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SUDKURIER
5. JAHRGANG • UNABHÄNGIGE HEIMATZEITUNG FÜR DAS LAND BADEN
Erscheint Dienstag, Donnerstag, Samstag. Adresse; Konstanz , Marktstätte 4 Telefon-Anschlüsse: Redaktion and Verlag Nr. 924, 925, 1130, 1510, 1511
NUMMER 27
Erscheint Dienstag, Donnerstag, Samstag. Adresse; Konstanz , Marktstätte 4 IfflNSTA 1V7 S AMSTAP/QrtNNTAP H /£ M X R 7 10/10 Bezug monatlich durch die Poet DM 2.03. dazu 27 Dpi. Poetzustellgebühr, [•elefon-Ansehlüsse: Redaktion und Verlad Nr. 924. 925. 1130. 1510. 1511 JA. U IN 3 1 A IN Zj 3AM3 1 Ab/ ÖUll J Air D./0. MAKZi Träg», DM Tin «.CwarMieftli* 25 Dpf. Trägerlohn. - Rin 70 l pr ete 2» n p f
Washington . Präsident Truman gab auf seiner Pressekonferenz den Rücktritt von Kriegsminister James Forrestal und die Ernennung von Louis Johnson als dessen Nachfolger bekannt.
Johnson wird am 31. März sein Amt an- treten. Die Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtsteile, Stuart Symington , John Sullivan und Kenneth Royall werden im Amt bleiben, während James Forrestal lediglich auf Grund seines bereits vor einem Jahr eingereichten Rücktrittsgesuches ausscheidet, wie Truman ausdrücklich betonte.
Der Nachfolger des zurückgetretenen amerikanischen Staatssekretärs für die Landesverteidigung, Louis A. Johnson , wurde am 10. Januar 1861 in Roanoke in ■ Virginia geboren, studierte Jura und wurde als Rechtsanwalt in den amerikanischen Advokatenverband auf genommen. Ab 1917 vertrat er Westvirginia im Kongreß. Beim Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde er als Captain zum Wehrdienst eingezogen. Nach dem Kriege schuf und organisierte er die American Legion , die er von 1932 bis 1933 als „National Commander“ befehligte. 1937 wurde er von Präsident Roosevelt zum stellvertretenden Kriegsminister ernannt, ein Amt, das er bis zum Jahre 1940 inne hatte.
Der Rücktritt des Republikaners For- restals hat niemanden in Washington überrascht. Nach dem Wahlsieg der Demokraten war dieser Schritt schon längst erwartet worden. Unterrichtete Kreise schreiben diesen Rücktritt innerpolitischen Gründen zu und vermuten, daß die Haltung des Verteidigungsministers hinsichtlich Israels und der Ölinteressen der USA im vorderen Orient die Ursache seines Ausscheidens aus dem Kabinett ist. For restal vertrat nämlich die Ansicht, die Verteidigung dieser Interessen fordere von der US-Regierung eine Stellungnahme zugunsten der arabischen Länder, während führende Persönlichkeiten der demokratischen Partei anderer Meinung sind. Ferner war Forrestal gegen die Aufnahme Norwegens in den Atlantikpakt, weil er den Standpunkt vertrat, daß sie, strategisch gesehen, den amerikanischen Interessen widerspreche.
Washington . Die Politik General Clays ist in den letzten Monaten mehrfach in Amerika heftig kritisiert worden. Der plötzliche Rücktritt General Drapers , eines engen Mitarbeiters General Clays, hat den Stein wieder ins Rollen gebracht. Eine Gruppe von demokratischen Abgeordneten, die von den Senatoren Kilgore und Kevauer geführt werden, naben einen öffentlichen Vorstoß unternommen und fordern eine Untersuchung der Politik der amerikanischen Militärregierung in
Kurz notiert
Der Berater der französischen Militärregierung in Deutschland . Francois-Poncet , hatte gestern eine Unterredung mit Dr. Adenauer.
