•# 1

«

Freitag, 6. September 1946

SUDKURIEft

Nr. 106 / Seite 3

23mctytfgte töelcfyfctytsbilber

Pon Charles Xldjet*)

Die Motive des menschlichen Handelns gind Vorstellungen.- Was wir von etwas halten, entscheidet über Denken und Tun. Diese Vorstellungen macht sich nicht jeder neu. Alle haben eine lange Geschichte hin­ter sich, bis sie im entscheidenden Augen­blick zum Motiv des Handelns werden. Was wir für gut oder schlecht halten, hat sich herausgebildet in einer Zeit, die eben­solang ist wie die der Entwicklung des Menschengeschlechtes. Wir entscheiden nur zu einem geringen Teil durch unsere Ver­nunft, deren Schlüsse aber auch immer wieder auf früheren Vorstellungen fußen, auch wenn uns das im Augenblick nicht deutlich ist.

Weit wirkungsvoller als die abstrakte Analyse ist in diesem Prozeß das an­schauliche Beispiel. Die eigentliche Ge­schichtsschreibung mit ihren Bil­dern spielt deshalb in der Entwicklung eines Volkes eine große Rolle. Nehmen wir die Geschichte eines Volkes zur Hand, so ists eine Aufzählung von Kriegen oder, was noch schlimmer ist, eine Glorifizierung von erfolgreichen Gewaltmenschen. Das ist verfälschend, denn Kriege können zwar tiefe Einschnitte bedeuten, aber sie sind durchaus nicht die entscheidenden Phasen der Entwicklung. Kriege und ihre Helden zu verherrlichen, ist aber ein gefährlicher Anreiz, sie als vorbildlich anzusehen und sie nachzuahmen, mit anderen Worten: völlig falsche und moralisch verderbliche Vorstellungen zu schaffen. Nur der in­tellektuell Beschränkte und der Gewissen­lose sieht im Krieg eine notwendige Phase der Fortentwicklung.

Wenn wir zu einem wirklich mensch­lichen Denken und zu allgemein-mensch­lichen Vorstellungen und Prinzipien kom­men wollen, muß mit diesem Herkommen gebrochen werden. Wir müssen unsere Geschichtsbilder berichtigen. Schopen­hauer räumte schon mit vielen falschen Vorstellungen auf, der Basler Kulturhisto­riker Jakob Burckhardt , seinen Spuren folgend, nicht weniger. Es ist zu wenig bekannt, daß ein Franzose, Char­ les Richet , schon vor dem ersten Welt­krieg den Versuch machte, in einer allge­meinen Kulturgeschichte eine Betrachtung der Geschichte der Menschheit nach mora­lischen Gesichtspunkten zu geben. Wir entnehmen dem Werk einige Abrisse, in denen Epochen, Ereignisse und Heldentum sich etwas anderes ausnehmen als in den uns vertrauten Betrachtungen, die aber unzweifelhaft heute noch die Grundlage der Vorstellungen der Menschheit unserer Tage ausmachen. Mdg.

1. Alfranber

Als Alexander von Makedonien , der Große genant, allen Widerstand in Grie­ chenland und im persischen Reich gebro­chen hatte, gab er sich der zügellosen Ra­serei der wahnsinnigen Ueberheblichkeit hin. Er redete sich ein, göttlicher Herkunft zu sein und vergaß seinen Lehrer Aristo­ teles . Immer, wenn ein Sterblicher so mächtig geworden ist, daß er keine Gewalt mehr fürchtet, wird er ein Opfer seiner ausschweifenden Phantasie, seines Despo­tenwahnsinns. Wir kennen viele Beispiele aus der Geschichte, aber keins ist so über­zeugend wie das Alexanders . Er umgab zieh in Babylon mit Asiaten, die sich vor

