Donnerstag, 8. März 1951

SÜDKURIER

Nr. 38 / Seite 2

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lltarisierung ein, während Labour eine viel unentschiedenere Haltung einnimmt. Das liegt hauptsächlich daran, daß Attlee auf den linken Flügel seiner Partei Rück­sicht nehmen muß, den Churchill gern respektlos - ironisch den „rebellischen Schwanz“ des Premierministers nennt Eine nicht eben kleine Zahl von Labour - abgeordneten, darunter so bekannte Na­men wie Richard Großmann und Tom Driberg , raten entschieden von jeder Wie- derfoewaffnung Deutschlands ab. Sie sind zwar bisher davor zurückgescheut, ihre „Rebellion" zum Anlaß einer Regierungs­krise zu machen. Wie sie sich aber ver­halten werden, wenn die vorläufig aufge­schobene Frage wieder auftaucht ist noch nicht abziusehen. Andere außenpolitische

Spannungen ergeben «ich «na der Lege ln

Ostasien .

Churchill ist nun Insoweit weniger Par- teipolitiker, sondern fühlt sich als der „Grand Old Mian“ des Inselreiches, der «hon einmal die drohende Gefahr mit prophetischer Hellsichtigkeit engekündigt hatte, ohne gehört zu werden Er glaubt unzweifelhaft ehrlich, daß er in dieser ge­fahrvollen Stunde berufener als jeder an­dere Engländer sei, die Führung der Ge­schäfte zu übernehmen. Daher hat er seine Mannschaft dazu bewogen, das Tau­ziehen um die Macht, das seit einem Jahr im Gange ist nunmehr mit soviel uner­müdlicher Wucht fortzusetzen, daß end­lich der Gegner über die entscheidende Linie herübergerissen werde.

Auf dem Weg zu echter Partnerschaft

Bundeskanzler Dr. Adenauer über Revision des Besatzungsstatuts

BONN . Bundeskanzler Dr. Adenauer legte in einer Unterredung mit einem dpa -Vertreter seine Auffassungen über die Revision des Besatzungsstatutes dar. Auf die Frage, ob die jetzigen Erleichterungen die Erwartungen der Bundesregierung er­füllt hätten, antwortete der Bundeskanz­ler: „Die jetzige kleine Revision des

Besatzungsstatuts ist natürlich nicht der Weisheit letzter Schluß. Aber es ist un­verkennbar, daß ein weiterer Fortschritt erzielt ist. Selbstverständlich müssen die Dinge weiter aufgelockert und vorange- tnieben werden. Das Positive aber soll man nicht verkennen. Man darf auch die Mentalität der anderen Völker nicht außer Acht lassen. Dann wird man erkennen, daß die Entwicklung nur in Etappen ver­laufen kann. Eine solche Etappe ist wie­der einmal zurückgelegt. Das sollten wir vom deutschen Standpunkt aus anerken­nen und nicht in den Fehler verfallen, stets zu allem Nein zu sagen.“

„Welche Aendenungen des Besatzungs­statuts sehen Sie als die wichtigsten an, Herr Bundeskanzler?“ „Die Möglichkeit zur Errichtung eines auswärtigen Amtes und eines auswärtigen diplomatischen Dienstes steht sicherlich im Vordergrund. Aber für die praktische Arbeit sind kaum weniger wichtig die Auflockerungen, die auf wirtschaftlichem Gebiet einibreten wer­den und die Erleichterungen, die für die Gesetzgebung des Bundes und der Länder entstehen.“

