhitze, als versenge sie ihm den ganzen Körper. Weg war alles, die wohlige Ruhe, das gelöste Träumen, eine heiße Wut stieg in ihm auf, eine sprengende Qual.

Lisa griff mit der Hand an seinen bloßen Unterschenkel, kitzelte ihn da und sagte kichernd: „Du hast ja schon Haare an den Beinen wie ein Mann."

„Laß das!" knurrte er zornig, setzte sich auf und zog die Beine an sich.

„Du bist ein dummer Kerl." Auch Lisa setzte sich auf, rückte nahe zu Jan und packte seine Hand. „Streichle mich mal am Rücken, komm — so!" Sie drängte sich an ihn. Er spürte die weiche Berührung. Er warf ihre Hand weg und sprang auf. Er wußte ja genug, er war nicht so unwissend. Es ekelte ihn. So eine wie die — pfui Teu­fel! Fast würgte es ihn.

„Jan", bettelte säe leise. Er ging stumm weg und ließ sie da am Boden sitzen. Sie folgte ihm diesmal nicht.

Aber er wurde es nicht ganz los, das Gift. Es brannte und zerrte an ihm und peinigte ihn.

Am Nachmittag zog er aus mit seiner Gruppe. Er ging so rasch, daß die Kleineren ihm in der Hitze kaum folgen konnten. Sie waren nach zwei Stunden an der Grenze angelangt, die ihnen gesteckt war, an einem Bachbett, in dem nur noch ein dünnes Rinn­sal dahinfloß. Heute hielt Jan hier nicht an. Er überschritt den Bach.

Alex rief: „Da ist unsere Grenze, Jan!" Aber Jan gab nur ein derbes Schimpfwort zurück. Zögernd und zweifelnd folgten ihm seine Sieben. Sie gingen weiter zwischen lichtem Gehölz. Ihr Fuß raschelte in altem Kastanienlaub. Der Weg stieg an, wurde schattenloser, steiniger. Den Kleinen lief der Schweiß übers Gesicht. Aber Jan stieg weiter bergauf.

„Dort!" sagte er. Sie erkannten eiine kleine, graue Hütte, aus Steinen erbaut, wohl für Ziegen- und Schafhirten bestimmt Endlich waren sie da. Hier gab es in der Nähe eine Quelle. Durstig tranken sie das klare, hervorsickernde Wasser. Jen trank nicht; er löste einen Balken an der Tür der Hütte, ging hinein und rief die anderen von drinnen her zu sich.

Laub und Heu lag da in den Ecken. Aber auch noch anderes fanden sie: Decken, eine Kiste. Sie war nicht verschlossen. Jan schlug den Deckel auf. Da waren ein Tee­kessel, Blechtassen und -teilet, auch ein paar Bücher aufbewahrt. Jan nahm die Sa­chen heraus und betrachtete sie.

„Das sind welche von Orbizon. Die haben da wohl ihren Horst. Die kochen sich da Tee und lesen sich vor. Das sieht ihnen gleich", sagte er verächtlich. So ein Tee­club. Womöglich haben sie Mädels dabei."

„Können wir sie nicht einmal beschlei­chen?" sagte Renö mit funkelnden Augen.

„Können wir ja mal machen", meinte Jan lässig.

„Wir sollen aber doch nicht mit denen zusammen kommen", wandte Alex ein.

„Sollen — sollen — sollen. Wenn man nur täte, was man sollte Me' — da pfeif ich draufl“ (Fortsetzung folgt]