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Donnerstag, 26. Januar 1050

SÜDKURIER

Nr. 11 / Seite 2

Formosa für die Vereinigten Staaten, un­wichtig sei und daß daher irgendeine Un­terstützung Tsdiiang'kaisdieks nicht mehr in Betracht komme.

Was bedeutet dies alles mm für die Zu­kunft? Außenpolitisch betrachtet, wäre es falsch, von einem neuen „Appeasement “ der Amerikaner oder gar von einem fern­östlichen München zu sprechen. Der Ver­zicht auf Formosa ist ursprünglich nicht heute beschlossen worden, sondern späte­stens zur Zeit des Weißbuches, eigentlich schon ails Ergebnis der China -Reise Gene­ral Marshalls im Jahre 1946. Die Eroberung Chinas durch die Kommunisten konnten die USA nicht verhindern. Also war es richtig, darauf keine Kräfte mehr zu verschwen­

den. Wie die künftige Asienpoiitik der Amerikaner aussehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Der Widerstand gegen den Kommunismus kann aber jedenfalls erst an j Chinas Grenzen beginnen. Ob er beginnt und wie nachdrücklich er geführt wird, bleibt abzuwarten.

Innenpolitisch ist Acheson durch seinen Sieg zur beherrschenden. Gestalt im Kabi­nett geworden, falls er es nicht Schon vor­her war. Seine Gegner werden aber nicht ruhen. Und es ist vorläufig sehr wohl mög­lich, daß im Kampf um Acheson und seine Politik, der immer mehr zum Teil des Wahlkampfes werden dürfte, das Prinzip der „bi-partisan policy“ über Bord geht. Und das wäre für Europa ein Verlust.

Schumacher will Mitbestimmung der Arbeiter

Gegen Abwälzung der Steuerlast auf Lohn- und Gehaltsempfänger

HANNOVER . Der SPD -Vorsitzende Dr. Schumacher forderte auf einer Betriebs­versammlung in Hannover das volle so­ziale, personelle und wirtschaftliche Mit­bestimmungsrecht der deutschen Arbei­terschaft. Er warnte die Arbeitnehmer da­vor, sich allein auf das soziale Gebiet ab­drängen zu lassen.

Der SPD -Vorsitzende bezeichnete die Lösung des sozialen Problems als eine be­deutende nationalpolitische Aufgabe. „Ein Staat ist nur gründbar und erhaltbar durch die Idee und Praxis des gemein­samen Opfers. Es gilt, den Status der Sta­bilisierung der Sachwertbesitzer, die ohne Rücksicht auf die arbeitenden Massen er­folgte, zu brechen“. Die Politik der un­beschränkten Freiheit der Großverdiener und der Abwälzung der Lasten auf Lohn- und Gehaltsempfänger habe in Deutsch­ land die größten Klassenspannungen West­ europas hervorgebracht. „Wer aber Klas­senpolitik von oben macht, der treibt eine Politik, wie sie sich Sowjetrußland für seine Expansionspläne nicht besser wün­schen kann.“

Dr. Schumacher kritisierte die von der Bundesregierung vorbereitete Steuersen­kungen und rechne gleichzeitig jährlich mit einem Bundesdefizit von drei Milliar­den Mark. Mit einem Defizit sei aber eine positive Sozialpolitik nicht zu finanzieren.

Nicht nur durch die Begünstigung der großen Einkommen zur Kapitalbildung werde die Wirtschaft belebt, sondern nach allen ökonomischen Erfahrungen vor allem dann, wenn die Masse der kleinen Leute wieder sparen könne. Dr. Schumacher wie­derholte noch einmal die Forderung der SPD , alle lebenswichtigen Fragen recht­zeitig vom Parlament entscheiden zu lassen.

Gegen Aufhebung der Rationierung

LONDON . Der deutsche Gewerkschafts­vorsitzende, Dr. Hans Böckler , erklärte in einem Interview für den britischen „Daily Herald“, die organisierte deutsche Arbei­terschaft sei gegen die Herausnahme wich­tiger Lebensmittel aus der Rationierung und werde ihren Kampf gegen eine „freie Wirtschaft“ verstärken. Böcklers Interview ist eine Gegenerklärung zu der Behaup­tung, daß der deutsche Arbeiter die Frei­gabe der Lebensmittel begrüße. Böckler unterließ es nicht, auf den Rückgang eini­ger Preise dank der starken Importe hin­zuweisen. Er fügte jedoch hinzu: „Man darf aber auf keinen Fall vergessen, daß gewisse Interessentengruppen der Regie­rung in den Ohren liegen, die Einfuhren herabzusetzen und auf diese Weise das innere Preisgefüge zu halten."