Das Gespräch mit dem Bundeskanzler wandte sich dann jenem Artikel des Be- satzungsstatuts zu, der den Besatzungsbe­hörden auch künftig das Recht vorbehält, auf Weisung ihrer Regierungen die Aus­übung der vollen Gewalt ganz oder teil­weise zu übernehmen, wenn das aus Si­cherheitsgründen oder zur Aufrechterhal­tung einer demokratischen Regierung oder infolge internationaler Verpflichtungen nötig werden sollte. „Diese Haltung der Besatzungsmächte muß man verstehen“, meinte der Bundeskanzler. ,Deutschland ist von ganz besonderen Gefahren bedroht, die es einmal notwendig machen könnten, auf diesen Vorbehalt zurückzugreifen. Die Besatzungsmächte haben die Verpflichtung, Deutschland zu verteidigen, und sie müs­sen eine große Zahl von Soldaten für die­

sen Zweck in Deutschland bereitstellen. Die Alliierten haben kein Interesse daran, von diesem Artikel Gebrauch zu machen. Aber die Gefahren, die aus dem Osten und durch den Kommunismus Deutschland bedrohen, könnten doch einmal dazu nötigen.“

WETTERVORHERSAGE

des Amtlichen Landeswetterdienstes Vom Westausgang des Aermelkanals nähert sich ein Tief Mitteleuropa - Es belebt zunächst über Rüddeutschiand die Warmluftzufuhr. Aussichten bis Freitagabend: Wieder vielfach bewölkt und strichweise leichte Niederschläge, die bis in hö­here Lagen aJs Regen niedergehen. Tagestempe­raturen auf etwa 12 Grad ansteigend. Audi im Hochschwarzwald tagsüber Wärmegrade. Nur noch örtlich leichter Nachtfrost.

Wintersport: Schneehöhen in Gipfellagen wei­terhin 120—250 cm, in mittleren Lagen zwischen 800 und 1000 m 50—'120 cm. Sportmöglichkeiten auf Pulver oder festem Altschnee meist sehr gut. Feldberg 245 cm, Sport sehr gut. Bodensee -Ski- hütte ob Balcfersehwang (Allgäu): Schneehöhe: 220 cm, Temperatur minus 5 Grad, Sport sehr gut.

100 DM ln Zürich: 7. 3-: 78/80 «fr.

Frage: „Wird die Bundesregierung von dem Recht, diplomatische Vertretungen einzurichten, bald Gebrauch machen?“ „So schnell wie möglich“, anwortete Dr. Ade­nauer, „aber man muß daran denken, daß ein außerordentlicher Mangel an diploma­tischem Personal besteht. Seit 1933 hat es ja nur in sehr beschränktem Umfang ei­nen diplomatischen Dienst kn eigentlichen Sinne gegeben. Aus dem früheren Aus­wärtigen Dienst ist also nur ein kleiner Teil von Diplomaten weiterhin für die Bundesregierung verwendbar. Man wird deshalb bei der Besetzung diplomatischer Posten weit über den Kreis der Berufs­diplomatie hinausgreifen müssen. Aber auch da liegen große Schwierigkeiten. Es gibt gar nicht so viele wirklich befähigte Persönlichkeiten, die ausreichende Kennt­nis des Auslandes haben und die bereit wären, als Diplomaten hinauszugehen. Auch wenn die Bundesregierung also gro­ßes Interesse daran hat, den auswärtigen Dienst so schnell wie möglich aufzubauen, wird doch eine gewisse Zeit notwendig sein, die leitenden diplomatischen Posten gut zu besetzen.“

In diesem Zusammenhang tauchte die Frage auf, ob die Einrichtung eines aus­wärtigen Amtes mehr sei, als nur eine Namensänderung für die jetzt bestehende „Dienststelle für auswärtige Angelegen­heiten“. „Es ist zweifellos viel mehr“, sagte Dr. Adenauer. „Das künftige Aus­wärtige Amt wird ja wieder direkten Ver­kehr mit den ausländischen Diplomaten haben, die von jetzt an bei dem Bundes- präsddenten beglaubigt sind. Das bedeutet nicht nur eine wesentliche völkerrechtliche Veränderung, sondern es bringt auch ganz andere Arbeitsaufgaben für das künftige Auswärtige Amt, als sie die Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten batte. Andererseits liegt eben ein ganz großer Fortschritt gerade darin, daß künftig überall ein direkter Verkehr mit den fremden Regierungen möglich ist, sei es über die bei der Bundesregierung beglau­bigten ausländischen Diplomaten', sei es über die deutschen diplomatischen Vertre­tungen im Ausland. Gerade diesen Fort­schritt sollte man nicht verkennen, wenn man sich klar machen will, was die jetzige Etappe der Revision des Besatzungssta­tuts bedeutet.“

