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Nr. 114 / Seit« t

Mittwoch, 25. Juli 1051

SÜDKURIER

Kupfer als Lösegeld

Spanien lieferte 25 000 Tonnen an Moskau — Gefangene sollen zurückkehren

NEW YORK . Der Korrespondent der „New York Times “, Sulzberger, berichtete aus Paris , spanische Konzerne hätten in den letzten Wochen über 25 000 Tonnen reines Kupfer an die Sowjetunion ver­kauft Es werde angenommen, daß ein Teil dieses Kupfers — wenn nicht sogar die ganze Menge — aus spanischen Kupfer- bergWerken stammte. Sulzberger fügt hin­zu, es gelte als sicher, daß die Madrider Regierung sowohl um die Verhandlungen als um den schließllchen Verkauf gewußt habe. Soweit sich habe feststellen lassen, sei ein ägyptischer Mittelsmann bei den einleitenden Verhandlungen für beide Par­teien aufgetreten. Der Berichterstatter schreibt weiter, ein zweiseitiges Abkommen zwischen den USA und Spanien werde wahrscheinlich dazu führen, daß Spanien ein Ausfuhrverbot für rüstungswichtige Güter nach kommunistischen Ländern er­läßt.

Aus zuverlässiger Quelle sei schließlich mitgeteilt worden, daß Spanien als Vor­aussetzung für die Kupfertransaktion von der Sowjetunion die Freilassung von tau­send spanischen Kriegsgefangenen — An­gehörigen der früheren „Blauen Division “ Gefordert habe.

Neue Regierung de Gasperi

ROM. Die neue italienische Regierung ist gebildet. Der kürzlich zurückgetretene Ministerpräsident Alcide de Gasperi , der mit der Neubildung des Kabinetts beauf­tragt worden war, teilte Staatspräsident

Einaudi offiziell mit, daß ihm die Bildung seiner siebenten Regierung gelungen »ei. Es wird eine Zwei-Parteien-Koalitions- regierung werden, die sich aus christlich- demokratischen Ministern und wahr­scheinlich zwei Republikanern zusammen­setzen wird. Wie in Rom verlautet, ist das Kennzeichen der neuen Regierung eine Reorganisation des Schatz- und Finanz­ministeriums.

West-östliche Getreide-Konferenz

LONDON . Großbritannien hat sich grundsätzlich bereit erlärt, an einer Zu­sammenkunft von Sachverständigen meh­rerer west- und osteuropäischer Länder einschließlich der Sowjetunion teilzuneh­men, in der die Mögliheiten zu Bespre­chungen über den Getreidehandel geprüft werden sollen.

Die Anregung zu der beabsichtigten Konferenz stammt von dem General­sekretär der UNO -Wirtschaftskommission für Europa , dem Schweden Gunnar Myrdal . Der stellvertretende sowjetische Außen­minister Gromyko hatte ihn bereits Mitte Juli telegrafisch davon verständigt, daß sich die Sowjetregierung an einer techni­schen Konferenz über die Förderung des Ost-Westhandels beteiligen würde.

Ort und Zeit der geplanten Sachver­ständigenkonferenz sind noch nicht fest­gelegt. Die zur Teilnahme eingeladenen Länder sind Großbritannien , Frankreich und Dänemark sowie die osteuropäischen Staaten Polen , Ungarn und die Sowjet­ union .

Verbrauch einzuschränken oder dl« Pro­duktivität erheblich zu steigern.

Der Labour -Abgeordnete Mikardo be­hauptete, man lege der britischen Vertei­digungspolitik falsche Schätzungen über die militärische Stärke der Sowjetunion zugrunde. Mikardo gehört der oppositio­nellen Bevan-Gruppe an, die für eine Kürzung des Rüstungsprogramms zugun­sten der Sozialpolitik «dntritt.

SS -Führer zum Tode verurteilt

WARSCHAU . Der frühere SS -General Jürgen Stroop und der ehemalige Haupt­mann Franz Konrad wurden von einem polnischen Gericht in Warschau zum Tode verurteilt. Stroop und Konrad waren an­geklagt, die jüdische Bevölkerung im Warschauer Ghetto ausgerottet zu haben. Die beiden zum Tode Verurteilten sollen nach einer Meldung des polnischen Rund­funks in Kürze hingerichtet werden.