Mehr Hoffnung für deutsche Jugend notwendig

McCloy : Für demokratische, aber gegen kommunistische Einheit

WASHINGTON . Der amerikanische Hohe Kommissar für Deutschland , John McCloy , der sich augenblicklich in den USA aufhält, bezeichnete nach seinem Be­such bei Präsident Truman in einer Rund­funkansprache als Ziel der amerikanischen Deutschlandpolitik die Einheit Deutsch­ lands auf demokratischer und föderativer Grundlage. Die USA würden aber alles tun, um eine Einigung Deutschlands unter kommunistischer oder sowjetischer Herr­schaft zu verhindern.

McCloy setzte sich für US -Hilfe bei der Lösung der kritischen sozialen und wirt­schaftlichen Probleme Deutschlands ein. Er sagte, der Emst dieser Probleme werde von dem Anstieg der Produktionsziffern nur verschleiert. Im Rahmen der europä­ ischen Politik müsse Deutschland notfalls selbst die ersten Schritte tun, um eine echte Partnerschaft Westeuropas herbeizu­führen. Innenpolitisch müßten die USA

WETTERVORHERSAGE des amtlichen Landeswetterdienstes

Flache Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeer und dem Raum Frankreich -Spanien können zeit­weilig etwas Einfluß auf unser Wetter gewin­nen. Aussichten bis Freitagabend: Noch Fort­dauer des Winterwetteis, aber leichte Mifldenung des Frostes, besonders auf den Bergen. Dabei zeitweise etwas mehr Bewölkung ohne nennens­werte Schneefälle.

Wintersport : Die Schnee- und WSntersiportver- hältnisse im Schwarzwald und im Allgäu sind unverändert gut.

100 DM ln Zürich: 25. 1. 84 sfr: 24. 1. 84 sfr.

sich hinter alle liberalen und fortschrittli­chen Maßnahmen stellen, um besonders der deutschen Jugend Hoffnungen auf die Zukunft zu geben.

Hoch-Kommissar McCloy wog die nega­tiven und positiven Seiten des deutschen Bildes gegeneinander ab, meinte aber, daß die positiven Kräfte stärker seien. Als po­sitive Faktoren nannte er das Bestehen einer freigewählten Regierung mit ihrem Parlament, die zwar nach den Hitlerj äh­ ren noch manches zu lernen habe, aber doch, einen demokratischen Kurs verfolge. Lobend erwähnte der Hohe Kommissar die wachsende Kraft der deutschen Presse, die wohl auch ihre Schwächen zeige, aber sich doch als erfolgreiche Einrichtung zur Bekämpfung politischer Mißstände erwie­sen habe. ,

Zu Pressevertretern äußerte McCloy , in der Saarfrage sollte seiner Ueberzeugung nach nichts unternommen werden, was die deutsch -französischen Beziehungen beein­trächtigen und die Aufnahme Deutsch­ lands in die westliche Völkergemeinschaft erschweren könnte. Er bemerkte, daß Bun­deskanzler Adenauer, wie er ihn kenne, aufrichtig bemüht 9ei, eine deutsch -fran­zösische Annäherung zustande zu bringen.

Gegenüber einer sowjetischen Drohung mit erneuter Blockade Berlins könnten 6ich die USA nicht nachgiebig verhalten. Die Amerikaner seien mit den Verhältnis­sen in Berlin engstens vertraut und stell­ten immer irgendwie die Möglichkeit in Rechnung, notfalls die Luftbrücke wieder | einzurichten.

