Nr. 114 / Seit« t
Mittwoch, 25. Juli 1051
SÜDKURIER
Kupfer als Lösegeld
NEW YORK . Der Korrespondent der „New York Times “, Sulzberger, berichtete aus Paris , spanische Konzerne hätten in den letzten Wochen über 25 000 Tonnen reines Kupfer an die Sowjetunion verkauft Es werde angenommen, daß ein Teil dieses Kupfers — wenn nicht sogar die ganze Menge — aus spanischen Kupfer- bergWerken stammte. Sulzberger fügt hinzu, es gelte als sicher, daß die Madrider Regierung sowohl um die Verhandlungen als um den schließllchen Verkauf gewußt habe. Soweit sich habe feststellen lassen, sei ein ägyptischer Mittelsmann bei den einleitenden Verhandlungen für beide Parteien aufgetreten. Der Berichterstatter schreibt weiter, ein zweiseitiges Abkommen zwischen den USA und Spanien werde wahrscheinlich dazu führen, daß Spanien ein Ausfuhrverbot für rüstungswichtige Güter nach kommunistischen Ländern erläßt.
Aus zuverlässiger Quelle sei schließlich mitgeteilt worden, daß Spanien als Voraussetzung für die Kupfertransaktion von der Sowjetunion die Freilassung von tausend spanischen Kriegsgefangenen — Angehörigen der früheren „Blauen Division “ Gefordert habe.
Neue Regierung de Gasperi
ROM. Die neue italienische Regierung ist gebildet. Der kürzlich zurückgetretene Ministerpräsident Alcide de Gasperi , der mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt worden war, teilte Staatspräsident
Einaudi offiziell mit, daß ihm die Bildung seiner siebenten Regierung gelungen »ei. Es wird eine Zwei-Parteien-Koalitions- regierung werden, die sich aus christlich- demokratischen Ministern und wahrscheinlich zwei Republikanern zusammensetzen wird. Wie in Rom verlautet, ist das Kennzeichen der neuen Regierung eine Reorganisation des Schatz- und Finanzministeriums.
West-östliche Getreide-Konferenz
LONDON . Großbritannien hat sich grundsätzlich bereit erlärt, an einer Zusammenkunft von Sachverständigen mehrerer west- und osteuropäischer Länder einschließlich der Sowjetunion teilzunehmen, in der die Mögliheiten zu Besprechungen über den Getreidehandel geprüft werden sollen.
Die Anregung zu der beabsichtigten Konferenz stammt von dem Generalsekretär der UNO -Wirtschaftskommission für Europa , dem Schweden Gunnar Myrdal . Der stellvertretende sowjetische Außenminister Gromyko hatte ihn bereits Mitte Juli telegrafisch davon verständigt, daß sich die Sowjetregierung an einer technischen Konferenz über die Förderung des Ost-Westhandels beteiligen würde.
Ort und Zeit der geplanten Sachverständigenkonferenz sind noch nicht festgelegt. Die zur Teilnahme eingeladenen Länder sind Großbritannien , Frankreich und Dänemark sowie die osteuropäischen Staaten Polen , Ungarn und die Sowjet union .
Verbrauch einzuschränken oder dl« Produktivität erheblich zu steigern.
Der Labour -Abgeordnete Mikardo behauptete, man lege der britischen Verteidigungspolitik falsche Schätzungen über die militärische Stärke der Sowjetunion zugrunde. Mikardo gehört der oppositionellen Bevan-Gruppe an, die für eine Kürzung des Rüstungsprogramms zugunsten der Sozialpolitik «dntritt.
SS -Führer zum Tode verurteilt
WARSCHAU . Der frühere SS -General Jürgen Stroop und der ehemalige Hauptmann Franz Konrad wurden von einem polnischen Gericht in Warschau zum Tode verurteilt. Stroop und Konrad waren angeklagt, die jüdische Bevölkerung im Warschauer Ghetto ausgerottet zu haben. Die beiden zum Tode Verurteilten sollen nach einer Meldung des polnischen Rundfunks in Kürze hingerichtet werden.