Kameraden wollen gutmachen

BAD HERSFELD . Angehörige einer in Bad Hersfeld stationierten Kompanie haben 225 Dollar für die Frau des Taxi­fahrers Kurt Meschkat in Bad Hersfeld gesammelt, der in der Nacht zum Montag von zwei amerikanischen Soldaten ermor­det wurde. Die Summe wurde der Witwe als erste Hilfe überbracht.

Benjamino Gigli verläßt die Bühne

Abschiedsvorstellung ln seiner Heimatstadt — Heimliche Liebhaberei: Briefmarken

Vor etwa zwanzig Jahren trafen sich in Berlin zufällig drei der größten Sänger, die man damals kannte: Der Russe Fjodor Schaljapin , der Deutsche Richard Tauber und der Italiener Benjamino Gigli . Sie tra­ten fast zur gleichen Zeit an der Spree auf und sangen eines Abends in fröhlicher Stimmung bei Lutter und Wegner ein scherzhaftes Terzett. Bei dieser Gelegen­heit wurden die drei Sängei gefragt, wor­auf es bei ihrer Kunst ankäme. Schalja­ pin , recht animiert, brummte: ,Auf einen großen Mund!“ Tauber nahm die Frage von der intellektuellen Seite und erwiderte: ,Auf 90 Prozent Gedächtnis und 10 Pro­zent Intelligenz!“ Gigli sagte: „Vidi Arbeit und ein kleines Etwas im Herzen!“ Was er damit meinte, hat er vielleicht am besten vor kurzem in Rovigo , einer der abseitig­sten und langweiligst gelegenen Stadt Italiens offenbart

Gigli kam direkt von New York , stieg in der .Eisernen Krone “ von Rovigo ab, war einige Tage höchst heimlich beschäftigt, und dann leuchtete von allen Plakatflä­chen des Städtchens die Ankündigung, daß Benjamino Gigli die Absicht habe, sich im Teatro Soziale für immer von der Oeffent- lichkeit zu verabschieden. Weiß Gott hätte

Kampf gegen Verbr edier weit zentralisiert

Bundeskriminalamt im Aufbau — Wieder internationale Zusammenarbeit

Verteidigung Europas soll beschleunigt werden

USA -Senatoren: Westliche Weit äußerst schwach

WASHINGTON . Sieben USA -Senatoren setzten sich in Washington für einen be­schleunigten Aufbau der Verteidigung Europas edn. Die Senatoren sind Mitglie­der des Außenpolitischen Senatsaueschus- ses. Sie bereisten in den letzten Wochen Frankreich , Großbritannien , Spanien , Ita­ lien , Griechenland , die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei , um sich ein Bild vom Rüstungsstand der europäischen Staaten zu machen. Sie werden über ihre Eindrücke vor den Senatsausschüssen be­richten, die über das kombinierte neue wirtschaftliche und militärische Auslands- hilfsprogramm Präsident Trumans in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar beraten werden. Der demokratische Senator Green, der die Gruppe während der Europareise führte, sagte, einige der Atlantikpaktnationen könnten für den Aufbau ihrer Streitkräfte mehr tun, als sie gegenwärtig täten. Sie brauchten dazu jedoch die Hilfe der USA , fügte er hinzu. Der republikanische Sena­tor Wiley äußerte,, die westliche Welt sei äußerst schwach. „Wir können unsere mili­tärische Stärke gar nicht schnell genug aufbauen“', ergänzte Wiley.

Die Senatoren- äußerten sich nicht direkt zu den Verhandlungen über die Einbezie-

WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes

Ein Tief über der Nordsee, auf dessen Süd­seite frische Meeresluft nach Mitteleuropa ein­fließt, füllt sich auf. Wir haben daher wieder mit langsamer Wetterhesserung zu rechnen. Vor­hersage bis Donnerstagabend: Am Mittwoch zu­nächst noch stark bewölkt mit einzelnen leichten Niederschlägen und noch ziemlich kühl. Am Donnerstag zeitweilig heiter, trocken und etwas wärmer.

SÜDKURIER

Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nach­richtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Bede. Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH.. Konstanz Marktstätte 4. Druck: Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz GmbH.