Deutsch -französische Aussprache

Gouverneur Pene empfing südbadische Journalisten

FREIBURG . (W-S.-Eigenbericht). Der französische Landeskommissar in Baden , Gouverneur Pene, sagte auf einem Jour­nalistenempfang auf Schloß Umkirch bei Freiburg , bei der RüdosiedLumg der deut­ schen Bevölkerung nach Kehi werde man auch weiterhin mit allen Mitteln versu­chen, die im Washintoner Abkommen fest­gesetzten Fristen einzuhalten. Man hoffe, daß bis zum Juni dieses Jahres 800 Woh­nungen frei sein werden. Natürlich werde diese Rücksiedlung bedingt durch Zollfra­gen und Fragen des Wiederaufbaues in Straßburg , ’ auf andauernde Schwierig­keiten stoßen. Er könne jedoch mitteilen, daß die Französische Nationalversammlung drei Milliarden Francs für den Wiederauf­bau von Wohnungen der augenblicklich in Kehl ‘lebenden Straßburger zur Verfügung gestellt habe. Auch die Frage des Kehler Rheinhafens wird nach dem Washingtoner Abkommen gelöst werden. Gegenwärtig werde an Statuten für die zu gründende gemischte deutsch -französische Rheinha- fen-Geselischaft gearbeitet. — Im weitem ren Verlauf der angeregten Aussprache

nahm Gouverneur Pene zu Fragen der französischen Politik in Baden Stellung. U. a. sagte er, es sei in absehbarer Zeit damit zu rechnen, daß die Ausreise ins Aus­land und des Kleinen Grenzverkehrs zwi- scheil Baden und dem Elsaß in Kürze wei­tere Erleichterungen erfahren werde. Die Verminderung des französischen Verwal­tungsapparates schreite nach dem Inkraft­treten des Bqsatzungsstatutes weiter fort. In der Zeit vom 1. 1. 1949 bis zum 1. 1. 1950 habe sich das französische Personal in Baden bereits um 50 Prozent vermindert.

Zu den Besatzungskosten sagte der Gouverneur auf die Frage eines Journa­listen, die französische Landeskommission betrachte nach wie vor ihre Forderungen als zu Recht bestehend. Die Frage, ob die badische Regierung die bisher üblichen Pauschalbeträge von sich aus herabsetzen könne, wie sie dies seit 31. Oktober getan habe, müsse zwischen dem Bundesfinana- ministerium und dem Badisdien Finanz­ministerium geregelt werden. Jedenfalls hafte der badische Staat der Besatzungs­macht gegenüber für diese Fehlsumme.

Sabotage in Frankreich

PARIS . In Sevres , dem Verladebahnhof der Renault -Werke, wurde für Indochina bestimmtes Nachrichtengerät, das bereits verladen war, von einem kommunistischem! Stoßtrupp zerstört. Der „Figaro“ behaup­tet, es habe sich, um Werkfremde gehan­delt. Das ganze sei ein Dolchstoß in den Rücken der in Indochina kämpfenden französischen Soldaten.

Die Kommunisten wollen jetzt durch Kundgebungen in ganz Frankreich gegen die Fortsetzung des Indochina -Krieges protestieren. Die Arbeiter der Farma- Werke in Marseiile weigern sich, der „Hu- manite“ zufolge, eine Sendung von Last­kraftwagen fertigzustellen, die nach Indo- chdma gehen soll.

Pariser Metro um 40 Prozent teurer

PARIS . Am Mittwoch beschäftigte die Pariser im wesentlichen nur die eine Nach­richt, daß die so hart umkämpfte erneute Erhöhung der Fahrpreise auf Metro und Autobus doch Wirklichkeit wird. Vom 30. Januar an werden die Fahrpreise zur Dek- kumg des bestehenden Fehlbetrages um. 40 Prozent erhöht. Von der Pariser Verkehrs­direktion wird zugleich darauf hingewie­sen, daß es nicht nur gelte, die Fehlbe­träge zu decken, es müßten ebenfalls we­sentliche Erneuerungen vor genommen werden, d : e nicht durch Anleihen finan­ziert werden könnten.

Nachtlokale mit Wein beliefert

STUTTGART . (Eig. Bericht.) Im Unter­suchungsausschuß des Württemberg-Badi­schen Landtages, der die Unregelmäßigkeit im Württemberg-Badischen Landes-Wirt- sdiaftsministerium eus der Zeit der Bewirt­schaftung behandelt, wurde festgestellt, daß in den Jahren 1945—1947 in der Wein­abteilung des Ministeriums erhebliche Mengen an Wein und Spirituosen verscho­ben wurden. Im Laufe der Verhandlung steEte sich heraus, daß der erste Leiter der Weinabteiiung, Etheimer, 1945—1946 für mehrere Nachtlokale große Mengen an Wein und Spirituosen nur auf seiner Visitenkarte angewiesen hat. Einer Firma habe Etheimer 5800 Flaschen Wein aus- liefem lassen, ohne daß diese im Ministe­rium verbucht worden wären. Bei der Aus­gabe von Wein seien vor all-m Stuttgar­ ter Nachtlokale in erheblichem Maße be­vorzugt worden.