*) Charles R i ch e t war Professor an der Uni­ versität Paris und Träger des Nobelpreises. Er schreibt im Vorwort zu seiner Kulturgeschichte: »Ich glaube zuversichtlich an einen stetigen Fort­schritt der Menschheit durch die Wissenschaft. Sie ist noch in ihrem Kindheitsalter. Es gibt erst •eit zehn Jahrtausenden Gemeinschaften, seit drei Jahrtausenden Denker und seit drei Jahr­hunderten Gelehrte. Wir sollten uns über die rasende Geschwindigkeit der Entwicklung und nicht über die Langsamkeit wundern."

ihm wie vor einem Gott niederwerfen mußten, schloß sich in einen Serail ein, berauschte sich wie ein Vieh, ermordete die, die sich weigerten, ihn anzubeten, so­gar seine Treuesten, den ehrwürdigen Ge­ neral Parmenio , den Philosophen Kallis- thenes und Klitos, seinen Jugendfreund, den er mit eigener Hand tötete. Nach kur­zer Zeit hatte er seine natürliche Lebens­kraft völlig zerrüttet, ein Fieber befiel ihn und er starb daran in wenigen Tagen. (323 v. Ch.)

Niemals hat in der Geschichte wieder jemand einen gleichen Zauber ausgeübt, wie dieser gewaltige Eroberer. Man hat stets den ununterbrochenen, rasenden Siegeslauf durch ganz Asien hervorgeho­ben. Aber man hat übersehen, daß es für eine Handvoll tapferer Soldaten ein Leich­tes ist, eine Million Sklaven in die Flucht zu schlagen. Mein hat die Anfälle des wil­den Wahnsinns vergessen, um einige schöne Handbewegungen und großmütigen Worte, die ein Fürst ja so billig hat, um so treuer im Gedächtnis zu bewahren.

Sein Reich überlebte ihn nicht einen Tag. Noch ehe seine Leiche kalt war, stritten sich seine Statthalter bereits um seine Hinterlassenschaft. Zwanzig Jahre tobten zwischen seinen habgierigen Kriegern die blutigsten Kämpfe.

2. 3?om

Was vor allen Dingen die Größe Roms ausmachte, war das Heer. Die Soldaten, gegen sich selbst streng, waren auch streng

gegen den Feind. Sie waren einem Ge­fühle des Mitleids völlig unzugänglich. Gewiß, Cäsar spricht irgendwo von seiner Milde gegen die Gallier von Cahors . Aber diese Müde hat darin bestanden, den Be­siegten das Leben zu schenken, aber ihnen die Hände abzuschneiden. In Wahrheit müssen von den ersten Zeiten der Re­ publik bis zu den letzten Tagen des Kai­serreichs so gut wie alle Kriegsgefangenen ermordet werden. Eine Ausnahme ge­schieht nur mit den wenigen, die als Skla­ven verkauft werden. Sie werden nach Rom gebracht und müssen den Wagen des Siegers ziehen, während ihre Führer vor den Augen einer schaulustigen Menge hin­gerichtet werden. Frauen und Kinder, Greise, ganze Menschenscharen aus den Reihen der Besiegten müssen ihr Leben lassen oder in die Sklaverei. Die Städte werden geplündert, die Beute zu einer Hälfte an die Soldaten, zur anderen Hälfte an den Pöbel Roms verteilt: die Lände­reien werden entweder sogleich an die Legionäre verschenkt oder für die Patri­zier zurückbehalten.

Der Krieg war also für Rom eine nationale Industrie, die ihm weit mehr einbrachte als Landarbeit oder Handel. Andere Völker wurden damit be­traut, anstatt seiner den Pflug zu führen, oder Handel zu treiben. Der Krieg wird erklärt, die Legionen dringen ins feindliche Land, kämpfen, triumphieren, und alle mühsam erworbenen Reichtümer einer fleißigen Bevölkerung fallen in die gie­rigen Hände des römischen Siegers, der mit Ruhm und Beute beladen heimkehrt.