Revision auch für Berlin BERLIN

. Die alliierte Kommandantur von Berlin hat entsprechend der Revision des Besatzungsstatuts für das Bundesge­biet eine Revision des „Kleinen Berliner Besatzungsstatuts“ bekannitgegeben. Sie trat am 8. März in Kraft. Diese Revision bringt als wesentlichste Erleichterung für Westberlin die Abschaffung der bisherigen 21 tägigen Einspruchsfrist für Gesetze des Abgeordnetenhauses.

Sowjets wollen Zeit gewinnen

Deutsche Frage im Vordergrund der Pariser Besprechungen

PARIS . Die zweite Sitzung der Außen­minister-Stellvertreter dauerte wesentlich länger als vorgesehen und brachte eine ge­wisse Versteifung der sowjetischen Hal­tung. Der russische Außenminister Gro- myko bestand darauf, daß die deutsche Frage gemäß dem sowjetischen Vorschlag an erster Stelle und im Rahmen des Pots­ damer Abkommens behandelt werde. Alle Vertreter der vier Großmächte kamen zu Wort, doch scheint die zweite Sitzung schon einen „dynamischen Charakter“ angenom­men zu haben. Im Verlauf der Sitzung gab Gromyko die sowjetische Bereitschaft be­kannt, die Tagesordnung auch noch um an­dere Themen zu erweitern. Es sei durch­aus möglich, auch die österreichische Frage mit aufzunehmen. Im Prinzip sei es jedoch nötig, die deutsche Frage im Zusammen­hang mit dem Potsdamer Abkommen zu behandeln.

Die Klippe der Pariser Konferenz ist bereits sichtbar geworden. Die Vertreter der Westmächte wollen zuerst allgemein über „die Ursachen der heutigen Span­nungen und über die Möglichkeiten zur Herbeiführung wirklicher und dauernder Verbesserungen in den Beziehungen zwi­schen den Westmächten und der Sowjet­ union " verhandeln, dann den längst fäl­ligen Staatsvertrag für Oesterreich ab­schließen und nach dieser Bereinigung über die Einheit Deutschlands und den Friedensvertrag sprechen. Gromyko dreht die Reihenfolge um: erst dafür garantie­ren, daß Deutschland demilitarisiert bleibt und die Besatzungstruppen abziehen, und dann die Verbesserung der Lage in Europa auf die Tagesordnung setzen. Der Westen will Deutschland nur dann sich selbst über­lassen, wenn es nicht vom Osten bedroht ist. Moskau dagegen interessiert sich zu­nächst dafür, daß Deutschland ein offenes Niemandsland wird.

Wenn trotz dieser starren Ausgangsstel­lung von einem gemäßigten Optimismus gesprochen wird, so begründet man ihn mit der gestärkten Position des Westens. Der deutsche Verteidigungsbeitrag, die von den Sowjets als Verletzung des Potsdamer Abkommens gebrandmarkte „Remilitari­sierung“, ist keine Tatsache, sondern eine völlig offene Planung. Was dagegen die Westmächte mit den „Ursachen der heuti­gen Spannungen" im ersten Punkt der Tagesordnung meinen, ist die Aufrüstung Polens , der Tschechoslowakei , Rumäniens , Bulgariens und Ungarns , die Jessup an

Hand von Zahlenmaterial beweisen will. Sie wäre eine vollendete Vertagsverlet- zung in drei Fällen, denn die bekannt ge­wordenen Zahlen über die Effektivstärken übersteigen bei weitem die in den Frie­densverträgen festgelegten Höchstgrenzen. Mit der Aufrollung dieser Frage aber be­ginnt bereits die angedeutete Versteifung. Dem Kreml ist es angesichts der Vor­gänge in den Satellitenstaaten offenbar darum zu tun, Zeit zu gewinnen und es wäre nicht sonderlich erstaunlich, wenn zunächst einmal die Vorkonferenz günstig und reibungslos verliefe.