Kameraden wollen gutmachen
BAD HERSFELD . Angehörige einer in Bad Hersfeld stationierten Kompanie haben 225 Dollar für die Frau des Taxifahrers Kurt Meschkat in Bad Hersfeld gesammelt, der in der Nacht zum Montag von zwei amerikanischen Soldaten ermordet wurde. Die Summe wurde der Witwe als erste Hilfe überbracht.
Benjamino Gigli verläßt die Bühne
Abschiedsvorstellung ln seiner Heimatstadt — Heimliche Liebhaberei: Briefmarken
Vor etwa zwanzig Jahren trafen sich in Berlin zufällig drei der größten Sänger, die man damals kannte: Der Russe Fjodor Schaljapin , der Deutsche Richard Tauber und der Italiener Benjamino Gigli . Sie traten fast zur gleichen Zeit an der Spree auf und sangen eines Abends in fröhlicher Stimmung bei Lutter und Wegner ein scherzhaftes Terzett. Bei dieser Gelegenheit wurden die drei Sängei gefragt, worauf es bei ihrer Kunst ankäme. Schalja pin , recht animiert, brummte: ,Auf einen großen Mund!“ Tauber nahm die Frage von der intellektuellen Seite und erwiderte: ,Auf 90 Prozent Gedächtnis und 10 Prozent Intelligenz!“ Gigli sagte: „Vidi Arbeit und ein kleines Etwas im Herzen!“ Was er damit meinte, hat er vielleicht am besten vor kurzem in Rovigo , einer der abseitigsten und langweiligst gelegenen Stadt Italiens offenbart
Gigli kam direkt von New York , stieg in der .Eisernen Krone “ von Rovigo ab, war einige Tage höchst heimlich beschäftigt, und dann leuchtete von allen Plakatflächen des Städtchens die Ankündigung, daß Benjamino Gigli die Absicht habe, sich im Teatro Soziale für immer von der Oeffent- lichkeit zu verabschieden. Weiß Gott hätte
Kampf gegen Verbr edier weit zentralisiert
Bundeskriminalamt im Aufbau — Wieder internationale Zusammenarbeit
WASHINGTON . Sieben USA -Senatoren setzten sich in Washington für einen beschleunigten Aufbau der Verteidigung Europas edn. Die Senatoren sind Mitglieder des Außenpolitischen Senatsaueschus- ses. Sie bereisten in den letzten Wochen Frankreich , Großbritannien , Spanien , Ita lien , Griechenland , die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei , um sich ein Bild vom Rüstungsstand der europäischen Staaten zu machen. Sie werden über ihre Eindrücke vor den Senatsausschüssen berichten, die über das kombinierte neue wirtschaftliche und militärische Auslands- hilfsprogramm Präsident Trumans in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar beraten werden. Der demokratische Senator Green, der die Gruppe während der Europareise führte, sagte, einige der Atlantikpaktnationen könnten für den Aufbau ihrer Streitkräfte mehr tun, als sie gegenwärtig täten. Sie brauchten dazu jedoch die Hilfe der USA , fügte er hinzu. Der republikanische Senator Wiley äußerte,, die westliche Welt sei äußerst schwach. „Wir können unsere militärische Stärke gar nicht schnell genug aufbauen“', ergänzte Wiley.
Die Senatoren- äußerten sich nicht direkt zu den Verhandlungen über die Einbezie-
WETTERVORHERSAGE des Amtlichen Landeswetterdienstes
Ein Tief über der Nordsee, auf dessen Südseite frische Meeresluft nach Mitteleuropa einfließt, füllt sich auf. Wir haben daher wieder mit langsamer Wetterhesserung zu rechnen. Vorhersage bis Donnerstagabend: Am Mittwoch zunächst noch stark bewölkt mit einzelnen leichten Niederschlägen und noch ziemlich kühl. Am Donnerstag zeitweilig heiter, trocken und etwas wärmer.