Auf der Strecke Meiningen —Eisenach kam es durch dichtes Schneetreiben zu einem Zugzusammenstoß, der nenn Todesopfer forderte.
In Schleswig-Holstein haben bisher 14 Gemeinden, darunter Westerland und Travemünde , die Lizenz für eine Spielbank beantragt
Die am Dienstag über große Teile Deutsch lands tobenden orkanartigen Schneestttrme forderten 51 Tote und über 50 Schwer- und Leichtverletzte.
Bei Schneestürmen in den Nordstaaten der USA landen 28 Personen den Tod.
Im US -Staatsdepartement wurde ein BBro für deutsch -österreichische Angelegenheiten eingerichtet.
Die katholische Aktion ln Spanien setzte sich für die Rückkehr mehrerer hundert internierter ehemaliger deutscher Kriegsgefangener ein and übenimmt die Kosten der Rückbeförderung.
Mehrere Einheiten der national-chinesischen Flotte, darunter der 5000 Tonnen große Kreuzer „Tschongking" wurden von der Besatzung an die Kommunisten ausgelleierL
Ein Athener Militärgericht verurteilte fünf Studenten wegen Unterstützung der Partisanen zum Tode.
Nachdem die Inlerskandinavlsdien Verhandlungen definitiv gescheitert sind, will sich Dä nemark nunmehr eingehend mit den Möglichkeiten eines Beitritts zum Atlantikpakt befassen.
Norwegen wurde offiziell znr Teilnahme an den Verhandlungen über den Atlantikpakt eingeladen.
Schweden wies eine sowjetische Note, ln der behauptet wurde, daß Letten, Esten and Litauer verfolgt werden, zurück.
Wischinsky hat Karlsbad , wo er sich mehrere Wochen zur Kur enthielt, wieder verlassen.
In Rumänien wurden neue EnteignungmnaO- nabmen gegen den Großgrundbesitz angeordnet.
Nach einer Unterredung mit Ministerpräsident de Gasperi , nahm der stellvertretende Premierminister S&ragat von seinem ROdctrittsgesuch Abstand.
Zwei führende annamitische Nationalisten der Viet-Mlnh-Partei wurden in den letzten Tagen ermordet und ein dritter entführt.
SO Todesopfer forderte eine schwere Fxp’oslon In einer Munitionsfabrik bei Stambul .
Da fn New York 300 Totengräber streiken, versieht Kardinal Spellmann mit mehreren hundert Seminaristen den TotengrlberdiensL
Ein italienischer Jounalist forderte «Me Straf- Verfolgung der Mörder Mussolinis und seiner Geliebten Clara Petacci . '
| Deutschland . Sie werfen General Draper vor, daß er als Vertreter amerikanischer Kartellinteressen in Deutschland eine Politik zur Erhaltung der Truste durchgesetzt habe. Es wird von den Abgeordneten gefordert, die führenden Männer der Besatzungsbehörden in Deutschland über die Gründe und Folgen der von ihnen getroffenen Entscheidungen zu befragen. Die Absetzung zweier hoher Beamter durch General Ciay sowie der aus Protest erfolgte Rücktritt des Vorsitzenden der Militärbehörde in Württemberg gaben den unmittelbaren Anstoß. Es sollen die in der amerikanischen Öffentlichkeit immer lauter erhobenen Vorwürfe, daß die amerikani sche Militärbehörde die Denazifizierung und Konzernentflechtung abgeblasen habe und für die Unternehmer gegen die Gewerkschaften Partei nehmen, auf ihren Gehalt geprüft werden.
Über die Beratungen der Deutschland - Kommission im Staatsdepartement, die zwei- oder dreimal wöchentlich Zusammentritt, wird tiefstes Stillschweigen bewahrt. Es ist, wie ein amerikanischer Journalist sich ausdrückte, noch nicht bekannt, welche Art Deutschland -Politik in Washington gestaltet werden solle. Bisher sei man lediglich darüber klar geworden, welche Art Deutschland man nicht haben wolle, nämlich ein Land mit einer Art Kolonialverfassung und mit niedrigem Lebensstandard, das ständig der Anziehungskraft des Bolschewismus ausgesetzt wäre.