So hatte jeder Krieg das unmittelbare Ergebnis der Bereicherung des römischen Staates. Mochte auch dieses elende Räu- bertum noch so sehr unter den tönenden Schlagworten der „Vaterlandsliebe“ und

ifremöf (Baffe irr 6er Sprache / Von fjans jflemmmg

Unsere Schriftsteller handhaben fast immer die Sprache wie ein fertiges In­strument, auf dem sie mehr oder weniger meisterhaft spielen. Aber inzwischen wirkt und bastelt das Volk unablässig gleich den Heinzelmännchen an den Reso­nanzböden und Saiten, an den Klappen und Ventilen, kurz, an allen klingenden Apparaten dieses großen Orchesters.

Der Schriftmensch schleift und formt, aber das Volk schöpft. Sprachbildner sind Großmütter, Kinder, Bauern, Handwerker, Landsknechte, Vaganten — Menschen, die aus der Fremde kommen oder sich nach der Heimat sehnen. Das holde deut­sche Wort „mutterseelenallein“ ist ver­mutlich erst im Kriege 1870 entstanden, als ein französischer Gefangener ausrief: moi seul allein! Diesen einen Brocken „allein“ hatte er aufgeschnappt, aber das Volk komponierte aus dem Ganzen eine deutsche Sprachmelodie.

Der Berliner unterscheidet zwischen Hoch- und Tiefstapler. Bitte, das ist kein Unsinn, sondern Erkenntnis. Denn Sta­buier hieß einst der Bettler, und ein Hochstapler ist also ein Herr im Frack, der hoch bettelt — also warum nicht auch tief? Ich glaube, zur Sprachbildung ge­hört eben auch eine gewisse Dreistigkeit, die den heutigen Schulmenschen fast ganz verloren gegangen ist Wer früher ein Wort brauchte, griff einfach zu, und es war ihm zunächst sehr gleichgültig, ob er einen Diamanten oder einen Kieselstein fand. Mochten sich die Schleifer darüber den Kopf zerbrechen.

Wie viele neue Worte haben wohl un­sere Seefahrer mit nach Hause gebracht? Havarie ist arabisch, Hängematte englisch, oder womöglich sogar karaibisch. Das Kapern wurde sprachlich aus Holland be­zogen, und das herrliche deutsche Wort Kapitän, das wie ein Trompetenstoß klingt, kam natürlich aus Italien .

Fremdwörterei ist ein greulicher Unfug, aber die echte Einschmelzung fremden

JAN

AUFDER.

ININSEL

Roman von Olat Henriksson

21. Fortsetzung Copyright 1943 by Europa Varlag A. G. Zürich

Aber dann kam auch für den Maler ein großer Tag. Er kehrte aus der Hauptstadt heim, und er zog ans der Tasche ein Etui und nahm daraus die Halskette aus To­pasen, in Gold gefaßt und legte 6ie um den schlanken, weißen Hals der Frau. Er hatte einen ersten Preis bei einer Ausstellung er­halten für ein Bild, und dieses Bild war vom Staate angekauit worden, und sein Name war mit einem Male bekannt. So durfte er hoffen, über den Berg zu sein mit allen Sorgen.

Dieses Bild aber stellte sein Töchterchen Beryll dar, wie es nackt im Meeressande kniete und hinaussah über das bläuliche Wasser mit seinen hellblauen Augen. Um den Hals trug es ein schmale Goldkette mit einem Aquamarin, und „Aquamarin " hatte der Maler auch das Bild genannt. Er hatte Beryll gemalt, als sie vor einem Jahr einmal ein paar Wochen am Meere ge­wesen waren, eingeladen von einem Freunde. Den Aquamarin an der Kette, den mußte der Vater selbst dazu erfinden-, denn die Topase für seine Frau waren ja die er­sten Edelsteine, die er kaufen konnte.

