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Seite 6 / Nr. 27

SÜDKURIER

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Samstag / Sonntag. 5.^6. März 1949

Italien gerät in den Treibsand

Dti Ko rrespondent der eoziaUetischen holländi- Müen Wodienzeituag „Viij Nederland" gibt fol­genden Bericht über die Ergebnisse des Marshell- planes in Italien : „Speziell für Italien besteht die Schwierigkeit, daß der Plan zu Ende gehen wird, ohne daß die große Masse unmittelbar irgend eine Verbesserung ihres Loses spürt. Wohl ist es für das italienische Volk wichtiger, wenn es im Jahre 1952 auf eigenen Beinen stehen kann, aber dieses ist kein Trost für die vielen Menschen, die sich in direkter Not befin­den. Der Marehallplan verfolgt dis Wiederher­stellung der zerschlagenen Wirtschaft Italiens , aber er hat dabei eine Anzahl von Faktoren zu berücksichtigen, die jeden Wiederaufbau hem­men. Da» ist vor allem die starke kommunistische Partei, die den Plan, ebenso wie jede andere amerikanische Hilfe ablehnt. Der zweite Faktor, der das Gelingen des Planes sehr problematisch macht, ist der, daß jeder wirkliche Wiederaufbau nur auf einer gesunden Basis zustande kommen kann. Und diese Basis ist in Italien äußerst wackelig und kann nicht stabiler gemacht werden, bevor nicht der Marshallplan sein endgültiges Ziel erreicht hat. In den meisten europäischen Ländern fehlt es an Arbeitskräften. Italien da­gegen weist 1 700 000 Arbeitslose auf. Der Mar- shallplan ist keinesfalls imstande, diese Ziffer in den folgenden Jahren zu senken. Im Gegen­teil, wenn cjie italienische Industrie auf eine rationelle Basis gebracht wird, dann wird die Arbeitslosen zahl noch um einige Hunderttausend steigen. Nun sieht der Marshallplan theoretisch die Emigration von 200 000 Italienern vor. Aber einmal bedeutet dies ein Tropfen auf einen hei­ßen Stein, und außerdem ist noch kein Land ge­funden worden, das diese 200 000 Italiener ent­nehmen will. Meistens 6ind es die Gewerkschaf­ten, die «Sch gegen eine Massenemigration von Italienern zur Wehr setzen, weil sie eine Sen­kung der Löhne befürchten. Die Kommunisten haben für all diese Schwierigkeiten ein Heil­mittel: Stärkung der wirtschaftlichen Verbindun­gen, mit Osteuropa . Aber die Statistiken bewei­sen, daß darin kein Heil Hegt. Vor dem Krieg betrug der Handelsaustausch mit Rußland einj schließlich der angrenzenden Länder 11 bis 12 /u von Italiens gesamtem Handel. Jetzt ist der Umfang auf 4,8% verringert,, und er soll auf 8% steigen, wenn der Handelsvertrag mit der Sowjetunion mit maximaler Kapazität abgeschlos­sen würde. Trotz einiger Verbesserungen, die der Marshallplan in Italien bewirkt hat, weist die Handelsbilanz 1948 noch ein Defizit von 600 Millionen Dollar auf, und ohne die Zufuhr von Rohstoffen auf der Marshallplanbasis wird die Einfuhr aus fremden Ländern nahezu unmöglich sein. Das Land geht noch einer schweren Zeit entgegen. Die Kommunisten bauen fest auf die Zukunft, und ihre Chancen können wohl einmal kommen."