100 DM in Zürich : 24. 7.: 90/92 sfr.

hung spanischer Stützpunkte in die west­liche Verteidigung. Green erklärte jedoch, Schritte zur Erweiterung des atlantischen Paktsystems würden die Verpflichtungen jedes Mitgliedstaates des Atlantikpakts erhöhen. In einigen europäischen Ländern sei die Auffassung stark vertreten worden, daß der Rahmen des Atlantikpaktes er­weitert werden müsse. Dabei gelte es je­doch zu bedenken, daß „eine Kette gerade so stark ist wie ihr schwächstes Glied“.

Eisenbower: Pax atlantica

PARJIS. Ein dauerhafter Friede, eine „Pax atlantica", sei das Ziel der im Atlan­tikpakt zusammengeschloasenen Nationen, sagte General Eiisenhower bei der Einwei­hung seines neuen Hauptquartiers an Roc- quen-court zwischen St. Germain und Ver­ sailles bei Paris . Zum erstenmal in der Geschichte hätten die Alliierten mitten im Frieden ein militärisches Hauptquartier errichtet, das der Erhaltung des Friedens dienen soll.

Zuvor, hatte Staatspräsident Auriol das Gelände des neuen Hauptquartiers dem atlantischen. Oberbefehlshaber in einer kurzen Feierlichkeit übergeben.

Nach den kurzen Ansprachen Auriols und General Eisenhowers ertönte ein Kanonenschuß. Von je einem Soldaten des betreffenden Staates gehißt stiegen an zwölf Masten die Fahnen der Mitglied­staaten des Atlantikpaktes flatternd in den Himmel empor.

Rohstoffnöte in England

LONDON . Der britische Versorgungs­minister Strauß teilte in der Rüstungs­debatte des Unterhauses mit, daß die Ge­samtproduktion im ersten Jahr des Drei- jahres-Aufrüstungsprogramms dem Plan­soll entspreche. Die Erzeugnug steige langsam aber stetig. Die Knappheit an Arbeitskräften, Rohstoffen und Werkzeug­maschinen bilde jedoch Engpässe. Bis zum Jahre 1954 müßten noch 500 000 Arbeiter in die Rüstungsproduktion eingeschaltet werden. Zur Erfüllung des Rüstungspro- gramms sei es notwendig, den zivilen

WIESBADEN . „Die internationale Fahn­dung nach dem flüchtig gewordenen Ver­brecher ist im Gange“.„Die Polizei­

behörden der benachbarten Länder arbeiten bei der Verfolgung des Mörders mit unse­ren Beamten auf das engste zusammen“ ... Immer wieder liest man im Anschluß an Meldungen von irgendwelchen Kapital­verbrechen solche und ähnliche Sätze. Ver­brecher können sich nicht mehr wie in längst vergangenen Zeiten sicher glauben, wenn sie die Landesgrenze überschritten haben.

Der Abwehrkampf gegen die Verbrecher­welt ist eines der wenigen Gebiete, auf denen die internationale Zusammenarbeit bereits wieder in recht erfreulichem Maße imgange ist. Die internationale Kriminali­stik konnte nach dem Kriege ziemlich rasch und umfassend wieder aufgebaut werden. Das ist für den Sicherheitsschutz der Bevölkerung aller Länder wichtig, denn einige Kategorien gerade der schlimmsten und gefährlichsten Verbrecher zählen zu der Spezialgruppe der „reisenden Verbre­cher“. Dazu gehören neben manchen Ein- brecher-„Königen“ und Großschiebern vor allem die Rauschgifthändler, Mädchen­händler und Falschmünzer, insbesondere diejenigen Gruppen, gegen die bereits der Genfer Völkerbund eine gemeinsame Ab­wehr organisiert hatte.