England vor Jahren des Opfers

LONDON . Der britische Schatzkanzler Hugh Gaitskell bereitete die Bevölkerung Großbritanniens in einer Rundfunkan­sprache darauf vor, daß zur Durchführung des auf 4,7 Milliarden Pfund Sterling ver­anschlagten britischen Rüstungisprogramms Opfer notwendig sein werden. Die bri­ tische Bevölkerung, sagte Gaitskell , dürfe in den kommenden Jahren nicht mit einer Erhöhung ihres Lebensstandards rechnen. Das Ansteigen der Preise werde ebenfalls anihalten.

Einen halben Schilling für Bevin

LONDON . Außenminister Bevin erfuhr am Dienstag erstmals ein bis dahin sorg­sam gehütetes Geheimnis der britischen Diplomatie. 6000 Mitglieder des britischen diplomatischen Dienstes in Großbritannien und im Ausland, vom Himalaya bis zu den Anden, hatten jeder einen halben Schilling (30 Pfennig) für ein Geburtstags­geschenk für ihren Chef gestiftet. Für die 150 Pfund Sterling (etwa 1800 DM), die bei der Sammlung zusammengekommen sind, wird er sich wahrscheinlich einen Schreib­tisch oder ein anderes Möbelstück für sein Arbeitszimmer kaufen.

UN-Truppen überschritten Haa-Fluß

TOKIO . Unter dem Schutz starken Ar­tilleriefeuers überschritten UN -Verbände ostwärts von Soeul den Han - Fluß. Die Flußüberquerung ist der Beginn eines An­griffs, dessen Ziel die Einkesselung von Soeul sein soll. Im Mittelabschnitt sind an­gesichts der umfangreichen chinesischen Verstärkungen und des sich ständig stei­gernden Widerstandes der Kommunisten weitere Vorstöße von UN -Verbänden ge­gen den 38. Breitengrad eingestellt worden.

Südweststaatfrage in Bonn

Südbaden sollte isoliert werden — FDP gegen Teillösung

BONN . Im Bumdestagsausschuß für die innergebietliche Neuordnung ist es am Mittwoch zu einer sehr lebhaften Debatte über einen Antrag gekommen, der den Er­örterungen über die Südwest-Abstimmung eine ganz neue Wendung geben sollte. Der Abgeordnete der „Deutschen Partei “ Farke, hatte den Antrag gestellt, daß sich nach der Volksabstimmung nur diejenigen unter den geplanten vier Stimmbezirken zusammenschließen sollten, in denen sich eine Mehrheit für die Verwirklichung des Südwest-Staats ausgesprochen hatte. Prak­tisch hätte dieser Antrag die Isolierung Südbadens bedeutet. Besonders heftig wandte sich gegen den Antrag der Vor­sitzende des Ausschusses, August Euler (FDP ), mit dem Argument, vom gesamt­deutschen Gesichtspunkt aus könne man keine Teillösungen befürworten. Euler schlossen sich die Anhänger des Südwest­staats an. Bei der Abstimmung über den Antrag gaben nur drei Abgeordnete ihre Stimmen für den Antrag ab, sieben waren dagegen, zwei enthielten sich der Stimme, darunter der Wortführer der Altbadener, Anton Hilbert .