Geständnis im Stuttgarter Skandal

STUTTGART . Wie bereits berichtet, hat der ehemalige Chefankläger der Zentral­spruchkammer Ludwigsburg , May, wäh­rend seiner Amtszeit von früheren Pgs rund 40 000 D-Mark Bestechungsgelder er­halten. Inzwischen hat er enriärt, daß er erst oberflädüich geworden sei, als er von „oben“ Weisung erhalten habe, die Entna­zifizierung möglichst rasch zu beenden, da der Landtag in Zukunft keine weiteren Mittel mehr bewilligen werde.

Unsere Leser meinen:

Entzauberung der Medizin

Mit Recht wird zur Zeit ein gesetzlicher Schutz der Jugend gegen die moralische Verseuchung durch Schmutz und Schund in Magazinen und Illustrierten verlangt. In diesem Zusammenhang darf aber auf eine andere Gefahr hingewiesen werden, die diese meist nur auf Sensation und Nerven­kitzel abgestellten PubEkationen mit sich bringen. Es sind dies die immer mehr überhand nehmenden Artikel über medizi­nische Themen. Einige Beispiele:

Ein besonders beliebtes Thema scheint in letzter Zeit die sogenannte Leukotomie zu sein, jener chirurgische Eingriff, durch den angeblich gewisse Geisteskrankheiten „ge­heilt“ werden können. In einigen Zeit­schriften wurden sogar Abbildungen ge­bracht, die den operativen Vorgang in allen Phasen deutlich darstellen.

Zahlreich sind die Abhandlungen über Krebs und Tuberkulose, durch die bei den Kranken und ihren Angehörigen Hoffnun­gen geweckt werden, die sich vorläufig nicht erfüllen können und die sie oft nur von dem abhalten, was nach dem heutigen Stand der Wissenschaft zu tun möglich und notwendig ist. Aehnlich verhält es tich mit den zahlreichen populären Dar­stellungen anderer Krankheiten, mit den Anpreisungen angeblich wirkungsvoller Heilverfahren und neuer Heilmittel, die klinisch noch gar nicht erprobt oder in ihrer Anwendung auf ganz bestimmte Krankheitsbilder beschränkt sind. Die Folge davon ist, daß viele Kranke mit einer fer­tigen „Diagnose“ zum Arzt kommen und oft eigene Therapievorschläge mitbringen, ganz abgesehen davon, daß durch die Lek­türe solcher Schriften bestimmte Knankr heitsvorstellungen geweckt werden, die sachlich jeder Grundlage entbehren. In vielen Fällen ist es dann schwer, dem wirk­lich oder eingebildet Kranken seinen Un­sinn auszureden. '

Wo es sich um Fragen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge handelt oder wo Auf­klärung im Interesse der Volksgesundheit nötig ist, bemühen sich die staatlichen Ge­sundheitsämter um die Vermittlung der nötigen Kenntnisse. Jeder Versuch aber, durch populäre Darstellungen das Wissen um die Krankheit zu fördern und die Medi­zin und die ärzaliche Kunst des geheimnis­vollen Zaubers, mit dem sie dem Laien um­geben erscheint, zu entkleiden, führt letz­ten Endes zu verhängnisvollen Mißver­ständnissen und Irrtümern, deren Opfer der leidende Mensch selbst ist. Hier hätte die Presse wirklich Gelegenheit, aufklärend zu wirken. Dr. Th. K.