Paris . Der Moskauer Rundfunk verbreitete einen Kommentar seines außenpolitischen Redakteurs Borisow zur politischen Lage in Finnland . Borisow erklärte u. a. „Die von der reaktionären finnischen Regierung systematisch betriebene sowjetfeindliche Politik, ihre Weigerung, die mit der Sowjetunion eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und ihr System der räuberischen Ausbeutung der finnischen Landwirtschaft, rufen die berechtigte Empörung der arbeitenden Massen Finnlands hervor. Nur dank verschiedener Machenschaften der Parlaments- fraktionen konnte das Kabinett sich kürzlich an der Macht halten, doch zeigt die eben beendete Krise aufs neue, wie unpopulär die Regierung bei der Bevölkerung ist. Ihre Politik begegnet einer ständig wachsenden Empörung der überwiegenden Mehrzahl des finnischen Volkes.”
Norwegen lehnt Pakt mit Moskau ab
Oslo . In ihrer Antwort auf die sowjetische Note, in der ein Nichtangriffspakt mit Norwegen vorgeschlagen wurde, erklärt die norwegische Regierung, der At lantik -Pakt verfolge keine aggressiven Ziele und stehe auch nicht im Widerspruch zu den Bestimmungen der UN- Charta . Norwegen werde auch nur unter dieser Bedingung dem Pakt beitreten. Die norwegische Regierung wiederhole nochmals kategorisch, daß sie sich weder an einer Aggressionspolitik beteiligen, noch den Streitkräften einer fremden Macht Stützpunkte auf ihrem Gebiete überlassen werde, solange Norwegen selbst nicht angegriffen oder von einem Angriff bedroht werde.
Zur Frage eines Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion erinnert die norwegische Regierung daran, daß sich die 'beiden Länder durch Annahme der UN-Charta . die den Mitgliedsstaaten jede Drohung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Sicherheit oder politische Unabhängigkeit eines anderen Staates verbietet, schon gegenseitig verpflichtet hätten, keine Angriffspolitik zu betreiben. Unter diesen Bedingungen halte die norwegische Regierung eine Wiederholung dieser Verpflichtung für überflüssig.
„österreichsGrenzen müssen bleiben"
Wien . Der österreichische Außenminister Dr. Gruber stellt in einem dem Sekretariat . der Konferenz der Sonderbeauftragten für den Staatsvertrag mit Oester reich zugeleiteten Memorandum fest, daß der Verlauf der österreichischen Grenzen „eine Tatsache” ist und Oesterreich nicht dulden könne, daß diese Tatsache erneut in Zweifel gezogen werde. In der Denkschrift, die am Donnerstag in Wien veröffentlicht wurde, heißt es außerdem, die jugoslawische Regierung müsse sich darüber klar sein, daß sie in den umstrittenen Gebieten nur wenig Anhänger besitze. Einen Beweis dafür hätten die Wahlen im Jahre 1945 erbracht.
Man betrachtet in Paris die Londoner Unterhandlungen über den Friedensvertrag mit Oesterreich mit einigem Pessimismus und fragt sich, ob dieser Friedensvertrag überhaupt je zustande kommen wird. Nachdem die österreichische Regierung es abgelehnt hat, den jugoslawischen Kompromißvorschlag einer autonomen slowenischen Provinz in Südkämten anzunehmen, hat sich die Haltung der jugo slawischen Delegierten Bebler erneut versteift.