Ging schon aus dem Verhalten der Süd­

weststaatanhänger in diesem Fall hervor, wie sicher sie sich jetzt im Ausschuß füh­len, so trat dieses Gefühl der Sicherheit noch mehr bei einem anderen Vorgang hervor. Während nach dem Tübinger Ent­wurf, der jetzt den Beratungen zugrunde liegt, der Südweststaat im Falle einer Zu­stimmung bei der Volksabstimmung nicht sogleich, sondern erst nach der Ausarbei­tung einer Verfassung gebildet werden sollte, wurde jetzt auf Antrag württem- bergischer Vertreter beschlossen, daß der Südweststaat sofort nach der Abstimmung als gebildet gelten soll. Schließlich lehnte der Ausschuß einen Antrag des badischen CDU -Abgeordneten Hilbert ab, nach dem Personen, die nach Kriegsende ihren Wohn­sitz zwischen Gesamt-Württemberg und Gesamt-Baden gewechselt haben, nur in dem Lande stimmberechtigt sein sollten, in dem sie sich vor dem Wechsel ihres Wohnsitzes befanden. Mit diesen Abstim­mungen ist die Beratung des Ausschusses über den Hauptabschnitt des Gesetzes be­endigt. (Der im Ausschuß beschlossene Ge­setzentwurf über die Regelung der Län­dergrenzen im Südwesten kommt jetzt vor das Plenum des Bundestags und anschlie­ßend vor den Bundesrat.)

Nobelpreisträger in Lindau

Ein Kongreß der Nobelpreisträger auf dem Gebiet der Medizin wird vom 10. bis 14. Juni 1951 in Lindau veranstaltet. Fol­gende Wissenschaftler haben ihre Mit­wirkung bereits zugesagt: Prof. Butenandt , Tübingen , Prof. Dam, Kopenhagen , Prof. Dornagk, Wuppertal , Prof. Müller, Basel, Prof. Murphy, Boston , Prof. Reichstein, Basel . Zu erhoffen ist ferner die Mitwir­kung der führenden Mediziner Prof. Heß, Basel, Prof. Houssay, Buenos Aires und Prof. Whipple, Rochester. Die letztgenann­ten beiden Gelehrten unternehmen ohne­dies eine Europareise, um an der 500-Jahr- feier der Universität Glasgow vom 18. bis 24. Juni teilzunehmen. Der Vorverlegung ihrer Anreise werden sich kaum ernstliche Schwierigkeiten entgegenstellen.

Veranstalter des Kongresses ist die Stadt Lindau . Als ihre Gäste werden die Nobel­preisträger fünf Tage lang in Lindau wohnen; die Stadt übernimmt auch die Reisekosten für die Gelehrten und je eine Begleitperson auf deutschem Boden. Die Nobelpreisträger werden im Verlauf des Kongresses Referate aus ihren Forschungs­gebieten halten. Von einigen Gelehrten dieses Kreises, die für dieses Jahr die Mitwirkung absagen mußten, hofft man, noch schriftliche Referate zu erhalten, so daß den Besuchern des Kongresses auch damit bedeutende Forschungsergebnisse bekanntgegeben werden können. Besucher werden vor allem Aerzte, Mediziner aus den Forschungsinstituten und Pharmakolo­gen sein. Die Lindauer Veranstalter be­reiten sich auf einen Besuch von 800 bis 1000 Tagungsteilnehmern vor.

Es ist eine glückliche Idee, die Nobel­preisträger, die nach der Entgegennahme des weltberühmten Preises außer bei der 50-Jaihrfeier des Nobelpreises im letzten Herbst noch nie zu gemeinsamen Tagungen zusammengekommen sind, auf diese Weise zum Gedankenaustausch zu vereinen. Die Reaktion auf die erste Einladung der Stadt Lindau läßt hoffen, daß die Europa­tagungen der Nobelpreisträger zu einer dauernden Einrichtung werden können. Dann würden Jahr für Jahr die Preis­träger einer anderen Sparte nach Lindau kommen. Nobelpreise werden verteilt auf den Gebieten der Medizin, Physik, Chemie, Literatur und der Friedensförderung. Das Ehrenprotektorat des Lindauer Kongresses hat Prinz Lennart Bemadotte übernom­men, der sich auch um die Herstellung der Verbindung zwischen der Stadt Lindau und dem Nobel-Komitee in Stockholm so­wie dem schwedischen Königshaus verdient gemacht hat.