Dia war entzückt von dem Geschenk. Aber als sie sich im Spiegel damit besah, tfiitt ein Schatten über ihr öesicht, und sie Vrurde ernst. Der Mann merkte es und ^agte, was ihr sei. Sie wehrte lächelnd ab und sagte e6 ihm nicht, daß ihr eine Ge­richte eingefallen war, in der Topase an •iner Kette Unglück brachten.

Das war ja töricht. Endlich war ja das Glück gekommen. Und als ob in den Edel­steinen wirklich ein Zauber gesteckt hätte, vrettige Wochen später spürte die Frau, daß •ie aufs neue empfangen hatte.

Das Leben der kleinen Beryll glitt sachte *&d leidu dahin wie das Wasser des Flus­

ses, den sie jeden Tag 6ah. Eigentlich war es mehr ein breiter Bach, recht seicht und ohne Gefahr für Kinder. Sie spielte an sei­nem Ufer mit Steinchen und Schiffchen und ließ Blätter treiben und auf den kleinen Wellen dahinhüpfen. Sie lebte mit Tieren, einer Katze und einem Hund und mit den Blumen im Garten. Aber der kleine Bruder Jett wurde doch das liebste Spielzeug und dann unzertrennlicher Gefährte.

Von den Dorfkindern wagte keines recht, sich enger mit Beryll zu befreunden. Sie ging in die Schule mit ihnen, aber sie war immer etwas Feines und Besonderes, und sie wußte doch selbst nichts davon, sie war mit allen freundlich. Am liebsten und ge­borgensten fühlte 6ie 6ich doch daheim bei den Eltern und dem Bruder, und sie emp­fand keine Sehnsucht nach Freundinnen.

Sie stand oft lange neben dem Vater und sah zu, wie er die Farben auf die Palette drückte und auf die Leinwand auftrug, wie da plötzlich eine Blume aus dem Grau her­auswuchs, brennend und bunt, und 6ie an­guckte. Wie Zauberei kam es dem kleinen Mädchen vor. Und es versuchte ein paar­mal selber etwas zu zeichnen und zu ma­len, aber e6 gefiel ihm gar nicht, wenn es an die Bilder des Vaters dachte. Es half auch nichts, daß der Vater es lobte und aufmunterte und sagte, es habe Talent

Beryll kam nur wenig in andere Häuser, und nirgends hätte sie da sein wollen. Oft dachte sie des Abends in ihrem Bett, solche Menschen wie ihre Eltern gebe es gewiß nirgends mehr auf der Welt. Und sie überlegte es sich, was wohl schlimmer wäre, wenn die Mutter stürbe oder der Vater, und wenn sie das nur dachte, dann konnte sie schon wei­nen, fast eher noch beim Gedanken an

Sprachguts eine geniale Leistung, die man sorgsam pflegen sollte. Welcher deutsche Dichter käme heute ohne das persische Wort Karawane aus? Welcher Kabaret­tist ohne sein ,Kunterbunt“, — diese rei­zende Verballhomisierung des Kontra­punkt? Ungarn schickte uns die Kutsche, Litauen die Karausche. Das biedermeie­rische Kanapee hängt, grotesk genug, in­nig mit der Stechmücke zusammen, und ist also nichts anderes als ein Sofa, das man durch ein Netz gegen Mücken schützt. Weiß der Teufel, welcher seefahrende Ur- großonkel dies gemütlichste aller Worte von einer Griechenfahrt mitbrachte! — Feinster Pastorenkanaster? Spanisch. Janhagel? Holländisch. Die Elfe? Eng­ lisch . Der Dolmetscher? Türkisch. Schöps? Slawisch.