Konstanz. Freitagabend wurde im Deutschen Theater zu Konstanz (Leitung Heinz Hilpert ) Hugo von Hofmannsthals Schauspiel „Das Bergwerk zu Falun” zwanzig Jlahre nach dem Tode des österreichischen Dichters uraufgeführt Die ergreifende Aufführung unter Regie von Heinz Hilpert fand in Anwesenheit erlesener Gäste aus Deutschland , Frank reich und der Schweiz den Beifall, den das dichterische Werk schon vor fünfzig Jahren, als es entstand, hätte finden müssen. Zum erstenmal trat in ihr mit einer großen Rolle auch eine neue Schauspielerin hervor, in deren Leistung die Anzeichen für eine große, vielleicht sogar ungewöhnliche Entwicklung zu spüren waren: Margrit Ensinger .
Das jetzt zum erstenmal aufgeführte Schauspiel des Dichters des „RosenfeJava- lier” hat eine seltsame Geschichte. Mit Ausnahme des ersten Aktes war es so gut wie unbekannt geblieben und verschollen, bis es 1947 aus dem Nachlaß des Dichters in die große Ausgabe seiner Gesammelten Werke geschlossen aufgenommen werden konnte, die der Berman-Fischer-Verlag Stockholm , herausgibt.
Die Entdeckung der Dichtung gewann dem Theater ein Werk von höchstem künstlerischen Rang und nunmehr auch erprobter Bühnenwirksamkeit. (Werk und Aufführung werden im einzelnen im Innern des Blattes gewürdigt.)
Der Gouverneur und der Platzkommandant von Konstanz sowie fast alle deut schen Repräsentanten des geistigen Lebens der Stadt waren anwesend. Viele maßgebliche Zeitungen, Nachrichtenbüros und Rundfunksender hatten ihre Leiter, Kritiker oder Berichterstatter zur Uraufführung nach Konstanz gesandt.
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SK. Dieser Theaterabend war nicht nur ein großes Bühnenereignis — mit ihm wurde zugleich die mutige kommunale Kulturpolitik einer kleinen Stadt sichtbar gerechtfertigt. Konstanz mit 40 000 Einwohnern hat nach seiner Größe so wenig natürlichen Anspruch auf ein Unterneh
men vom Range des „Deutschen Theaters” wie Salzburg bei doppelter Einwohnerzahl auf weltberühmte Festspiele oder Heidelberg auf den Glanz als Stadt mit dem bedeutendsten internationalen Fremdenstrom. Geltung muß erworben werden. Die unvergleichliche Schönheit Salzburgs wurde der Welt erst ein allgemeiner Begriff, als dort der große Regisseur Max Reinhard in jedem Jahr Theater von Weltrang vorführte. Heidelberg ohne die Atmosphäre des Geistes wäre eine verträumte Provinzstadt. Konstanz hat die außerordentliche Lage an dem internationalen See, den Oesterreich und die Schweiz und die drei deutschen Länder Baden, Württemberg und Bayern berühren, es
liegt kaum zwei Stunden von Zürich und fast am Fuße der Alpen , die sich für den Betrachter mächtig über dem Wasser erheben, und nah sind der prachtvolle Schwarzwald und das strahlende schwäbische Oberland. Aber die Anziehungskraft auch als Kulturmittelpunkt schafft erst die große Resonanz in der Welt, die eine Reiselandschaft braucht, um dauernd und gut zu bestehen.
Diese Resonanz hat Konstanz für sich und seinen Umkreis weiter durch die Verbindung mit Heinz Hilperts Deutschem Theater gesichert Das Fundament ist gelegt; die Aufmerksamkeit, die dieser Theaterabend schon im voraus fand, hat es aufs schönste bestätigt.