Die Voraussetzu- - für eine rasche und wirksame Zusammenarbeit der Kriminal­behörden der einzelnen Länder ist selbst­verständlich, daß in jedem Lande die Kri­minalpolizei straff und einheitlich organi­siert ist. In der Bundesrepublik hat es bis­her an einer solchen Organisation gefehlt, die aber jetzt im Aufbau begriffen ist. Von den zwölf Landesregierungen (ein­schließlich Westberlins) hat jede ihr eige­nes Landeskriminalamt. Schon innerhalb Westdeutschlands war es daher bei der

Unmenschlicher Protest

LUDWIGSBURG . Ein Landwirt aus Mög­lingen (Bezirk Ludwigsburg ) erinnerte die­ser Tage seine Wohnungsbehörde auf sehr drastische Weise an sein Anliegen. Er setzte seinen vierzehn Monate alten Sohn auf eine Bank im Ludwigsburger Landratsamt und verschwand. Dem Kind hatte der Va­ter einen Zettel in die Hand gegeben, auf dem stand, daß er für den Jungen in sei­ner Wohnung keinen Platz mehr habe. Der Landwirt wird sich jetzt wegen Kindsaus­setzung vor Gericht verantworten müssen.

Verfolgung eines Verbrechers notwendig, daß die entsprechenden Mitteilungen und Anfragen einer Landesbehörde an die elf anderen gerichtet wurden. Diese Arbeit wird bedeutend erleichtert und vor allem beschleunigt werden (und darauf kommt es meist entscheidend an), wenn eine Zen­tralstelle besteht, bei der alle solchen Er­mittelungen zusammenlaufen bzw. weiter­geleitet werden. Diese Spitzenbehörde wird das Bundeskriminalamt sein, das im September seine Tätigkeit in Wiesbaden aufnehmen soll.

Der Auftau dieses Amtes wird von Mi­nisterialdirektor Hagemann im Ministe­rium des Innern in Bonn geleitet. Der be­reits jetzt vorhandene Kern oder Kristalli­sationspunkt der neuen Behörde ist das Landeskriminalamt in Hamburg , welches vorläufig einen Teil der Aufgaben mit wahrnimmt, die künftig von Wiesbaden aus erledigt werden sollen.

Die Tätigkeit der Kriminalpolizei glie­dert eich in zwei Hauptgebiete: den Er­kennungsdienst und den Fahndungsdienst. Der eine ist seinem Wesen nach ein „In­nendienst“, der andere ein „Außendienst“, eine Exekutive. Besonders der Erken­nungsdienst verlangt eine straffe Zentrali­sierung, damit die Kartei (volkstümlich „Verbrecheralbum“ genannt) möglichst um­fassend und für alle Länder und Ortsbe­hörden rasch und leicht — “

zugänglich ist. Umge­kehrt muß die Exekutive in den meisten Fällen von den lokalen Instan­zen der Kriminalpolizei wahrgenommen werden.

Eine wichtige Aufgabe wird die Zusammen­arbeit miit den Behör­den des Auslandes sein.

In Paris befindet sich die „Interpol“, die in­ternationale Polizei kio-m- mission, mit der die Zen­tralbehörden der meisten Länder im Verkehr ste­hen, um ein rasches Zu­greifen gegen einen Ver­brecher zu ermöglichen.

Es ist klar, daß diese Zusammenarbeit glatter vor sich geht, wenn die „Interpol“ es mit einem einzigen deutschen Bun­desamt anstatt mit zwölf Landesämtern zu tun haben wird.

dieser gefeierte Tenor andere Kunststättem für seine letzte Opernrolle finden können, als dies Rovigo in der brüllend heißen Po- Ebene mit seinen knapp 13 000 Einwohnern. Doch die Bürger dieses Städtchens wußten sehr gut, weshalb er just zu ihnen gekom­men war. Hier hatte Gigli im Frühjahr 1914 zum erstenmal auf den Brettern ge­standen, die ihm später die Welt bedeute­ten. Die Sängerin, die damals neben ihm als eine bildschöne Brünette stand, Tina Poli Randacci», war inzwischen eine be­tagte Matrone geworden. Dennoch sang sie wieder neben dem so berühmt gewor­denen Kollegen die Hauptrolle der „Gio- conda“. Die Kunstfreunde von Rovigo lie­ßen die Tränen reichlich fließen, als der Vorhang fiel. Die Sängerin ersthien mit Kindern und Enkelkindern auf der kleinen verstaubten Bühne, und Benjamino Gigli erbat sich Gehör.