Der Fachmann, der Gelehrte, benutzt kühl das Fremdwort, weil es ihm bequem ist, oder weil es die wissenschaftliche Ver­ständigung international erleichtert. Das Volk lehnt- Fremdwörter entweder ab oder unterwirft sie einer sprachlichen Wiedergeburt Die Etymologen reden dann meist von einem Mißverständnis. Heiliger schöpferischer Irrtum — möchte er nie aufhören. In unserem wortmalerischen Tausendgüldenkraut steckt ein ganzer Rattenkönig von solchen Irrtümem. Aus hundert wurden tausend, und aus Gold Gulden. Aber am Ende hat der lateinische Name der Heilpflanze, Centaureum, weder mit hundert noch mit Gold zu tun, son­dern der griechische Zentaur pflückte das Tausendgüldenkraut irgendwo in einem Tal des Olympos zur Wiederher­stellung seines persönlichen Wohlbefin­dens ab. Vidieicht blies dazu ein Hirte den Kalamos, die Kalamaia oder Rohr­flöte. Es ist ein weiter Weg von Thes­salien zur Lüneburger Heide , — aber eines Tages hörten die Heidschnucken das neue Getön, das so lieblich mit Himmel und Erde zusammenklingt. Aha, sagten die Heidschnucken, vom Genius der Sprach­bildung ergriffen, — eine Schalmei!

den Vater als an die Mutter. Denn diese war manchmal müde und still, und sie hörte nicht auf einen, wenn man etwas von ihr wollte oder wenn man etwas er­zählte. Der Vater aber war immer lustig und machte Spässe und Scherze, ver­steckte sich, ließ sich fangen, spielte am Bach mit ihr, erzählte selbst Geschichten, oft während er sie malte und sie dann längere Zeit ruhig sitzen oder knien mußte.

An einen Tag erinnerte sich Beryll noch besonders oft Es war jener Tag, da der Maler mit der Nachricht von sei­nem Erfolg heimkehrte. Er brachte nicht nur der Mutter die schönen Steine, son­dern auch für sie etwas, einen prächtigen Puppenwagen, und als sie die weißen Mullvorhänge zurückschlug, lag ein schla­fendes neues Kind darin; es war das fünfte und schönste ihrer Puppenkinder. Und Jett, der bekam Schaufel und Sieb und Geschirre für das Spiel am Sand­haufen und einen kleinen rotlackierten Pumpbrunnen.

Am nächsten Tag stieg die Familie in den Wagen des Fuhrhalters vom Dorf mit den zwei dicken braunen Pferden davor, und sie fuhren gemächlich durch früh­lingsgrünes Land. Blütenzweige von den Straßenbäumen streuten ihre weißen Blättchen über sie. Sie fuhren in einen nahegelegenen Badeort mit einem feinen Hotel, und da wurde gut gespeist Eine bestaubte Weinflasche sah Beryll auf dem Tisch und wunderte sich, daß man sie nicht abwischte. Denn daheim war im­mer alles blank und rein. Das Essen dauerte ihr und Jett zu lange. Sie durf­ten zwischenhinein sich einmal in dem Garten herumtreiben, den man vom Hotel aus überblickte. Zur süßen Speise rief man sie wieder herein, und von ihr vertilgten beide den größten Teil; denn es war Eis, das sie sonst nie bekamen.

Dann ging es im Wagen weiter, und man hielt an einem Wald, durchstreifte ihn und rastete auf Moos unter den

der „Pflicht“ beschönigt und bemäntelt werden, es war viel zu einträglich, als daß man sich irgendeiner Täuschung darüber bingeben könnte.

3. Peter

Zar Peter, der Große genannt, hatte den P lan, an der Ostsee eine große Stadt zu gründen, die Kriegs- und Handelshafen und zugleich Hauptstadt sein sollte. Als Platz wählte er die äußerst ungesunde, sumpfige Gegend an der Newa . Aus allen Teilen Rußlands wurden darauf gewaltsam Tausende und Abertausende herbeige­schafft, Leibeigene, Soldaten, Kosaken, Kal­mücken. Die meisten starben schon bald nach ihrem Eintreffen an Hunger und Kälte.