Kleinigkeit mit Hintergrund

Die „Luzern « Neuesten Nachrichten" berichten: „Eine außenpolitische Kleinigkeit mit Hintergrund ist der gegenwärtige Konflikt der großen ita­lienischen mit der. kleinen Republik San Marino . Italien .hat auf seine Rechnung für San Marino da* Zollwesen übernommen und bezahlt hierfür an die Republik eine Entschädigung. Augenblick­lich schuldet, es dem MSniaturstaat 160 Millionen Iir«. Die Auszahlung dieser Summe ist dieser Tage duTch einen Beschluß der italienischen Abgeordnetenkammer einstweilen gesperrt wor­den, weil San Marino im Handels- und Wurt- echeftsabkommen aus dem Jahre 1939 gegenüber Italien , eingegangene Verpflichtungen nicht er­fülle. San Marino wäre es nämlich vertrags­gemäß untersagt, bestimmte Industrien auf «ei­nem Hoheitsgebiet zuzulassen, um mit gleich­artigen auf dem benachbarten italienischer, Boden nicht in Wettbewerb zu treten. San Marino , das rund 12 000 Einwohner zählt, duldet jedoch innerhalb seinen La miesgrenzen die Zentral- und Verwaltungssitze von über 80 italienischen In­dustrie- und Handelsunternehmen, die hier dem Zugriff des italienischen Fiskus entschlüpfen möchten. Die italienischen Linken sind entrüstet ob dieser über San Marino verhängten Geld- sperre. Die Regierung des Kleinstaates ist fast ausschließlich in den Händen der dortigen Kom­munisten und Linkssozialisten. In wenigen Wo­chen werden dort Wahlen stattfinden, und die Regierung braucht dazu die ihr von Italien ge­schuldeten 160 Millionen."

Italienische Modenamen

Ein neugieriges statistisches Büro hat festga- stefflt, daß seit dem 20. April 1944, als der italie­nische Kornmunistenführer Togliatti nach lang­jährigem Aufenthalt in Moskau «ein Heimat­land. .wieder betrat, insgesamt 2042 Kinder auf den Namen Palmiro getauft wurden. 247 Kinder nennen' sich Stalino und wurden zum größten Teil in der Emilia und der Romagna , der Hei­mat Mussolinis , von ihren Eltern mit diesen Modenamen aus der Taufe gehoben. Während der zwanzig .Jahre Faschismus in Italien hörten 2Q 570 Kinder auf den Namen Benito. W. A. H.

Aufblühende Weltstadt Mailand

Bigenberifc&t untiru Korrespondenten

Das „Elend kt Mailand“ beschäftigte un­längst eine in Wien erscheinende Illu­strierte von europäischem Ruf. Fünf Bilder zeigten bitterste Not: Straßensanger, ei­nen alten Mann, der aus auf der Straße aufgeklaubten Zigarettenkippen neuen Ta­bak herstellt, eine alte Frau vor einer Ba­racke, Arbeiter der Müllabfuhr und Frauen mit Kopftüchern, die irgendwelchen Abfall auf einer Straße auflasen. Im Test hieß es dazu: Mailand — eine früher reiche Stadt — sei durch die Schuld des Marshallplanes ins größte Elend geraten: „Zehntausende hausen in Barackenlagern“,' „abgerissene Kleidung“, ,,für niedrige Löhne Fronar­beit“, „Mit Gummiknüppeln gegen Strei­kende“, „Profite in die Taschen der Mono­polkapitalisten“, „Sinkende Produktion“, „Tausende Bettler in den Straßen“, „Keine demokratische Freiheit“ usw.

Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Ein Mailänder, der das Blatt in die Hand bekommt, kann nur den Kopf schütteln. Mit einem Schwung, der in der Nachkriegs­zeit nirgendwo seinesgleichen hat, erholte sich die im August 1945 vom Bombenkrieg hart geprüfte Graßstadt. Eine Bautätigkeit herrscht, daß alle Europäer in Mailand be­haupten, so etwas habe es nirgendwo in ihrem Lande gegeben. Als letztes großes Projekt ist zum Beispiel das 60 oder 70 m hohe Schweizerhaus zu nennen, das sämt­liche schweizerischen Dienststellen Mai­ lands vereinen und aus den alten Gutha­ben der Schweiz in Italien finanziert wer­den soll. Ganze Straßenzüfge oder Plätze — wie etwa San Babila im Zentrum — sind gegen früher überhaupt nicht wiederzuer­kennen, so hat sich ihr Aussehen verän­dert. Es wird allmählich schwierig, den Fremden überhaupt noch Bombenschäden zu zeigen, weshalb ein Pfiffikus neulich vorschlug, man solle wenigstens eine Ruine gewissermaßen als Mahnmal für spätere Geschlechter, als eine Alt Kriegsmuseum, übrig lassen. An den Kunstwerken der Stadt wird noch erheblich gearbeitet; aus falscher Bescheidenheit rühmen sich weder Stadt noch Staat oder Kirche ihrer stattli­chen Aufwendungen für die Kirchen, die Brera, die Ambrosiana , die Scala, das riesige, bombenzerwühlte Ospedale Mag­giore (das das Geschlecht der Sforza in der Renaissance als bemerkenswertes Denkmal der Btarmherzigkeit errichtete), für die ewig belebte große Galerie Vitt Emanuele mit ihren weiten zerstörten Glasdächern, die inzwischen ausgebessert wurden, für das Kastell, den Dom oder das noch übel aus­sehende Rathaus. Ein Gan|g durch die vor­nehmste Geschäftsstraße, die Via Monte Napoleone, wo die elegante Welt ihre Ein­käufe macht, wo man die neuesten Modelle von Christian Dior aus Paris im Schaufen­ster bewundern kann, zeigt das genaue Ge­genteil der IUuStrierten-Montage. Eine Wagenauffahrt zur Scala, die dort getrage­nen Modellkleider, lebende Blumen im Haar, die Erstaufführungen in den Thea­tern, etwa dem in Jahresfrist berühmt ge­wordenen „Piccolo Teatro“, oder die neuen Revuen im amerikanischen Stil oder das Konzertleben, — alles das läßt selbst ab­gebrühten Ausländern den Atem ver­schlagen.

Warenfülle ohnegleichen Doch ist das schließlich nur das Milieu einer gehobenen Schicht, deren provozie­rendes Auftreten oft die Grenzen des so­zialen Anstandes überschreitet. Zwei Ge­sellschaftsskandale, die in den letzten Wo­chen die Aufmachung der Presse wesentlich bestimmen, lassen bedenkliche Ausartungen gerade in der „creme“ erkennen. Doch auch die Frage, ob die breiten Schichten an dem neuen Wohlstand der aufblüheaden Welt­stadt Mailand teilhaben, kann durchweg bejaht werden. Wenn man kilometerweit neue Ladengeschäfte mit einer Warenfülle ohnegleichen findet, so muß doch wohl die

Bevölkerung dort auch kaufen. Und das Geschäftsleben Mailands vermehrt sich ständig um neue prunkvolle Auslagen und Magazine. Geschäftsleute, die aus Paris kommen, behaupten, daß sie sich erst in Mailand wieder richtig satt essen konnten. Gaststätten, Weinstuben, Konditoreien, Trattorien — alles gibt es in allen mögli­chen Verkleidungen und Formen; und der größte Teil der zwei Millionen Mailänder leistet sich dort alltäglich seinen Espresso, sein Glas Wein oder sein Stück Kuchen. Fast 100 Kinos und Theater — dauernd werden neue mit immer raffinierterer Aufmachung fertiggestellt — sind eigent­lich immer voll. Mailand gab bis zur letz­ten Strompreiserhöhung mehr für diese Vergnügen aus als für den Haushaltsstrom. Die Kleidung auch der einfachen Schichten ist betont gut. Selbstverständlich folgen alle Frauen und Mädchen zu jeder Jahres­zeit mit neuen Kleidungsstücken jedem Wink der Mode.