Er erzählte seinen allerletzten Zuhörern, daß er genau genommen gar nicht in Riavigo begonnen habe. Das war den Leu­ten von Rovigo gar nicht lieb zu hören, denn eie waren sehr stolz darauf, ihren Benjamino „entdeckt“ zu haben. In Wirk­lichkeit, so berichtete der Tenor, habe er ganz heimlich in Rom auf den Bühnen der kleinen Vorstadttheater zu singen begon­nen. In den Jahren von 1911 bis 1913, als er sich auf der Accademia di Santa Cesi- lia recht kümmerlich durchgeschlagen habe. „Ich nannte mich Benjamino Rosi“, berichtete der Sänger. „Als Benjamino Gigli bin ich bei Euch angefangen!“ Nun — das war den Bürgern von Rovigo e;n Pflaster auf die Wunde. Sie verliehen Gigii die Ehrenbürgerurkunde und später — nach der Aufführung — fragten ihn alte Freunde, was er nun zu tun gedenke.

„Ich gehe nach Montarice und werde das tun, was ich immer getan habe, wenn ich nichts zu tun hatte: Briefmarken sammeln und Karten spielen!“

In Rovigo betrachtet man Gigli als den großen Sohn des Städtchens. Sein Name prangt an dem Städtischen Krankenhaus, sein Geld macht es möglich, daß die kleine Stadt eine sehr geachtete Musikschule be­sitzt. Gigli hat stets durch seine Liebens­würdigkeit entwaffnet, obwohl er aus einer Gegend stammt, in der die Menschen für italienische Verhältnisse recht verschlossen sind. In Recanati, einem winzigen Berg­städtchen der Landschaft Ancona , sollte er einst bei einem Apotheker in die Lehre. Wahrscheinlich wäre er von daheim durch­gebrannt, wenn dieser elterliche Befehl nicht rückgängig gemacht worden wäre.

Wenn auch sein Vermögen, das er sich in 37 Jahren Bühnentätigkeit sammelte, durch die recht schwindsüchtige Lira sehr ge­schmolzen ist, so kann Benjamino Gigli jetzt mit 61 Jahren ganz beruhigt in seinen Briefmarkenalben blättern.

Meditation

Kreml

Wann lasse ich welche Bombe lallen?

Zeichnung: H. Gutschow

Aischylos und die Arbeiter

Rückblick auf die Ruhrfestspieie

Am 29. Jüli wird eine Aufführung der Neunten Beethovens durch das Kölner Gürzenich-Ensemble den Ausklang der Ruhrfestspiele in Recklinghausen akzen­tuieren. In der Rückschau auf die fünf Wochen, die seit unserem Eröffnungsbe­richt vergangen sind, darf die geistige Ak­tivität des Deutschen Gewerkschaftsbundes als ein besonderer Wert herzhaft aner­kannt werden. Sie hielt sich in der Wahl der darzubietenden Kunstwerke an das Bewahren der großen Ueberiieferung, auf der wir fußen, die dabei zum Teil für das im Saalbau zusammenströmende und in seiner Teilnahme nicht nachlassende Publi­kum, die Bergarbeiter des Kohlenreviers, neu entdeckt werden muß. Das geschah in Interpretationen, die ganz allgemein der Gegenstände würdig waren und auch wirk­lich begriffen wurden. Gelänge es nun künftig (wie vor Jahresfrist in Kafkas „Prozeß“) auch in unbekanntes Gebiet vorzustoßen, dann wäre, zumal eine un­verbrauchte Gemeinde oft viel spontaner und selbstverständlicher als die Experten reagiert, eine weitere wichtige Position für die „Kulturtage der Arbeit“ gewonnen.

Doch halten wir uns an das, was war. Es reichte von der antiken Klassik des Aischylos bis zu Strawinekys Violinkon­zert. Denn mit Konzerten namhafter Or­chester war jetzt auch die Sinfonik be­dacht. Joseph KeUberth dirigierte sehr vi­tal das Philharmonische Staatsorchester Hamburg : (Hinderndths Weber-Metamor­phosen, Mährische Tänze von Janaczek und die Enste von Brahms .) Der sugge­stive, rasch berühmt gewordene Ungar Ferenc Friscay setzte sich mit dem Köl­ ner Rundfunk-Sinfonieorchester, den glän­zenden belgischen Geiger Arthur Gru- rrtiaux begleitend, für das Strawinsky- Konzert (und vor- und nachher für Haydns „Uhr“ und Schuberts großes C-dur-Werk)

Zum ersten Male fand auch der künst­lerische Tanz seinen Platz: Kurt Jooß kam mit dem Folkwang-Tanztheater der Stadt Essen und zeigte die bannende Ausdrucks­kraft seines Tanzdramas „Der Grüne Tisch“.