SÜDKURIER
Verantwortlich für Politik: Konrad Gunst. Nachrichtendienst: Graf Ludwig Douglas - Wirtschaft: Dr. Gustav Adolf Groß. Feuilleton: Ludwig Emanuel Reindl. Heimat: Alois Bede. Herbert Steinert. Sport: Alfred Strobel. Chef vom Dienst: Helmut Jacobsen. Verlag: Südkurier GmbH.. Konstanz Marktstätte 4. Druck: Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz GmbH.
hung spanischer Stützpunkte in die westliche Verteidigung. Green erklärte jedoch, Schritte zur Erweiterung des atlantischen Paktsystems würden die Verpflichtungen jedes Mitgliedstaates des Atlantikpakts erhöhen. In einigen europäischen Ländern sei die Auffassung stark vertreten worden, daß der Rahmen des Atlantikpaktes erweitert werden müsse. Dabei gelte es jedoch zu bedenken, daß „eine Kette gerade so stark ist wie ihr schwächstes Glied“.
Eisenbower: Pax atlantica
PARJIS. Ein dauerhafter Friede, eine „Pax atlantica", sei das Ziel der im Atlantikpakt zusammengeschloasenen Nationen, sagte General Eiisenhower bei der Einweihung seines neuen Hauptquartiers an Roc- quen-court zwischen St. Germain und Ver sailles bei Paris . Zum erstenmal in der Geschichte hätten die Alliierten mitten im Frieden ein militärisches Hauptquartier errichtet, das der Erhaltung des Friedens dienen soll.
Zuvor, hatte Staatspräsident Auriol das Gelände des neuen Hauptquartiers dem atlantischen. Oberbefehlshaber in einer kurzen Feierlichkeit übergeben.
Nach den kurzen Ansprachen Auriols und General Eisenhowers ertönte ein Kanonenschuß. Von je einem Soldaten des betreffenden Staates gehißt stiegen an zwölf Masten die Fahnen der Mitgliedstaaten des Atlantikpaktes flatternd in den Himmel empor.
LONDON . Der britische Versorgungsminister Strauß teilte in der Rüstungsdebatte des Unterhauses mit, daß die Gesamtproduktion im ersten Jahr des Drei- jahres-Aufrüstungsprogramms dem Plansoll entspreche. Die Erzeugnug steige langsam aber stetig. Die Knappheit an Arbeitskräften, Rohstoffen und Werkzeugmaschinen bilde jedoch Engpässe. Bis zum Jahre 1954 müßten noch 500 000 Arbeiter in die Rüstungsproduktion eingeschaltet werden. Zur Erfüllung des Rüstungspro- gramms sei es notwendig, den zivilen
WIESBADEN . „Die internationale Fahndung nach dem flüchtig gewordenen Verbrecher ist im Gange“.„Die Polizei
behörden der benachbarten Länder arbeiten bei der Verfolgung des Mörders mit unseren Beamten auf das engste zusammen“ ... Immer wieder liest man im Anschluß an Meldungen von irgendwelchen Kapitalverbrechen solche und ähnliche Sätze. Verbrecher können sich nicht mehr wie in längst vergangenen Zeiten sicher glauben, wenn sie die Landesgrenze überschritten haben.
Der Abwehrkampf gegen die Verbrecherwelt ist eines der wenigen Gebiete, auf denen die internationale Zusammenarbeit bereits wieder in recht erfreulichem Maße imgange ist. Die internationale Kriminalistik konnte nach dem Kriege ziemlich rasch und umfassend wieder aufgebaut werden. Das ist für den Sicherheitsschutz der Bevölkerung aller Länder wichtig, denn einige Kategorien gerade der schlimmsten und gefährlichsten Verbrecher zählen zu der Spezialgruppe der „reisenden Verbrecher“. Dazu gehören neben manchen Ein- brecher-„Königen“ und Großschiebern vor allem die Rauschgifthändler, Mädchenhändler und Falschmünzer, insbesondere diejenigen Gruppen, gegen die bereits der Genfer Völkerbund eine gemeinsame Abwehr organisiert hatte.