Der Blickpunkt

Ueber die Rede, welche Bundesjustiz- minister Dehler am Sonntag in Ham­ burg gehalten hat, wird hoffentlich bald Gras wachsen. Die Rede ist vermutlich weder so harmlos gewesen, wie ihr Ur­heber es nachträglich darstellen möchte, noch so bedenklich, wie der protestie­rende Hohe Kommissar sie gefunden hat. Eines -aber ist die Rede ganz be­stimmt gewesen: außenpolitisch unklug. Sie hat nicht wesentlich dazu beigetra­gen, die Stellung der Bundesregierung in der Saarfrage, die im wesentlichen unangreifbar war, zu verschlimmern. Denn jetzt konnten die Gegner der deutschen Auffassung von der Saarfrage sehr einfach sagen: da sieht man es also, es geht den Deutschen gar nicht um die Saar , es geht ihnen einfach um die erneute Durchsetzung ihrer natio­nalen Vorurteile und Gelüste. Aus die­sem Grunde wäre die Rede besser un­terblieben. Aber damit ist die Angele­genheit noch nicht erledigt. Sie lehrt

nämlich eindeutig, daß nun endlich etwas geschehen muß, um eine einheit­liche Leitung aller außenpolitischen Erklärungen amtlicher oder halbamt­licher Stellen der Bundesrepublik zu gewährleisten. Wir brauchen eine Be­hörde, die hauptamtlich damit beschäf­tigt ist, außenpolitische Dinge zu behan­deln. ZurZeit ist uns ein Außenminister auf Grund des Besatzungsstatuts noch versagt. Dann muß man eben ein Staatssekretariat oder sonst etwas schaf­fen. Wo ein Wille ist, wird sich auch ein Weg finden lassen. Nur geht es nicht mehr an, daß der Bundeskanz­ler zu allen seinen sonstigen Pflichten auch noch die detaillierten Verhandlun­gen außenpolitischer Probleme über­nimmt, oder daß, was noch verhängnit­voller ist, jeder Bundesminister nach eigenem Ermessen über außenpolitische Dinge redet. Der Hamburger Vorfall sollte in dieser Hinsicht als letzte War­nung dienen; dann hätte er am Ende noch einen guten Sinn gehabt.

Württembergische Entnazifizierung

(Zeichnung: „Die Welt “)

SÜDKURIER Chefredaktion

: Dr. Otto Häcker. Politik: Konrad Gunfit. Nachrichtendienst: Graf Ludwig Douglas . Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß Feuilleton! Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Bede. Friedrich Mundmg, Herbert Steinert. Sport: i. V. Willy Häusler. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz , Marktstätte 4. Drude: Druckerei Konstanz.

Beiträge mit Verfassernamen stellen nicht un­bedingt die Meinung des SÜDKURIER dar.

„Faust I " in Singen

Mit Paul Hartmann , Antje Weißgerber und Heinrich Fürst

Ein Gastspielensemble mdt Hauptdarstel­lern aus der Faust-Inszenierung von Gu­ stav Gründgens im Düsseldorfer Schau­spielhaus brachte in der Kunsthalle Singen eine Aufführung von Goethes „Faust, der Tragödie L Teil“. Die Singener Theater­gemeinde hat es fertiggebracht, das Abon­nement ihrer Veranstaltungen auszuver­kaufen. Für das Gastspiel der Düsseldorfer wurde ein Zuschlag zu den vorausbezahl­ten Platzgebühren erhoben. Trotzdem wurden kaum Plätze zurückgegeben. Hun­derte von Bestellungen auf etwa noch freie Plätze konnten nur zu einem geringen Prozentsatz berücksichtigt werden; Einen nachdrücklicheren Beweis für die Un - sinnigkeit des Bildungsphilistergeschwätzes, daß ernstes Theater heute nun einmal nicht genügend Interesse finde, kann man sich nicht wünschen.

Für ihre Gastspielreise haben die Düs­ seldorfer Schauspieler eine radikal ge­kürzte Fassung des Werkes hergestellt, die eine Aufführung von dreistündiger Dauer und auf behelfsmäßigen Bühnen mit nur andeutenden Bühnenbildern einfachster Art gestattet So Osterspaziergang: einige Biikenstämmchen, wie man sie zu Pfing­sten an die Haustüren stellt, und ein kleines Aussichtsplatzbänkchen vor blau­grauen Vorhängen — das ist alles. Ein wenig anders beleuchtet wird daraus Marte Schwertleilns Garten. Daß die Wal­purgisnacht fehlt, ist fast selbstverständ­lich, ebenso die Bauernszenen im Oster­spaziergang; von diesem werden fast nur ehe Stellen gesprochen, die das Auftreten Mephistos vorbereiten. So ziehen sich wie Rösselsprünge einschneidende Streichun­gen durch fast alle Szenen. Klar und scharf wird der Teufelspakt und die Gret- chentragödie gebracht: ein Mensch in Ver­suchung, ein Mensch in Not, steht Faust auf der Bühne, im Kampf mit dem Geist

der Verneinung und — erliegend in diesem Kampf. Die Urschuld: das Nachgeben gegenüber der Versuchung, -zieht den schuldlosen Menschen, Greichen, mit in den Abgrund der Verneinung. Nicht Faust kann sie retten, nur, wie später ihn selbst, der HimmeL