Ein bemerkenswertes Maß von Ge­schlossenheit in der Deutung des Revolu- tions- und Bekenntnisdramas ,f>antons Tod“ von Georg Büchner erreichte Hans Schweikart mit seinen Münchner Kam­merspielen selbst da, wo die ihm zur Verfügung stehenden Darsteller nicht ganz dem Ideal entsprachen. (Titelrolle: Horst Caspar , Robespierre : Friedrich Domin .)

Aus der „Zauberflöte “ machte Günter Rennert, das Ensemble der Hambur- gischen Staatsoper locker führend, ein richtiges Zauberstück, mit viel Getier, in ganz naiven, die Entstehungszeit stilisie­renden Dekorationen Alfred Sierckes. Das wurde mehr Schikaneder als Mozart und war sehr reizvoll, obwohl es musikalisch (Dirigent: Hans Schmidt-Isserstedt ) nur zu einer guter Stadttheateraufführung reichte.

Als letzte Premiere steuerten die Büh­nen der Stadt Köln Smetanas komische Oper „Die verkaufte Braut “ zu, die von dem Dirigenten Richard Kraus und dem Regisseur Erich Bormann straff vorberei­tet und in Erich Metzoldts und Wera Schawlinskys farbenfreudiger Aufmachung auf griffige Popularität angelegt war. (Ti­telpartie: Anny Schlemm , mit großer, be­wegter Stimme.)

Eine viertägige Diskussion zwischen Ver­tretern der Gewerkschaften, der Kunst, Wissenschaft, Industrie und Publizistik beschäftigte sich, allmählich immer fester zupackend, mit dem Thema „Der Film als gesellschaftbildende Kraft“ (Leitung Dr. Helmut Körnig), wie wir schon, verschie­dene Details mitteiiend, meldeten.

Das drei+ 3 gige. von Prof. Fmen Kogon gelenkte „Europäische Gespräch“ unter­

suchte das Problem „Die Manager, die Ar­beiter und die Kultur“. Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben von fünf euro­ päischen Ländern beteiligten und bemüh­ten sich, die Wechselwirkung zwischen W irtschaft, Politik und Kultur zu er­gründen.

Wie diese Debatten, so hatten auch die Theaterabende — ziehen wir, trotz kriti­scher Anmerkungen zu einzelnen Pro­grammpunkten, die Summe — Niveau. Die vom Kulturreferat des DGB (außer der eigens für den Sommer 1951 vereinigten ,J>on - Carlos“ - Besetzung) für jeweils mehrfach wiederholte Gastspiele verpflich­teten Schauspiel-, Sänger- und Instrumen­tal-Ensembles interpretierten in durchaus großstädtischer Sicht bedeutende Schöp­fungen aus bedeutenden Bezirken. Und das ist als Ergebnis, zumal nicht eine Niete dabei war, sehr ermutigend für die Arbeit der kommenden Jahre.

Dr. Günter Schab

„Die Insel" in Karlsruhe

Es gehört wahrhaftig Mut dazu, jetzt, mitten im Hochsommer, ohne jeden staat­lichen oder städtischen Zuschuß, nur aus eigenen Mitteln, ein neues Theater aufzu­machen, und zwar eines mit höchsten lite­rarischen Ambitionen. Das tat der ehe­malige Pforzheimer Intendant Erich Schudde, der jetzt, mit dem Schauspieler Werner Wedekind zusammen, in Karls­ ruhe ein Privattheater „Die Insel“ eröff- nete. Diese neue Bühne wird in der Tat insofern eine „Insel “ sein, als auf ihr die Autoren zu Worte kommen werden, denen sich die subventionierten Theater mehr und mehr verschließen. Vor allem sollen auch die jungen deutschen Dramatiker be­achtet werden, die in den letzten Jahren von seiten der deutschen Bühne eine mehr als stiefmütterliche Behandlung erfuhren.

Stefan Andres ’ „Gottes Utopia“ wurde zur Eröffnung der „Insel “ gespielt. DieseE Stück wird immer ein Experiment bleiben.

