Samstag, 14. Oktober 1950

SÜDKURIER

Nr. 125 / Seite 3

Alster grnfit den Bodensee

Aufräumung und Wiederaufbau in Hamburg

Sonderbericht für den .Südkurier“

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Der „Südkurier" hat einen Konstanzer Mit­arbeiter auf eine Reportage-Reise entsandt nLt dem Auftrag, sozusagen fr das übrige Deutschland ” in der Vielfalt einer bewegten Alltagsschau für die Leser am Bodensee und Sdiwarzwald zu entdecken; nachfolgend der erste Reisebericht.

Hamburg , Anfang Oktober 1950 Dreimal besuchte ich in den letzten Jah­ren Hamburg ; 1943 — 1945 — und nun­mehr 1950.

1943 trug midi das Fahrrad durch das brennende Hamburg , vorbei an haushohen Bombentrichtern und feuerspeienden Ge­treidespeichern. Eine Woche lang warfen Bomber die todbringende Last auf die Stadt, gossen sie Phosphor auf Frauen und Kinder. Jeden Morgen begannen sie ihr grausiges Handwerk da, wo sie am Abend zuvor aufgehört hatten. Die An­griffe galten in erster Linie den Wohn­vierteln. Stadtteile wie Barmbeck , Ro­ thenburgsort und Wandsbeck mit Hun­derttausenden von Bewohnern wurden binnen einer knappen Woche buchstäblich ausradiert. Uebrig blieben kaum ein paar Dutzend Häuser.

1945 fuhr ich abermals nach Hamburg . Diesmal ging es per „Anhalter“. Eine Woche dauerte die Reise vom Bodensee zur Alster . Deutschland glich in jenem Sommer einem riesigen Heerlager. Flücht­linge, heimwärtskehrende Landser und fremde Soldaten überschwemmten die Landstraßen. Hamburg zog Bilanz. Von 563 000 Wohnungen waren rund 300 000 völlig vernichtet oder unbewohnbar. Die durch die Luftangriffe entstandenen Schä­den wurden auf 21 Milliarden beziffert. 43 Millionen cbm Schutt warteten auf Be­seitigung, wofür allein ein Kostenaufwand von über einer halben Milliarde errechnet wurde. Das Herz von Hamburg , der Ha­fen, war zu 90°/o zerstört. Das gewaltige Hafenareal hatte sich durch die Vernich­tung von ^2900 Ozeandampfern, Küeten- achiffen, Schleppern, Leichtern und Schu­ten in den größten Schiffsfriedhof aller Zeiten verwandelt. Was durch ein Wunder übriggeblieben war, wurde abtranspor­tiert, demontiert oder in die Luft ge­sprengt. 60 000 Hamburger lagen unter den Trümmern, ebensoviel waren mehr oder minder verletzt. Die Einwohnerzahl war von 1,7 Millionen auf 800 000 gesunken.

Und nun schreiben wir 1950. Der Schlaf­wagen aus dem Süden hat mich in einer Nacht nach Hamburg gebracht. Vor mir liegt im Glanz der Morgensonne die Hauptader von Hamburg , die Mönche­

bergstraße. Ist es Sinnestäuschung oder ein Spuk? Zu beiden Seiten der Straße iaden herrlich dekorierte Schaufenster zum Kauf, ein. Das gleiche Bild am Jung­ fernstieg und rund um die Alster. Die City ist wieder vollkommen intakt, nur we­nige Spuren deuten auf die zurückliegende Zeit. Aber das Bild ändert sich, sobald man in die Wohnbezirke fährt. Wo einst

blühende Wohnkolonien standen — Ham­ burg war hier allen Städten immer weit voraus — sind heute kilometerweite Kahl­flächen. Die Schuttabräumung hat schon große Fortschritte gemacht. Dann aber schießen plötzlich neue, riesige Wohn­blocks in die Höhe, größer, stabiler und zweckmäßiger denn je. Hier ein Wohn­block mit 100 Wohnungen, dort einer mit bOO und schließlich die neuen wolken­kratzerartigen Gebäude am Grindel mit über tausend Familien. Bis Ende des Jah­res werden etwa 50 000 Wohnungen fertig sein, wovon allein in diesem Jahre etwa die Hälfte gebaut werden. 40°/o der zer­stört gewesenen Hafenschuppen, 57% der Hafengeleise, 51°/o der Landungsanlagen und 37% der Brücken sind bereits wie­der hergestellt. Im Haushaltplan der Hansestadt stehen für Förderung des Wohnungsbaues 75 Millionen, für die Trümmerbeseitigung 9 Millionen und für- den Hafen und die Schiffahrt 110 000 Mil­lionen. Die gleiche Summe ist für Erzie­hung, Wissenschaft und Kunst vorgesehen.