Die Voraussetzu- - für eine rasche und wirksame Zusammenarbeit der Kriminalbehörden der einzelnen Länder ist selbstverständlich, daß in jedem Lande die Kriminalpolizei straff und einheitlich organisiert ist. In der Bundesrepublik hat es bisher an einer solchen Organisation gefehlt, die aber jetzt im Aufbau begriffen ist. Von den zwölf Landesregierungen (einschließlich Westberlins) hat jede ihr eigenes Landeskriminalamt. Schon innerhalb Westdeutschlands war es daher bei der
Unmenschlicher Protest
LUDWIGSBURG . Ein Landwirt aus Möglingen (Bezirk Ludwigsburg ) erinnerte dieser Tage seine Wohnungsbehörde auf sehr drastische Weise an sein Anliegen. Er setzte seinen vierzehn Monate alten Sohn auf eine Bank im Ludwigsburger Landratsamt und verschwand. Dem Kind hatte der Vater einen Zettel in die Hand gegeben, auf dem stand, daß er für den Jungen in seiner Wohnung keinen Platz mehr habe. Der Landwirt wird sich jetzt wegen Kindsaussetzung vor Gericht verantworten müssen.
Verfolgung eines Verbrechers notwendig, daß die entsprechenden Mitteilungen und Anfragen einer Landesbehörde an die elf anderen gerichtet wurden. Diese Arbeit wird bedeutend erleichtert und vor allem beschleunigt werden (und darauf kommt es meist entscheidend an), wenn eine Zentralstelle besteht, bei der alle solchen Ermittelungen zusammenlaufen bzw. weitergeleitet werden. Diese Spitzenbehörde wird das Bundeskriminalamt sein, das im September seine Tätigkeit in Wiesbaden aufnehmen soll.
Der Auftau dieses Amtes wird von Ministerialdirektor Hagemann im Ministerium des Innern in Bonn geleitet. Der bereits jetzt vorhandene Kern oder Kristallisationspunkt der neuen Behörde ist das Landeskriminalamt in Hamburg , welches vorläufig einen Teil der Aufgaben mit wahrnimmt, die künftig von Wiesbaden aus erledigt werden sollen.
Die Tätigkeit der Kriminalpolizei gliedert eich in zwei Hauptgebiete: den Erkennungsdienst und den Fahndungsdienst. Der eine ist seinem Wesen nach ein „Innendienst“, der andere ein „Außendienst“, eine Exekutive. Besonders der Erkennungsdienst verlangt eine straffe Zentralisierung, damit die Kartei (volkstümlich „Verbrecheralbum“ genannt) möglichst umfassend und für alle Länder und Ortsbehörden rasch und leicht — “
zugänglich ist. Umgekehrt muß die Exekutive in den meisten Fällen von den lokalen Instanzen der Kriminalpolizei wahrgenommen werden.
Eine wichtige Aufgabe wird die Zusammenarbeit miit den Behörden des Auslandes sein.
In Paris befindet sich die „Interpol“, die internationale Polizei kio-m- mission, mit der die Zentralbehörden der meisten Länder im Verkehr stehen, um ein rasches Zugreifen gegen einen Verbrecher zu ermöglichen.
Es ist klar, daß diese Zusammenarbeit glatter vor sich geht, wenn die „Interpol“ es mit einem einzigen deutschen Bundesamt anstatt mit zwölf Landesämtern zu tun haben wird.
dieser gefeierte Tenor andere Kunststättem für seine letzte Opernrolle finden können, als dies Rovigo in der brüllend heißen Po- Ebene mit seinen knapp 13 000 Einwohnern. Doch die Bürger dieses Städtchens wußten sehr gut, weshalb er just zu ihnen gekommen war. Hier hatte Gigli im Frühjahr 1914 zum erstenmal auf den Brettern gestanden, die ihm später die Welt bedeuteten. Die Sängerin, die damals neben ihm als eine bildschöne Brünette stand, Tina Poli Randacci», war inzwischen eine betagte Matrone geworden. Dennoch sang sie wieder neben dem so berühmt gewordenen Kollegen die Hauptrolle der „Gio- conda“. Die Kunstfreunde von Rovigo ließen die Tränen reichlich fließen, als der Vorhang fiel. Die Sängerin ersthien mit Kindern und Enkelkindern auf der kleinen verstaubten Bühne, und Benjamino Gigli erbat sich Gehör.