Wenn es gedingt, die führenden Gelehr­ten der Welt in dieser Weise alljährlich zu einem Kongreß zu vereinen, so wird sich die kleine Stadt am Bodensee um die geistige Verständigung zwischen den Völ­kern und um die Erhaltung der friedlichen Zusammenarbeit ein großes Verdienst er­werben.

SUDKURIER

Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nach­richtendienst: Graf Ludwig Douglas . Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Beck, Herbert Steiuert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH., Konstanz , Marktstätte 4. Druck: Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz GmbH.

Haferkorn und Damenstrumpf

Nach dem ersten Weltkriege, zu Beginn der zwanziger Jahre, herrschte überall in der Welt eine ähnlich lebhafte Nachfrage nach Lebensmitteln wie nach 1945. Auch die Männer der Quaker Oats Company rieben sich die Hände über den glänzen­den Geschäftsgang. Aber sie hatten auch ihre Sorgen: Bei der Erzeugung von Haferflocken bleiben nämlich die Spelze übrig, die das Haferkom wie ein schützen­der Mantel umgeben. Dieser Abfall türmte sich zu Riesenbergen und war in solchen Mengen nicht mehr wie früher als Zu­satz zu Mischfutter abzusetzen. Zeitweise hatte man 50 000 — 60 000 Tonnen davon auf Lager und einmal mußte man sogar ein großes Zirkuszelt besorgen, um ihn unterzubringen. Die lästigen Spelze zu verfeuern erschien den Nahrungsmittel- chemikem des Werkes auf die Dauer doch zu unwirtschaftlich: Wußten sie doch, daß in ihnen rund 50 Prozent verdauliche Be­standteile enthalten sind. Was lag da näher, als den Versuch zu machen, auf chemischem Wege die Verdaulichkeit des Abfalls zu steigern? Es gelang bald, die Verdaulichkeit auf 75 Prozent zu erhöhen, aber — das Zeug schmeckte dem Vieh nun gar nicht mehr. Man probierte eine andere Methode, kochte die Spelze mit Säure, und es bildete sich dabei eine Art von Zucker, die zwar für den menschlichen Verzehr nicht geeignet war, dem Vieh aber aus­gezeichnet mundete. Leider war dieses Viehfutter aber viel zu teuer. Bei diesen Versuchen entstanden regelmäßig Abgase, deren Geruch jemandem recht bekannt vorkam. Als er der Sache auf den Grund ging, bemerkte man mit Erstaunen, wie groß die Menge dieser „durch den Schorn­stein“ abgehenden Substanz war. Es war „Furfurol “, das damals je Kilo seine guten 14 Dollar einbrachte und sich nun viel bil­liger hersteilen ließ.

Die Freude war groß. Leider mußte man schon bei einer Ueberschlagsrechnung

feststellen, daß man aus einer einzigen Tonne Spelze den Jahresbedarf der gan­zen USA an Furfurol würde decken kön­nen. Da schien es fast leichter zu sein, die Spelze, als den unerwarteten Segen aus der Retorte abzusetzen . . .

Trotzdem verfolgte man mit Hartnäckig­keit diesen Weg weiter, und schon 1922 war der Preis für ein Kilo von 14 Dollar auf 50 Cents gesenkt.

Und nun geschah etwas, was sich auch sonst mitunter ereignet: Ist ein Produkt erst einmal da, so findet sich auch eine geeignete Verwendung dafür. Heute gibt es bereits über 3000 Patente in aller Welt mit Anweisungen, was man aus Furfurol alles machen kann.