Verantwortlich für diese Leistung ist der starke Wille der Hanseaten. Einmütig werden auch von den gegnerischen Par­teien die Erfolge des SPD -Bürgermeisters und Senatspräsidenten Max Brauer aner­kannt. Die SPD , die in Hamburg die ab­solute Mehrheit besitzt und allein regiert, hat nicht nur im Bauwesen und in der Ankurbelung der Wirtschaft erfreuliche Initiative entwickelt, sondern auch in so­zialer Hinsicht und im Schulwesen neue Wege beschritten. So wurde an Stelle der vierjährigen die sechsjährige Grundschul­pflicht eingeführt. Theater und Musik er­halten einen Zuschuß von etwa 5,5 Millio­nen DiM in diesem Jahre.

In diesen Wochen .ist eine Entscheidung gefallen, die, wie kaum eine andere, die große Hansestadt nach dem Kriege auf­gewühlt hat. Es dürfen wieder Schiffe ge­baut werden. Zwar nur für den Export, aber die Helgen füllen sich wieder mi| Leben, Tausende von Arbeitern und An­gestellten kommen wieder direkt und in­direkt in Arbeit. Bereits liegen viele An­fragen aus dem Ausuand vor und man schätzt, daß die Werften schon jetzt für zwei Jahre Beschäftigung haben. Ueberall regen sich die Hände, um die im und nach dem Kriege vorgenömmenen Zerstörungen wieder auszumerzen und dadurch die Ka­pazität im Schiffsbau zu erweitern. Man ist allerdings nunmehr in Sorge, ob die westdeutsche Stahlindustrie bereit und in

der Lage ist, die Werften mit dem not­wendigen Material zu versorgen, da ja auch dort erhöhte Exportaufträge anlau- fen.

Nur ein Wirtschaftszweig, der einst einer der wichtigsten war, liegt fast noch vollkommen brach. Die großen Schiff­fahrtslinien, die früher Hamburgs Namen in die ganze Welt trugen und berühmt

machten, und die einem großen Teil der Hamburger Beschäftigung gaben, stehen r.ur noch auf dem Papier: In den großen Verwaltungsgebäuden der Hapag, der Orient-, Afrika - und Südseelinien sind zum Teil englische oder deutsche Dienst­stellen bzw. private Firmen untergebracht. Die alten Geschlechter der Sloman, Go- deffroy, Woermann usw. warten bis heute vergeblich, daß man ihnen wieder Schiffe und Meere zum weltumspannenden Han­del freigibt.

So zeichnen Fortschritt und unfreiwil­liger Stillstand das Gesicht des heutigen Hamburg , Alle die genannten Sorgen und Aufgaben werden früher oder später überwunden werden. Was immer aber auch unternommen werden mag, die alte Wirtschaftskraft von Hamburg wird nicht mehr kommen, solange Deutschland in zwei Teile gespalten ist. Vor den Toren

Kiel , iim Oktober 1950.

Alles ist versunken. Die dicken Dread­noughts dar ersten deutschen Hochseeflotte ebenso wie die schlanken Kreuzer und Zerstörer der republikanischen Zeit. Ver­schwunden auch der Schwarm der U- Boote, mit denen Hitler noch einmal den Versuch unternahm, Deutschland zur Welt­macht zu erheben und als Weltmacht zu behaupten. Verschwunden sind die stolzen Werften, deren lärmendes, glutendes Schaffen den Reisenden bei Tag und Nacht begrüßte, wenn, er aus darh Portal des Hauptbahnhofes trat

Geblieben ist ein gewaltiger Trümmer­haufen, aus dem ein paar Stahlskelette trostlos in den grauen Septemberhimmel ragen. Geblieben ist der Rathaiustuim, dessen Vorbild den Markusplatz zu Vene­ dig überragt, und von dessen Höhe der Blick über das weite Feld der Zerstörung schweift. Geblieben ist vor allem die Schönheit der Natur, die weit ins Land hineingeschnittene Förde, deren vcm Wind gekräuselte Fläche Antwort findet im grünen Wogen des Düstembrooker Gehöl­zes. Geblieben ist fern aim Horizont der wuchtige Wakingersteven, das aus Klinkern gemauerte Ehrenmal der kaiserlichen Marine in Labce.