Er erzählte seinen allerletzten Zuhörern, daß er genau genommen gar nicht in Riavigo begonnen habe. Das war den Leuten von Rovigo gar nicht lieb zu hören, denn eie waren sehr stolz darauf, ihren Benjamino „entdeckt“ zu haben. In Wirklichkeit, so berichtete der Tenor, habe er ganz heimlich in Rom auf den Bühnen der kleinen Vorstadttheater zu singen begonnen. In den Jahren von 1911 bis 1913, als er sich auf der Accademia di Santa Cesi- lia recht kümmerlich durchgeschlagen habe. „Ich nannte mich Benjamino Rosi“, berichtete der Sänger. „Als Benjamino Gigli bin ich bei Euch angefangen!“ Nun — das war den Bürgern von Rovigo e;n Pflaster auf die Wunde. Sie verliehen Gigii die Ehrenbürgerurkunde und später — nach der Aufführung — fragten ihn alte Freunde, was er nun zu tun gedenke.
„Ich gehe nach Montarice und werde das tun, was ich immer getan habe, wenn ich nichts zu tun hatte: Briefmarken sammeln und Karten spielen!“
In Rovigo betrachtet man Gigli als den großen Sohn des Städtchens. Sein Name prangt an dem Städtischen Krankenhaus, sein Geld macht es möglich, daß die kleine Stadt eine sehr geachtete Musikschule besitzt. Gigli hat stets durch seine Liebenswürdigkeit entwaffnet, obwohl er aus einer Gegend stammt, in der die Menschen für italienische Verhältnisse recht verschlossen sind. In Recanati, einem winzigen Bergstädtchen der Landschaft Ancona , sollte er einst bei einem Apotheker in die Lehre. Wahrscheinlich wäre er von daheim durchgebrannt, wenn dieser elterliche Befehl nicht rückgängig gemacht worden wäre.
Wenn auch sein Vermögen, das er sich in 37 Jahren Bühnentätigkeit sammelte, durch die recht schwindsüchtige Lira sehr geschmolzen ist, so kann Benjamino Gigli jetzt mit 61 Jahren ganz beruhigt in seinen Briefmarkenalben blättern.
Meditation
Wann lasse ich welche Bombe lallen?
Zeichnung: H. Gutschow
Am 29. Jüli wird eine Aufführung der Neunten Beethovens durch das Kölner Gürzenich-Ensemble den Ausklang der Ruhrfestspiele in Recklinghausen akzentuieren. In der Rückschau auf die fünf Wochen, die seit unserem Eröffnungsbericht vergangen sind, darf die geistige Aktivität des Deutschen Gewerkschaftsbundes als ein besonderer Wert herzhaft anerkannt werden. Sie hielt sich in der Wahl der darzubietenden Kunstwerke an das Bewahren der großen Ueberiieferung, auf der wir fußen, die dabei zum Teil für das im Saalbau zusammenströmende und in seiner Teilnahme nicht nachlassende Publikum, die Bergarbeiter des Kohlenreviers, neu entdeckt werden muß. Das geschah in Interpretationen, die ganz allgemein der Gegenstände würdig waren und auch wirklich begriffen wurden. Gelänge es nun künftig (wie vor Jahresfrist in Kafkas „Prozeß“) auch in unbekanntes Gebiet vorzustoßen, dann wäre, zumal eine unverbrauchte Gemeinde oft viel spontaner und selbstverständlicher als die Experten reagiert, eine weitere wichtige Position für die „Kulturtage der Arbeit“ gewonnen.
Doch halten wir uns an das, was war. Es reichte von der antiken Klassik des Aischylos bis zu Strawinekys Violinkonzert. Denn mit Konzerten namhafter Orchester war jetzt auch die Sinfonik bedacht. Joseph KeUberth dirigierte sehr vital das Philharmonische Staatsorchester Hamburg : (Hinderndths Weber-Metamorphosen, Mährische Tänze von Janaczek und die Enste von Brahms .) Der suggestive, rasch berühmt gewordene Ungar Ferenc Friscay setzte sich mit dem Köl ner Rundfunk-Sinfonieorchester, den glänzenden belgischen Geiger Arthur Gru- rrtiaux begleitend, für das Strawinsky- Konzert (und vor- und nachher für Haydns „Uhr“ und Schuberts großes C-dur-Werk)
Zum ersten Male fand auch der künstlerische Tanz seinen Platz: Kurt Jooß kam mit dem Folkwang-Tanztheater der Stadt Essen und zeigte die bannende Ausdruckskraft seines Tanzdramas „Der Grüne Tisch“.