Wie sie erbaut, ■ wurde die neue Stadt Petersburg bevölkert Es wurden einfach 30 000 Bauern dorthin verbannt Bauten und Bevölkerung, alles war willkürlich und gewaltsam. Petersburg entspringt ganz ebenso wie Alexandria der Laune eines Menschen und nicht der Notwendig­keit der Verhältnisse.

In der ersten Zeit seiner Regierung hatte Zar Peter eine Europareise gemacht. Er hat sich in Deutschland , Oesterreich, Frankreich , Holland und England aufge­halten. Dann kehrte er zu seinen Russen zurück, um ihnen die von ihm ausgedach­ten Reformen beizubringen, ganz gegen ihren Willen und gegen ihre Bedürfnisse. Alles, auch die geringfügigsten Einzelhei­ten, wurden vom Zaren verfügt und ge­waltsam durchgesetzt Fachkundige Aus­länder wurden zur Leitung berufen. Er ließ. Fabriken bauen, Bergwerke und Straßen anlegen. Unermüdlich, alles über­wachend, an alles denkend, schafft Peter eine Münze, Krankenhäuser, Druckereien, Museen, eine Akademie der Wissenschaf­ten. Alles ist neu. Er will Rußland in einem Vierteljahrhundert Wegstrecken durchlaufen lassen, zu deren Bewältigung Westeuropa vier volle Jahrhunderte ge­braucht hatte.

Die älteren Russen waren entrüstet, die neuen Einrichtungen, die sie deutsche nannten, erregten Entsetzen und Wut Doch der Zar war unerschütterlich. Unbe­irrt ging er seinen Weg. Wer sich wider­setzte, brachte er durch Knute, Deporta­tion oder durch Verurteilung zum Tode zum Schweigen._

Das menfctylidje PotM6

Als der Zufall den Hannes am Glas- hütter-Hof vorbeiführt und er den Glas­hütter dort beim Kuhstall sieht, denkt er: hätte der etwa ein Stück Geräuchertes und ein Zwetschgenwasser für dich übrig, oder etwas zu basteln für ein paar Groschen? Ja, wenn er nicht so mißlaunig wäre! Wie ihn drum der Jauz fragt, was los sei, so ist’s die neue Sau. sagt der Bauer; die frißt nicht.

„Habt ihr alles mit ihr versucht?“ fragt der Hannes.

Der Bauer sagt. „Schaut da des Vieh­doktors Rechnung!“

Drauf der Jauz: „Ich meine: mit dem Fressen; so ein Tier hat seine Mucken: grad, was ihnen gut täte, fressen sie da nicht.“

„Ich schütte dem Tier gleich Bananen vor“, brummt der Bauer.

. „Oder hat sie keinen Gespanen?“

Drauf meint der Glashütter: „Die an­dere hängt freilich im Rauch.“

„Das ist’s; Gesellschaft“, sagt der Han­nes, „Kameradschaft will das Geschöpf Gottes, genau wie der Mensch. Denn, wo­zu hätte der sonst den Tanzboden, die Kirchweih, das Taufessen und den Leich­trunk, versteht Ihr? Alles hat seinen ver­nünftigen Zweck.“

Der Bauer schüttelte den Kopf.

„Aber am Ende hätte ich Euch ein Mit­tel, Glashütter“, fährt der Hannes fort; „und zwar ein fümehmes; ich hab’s zum Patent angemeldet und auf der Leipziger Messe gezeigt; das könnt ich an Eurem Tier versuchen.“

Bäumen. Der Vater spielte mit den Kin­dern. Sie mußten ihn fangen und da­nach trachten, ihn zu Boden zu bringen; und mit großer Anstrengung gelang es ihnen endlich, und er wälzte sich lachend mit ihnen auf Laub und Gras. Und selbst die Mutter mahnte heute nicht, auf die schönen Festtagskleider achtzu­geben.