Und geblieben ist schließlich der Lebens­wille der Kieler Männer und Frauen, die, ohne zu zagen, sich daran gemacht haben, ihre Stadt wieder aufzubauen, um ihren Kindern ein Gemeinwesen zu hinterlassen, das nicht nur Dach und Nahrung gibt, sondern auch jenem Bürgersinn wieder Inhalt verleiht, ohne den keine Stadt auf die Dauer bestehen kann.

Die Kieler haben es wahrhaftig nicht leicht. Unter allen deutschen Städten gibt es nur drei, die schwerer vom Luftkrieg getroffen worden sind: Dresden , Kassel und Hamburg . Über 80 v. H. der Wohnun­gen waren vernichtet, und durch Zer­störung oder Stillegung der Werften waren von 115 000 Arbeitsplätzen rund 50 000 ausgefallen. Aber damit war es noch

von Hamburg liegt die Grenze nach dem Osten und schnürt die Stadt von dem Hin­terland ab, das einst über 50 % zum Ge­samtvolumen in Handel und Schiffahrt beisteuerte. Die Elbe als große Zubringer­straße von und nach den östlichen Teilen des Reiches ist ein fast totes Gewässer geworden.

So wird die „illegale Hauptstadt Deutschlands “, wie man Hamburg nicht nur wegen seiner Größe, sondern seiner alles überragenden Initiative gern bezeich­net, weiterhin ein gerütteltes Maß von Sorgen haben. Aber der echte und gute Hanseatengeist lebt. Wer daran jemals zweifelte, der wurde von der einmaligen Leistung in den letzten fünf Jahren, die die schwersten in der ereignisreichen Ge- I schichte der Hansestadt wären, eines Bes­seren belehrt. Peter Brunnkant

nicht getan. Vielmehr mußte Kiel noch jahrelang Sprengungen und Demontagen über sich ergehen lassen, die nicht nur Aufräumung und Wiederaufbau endlos hinaus zögerten, sondern immer neuen Schaden anrichteten — materiell und ideell Wehn der Besucher heute in Kiel kaum einen Menschen findet, der bereit wäre, sich mit Engländern an den europäischen Tisch zu setzen, so sollte er das nicht leichtfertig als typische Ausgeburt eines unverbesserlichen Nationalismus hinstel­len. Gewiß ist der deutsche Norden für nationalistische Parplep leichter zu ge­winnen als der bedächtigere Südwesten. Wer aber fünfzehn Monate hindurch tag­aus tagein das dumpfe Grollen der De­tonationen anhören mußte, wer täglich die Pilze der Sprengwolken in den Himmel steigen sah — kann man es ihm verden­ken, wenn er über der Not und der Hoff­nungslosigkeit, welche die kurzsichtigen Sieger über eine Stadt gebracht haben, den klaren Blick für übernationale, euro­päische Notwendigkeiten verloren hat?

Erstaunlich ist vielmehr, daiß trotz dieser Erfahrungen die Kieler bisher darauf ver­zichtet haben, den radikalen Rattenfängern Folge zu leisten. Die Leitung der Stadt liegt im den Händen des tatkräftigen sozia­ listischen Oberbürgermeisters Gayk, des­sen Fraktion jedoch von einer gleich star­ken Gruppe „bürgerlicher“ Stadtvertreter che Waage gehalten wird. Allerdings gibt es heute nur wenige Städte in Deutsch­ land , in denen einem der Unfug des alten Gegenübers von „Bürger“ und „Arbeiter“ nachdrücklicher vor Augen geführt wird als hier. Das besitzbürgerliche Zeitalter ist ausgelöscht, und der Arbeiter im Sinn einer sozialen Kaste existiert nicht mehr. Es gibt nur noch Arbeiter oder nur noch Bürger — so oder so nur Glieder eines Gemeinwesens, die miteinander das Elend überwinden oder darin untergehen werden.