Ein bemerkenswertes Maß von Geschlossenheit in der Deutung des Revolu- tions- und Bekenntnisdramas ,f>antons Tod“ von Georg Büchner erreichte Hans Schweikart mit seinen Münchner Kammerspielen selbst da, wo die ihm zur Verfügung stehenden Darsteller nicht ganz dem Ideal entsprachen. (Titelrolle: Horst Caspar , Robespierre : Friedrich Domin .)
Aus der „Zauberflöte “ machte Günter Rennert, das Ensemble der Hambur- gischen Staatsoper locker führend, ein richtiges Zauberstück, mit viel Getier, in ganz naiven, die Entstehungszeit stilisierenden Dekorationen Alfred Sierckes. Das wurde mehr Schikaneder als Mozart und war sehr reizvoll, obwohl es musikalisch (Dirigent: Hans Schmidt-Isserstedt ) nur zu einer guter Stadttheateraufführung reichte.
Als letzte Premiere steuerten die Bühnen der Stadt Köln Smetanas komische Oper „Die verkaufte Braut “ zu, die von dem Dirigenten Richard Kraus und dem Regisseur Erich Bormann straff vorbereitet und in Erich Metzoldts und Wera Schawlinskys farbenfreudiger Aufmachung auf griffige Popularität angelegt war. (Titelpartie: Anny Schlemm , mit großer, bewegter Stimme.)
Eine viertägige Diskussion zwischen Vertretern der Gewerkschaften, der Kunst, Wissenschaft, Industrie und Publizistik beschäftigte sich, allmählich immer fester zupackend, mit dem Thema „Der Film als gesellschaftbildende Kraft“ (Leitung Dr. Helmut Körnig), wie wir schon, verschiedene Details mitteiiend, meldeten.
Das drei+ 3 gige. von Prof. Fmen Kogon gelenkte „Europäische Gespräch“ unter
suchte das Problem „Die Manager, die Arbeiter und die Kultur“. Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben von fünf euro päischen Ländern beteiligten und bemühten sich, die Wechselwirkung zwischen W irtschaft, Politik und Kultur zu ergründen.
Wie diese Debatten, so hatten auch die Theaterabende — ziehen wir, trotz kritischer Anmerkungen zu einzelnen Programmpunkten, die Summe — Niveau. Die vom Kulturreferat des DGB (außer der eigens für den Sommer 1951 vereinigten ,J>on - Carlos“ - Besetzung) für jeweils mehrfach wiederholte Gastspiele verpflichteten Schauspiel-, Sänger- und Instrumental-Ensembles interpretierten in durchaus großstädtischer Sicht bedeutende Schöpfungen aus bedeutenden Bezirken. Und das ist als Ergebnis, zumal nicht eine Niete dabei war, sehr ermutigend für die Arbeit der kommenden Jahre.
Dr. Günter Schab
Es gehört wahrhaftig Mut dazu, jetzt, mitten im Hochsommer, ohne jeden staatlichen oder städtischen Zuschuß, nur aus eigenen Mitteln, ein neues Theater aufzumachen, und zwar eines mit höchsten literarischen Ambitionen. Das tat der ehemalige Pforzheimer Intendant Erich Schudde, der jetzt, mit dem Schauspieler Werner Wedekind zusammen, in Karls ruhe ein Privattheater „Die Insel“ eröff- nete. Diese neue Bühne wird in der Tat insofern eine „Insel “ sein, als auf ihr die Autoren zu Worte kommen werden, denen sich die subventionierten Theater mehr und mehr verschließen. Vor allem sollen auch die jungen deutschen Dramatiker beachtet werden, die in den letzten Jahren von seiten der deutschen Bühne eine mehr als stiefmütterliche Behandlung erfuhren.
Stefan Andres ’ „Gottes Utopia“ wurde zur Eröffnung der „Insel “ gespielt. DieseE Stück wird immer ein Experiment bleiben.