Wer verzehrt alle die Berge von Flüch­ten, Gemüsen, Käse und Fleischwaren auf den vielen öffentlichen Märkten und in den Tausenden von Geschäften. Wer kauft die vielen ausländischen Zigaretten, die vom italienischen Tabakmonopol heute noch geliefert werden? Wer kauft die Berge von Stoffen und Stapel elegantester Ge­brauchs- und Luxusschuihe? — Dis breiten Schichten haben ihren redlichen Anteil an dem Segen aus der auf vollen Touren laufenden italienischen Produktion, denn sie verfügen ja auch über mehr Realeinkommen als vor dem Kriege, was noch dadurch potenziert wird, daß durch den Mietstopp für einen sehr großen Teil der Aufwendungen für Miete geradezu lächerlich gering geblieben sind. Der Wohlstand könnte noch größer sein, weil aus lächerlichen syndikaWschen oder rein politischen Gründen vom Zaun

gebrochene Streiks die Produktion oft zum Stocken bringen. Das ist die Politik der Nadelstiche der extremen Linken, beson­ders in Sesto San Giovanni, das als Sitz der eigentlichen Schwerindustrie vor den Toren Mailands liegt und wegen seiner Aehnlichkeit mit der Wirtschaftsstruktur Stalingrads Sestograd genannt wird.

Freiheit der Meinungs­äußerung

Elend gibt es in jeder Großstadt, — es fra(gt sich nur, wieviel Prozent davon be­troffen werden. In Mailand herrscht bitter­ste Wohnungsnot, weil die neuen Wolken­kratzer entweder nur Geschäftsräume oder Luxuswohnungen enthalten. Uebel ist auch ein Teil des Mittelstandes dran, soweit er dem staatlichen Sektor angehört. Aber diese beiden Fragen — Wohnungen und Staatsentlöhnung — stehen eis dringlich­ste Punkte auf dem Regierungsprogramm and dürften in Kürze mit Mailänder Schwung in Angriff genommen werden. Wenn eine Krise der geistigen Sphäre herrscht, die sich etwa im Buchabsatz oder im Rückgang der Gemäldegalerien (40 per­manente Verkaufsausstellungen waren schließlich' auch ein bißchen zu viel) äußert, so liegt das an dem Geschmadcswandel der Neureichen.

Daß schließlich in Mailand die Arbeits­losigkeit, das Grundübel des übervölkerten Italiens , sich stärker bemerkbar macht, rührt einfach daher, daß alle strebsamen Kräfte des Landes hier zusammenströmen, um in dieser mächtig aufstrebenden Welt­stadt von zwei Millionen Einwohnern ihr Glück zu versuchen. Denn in Mailand pulst das Leben anders als im übrigen Italien . Es ist, als ob der Hauch des einstigen Berlins in die Büros, Werkstätten und Geschäfts­räume dieser größten Stadt Italiens , die zur Industriemonopole geworden ist, über­gegangen wäre. Harte Arbeit, kühne Pläne, ewiger Zeitmangel, Tempo, Sich-Auslehen j der Privatinitiative, erbitterter Wettbe­werb, — aber kein Monopolkapitalismus!

Rom in Erwartung des Heiligen Jahres

„Roman videre et mori!” In den ver­schiedensten Variationen und Deutungen hat dieser Spruch Jahrhunderte seine Gültigkeit behalten. Kunstliebhaber ha­ben sich ihn zu eigen gemacht, weil sie die Kunstschätze und historischen! Denk­mäler Roms anziehem. Globetrotter erin­nern sich an ihn, wenn sie mit einem Be­such der alten Römerstadt das Mosaik ihrer Reiserinnerungen vervollständigen. Reiche Leute sagen ihn her, denen die Geldbörse eine Italienreise als obligatori­sches Vergnügen vorschreibt. Im reinsten Sinne hat ihn noch die große Zahl derer erhalten, die als Christen! in frommer Ehrfurcht Rom als den Mittelpunkt ihrer Kirche aufsuchen.

So wird sich auch im ,.Heiligen Jahr”, das mit dem Weihnachtsfest 1949 beginnt, ein Pilgerstrom aus allen Teilen der Welt nach Rom ergießen, der die Menge der müßigen Besucher von mehreren Jahr­zehnten weit übertreffen wird. Man rech­net etwa mit 45 Millionen. In allen christ­lichen Ländern werden schon Vorberei­tungen getroffen, um alle Reisemöglich­keiten erschöpfen zu können. Schiffe, Ei­senbahnen und Flugzeuge werden gewal­tige Transportleistungen zu erfüllen ha­ben. Dabei muß der Fahrpreis niedrig ge­halten werden, damit auch weniger be­mittelte Pilger die Gelegenheit haben, die Wallfahrt zu unternehmen. Amerika , das mit seinen Plänen am kühnsten ist, will „fliegende Kirchen” bauen, die in un­unterbrochenem Einsatz die Pilger auf dem Luftwege von den USA nach Rom und zurück befördern sollen.