Zwei Hauptprobleme müssen heute von Kiel und seinen Bürgern gelöst werden: der Wiederaufbau der Stadt und die Er­

richtung von Arbeitsplätzen, an denen alle die Tausende schaffen können, denen früher die Marine Arbeit und Brot gegeben hat. Der Wiederaufbau ist unter der Lei­tung eines tatkräftigen Stadtbaurats sehen 1946 vorbereitet worden. Man hat sich auch in Kiel entschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und die winkligen Gas­sen der untergegangenen Stadt durch über­sichtliche, schöne Straßenzüge zu ersetzen. I Man ist auch vor der Mühe umfangreicher Flurbereinigungen und Enteignungen nicht zurückgeschreckt, und schon heute zeigt sich dem Blick des Besuchers einiges von der schönen Sachlichkeit, die das künftige Kiel auszeichnen wird. Natürlich hängt das Tempo, in welchem die fertigen Pläne verwirklicht werden können, hauptsächlich von der wirtschaftlichen Gesundung der Stadt ab, die genau wie das ganze Land, dessen junge Hauptstadt Kiel nach dem Kriege geworden ist, unter einer größeren Flüchtlingslast seufzt als irgendein ande­res Gebiet der Bundesrepublik.

Immerhin fehlt es den Männer« der Wirtschaft nicht an Wagemut und Tat­kraft. Nachdem die Zerstörungen am Ost­ufer der Förde gerade jetzt ein Ende ge­funden haben, unmittelbar ehe mit der ge­planten Sprengung der Kaimauern die Versandung des Hafens die letzte Lebens- ■mnöglichkeit buchstäblich verschüttet hätte, kann nun endlich auch dort mit der An­siedelung heuer Industrien begonnen wer­den. Die Erwartungen der Kieler Wirt­schaft sind freilich gedämpft. Man weiß hier zu gut, daß Kiel jetzt sehr spät kommt, und daß die meisten aus dem Osten her- übergekemmenen Industrien schon eine Heimat gefunden haben. Aber trotz dieser Skepsis geht man ans Werk.

Am eindrucksvollsten ist der schon vor einiger Zeit ins Leben gerufene Hochsee- fischereimarkt auf dem Gelände der ehe­maligen Kolbe-Werft. Hier wird der Ver­such gemacht, mit einer modernen Anlage den 'großen Fischereihäfen in Cuxhaven und Bremerhaven einen Teil ihrer Absatz­gebiete streitig zu machen. Vier ■ der modernsten deutschen Fischdampfer lau­fen regelmäßig Kiel an, und daneben bringen Fischkutter täglich reiche Beute ein. Die bisherigen Erfahrungen sind wech­selnder Natur. Es mußten ' Kinderkrank­heiten überwunden werden, und es fehlt vor allem das ostdeutsche Hinterland, das gerade für Kiel ein wichtiger Abnehmer gewesen ist und wieder werden muß {natürlich nicht nur für Seefische). Auf dem Marktgelände verarbeite« selbstän­dige Betriebe den Fisch, der gesalzen, ge­räuchert oder mariniert wird. Kieler Sprot­ten haben seit jeher einen guten Ruf. Jetzt gesellen sich viele andere Erzeugnisse da­zu, und es steht zu hoffen daß die Mari­naden der Kieler Wirtschaft einen gewis­sen Ersatz dessen bringen, was, ihr die Marine einstmals bedeutet hat.

In der Weimarer Zeit war Kiel weniger Flottenstützpunkt als Universitätsstadt Die nun bald dreihundertjährige Christian- Albrechts-Universität hat ihre Gebäude am Schloßgarten größtenteils verloren. Nach schwierigster Übergangszeit ist sie jetzt in einem ehemaligen Rüstungsbetrieb vor den Toren Kiels räumlich ausreichend untergebracht worden. Aber diese Lösung kann nicht dauern, weil hierdurch die Ver­bindung zwischen Stadt und. Universität praktisch gelöst ist, was weder der einen noch der andern zum Segen gereichen kann. Tatsächlich ist auch der Wiederauf­bau der alten Gebäude vorgesehen — wenn einmal das Geld vorhanden sein wird.

Kiel ist eine arme Stadt geworden — arm, aber nicht phne Hoffnung. Man ver­traut dort zuerst auf die eigene Kraft, und ich habe niemanden gesprochen, der nicht voll Zuversicht war. Die Freigabe des Schiffsbaus für den Export hat gerade in Kiel , wo die Howaldtwerke immer noch mehrere tausend Arbeiter beschäftigen, er­mutigend gewirkt. Der Weg zur Gesun­dung ist noch weit, aber er ist doch schon abgesteckt Hoffnung und Skepsis, beide in rechtem Maß, lassen die Kieler nüch­tern in die Zukunft sehen, und immer noch hallt zur Mittagsstunde das alte Glockenspiel vom Rathausturm über die Dächer der mühsam wieder erstehenden Stadt:

Kiel hat kein Geld,

Das weiß die Welt;

Ob’s noch was kriegt,

Das weiß sie nicht

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