Erich Schuddes kraftvolle, die spärliche Handlung intensivierende Inszenierung ließ trotzdem einen Hauch von echtem Theater verspüren. Im ausverkauften Haus spürte man echte Begeisterung und der Beifall nahm geradezu demonstrative For­men an. M. Th. B.

Ein Lexikon der Mode

Drape, Tablier, Panneau, Consage, Jupe , Echarpe, Guipure-Kleid. Organzagarnitur, Tmprime-Gamitur, Pailletten ... das sind einige (durchaus nicht alle!) Fachworte, die in beliebig herausgegriffenen 30 Druckzei­len eines Modeberichtes in einer Schwei­ zer Zeitung zu finden waren. Wer von den männlichen Lesern, ja, wer von den weib­lichen, mag sie alle verstehen? Wem dar­um zu tun ist — und vielleicht sind das mehr, als der Laie ahnt — dem wird das schöne Lexikon der Mode hochwillkcgjntnen sein, das Ruth Klein im Woldemar-Klein- Verlag, Baden-Baden , herausgab.

Das ungewöhnlich großzügig ausgestat­tete Werk, zu dem die über das Fachliche hinaus begabte Modezekhnerin Marietta Riederer an die tausend farbige Illustra­tionen gezeichnet hat, gibt alsbald einen deutlichen Begriff davon, daß und wie sehr die Mode von den französischen Mode­schöpfern nun schon seit Jahrhunderten bestimmt ist Ein überwiegender Teil der Fachbezeichnungen ist französischen Ur­sprungs. Barock und Rokoko, die Zeitalter der frei entfalteten und verfeinerten Ge­selligkeit, verhalten der französischen Mode zur Vorherrschaft in Europa und schließlich der ganzen zivilisierten Welt Im Lexikon der Modejoumalistin Ruth Klein blätternd, findet der Kulturhistoriker ganze Kapitel seines Interessengebietes in neuer Beleuchtung. Mode ist nämlich nicht identisch mit Kostümkunde. Diese ist nur ein Teil des soziologischen Faktors Mode. Längst wissen die Voikswirtschaftler, was für ein bedeutender Teil der Industrie die Mode sein kann. Darum genießen die Mo­dekünstler in Frankreich größte Popula- ,

rität und ein so hohes Ansehen, daß auch bedeutende Maler das Modezeichnen nicht für unter ihrer Würde zu halten brauchen.

In Deutschland stand vor dem Kriege die Mode-Industrie ihrer Exportbedeutung nach nicht (hinter der Schwerindustrie zu­rück. Es wird sehr schwer sein, insbeson­dere der deutschen Konfektion diese Be­deutung zurückzuerobem. Kleine aber höchst wichtige Steine bei diesem Wieder­aufbau sind publizistische Arbeiten auf- kiärenden und verdeutlichenden Charak­ters. Das Lexikon von Ruth Klein, bei Burda in Offenburg vorbildlich gedruckt, ist in diesem Sinne schon ein Grundstein.

F.A.

KULTURNACHRICHTEN

„Verschollene und Verges­sene“ heißt eine Schriftenreihe der .Akademie der Wissenschaften und der Literatur “ in Mainz , als deren Sinn die Erinnerung an bedeutende, unlängst ver­storbene und zu Unrecht schnell ver­gessene Persönlichkeiten der Literatur er­klärt wird. Der erste Band dieser Reihe ist soeben erschienen. Er ist dem Dichter Theodor Däubler gewidmet. Eine Einfüh­rung in sein Werk von Hanns Ulbricht und Proben aus den Dichtungen bringen die ungestüme Kraft dieses Wanderer- Dichters dem Leser von heute wieder ins Bewußtsein. Weitere Bände der verdienst­lichen Reihe werden u. a. Arno Holz . Max Hermarm-Neisse, Alfred Mombert , Rudolf Borchardt und Else Lasker-Schüler ge­widmet sein.

Die erste deutsch -türkische Gemeinschaftsausgrabung nach dem Kriege wird am 1. August in Sinob/ Kleinasien (früher Sinope) mit einem Staatsakt eröffnet Deutsche und türkische Archäologen werden in mehrjährigen Ab­schnitten die altgriechische Handelsstadt und spätere Residenz der Könige von Pontos, Sinope am Schwarzen Meer , syst»' matisch freilegen.