Die größste Last der Organisations­arbeit haben natürlich der Vatikan und die Stadtväter Roms zu tragen. Da Rom ohnehin schon übervölkert ist, — es hat heute 1,6 Mili. Einwohner, 40 # /o mehr als vor dem Kriege —, ist vor allem die Frage der Unterbringung der Besucher

zu lösen. Neben Privatquartieren, Hotels und Pensionen, die frei gemacht werden sollen, wird der noch nicht ganz voll­endete Bau der „Case del Pellegrino”, das Pilgerhaus, zur Verfügung stehen. Hier sollen in einem Saal, der über 3000 Men­schen faßt, auch zahlreiche Veranstaltun­gen im Rahmen des „Heiligen Jahres” stattfinden. Ebenfalls sollen der Palazzo Penitemzieri, der Kirohenbesitz ist und renoviert wird, und das amerikanische College in Rom , das zur Zeit umgebaut wird, als Pilgerhospiz dienen. Für alle Fälle werden noch die Bauten am Aus­stellungsgelände als Massenquartiere her­gerichtet. So hofft man doch, allen Not­wendigkeiten bei der Unterbringung der Pilger gerecht zu werden.

Es wird aller Ehrgeiz daran gesetzt, den Besuchern ein äußeres Bild von der „Heiligen Stadt” zu vermitteln, wie sie es erwarten. So soll vor allem der neue Ha-uptbahnhof vollendet werden. Die bei­den Seitenflügeln standen schon vor dem Kriege. Aber an den über 100 Meter lan­gen Hauptteil, der aus einer riesigen Halle mit hohen Glasfenstem und einer Säülenfassade als Vorderfront bestehen soll, gibt es noch viel zu bauen. Die Post eine Bank und Läden, die auch noch in der großen Halle untergebracht werden sollen, wären schnell eingerichtet. Frag­lich ist, ob auch das ehemalige italieni­sche Afrikaministerium als neues Post­gebäude zum Beginn des Heiligen Jahres fertig wird, j

Es steht außer Zweifel, daß das Heilige Jahr der katholischen Kirche willkom­mene Gelegenheit bietet, ihre Machtfülle vor der ganzen Welt zu demonstrieren und aus dem Treuebekenntnis von Mil­lionen katholischer Pilger Kraft für die künftigen schweren Auseinandersetzun­gen mit ihren. Gegnern zu gewinnen.

Heute schon trägt der Vatikan aia Me­tropole der katholischen Christen sehr starke internationale Züge. Diese Tat sache ist nicht zuletszt ein Verdienst von Papst Pius XII. Aus der Schule der vati­kanischen Diplomatie hervorgegangen, hat er Beziehungen zu Staatsmännern in der ganzen Welt angeknüpft, um mit dem versöhnenden Geist des christlichen Glau­bens auf die schwachen Stellen in deren politischen Konzeptionen einzuwirken. Nach diesen Gesichtspunkten wird das „Heilige Jahr” nicht nur eine Angelegen­heit der katholischen Kirche , sondern der gesamten zivilisierten Welt werden.

Großflugplatz unerwünscht

In großer Aufmachung bringt die italienisch) Presse eine Nachricht aus Washington , die emOn nicht geringen Schock für alle europäischen aaB interkontinentalen Fluglinien bedeutet, die gleich nach Kriegsende sich von dem Anschluß Italiens an das europäische Luftliniennetz zu Recht einen blühenden Transport- und Passagierverkehr ver­sprachen.