Paul Hartmann , der schon in der berühmt gewordenen Berliner Gründgens - Inszenierung beider Teile der Tragödie die Titelrolle spielte, spricht auch hier den Part des Faust. Es ist merkwürdig: er wirkt lebendiger in der Studierstube als nach der Verjüngungskur bei der Hexe. Er spielt den verjüngten Lebensgierigen wie benommen, wie in einem schweren Traum, als einen Menschen, der eigentlich gamicht an all seinem Tun beteiligt ist, der nicht „bei sich“ ist, überschattet in seiner nur scheinbaren Frische von inne­rer Müdigkeit, trostloser Verzweiflung und Einsamkeit. Zwischen ihm und dem kal­ten Intellekt des Bösen gibt es keine Ge­meinschaft. Beladen mit Haß schwingen die Sätze zwischen diesem Faust und sei­nem Begleiter. Ein Florettgefecht des Wortes, aber mit vergifteten Klingen. „Mephistopheles “, in der Darstellung Hein­rich Fürsts, wirkte dementsprechend rein als Verkörperung des Engel-Rebellen, der in der Tiefe seiner Verbannung aus dem Reiche des Lichts keinen Augenblick dieses verlorene Reich vergißt, das er haßt mit der Kraft des Abtrünnigen. Immer wieder wendet er sich, wo nur ein Wort die Möglichkeit dazu gibt, mit einer Ge­bärde des Trotzes und der Wut nach „oben“, bebend von Haßliebe, Auflehnung und Furcht. Gretchen, das reine Kind zwischen diesen Polen menschlicher Mög­lichkeiten, war Antje Weiß gerb er. Ein zartes, feingeschnittenes, ins Leben stau­nendes Gesicht; ganz Ausdruck tiefer, mädchenhafter Empfindung in jedem Wort,

jeder Geste und Gebärde; erschütternd in der Kerkerszene, auf deren zerreißende Spannung hin ihre Darstellung vom ersten Auftritt an angelegt schien. Hier erreichte die Aufführung ihr Ziel in vollkommener Reinheit: die innere Notwendigkeit des erlösenden Rufes „van oben“ gegen die Verneinung aus der untersten Tiefe.

In der Reihe der Mitwirkenden, deren Zusammenspiel mit den Hauptdarstellern in Sprachzucht und Gemessenheit des mimischen Ausdrucks schönen Ensemble- geist bezeugte, seien noch der vortreffliche „Wagner“ (Arnold VoC), der „Valentin“ (Karl-Heinz Uhlendahl) und die Marte (Magdalene Deus) hervorgehoben. Das Pu­blikum ging in atemloser Teilnahme bis zum Ende mit und brachte den Gästen nach dem Schlußvorhang Ovationen des Dankes. L- E. ReindL

Nächtliche Begegung

Wien liegt, auf der Landkarte gesehen, recht weit östlich. Man kann dort nicht nur „den Kreml mit dem bloßen Auge sehen“, sondern auch uniformierten Rus­sen zu jeder Tages- und Nachtstunde auf der Straße begegnen. Das hat gelegentlich ernste, häufiger aber auch heitere Folgen, wie ein kleines Geschichtchen beweist, das in Wien ais wahr erzählt wird: Berthold Viertel , der bedeutende Regisseur (.der eben wieder mit einer Inszenierung der Strindbergschen „Kronbraut“ im Burg­theater Aufsehen machte), nennt einen eindrucksvollen, weißhaarigen Künstler- kopf sein eigen. Eines nachts kommt er — sehr spät — von Freunden nach Hause. Er geht, barhaupt, durch die verödet da­liegende Innenstadt. Plötzlich schwere Schritte. Ihm entgegen ein martialisch aussehender russischer Soldat, die Pusch- ka (Maschinenpistole) umgehängt, aber mit ein klein wenig „Schlagseite“, fröhli­che Lieder singend. Kein Platz mehr zum Ausbiegen ... Der Zivilist drückt sich an die Hauswand, der Kriegerische schwenkt

ab, direkt auf ihn zu... haarscharf vor ihm bleibt er stehen. Er sieht mit kleinen, leuchtenden Augen das imposante Haupt und spricht, fragend und bewundernd zu­gleich, die lapidaren Worte: „Du Mo­ zart ?!“

Und er geht, respektvoll grüßend, weiter.