Uraufführung von Hugo von Hofmanns thals verschollen gewesenem Schauspiel ,Das Bergwerk zu Falun“ im Deutschen Theater in Konstanz : Szenenbild des 5. Aktes mit Margrit Ensinger und Friedrich Georg Richter (rechts) und Maria Rilz
Militärgouverneure zum Bonner Grundgesetz
Vorschläge zu Finanz- und Wahlgesetzgebung und zur Neuordnung der Länder
Bonn (P. L.-Eigenbericht). Als das wichtigste Ergebnis der fraktionellen und interfraktionellen Besprechungen sowie, der Beratungen im Aeltestenrat über das Memorandum der Gouverneure, das, wie schon gemeldet, zum Grundgesetz übergeben wurde, hat der Parlamentarische Rat bereits einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Memorandums das Plenum auf unbestimmte Zeit vertagt. Damit soll den Ausschüssen Gelegenheit gegeben werden, die Anregungen der Gouverneure zu prüfen und Möglichkeiten für einen Einbau der Empfehlungen in den bisherigen Grundgesetzentwurf au ermitteln.
In den Dokumenten wird festgestellt, daß das Grundgesetz in einer Reibe von Bestimmungen von den Grundsätzen abweiche, die in den Londoner Beschlüssen festgelegt worden seien. Insbesondere wird darauf hinge wiesen, daß die Zuständigkeiten der Bundesregierung, wie sie jetzt im Artikel 36 niedergelegt sind, nicht genügend klar definiert seien, um die Stellung der Länder in einem föderativen System angemessen zu wahren.
Besonders ausführlich befassen sich die Dokumente mit den Fragen der Finanzzuständigkeit des Bundes. Sie stellen fest, daß „die Länder ohne ausreichende unabhängige Einnahmequellen für die Erledigung ihrer Angelegenheiten belassen werden” und machen ins einzelne gehende Vorschläge für Abänderungen, die einem föderativen Sysytem entsprechen würden.
Finanzgesetzgebung
Nach diesen Vorschlägen soll der Bund die ausschließliche Gesetzgebung über Zölle und Finanzmonopole (Bundes- steuem) und die Vorranggesetzgebung über die Verbrauchs- und Verkehrssteuem mit Ausnahme der Steuern (Länder- steuem) mit örtlich bedingtem Wirkungsbereich, insbesondere der Grunderwerbs- steuer, der Wertzuwachssteuer und der Feuerschutzsteuer, ferner die Vorranggesetzgebung über die Steuern . vom Einkommen, Vermögen, Erbschaften (oder Schenkungen) und die Realsteuern mit Ausnahme der Festsetzung der Hebesätze erhallten. Der Bund darf die Varranggesetzgebung über gemeinsame Steuern nur insofern ausüfoen, wie er den Gesamtbetrag oder irgend einen Teilbetrag irgend einer gemeinsamen Steuer braucht, um seine Verpflichtungen zu erfüllen. Die Bundessteuem werden durch Bundesfl- nanzbehörden verwaltet. Die Einkommensteuern allerdings nur insoweit, wie sie für Bundeszwecke bestimmt sind. Der Aufbau der Bundesfinanzbehörden und der Finanzgerichte und das von ihnen an
zuwendende Verfahren werden durch Bundesgesetze geregelt. Die Leiter der Finanz- und Zollbehörden werden im Einvernehmen mit den Regierungen der beteiligten Länder ermannt. Die Landessteuern und gemeinsamen Steuern werden außer den in Art. 123 (1) erwähnten durch Landesfinanzbehörden verwaltet Die Erhebung der Realsteuern wird durch Landesgesetz geregelt.
Die Neuordnung der Länder
In der Frage der territorialen Umgliederung der Länder lenken die Militärgou- vemeure die Aufmerksamkeit auf die Ausführungen vor den Ministerpräsidenten am 20. Juli 1948, deren entscheidende Stellen folgendermaßen lauten: „Uns liegt daran, daß Sie verstehen, daß diese Frage der Ländergrenzen für uns von großer Bedeutung ist. Wir glauben, daß gegenwärtig der richtige Augenblick für ihre Behandlung ist und wir sind dazu bereit. Es würde für uns indessen viel schwieriger sein, uns später mit ihr zu befassen. Sie hat z. B. Rückwirkungen auf unsere eigenen Zonengrenzen. Wir glauben nicht, daß wir zu einem späteren Zeitpunkt vor dem Abschluß eines Friedensvertrages wieder zu einer Behandlung des Problems bereit sein würden. Ueberdies ist die Feststellung der Ländergrenzen wichtig in bezug auf die Verfassung selbst. Wir glauben, daß wir unseren Regierungen empfehlen sollten; daß die während der Abfassung dieser Verfassung anerkannten Grenzen wenigstens bis zur Unterzeich
nung eines Friedensvertrages ungeändert bleiben sollten.”