Aber das Allerherrlichste kam erst gegen Abend, als sie wieder daheim waren. Da war die Türe zwischen zwei Zimmern verhängt und ein seltsamer Holzrahmen schaute heraus, mit einem Vorhang aus Papier, auf dem lustige Figuren gemalt waren.

Die Kinder mußten davor auf zwei Stühle sitzen, und es wurde dunkel ge­macht. Dann ging der papierene Vorhang in die Höhe und sie sahen ein silbernes und goldenes Schloß und kleine Mensch­lein davor, die sich ein wenig steif be­wegten und sprachen. Und allmählich er­kannte Beryll, daß da eines der Märchen leibhaftig vor sich ging, das ihr der Vater erzählt hatte Auch Jett guckte gebannt auf das Puppentheater, obschon er noch nicht viel davon verstehen konnte.

Seitdem träumte Beryll oft von diesen kleinen Menschlein, und sie bettelte beim Vater, er solle ihr das Theater noch ein­mal zeigen. Aber da die Zurüstungen hierfür viel Arbeit verursachten, so wollte der Vater es nur an besonderen Fest­tagen aufstellen. Noch einmal spielte er aber, am Geburtstage Berylls , und er hatte sogar ein eigenes Stück dazu er­funden. Natürlich waren auch die Hinter­gründe und- Kulissen von ihm gemalt Nur die beweglichen Puppen stammten aus der Hauptstadt und seine Frau hatte sie mit Gewändern versehen.

Das Stück, das er am Geburtstage Berylls seine kleinen Schauspieler agie­ren ließ, handelte von einem Edelstein, der verloren gegangen war und zu dessen Wiederfindung ein Prinz die kühnsten Abenteuer bestehen mußte. Und zuletzt

„Mögt Ihr ein Zwetschgenwasser? Kommt herein, Hannes“, sagt der Bauer, und bei dem feinen Schnaps und einem Speck packt der Hannes aus. Sein Patent leuchtet dem Glashütter ein, und als sie ein Stündlein später auseinandergehen, so hat die widerspenstige Sau überm Trog, so lang er ist, einen Spiegel und grunzt ihre Schönheit an und äugelt mit ihrem Gespanen im Taglohn; aber wie sie dann ins Futter fährt und mit ihr auch der neue Kamerad um die Wette frißt, sollte da das Tier nicht brotneidisch wer­den, als habe sie’s dem Menschen abge­guckt? i Und so mundet’s der guten Sau einige sechs Wochen, bis sie eine Hand­breit Speck auf den Rippen hat und es an der Zeit ist, die vorige im Rauch ab­zulösen.

Da sagt der Glashütter zur Bäuerin; „Der Jauz hat’s getroffen: gib nur dem Tier die Menschen zum Vorbild, gleich hat es alle Tugenden und ist auf dem rechten Weg und gedeiht. Die Dökter freilich zäumen allezeit alles beim Schwanz auf.“ Heinrich W. Kromer.

£eben6fge Ctjroni?

Allerlei Propheten

Der kürzlich verstorbene phantasie­reiche und doch der Wirklichkeit so nahe englische Schriftsteller H. G. Wells irr­te sich nur in einer Prophetie: der seines eigenen Lebens. Er hatte 1943 sich seinen eigenen Nachruf fürs Jahr 1963 geschrie­ben, in dem er 97 Jahre geworden wäre. In diesem sehr eigenartigen Schriftstück geht er mit sich selber scharf ins Gericht, spricht sich die unbestechliche Gewissen­haftigkeit ab, nennt sich eitel, fähig ohne wahre Ergriffenheit Leidenschaftlichstes aufs Papier zu werfen. Fürs Jahr 1948 vermerkt er eine schwere Verwundung, die er in einem Zusammenstoß mit Fa­schisten erlitte, worauf er in einem Kon­zentrationslager erkrankte, während der kurzen Kommunistendiktatur von 1952. Um leben zu können, müßte ihm 1955 eine kleine Staatspension zugewiesen worden sein.