Furfurol spielt heute eine große Rolle bei der Verwertung von Rückständen bei der Erdölraffinerie (während des Krieges half es bei der Herstellung des Ausgangs­stoffes für künstlichen Kautschuk). Es führte zur Entwicklung ganz neuer Typen von Kunstharzen, dient als Konservie­rungsmittel für . . . Leime, zur Unkraut­vertilgung zwischen Eisenbahnschienen, zum Beizen von Saatgut, ja, es ist sogar schon einmal ein Auto anstatt mit Ben­zin mit Furfurol gefahren.

Die Japaner verwenden aus Furfurol ge­wonnene Stoffe zum Haltbarmachen von Soja-Lebensmitteln, eine französische Firma zur Herstellung von Par­füms, eine Arzneimittelfabrik zur Her­stellung eines Antiseptikums, eine andere zur Gewinnung von Kaffeearoma. Und, nicht zuletzt: Furfurol ist der Ausgangs­stoff zur Herstellung von Nylon . . .

Der Bedarf an diesem so vielseitig ver­wendbaren Stoff ist im Laufe der Jahre so groß geworden, daß die Haferspelz- Abfälle der Nährmittel flabriken längst nicht mehr ausreichen, um den Weltbe­darf zu decken. Man muß zu seiner Her­stellung auf Baumwollhülsen und Mais­kolben zurückgreifen.

Da diese Abfälle sehr leicht sind und daher viel Platz beanspruchen, ist ihr Transport im Verhältnis zum Wert des Frachtgutes unverhältnismäßig teuer. Des­halb geht man in den USA daran, am .Erzeugungsort“ der Abfälle, auf dem Lande, chemische Fabriken zu errichten, die gleich an Ort und Stelle aus dem be­gehrten Abfall — heute rund V« Million Tonnen jährlich — den begehrten Roh­stoff herstellen.

Diese seltsame Geschichte eines Abfall­staffes ist ausführlicher dargestellt in einer neuen, van Dr. H. J. Flechtner redigierten, u. a. von den Leitern der Laboranten- Ausbildung namhafter chemischer Werke herauagegebenen Zeitschrift „Chemie in Labor und Betrieb“ (Umschau-Verlag, Frankfurt ), die einem weiteren Leserkreis, vor allem der Fortbildung von Laboran­ten, Chemotechnikern und Assistentinnen dienen soll und hier eine spürbare Lücke schließt -ng.

Marburger Grünewaldfunde sind echt

Der Direktor des Berliner Kupferstich­kabinetts und Grünewaldforscher Profes­sor Dr. Friedrich Winkler, der in Mar­ burg genaue Studien treibt, erklärte, daß die im Dezember 1949 in einer Abfallgrube bei Marburg gefundenen Grünewaldzeich­nungen echte Werke des Meisters seien. Ein Gedanke an Kopien oder Nachzeich­nungen neuerer Zeit sei unmöglich, er­klärte Professor Winkler, denn Entwurf, Anlage, Strichführung und Ausdruck der Blätter zeugten einwandfrei für griine- waldsche Arbeiten. Vor allem bei der schwebenden Heiligen mit dem Schweiß­tuch und bei der Heiligen mit dem Schwert bestehe eine Linienführung, die kein Ko­pist erreichen könne.