Schließlich wird in den Dokumenten darauf hingewiesen, daß die Militäxgou- vemeure die sorgende Teilnahme verstehen, die der Parlamentarische Rat für Berlin gezeigt hat. Dennoch müsse mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage der Teil des Art. 22, der sich auf Berlin bezieht, suspendiert werden. Nichtsdestoweniger würden keine Bedenken dagegen bestehen, daß die verantwortlichen Behörden in Berlin eine kleine Zahl von Vertretern dazu bestimmen, den Sitzungen des Parlamentarischen Rates beizuwohnen.
Das Wahlgesetz
Die Militärgouverneure sind zu dem Beschluß gekommen, daß das vom Parlamentarischen Rat entworfene Wiahlgesetz dem Grundgesetz nicht angeschlossen werden kann und die Bestimmungen des Art. 145 deshalb nicht angewendet werden können. Sie ziehen jedoch in Betracht, daß der Parlamentarische Rat die Anzahl der Volks- lagsabgeordneten und die Einweisung dieser Abgeordneten in jedes Land bestimmen soll. Sie schlagen deshalb vor den Ministerpräsidenten zu sagen, „daß sie geeignete Schritte unternehmen sollen, um die nötige Gesetzgebung in jedem Landtag vorzubereiten und daß sie berechtigt sind, den Waihlgesetzentwurf, der durch den Parlamentarischen Rat als Basis für die Vorbereitung eines Rahmengesetzes gemacht wurde, zu verwenden und den Landtagen der verschiedenen Länder zur Anwendung vorzulegen.
Neue Verzögerung bei der Verfassungsarbeit
Die Empfehlungen der Militärgouverneure sollen voraussichtlich in der übernächsten Woche im Hauptausschuß debattiert werden.
Bei der Mehrzahl der Abgeordneten werden die Empfehlungen jetzt nicht mehr unbedingt als ein Rückschlag betrachtet, jedoch als ein neuer Aufenthalt für die Verfassungsarbeiten empfunden. Prof. Carlo Schcmid nannte die Empfehlungen eine „Auf- krempehmg und Umkrempelung der Bonner Grundlagen", bezeiebnete sie aber nicht als katastrophal, sondern nur als unangenehm Dr. Adenauer übermittelte in einer Verlautbarung den Abgeordneten seine Auffassung, wonach das Memorandum den dringenden Wunsch beider Seiten nach einem Ausgleich der Meinungen erkennen lasse. Der Niedersachse Seebohm , der als Exponent des norddeutschen Föderalismus
im Parlamentarischen Rat angesehen wird, kritisierte die Empfehlungen mit der Bemerkung, sie riefen die Gefahr eines Dualismus zwischen Bund und Ländern hervor und führten zu einer Fora des Föderalismus, die in Deutschland noch nicht anerkannt und auch nicht erwünscht sei. Der sozialdemokratische Innenminister Dr. Menzel versicherte dem Korrespondenten des „Südkurier": „Die Tür ist offen geblieben." Er erblickt keine solche Schwierigkeiten, die eine Nlederlegung der Verfassungsarbeiten rechtfertigen. Als „vollkommen unmöglich“ bezeichnet« Dr. Menzel die Absicht der Gouverneure, das Wahlgesetz nur als eine unverbindliche Vorlage für die Länderregierungen zur Erlassung landeseigener Wahlgesetze zu betrachten. Falls der erste Deutsche Volkstag nach unterschiedlichen Länderwahlrecbten statt nach