Erich Schuddes kraftvolle, die spärliche Handlung intensivierende Inszenierung ließ trotzdem einen Hauch von echtem Theater verspüren. Im ausverkauften Haus spürte man echte Begeisterung und der Beifall nahm geradezu demonstrative Formen an. M. Th. B.
Ein Lexikon der Mode
Drape, Tablier, Panneau, Consage, Jupe , Echarpe, Guipure-Kleid. Organzagarnitur, Tmprime-Gamitur, Pailletten ... das sind einige (durchaus nicht alle!) Fachworte, die in beliebig herausgegriffenen 30 Druckzeilen eines Modeberichtes in einer Schwei zer Zeitung zu finden waren. Wer von den männlichen Lesern, ja, wer von den weiblichen, mag sie alle verstehen? Wem darum zu tun ist — und vielleicht sind das mehr, als der Laie ahnt — dem wird das schöne Lexikon der Mode hochwillkcgjntnen sein, das Ruth Klein im Woldemar-Klein- Verlag, Baden-Baden , herausgab.
Das ungewöhnlich großzügig ausgestattete Werk, zu dem die über das Fachliche hinaus begabte Modezekhnerin Marietta Riederer an die tausend farbige Illustrationen gezeichnet hat, gibt alsbald einen deutlichen Begriff davon, daß und wie sehr die Mode von den französischen Modeschöpfern nun schon seit Jahrhunderten bestimmt ist Ein überwiegender Teil der Fachbezeichnungen ist französischen Ursprungs. Barock und Rokoko, die Zeitalter der frei entfalteten und verfeinerten Geselligkeit, verhalten der französischen Mode zur Vorherrschaft in Europa und schließlich der ganzen zivilisierten Welt Im Lexikon der Modejoumalistin Ruth Klein blätternd, findet der Kulturhistoriker ganze Kapitel seines Interessengebietes in neuer Beleuchtung. Mode ist nämlich nicht identisch mit Kostümkunde. Diese ist nur ein Teil des soziologischen Faktors Mode. Längst wissen die Voikswirtschaftler, was für ein bedeutender Teil der Industrie die Mode sein kann. Darum genießen die Modekünstler in Frankreich größte Popula- ,
rität und ein so hohes Ansehen, daß auch bedeutende Maler das Modezeichnen nicht für unter ihrer Würde zu halten brauchen.
In Deutschland stand vor dem Kriege die Mode-Industrie ihrer Exportbedeutung nach nicht (hinter der Schwerindustrie zurück. Es wird sehr schwer sein, insbesondere der deutschen Konfektion diese Bedeutung zurückzuerobem. Kleine aber höchst wichtige Steine bei diesem Wiederaufbau sind publizistische Arbeiten auf- kiärenden und verdeutlichenden Charakters. Das Lexikon von Ruth Klein, bei Burda in Offenburg vorbildlich gedruckt, ist in diesem Sinne schon ein Grundstein.
F.A.
KULTURNACHRICHTEN
„Verschollene und Vergessene“ heißt eine Schriftenreihe der .Akademie der Wissenschaften und der Literatur “ in Mainz , als deren Sinn die Erinnerung an bedeutende, unlängst verstorbene und zu Unrecht schnell vergessene Persönlichkeiten der Literatur erklärt wird. Der erste Band dieser Reihe ist soeben erschienen. Er ist dem Dichter Theodor Däubler gewidmet. Eine Einführung in sein Werk von Hanns Ulbricht und Proben aus den Dichtungen bringen die ungestüme Kraft dieses Wanderer- Dichters dem Leser von heute wieder ins Bewußtsein. Weitere Bände der verdienstlichen Reihe werden u. a. Arno Holz . Max Hermarm-Neisse, Alfred Mombert , Rudolf Borchardt und Else Lasker-Schüler gewidmet sein.
Die erste deutsch -türkische Gemeinschaftsausgrabung nach dem Kriege wird am 1. August in Sinob/ Kleinasien (früher Sinope) mit einem Staatsakt eröffnet Deutsche und türkische Archäologen werden in mehrjährigen Abschnitten die altgriechische Handelsstadt und spätere Residenz der Könige von Pontos, Sinope am Schwarzen Meer , syst»' matisch freilegen.