Sein älterer, ihn überlebender Zeit- und Berufsgenosse Bernhard Shaw läßt sich weniger von düsteren Zukunftsbil­dern bedrängen: er schloß mit einer eng­lischen Versicherungsgesellschaft eine Lebensversicherung ab, die ihm bei Er­reichen seines 100 Lebensjahres ausbe­zahlt werden soll.

Man sieht, daß es mit dem Prophe­zeien eine gewagte Sache ist. Es kann so kommen, wie man vorausgesagt, es kann aber auch anders kommen. Am besten hats schon Wilhelm Busch getroffen, als er schrieb:

Im Durchschnitt ist man kummervoll Und weiß nicht, was man machen solL

Und an anderem Ort:

Und hier und überhaupt,

Kommts anders als man glaubt.

Das ©erficht

In den fünziger Jahren des verflosse­nen Jahrhunderts wirkten die beiden be­rühmten Vertreter der komischen Muse Karl Helmerding und Friedrich Beck­ mann zusammen und verkehrten stes in bester Kollegialität. So fanden sie sich auch allmittäglich in einem bekannten Berliner Lokal am Stammtisch ein, an dem die ungebundene Laune herrschte. Eines Tages aber erscheint Helmerding mit verstörter Miene im Kreise der Zech- genossen: „Kinder,“ sagte er, „denkt euch, Beckmann ist tot — ganz plötzlich, Herz­schlag ..“ Alles ist von der unerwarteten Nachricht niedergeschlagen und ergriffen. Noch ist man dabei, die Verdienste des allzu früh Abgerufenen zu prüfen. a!s= sich die Tür öffnet und Beckmann ein- tritt, frisch und gesund wie immer. Hel­merding aber wendet sich zu der Tafel­runde und sagt mit warnend erhobenem Zeigefinger: „Still Kinder — er weiß es noch nicht“ Emst Heyda (si)

verwandelte sich der Edelstein, wie es sich gehörte, in eine hübsche und süße Prin­zessin, und sie wurde die Gemahlin des Prinzen.

Es war das letzte Mal, daß der Vater Berylls die Puppen an ihren feinen Drähten und Fäden sich bewegen und tanzen ließ, daß sie sprachen und ihre großen Abenteuer erlebten.

Denn das große Abenteuer und Schick­sal griff nach ihm selbst und nach den Seinen.

Beryll hörte auf einmal ein Wort, das sie schon oft vernommen hatte. Aber jetzt hörte sie es erst, und es klang ganz anders als früher. „Krieg“. Jetzt war dieses Wort auf einmal selber da, drohend, lebendig Die Eltern sprachen leiser miteinander, ernst, der Vater lachte und scherzte nicht mehr.

Wieder standen die braunen Pferde des Fuhrhalters vor der Türe; aber nicht mehr vor die altmodische, bequeme Chaise waren sie gespannt, sondern vor einen Leiterwagen, und darauf lagen Koffer und Kisten aller Art Und da brachte auch der Vater eine kleine graue Kiste und warf sie auf den Wagen, und dann umarmte er rasch die Mutter, Beryll und Jett und ging hinter dem Wagen fort und winkte noch einmal zu­rück, und die Mutter weinte.

„Muß der Vater in den Krieg?" fragte BerylL Die Mutter nickte. Beryll aber konnte sich nicht vorstellen, was das sei und was der Vater da tun müsse. Denn in ihrem Häuschen gab es keine Bilder vom Krieg, und es wurde auch gär nie davon gespro­chen und auch in der Schule nur wenig. Wohl wußte Beryll, daß die Männer da Uni­formen und Helme trugen und auf einander schossen. Aber sie konnte sich es nicht vor­stellen. daß ihr Vater ein Gewehr nehmen würde und auf einen andern Menschen schießen, und noch weniger, daß es jemand einfallen könnte, auf ihren lieben Vater zu schießen. Sie war ganz getrost (Fortsetzung folgt)