Die Zeichnungen hatten bei der Auffin­dung Ende 1949 unter den Kunstgeleäirten ein lebhaftes Für und Wider über ihre Echtheit erregt

KULTURNACHRICHTEN

Wilhelm Furtwängler , der in Berlin zwei Konzerte dirigierte und dar­auf nach Zürich weiterflog, gab in einem Interview an den „Tag“ Einzelhedten über seine nächsten Pläne bekannt Er wird zunächst in Zürich und London dirigieren und nach einem Aufenthalt in Mailand mit den Berliner Philharmonikern acht Konzerte in Aegypten geben, die eine Art Ueberblick über die deutsche Musik-Ent­wicklung mit Werken von Beethoven , We­ber, Wagner, Strauß und Hindemith , ver­mitteln sollen. Mit den Berliner Philhar- monikem wird Furtwängler weiterhin eine Tournee durch Italien unternehmen und Anfang Mai in Paris zu zwei Sym­phonie - Konzerten eintreffen. Dort soll Bruckners 7. Symphonie aufgeführt wer­den, was Furtwängler um so wichtiger er­scheint, als Bruckner gerade in Frankreich immer noch auf starke Vorurteile stoße .,

Carl Orffs „Carmino Burana“ wurde als erstes größeres Werk des baye­rischen Komponisten in einer Rundfunk­sendung für England erstaufgeführt.

Knut Hamsun wurde von der exklu­siven amerikanischen literarischen Verei­nigung „International Mark Twain So­ciety“ zum Ritter von Mark Twain “ er­nannt. Der 91jährige norwegische Dichter ist der erste Norweger, dem diese Ehre zuteil wird. Unter anderem tragen Selma Lagerioef, Thomas Mann und Jean Sibe- lius den gleichen Titel. Ehrenpräsident der Vereinigung ist Präsident Truman .

„Menschen und Raum“ ist der Leitgedanke einer Schau der bedeutsamsten Leistungen deutscher Architektur der ver­gangenen 50 Jahre, die die Stadt Darm­ stadt vom 4. August bis 16. September ver­anstaltet. Sie findet zur Erinnerung an die Ausstellung der Darmstädter Künstlerko­lonie vor 50 Jahren statt, die die Entwick­lung der modernen Kunst in Deutschland entscheidend beeinflußte. Entwürfe inter­

national bekannter Architekten und die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs deut­ scher Architekturstudenten für den Wie­deraufbau der Stadt Darmstadt werden in dieser Ausstellung gezeigt.

.Einige hervorragende briti­ sche Dichter“ heißt eine Ausstellung des British Information Centre, die in Freiburg i. Br. bis zum 19. März veran­staltet wird. Es werden dabei Werke, Por­träts und Szenenbilder aus ihren Bühnen­stücken von Shakespeare , Wordsworth , Priestley , Shaw, T. S. Eliot und anderen gezeigt.

Deutsche Krebsforscher unter Vorsitz des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Adolf Butenandt , Tübingen , haben in einem dreitägigen Rundgespräch in Hinterzarten (Schwarzwald ) Möglichkeiten besprochen, die verschiedenen Arbeiten auf dem Ge­biet der Krebsforschung und -heiiung zu koordinieren und zu einer boetensparen- den Arbeitsteilung zu kommen. Der Aus­tausch von Ergebnissen und Erfahrungen der verschiedensten Fachrichtungen soll zugleich für die Zukunft eine engere Zu­sammenarbeit fördern. An dem Rundge­spräch nahmen die Nobelpreisträger Prof. Dr. Gerhard Dornagk und Prof. Dr. Hans von Euler , die Professoren Lenhartz, Mün­ ster , und Dr. Rajewsky, Frankfurt , und andere namhafte Wissenschaftler teil.

Der Pariser Bildfälscher Jean Pinson-Berthet, der im vergangenen Juli in Abwesenheit zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, scheint in einem Schlupf­winkel sein Handwerk weiterhin zu be­treiben. Die Polizei hat jetzt acht augen­scheinlich kürzlich vollendete gefälschte UtriUos und Vlamincks sichergestellt. Sie empfiehlt daher, alle in letzter Zeit als Gemälde von Utrillo oder Vlammck ge­kauften Kunstwerke auf ihre Echtheit überprüfen zu lassen. Auch bei einigen nach Holland und Buenos Aires gesandten Bildern sei die Echtheit nicht garantiert

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