KULTUR NACHRICHTEN

THEATER UND FILM

Heinz Rühmann wird sich im März zu einem längeren Gastspiel nach Wien , begeben, wo er im Renaissancetheater mit seinem Erfolgsstück „Der Mustergatte" ga­stieren wird. Seine Partnerin wird cie Wiener Schauspielerin Nina Sandt sein, mit der er auch in München zur Zeit zu sehen ist.

Prof. Dr. Saladin Schmitt, der Präsident der deutschen Shakespeare-Ge­sellschaft, überreichte dem Schauspieler und Ehrenmitglied der Shakespeare-Ge­ sellschaft , Prof. Albert Bassermann , bei einem Gastspielabend in Oberhausen eine Ehrengabe.

„Hoffmanns Erzählungen “, von Jacques Offenbach , soll ais zweite Fiim- aper der DEFA herauskoaiunen. Die Re­gie führt der Regisseur von „Figaros Hoch­zeit“, Georg Wildhagen .

BILDENDE KUNST

Albrecht Dürers Gemälde „Das Rosenkranzfest ”, das bisher im Kloster Strahow hing, ist jetzt in die tschechoslowakische Nationalgalerie in Prag gebracht worden.

Albert Schweitzer hat der staat­lichen Kunsthalle in Karlsruhe als Erin­nerung an seine Freundschaft mit Hans Thoma und Hans Adolf Bühler sein von Biihler geschaffenes Porträt geschenkt

Eine Ausstellung deutscher Malerei des 14. und 15. Jahrhun­derts in Paris wird die schönsten mittel­alterlichen Bildwerke aus dem Bestand des Landesmuseums Hannover zeigen.

UNIVERSITÄTEN

Die „Gesellschaft der Freun­de des Leibniz-Kolleg“ konsti­tuierte sich in Tübingen , Die Gesellschaft vereint Vertreter der Wissenschaft, der Wirtschaft und des öffentlichen Leben« durch da.» gemeinsame Intelfcsse an einer Hochschulreform. Zu den Gründern der Gesellschaft gehören unter anderen Bun­despräsident Prof. Dr. Theodor Heuß, Prof. Dr. Carlo Schmidt, Prof. Dr. Bute- nandt und Prof. Dr. von Weizsäcker.

MUSIK

Prof. Robert Heger ist als Präsi­dent der staatlichen Hochschule für Mu­sik nach München berufen worden. Heger, der bisher in Berlin wirkte, wird diesen Posten als Nachfolger von Prof. Haas an- ireten. Daneben wird Prof. Heger von September an als erster Kapellmeister an der Bayerischen Staatsoper tätig »eine

Hans Schmidt-Isserstedt , der Leiter des Sinfonie-Orchesters des Nord­westdeutschen Rundfunks, dirigierte mit großem Erfolg in Madrid die 2. Sinfonie von Brahms . Schmidt-Isserstedt , der als erster deutscher Gastdirigent nach dem Kriege in Spanien auftrat, sprach sich sehr anerkennend über das spanische National­orchester aus, mit dem er ein zweite« Konzert gibt, das Mozart, Brahms und Tschaikowsky gewidmet ist.

Dag Südwestfunk-Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Hans Rosbaud brachte die Uraufführung eines Violinkonzertes von Jean Rivier mit dem Solisten Henry Mercker, Paris . Im gleichen Konzert gelangte die sinfonische Tondichtung des 1944 in Italien gefallenen Komponisten Edmund von Borck zur Auf­führung.

Die Wiener Sängerin Elisabeth Schwartzkopf erntete ala „Madame Butterfly ” in der Aufführung der gleich­namigen' Puccini-Oper in der Londoner Covent Garden Opera stürmischen Applaus.