Es hat den Anschein, als ob dieser Einbau Italiens in die Luftlinien der Welt jetzt einen empfindlichen Rückschlag erleben würde. Der Flughafen von Ciampino bei Rom , dei in der Zeit nach dem Kriege der wichtigste de* Mittelmeer­gebietes geworden war, hat noch immer, gemes­sen an den großzügigen und modernen Anlagen in anderen Ländern, eine provisorische Ausstat­tung, die zum größten Teil aus der Vorkriegs­zeit stammt, während der Rest von den krieg­führenden Armeen angelegt wurde. Die Roll­bahn beispielsweise ist immer noch die verhält­nismäßig kurze, von den Amerikanern während des Krieges angelegte Metallpiste, und Militär­zelte ersetzen noch immer die von den alliier­ ten Bombern bis 1944 zerstörten Gebäude. Das größte Unheil für die Zukunft Ciampinos aber ist die Nähe des Monte Cavo — „hohler Berg" —, der den Flugverkehr stark behindert und einen Blindflug von oder nach Ciampino praktisch ver­bietet.

Das italienische Verkehrsmindsterium hat schon längst die Notwendigkeit erkannt, für die Zwel- miilionenstadt Rom einen größeren und nach jeder Richtung freien Flugplatz anzulegen. Seine Architekten dachten dabei an eine der ebenen Flächen, die sich an der römischen Küste zwi­schen Nettuno und Civitavecchia hinzdehen, aber es fehlte an Geldmitteln. Eine große amerika­ nische Gesellschaft hat sich unlängst bereit er­klärt, aus eigenen Mitteln 15 Milliarden LiTe zur Verfügung zu stellen, aber da legte sich dae amerikanische Staatsdepartement dazwischen und erklärte, in diesem Augenblick sei es nicht zweck­mäßig, bei Rom einen Flngplatz anzulegen, der auch von viermotorigen Bombern benutzt wer­den könne- Mit anderen Worten: Man ist in Washington anscheinend noch keineswegs sicher, daß bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mit dem Osten nach der augenblicklichen strate­gischen Konstellation ein Widerstand in den Alpen oder an der alten deutschen „Gotenlinie” , im Apennin mit umgekehrten Vorzeichen erfolg­reich oelelstet werden könne Es wurde nicht verfehlt, im Zusammenhang mit diesem abschlä­gigen Bescheid aus Washington mitzuteilen, daß große Luftstützpunkte au« Sardinien und in Apu­ lien , tief in Süditalien, für wesentlich vorteil­hafter gehalten würden. W. A. Hurtmanns

Rom heiratet fast nur kirchlich

Von den Trauungen des Jahre» 1948 in Rom sind acht Prozent ausschließlich vor dem Stan­desbeamten geschlossen worden, während alle übrigen Trauungen in der Kirche erfolgten. Diese Zahl klingt hoch, wenn man bedenkt, daß bis zum Kriege alle Ehen fast ausnahmslos in der Kirche erfolgten (was in Italien zugleich die Gültigkeit im zivilien S*ande».imt«register ein­schließt); «de klingt hingegen gering, wenn man bedenkt, daß 30 Prozent der römischen Wähler, sozialistisch oder kommunistisch gewählt haben (was nach den italienischen Theorien gleich­bedeutend mit Ablehnung der Kirche ist)

Ausländer wollen Italiener werden

Italien scheint in Europa als eine Art Dorado der individuellen und freiheitlich gesicherten Lebensform zu gelten; nicht weniger als 40 000 Anträge von in Italien wohnhaften Ausländem — meist aus westeuropäischen Ländern — auf Uebertragung der italienischen Staatsangehörig­keit liegen beim römischen Innenministerium vor. Infolge der durch die Verfassung vorge­schriebenen langwierigen bürokratischen Proze­dur und der Notwendigkeit mannigfacher Vor­aussetzungen — langjähriger Aufenthalt in Ita­ lien , erwünschte Verwandtschaft in Italien , ein­gehende Untersuchung der politischen Vergangen­heit usw. — haben jedoch nur die wenigsten dieser Anträge Aussicht auf Erfolg. W. A. H.

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